Theologie

  • 2.12.95

    Wer andere nicht verraten will, muß bereit sein, deren Sünde mit auf sich zu nehmen. Ist das der Sinn von Joh 129: Nimmt das Lamm Gottes die Sünde der Welt auf sich, weil es die Menschen nicht verraten will?
    Entspricht nicht der Idee des Jüngsten Gerichts, wenn sie als Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht zu verstehen ist, ähnlich wie auch dem Hegelschen Weltgericht ein Erkenntnisbegriff?
    Der Aktualitätspunkt, auf den die Prophetie sich bezieht, ihr Wahrheits- und Zeitkern, ist das „Heute, wenn ihr meine Stimme hört“: der „Tag des Herrn“, die dies dominica, den die Christen zum Sonntag neutralisiert haben.
    Zoologischer Garten: Der Sündenfall hat nicht die Menschen aus dem Garten der Tiere befreit, sondern er hat das Paradies zum Garten der Tiere gemacht.
    Wie hängen Kanaan (die Händler), Kana in Galiläa (die Hochzeit und das erste Wunder sowie die Folgegeschichte in Kapharnaum), die kanaanäische Frau, Simon der Kananäer (der Zelot) und Nathanael, „der aus Kana in Galiläa kam“ mit einander zusammen?
    In der vollständig instrumentalisierten Welt verlieren die Sakramente, die auch ein Stück ritualisierter Technik sind, ihre raison d’etre.
    Die logische Asymmetrie, die die Ethik zur prima philosophia macht, die es verwehrt, aus Grundsätzen des Handelns Maßstäbe des Urteils zu machen, gründet in der Differenz zwischen der Wahrheit eines Satzes und seiner Instrumentalisierung.
    Es gibt eine geheime Kommunikation zwischen dem Fortschritt der Ökonomie und dem der naturwissenschaftlichen Erkenntnis.
    Das Anschauen (von dem die subjektiven Formen der Anschauung abstrahiert sind) ist der mitleidslose Blick, der der Logik des „Richtet nicht, …“ unterliegt. Im Weltbegriff wird dieser mitleidslose Blick zur Grundlage eines Totalitätsbegriffs. Die Ursprungsgeschichte des Weltbegriffs fällt mit der des Staates zusammen.
    Begreifen und Denken: Ist der Begriff (vgl. auch die Heideggersche Unterscheidung des Vorhandenen vom Zuhandenen) das apokalyptische Zeichen an Hand und Stirn?
    Rechtfertigung zielt auf Unschuld, nicht auf Gerechtigkeit; aber nur Gerechtigkeit ist ein theologischer Begriff, Unschuld dagegen ein Weltbegriff. Die Idee der Gerechtigkeit konstituiert sich im Angesicht Gottes, der Begriff der Unschuld im Anblick der Anderen (im Kontext der Scham). Nur das Recht, nicht Gott, spricht jemanden schuldig oder unschuldig.
    Teilhard de Chardin hat einmal auf den instrumentellen Charakter des Organischen hingewiesen, der soweit geht, daß z.B. „der Maulwurf … ein Grabwerkzeug und das Pferd ein Laufwerkzeug, der Tümmler ein Schwimmwerkzeug und der Vogel ein Fliegwerkzeug“ ist. „In diesen verschiedenen Fällen gibt es eine werkzeugliche Besonderheit für jede Gattung, jede Familie oder zoologische Ordnung. Anderswo, z.B. bei den sozialen Insekten, sind ausgewählte Individuen allein mehr oder weniger vollständig zu Kriegs- oder Fortpflanzungswerkzeugen umgebildet.“ (Auswahl aus dem Werk, Freiburg i.Br. 1964, S. 57) Läßt nicht das Leben der Tiere insgesamt (der Begriff des Instinkts verweist darauf) als ein Leben im Bann einer Selbstinstrumentalisierung sich begreifen, den das einzelne Tier durch Reflexion nicht aufzulösen vermag, in den es verstrickt ist, dem es nicht entrinnen kann.

  • 1.12.95

    Brief an Ton Veerkamp:
    Zum apokalyptischen Symbol des Tieres (das im moralischen Gebrauch dieses Symbols, in seiner Anwendung auf den Trieb, die Sexualität, gleichsam halbiert wird) ist darauf hinzuweisen, daß es nicht im Gegensatz zur selbsterhaltenden Vernunft, sondern als die apokalyptische Gestalt ihrer kollektiven Verkörperungen zu begreifen wäre: als Verkörperung einer Gestalt der Vernunft, die durch Einschränkung aufs Selbsterhaltungsprinzip sich selbst ihrer erkennenden Kraft beraubt. Der Repräsentant der Selbsterhaltung im Erkenntnisprozeß ist die intentio recta: der Positivismus (Zusammenhang mit dem Weltbegriff; Wittgenstein; Hegels Logik; Kants Definition von Natur und Welt; die Urteilslogik und die subjektiven Formen der Anschauung, das Geld und die Bekenntnislogik; Sprachphilosophie und Theologie des Falls).

  • 30.11.95

    Ist nicht das Märchen vom Swinegel un sin Fru eine Parabel fürs Inertialsystem? Der Hase ist die Zeit, der Swinegel un sin Fru sind der Raum; oder der Hase ist ein Bild der Zukunft, der Swinegel un sin Fru das gespaltene Bild der Vergangenheit: Immer wenn der Hase eintrifft, sagt der Swinegel oder seine von ihm nicht unterscheidbare Frau: Ick bün all do. Die Geschichte des Fortschritts der naturwissenschaftlichen Erkenntnis ist die Geschichte, in der der Swinegel un sin Fru immer weitere Bereiche besetzen und absichern, während der Hase immer nur den kürzeren zieht. Wird am Ende der tote Hase zum Swinegel?
    Der Objektbegriff ist eine Kreuzung aus Hase und Swinegel; oder biblisch: der Objektbegriff spannt Rind und Esel gemeinsam vor den Pflug. Nichts anderes bedeutet der Satz von der Identität der trägen und schweren Masse. Beide unterscheiden sich wie Rind und Esel durch ihre Beziehung zum Opfer.
    Der Kreuzestod war das letzte Opfer, das keines mehr war. Die Opfertheologie gründet in der Blindheit des Hasen, der den Swinegel un sin Fru nicht unterscheiden kann.
    Das Dogma ist das Korrelat der Verblendung des Hasen über den Swinegel und sin Fru, in deren Verstrickung er selbst mit einbezogen wird (vgl. das Hasenfenster im Paderborner Dom, in dem unterm Bann der Homousia auch der Swinegel un sin Fru zu Hasen geworden sind).
    Läßt das Prinzip der Reversibilität aller Richtungen im Raum sich nicht durch den Hinweis widerlegen, daß die Erdbewegung irreversibel ist (könnte es sein, daß in der Umkehr dieser Bewegung der Himmel „wie eine Buchrolle“, in der die Taten und Leiden der menschen aufgezeichnet sind, sich aufrollt?).
    Ist nicht Trägheit die Spur des Widerstands gegen die Vertauschung von Vorn und Hinten, das Gravitationsgesetz die des Widerstands gegen die Vertauschung von Oben und Unten und die Elektrodynamik und die gesamte Mikrophysik die des Widerstands gegen die Vertauschung von Rechts und Links? (Wird nicht bei der Vertauschung von Rechts und Links im Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit der tote Hase sichtbar?)
    Sind die Archonten des Paulus die sieben unreinen Geister, von denen nur Maria Magdalena befreit war? Oder auch die sieben Siegel, die nur das Lamm, das die Erstgeburt des Esels auslöst, zu lösen vermag?
    Hat die Differenz zwischen Mt 1619 und 1818 (die Vertauschung von Singular und Plural: Petrus: en tois ouranois, in den Himmeln gebunden/gelöst – Kirche: en ourano, im Himmel gebunden/gelöst) etwas mit der Unterscheidung des Tieres aus dem Meer (als Verkörperung des Plurals) vom Tier vom Lande (als Verkörperung des principium individuationis) zu tun? Ist das Binden und Lösen der ekklesia ein anderes (hat es ein anderes telos) als das des Petrus? Und verweist diese Differenz nicht auf den Ablauf des Geschehens im Buch Jona, in dem zuerst das Volk Buße tut, danach erst, nachdem die Nachricht davon zu ihm durchgedrungen ist, der König, der dann die allgemeine Buße für das Volk und die Tiere ausruft?

  • 28.11.95

    Confessor und virgo sind als Verkörperungen der reflektierten und der natürlichen Unschuld Spiegelungen der Begriffe Welt und Natur im Medium des Heiligen: Sie rücken das Bekenntnis und die weibliche Unschuld in den Bereich des Unberührbaren. Hängt die Zweideutigkeit des Zeugungsbegriffs in der Trinitätslehre nicht hiermit zusammen: die Idee einer von der Berührung (und Befleckung) mit dem Weiblichen gereinigten Zeugung, die die natürliche männliche Zeugung in den Kern des „Schuldzusammenhangs des Lebendigen“ rückt, sie zum Quellpunkt der Schicksalsidee und ihrer subjektiven Reflexionform, des Begriffs (christlich gesprochen: der Erbsünde), macht?
    In jedem Feindbild steckt ein symbiotisches Element. Das gilt für den faschistischen Antisemitismus wie auch für den Bosnienkonflikt. Jede Empörung rechtfertigt mit den Untaten der anderen, über die sie sich empört, die eigenen.
    Hat die Trinitätslehre in der Vater-Sohn-Beziehung dieses symbiotische Element theologisiert, und ist die homousia, zusammen mit der Opfertheologie, dem Kern der Bekenntnislogik, der Ausdruck dieser Symbiose?
    Der Begriff des horror vacui war auch einmal eine Warnung davor, Erkenntnis auf der Vorstellung des leeren Raumes zu gründen (auf der Grundlage und im Kontext der subjektiven Formen der Anschauung). Für den Schreibenden erzeugt schon das leere Blatt (die tabula rasa) den horror vacui: in diesem horror gründet die Geometrie. Der Historismus, zu dessen Konstituentien die subjektive Form der inneren Anschauung, das vergegenständlichte Zeitkontinuum gehört (der Seitenblick auf die Zeit, der die Ewigkeit unsichtbar macht, indem er es durch das Überzeitliche ersetzt), ist ein Produkt der Nekrophilie des Herrendenkens: der Betondeckel über dem Abgrund der Vergangenheit. Das Herrendenken weiß, daß für es die Hoffnung auf Auferstehung nicht gilt. Deshalb soll sie auch für seine Opfer nicht gelten. Die Ewigkeit, an die das Herrendenken glaubt, die es (u.a. in der philosophischen Unsterblichkeitslehre) sich erhofft, ist die Ewigkeit des Schweigens der Opfer: die Ewigkeit des Todes derer, in denen es seine Richter erkennt („Mächtige stürzt er vom Thron und erhebt die Niedrigen“).

  • 27.11.95

    Die Natur ist das Produkt, die Welt das Instrument der Historisierung der Gegenwart, der Erweckung der Kräfte der Vergangenheit in der Gegenwart.
    „Ihr seid das Licht der Welt“: Das Christentum hat die Schöpfung, das Sechstagewerk, revoziert und zugleich das Werk des ersten Tages erneuert. Die Aufhebung des Sabbat und seine Verschiebung auf die dies dominica, den „Tag des Herrn“, hängt damit zusammen. War diese Verschiebung nicht zunächst eine Umkehrung, und zwar in dem gleichen Sinne, in dem die Bekehrung eine Umkehrung der Umkehr ist?
    Die Apokalypse ist nichts weniger als das Buch mit sieben Siegeln, sie ist vielmehr der Text, der das Verfahren ihrer Lösung in sich birgt. Das siebenfach versiegelte Buch ist die Welt.
    Hat die Höhe der angedrohten Bußgelder (100 000 DM) im neu eingerichteten Naturschutzgebiet Rüsselsheim/Mörfelden etwas mit dem Umfang der Schäden zu tun, die die Startbahn West in diesem Gebiet inzwischen angerichtet hat? Und in welcher Beziehung steht das in der Naturschutzverordnung enthaltene Verbot, in diesem Gebiet Bild- oder Tonaufnahmen zu machen, zur derzeitigen politischen Absicht, den großen Lauschangriff einzuführen?
    Kriege sind explodierende Schuldverschubsysteme.
    Der letzte Krieg konnte nicht mehr durch einen Friedensschluß beendet werden; zugleich hat die Nachkriegsentwicklung die politischen Verlierer zu ökonomischen Gewinnern gemacht. Japan und Deutschland sind mit den USA an die Spitze der mächtigsten Nationen gerückt. Zusammen mit der weltweiten Durchsetzung der Marktgesetze (mit der Herstellung der Einheit der Welt) haben die Quellen der Macht immer offener in die Ökonomie sich verlagert, die dazu ihre eigenen politikunabhängigen Institutionen und Verwaltungsapparate sich geschaffen hat. Die Politik ist zu einem Handlanger der Wirtschaft geworden, die Regierungen der Nationen zu einem Satellitensystem, das das Schwerezentrum der Ökonomie umkreist. Es gibt keine souveränen Staaten mehr, die zu ihrem eigenen Selbstverständnis (und zur Begründung ihrer Souveränität) noch eines Friedensschlusses bedürften (oder dazu überhaupt noch fähig wären). Dem politischen Prozeß (der Regression von Politik in Verwaltung) entspricht ein logischer: Ausdruck dieses Vorgangs ist ein Positivismus, der zur Reflexion seiner eigenen Voraussetzungen nicht mehr fähig ist.
    Der Terrorismus spiegelt eine Zustand der Vernunft wider, die unfähig geworden ist, in einer Welt, die von anderen Kräften beherrscht und bewegt wird, etwas anderes als das reine Eigeninteresse noch zu reflektieren. War der Staat einmal die Organisationsform einer Gesellschaft von Privateigentümern, so verweist der Terrorismus auf eine Entwicklungsstufe des Staates (und des Privateigentums), in deren Kontext es zur Selbsterhaltung keine Alternative mehr gibt.

  • 26.11.95

    Gegen Derrida: Der Benjaminsche Text bietet keinen realen Anlaß, im Begriff der „göttlichen Gewalt“ die Endlösung, den Holocaust, Auschwitz wiederzuerkennen. Diese Assoziation wird im Gegenteil durch eine genaue Lektüre des Textes definitiv ausgeschlossen. Was die Beziehung herstellt, ist ein Verfahren, zu dessen Kritik Levinas das durchschlagende Stichwort gegeben hat, als er bemerkte, daß die Attribute Gottes nicht im Indikativ, sondern im Imperativ stehen. Die Kontamination der göttlichen mit der mythischen Gewalt, die der Derridaschen Assoziation die Basis liefert, ist das Werk Derridas, nicht Benjamins (in dessen Text er sein Verfahren dann hineinprojiziert), wenn er explizit theologische Texte Benjamins, die der Levinasschen Forderung genügen, zurückübersetzt in den Indikativ (das gleiche Verfahren gehört übrigens zur christlichen Begründung und Ausgestaltung des Dogmas, der Orthodoxie, und markiert deren Differenz zur Wahrheit).
    Hilfreich zum Verständnis ist die Benjaminsche Unterscheidung von Ausdruck und Mitteilung. Wenn man sie auf die Derridasche Interpretation des Benjaminschen Textes anwendet, wird man schnell gewahr, daß mit der Übersetzung in den Indikativ das, was bei Benjamin sich ausdrückt, in eine Mitteilung umgeformt wird. Diese Umformung ist eine der Instrumentalisierung, die Rückübersetzung der Offenbarung in den Mythos (eine Übersetzung, die der Weltbegriff gleichsam automatisch leistet: der Weltbegriff ist der Inbegriff der transzendentalen Logik der Instrumentalisierung der Wahrheit und selber das Instrument der Zerstörung des Namens).
    Wenn Derrida dem Benjaminschen Text hätte gerecht werden wollen, hätte er zumindest auf die zentrale Rolle des Satzes „Du sollst nicht töten“ in diesem Text eingehen müssen sowie darauf, daß die Idee der göttlichen Gewalt deren Instrumentalisierung schon im Ansatz ausschließt. „Mein ist die Rache, spricht der Herr“, und die einzig legitime Konsequenz aus der Idee der göttlichen Gewalt wäre es gewesen, sie auf die Täter des Holocausts, in keinem Falle aber auf ihre Tat zu beziehen. Zu den letzten Manifestationen des katholischen Volksglaubens in Deutschland, bevor er endgültig ins Blasphemische sich aufgelöst hat, gehörte unmittelbar nach dem Krieg die Angst: Das wird sich einmal rächen.
    Wenn Auschwitz eine theologische Bedeutung hat, dann die, daß es der Instrumentalisierung des Kreuzestodes Jesu, und damit der Opfertheologie, der Bekenntnislogik, dem Dogma und der verdinglichten Orthodoxie (der Konfundierung der Theologie mit dem Weltbegriff), endgültig den Boden entzogen hat.
    Die Benjaminsche Unterscheidung von rechtsetzender und rechtserhaltender Gewalt rührt an den Grund der Unterscheidung von Natur und Welt, die als Totalitätsbegriffe im Erkenntnisprozeß genau diese Funktionen: die Bindung der Erkenntnis ans Urteil, abdecken. (Die Geschichte der Naturerkenntnis ist die ins Innere transformierte Fortsetzung der heroischen Gründungsgeschichte des Staates und der Zivilisation, und der Naturbegriff selber das Korrelat und die Stütze des Gewaltmonopols des Staates.)
    Die Polizei ist das Paradigma des Hoheitlichen (der Repräsentation der staatlichen Gewalt). Sie gehört zur staatlichen Verwaltung wie das Militär zur Nationalökonomie. Stammt nicht der Name der Polizei aus den Anfängen der Verwaltungswissenschaft?
    Rührt nicht Walter Benjamins These vom mythischen Charakter des Rechts an den Grund des Prinzips, demzufolge Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist? Die Aufnahme der Gemeinheit in den Kanon strafrechtlicher Tatbestande hätte die Selbstauflösung des Rechts zur Folge. Genau hier wird deutlich, weshalb der Benjaminsche Begriff der göttlichen Gewalt niemals auf die Endlösung Anwendung finden kann. Auschwitz hat das Recht durch Reduktion auf ihren Gemeinheitskern (auf den Kern der rechtsbegründenden und -erhaltenden mythischen Gewalt) zerstört, der Begriff der göttlichen Gewalt hingegen zielt auf die Auflösung des Rechts durch Zerstörung seines Gemeinheitskerns. (Das Jüngste Gericht ist der Widerpart des Hegelschen Weltgerichts: das Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht.)
    Aus dem gleichen Grunde wäre abzuleiten, daß der Antisemitismus niemals als Anwendungsfall des Rassismus oder des Vorurteils sich begreifen läßt, sondern nur als deren Wurzel.
    Das Obszöne an den raf-Prozessen ist der offene Gebrauch, den Gericht und Bundesanwaltschaft vom Gewaltmonopol des Staates machen. In der Konsequenz dieses Verfahrens liegt es, daß die Angeklagte nur noch als Feind wahrgenommen wird. (Die Verteidung wird im Lichte des Grundsatzes wahrgenommen: Wer sich verteidigt, klagt sich an.) Hier gibts nicht nur keine „Waffengleichheit“ mehr, sondern hier geht die Vorverurteilung soweit, daß Verteidung und Besucher apriori zur Sympathisanten-Szene gezählt werden.
    Gehören nicht die drei Formen des gewaltsamen Todes im Neuen Testament zusammen: die Enthauptung des Täufers, die Kreuzigung Jesu und die Steinigung des Stephanus?
    Sind der Orion und die Plejaden die Repräsentanten des Tierkreises und der Planeten am Fixsternhimmel? Und auf wen bezieht sich das Binden, und auf wen das Lösen (vgl. Hiob 3831 und 99)?
    Kinder haften für ihre Eltern: Der biblische Satz „Wenn dein Sohn dich fragt …“ bezieht sich auf die Weitergabe der Lehre vom Vater auf den Sohn, der 68er Satz „Wenn meine Kinder mich einmal fragen …“ dagegen auf den Rechtfertigungszwang, unter dem das Bewußtsein in Deutschland seit dem Ende des Faschismus steht. Dieser Satz gehört zu dem Schwarzen Loch, das der Faschismus erzeugt hat, das die Lehre nur noch in sich hereinsaugt und ihre Vernichtung befördert, aber nicht mehr ausstrahlt.
    Holgers Waschsalon: Sind heute nicht alle religiösen Positionen besetzt von Gruppen, die die Religion als Exkulpationsmaschine (als Hilfe, ihre Schuldgefühle loszuwerden, als synthetische Kuschelecke) brauchen? Dem hat die Theologie schon seit der Zeit der Kirchenväter vorgearbeitet. Aber konvergiert nicht dieser Exkulpationstrieb auf eine ebenso erschreckende wie verhängnisvolle Weise mit der Tendenz, die Religion zugleich in eine Religion für andere umzuformen: in ein Instrument der Vergesellschaftung von Herrschaft?
    Creatio mundi ex nihilo: Produkt einer projektiven Erkenntnislogik, die eigentlich auf ein Stück Urgeschichte des Kapitalismus sich bezieht, auf die Vorgeschichte der Kreditschöpfung der Banken? Die Risiken der Banken sind die Risiken der Sparer, die Risiken der Unternehmer sind die Arbeitnehmer, deren Arbeitsplatz auf dem Spiel steht, und die Risiken des Krieges sind die der Bevölkerungen, deren Anteil an den Opfern der Kriege den des Militärs inzwischen weit übersteigen. Die Risiken der Entscheidungen haben heute nicht mehr die zu tragen, die sie treffen, sondern die, für die sie getroffen werden (Anmerkung zu den Begriffen Verantwortung und Repräsentation).
    „Soll aber der Mensch noch einmal in die Nähe des Seins finden, dann muß er zuvor lernen, im Namenlosen zu existieren“ (Heidegger, Kant und das Problem der Metaphysik, S. 150, zitiert nach Derrida, Die Schrift und die Differenz, S. 208). Die Begründung ist einfach: Weil das Sein den Namen löscht, alles gleichnamig macht. Wenn Derrida in diesem Zusammenhang auf die Kabbala verweist (auf die „unaussprechbare Möglichkeit des Namens“), so weiß er nicht, wovon er redet. Das Ziel der Kabbala war die Heiligung des Gottesnamens, während die Ontologie seit je darauf abzielte, den Gottesnamen zu tilgen.
    War die Ontologie (das „Sein“: die Installierung des Urteils) das Schwert, mit dem Alexander den gordischen Knoten durchschlagen hat?

  • 23.11.95

    Zu Derrida, Gesetzeskraft: Wie hängt der (den Staat, die Welt und die Bekenntnislogik konstituierende) Begriff der Gewalt mit der Zeitumkehr, mit der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit, zusammen (Gesetz und Naturbeherrschung, vgl. S. 15)? Wäre nicht gegen die Derridasche Interpretation des Benjaminschen Aufsatzes auf den Satz, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist, und auf den hiermit zu begründenden Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit hinzuweisen? Der Satz über die Gemeinheit gründet in der Fundierung des Rechts in der Logik des Beweises; in der gleichen Sphäre, in der auch die Logik der Dekonstruktion begründet ist. Die Logik der Dekonstruktion ist die Logik der Dekonstruktion der Beweislogik auf dem Boden der Beweislogik und unter Verzicht auf deren Reflexion. Hat Derrida deshalb die Intention des ihm vorgelegte Themas als inquisitorisch empfunden (S. 9)?
    Hat die Levinassche Bemerkung über die Attribute Gottes, die im Imperativ und nicht im Indikativ stehen, etwas mit dem Satz über Rind und Esel zu tun: Ist der Indikativ ein Imperativ für andere, Produkt der Umformung der Last ins Joch und Grundlegung des Schuldverschubsystems? Im Bannkreis der Logik des Indikativs ist die Welt alles, was der Fall ist. Ist nicht die Welt selber (und ihr philosophischer Reflex: die Ontologie) das instrumentalisierte Joch?
    Die Erkenntnisfunktion des Urteils fällt insgesamt unter das Verdikt des Satzes „Richtet nicht, …“
    Buber hat den Anfang des Ps 110 („Es sprach der Herr zu meinem Herrn“) so übersetzt: „Erlauten von IHM zu meinem Herrn: Sitze zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde lege als Schemel zu deinen Füßen“ und Ps 27f: „Berichten will ichs zum Gesetz, ER hat zu mir gesprochen: Mein Sohn bist du, selber habe ich heut dich gezeugt. Heische von mir und ich gebe die Weltstämme als Eigentum dir, als Hufe dir die Ränder der Erde“. Ist Ps 27 die einzige Stelle, mit der die Zeugung des Sohns durch den Vater im Credo sich begründen läßt (und begründet wird)?
    Ist es nicht eine sehr katholische Tradition, die die Zeugung mit einer Schuld (der Schuld des Vaters, die den Opfertod des Sohnes begründet) verknüpft, der gleichen Schuld, vor der die Kirche die Priester durchs Zölibat vergeblich zu schützen versucht? Diese Schuld entspringt genau an der Stelle, an der der bis heute uneingelöste Imperativ der göttlichen Barmherzigkeit durch den mythischen Indikativ des „erlösenden Opfers“ storniert, verdrängt und ersetzt wird. Mit dem Begriff der Zeugung wurde der griechische Naturbegriff (der die Naturbeherrschung an den magischen Kern des Naturbegriffs selber heranführt) ins dogmatische Herz der Theologie transplantiert. War nicht das Zölibat das Instrument, mit dessen Hilfe die Priester sich zu Herren des trinitarischen Gottes gemacht haben? Und ist nicht diese Form des Priestertums die institutionalisierte Weigerung, die Sünde der Welt auf sich zu nehmen (und der character indelebilis des Priesteramts ein Hinweis auf den Grund der Lehre von der Entsühnung der Welt durch den Opfertod Jesu am Kreuz)? Ist es nicht an der Zeit, die Priestertheologie endlich durch eine Laientheologie (durch eine Theologie der Nachfolge) zu ersetzen?
    Unschuldig (und in dem Sinne heilig) sind nach der Logik der Priestertheologie der Confessor und die Virgo, der eine durchs Bekenntnis (durch Schuldumkehr und -verschiebung: kein Bekenntnis ohne Sexualmoral), die andere durch eine durch keine Zeugung befleckte Reinheit.
    Die Priesterlogik hat das Brotbrechen in die Opfertheologie transformiert (das war der Realgrund der dann aufs Objekt verschobenen Transsubstantiation).
    Die Geschichte der Hexenverfolgung ist ein Teil jener Phase der Herrschaftsgeschichte, in der Religion endgültig zur Religion für andere (zu „Privatsache“ der Herrschenden) geworden ist, und in der die „evangelischen Räte“: Armut, Gehorsam und insbesondere die Keuschheit endgültig für Herrschaftszwecke instrumentalisiert worden sind.
    Ist die Verwaltung (die unter dem Druck der Verhältnisse in Institutionen wie UNO, Weltbank, IWF, GATT, EU u.ä. heute erstmals durchgreifend transnational sich etabliert) das Tier aus dem Wasser, und sind die Medien das Tier vom Lande? Zwingt die Verwaltung die Bevölkerung unters Joch, während die Medien ihr die Last auferlegen; macht die Verwaltung die Bevölkerung zu Rindern, machen die Medien sie zu Eseln?

  • 22.11.95

    Der Andere und der Fremde: Der Begriff des Anderen ist ein Systembegriff, der des Fremden ein systemsprengender Begriff. Der Weltbegriff macht alles Weltliche zu Anderem für Andere; das Eine, das das Andere für Andere ist, ist im Kontext des Weltbegriffs in diesem Anderssein aufgehoben und verschwunden. Der Satz: „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“, drückt diese Struktur aufs genaueste aus. Als ihnen die Augen aufgingen, lernten sie sich in den Augen der Anderen sehen: Da erkannten sie, daß sie nackt waren. Diese Nacktheit ist das biblische Äquivalent des philosophischen Andersseins. Das, was ich unter dem Zwang der Logik der Scham (unterm Rechtfertigungszwang) in mir verdrängen muß, ist damit nicht wirklich verschwunden: Es erscheint in der Gestalt des Fremden (zugespitzt in den Gestalten des Feindes, des Verräters und in der der Sexualität, der weiblichen Verführung), der, weil er der Systemlogik des Andersseins sich nicht einordnet, zur Projektionsfolie meiner Verdrängungen wird. In dieser Logik gründet die Xenophobie.
    Läßt die Beziehung des Andern zum Fremden nicht an der Beziehung des Inertialsystems zum Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit sich ablesen? Bezeichnet nicht die Lichtgeschwindigkeit (zusammen mit der Gravitationskonstanten) genau den Fremdheitspunkt im System? Im Inertialsystem ist die Division durch 0 (das Äquivalent der Orthogonalität) nicht gleich Unendlich, sondern = c, gleich der Lichtgeschwindigkeit (vgl. hierzu die Erörterungen Derridas über die Beziehungen der Begriffe des Andern, des Fremden und des Unendlichen in seinem Essay über Levinas, in: Die Schrift und die Differenz, S. 121ff, insbes. S. 149ff, 159ff, 174).
    Die 0 (Null) ist der Statthalter der Orthogonalität in der Mathematik. Die Vorstellung der Unendlichkeit des Raumes ist durch ein dreifaches Nichts (durch drei Nullen, die erst durch ihre wechselseitige Reflexion mit einander identisch, zu Nullen, werden: durch eine dreifache Abstraktion) vermittelt. Vorläufer der Null, ihr Statthalter in der Sprache, war das Neutrum, in der Schrift symbolisiert durch die Schlange: „An jenem Tage wird der HERR mit seinem harten, großen und starken Schwerte heimsuchen den Leviathan, die flüchtige Schlange, und den Leviathan, die gewundene Schlange, und wird den Drachen töten, der im Meere haust“ (Jes 271).
    Die Null ist die Narbe an der Stelle, an der Alexander den gordischen Knoten durchschlagen hat, sie ist dann zu einem Instrument im Klassenkampf geworden.
    Redundanz: Der Begriff des Rassismus erklärt die Xenophobie auf der Basis und im Rahmen der Logik der Xenophobie.
    Zur Geschichte des Objektbegriffs: Die Kopenhagener Schule hat die ungelösten Probleme der Äthertheorie in den mikrophysikalischen Objektbegriff mit hereingenommen, sie hat sie zu dinglichen Eigenschaften von Objekten (der „Elementarteilchen“) gemacht. Hierauf bezog sich meine These, daß die Strukturen der Mikrophysik (des gesamten Bereichs, den das Plancksche Wirkungsquantum eröffnet hat) aus der Form des durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit neu definierten Inertialsystems sich müssen herleiten lassen.
    Hat der Faschismus nicht eine sehr christliche Tradition terroristisch zugespitzt, als er den Opfern auch nachträglich noch unauslöschliche Schuldgefühle mitgegeben hat? Der daraus sich herleitende Rechtfertigungszwang läßt sich nur im Kontext der Reflexion der Genesis dieser Schuldgefühle (die gegenstandslos, aber nicht grundlos sind) auflösen. Und nur auf die Auflösung dieses Rechtfertigungszwangs, nicht der Schuldgefühle, kommt es an. Was heute Religion heißt: der vergebliche Versuch, diese Schuldgefühle (unter Hinweis auf ihre Gegenstandslosigkeit) loszuwerden, bleibt in diese Rechtfertigungszwänge verstrickt. Diese Religion ontologisiert das Schuldverschubsystem: Sie macht sich selbst lahm und blind.
    Liegt das ungeheure symbolische Potential des Konflikts um die sogenannte friedliche Nutzung der Atomenergie nicht in ihrer Beziehung zu diesem Schuldverschubsystem? Welch schreckliche symbolische Logik liegt nicht in der Geschichte, daß C. F. von Weizsäcker, der in die Entstehungsgeschichte der angeblich friedlichen Nutzung der Atomenergie involviert war, vor Jahren sich einen privaten Atombunker gebaut haben soll? Und ist die Wirksamkeit des Schuldverschubsystems nicht direkt an seiner Formel für die Energiebilanz der Sonne, die eigentlich auf die Technik der „Uranmaschine“ abzielte, abzulesen (an der kosmologischen Verschiebung eines technischen und erkenntnistheoretischen Problems)? Auch das ein Versuch der Verharmlosung (und Schuldentlastung): die Verschiebung des Problems aus einer ethisch relevanten in eine ethikfreie Zone: ins Kosmologische. War dieses Konstrukt nicht ein Vorläufer der „kosmologischen“ Theorien des Urknalls oder auch des Schwarzen Lochs (der „Kosmologisierung“ technischer Redundanz-Probleme)?
    Entsühnung der Welt: Ersetzen heute nicht Exkulpationsmechanismen, der Trieb, den Komfort des guten Gewissens sich zu erhalten, immer deutlicher und massiver die Arbeit an der Erkenntnis dessen, was hinter dem Vorhang sich abspielt? Heute wollen die Menschen nicht mehr wissen, was sie tun, sie wollen nur noch, was sie tun, ohne Schuldgefühle tun.
    Beim Tod Jesu „(zerriß) der Vorhang im Tempel … von oben bis unten in zwei Stücke, und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Grüfte öffneten sich, und viele Leiber der Entschlafenen wurden auferweckt; und sie kamen nach seiner Auferweckung aus den Grüften hervor, gingen in die heilige Stadt und erschienen vielen“ (Mt 2751f). Wird hier nicht beschrieben, was „hinter dem Vorhang“ ist?

  • 18.11.95

    Der Weltbegriff ist das Produkt einer Transformation der Schicksalsidee: Die Welt läßt sich als der Inbegriff aller Begriffe bestimmen; der Begriff aber ist ein Produkt der Verinnerlichung der Schicksalsidee. Die Form des Schicksals wird in der Form des Begriffs gleichsam instrumentalisiert, sie reproduziert sich in der Beziehung des Begriffs zum Objekt.
    Wie die Prophetie (die Offenbarung) aus der Kritik der Schicksalsidee sich herleitet und bestimmt, so die Apokalypse aus der Kritik des Weltbegriffs. Während die Prophetie (und nicht die Aufklärung) als Widerpart des Mythos, als das Element seiner Auflösung, sich begreift, läßt die Apokalypse als Widerpart des Weltbegriffs (des Staats, der Philosophie und des Rechts) sich bestimmen.
    Die beiden Bedeutungen des Seins (die dem Infinitiv zugrundeliegende Hypostasierung der Kopula im Urteil und das Possessivpronomen der dritten Person singular, männlich) reflektieren die Beziehung der Philosophie und des Rechts zum Weltbegriff.
    Hängt die Übersetzung von tän hamartian tou kosmou (mit der Sünde im Singular) in peccata mundi (Sünde im Plural) mit der lateinischen Sprachlogik (mit der gleichen Logik, die auch in der Übersetzung von kosmos in mundus und physis in natura sich ausdrückt: mit dem Übergang von einer vordogmatischen in eine nachdogmatische Sprachlogik) zusammen?
    Wie präsentiert sich die Venus-Katastrophe im griechischen Mythos? Liegt dem, was Velikovsky e.a. die Venus-Katastrophe nennen, im Zusammenhang mit einer gesellschaftlichen Naturkatastrophe ein sprachgeschichtlicher Paradigmenwechsel zugrunde? Hängt die Geschichte mit der des Ursprungs der indogermanischen Sprache (dem Durchbruch und der sprachlogischen Entfaltung des Herrendenkens) zusammen?
    In der christlichen Tradition wurde die Schlange mit dem Weib in eins gesetzt (die „Hure Babylon“ entstammt dieser Tradition): Liegt dem nicht eine Verarbeitung der Ischtar-Astarte-Tradition zugrunde?
    Mit der Verinnerlichung der Schicksalsidee entspringt – als dessen gegenständliches Korrelat, als Fundus der projektiven Verschiebungsarbeit – der Naturbegriff (Paradigma der Geschichte der Objektivierung).
    Zu den geheimen Voraussetzungen des „All“, das – Rosenzweig zufolge – durch die Reflexion der Todesangst gesprengt wird, gehören die subjektiven Formen der Anschauung: Ohne die totalisierende Einheit des Raumes würde es den Begriff des All nicht geben. Die Raumvorstellung ist der Inbegriff der Abstraktionen, die den Begriff des All konstituieren.
    Die Logik des Herrendenkens hat das Verdrängte der Zwangserinnerung der Bekenntnislogik überantwortet. Die Bekenntnislogik (die Umkehr des Schuldbekenntnisses) entsühnt in der Tat die Welt, sie hat den kosmos zum mundus gemacht (gereinigt). Ist die Schuldreflexion (die Auf-sich-Nahme der Schuld der Welt) der Schlüssel zum Verständnis der Apokalypse?
    Als Habermas die Naturspekulation aus der Philosophie ausgeschieden hat, hat er da nicht die Sprache ihrer Wurzel beraubt? Seitdem gibt es – insbesondere im Zusammenhang seiner Kommunikationstheorie, seines Konzepts des „herrschaftsfreien Diskurses“ – bei ihm Texte, deren appeal dem technischer Gebrauchsanweisungen immer mehr sich anzugleichen scheint. Der herrschaftsfreie Diskurs ist ein Alibi für die Diskriminierung der Reflexion von Herrschaft.
    Unterscheiden sich die beiden Stellen, an denen in der Schrift dem Himmel und der Erde die Attribute „wie aus Eisen“ und „aus Erz“ zugesprochen werden (und die invers aufeinander sich beziehen, vgl. Lev 2619 und Deut 2823), auch noch durch andere Konnotationen?

  • 17.11.95

    Der Weltbegriff hat die Schicksalsidee durch Identifikation mit dem Aggressor besiegt und konserviert zugleich.
    Ist nicht der gesamte Mythos „Sprachphilosophie“ im Bann der Herrschaft?
    Die klassischen Sprachen des Altertums lassen als in sich konsistente Ausgestaltungen der Logik der Schrift sich begreifen. Das heißt jedoch nicht, daß sie Folgen der Erfindung der Schrift sind, es wäre ebenso plausibel anzunehmen, daß in diesen Sprachen die sich entfaltende Herrschaftslogik der Logik der Schrift soweit entgegengearbeitet hat, daß ein bruchloser Übergang dann möglich war.
    Die Schicksalsidee war der genaueste Ausdruck des Zusammenhangs von Sprachentfaltung und Herrschaftslogik. Der Islam hat diese Schicksalsidee nur personalisiert, damit ihrer Reflexion aber den Weg verstellt.
    Prophetie und Apokalypse unterscheiden sich durch das Dazwischentreten des Weltbegriffs: Erst die Apokalypse thematisiert die theologische Relevanz der Weltreiche.
    War nicht das Winterhilfswerk der Nazis der erste (gelungene) Versuch der Instrumentalisierung der Hilfsbereitschaft der Menschen? Daß die Sammlungen dann anderen Zwecken zugeführt wurden, verdeutlicht nur die Problematik des Spendenwesens seitdem. Stehen die Hilfsorganisationen heute nicht auch in dieser Tradition? Das aber heißt: Sind sie nicht in erster Linie ein Ausdruck der wachsenden Ohnmacht, in die Verhältnisse ändernd einzugreifen? Befestigen sie nicht diese Ohnmacht, indem sie sie instrumentalisieren und nur abschöpfen?
    Der Druck, unter dem der Positivismus sich konstituiert (und der ihn zugleich zu legitimieren scheint), gründet in den Problemen, die der kritischen Reflexion der intentio recta im Wege stehen. Es gibt so etwas wie eine Selbstlegitimation der intentio recta im Kontext ihrer Beziehung zur Herrschaftsgeschichte: Die intentio recta ist selber eine Funktion der Herrschaftsgeschichte und nur durch Reflexion der Herrschaftslogik, die sie begründet, aufzulösen. (Im privaten Bereich entspricht dem das Gerede, das unterm Bann der Rechtfertigungszwänge steht und unfähig ist, sich in den, über den geredet wird, hineinzuversetzen.)
    Merkwürdige Tradition, die den Kreis oder die Kugel als Bilder der Vollkommenheit auffaßt, während sie in Wahrheit Symbole des Schicksals und dessen, was Jeremias das „Grauen um und um“ genannt hat, sind.
    Bosnien-Konflikt: Die Untaten des andern mögen vielleicht die eigenen Untaten erklären, aber sie entschuldigen sie nicht.
    War nicht schon das Benennen der Tiere die Sünde Adams?
    Jesus hat dreimal benannt: Zunächst die Pharisäer (als Heuchler), dann die Händler und Geldwechsler im Tempel, dann aber auch den Petrus. Hierbei ist der Kontext zu beachten: Nur die Pharisäer und Schriftgelehrten benennt er direkt (ihr seid …), die Händler und Wechsler indirekt, durch die Vertreibung aus dem Tempel, mit der er ihr Tun benennt, während er Petrus von sich weist (weiche von mir …).
    Hängt es nicht mit der Geschichte des Opfers zusammen, wenn das Fleischessen auf die hierarchische Organisation der Gesellschaft, auf die Ursprungsgeschichte des Staates, verweist? Und wird in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Opfertiere verständlich (Stier, Widder/Bock/Lamm, Taube)?
    Heldenfriedhof/Hakeldama: Der Mythos von Blut und Boden scheint mit der Vorstellung zusammenzuhängen, daß das Blut der Helden den Eigentumsanspruch auf den Boden, für den es geflossen ist, begründet. Ist diese Vorstellung nicht durch das Ergebnis des Zweiten Weltkriegs, durch die Niederlage der Nazis, widerlegt worden? Oder ist dadurch das Bewußtsein in Deutschland auf das Paradigma Sieg oder Niederlage fixiert worden, ein Paradigma, das sowohl die Ökonomie des Wirtschaftswunders als auch die Bedeutung des Sports in der Nachkriegsgesellschaft (der Ersatz der Filmstars durch die Sieger-Idole des Sports von der Nationalmannschaft beim Fußball – die es wahrscheinlich war, als sie mit der „Weltmeisterschaft“ 1954 den Anfang machte – bis hin zu Boris Becker und Steffi Graf) erklären würde? Sind nicht Siegerehrungen bei internationalen Sportwettkämpfen und Länderspiele beim Fußball die einzigen Veranstaltungen, bei denen heute noch die Nationalhymne gespielt wird?
    Was ist das für ein Bewußtsein, daß zur eigenen Stabilisierung insbesondere des Sports und der Krimis bedarf? Gibt es einen Zusammenhang mit der Verlagerung des imperialistischen Grundtriebs aus der Politik in die Ökonomie (Wirtschaftswunder, Standort Deutschland, Stabilität der DM)? Und wird nicht die Logik dieses Vorgangs gründlich verkannt, wenn in diesen Imperialismus noch eine politische Intention hineinprojiziert wird? Dieser Imperialismus hat jeden Schein von Souveränität (den Carl Schmitt noch an Hitler zu erkennen glaubte) endgültig abgeworfen.
    Steht nicht der Terrorismus unter dem gleichen symbolischen Zwang wie der Sport: als Versuch, die Niederlage ungeschehen zu machen? Das würde u.a. auch die Bedeutung, die der Identitätsbegriff in diesem Bereich gewonnen hat, erklären. Steht dieser Identitätsbegriff nicht an der Stelle, an der im Christentum nach der Enttäuschung der Parusie-Erwartung das Dogma sich gebildet hat?
    Die kopernikanische Wende fällt zusammen mit der Umformung von Boden, Arbeit und Geld in Handelsware in der Ursprungsgeschichte des modernen Kapitalismus. Kann es sein, daß, während (schon in der Astrologie) das Planentensystem, in das Kopernikus die Erde mit aufgenommen hat, die Organisation der Arbeit abbildet, der Fixsternhimmel (der Tierkreis), der seine Bedeutung als Grenze des Kosmos mit der Öffnung des Raumes ins Unendliche verliert, auf die Konstellation der Elemente, die den Naturgrund der Herrschaft (und damit die Sphäre des Geldes) abbilden, verweist? Ist vielleicht die Bedeutung und die Funktion der „schwarzen Löcher“ nur noch im Kontext einer Theorie der Banken aufzuklären?

  • 16.11.95

    Die These, man müsse den Staat dazu bringen, sein faschistisches Gesicht zu zeigen, weiß nicht nur nicht, was Faschismus heißt, sie ist ebensosehr Ausdruck der Hilflosigkeit des militanten Antifaschismus. Es kommt nicht darauf ein, ein Urteil zu vollstrecken (auch nicht das Urteil des Geschichte, das selber unterm Bann des Faschismus steht), sondern die Erkenntnis wie das Handeln vom Bann des Urteils zu befreien.
    Es gibt zwei Formen der Beziehung der Vergangenheit zur Erkenntnis: Während die Naturwissenschaft die Zukunft unter die Vergangenheit subsumiert, ratifiziert der Historismus die Vergangenheit des Vergangenen. Beide gemeinsam rücken die Gegenwart in das Licht der Vergangenheit (Ursprung der subjektiven Formen der Anschauung, Grund der Ästhetisierung der Wirklichkeit).
    Nur bei Johannes steht die Geschichte mit der Aufschrift am Kreuz, auf die Pilatus schreiben ließ: Jesus der Nazoräer, der König der Juden (1919).
    Wer war der erste Confessor, und wer war die erste Virgo? Während das Martyrium noch auf die unmittelbar bevorstehende Parusie bezogen war, ist der neue Heiligentyp auch eine Konsequenz aus der Enttäuschung der Parusie-Erwartung (der Rezeption des Weltbegriffs). Confessor und Virgo waren gleichsam das erste aus dem Paradies der zukünftigen Welt vertriebene Menschenpaar, und der katholische Himmel eine Verkörperung der gefallenen zukünftigen Welt (zweiter Sündenfall, mit Alexander und seinen caesarischen Nachfolgern als Cherube mit dem Flammenschwert vor der verschlossenen Zukunft. Ist der Katholizismus die Erzeugungsmaschine der Wolken, auf denen der Menschensohn einst kommen wird?
    Verweist der Satz des Paulus, daß die ganze Schöpfung seufzt und in Wehen liegt, und auf die Freiheit der Kinder Gottes wartet, nicht darauf, daß die ganze Schöpfung teilhat an der Passion und am Kreuzestod Jesu? Hat Kopernikus den Kosmos ans Kreuz geschlagen, und war Newton der Paulus dieser neuen Theologie?
    Die Geschichte ist das Produkt der Historisierung, wie die Welt das Produkt der Verweltlichung und die Natur das Produkt des Objektivationsprozesses ist.
    Die Astronomie, die Elektrodynamik und die Mikrophysik sind auch ein Beweis für die Sprengkraft des Inertialsystems, des Herrendenkens, das in diesem System sich verkörpert.
    Antisemitismus, Ketzer- und Hexenverfolgung gehören zur Vorgeschichte der Konstituierung des Inertialsystems. Der Jude, das war der Feind, der Ketzer der zum Verräter gewordene Genosse und Frau war das, was unten ist.
    Nach welchen Prinzipien sind in den Nationalsprachen die Zahlen gebildet worden, und welche Konnationen stecken in diesen Bildungen (im Deutschen mit der Folge Hunderter, Einer, Zehner: Sechshundert sechs und sechzig, im Englischen in der logischeren Folge Hunderter, Zehner, Einer: sixhundred sixty six; was bedeutet die abweichende, auch auf Subtraktionen zurückgreifende Zahlenbildung im Französischen)? Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Trennung der (arabischen) Zahlen von der Schrift, der Einführung der Null (aus Indien über die Araber), der Bildung der Dezimalzahlen und der modernen Raumvorstellung, der „subjektiven Form der Anschauung“ (die Null ist das Korrelat der unendlichen Ausdehnung des Raumes), dem Ursprung der analytischen Geometrie und der doppelten Buchführung? Die Null hat (als mathematischer Reflex der Unendlichkeit) die Mathematik von der Sprache getrennt, sie gleichsam auf ihre eigenen Füße gestellt. In der Geometrie repräsentiert die Null den Ursprungspunkt des Raumes: den Repräsentanten des Subjekts und des Objekts zugleich. Die Null hat den Raum zur subjektiven Form der Anschauung gemacht, sie war der Ich-Generator; sie hat die Schöpfungslehre verwandelt. Erst das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit hat die Null widerlegt (oder auch dynamisiert).
    In welcher Beziehung steht die Logik der durch die Null neu begründeten Mathematik zur Logik der symbolischen Zahlen (die ihre eigene Rationalität haben, die nicht widerlegt, nur verdrängt worden ist)?
    Habermas‘ Konzept eines herrschaftsfreien Diskurses wird durch schon durch den Hinweis auf die Deklination (insbesondere auf den Genitiv, das innersprachliche Äquivalent der Herrschafts- und Eigentumsbeziehungen) widerlegt.
    Das Substantiv bindet den Nominativ ans Inertialsystem.

  • 12.11.95

    Ist der Bogen in den Wolken ein Symbol des Menschensohns in den Wolken?
    Zum Begriff der Weltanschauung: Unsere Weltvorstellungen haben ihren Grund in der Privatexistenz; sie sind ein Teil des in der Privatexistenz begründeten Verblendungszusammenhangs.
    Hegels Idee des Absoluten gründet darin, daß das Vergangene vergangen ist und nur die in der Vergangenheit herausgebildeten und entfalteten Herrschaftsstrukturen überleben. Die Vergangenheit des Vergangenen gehört zu den Gründen der Legitimation von Herrschaft. Die Idee der Auferstehung ist ein Teil der Ursprungsgeschichte der kritischen Reflexion von Herrschaft.
    Die Sprache ist die Morgengabe des Schöpfers an die Schöpfung, die Schrift das Danaergeschenk des Staates an die Welt.
    Verhalten sich nicht die Idee der Schöpfung und die der Auferstehung invers zueinander, sind sie nicht zwei Seiten ein und derselben Sache?
    Als Saulus nach dem Mord an Stephanus auf dem Weg nach Damaskus vom Verfolgungswahn überfallen wurde, wurde er zum Paulus. Ist das nicht zum Paradigma jeder „Bekehrung“ seitdem geworden?
    An welchen Stellen der Schrift wird der Tempel Haus für den Namen des HERRN, wo wird er Haus des HERRN genannt, und gibt es auch das Haus Gottes?
    Das Futurum perfectum gehört zu den Konstituentien der res publica. Zur Ursprungsgeschichte beider gehört der Kampf der Caesaren gegen die Weissager, Astrologen und Auguren (paradigmatisch der Titel Augustus und der Fall Cicero, der ein Augur war und ein Philosoph geworden ist).
    Augustus: Drückt nicht in der Idee des Erhabenen die herrschaftsgeschichtliche Erinnerung an die Idee des Schicksals sich aus? Das Gewaltmonopol des Staates ist das Produkt der vollständigen Säkularisation des Erhabenen, das damit seine raison d’etre verloren hat.
    Gott vergibt nur dem, der selber vergibt: Wird vor diesem Hintergrund nicht verständlich, was mit dem Wort von der Sünde wider den Heiligen Geist (die weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben werden kann) gemeint ist?

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