Theologie

  • 22.01.91

    Zu Metz: „Zur Theologie der Welt“. Es ist immer wieder erstaunlich, wie leicht den Theologen ihr „Wissen über Gott“ aus der Feder rinnt. Wie schnell sie den biblischen Hinweis auf die Gottesfurcht (den „Anfang der Weisheit“) beiseitelegen. In dem Zitat aus 2 Kor 119 (S. 18) wird der entscheidende Satz einfach ausgelassen, dann werden aus dem verkürzten Zitat Konsequenzen gezogen, die dem Kontext exakt zuwiderlaufen. Das Ja gilt nicht der Welt (auch nicht „dem Menschen“ – S. 51), sondern den göttlichen Verheißungen. So verbaut sich J.B. Metz schon a limine den Weg zum Verständnis des Weltbegriffs und seiner in der Tat zentralen Bedeutung für die Theologie der Geschichte: Theologie als Erinnerungsarbeit und parakletisches Denken (Kritik des realen und historischen Kolonialismus: der Hypostasen der Empörung, der Verführung zum Richten; Errettung der vergangenen Hoffnung, der Hoffnung für die Opfer und für die bis heute unabgegoltene Güte; Auflösung der den Weltbegriff konstituierenden Verdrängungen).
    Ableitung der christlichen Weltkritik aus Mt. 1016: Aus der Prämisse, eine kritische Aufarbeitung der Erfahrung der Wolfswelt und eine Begründung der Güte, sei unmöglich, zieht jeder Faschismus seine zynisch-verzweifelten Schlüsse: von der Mordlust bis zur Gräberschändung.
    Beispiel theologischer Hybris: Metz fragt nicht mehr, ob, sondern nur noch „wodurch (es sich) zeigt, daß unser Glaube eben ein christlicher Glaube ist, der weiß (!), daß die weltliche Welt von Gott je schon eingeholt ist, ja, daß sie in ihrer radikalen Weltlichkeit nur erscheinen kann, weil sie von Gottes befreiendem Ja jeweils schon übergriffen ist“ (S. 42, Hervorhebungen von mir, H.H.). Ein Glaube, der „weiß“, verletzt sein eigenes Prinzip; und das „je schon“ erinnert außer an die Heideggerei und den Jargon der Eigentlichkeit nicht zufällig an die Geschichte vom Hasen und vom Igel: Ick bün all do. Dabei ist das Metzsche Konstrukt nicht einfach nur erfunden, erbauliches Geschwätz, sondern es verweist auf einen sehr ernst zu nehmenden Sachverhalt: Es ist in der Tat dieses christliche Erbe eines Glaubens, der im Kontext der Geschichte des Dogmas und des Bekenntnisses, der Konfessionalisierung der Kirche(n), für sich die Form des Wissens beansprucht: Grund der anders nicht zu erklärenden Neigung des konfessionalisierten Christentums (und seiner politisch-staatlichen Erben) zur wütenden Aggression gegen jeden, der das geforderte Zwangsbekenntnis verweigert (Bekenntnis als technisches Instrument zur Nutzung des Mechanismus der Identifikation mit dem Aggressor). Nicht zufällig war der „Weltanschauungskrieg“ der Nazis, der in der Tradition der christlichen Ketzerverfolgungen und der Bekehrungskriege steht, einer der brutalsten Kriege der Geschichte, und dazu einer, der die Täter fast ohne das Bewußtsein von Schuld zurückgelassen hat. In diesem Kontext ist das Konzept von der „Annahme der weltlichen Welt“ und von „Gottes befreiendem Ja“ zumindest mißbrauchbar.
    Die Welt ist alles, was der Fall ist (Wittgenstein): Aber das Ja und Amen ist nicht das Ja und Amen zum Fall, dessen unwiederrufliche Bestätigung, sondern im Gegenteil: das Ja und Amen zur Verheißung, daß das Opfer und die alltägliche Erfahrung des Unrechts nicht das letzte Wort sind.
    Das fundamentalontologische „je schon“ ist der genaueste Ausdruck der aktiven Verdrängung, der Unterdrückung von Erfahrung, des Nicht-Wahrhaben-Wollens; es schafft genau die double-bind-Situation.
    Bevor die Grundlagen der Instrumentalisierung der Welt (das Trägheitsgesetz und die Prinzipien der Mechanik) draußen entdeckt werden konnte, mußten sie (unterm Gesetz des Zwangsbekenntnisses) internalisiert und als Form der Welterfahrung schon ausgebildet und vorhanden sein. In diesen Zusammenhang gehört die ganze Säkularisierungsdiskussion.
    Das Bekenntnis ist die Grundlage des Zivilisationsprozesses (die Fähigkeit zum Bekenntnis die Grundlage des zivilisierten Lebens). Aber es ist nur haltbar, wenn es die Selbstreflektion mit in sich aufnimmt.
    Die kritische Selbstreflektion des Bekenntnisses ist die Voraussetzung für eine kritische Reflektion der Naturwissenschaften (und des Naturbegriffs): Einheitspunkt einer sich wechselseitig aufklärenden Natur- und Geschichtsphilosophie (einer wechselseitigen Kritik von Schelling und Hegel).
    Die Naturwissenschaft ist seit Galilei das Trauma der katholischen Theologie: Grund der entsetzlichen und heute explosiv sich ausbreitenden Verwirrung.
    Zusammenhang von: Bekenntnis, Empörung, richtendem Urteil, Freund-Feind-Denken, Herrendenken, Gemeinheit; Weigerung, Begriffe wie Fall und Empörung durch Definition zu entschärfen, anstatt durch Hinhören wieder in ihren theologischen Rang einzusetzen.
    Ursprung der Gemeinheit aus dem Christentum: Bekenntnis als Alibi und Erinnerungsersatz; Komplizenschaft der Gläubigen; Bekenntnis als Zwangsbekenntnis des anderen; Rache für das, was man sich selbst antun muß; Christentum als Ausrede; Verdrängung und Projektion. Opfertheologie, Gnaden- und Sakramentenlehre; Rechtfertigungslehre: Ausbeutung des Leidens Jesu statt Nachfolge (Opfer statt Barmherzigkeit). Veränderung des Glaubens durchs Zwangsbekenntnis, durch Verdinglichung, durch Zeitumkehr (Rosenzweig: die verandernde Kraft des Seins. Studium der Berichte aus Auschwitz.
    Daß nach Metz „das Christentum … als zunehmende Entgöttlichung und in diesem Sinne Profanisierung der Welt erscheinen (muß), als deren Entzauberung und Entmythisierung“ (S. 30), stimmt nur zum Teil und da auch nur bedingt, nämlich insoweit, als die Entmythisierung im Verhältnis zur Offenbarung, nicht jedoch zur wissenschaftlichen Aufklärung, verstanden wird. Die Entzauberung im Sinne der Säkularisation (und Instrumentalisierung, Subsumtion unter die gesellschaftliche Herrschaft) unterliegt der Dialektik der Aufklärung: Auch diese Entzauberung fällt in den Mythos zurück (nur daß er als gegenwärtiger Mythos nicht so leicht wie der vergangene sich durchschauen läßt).
    Wird in dem Konstrukt „Freisetzung der Welt ins Eigene und Eigentliche“ (S. 31) nicht Sündenfall und Erlösung verwechselt? Das ist nun wirklich bürgerliches Christentum (das Proletariat wird nicht der Gesellschaft, zu der man selbst gehört, zugerechnet, sondern der im historischen Prozeß unterworfenen, beherrschten Natur. Und die Vorstellung, „in der Verweltlichung der Welt (setze sich) ein genuin christlicher Antrieb geschichtlich durch“ (S.31), erinnert an die Apartheidstheologie, an die Gleichsetzung von Kolonialismus und Christianisierung. Hierauf paßt der Horkheimersche Satz: Es gibt keine menschenfreundlichere Religion als das Christentum (die Religion der Feindesliebe), aber auch keine, in deren Namen vergleichbare Untaten begangen wurden. Daß auch diese letzteren Dinge christlichen Ursprungs sind, soll nicht bestritten werden; aber das ist dann das Gegenteil einer Rechtfertigung (und nach Rechtfertigung klingt zumindest der oben zitierte Satz). Die Theologie ist nur zu retten, wenn die Säkularisationsdebatte endlich der paranoiden Vorstellung sich entzieht, nach Galilei sei eine Kritik der Naturwissenschaften nicht mehr möglich. Sie ist nicht nur möglich; ohne diese Kritik ist die Theologie nicht zu retten: sowohl im Rahmen einer immanenten Diskussion des Stands der naturwissenschaftlichen Erkenntnis selbst, als auch als Teil einer Kritik des philosophischen und mythischen Erbes der Theologie, gleichsam als Teil ihrer Selbstbekehrung.
    Die Säkularisation als Verweltlichung der Welt ist so aus Herrensicht gesehen: Ausgeschlossen sind die Juden, die Frauen, die Arbeiter, die gesamte „nichtzivilisierte Welt“; ausgeschlossen ist der Rohstoff- und der Produktionsbereich, zu der auch die Arbeitskräfte gehören (als Teil der ausgebeuteten Natur); im Blickfeld ist nur die (heile) Warenwelt. Hierauf beziehen sich auch die unreflektierten Erlösungsvorstellungen: Wer oben ist, ist dem Bann der Natur entronnen, ist befreit, ist exkulpiert. Und solange das, was unten erfahren und erlitten wird, nicht laut wird, ist die Welt in Ordnung.
    Theologie nach Auschwitz ist Kritik der Theologie hinter dem Rücken des lieben Gottes (Kritik der Hybris und der Anmaßung, die vorgibt, „über Gott“ etwas zu wissen; Rosenzweigs: „Von Gott wissen wir nichts, aber dieses Nichtwissen ist Nichtwissen von Gott“ ist die geniale Lösung dieses Problems).

  • 20.01.91

    Die Übernahme der Schuld der Welt: das war das antiimperialistische Moment und zugleich das Moment des göttlichen Selbstbewußtseins im Leiden Jesu. Wie konnte das in eine christliche Reichsreligion integriert werden?
    Die historische Auseinandersetzung mit der Natur und der Kampf mit dem (gefesselten) Drachen: Überschreiten nicht Chemie und Atomphysik mutwillig eine Grenze? Woher kommt die St. Georgs-Legende? Wie hängt sie mit dem Michaels-Mythos zusammen?
    Hängen die Rätsel, die der Islam uns stellt, mit seinen nomadischen Wurzeln zusammen: vergleichbar ist die Fremdheit der Roma und Sinti. Gibt es auf dieser Stufe schon den Unterschied zwischen Händler und Dieb; gibt es hier das institutionalisierte Tauschprinzip und den „gerechten Lohn“ oder den „gerechten Preis“, die Äquivalenz von Lohnarbeit und Ware; ist der Islam in einem strukturellen Sinne (kraft theologischer Bindungen) vorkapitalistisch? Zusammenhang mit der Weigerung, in den Objektivationsprozeß einzutreten (aus einer Welt, die durch den Anblick Gottes definiert ist, herauszutreten, sie von außen – von hinten – zu betrachten)? Spielt in den latenten Haß auf den Islam (wie auch auf die „Zigeuner“) der Haß auf jene mit herein, die sich weigern, wie wir (die bürgerlichen Christen) schuldig zu werden?
    Die Attraktivität des Islam scheint aus der „Ergebung“ und der Schicksalsgläubigkeit herzurühren: sie enthebt das Subjekt der realen Verantwortung, exkulpiert es dadurch, daß, was es auch immer tut, vorherbestimmt ist und in jedem Falle dem Willen Gottes entspricht. Hier ist das pathologisch gute Gewissen vorgebildet, daß dann (nach Rezeption des islamischen Religionsverständnisses) unter christlichen Voraussetzungen erst vollends böse geworden ist.
    Der Islam kommt über den Widerspruch nicht hinweg, kann ihn nicht auflösen, daß die Ergebung in den Willen Gottes einen instrumentalisierten Gott zur Grundlage hat: Die Ergebung ist die falsche Konsequenz aus einer Religiosität, die glaubt, sich ganz im Angesicht Gottes zu bewegen, in Wahrheit jedoch auf einen vergegenständlichten Gott sich bezieht, dessen Vorstellung und Begriff gleichsam hinter seinem Rücken gebildet wurde. Der Islam ist eine Seins-Religion, eine Philosphie-Religion, sozusagen die Fundamentalontologie als Religion. Allahu akbar: Der einzige Allah ist in der Tat nur der Größte. Alle übrigen Bestimmungen stehen unverbunden nebeneinander.
    Kennt der Islam eigentlich das Opfer, die Versöhnung oder Erlösung, den Kult, oder nur die kultische Pilgerschaft und das rituelle Gebet? Fällt der Islam ohne Rest unter die Dialektik der Aufklärung?
    Im Elektromagnetismus und in den mikrophysikalischen Erscheinungen drückt sich die Gewalt des Inertialsystems aus; sie sind nicht einfach im Inertialsystem „gegeben“, sondern durch das Inertialsystem produziert. Wer das Geheimnis dieser Gewalt, das Geheimnis der Funktion und Bedeutung des Inertialsystems (im Zusammenhang mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit) löst, wird die Welt mit anderen Augen sehen. Er wird insbesondere begreifen, was es bedeutet, wenn es heißt, daß ihnen (sc. den ersten Menschen nach dem Sündenfall) die „Augen aufgingen“, und sie sahen, daß sie nackt waren (Nackheit als Folge des Falls).
    Schelers Konzept einer Rangordnung der Werte hing zusammen mit den hierarchischen Strukturen in den Verwaltungen und den Gehaltsstufen in den Angestellten-Tarifverträgen (letztlich an der militärischen Hierarchie); wie überhaupt der Wertbegriff das Moment der Masse im physikalischen Objekt widerspiegelt.
    Adornos Satz „das Ganze ist das Unwahre“ wird konkret in der Kritik des Natur- und des Weltbegriffs: er führt mitten in die Theolgoie.

  • 19.01.91

    Öffentlichkeit und Instrumentalisierung: Die Medien sind an einen Wahrheitsbegriff gebunden, der sich am Tatsachenbegriff orientiert; sie liefern nicht nur Material zur Urteilsbildung (d.h. Material für eine parteiische Sicht der Dinge), sondern formieren die Realität derart, daß eine andere als parteiische, urteilsbezogene Sicht der Dinge nicht mehr möglich ist. Das VIP-Prinzip ist den Medien nicht äußerlich. Letztlich läuft es darauf hinaus zu erkennen, wofür oder wogegen eine Meldung spricht, für welche Seite sie sich im Meinungskampf verwerten läßt; Meinungen aber sind an Personen (reale oder institutionelle, nach Scheler Gesamtpersonen) gebunden; die Personalisierung ist eine logische Konsequenz der Instrumentalisierung. Grundlage und inneres Gesetz der Öffentlichkeit ist das Freund-Feind-Denken, das insbesondere in Krisenzeiten (Ausnahmezustand) hervortritt (Zusammenhang von „Geschlossenheit“ und „Feindbild“). Öffentlichkeit ist zugleich die Voraussetzung und der Nährboden für die Wirksamkeit der Vorurteilsmechanismen; der Antisemitismus erweist sich hierbei als das Paradigma aller Vorurteile.
    Der Personbegriff leugnet das Göttliche, die beiden innerweltlichen Hypostasen der Gottesidee: den Armen, Fremden (im Anderen) und den Helfenden, den Verteidiger (in mir): das Gericht über die Welt (das Gericht über das Weltgericht, das der Arme für die Welt – und für mich – repräsentiert) und das Erbarmen. Der Personbegriff bezeichnet das apriorische Subjekt-Objekt der Welt, des Weltgerichts. Allah ist vor allem Person, die durch Schmeichelei und Unterwerfung vor der Paranoia geschützt werden soll, in die sie dadurch gerade hineingetrieben wird (nominalistischer Gottesbegriff Folge der Rezeption des islamischen Philosophie- und Wissenschaftsbegriffs, wie vorher der realistische eine Folge der Rezeption der griechischen Philosophie; beide vermittelt durch jüdische Verarbeitung: Philo und Maimonides).
    Wahrheit ist eine Kategorie der Praxis, nicht der Theorie:
    – Die reine Theorie, nämlich das Bild, ist das kurzgeschlossene Urteil, eigentlich das Todesurteil (Begründung des Bilderverbots, geschichtsphilosophischer Stellenwert des Porträts, Bedeutung der Gottes-, Welt- und Menschenbilder, Funktion des Fernsehens).
    – Aber die theoretische Kraft der (verändernden, umwälzenden) Praxis ist erst wiederzugewinnen, nachdem die praktische Dechiffrierung der Theorie gelungen ist. Wer an der Vorstellung einer Revolution festhält, ohne gleichzeitig die einer von der Praxis getrennten (unaufgeklärten) Theorie zu kritisieren, verrät beide.
    Theologisches Denken ist Denken mit den Ohren: Hier liegt die Gefahr der Verwechslung mit der Hörigkeit. Theologie ist jedoch hörendes, nicht höriges Denken.
    Mt. 1016: (Ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe, deshalb) seid klug wie die Schlangen (der Drache) und sanft wie die Tauben (der Heilige Geist): Erlösung des Chaos-Drachen durch den über den Wassern schwebenden (das Weltei ausbrütenden) Geist? Beziehung zur Schöpfungslehre?

  • 18.1.91

    Der Objektivationsprozeß vollzieht am Objekt die Taufe des Allgemeinen, überzieht die Dinge mit dem Begriffsnetz, hinter dem sie am Ende (wie der Terrorist in der Isolationshaft) verschwinden. Der Knoten in diesem Netz ist das Inertialsystem, dessen Hauptleistung die Identifizierung der Zukunft mit der Vergangenheit ist (unter Ausschluß des jede Gegenwart konstituierenden realen Zukunftsmoments); Keimzelle und Modell ist der mechanische Stoßprozeß (der Widerstand der Außenwelt): er definiert die Äquivalenzbeziehungen, die das innere Formgesetz, gleichsam den Schlüssel bilden für jede mathematische Naturerkenntnis und für alle physikalischen Begriffe, vorab Raum, Zeit und Materie; eingefangen in diesem Netz wird das entfremdete Objekt, das hier wie auch in den anderen, vergleichbaren Objektivationsprozessen als „Masse“ erscheint (Objekt, Masse und Materie bezeichnen den gleichen Sachverhalt unter den getrennten, aber zusammengehörenden Aspekten des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs).
    Die „Tatsache“ und ihre „Feststellung“ sind Produkt der Objektivation, der Vergegenständlichung durch Abstraktion: durch den Vollzug der Weihe des Allgemeinen, der Subsumtion unter die Vergangenheit, Konstituierung des Wissens (der transzendentallogischen Strukturen und Gesetze des Wissens).
    Dem Islam ist es wegen der Identität von Gott- und Machtgläubigkeit nicht gelungen, den Stoßprozeß, das Grundmodell der Mechanik, zu objektivieren. Wenn Heideggers Fundamentalontologie diesen Objektivationsprozeß und sein Ergebnis nur diskriminiert anstatt ihn kritisch zu begreifen, fällt sie zurück ins islamische Erbe der europäischen Tradition; wie der Islam Weltreligion ist (die in der Welt untergeht, die Objektivation der Welt – durch das der europäischen Staatsidee zugrunde liegende säkularisierte Gewaltmonopol des Staates – nicht mitgemacht hat; Konsequenz aus der Vorstellung, daß Gott „die Welt“ erschaffen hat, vor Gott aber nur der „Islam“, die Ergebung erlaubt ist; Erkenntniskritik, d.h. die gesellschaftlich-historische Ableitung des Weltbegriffs, und die Emanzipation durch Aufklärung, die in der Konsequenz des mechanischen Erkenntnismodells liegen, sind damit blockiert), so ist die Fundamentalontologie Weltphilosophie (Philosophie mit der Welt als Subjekt, Konsequenz aus dem modernen Naturbegriff, der damit ebenfalls der Reflexion entzogen wird). Die Unfähigkeit zur Erkenntniskritik schlägt als Verdummung nach innen.
    Der Staat, nicht Gott, hat die Welt erschaffen. Die Differenz zwischen den Buchreligionen läßt sich aus den unterschiedlichen Staatsideen (den historisch begründeten unterschiedlichen Stellungen des Bewußtseins zum Staat) ableiten.
    Subjekt und Objekt, Staat und Welt, Gesellschaft und Natur sind aufeinander bezogene und miteinander verknüpfte Reflexionsbegriffe. Sie bedingen (konstituieren) sich wechselseitig. (Subjekt und Person nicht gleichbedeutend; Subjekt hieß einmal das Objekt: der Bezugspunkt des Prädikats im Urteil.)
    Jede Religion enthält eine kosmologische Komponente (einen kosmologischen Hintergrund, der in ihre Definition und Struktur mit eingeht), steht in einer Beziehung zur Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur, in die die Geschichte des Weltbegriffs verflochten ist. Der Verzicht darauf, die Reflexion dieser Beziehung ins Selbstverständnis der Religion mit hereinzunehmen, ist der Grund der religiösen Barbarei. Theologie im Angesicht Gottes betreiben schließt eine Beziehung zur Welt mit ein, die im Christentum unter der Idee des heiligen Geistes zusammengefaßt wurde und mit der schärfsten Sanktionsdrohung belegt wurde. Diese Sanktionsdrohung ist heute – in Kenntnis der Dialektik der Aufklärung – erstmals rational begründbar geworden. Zugespitzt könnte man sagen, daß das Christentum durch diese Lehre vom Heiligen Geist von den anderen Religionen, auch von den anderen Buchreligionen, sich unterscheidet. Die Differenz läßt sich anhand der Weltbeziehung dieser Religionen (vorweltlich, weltlich, weltkritisch) entfalten.
    Der mechanische Stoß, die wechselseitige Übertragung der Impulse beim Stoß (die Ansteckung durch die Außenwelt, in die das Subjekt mit hereingezogen wird), ist das Abbild, die analoge Nachbildung des Kaufakts und Modell der Vorstellung vom gerechten Preis. Diese hat die Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip – logischer Quellpunkt des Kapitalismus und Äquivalent des Inertialsystems – zur Voraussetzung. Die Äquivalenzbeziehung zwischen Arbeit und Warenwert, auf die die Vorstellung vom gerechten Lohn sich bezieht, ist das Modell für die Objektivation der Beziehung von Inertialsystem und Gravitationsgesetz, der Identität von träger und schwerer Masse (das Inertialsystem konnte erst durch Ausgrenzung und Subsumtion der Schwerkraft sich konstituieren: Zusammenhang mit der Geschichte der Instrumentalisierung des Opfers, der Ausbildung der modernen theologischen Gnadenlehre).

  • 17.01.91

    Der Konfessionalismus hat die Religion neutralisiert. Er hat sie zur Sonntagsreligion gemacht. Das führt dazu, die Prägekraft der Religionen in vorindustriellen Gesellschaften zu unterschätzen, sie nicht mehr ernst zu nehmen. Eine Form dieses Nicht-mehr-ernst-Nehmens ist die Toleranz, die alle Religionen in einen Topf wirft, sie zu einem religiösen Einheitsbrei verrührt (Hauptsache, die Menschen haben noch Religion).
    Mit der Ökonomie hat seit dem Ursprung des Kapitalismus auch die Kosmologie sich von der Religion emanzipiert. Und diese Emanzipation verstärkt die unreflektierte Macht der Ökonomie. Beide zusammen, Ökonomie und Physik, definieren den Begriff der Realität, auf den die Religion eigentlich keinen Einfluß mehr hat. Der Lauf der Dinge wird von anderen Gesetzen und Faktoren beherrscht.
    Im Westen ist die Religion zur bloßen Konfession, zu einem Teil der Privatsphäre geworden, in der sie weiterhin in ihrer instrumentalisierten Form sich als nützlich erweist: als Mittel zur „Kindererziehung“, zur Stützung der Autorität der Eltern. So jedoch wird sie zugleich verraten; und alle, die an der religiösen Bindung festhalten, werden damit zu Komplizen in der Auseinandersetzung mit den Kindern. Diese Komplizenschaft ist der Kitt der sogenannten religiösen Bindung und der Grund dafür, daß der Bann sich nicht mehr sprengen läßt. Das Bekenntnis (als Zwangsbekenntnis) war seit je das Siegel auf dieser Komplizenschaft.
    Wir sind nicht Zuschauer und Herren der Geschichte, sondern deren Objekte und Opfer. Alle Versäumnisse, alle Entlastungsversuche der Vergangenheit haben die Last vermehrt, die auf den Nachgeborenen lastet. Das pseudomagische Potential ist dem Bekenntnis in dem Maße zugewachsen, in dem die Bekennenden sich als nicht verantwortliche Zuschauer des Geschichtsspektakels begriffen.
    Der Kreuzweg wäre so neu zu konzipieren, daß er nicht nur die Einfühlung in den Leidensgang, den Passionsweg Christi intendiert, sondern dessen Anwendung auf die gesamte Geschichte.
    Horkheimers Satz: „Das Christentum ist die menschenfreundlichste Religion, aber es gibt keine Religion, in deren Namen so ungeheure Verbrechen begangen worden sind“, dieser Satz läßt sich nicht nur belegen, sondern auch begründen.
    In der Folge der enttäuschten Parusie-Erwartung wurde das Bekenntnis zugleich entmächtigt und demoralisiert. Das war die Grundlage und das Ergebnis des Dogmatisierungsprozesses. Zurückzugewinnen wäre die Einsicht, daß die Kritik und die Auflösung der Demoralisierung auch den Ausblick auf die Neubegründung der eingreifenden Kraft mit einschließt: an den Namen Gottes rührt. Oder umgekehrt, wenn die jüdische Religion die Heiligung des Namens Gottes als wesentliches Moment des Zeugnisses – bis hin zum Martyrium – begreift, so rührt sie damit an das Geheimnis des Bekenntnisses.
    Auch der Islam ist eine Religion der Selbsterhaltung. Der Islam, die Ergebenheit in den Willen Gottes, ist sozusagen der Trick, durch den das Subjekt sich erhält: gegen die unendliche und undurchschaubare Macht der Verhältnisse, an der es sich nicht den Kopf einrennen will, deshalb sich klein macht, um zu überleben. Der Islam ist die Religion der Anpassung an die Welt, das Christentum die des Aufbegehrens, der Empörung: Das Christentum manifestiert sich am deutlichsten in der Geschichte der Häresien.
    Die Geschichte des Bekenntnisses bewegt sich zwischen dem Symbolum und dem (apokalyptischen) Zeichen des Tieres (Verfehlung der benennenden Kraft, die uns seit Adam gegenüber den Tieren anvertraut ist).
    Die Dogmenkritik kann sich nicht mehr an dem Verhältnis von Schale und Kern orientieren, so als müsse man die Schale aufbrechen, um an den Kern zu kommen; wenn, dann hätte sie sich zu orientieren an dem Modell von Tod und Auferstehung. Das Dogma ist tot: gekreuzigt, gestorben und begraben, abgestiegen zur Hölle; wird es am dritten Tage auferstehen? (Verweist der „dritte Tag“ hier auf die Schöpfungsgeschichte, die Trennung des Landes vom Meer und damit auf die Tiere der Apokalypse?)
    Theologie im Angesicht Gottes heißt Theologie als Erinnerungsarbeit betreiben, als Aufarbeitung der Last der Weltschuld seit dem Sündenfall.
    Die Neutralisierung der Namenslehre durch den Person-Begriff in der Dogmengeschichte ist der parvus error in principio, Grund der Nicht-Ansprechbarkeit.

  • 16.01.91

    Das Bekenntnis (homologein) steht in der Linie des Nachfolgegebots: durch mimetische Angleichung an das schaffende Wort, den Logos, soll die befreiende Kraft, die Erlösungstat Christi, sich mitteilen. Die dogmatische Anpassung des Bekenntnisses an den philosophischen Begriff stellt dieses Verhältnis auf den Kopf und ist nur durch Umkehr aufzulösen: durch Umkehr im dogmatischen Verständnis der Theologie selber, durch parakletische Auflösung der Instrumentalisierung, des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs (der „real existierenden“ Unwahrheit der Trinitätslehre). Die Binde- und Lösegewalt der Kirche bezieht sich konkret hierauf: bis heute hat die Kirche nur gebunden, nicht gelöst.
    Wahrheit im Kontext begrifflichen Denkens, Bekenntnis, Rechtfertigung; Konstitutierung des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungsusammenhangs im Kontext dieses Wahrheitsbegriffs, falsch säkularisierte Theologie: Warum steht das lateinische Bekennen (nur als Schuldbekenntnis?) im Passiv: confiteor, confiteri, confessio (ich werde bekannt, ich bekenne mich jemandem? – Hat das confiteor die im Confiteor angegebenen Adressaten, die dann im deutschen „Bekenntnis“ zur Öffentlichkeit anonymisiert, ins abstrakte Allgemeine gesetzt wurden; deren Stelle dann der Staat einnehmen konnte?); warum wird das Bekenntnis hier erlitten (und nur das Erleiden als Leistung aufgefaßt). Hat sich diese passivische Konstruktion als säkularisierte, als Moment eines durchaus weltlichen Herrschaftszusammenhangs, im deutschen „Bekenntnis“ erhalten? Gibt es hier einen Zusammenhang mit der reformatorischen Hypostasierung des geschriebenen Wortes und der Beziehung von Bekenntnis, Glaube und Rechtfertigung? – Steht nicht die deutsche Staatsmetaphysik und der „Staatsanwalt“ in dieser schlimmen Tradition („Gib es zu!“: von der strafmildernden Kraft des Bekenntnisses zum Kronzeugen)? In diesen Zusammenhang gehört die (autoritäre) Umdeutung des Gebots: „Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten“ ins „Du sollst nicht lügen“ (Umkehrung des den anderen verteidigenden in das sich selbst rechtfertigende Denken), oder die Umdeutung des humanen Schutzgebots zugunsten des Beschuldigten in einen generellen Bekenntnis-und Rechtfertigungszwang, dem jeder unterliegt (Folge der Lehre von der befreienden Kraft des Bekenntnisses). Vor einem deutschen Gericht ist auch der Zeuge ein potentieller Angeklagter. Zusammenhang von staatlichem Gewalt- und Wahrheitsmonopol im Kontext eines verdinglichten, akkusativischen, an den Anklagevorbehalt geknüpften Wahrheitsbegriffs (eine Tatsache wird erst wahr durch Feststellung, nicht durch Einsicht)?
    Die Rechtfertigung bezieht sich nicht primär auf die Tat, sondern auf ihre Bewertung von außen: durch den Ankläger. Die Rechtfertigungslehre fördert eine Anschauung, für die nicht die Tat, sondern das Erwischtwerden das Entscheidende ist (die Rechtfertigung befreit nicht von Schuld, sondern von Schuldgefühlen; hierbei unterscheiden sich Schuld und Schuldgefühle wie die Tat und die Verinnerlichung ihrer Beurteilung durch andere).

  • 14.01.91

    Nach uns die Sintflut: Haben wir uns nicht schon überlebt und sind selbst die Sintflut?
    Bekenntnis und Öffentlichkeit: Jedes Bekenntnis hat einen Adressaten, vor dem das Bekenntnis abgelegt wird und dessen Urteil gleichsam prophylaktisch in das Bekenntnis mit hereingenommen wird. In der Geschichte des Bekenntnisses hat die Öffentlichkeit in wachsendem Maße diese Rolle des Adressaten übernommen: Die Rückwirkung auf Form und Inhalt des Bekenntnisses ist Ursache der Entwicklung zum Zwangsbekenntnis. (Zusammenhang der Geschichte der Öffentlichkeit mit der der Auseinandersetzung mit der Natur, Zusammenhang von Öffentlichkeit und Gewalt: Am Ende war das Bekenntnis die letzte und fast unabweisbare Form der Gewalt gegen das Subjekt, Instrument der Identifikation mit dem Aggressor. Hier liegt der Zusammenhang von Bekenntnis und den kantischen Formen der Anschauung – dem Inertialsystem. Bekenntnis als Instrument der Verinnerlichung des Tauschprinzips.)
    Die heutigen Formen des Fundamentalismus ziehen die falschen Konsequenzen aus der richtigen Einsicht, daß die Mechanismen der Öffentlichkeit gegen Gemeinheit nichts ausrichten.
    Das Dazwischentreten der Öffentlichkeit (der institutionalisierten Neutralisierung der Frontalität, des Redens über etwas, hinter dem Rücken der Sache) hat das Bekenntnis von innen zerstört: es hat die Bedeutung des Namens, von der das Bekenntnis lebt, vernichtet.

  • 13.01.91

    Zentrale Stellung des Weltbegriffs: Judentum vorweltliche, Islam Welt-Religion, Christentum weltkritische Religion. Die Geschichte der Häresien hängt mit der Geschichte des Weltbegriffs zusammen; der Ursprung der Häresien ist ableitbar aus dem Geburtsfehler des Selbstverständnisses der Orthodoxie, die seit je die Schöpfung mit der Welt verwechselte; hieraus zogen die Häresien seit der Gnosis logisch die richtigen, aber sachlich falschen Konsequenzen. Die Orthodoxie hat seit je die Symptome (die Häresien) unterdrückt anstatt sie (dem Gebot der Nachfolge und der Feindesliebe gehorchend) zum Anlaß zu nehmen, die Schuld der Welt auf sich zu nehmen und die Ursachen der Häresien im eigenen Innern zu suchen. Der projektive Anteil im Kampf gegen die Häresien und in der Geschichte der Ketzerfolgung ist immer verdrängt worden, er lag im blinden Fleck der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit. Die Warnung: „parvus error in principio magnus est in fine“ fiel ins Leere. Mit der Reformation (und Gegenreformation) war die Kraft der Häresienbildung deshalb erschöpft, weil angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung und der korrespondierenden Geschichte der naturwissenschaftlichen Aufklärung der Wechsel einzulösen war, den die Kirchen im (konstantinischen) Pakt mit der weltlichen Herrschaft (und die Theologie mit der dogmengeschichtlichen Rezeption des philosophischen Weltbegriffs) unterschrieben hatten. Das theologische Herrendenken war selber Ursprung des weltlichen, gegen das die bis dahin verwandten Mittel (der Inquisition, des Banns und der physischen Verfolgung) dann sich als ohnmächtig erwiesen und nichts mehr ausrichteten.
    Birgt der Golfkonflikt nicht ein weit größeres Risiko als z.Z absehbar:
    – Religionskrieg, der durch die mögliche Anwendung der militärischen Mittel (ABC-Waffen) die Brutalität und die Folgen des letzten „Weltanschauungskrieges“ übertrifft (das Erbe Reagans: Harmaggedon-Phantasien; Auswirkungen auf Israel, Gefahr des arabisch-islamischen Nationalismus)?
    – Weiteres Unrecht im Schatten dieses Konflikts (Litauen – Komplizenschaft der Weltmächte: hat es vielleicht sogar Vor-Absprachen zwischen UdSSR und USA gegeben – Preis für freie Hand im Irak)?
    – Wirtschaftliche Folgen: Läßt sich die Dominanz der westlichen Industrienationen halten? Sind weitere Grundstoff-Boykotts und Liefereinschränkungen der sogenannten Dritten Welt mit entsprechenden Folgen auf den „Wohlstand“ im Westen auszuschließen (mit absehbaren politischen Folgen im Innern der westlichen Staaten wie auch im zerfallenden Ostblock aufgrund der schwindenden wirtschaftlichen Möglichkeiten)?
    – Weitere politische Folgen: nach dem Zerfall des Ostblocks jetzt Zerfall der moralischen und politischen Hegemonie der USA? Neue politische Rolle der EG (mit dem nach der „Einigung“ gewachsenen und infolge der nationalistischen Welle nicht mehr kontrollierbaren Einfluß der BRD)?
    – Vorbereitet u.a. durch den Bau der Startbahn West in Frankfurt?

  • 12.01.91

    Das Bekenntnis war im Ursprung (in den Paulus-Briefen z.B.) Bekenntnis des Namens. Hintergrund und Kontext war das zweite Gebot des Dekalogs; es hing zweifellos mit dem Gebot der Heiligung des (Gottes-)Namens zusammen, die u.U. mit dem Martyrium zusammenfiel, jedenfalls die Passions-, die Leidenserfahrung und deren Beziehung zur Erlösung grundsätzlich mit einschloß. Das Bekenntnis war nicht nur ein abstrakter geistiger Akt, sondern Ausgangspunkt und Quelle praktischer, lernender, gleichsam experimentierender Erfahrung: einer Erfahrung, die auch die Intention der magischen Umsetzung, des Wunders, nicht ausschloß. Das Tabu über die Magie und das Wunder, über den dann als blasphemisch diskriminierten Gebrauch des göttlichen Namens, war, nachdem die Kirche den „magischen“ durch den technischen Gebrauch (durch die Instrumentalisierung der Theologie: Trinitätslehre, Vergöttlichung Jesu, Sakramentenlehre und Opfertheologie), das Wunder durch die verwaltete Gnade ersetzt hatte, dann Teil der antijudaistischen Projektion: In diesem Zusammenhang sind die antijudaistischen Vorurteile über Zauberei, Ritualmord und Hostienfrevel ableitbar und verständlich. Geduldet (und im Hinblick auf das Anerkennungsverfahren gefordert) wurde das Wunder nur noch im Sonderbereich der Heiligenbiographie und Heiligenlegende. Aber auch hier geriet es schließlich in spezielle Konkurrenz zur Technik: als bloße Abweichung von den Naturgesetzen. Gemeinsamer Bezugspunkt war das Verhältnis zur Selbsterhaltung, zu den subjektiven Zwecken in einer (im Wahrnehmungs- und Erfahrungsfeld des Selbstmitleids, auch durch die Schuld der Theologie) verdinglichten und instrumentalisierten Welt. Verwischt (und wegen der politischen Implikationen verdrängt) wurde die Beziehung des Wunders zur Prophetie, zur Erlösung, zur zukünftigen Welt. Hier wurde die enttäuschte Parusieerwartung endgültig storniert; nur durch Selbstmord hat die Theologie den Tod des Wunders überlebt.
    Die Entkonfessionalisierung des Christentums führt an das Problem überhaupt erst heran, dessen Lösung vielleicht auch die des Judentums als vorweltliche und die des Islam als Welt-Religion mit sich bringt: Theologie im Angesicht Gottes statt hinter seinem Rücken zu betreiben.
    Bedeutung der Feindesliebe: in der Feindschaft die Projektion dessen, was in einem selber steckt und nur verdrängt wurde, zu begreifen: Notwendigkeit der Erinnerungsarbeit, die zugleich die einzig begründbare Vorarbeit dafür ist, was in den Religionen als seliges Leben vorgestellt erstrebt wurde. Einer Erinnerungsarbeit allerdings, die im Kontext der eigenen Biographie die Schuld der Welt (ihren konkreten historischen Stand) mit aufarbeitet. Hier gilt, daß das Vergangene (Auschwitz, die Inquisition, die Hexenverfolgung) nicht nur vergangen ist, daß das Unaufgearbeitete der Vergangenheit in uns fortlebt und uns zu Wiederholungen des „Verdrängten“ zwingt (der Begriff der Verdrängung trifft den Sachverhalt nicht ganz: dazu gehört auch das im Kontext von Verdrängungen nicht Wahrgenommene: das was vor dem eigenen blinden Fleck liegt). Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß: dieser Satz führt in die direkte Abhängigkeit vom Nichtgewußten, macht mich unfrei.

  • 10.01.91

    Die Person ist Gegenstand von (Wert-)Urteilen: darin ist der Zusammenhang der Wertphilosophie mit dem Personalismus bei Scheler begründet. Als Urteilsobjekt aber kann die Person nicht „ich“ sagen (erst die – logisch nicht haltbare – Hypostase des „Ich“ kann zum Gegenstand gemacht werden: das idealistische Absolute).
    Ich und Du: Im Liebesbekenntnis wird der Geliebte als göttliches Du angesprochen; darauf antwortet er mit dem Schuldbekenntnis: Ich bin nur ein Mensch. So wird der Schuldzusammenhang aufgelöst: durch Ausbreitung dieser Liebe. – Das Christentum hat dieses Verhältnis auf die Beziehung zu Jesus tendentiell eingeschränkt und so dogmatisch verdinglicht (im christlichen Bekenntnis, in dem die Spuren dieses Verhältnisses noch zu erkennen sind: insbesondere in der Lehre von den zwei Naturen in Christus; das verdinglichte Bekenntnis ist dann zum Modell des politischen Zwangsbekenntnisses geworden – um den Preis der falschen Vergöttlichung des Staates (des falschen Gottessohns), der Hypostasierung des Staates als Prinzip der Anklage, der Stabilisierung des Herrendenkens und des ihm korrespondierenden Verhältnisses des Bewußtseins zur Objektivität, der Erhaltung des so unauflösbar gewordenen Schuldzusammenhangs). Die Ausbreitung durch Nachfolge (in der das Verhältnis von Liebes- und Schuldbekenntnis erlösende Kraft gewinnt) ist von den Kirchen seit je unterbunden worden. – Hierauf beziehen sich die Sätze Adornos: „Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner mehr zu lieben fähig ist“, und: „der Ankläger hat immer Unrecht“.
    Vor diesem Hintergrund ist die Physik ein Teil der Staatsphilosophie, und ihre Kritik ist ein notwendiges Moment der Kritik an der Selbsterhöhung des Subjekts (der „Empörung“), die stabilisiert und der Reflexion entzogen wird durch eine gleichsam mystische Partizipation an der richtenden Gewalt des Staates. Die Geschichte dieser „Empörung“ läßt sich ablesen an der Geschichte des Natur- und des Weltbegriffs (oder der Herrschaft des Trägheits- und des Tauschprinzips).
    Gibt es außer dem Natur- und Weltbegriff noch eine dritte Hypostase des Rosenzweigschen Begriffs des Alls (neben der Neutralisierung des Schöpfungs- und Erlösungsbegriffs durch den Natur- und Weltbegriff die des Offenbarungsbegriffs durch den Begriff der Wissenschaft)?
    Raum und Zeit werden nicht von außen an die Dinge herangetragen (oder die Dinge von außen in sie hereingebracht), sondern haften den Dingen an wie das Schneckenhaus der Schnecke. Jedenfalls ist das die mit dem Relativitätsprinzip verbundene Vorstellung. Das einzige Objekt, dessen Beziehung zu Raum und Zeit sich nicht unter diese Vorstellung bringen läßt, ist das Licht (Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit: niemand kann über seinen eigenen Schatten springen). Was bedeuten eigentlich das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und die Identität von träger und schwerer Masse für den Stellenwert des Inertialsystems?
    Kabarett, Satire, Empörung oder der Genuß, Recht zu behalten: daher die Wirkungslosigkeit des Kabaretts? Lachen als Identifikation mit dem Aggressor (Lachen und Konstituierung des Inertialsystems)?
    Alle Religionen tragen heute museale Züge, sind anachronistisch. Gleichwohl gibt es keine Religionskriege mehr. Wenn Kriege so bezeichnet werden (vom Nordirland-Konflikt bis zur Golf-Krise), dann hat das real nur die Bedeutung, daß auch obsolet gewordene Religionen Stellungen des Bewußtseins zur Objektivität repräsentieren und damit Verhaltensweisen stabilisieren, die rationale Konfliktlösungen zumindest erschweren, wenn nicht ausschließen. Die Eröffnung und Begründung von Friedensmöglichkeiten muß die Selbstreflektion der durch religiöse Traditionen bedingten Blockaden von Konfliktlösungsstrategien mit einschließen (im Golf-Konlikt die kritische Selbstreflektion der drei Buch-Religionen).
    Ontologie, Wissenschaft und Sprachzerstörung, die „verandernde Kraft des Seins“: das Sein (die Kopula, der indikativische Satz, das apodiktische Urteil) nagelt das Objekt fest, macht es überhaupt erst zum Objekt: setzt es – durch Verwandlung in ein Objekt des Wissens – unter Narkose, durch Subsumtion unter die Vergangenheit (gewußt wird nur das Vergangene, und die Natur nur insoweit, als sie unter die Vergangenheitsform sich bringen läßt). Das Sein ist das sprachliche Äquivalent des Inertialsystems und des Tauschprinzips in der Wissenschaft: Es macht wie diese das Ungleichnamige gleichnamig, es zerstört die Sprache.
    Das heutige naturwissenschaftliche „Weltbild“ (das gegenständliche Korrelat eines an Reproduzierbarkeit und Intersubjektivität gebundenen Wahrheitsbegriffs, in dem das Subjekt nicht mehr vorkommt) zieht seine Teilhaber zwangsläufig in den Bann des Vergangenen mit herein. Insoweit ist es ebenso zwangsläufig atheistisch (und jeder Versuch, mit naturwissenschaftlicher Begründung eine Rehabilitierung der Religion zu betreiben, schändet die Religion). Grundlage einer Kritik der Naturwissenschaften ist die Idee des seligen Lebens, ihr Modell die Lehre von der Auferstehung der Toten, nicht die von der Unsterblichkeit der Seele: d.h. die Kritik der Naturwissenschaften verknüpft die Idee einer Resurrektion der Natur (aus dem Totenreich des Inertialsystems) mit der einer Resurrektion des Subjekts (der Befreiung, Erlösung vom Inbegriff und von der Hypostasierung der Selbsterhaltung: vom Bann der Identität und von der Idee des transzendentalen Subjekts).
    „Die Ablösung der Herrschaft über Menschen durch die gemeinschaftliche Verwaltung von Sachen“ wäre nur möglich, wenn sich beides wirklich voneinander trennen ließe (vgl. P. Bulthaup: Zur gesellschaftlichen Funktion der Naturwissenschaften, S. 139). Die Vorstellung, beides ließe sich trennen, fällt hinter die Dialektik der Aufklärung zurück; sie resultiert aus dem undurchschauten Stellenwert der Naturwissenschaften, aus der unbegriffenen Stellung des naturwissenschaftlichen Bewußtseins zur Objektivität. Dazu paßt es, wenn P.B. in seinen Bemerkungen über die Offenbarungsreligion (S. 120ff) unbewußt in antisemitische Konstrukte hineingerät (er hätte vielleicht doch einmal die Propheten und Hermann Cohen lesen sollen).

  • 07.01.91

    Die Gewalt der ökonomischen und politschen Anpassungsmechanismen, die den Herrschenden zugute kommt und sie gegen Kritik abschirmt und immunisiert, wird stabilisiert und verstärkt durch einen Naturbegriff, der zum Produkt und zum Inbegriff der Instrumentalisierung geworden ist: durch den Stand der Naturwissenschaften und die Unfähigkeit, ihn kritisch zu reflektieren.
    Modell des Instrumentalisierungsprozesses in der Natur war der in der Religion: der Dogmatisierungsprozeß. Sein Resultat, das „Bekenntnis“ (und seine dogmatische Ausgestaltung, insbesondere die Trinitätslehre, die Lehre von der Göttlichkeit Jesu und die Opfertheologie) steht zu ihrem Inhalt, zur Religion, in ähnlicher Beziehung wie das Inertialsystem zur äußeren Natur. Die Theologie war ein Teil des Aufklärungsprozesses, dessen immanentes Telos die Naturbeherrschung ist.
    Die dogmatische Theologie (hinter dem Rücken ihres Gegenstandes; deshalb ist sie auf den Begriff der Person angewiesen) ist schon durch ihr Objektverständnis, durch die Form ihrer Beziehung zur Objektivität, blasphemisch: Sie leugnet nicht nur die Gottesfurcht, sie verstellt sie, macht sie unkenntlich.
    Ob es „einen Gott gibt“, diese Frage ist ebenso müßig wie die, warum es überhaupt etwas gibt und nicht vielmehr nichts. Sowohl ihre positive wie ihre negative Beantwortung wäre anmaßend. Aber unabhängig davon ist jede Erkenntnis irrelevant, die nicht an den Bedingungen sich messen läßt, die einmal im Begriff der Gottesfurcht zusammengefaßt waren; die Nachfolge ist zu einer Überlebensfrage der Menschheit geworden.

  • 06.01.91

    „Die Wächter des Volkes sind blind, sie merken allesamt nichts. Es sind lauter stumme Hunde, sie können nicht bellen. Träumend liegen sie da und haben gern ihre Ruhe. Aber gierig sind diese Hunde, sie sind unersättlich. So sind die Hirten: Sie verstehen nicht aufzumerken. Jeder geht seinen eigenen Weg und ist ausschließlich auf seinen eigenen Vorteil bedacht.“ (Is. 5610f) Dazu das Wort Jesu: Wenn Blinde Blinde führen.
    „Seht ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe; seid daher klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben.“ (Mt. 1016)
    Der Umfang der Rüstung ist ein Index für das Maß der Verdrängung, die die Menschen in dieser hochgerüsteten Welt zu leisten haben; es gibt eine Korrespondenz, einen strukturellen Zusammenhang zwischen der Unterdrückungsmaschinerie draußen und der im eigenen Innern: die objektiven Konstitutionsbedingungen der Welt sind zugleich die subjektiven Strukturen des Realitätsprinzips (die Normalität ist heute der Psychose näher als der Neurose -Notwendigkeit der Rüstung zur Stabilisierung der Herrschaft des Tauschprinzips: Beziehung zur Gewalt der „subjektiven Formen der Anschauung“ und ihrer den Begriff der Welt konstituierenden Kraft).

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie