Theologie

  • 18.03.90

    „… das Andenken daran (an das letzte Abendmahl als Vergegenwärtigung des Kreuzestodes) bis zum Ende der Welt festhalten …“ (Trid. Sess. XXII, c.1): also nur „bis zum Ende der Welt“, nach dem Weltuntergang nicht mehr. Die Zeit danach ist die des Abstiegs zur Hölle, der letzten Aufgabe vor der Erlösung der Welt.

    Die Kirche hat keine Aufgabe mehr in der Welt, die ohnehin nach ihrem Untergang (in den Weltkriegen) und nach der realen Wiederholung des Kreuzestodes in Auschwitz („Was ihr den Geringsten meiner Brüder getan habt, …“) in Verwesung übergegangen ist; die Postmoderne (die gegenwärtige Gestalt des Nominalismus) ist der genaueste ästhetisch-philosophische Ausdruck davon.

    Zusammenhang damit: Die Weltkriege haben die „eine Welt“ (die sich dann in zunächst drei, demnächst möglicherweise nur noch zwei Welten aufgespalten hat) erst geschaffen; aber die Schaffung der Welt ist der Vollzug des Urteils über die Welt, denn der Begriff der Welt ist kein Objektbegriff, sondern der Inbegriff des transzendentalen Urteils: die Welt ist das Weltgericht (jedoch nicht das Jüngste Gericht, sondern eher deren Objekt!).

    (Ängste angesichts der Ereignisse in Deutschland: nationalistische Besoffenheit; Fremdenhaß; Wiederholungszwang, Verschiebung und Projektion von Schuld; soziale Marktwirtschaft als Nachfolgeorganisation des mißlungenen politischen Herrschaftstriebs; den letzten Krieg doch noch gewinnen und die Erinnerung an die Schuld endlich aus der Welt schaffen; Entstehung eines exkulpierenden, rechtfertigenden Fundamentalismus: „Marx ist tot, Jesus lebt“)

  • 17.03.90

    Wenn Heidegger den Geburtsfehler der Philosophie (die Ontologie) zu ihrem einzigen Inhalt gemacht hat, dann Luther den Geburtsfehler der Theologie (die „Rechtfertigung“) zur deren einziger Grundlage. – Genesis der Fundamentalontologie und des Fundamentalismus (Fundamentalismus und Antichrist: das Mittelalter, die Heiden und die Juden; Geschichte der Beziehung von Islam und Christentum).

    Rechtfertigung und Bekenntnis.

    Die Frage „was ist Wahrheit“ ist obsolet geworden als Frage des Pilatus, der dann übrigens die Hände in Unschuld gewaschen hat (wie in den katholischen Kirchen die Priester während der Messe: „lavabo inter innocentes“ – Ursprung des pathologisch guten Gewissens und des kirchlichen Antisemitismus: Verschiebung der Schuld von Pilatus auf die Juden; Grundlage des Ursprungs der Orthodoxie, der Vorstellung von einer exkulpierenden Kraft der rechten Lehre; Ursprung des Bekenntnisbegriffs).

    Im Gegensatz zum Begriff der Unschuld (einer Kategorie des Seins oder des Mythos), ist der der Gerechtigkeit (einer Kategorie des Handelns) ein theologischer Begriff. Nicht zufällig erinnert der Begriff der Unschuld an den Bereich der Sexualmoral, während seine Anwendung im Bereich der politischen Moral (im Gegensatz zur Anwendung des Begriffs der Gerechtigkeit) unmöglich ist (es sei denn als Anwendung auf einen marginalen Objektbereich der Politik wie den der Armen, der Außenseiter, derer, die nur noch herausfallen wie z.B. die Asozialen, die Penner). Unschuldig ist nur der, dem das Handeln unmöglich geworden ist, während der Handelnde der Gefahr, schuldig zu werden, nicht entgehen kann, und die Gerechtigkeit nicht auf Unschuld (einen Bereich vor der Schuld), sondern auf Befreiung (einen Bereich jenseits der Schuld: auf die Auflösung des Schuldzusammenhangs) abzielt. Auf diesen Zusammenhang bezieht sich die Lehre von der Sünde wider den Heiligen Geist: parakletisches (verteidigendes) Denken.

  • 10.03.90

    Das Problem der kontrafaktischen Urteile hängt engstens mit der Frage, ob man aus der Geschichte was lernen kann, zusammen. Aber auch mit der Frage: Aus welchem Grunde befassen wir uns mit der Geschichte (wegen der Herkunft, des Ursprungs und des Ziels)? Die Lösung des Problems ist die parakletische oder auch die prophetische Erkenntnis.

  • 15.02.90

    Der Katholizismus hat seine Wurzeln in der Praemoderne; er ist nie ganz zivilisiert worden.

  • 04.02.90

    Einer der wichtigsten Gründe für Vorurteil und Ideologie ist das Bewußtsein, im Anblick der Wahrheit und mit dem massiven Schuldgefühl, das damit verbunden ist, nicht leben zu können. Die Folgen sind jedesmal selbstzerstörerisch, gleichgültig, ob sie über den Zynismus oder das pathologisch gute Gewissen vermittelt sind.

    Die Gewalt, die Geld über andere (die die Leistungen erbringen müssen, die man dann für Geld „kaufen“ kann) verleiht, das Gewaltpotential, das im Geld drinsteckt, bedarf des äußeren Daseins: Die Rüstung der Staaten war immer auch ein Maßstab für die Gewalt und die Macht, die das vom Staat herausgegebene und garantierte Geld repräsentiert, die wirtschaftliche Ordnung und der Wert und die Konvertierbarkeit der jeweiligen Währung. Auf diesem Felde werden heute die Kriege ausgefochten und die Siege errungen, hat jetzt „der Kapitalismus über den Kommunismus gesiegt“. Die Verlierer sind immer auch die Verurteilten (das System ist selbst der kurze Prozeß, d.h. Ankläger und Richter in einem); ein Einspruch, eine Revision, ist nicht mehr zugelassen. In dem traditionellen theologischen Sinne ist dieses System obszön, „unzüchtig“ und pornographisch.

    Aber die „Natur“ vor oder nach der gesellschaftlichen Naturbeherrschung (außerhalb des Kontextes der Naturbeherrschung gibt es keine Natur) ist keine heile Schöpfung, sie ist nicht das Werk des siebten Tages. Und es gibt keinen positiven Sinn für irgend eine Form einer „Rückkehr zu Natur“.

    Ist es ein Zufall, daß blütentragende Pflanzen im naturhistorischen Entwicklungsprozeß zusammen mit den Säugetieren (und Vögeln) auftreten, und die Laubbäume zusammen mit den Prähominiden?

    „Der Geist Gottes schwebte über den Wassern“?

  • 28.01.90

    Die Projektion in die Vergangenheit (Bedingung des Wissens) wirkt sich unterschiedlich auf Mensch Welt Gott aus: die Welt wird begründet, konstituiert sich, der Mensch wird böse, Gott verschwindet.

    Der Katholizismus (und seine konfessionellen Derivate, zu denen – nach der Gegenreformation (nach dem Barock) – auch der Katholizismus selbst gehört) krankt daran, daß die moderne Aufklärung, der gesellschaftlich und wissenschaftliche Objektivationsprozeß, der Theologie den Boden entzogen hat; die Anpassung an den szientifischen Wahrheitsbegriff hat die Probleme nicht gelöst, sondern vergrößert. Die verschiedenen Kirchen halten nur verschiedene Lösungsversuche in diesem fortschreitenden Auflösungsprozeß fest (Wiederbelebungsversuche nach Eintritt der Verwesung?).

    Hat die mittelalterliche Kirche in der Auseinandersetzung mit dem Islam (Kreuzzüge, Summa contra gentiles) im Islam das Zerrbild ihrer eigenen Vergangenheit bekämpft, verdrängt und zugleich in sich aufgenommen (Identifikation mit dem Aggressor – genauer)? Ist hier jener Konfessionalismus entstanden, der dann die Kirchen von innen zerstört hat (Begriff der Offenbarung, des Islam, des Kismet)?

  • 18.01.90

    Langeweile, Unzufriedenheit und Empörung sind ausgesprochen moderne (atheistische) Verhaltensweisen, die ihren strukturellen Grund in der gesellschaftlichen Form der modernen Subjektivität haben (sie sind zugleich Indikatoren des pathologisch guten Gewissens: das wirklich gute Gewissen – das es nicht gibt – hätte kein Langeweile, wäre nicht unzufrieden, bedürfte nicht der Empörung). Zu ihren Konstituentien gehören insbesondere die Bedingungen der Verweltlichung, die säkularisierten Formen der Intersubjektivität (der „Apparat“ des transzendentalen Apriori, in dem das Subjekt gefangen ist – Zusammenhang mit dem modernen Naturbegriff). „Gottesfinsternis“ war einmal der falsche Begriff (Martin Bubers) für einen richtigen, heute erst sich ausbreitenden, nicht ganz harmlosen Sachverhalt. Das Bedürfnis nach Unterhaltung (Ablenkung); die Unfähigkeit, mit sich allein zu sein; das Verlangen nach Trost (oder die Verkehrung des Heiligen Geistes; der Heilige Geist als Alleinunterhalter). Spenglers Hinweis, daß zum Ursprung des „faustischen Menschen“ die Institution der Beichte (die Biographie, das Portrait) gehört, ist insoweit wahr, als moderne Subjektivität (als ihre berühmte „Mitte“) einen unauflösbaren Schuldkern hat (einen blinden Fleck, eigentlich ein schwarzes Loch: es saugt alles Licht in sich auf, strahlt aber nicht mehr nach außen); die Flucht vor der Wahrnehmung dieser Schuld bezeichnet die Bahn des Fortschritts der Aufklärung, die immer tiefer in die Verstrickung hineinführt.

    Spengler: „Das mütterliche Weib ist die Zeit, ist das Schicksal.“ „Die Sorge ist das Urgefühl der Zukunft, und alle Sorge ist mütterlich. Sie spricht sich in den Bildungen und Ideen von Familie und Staat aus und in dem Prinzip der Erblichkeit, das beiden zugrunde liegt.“ (UdA, S. 341f)

  • 05.01.90

    Modell der Herrschaft das Planetensystem? (Eine Sonne, ein Gott, ein König?): Hierarchische Ordnung fortgesetzt in Verwaltung; sub- und translunearer Bereich entspricht Klassentrennung; Galileis Entdeckung, daß astronomische Erscheinungen der gleichen Vergänglichkeit unterliegen wie die irdischen; Konstruktion der planetarischen Kreisläufe aus irdischen Kräfteverhältnissen; Universalisierung der Gravitation.

    Das Tauschprinzip und das Trägheitsgesetz ebnen Widersprüche ein, subsumieren Unvereinbares unter einheitliche Begriffe (Lohnarbeit, Arbeit als Ware; Geld als Einheit von Herrschaft und Unterdrückung, Materie als Substrat von Arbeit), sind aktive Agentien der Verblendung, des Banns. Es gibt keinen Weltbegriff ohne den Begriff der Materie; es gibt umgekehrt keinen Schöpfungsbegriff, der den Materiebegriff mit einschließt (die Vorstellung, daß die Menschen Waren herstellen, Gott die dazu notwendige Materie liefert, ist absurd: die Menschen verwandeln im Prozeß ihrer Auseinandersetzung mit der „Natur“ diese in Materie; die Schöpfung bezeichnet einen Bereich, der „vor“ diesem Prozeß liegt).

  • 01.01.90

    Die Welt unterliegt den Formen der Anschauung und den Kategorien. Eine Theorie der Schöpfung müßte deren Ursprung (insbesondere den Ursprung von Raum und Zeit) mit erklären. Die Schöpfung geschah nicht „in“ Raum und Zeit, so als hätten diese vorher schon bestanden; sie hat kein Vorher und kein Außerhalb. Himmel und Erde (die Gegenstände der Schöpfung) sind nicht in Raum und Zeit, und sie unterscheiden sich insofern von der „Welt“; Raum und Zeit sind Akzidenzien, keine Substanzen: Adornos „Vorrang des Objekts“ bezieht sich auf dieses Verhältnis. Substantiell werden Raum und Zeit erst im Kontext des Trägheitsgesetzes (und des Tauschprinzips), im futurum perfectum (der zukünftigen Vergangenheit) des naturwissenschaftlichen Objektbegriffs oder des zugrunde liegenden Weltbegriffs.

  • 26.12.89

    Zum Begriff des Richtens: Ein Gericht wird angerichtet (nach Peter von Matt richtet Hitler bei Heinrich Mann sein Gesicht an); Kinder (und Untäter) richten etwas an (was dann die Automatik des Urteils auslöst). Was hast Du denn da angerichtet?

    Der kunstvoll gefügte Bau des Systems kehrt (bei Rosenzweig, „Stern“ Nr. 457) am Ende als Antlitz des Menschen (Gottes?) wieder (und dieses strahlt in die Konstruktion des Systems zurück; ein System von Entsprechungen?). Rechtfertigt das Ergebnis die Verletzung des Bilderverbots? Wenn ja, hängt es dann mit der Anerkennung des Christentums im „Stern“ zusammen?

    Hegels Logik als in sich bewegte Geschichte des Absoluten ist in Wahrheit – im wörtlichsten Sinne – Weltgeschichte, Geschichte der Welt (Einheit von genitivus subjectivus und objectivus: diese fast unauflösbare Zweideutigkeit); in sich bewegt ist die Welt, nicht das Absolute, oder vielmehr die Welt als das Absolute; das Jüngste Gericht wird zum Weltgericht (Gericht der Welt; genitivus subjectivus), in dem Gott, Mensch und Dinge angeklagt und verurteilt zugleich sind (allerdings mit unterschiedlichem Resultat des Urteils: Gott fällt nicht unters Urteil, wird unfaßbar; umgekehrt: richtet nicht das über Gott gefällte Urteil den Urteilenden? – hat das „Vorlaufen in den Tod“ im Kontext des Heideggerschen Atheismus vielleicht doch noch eine weit entsetzlichere Bedeutung, als bisher bewußt war?).

  • 17.12.89

    Den dramatischen Änderungen in der DDR müssen Änderungen in der BRD folgen, beide müssen parallel erfolgen, wenn nicht beide zugleich verraten werden sollen. Verhängnisvoll wäre es, wenn aus den Änderungen nur ein Sieg der BRD (der „Marktwirtschaft“) und die Widerlegung des „Sozialismus“ (womöglich gar des Antifaschismus) herausgelesen würde. – Aber ist diese Gefahr so von der Hand zu weisen?

    Die Welt ist das Weltgericht und deren Objekt zugleich („alles, was der Fall ist“), und die Erfüllung des „Richtet nicht …“ wäre das Ende der Welt. Das Heideggersche In-der-Welt-Sein drückt genau diesen Bruch („Der Kleinbürger ist Teufel und arme Seele zugleich“) aus. Die Welt ist das Rätsel, dessen Auflösung der Heilige Geist ist (oder: die unreflektierte Identifikation mit der Welt ist die Sünde wider den Heiligen Geist).

  • 29.11.89

    Die Welt ist Produkt der gleichen Abstraktion, der historisch auch die Philosophie sich verdankt. Das R’sche „von Jonien bis Jena“ bezeichnet als die Geschichte des Alls zugleich die der Welt, deren Begriff (und Realität) ebenso vergänglich ist wie die der Philosophie.

    Thales „die Welt ist voller Götter“ dokumentiert die erste Folge der Einheit der Welt: die Vielheit der Götter, die im Christentum dann auf die Trinität reduziert wird, darin jedoch fortlebt. Dagegen bezeichnet der jüdische Monotheismus die offene Wunde der Welt, über die der Mythos hinwegtäuscht, die er verdrängt.

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie