Theologie

  • 18.11.90

    Die Geschichte der Naturwissenschaften durch die Geschichte der Klinik, der Gefängnisse und des Militärs erklären.

    Es gibt kein Subjekt der Natur; was so zu benennen wäre, ließe sich vielleicht als Subjekt im Exil fassen: als Himmel, der mit der Erde erschaffen ist (das kantische Ding an sich ist die Utopie).

    Hoffnung ist in der Tat kein Prinzip; das Prinzip Hoffnung ist vielmehr nur eine Ersatzbildung für den „Geist der Utopie“, den Bloch zu früh verworfen hat: für den Parakleten, das verteidigende Denken.

    Die „von Descartes ihren Ausgang nehmende krude Subjekt-Objekt-Trennung“ (TM-TN, S. 35) bezeichnet den error in principio an der falschen Stelle: Die Vergegenständlichung, der historische Objektivationsprozeß (das Herrendenken) beginnt nach der DdA mit dem Mythos und setzt sich fort in der Aufklärung. Entscheidend scheint zu sein, daß der Geburtsfehler der Philosophie (den Heidegger zu ihrem einzigen Inhalt macht) mit der Instrumentalisierung (und damit Remythisierung) der Theologie: mit der Ausbildung der Orthodoxie und der Definition des Dogmas, des Symbolums, des „Bekenntnisses“ sich fest im Gesellschafts- und Naturkörper installiert. Indizien sind die Begriffe „Welt“ und „Natur“, die den blinden Fleck als Konstruktionselement in die naturbeherrschende Vernunft mit hereinnehmen und bewußtlos anzeigen.

    „… einen Sinn beziehungsweise eine ihr selbst zugehörende Zweckmäßigkeit in dem zu entdecken, was sie (die Natur, H.H.) ohne den eingreifenden Verstand aus sich heraus produziert“ (ebd.): Es gibt kein Natursubjekt und keine Naturteleologie; jedenfalls keine, die auf welchem Wege auch immer theoretisch zu ermitteln wäre. Die Vorsehung hat keinen Naturgrund. Der Schuld-und Passionszusammenhang der Natur, die reines Opfer ist, zieht den selber bloß passiv Zuschauenden ausweglos in diesen Schuldzusammenhang herein. Freiheit ist nach Kant das „Wunder in der Erscheinungswelt“, im Naturzusammenhang nicht darstellbar. Ihn, den Naturzusammenhang als Schuldzusammenhang, – und keine der Natur selber immanente Alternative der Befreiung – gilt es aufs genaueste zu studieren (das ist übrigens eine der Konsequenzen aus Auschwitz). Jede Konstruktion eines Natursubjekts entlastet die realen Subjekte von ihrer Verantwortung (von dem, was einmal „Gottesfurcht“ hieß), deren „Geisel“ das ethische Subjekt nach Levinas ist; sie verrät die Idee der Erlösung (indem sie den menschlichen Anteil an ihr unterschlägt).

    Levinas‘ Philosophie ist die reinste Selbstdarstellung der Gottesfurcht.

    Außer im Mythos gibt es keine natura dei/deorum.

    Den Kasselern die Naivität austreiben: Es gibt keine naturphilosophische Lösung der gesellschaftlichen Probleme, eher umgekehrt. In der Natur liegt das gegenständliche Korrelat des gesellschaftlichen Schuldzusammenhangs vor Augen. Und die Auflösung dieser Probleme löst auch den Naturzusammenhang – nicht die Natur – auf. Die dann „rein hervortretende Natur“ (wenn es denn so etwas gibt, aber unter diesem Niveau gibt es nichts) ist weder antizipierbar noch theoretisch darzustellen („Die ganze Schöpfung seufzt in der Erwartung der Freiheit der Kinder Gottes“).

    Trotzdem gibt es einen Einstieg in eine Naturphilosophie: die gegenseitige Erhellung und Aufklärung von Natur und Geschichte. Die naturwissenschaftliche Aufklärung, der historische Objektivationsprozeß, arbeitet einem Zustand entgegen, in dem beide -Natur und Gesellschaft – im verdrängungsfrei sich selbst begreifenden Subjekt gemeinsam durchsichtig werden. Im naturwissenschaftlichen Fortschritt spiegeln sich die gesellschaftlichen Gesteinsverschiebungen; am Stand der naturwissenschaftlichen Aufklärung läßt sich der Stand der gesellschaftlichen Entwicklung ablesen. Ebenso verstärken sich die ideologisierenden Wirkungen der Naturwissenschaften und der Ökonomie, die sich beide über die Köpfe der Menschen hinweg vollziehen, gegenseitig. „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht“: Folge des Gebots: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werden“. Durch die Subjekt-Objekt-Spaltung (durch die Gestalt des richtenden Urteils) hindurch verschränken sich die Wirkungen des Objektivationsprozesses auf Objekt und Subjekt. Daß nach der DdA die Distanz zum Objekt durch die Distanz der Herrschenden zu den Beherrschten vermittelt ist, daß Naturbeherrschung und Herrschaft in der Gesellschaft sich nicht trennen lassen, drückt genau den gleichen Sachverhalt aus. Einsteins spezielle Relativitätstheorie hat in diesem Zusammenhang die ungeheure Bedeutung, den Anspruch des Begriffskerns der Naturwissenschaften (des Inertialsystems, auf das alle naturwissenschaftlichen Begriffe und alle mathematischen Konstrukte sich beziehen), er sei unvermittelt gegeben, nicht hinterfragbar, widerlegt: Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit bezeichnet gleichsam die innere Grenze der Geltung der Naturwissenschaften, ihre Distanz zum Objekt. Dagegen hat die Quantenphysik den Erkenntnisprozeß wieder in die Linie der Instrumentalisierung zurückgebogen (diesen Zusammenhang habe ich erstmals bei der Lektüre von Adornos „Philosophie der neuen Musik“ im Grundsatz begriffen).

  • 17.11.90

    Die Theologie leidet seit ihren Anfängen darunter, daß sie die Welt mit der Schöpfung verwechselt (parvus error in principio …). Die Trinitätslehre, das trinitarische Dogma, ist der genaueste Ausdruck davon. Nur in Beziehung zur Welt gewinnt die Zeugung theologischen Rang (wird sie zu einem geschlechtsfreien Personen-Verhältnis), ist die patriarchalische Struktur der Trinitätslehre unvermeidbar.

    In Bannkreis des Weltbegriffs wird die Wahrheit zur Weltanschauung (deren Modell ist das sog. kopernikanische Weltbild), werden Weltanschauungskriege zu Vernichtungskriegen. Nicht zufällig wird zu Beginn der Ära der Weltkriege das Weltanschauungs- (und Vernichtungs-)bedürfnis übermächtig. Weltanschauungen sind einseitige Sichten der Realität aus der Eigentums- und Herrschaftsperspektive, und diese ist der eigentliche Ursprung des Wut- und Vernichtungspotentials.

  • 04.11.90

    Bekenntnis und Philosophie: mit der Rezeption der Philosophie in die Theologie ändert sich u.a. der Begriff der Schöpfung; der Begriff einer Schöpfung aus Nichts setzt voraus, daß die Schöpfung sich auf die Welt bezieht, die Welt Produkt der Schöpfung ist. Das berührt auch den Gottesbegriff (hierauf bezieht sich der gnostische Schöpfungsbegriff: der Schöpfer der „Welt“ ist in der Tat ein böser Demiurg: die Gnosis plaudert das Geheimnis dieses Theologumenons aus). Vermittelt ist die Rezeption durch den Logos-Begriff. Das magische Wort-Verständnis ist der Vorläufer des begrifflich-technischen; es hat sein Korrelat im Bekenntnis.

  • 26.10.90

    Bekenntnis und Scham (Schuld, Rechtfertigung und Ideologie): Vgl. Gen. 3.7ff, 21ff. Es ist das Verhältnis des Bekenntnisses zur Schuld, das es an strenge Gesetze der Scham bindet. Das demonstrativ-exhibitionistische Bekenntnis derer, die es als Herrschaftsmittel mißbrauchen, ist so obszön wie der Appell an das Urteil des nachgeborenen Historikers blasphemisch (das Weltgericht Hegels); das Zwangsbekenntnis (sowie seine Folgen: die Instrumentalisierung der Welt) verwirrt die Scham. Erlaubt ist nur die angstfreie, paradiesisch-schamlose Nacktheit des Bekenntnisses der Schuld oder der Liebe. Zur Dialektik der Scham und des Bekenntnisses nach dem Fall gehört es, wenn Gott das Feigenblatt (der Vegetarier) durch Tierfelle (nach dem Übergang zu tierischer Ernährung) ersetzt.

  • 25.10.90

    Schneisen in das Dickicht der heutigen Sprachverwirrung schlagen. (Bedeutung von Gen. 11.1-9 für die Sprachphilosophie.)

  • 24.10.90

    Natur (als erste und zweite Natur) ist ein antitheologischer Begriff (securus adversum deos), Welt ein negativer Begriff der Theologie. Der Begriff der Natur besetzt die Stelle des Schöpfungsbegriffs, der der Welt (als Weltgericht) die des Erlösungsbegriffs.

    – Die Natur ist nicht erschaffen, sie besetzt die Stelle des Ursprungs (Natur als Inbegriff eines subjektlosen Subjekts der Schöpfung);

    – die Welt ist nicht erlösungsfähig, vielmehr ist ihr Untergang Teil der Erlösung;

    – warum gibt es „Welt-/Mensch-/Gottesbilder“ aber kein Naturbild?

    – Natur bezeichnet das Werden der Vergangenheit („Ursprung“, das Subjekt des Falls), Welt das Geworden-Sein (das Resultat des Falls, das Urteil, das Gericht); in beiden drückt sich die Herrschaft und der Bann der Vergangenheit aus; im Bannkreis von Natur und Welt gibt es keine Zukunft außer der endlichen, von Menschen gemachten: außer der Prolongation der Vergangenheit.

    – Natur als Subjekt (Naturteleologie) ist der gegenständliche Reflex des Subjekts, der Naturbeherrschung (der Inbegriff des Objekts der Naturbeherrschung): das ist der Grund für das (scheinhafte) Gelingen des Idealismus (Subjekt als Ursprung).

    – Den Naturbegriff gibt es nur im Kontext der Naturbeherrschung (Vorhandenheit und Zuhandenheit, Natur als Subjekt).

    – Natur hat das Erbe des antiken Schicksals angetreten (setzt die Verinnerlichung und Instrumentalisierung des Schicksals: das Herrendenken, voraus; Zwang, unter den Bedingungen von Herrschaft dem Naturgeschehen ein handelndes, zwecksetzendes und zugleich blindes Subjekt zu unterlegen – Natur handelt gleichsam instinktiv wie ein Tier); oder das Schicksal ist der Naturgrund des ästhetischen Objekts.

    – Dämonischer Charakter der Natur nicht mehr erkennbar, seit er ins Subjekt eingewandert ist (als blinder Fleck der Selbst-und Objekterkenntnis: bloße Entlastung vom Bewußtsein der Schuld, während der Schuldzusammenhang, als welcher Natur zu definieren wäre, bestehen bleibt, in dieser Entlastung gründet; falsche Befreiung).

    – Natur, Herrschaft und Bekenntnis (Instrumentalisierung des Bekenntnisses unter der Herrschaft des Naturbegriffs, Instrumentalisierung der Natur unter der Herrschaft des Bekenntniszwangs; Aufnahme von Naturkategorien in die Theologie <Opfer, Tod und Auferstehung>; dagegen Paulus: die ganze Schöpfung sehnt sich nach der Freiheit der Kinder Gottes)?

    – Theologische Kritik der Natur gelingt nur, wenn sie die Erkenntniskraft des Namens wieder erschließt; setzt Kritik des Begriffs und strikte Einhaltung des Bilderverbots (oder eine genetische Theorie der Mathematik) voraus.

    – Gibt es eine Befreiung der „Natur“ (die dann allerdings keine mehr wäre) oder nur eine Befreiung vom Schuldzusammenhang der Natur durch Reflexion der Natur?

    – Natur und Welt als differierende Strukturen der Gegenständlichkeit und des Gerichts (Welt als Subjekt und Natur als reines Objekt des richtenden Urteils? – Natur als apriorisches Objekt des Weltgerichts und als Produkt der Verdrängung des Erbarmens? Materie als objektiver Reflex des Selbstmitleids? -Zusammenhang von Selbstmitleid und Rigorismus? – Arme Seele und Teufel?).

    – Selbstmitleid und Rigorismus (Perversion des Rechts) = Umkehrung von Gerechtigkeit und Erbarmen (= Natur). Statt Mitleid nach innen und Strenge nach außen: Strenge nach innen und Mitleid nach außen.

    – Natur und Welt gibt es nur im Kontext der Autonomie (der Selbstbegründung des Wissens): die Leugnung der Offenbarung verstellt den Blick auf Schöpfung und Erlösung.

    Theologie konstituiert sich in der Kritik der Konstellation von Natur, Welt und Subjekt.

  • 23.10.90

    Der Mythos ist in der Antike durch die Opfertheologie, im Mittelalter durch die Islamisierung ins Christentum eingewandert (Beziehung zum Schicksal!).

  • 22.10.90

    Vgl. Lot’s Weib und das „vos estis sal terrae“ mit der antiken Beziehung von Salz und Gemeinschaftstreue (J.E., S. 220ff).

    Hat die Wahl des „achten“ Tags als Herrentag etwas mit David (dem achten Sohn des Isai) und/oder Octavianus (Augustus) zu tun (J.E., S. 248)? Ist der Herrentag ein Königs-/Kaisertag?

    Trinitätslehre, Symbolum und Genealogie? (Historischer Stellenwert der Genealogie, Kenntnis der Vaterschaft, Vergegenständlichung der Vergangenheit, Beziehung zu Zeugung und Tod; Genealogie und Herrendenken; die Form der Trinität ist in der genealogischen Struktur vorgebildet, gleichsam deren allgemeines Wesen; Vater-Sohn-Beziehung und Patriarchat; Frauen kommen weder in der Genealogie noch in der Trinität vor (vgl. Theweleit: Männerphantasien); Zeugung und Bekenntnis; Heiliger Geist und Leugnung der Mutter; biographische Vergegenständlichung, Opfertheologie und Instrumentalisierung der Theologie).

    Welche Frauen erscheinen in der j Urgeschichte? (Eva, die Frau des Kain – ohne Namen -, die zwei Frauen des Lamech: Ada und Zilla, die Schwester des Tubal-Kajin, in der Geschlechterfolge Adams „Söhne und Töchter“, die „Menschentöchter“, die Frau des Noach und die Frauen seiner Söhne, die Geschlechterfolge der Söhne Noachs ohne Nennung von Frauen, in der Geschlechterfolge Sems – nach dem Turmbau? – „Söhne und Töchter“, ab Abraham wieder Frauen mit Namen)

  • 20.10.90

    Bekenntnis und Zeit: Das Bekenntnis vergangener Schuld schließt den Glauben, die Erwartung der Versöhnung, mit ein. Das Bekenntnis ist Ausdruck der Hoffnung, daß der Bann und die Herrschaft der Vergangenheit gebrochen, die Zukunft neu eröffnet wird. Dieses formale Verhältnis ist ohne ein freies, aus dem mythischen Bann herausgetretenes Ich nicht denkbar. Subjekt des Bekenntnisses ist der Liebende. Das Bekenntnis setzt Angstfreiheit: die Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen, voraus, denn jede Angst verstört und vergiftet das Bekenntnis wie auch die Liebe. Bekenntniszwang, der die (Schuld-/Straf-) Angst als Mittel gebraucht, ist Liebeszwang, Vergewaltigung: er ist obszön. Seine Grundlage ist das Selbstmitleid, die Unfähigkeit zu lieben und das Bedürfnis, geliebt zu werden (die Unmündigkeit, das Nicht-erwachsen-Sein). Das Ziel des Bekenntnisses: die Versöhnung, hat Teil an der zeitlichen Struktur des Ewigen. Der Bekenntnisfähige ist nicht mehr kränkbar; die Grundlage der Kränkbarkeit ist die verdrängte, unaufgelöste Schuld, an die nicht gerührt werden darf. Das Bekenntnis ist die Innenseite des Gebots „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“; dieses Gebot wird durch das Zwangsbekenntnis verletzt.

  • 18.10.90

    Zum Zusammenhang von Zeugung, Pneuma, „Zorn“, Logos (richtendes Wort = schaffendes Wort? – Schöpfung durch den entladenden Akt des Zorns? – der Gezeugte, der Sohn = Manifestation des göttlichen Zorns, sitzend zur Rechten des Vaters, des Gerichts?) vgl. J. Ebach: Weltentstehung und Kulturentwicklung bei Philo von Byblos, S. 39 (Anm. 49). – Vgl. auch S. 129f (Anm. 22): Umdeutung von Pest (Hab. 3.5) in Logos (LXX), Grundlage für die Logos-Spekulation im Joh.-Evangelium.

    Genealogie und Vergegenständlichung: Wurde geboren, zeugte, lebte noch x Jahre und starb (vgl. das Symbolum!). Die Abstraktionsleistung, die in dieser Aussage steckt, ist kaum zu ermessen; sie schließt die Einsicht mit ein, daß das auch der eigene Lebenslauf sein wird: die Fähigkeit, sich selbst von außen oder als vergangen wahrzunehmen, eigentlich bereits gestorben zu sein (Heideggers „Vorlaufen in den Tod“ hat hier seine historische Stelle).

  • 14.10.90

    Zur Pseudonymität der jüdischen Apokalyptik vgl. R.H.Charles (in Koch: Apokalyptik, S. 173ff); Anwendung auf Kabbalah (Apokalyptik/ Prophetie: Mystik/ Rabbinische Tradition).

    Neubestimmung des Verhältnisses von Philosophie und Theologie: Philosophie ist der verinnerlichte Intimfeind der Theologie; ihre Kritik wird als Selbstkritik, wenn nicht als Nestbeschmutzung erfahren. Es gibt allerdings auch keinen Weg an der Philosophie vorbei, sondern nur durch ihre Kritik (ihre genaueste Kenntnis) hindurch. In dieser neubegründeten Theologie erfüllt sich auch die Philosophie. Das „bis an die Grenzen der Welt“ gilt nicht nur in seiner extensiven (geographischen), sondern auch in der intensiv-qualitativen (geschichtlich-gesellschaftlichen) Bedeutung (im Hinblick auf die fortschreitende Säkularisation).

  • 13.10.90

    „500-Jahrfeier zur Entdeckung Amerikas“ (am 12.10.1992): Was für ein Selbstverständnis Europas steckt hinter diesem Begriff! Amerika als reines Objekt (so ist es dann ja auch behandelt worden), das erst durch „unsere“ Entdeckung (und Namengebung) historisch existent geworden ist. Einem ganzen Kontinent und seinen Bewohnern (ähnlich Australien) wird der eigene Name vorenthalten. Die „Indianer“ als reines Material der Geschichte, sozusagen ein natürlicher Rohstoff wie das Gold und die anderen natürlichen Rohstoffe des Landes, die uns auch erst seit der „Entdeckung Amerikas“ zur Verfügung standen. Im Namen dieser Feier lebt der Kolonialismus fort, verdrängt wird, daß auch die vorkolumbianischen „Amerikaner“ (die „Indianer“) Menschen waren und sind.

    „Einsatztruppen“: Noch heute „kommen“ Angestellte, Arbeiter, Soldaten „zum Einsatz“, werden „eingesetzt“ wie willen- und subjektlose Schachfiguren: mit dem Privileg, nicht schuldig werden zu können, da sie ja keine Subjekte (d.h. nicht verantwortlich) für die Bedingungen und den Auftrag ihres „Einsatzes“ sind. Sie sind subjektlos wie die Toten, die Helden der Vergangenheit und die personae der abgebildeten, verdoppelten Welt der Kunst (Schauspiel, Roman, Film). Über sie wird wie über den Gegenstand ihres Tuns: die äußere Natur, die verwaltete und die nichtzivilisierte (vor allem die außereuropäische) Welt verfügt. – Zur Dialektik der Schuld allerdings gehört es, daß das „Nicht-schuldig-werden-Können“ eins ist mit dem Zustand der absoluten Schuld, der Ver-worfenheit (mit der übrigens Heideggers „Geworfenheit“ nicht nur sprachlich zusammenhängt: ähnlich wie Gewalt mit Verwaltung).

    Ursprung des Bekenntnisses im Martyrium; Umkehrung und Vergeistigung nach Enttäuschung der Parusieerwartung: Privatisierung, falsche Politisierung. Das Zwangsbekenntnis ist ein erpreßtes Liebesbekenntnis, die Bekenntnisforderung Ausdruck des Sich-ungeliebt-und-deshalb-schuldig-Fühlens (Gott hat sein Versprechen nicht gehalten?), mangelnder Liebesfähigkeit (Selbstmitleid), des Rechtfertigungsbedarfs. Wer das Bekenntnis fordert, sucht die Bestätigung, daß die Schuld nicht wahrgenommen wird, daß sie nicht öffentlich wird, daß sie unten bleibt. Das Zwangsbekenntnis ist Teil der kirchlichen und später auch der staatlichen Verdrängungsmechanismen, ihrer autoritären Strukturen, die durch dieses religiöse System hindurch sich erhalten. Ausdruck der Herrschaft über die Gewissen der Gläubigen oder der Untertanen.

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie