Theologie

  • 26.11.89

    Der nachchristliche Zynismus ist eine Folge des christlichen Selbstmitleids (Leidensmystik).

    Wir produzieren heute das Chaos, aus dem die Welt zu erschaffen wäre. – Das zusammendenken mit: Nach dem Weltuntergang ist Rettung nur noch über das „Abgestiegen zur Hölle“ (die heute einzig angemessene Form der Nachfolge) möglich.

  • 14.11.89

    Materialismus: Seit den griechischen Anfängen der Philosophie gibt es den physikalischen und den sinnlichen Materialismus (Demokrit und Leukipp). Der erste war der Motor des gesamtgesellschaftlichen Fortschritts, der zweite der Ausgangspunkt aller Befreiungsbewegungen. Das klingt noch in der Marxischen Unterscheidung des Reichs der Freiheit vom Reich der Notwendigkeit nach (oder des Boehmeschen vom Baconschen Materialismus).

    Die teleologische Deutung des Opfers (seine Instrumentalisierung) ist die Ursünde des Christentums, der Anfang seiner Zubereitung zur politischen Ideologie, und zugleich Kern jeder Ideologie (Rechtfertigungslehre) seitdem.

  • 11.11.89

    Zur Unsterblichkeit der Seele:
    – Rosenstock-Huessy macht darauf aufmerksam, daß Zeit und Raum sich dadurch unterscheiden, daß, während beim Raum zuerst das Ganze wahrgenommen werde, bei der Zeit nur der jeweils einzelne Moment; es gibt keine Anschauung der Zeit im ganzen.
    – Das Ganze des Raums ist aber zeitlich affiziert (durch den Zusammenhang mit dem Trägheitsgesetz an die Vergangenheitsform gebunden); d.h. soweit der Raum als Form der sinnlichen Anschauung verstanden werden muß, versetzt er die ganze sinnliche Welt ins Vergangene, abstrahiert er von der sinnlichen Welt. Der Raum als Grund und Medium der Vergegenständlichung, Entfremdung (die in ihm selbst im Verhältnis der Dimensionen sich ausdrückt) ist vom Ursprung her bereits jene hegemoniale Gewalt, die auch die eigenen Konstituentien nicht unberührt läßt: sie verändert und entfremdet. Der Raum entspringt in der Trennung von Raum und Zeit, die selbst nur möglich ist durch Verräumlichung der Zeit.
    – Das Subjekt (für das die Vergangenheit Vergangenheit ist), steht gleichsam über der Vergangenheit; auch die Erinnerung hebt die Vergangenheit nicht auf.
    – Aber wenn es eine Unsterblichkeit der Seele gibt (und das wäre mehr als nur eine Unsterblichkeit der Seele), ist ihr Subjekt nicht das transzendentale, die Wissenschaft begründende Subjekt, sondern umgekehrt: das Subjekt des Wissens ist – wie das Wissen selbst – endlich und sterblich. Erst einer Erkenntnis, die die ganze Last der Schuld (die heute unendlich scheint wie der unendliche Raum) auf sich nimmt, sie umzuwälzen vermag (Nachfolge), gilt das Versprechen der Unsterblichkeit.
    – Alles Wissen ist kraft seiner Beziehung zu Vergangenem von jenem Bereich grundsätzlich getrennt, in dem Unsterblichkeit überhaupt sich denken läßt. Erst die Umkehrung dieser Beziehung (erst Versöhnung, der die Erinnerung nur vorarbeitet) rührt an den Grund der Unsterblichkeit. („Richtet nicht …“, „Was ihr dem Geringsten …“)
    – Es gibt keine Erbsünde (diese Vorstellung gehört zu den Gründen des Rassismus und ist im Rahmen einer Theologie nach Auschwitz aufzuarbeiten), wohl eine Erbschuld (die sich dann allerdings jeder einzelne als Erbsünde zurechnen lassen muß); und deren Last, die auf den Schultern aller ruht, wird immer größer; sie wächst im historischen Prozeß, in der Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur (das Telos des „Sündenfalls“ ist heute absehbar, es liegt greifbar vor Augen). Heute gibt es nichts mehr, für das uns nicht die Verantwortung zugewachsen wäre. Und jedes Bewußtsein, das dieser Verantwortung sich nicht stellt (oder sich ihr entzieht), ist Ideologie, vergrößert die Last der Schuld. – Das – und nicht die Opfertheologie, nicht die Lehre vom stellvertretenden Leiden, die eine blasphemische Gottesvorstellung als Grundlage und zur Folge hat – ist die Wahrheit der Idee einer Nachfolge Christi. Von hier aus wäre die ganze Sakramentenlehre (die genau das einmal ausdrückte) zu überprüfen.
    Wer die Lehre von der Nachfolge für unerträglich hält, braucht einen Sündenbock.

  • 04.11.89

    Opfer, Liturgie, Sakramente gehören einer Welt an, die in den Weltkriegen untergegangen ist; gleichwohl ist es nicht überflüssig, ihren vergangenen Rechtsgrund näher zu bestimmen. Die notwendige Entkonfessionalisierung des Christentums kann nicht nur auf Vergessen begründet werden: Hier ist die Trauerarbeit zu leisten, zu der insbesondere Auschwitz ohnehin zwingt.

    So wie es heute keine Passagierschiffe mehr gibt (Untergang der Titanic), ist das Bild der Kirche als Schiff (in den Wellen der Völkerwelt: vgl. das Bild der Arche, die Geschichte von Jonas, den Schiffbruch des Paulus) nicht mehr tragfähig. Damit verliert auch das Bekenntnis (im Anblick des unsäglichen Mißbrauchs, der heute in der Politik damit getrieben wird) seinen theologischen Rechtsgrund. (Zusammenhang von sakramentalem Wesen und Konfessionalismus: Verbot der sakramentalen Gemeinschaft?) Modell des Glaubens und der Theologie heute: das Wandeln Jesu auf dem Meere.

  • 01.11.89

    Der Dezisionismus ist ein notwendiges Korrelat der Reflexionsbegriffe, in ihrem Geltungsbereich begründet, ebenso übrigens der Hegelsche Begriff der „List“, dessen Anwendung nur unter diesen Voraussetzungen (aufgrund der „verandernden Kraft“ des Seins) möglich ist. Frage (und zu prüfen) wäre, ob nicht der Zusammenhang von Wesen und Schein in Hegels Philosophie (für mich immer schon eine Zone, die dem Verstehen besondere Widerstände entgegensetzte, die allerdings umgekehrt die besondere Stellung der Ästhetik im Hegelianismus begründen könnte) in diesem Zusammenhang durchsichtig wird. Die Folge wäre, daß jede Ontologie eo ipso als dezisionistisch und damit als Betrug (Produkt von List) sich erweist (der heute sich nicht mehr halten läßt, nachdem Heideggers Strategie nur noch unmodern, d.h. komisch ist).

    Bei Hegel wird der Kunstgriff manifest im Begriff des absoluten Wissens (das ausgeführte futurum perfectum?): Jedes Wissen ist – aufgrund seiner Beziehung zur Vergangenheit – endlich, und das absolute Wissen nur die sich in sich selbst spiegelnde Vergangenheitsform: der Deckel auf dem brodelnden Topf.

    Beziehung der Reflexionskategorien zur Struktur des Mythos (Zweideutigkeit, Schicksal, Beziehung zur Offenbarung; Grenze der Identifikation; Beziehung zum Herrendenken, Unmöglichkeit des verteidigenden Denkens; Unentrinnbarkeit der Anklage; Ideologie).

    „Religion als Blasphemie“: Wenn Blasphemie die Verletzung religiöser Gefühle bezeichnet, dann ist jede Religion blasphemisch, nämlich eine notwendige Verletzung der Reinheit des religiösen Gefühls, die keine Instrumentalisierung zuläßt.

  • 29.10.89

    „Umkehr“ ist ein Grundbegriff der (jüdisch-)christlichen Tradition. Ein Grundbegriff nicht nur mit moralisch-praktischer Bedeutung, sondern auch (ja, heute in wachsendem Maße) mit theoretisch-erkenntnistheoretischer Bedeutung. Umkehr ist – das hat Franz Rosenzweig als erster begriffen und dargestellt – der Grundbegriff einer erneuerten Theologie. Die christliche Theologie – vor allem in ihrer dogmatischen (ketzerfeindlichen, inquisitorischen) Tradition – war und ist für Herrschaftszwecke nur deshalb tauglich, weil sie mit der Umkehr ein für jede theologische Erkenntnis konstitutives (und jedes theologische „Wissen“, den theologischen Physikalismus und Objektivismus auflösendes) Moment im theologischen Erkenntnisprozeß unterschlägt, tabuisiert. So wurde Theologie selbst zu einer Verhinderung der Gotteserkenntnis, mehr noch: zu einer in letzter Instanz blasphemischen Institution.
    Heute wird es deutlich: Das Gravitationszentrum, dem eine Theologie zustrebt, die glaubt, von der Umkehr absehen, davon abstrahieren zu können, ist, wie jeder Fundamentalismus beweist, der Faschismus als instrumentalisierte Religion. Übrig bleibt, da Umkehr aus dem Religionsbegriff nicht herausgenommen werden kann, die Umkehr für andere (Produkt der Anwendung der Hegelschen Reflexionsbegriffe auf die Religion, ihrer Selbstentfremdung; Verwandlung von Religion in Geschwätz), d.h. Religion als Unterdrückungsmaschine (die Analyse dieser Unterdrückungsmaschine, gewissermaßen ihrer physikalisch-technischen Grundlagen und Elemente, wäre ein Teil der heute notwendigen theologischen Selbstverständigung).
    Wissen (Wissenschaft) ist Erkenntnis für andere, seine (ihre) Grundlage jene Kategorien und Begriffe, die Kant in der transzendentalen Logik und Hegel unter dem Titel Reflexionsbegriffe beschreibt. Die gesamte Geschichte der Erkenntnis steht unter dem Gesetz des Widerspruchs von Erkenntnis und Wissen, der nach Hegel den Erkenntnis“prozeß“ auslöst und vorantreibt; dieser Widerspruch (als Widerspruch zwischen An sich und Für uns) ist im Bereich der Reflexionsbegriffe notwendig und unvermeidbar. (Vgl. Walter Benjamins Hinweise zum Begriff des Wissens.)
    Das immanente Telos der Wissenschaft, ihr Gravitationszentrum, ist die Naturwissenschaft. Das hier produzierte Wissen ist nur noch Wissen für andere, dem Erkenntnis im ursprünglichen Sinne nicht mehr entspricht. Der Positivismus ist Konsequenz und Ausdruck dieses Sachverhalts. Begründet ist dieser Sachverhalt in der Funktion der von Kant erstmals ins Bewußtsein gehobenen (aber dann bis heute unaufgearbeiteten) Formen der Anschauung. (Interessant ist die auf Kant folgende Raumdiskussion, die offensichtlich die Irritation der Kantischen Transzendentalphilosophie verdrängen sollte; wobei jedoch die sogenannten nichteuklidischen Geometrien nur mit Verallgemeinerungen von Grundstrukturen, die nur innerhalb der euklidischen Geometrie sich definieren lassen, arbeiten, während die zentrale Irritation – die Dreidimensionalität des Raumes und ihr Zusammenhang mit der irreversiblen Zeit – unerörtert geblieben ist. Genau hier aber, im Kontext des mathematischen Korrelats der Formen der Anschauung, des Inertialsystems, liegt der Konstitutionsgrund für das Ordnungsprinzip und den besonderen Wissenschaftscharakter der Naturwissenschaften: das Wissen für andere und seine Identität mit dem Herrschaftswissen, den Zusammenhang von Objektivation und Instrumentalisierung sowie seine Zeitform: die Einheit der Vergangenheitsform, die dem Wissen den Charakter der Unveränderlichkeit verleiht, es im strengen Sinne aus dem gleichen Grunde überhaupt erst zum Wissen macht, aus dem eine Anwendung des Wissensbegriffs auf die Theologie als blasphemisch zu verwerfen ist: Gott läßt sich in keinem Sinne als vergangen denken, und theologisch ist alle Geschichte nur Vorgeschichte.)
    Das Anwachsen der Verwaltung und deren zunehmend kontraproduktive Tätigkeit hängt mit der Struktur der Verwaltung (hierarchische Organisation, Kompetenzverteilung, Zuständigkeitsregelung, Mitzeichnungsverfahren) zusammen. Hier entsteht und stabilisiert sich eine Mentalität, ein Weltbegriff, deren Endzweck die Selbstentlastung, die präjudizierende Selbstrechtfertigung, letztlich eine Art institutionalisierter Ideologie zu sein scheint. Ob die Entscheidung das Problem löst, ist zweitrangig, vor allem muß sie unangreifbar sein (so unangreifbar wie das methodisch abgesicherte Wissen der Wissenschaft). Hinzu kommt, daß die Probleme selbst, die durch Verwaltung gelöst werden sollen (z.B. im Agrarbereich), aus objektiven Gründen fast nur noch exkulpatorische Maßnahmen zulassen. Zusammenhang von Verwaltung und Wissenschaft? – Auswirkungen der zunehmenden Rationalisierung, Anwendung elektronischer Informations- und Kommunikationstechniken.
    Woher kommt es, daß EDV-Spezialisten so große Probleme mit der Sprache, mit der Fähigkeit, die eigenen Produkte verständlich zu erklären, haben (vgl. die Hard- und Software-Handbücher). Das Problem gleicht dem, das Physiker auch zu haben scheinen bei dem Versuch, ihr Objekt anderen verständlich zu machen.
    Das Recht und die Verwaltung, oder allgemeiner die Institutionen begründen das Inertialsystem, in dem gesellschaftliches Handeln sich definiert.

  • 28.10.89

    Das Maß theologischer Erkenntnis ist ihre Kraft zur Versöhnung, und die wiederum hat ihr objektives (geschichtsphilosophisches und menschliches) Maß an der Schuld. Es ist die Last der Schuld, die in der Neutralisierung der Natur, ihrer Vergegenständlichung und Entfremdung sich ausdrückt. Der kopernikanische (newtonsche) Kosmos ist keiner; er hat seine nicht mehr abschließbare Grenze nicht im Objekt, sondern in der Erkenntnistheorie (erst die spezielle Relativitätstheorie hat sie wieder ins Objekt verlegt); zu seinen Konstituentien gehören subjektive, ins Objekt hineinprojizierte, nicht vom Objekt abstrahierte Prämissen; und diese Prämissen haben ihr fundamentum in re in der Gesellschaft, im Herrschaftsprozeß, in der Geschichte der Naturbeherrschung, nicht in der Natur; durch sie ist Natur in den gesellschaftlichen Schuldzusammenhang (der hier identisch wird mit dem Naturzusammenhang, der immer schon einer der zweiten, schuldbeladenen Natur war) verflochten, nicht mehr daraus abzulösen. Durch den Objektivationsprozeß wird Natur in einen nicht mehr aufzuhebenden Anklagezustand versetzt; die Naturerkenntnis ist das Gericht über die Natur, und dieses Gericht kennt keine Verteidigung und keine Gnade (unmögliche Aufgabe einer Naturphilosophie?). Hier ist der Ursprung der unauflösbaren Verbindung von Herrschaft und Schuld: Beherrschbar ist jedes Objekt nur durch Schuld, durch die es in das Inertialsystem der Herrschaft hereingezogen, ihrem Gesetz unterworfen wird; nur das Schuldmoment bietet den Ansatzpunkt, den Widerstand, an dem das Objekt greifbar, begreifbar wird; an diesem Widerstand arbeitet Herrschaft sich ab, entwickelt sie sich selbst zum Duplikat ihres Objekts (wie die Sonne zum Duplikat der Erde im newtonschen System). Trägheit, Masse, Materie (als Inbegriffe der Subjektlosigkeit) sind Begriffe, in denen in der Natur dieses Schuldmoment sich anzeigt. (Levinas hat den Zusammenhang des Materiebegriffs mit dem theologischen Schuldbegriff anhand seiner erkenntnistheoretischen Konstituentien aufgezeigt: Dieser Materiebegriff gründet in der Isolation des Einsamen. Ähnlich schon Ferdinand Ebner.)

  • 18.10.89

    Noch mal zum Begriff der Welt: Die Einheit der Welt wurde erstmals – zumindest der Idee nach – im Römischen Reich realisiert. Vgl. Michel Clevenot. – Urbi et Orbi: Der Katholizismus als Erbe dieser „katholischen“, universalen „Einheit“, als Verkörperung des einen Weltbegriffs (der dann die trinitarische Gottesvorstellung zwangsläufig nach sich zieht).

  • 01.10.89

    Heideggers Philosophie läßt sich auf zwei ganz unterschiedliche Weisen lesen: einmal als reine Sachanalyse, die dann aber zugleich die Verführungskraft der sich aufspreizenden Ich-Schwäche beiseite lassen, übersehen, verdrängen muß; zum andern als Analyse dieser Verführungskraft, der Heidegger selbst zum Opfer gefallen ist und deren historische Wirkung die des Sachgehalts bei weitem übersteigt. Die systematische Konstruktion und die Strategie der Argumentation (das „Zaubern“) der Fundamentalontologie entsprechen exakt dem Muster, das der Unbelehrbarkeit des Vorurteils, dem „pathologisch guten Gewissen“ zugrundeliegt. Und die ungeheure Wirkung der Heideggerschen Philosophie hängt genau mit der Bereitstellung dieses begrifflich-systematischen Musters zusammen. Sowohl die Affinität zum Nationalsozialismus (die sich nur hier aus seiner Philosophie ableiten läßt) als auch die Brauchbarkeit nach dem „Zusammenbruch“ des Faschismus (die Brauchbarkeit als Alibi) sind genau darin begründet. Hier liegt das Geheimnis der Heideggerschen Philosophie verborgen, das zugleich das Geheimnis der Philosophie seit Thales ist, gleichsam ihr Geburtsfehler, den Heidegger zu ihrem einzigen Inhalt gemacht hat. Wer dieses Rätsel löst, löst das Rätsel der Philosophie (das übrigens mit dem des Christentums unlösbar verbunden ist: das Rätsel ist auch ohne Reflexion auf die besondere Beziehung von Heideggers Philosophie zum unbekehrt mythischen Gehalt des „abendländischen Christentums“, zur Herrschaftsgeschichte des etablierten Christentums, nicht zu lösen).

    Oder: die erste Lösung des Rätsels der Philosophie schien das Christentum zu sein; in Wahrheit jedoch hat das Christentum den Knoten nur fester zugezogen.

  • 18.09.88

    Philosophie und Gebet: Das Gebet ist das einzige Korrektiv gegen das Vorurteil (Henri Bremond, korrigiert durch den letzten Satz des „Geist der Utopie“).

  • 16.09.89

    Sünde wider den Heiligen Geist oder theologische Erkenntniskritik: Die Welt als Inbegriff der Objektivität (der ersten und zweiten Natur) ist zugleich Inbegriff der gefallenen Natur. Die den Weltbegriff begründende Subjekt-Objekt-Beziehung hat selbst ihren Grund und ihr Modell in der Freund-Feind-Beziehung; sie orientiert sich an der Beziehung von Sieg und Niederlage und schließt die Idee der Versöhnung im striktesten Sinne aus. Die so strukturierte Welt aber begründet damit den Zwang zur Identifikation mit dem Sieger (mit den Überlebenden: daher die Verdrängung des Todes, der Zwang zur Erkenntnis des Alls im Sinne der Kritik F.R.’s: dieses All ist das objektivierte, unterworfene Universum); diese Welt ist, solange nicht Kritik ihr Konzept relativiert und Umkehr ebenso wie als theologisch-moralische auch als erkenntnistheoretische Kategorie begriffen und wirksam wird, Ursprung jeglichen Fanatismus, des religiösen wie des politischen, des Konfessionalismus (Fundamentalismus) wie des Nationalismus (als identitätsstiftende Instanz, gleichsam als transzendentales Subjekt). Das Identitätsprinzip (das auch das theologische Dogma beherrscht) führt direkt ins Freund-Feind-Denken hinein, es ist ohne Verdrängung nicht zu halten.

    Die Siege der Kirche und deren Produkte: die Orthodoxie und der Triumphalismus, sind ihre Niederlagen.

  • 10.09.89

    Der Weg von der Theorie zur Praxis führt über die Theologie. (Vergleichbar dem Sachverhalt, den der Satz „Verstehen bedeutet nicht Verzeihen“ bezeichnet.) Benjamins Begriff der „göttlichen Gewalt“ bezeichnet genau den Punkt (Differenz zwischen revolutionärer und „göttlicher Gewalt“?).

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