Das vierte Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren, …, führt aus dem Bann der Familie heraus, nicht in den Bann hinein.
Verwaltungsebenen sind Herrschaftsebenen und zugleich Stufen der Hierarchie, auf denen jeder nach unten Vorgesetzter (Herr) und nach oben Untergebener ist. Die Norm, die die Ebene konstituiert, bezeichnet die Herrschaftsdimension (das Äquivalent der Richtung der Schwerkraft). Verwaltungsebenen trennen das Untere vom Oberen, wie die Feste des Himmels die unteren von den oberen Wassern trennt. Marx hat diese Trennung im Begriff des Klassenkampfs auf ihren ökonomischen Begriff gebracht.
Der Satz: Das Jüngste Gericht ist nicht das Weltgericht, sondern das Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht, enthält eine ungeheures erkenntniskritisches Potential. Er begreift die descensio ad inferos als Kern der historischen Erkenntnis. – Liegt darin nicht das Geheimnis des Lösens beschlossen?
Wenn es keine ursprüngliche Vergangenheit gibt, dann behält die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit (das Prinzip der naturwissenschaftlichen Erkenntnis) nicht das letzte Wort. Dann wird der Anfang am Ende sein.
Turmbau zu Babel: Mit dem Ursprung der Architektur begann die Sprachverwirrung.
Zum Begriff des „Hoheitlichen“: Verwaltung ist die Kompostierungsanlage der abgestorbenen Monarchie. Hier findet Bölls Wort vom verrotteten Staat sein apriorisches Objekt. Von der wilhelminischen kaiserlichen Majestät ist nur noch die Arroganz, sind nur die Allmachtsphantasien geblieben.
Außer dem messianischen Titel Christus sind im lateinischen Credo nur noch drei weitere Begriffe aus dem Griechischen als Fremdworte übernommen worden: catholica, apostolica und ecclesia.
Theologie
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11.11.95
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10.11.95
Hegels Logik steht unterm Bann des Dingbegriffs, sie ist eine Dinglogik. Sie vermag den Knoten, der das Ich mit dem Ding verknüpft, nur zu reflektieren, nicht zu lösen.
Der Weltbegriff ist das Produkt und die Organisationsform der Selbstreflexion des Andersseins der Dinge (ihrer Erscheinung). Hieran läßt sich erkennen, daß der Andere und das Fremde nicht nur nicht bedeutungsgleich sind: Der Fremde erscheint als Fremder im Kontext der Selbstreflexion des Andersseins. Der Fremde ist das Realsymbol der ausschließenden Gewalt des Weltbegriffs (an ihm läßt der nationale Grund des Weltbegriffs sich ablesen).
Oben und unten: Welcher Logik ist es zu verdanken, wenn der Rassismus mit Rangordnungsstrukturen, mit Wertordnungen und hierarchischen Abstufungen verbunden ist, mit paranoiden Verschwörungskonstrukten und mit Reinheitszwängen: mit einem Hygienezwang, der bis zum Genozid fortschreitet? Ist nicht der Antisemitismus in der Tat die Wurzel des Rassismus (und nicht nur eine seiner Erscheinungesformen)? Welches objektiv destruktive Potential steckt nicht in der Verharmlosung des Rassismus zur Weltanschauung, die ihn der Bekenntnislogik unterwirft, die selber ein Ausfluß des Rassismus ist, nicht seine Grundlage.
Ist der kyrios als messianischer Titel Jesu der über die LXX vermittelte Gottesname adonai, der Deckname des Tetragrammatons, das selber nicht ausgesprochen werden durfte? Was bedeutet es, wenn dieser Deckname dem Christus Jesus zuerkannt wird, gleichzeitig aber das Tetragrammaton ersatzlos verschwindet? Der Name des Vaters benennt ihn bloß, er ist kein Name, in dem sich Gott selbst zu erkennen gibt.
Ist das Dogma der Tempel, mit dem Opfer als Grundlage: das Haus seines Namens? Läßt sich die Geschichte des Dogmas (die bruchlos in die naturwissenschaftliche Aufklärung übergeht) an der Geschichte der Architektur des Kirchenbaus ablesen? Hat Hegel nicht die Geschichte der Architektur als die Geschichte der Organisation der Schwere und des Lichts aufgefaßt und beschrieben? Ist hier nicht das Verbindungselement, das das Dogma mit der naturwissenschaftlichen Aufklärung verbindet?
Hören und Sehen: Die Nacktheit (da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren) verweist auf die Entkleidung der Dinge, ihr Herausfallen aus dem (paradiesischen) seligen Sprachgeist. Nackte Tatsachen sind obszön, und die subjektiven Formen der Anschauung, in deren Kontext sie sich konstituieren, sind der Unzuchtsbecher der Apokalypse. -
9.11.95
Die Lehre von der Erschaffung der Welt, die auf die weltkonstituierende Funktion des Staates zurückweist, läßt sich auch nicht durch das angehängte ex nihilo heilen (das auf den ökonomischen Grund der weltkonstituierenden Funktion des Staates zurückweist). Es sei denn, daß dieses ex nihilo die Vorstellung ausschließen soll, es gäbe eine ursprüngliche Vergangenheit, eine Vergangenheit vor der Schöpfung.
Die Marxsche Idee einer klassenlosen Gesellschaft und seine Vorstellung vom Absterben des Staates enthalten einen erkenntniskritischen Aspekt, der mit zu entfalten wäre. Bezeichnen nicht die drei evangelischen Räte (Armut, Keuschheit und Hören) genau die Elemente, die die Logik des Absterbens des Staates zu begründen vermögen.
Wenn die griechische Grammatik das Paradigma einer (in der Trennung des Sehens vom Hören begründeten) Logik der Schrift ist, dann ist die hebräische Grammatik das einer (im Hören begründeten) Logik des Worts.
Im Credo steht das secundum scripturas nach dem et resurrexit tertia die, nicht nach dem crucifixus etiam pro nobis: sub Pontio Pilato passus et sepultus est.
Für die Griechen waren die Barbaren die Fremden, für die Christen – bis hin zu Thomas – die Völker, die Heiden; die Neuzeit wird mit dem projektiven Namen der Wilden eröffnet; erst Hegel hat diese ganze Sphäre zusammengefaßt im Objekt des Weltgerichts: in den Opfern der Geschichte. Damit ist die Barbarei endgültig historisiert worden.
Wayne A. Meeks verweist auf einen archäologischen Fund in Korinth, der auf die Existenz einer hebräischen Synagoge dort verweist (Urchristentum …, S. 107). Demnach war in römischer Zeit der Name der Hebräer noch in Gebrauch.
Das Argument, daß (im Mörfelder Wald) Wege deshalb nicht gesperrt worden sind, weil erkennbar war, daß sie ohnehin kaum benutzt worden sind, entspringt einer Logik, die das Gefühl genießt, hier auch die letzten drei Spaziergänger noch aus dem Wald ausschließem zu können. Ist dieses Gefühl so weit von dem entfernt, das Skinheads ergreift, wenn sie Behinderte, Ausländer oder Obdachlose angreifen? Im Kontext hierarchischen Verwaltungsdenkens ist die Bevölkerung das, was unten ist und sich nicht wehren kann.
Wie verträgt sich eigentlich die fortschreitende Privatisierung öffentlicher Dienste und Aufgaben, die den Staat zur Beute der Privatwirtschaft macht, mit der sich zuspitzenden Durchdringung der öffentlichen Verwaltungen durch hoheitlich-hierarchisches Verwaltungsdenken?
Der Staat ist das Wesen, das kreuzigt, die Welt ist der Ort, die Schädelstätte, an der gekreuzigt wird, während Natur das Deck- und Rätselbild des Opfers vor Augen stellt, ohne das es den Staat und die Welt nicht geben würde (christologischer Naturbegriff).
Das Gewaltmonopol des Staates, das einmal die Rachelogik durchbrechen sollte, ist inzwischen selbst zu einem Instrument der Rachelogik geworden.
Gewissenhaft, befähigt und befugt, gesinnt und gesonnen: Hinweis zur Konvergenz der Sprache der Verwaltung mit der Sprache des Nationalismus (die hierarchische Struktur der faschistischen Organisationen war ein genaues Abbild der hierarchischen Verwaltungsstrukturen).
Die Idee der Heiligung des Gottesnamens, die die Sprache von den Folgen des Sündenfalls, von der Erbsünde, reinigt, entzieht jeder Herrschaftsreligion, jeder Form der Religion für andere, damit aber jeder Religion überhaupt den Grund. -
7.11.95
Der historische Objektivationsprozeß macht das Objektivierte eigentumsfähig, indem er es instrumentalisiert.
Allgemeinbegriffe wie „Sein“ und „Mensch“ unterdrücken und verdrängen den Konflikt zwischen Herrschenden und Beherrschten. Die Ontologie ist eine Waffe der Herrschenden im Klassenkampf.
Hat nicht „gewissenhaft“ etwas mit „Schutzhaft“ zu tun? Das Suffix „-haft“ begründet eine Subsumtionsbeziehung, eine Objektbeziehung, in der das durch das Suffix adjektivierte Substantiv zu einer Funktion wird, die das Objekt instrumentalisiert, es eigentumsfähig und für Herrschaftszwecke nutzbar macht (vgl. auch tugendhaft, schamhaft, zweifelhaft, zaghaft, mannhaft, „personhaft“ u.ä.).
Hängt „heftig“ mit dem Suffix „-haft“ zusammen?
Das Gravitationsfeld ist noch eine Erscheinung im Raum (im Inertialsystem), während das elektromagnetische Feld und alle elektrodynamisch vermittelten Erscheinungen durch die Form des Systems vermittelt, von dieser Form nicht abzulösen sind.
Hat nicht die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit (Voraussetzung aller objektiven Erkenntnis) etwas mit der Beziehung von Rind und Esel zu tun, mit Joch und Last? Und drückt diese Beziehung nicht in der Beziehung, die Einstein einmal mit der Formel „Identität von träger und schwerer Masse“ bestimmt hat, sich aus?
Zur Logik der Schrift: Steckt nicht in der Ursprungsgestalt jeder Erkenntnis ein Überschuß, der mit der Kanonisierung der Erkenntnis, mit ihrer Aufnahme in den Bestand des gesicherten Wissens, der Wissenschaft, unterdrückt und verdrängt wird? Und ist nicht die Urgeschichte des Christentums, die Beziehung des Dogmas zur Lehre Jesu: die Verinnerlichung des Opfers, das Modell dieses rätselhaften Vorgangs? (Verhält sich die Theologie des Paulus zur Lehre Jesu wie die Elektrodynamik zum Licht?) -
5.11.95
Das Problem des Bileam: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Propheten, der nur das sagen kann, was Gott ihm sagt, und dem Verführer, der Israel zur Sünde Bileams verführte (zum Götzendienst und zur Hurerei mit den Töchtern Moabs)? – War nicht auch Ruth eine Tochter Moabs?
Angesicht, Name und Feuer: Ist das das Geheimnis der Trinitätslehre? Und verdankt sich deren dogmatische Fassung nicht der Abstraktion vom Feuer, die das Angesicht zur Person und den Namen zum Begriff macht? Ist diese Abstraktion nicht die Leugnung des Heiligen Geistes, die Sünde wider den Heiligen Geist? Durch diese Abstraktion vom Feuer wird das Licht unter den Scheffel gestellt: Das Feuer ist der Bildungsprozeß des Lichtes, das wir für die Welt werden sollen. – „Ich bilde das Licht und schaffe die Finsternis.“ Alles Erschaffene ist im Zeichen der Finsternis erschaffen.
In welcher Beziehung stehen das schwarze Loch und der schwarze Körper zueinander?
Wer Licht und Finsternis in Helles und Dunkles übersetzt, macht beide zu Eigenschaften, hat vor dem Gesetz der Verdinglichung bereits kapituliert.
Der historische Objektivationsprozeß ist ein Prozeß, zu dessen Konstituentien das Ich (und sein Repräsentant: der Begriff) gehört. Erst in der Reflexion dieses Prozesse gewinnt das Ich, das anders, in die Objektivität versenkt, in ihr sich verliert, darin untergegangen ist, sich wieder. Die Erbsünde ist die Sünde des Erben.
Zum Begriff des Urteils: Ich kann das Urteil eines Gerichts für falsch halten und es kritisieren, aber es gilt trotzdem: Ich darf einen Verurteilten nicht aus dem Gefängnis befreien. Diese Logik ist eine Absicherung des naturwissenschaftlichen Erkenntnisbegriffs, der in der Technik auf vergleichbare Weise seine Urteile in der Realität verankert; darauf bezieht sich das Wort des Paulus, daß die ganze Kreatur, die in die Natur wie der Verurteilte ins Gefängnis eingesperrt ist, seufzt und in Wehen liegt, und auf die Freiheit der Kinder Gottes wartet.
Wenn die Hölle die endgültige Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit ist, dann bezieht sich der Satz, daß die Pforten der Hölle die Kirche nicht überwältigen werden, auch aufs Inertialsystem: Es wird die Schöpfung nicht „überwältigen“ (die Natur ist die Überwältigung der Schöpfung durchs Inertialsystem). Wer die Zukunft unter die Vergangenheit subsumiert, wird selber subsumiert (auf die Welt bezogenes Korrelat des Satzes, daß die Attribute Gottes nicht im Indikativ, sondern im Imperativ stehen).
Welche Theologie drückt in der historischen Bibelkritik sich aus? -
4.11.95
Wo und in welchem Zusammenhang steht die Wendung „verhärtet eure Herzen nicht“? Ps 957ff: O daß ihr heute auf seine Stimme hörtet! Verhärtet eure Herzen nicht wie zu Meriba, … (vgl. Hebr 37f, 15 und 47)
Man muß begreifen, daß, auch wenn es zu einer Sache keine Alternative gibt, sie damit nicht gerechtfertigt ist. Die Sache muß reflexionsfähig bleiben, auch wenn eine Änderung nicht abzusehen ist (der Tod, der Raum, das Tier). -
3.11.95
Aufklärung ist die letzte Chance, nachdem der Determinismus, der in der Entfremdungserfahrung des Proletariats den wirksamen Grund der Revolution zu erkennen glaubte, im Faschismus seine raison d’etre und im Stalinismus seine Unschuld verloren hat.
Wie hängt die Vorstellung, daß Gott die Thora nicht nur selber geschrieben hat, sondern auch weiterhin studiert, mit der Vorstellung vom Buch des Lebens zusammen, in dem die Taten der Menschen aufgezeichnet sind, und in dem sie am Ende sich selbst erkennen?
Der Kreuzestod hat die Welt nicht entsühnt, sondern ihren Zustand offengelegt.
Binden und Lösen: Die Orthodoxie hat die Wahrheit einer Zwangslogik unterworfen. Das mathematische Äquivalent dieser Zwangslogik ist die Orthogonalität. Die Griechen haben die Winkelgeometrie erfunden/entdeckt: Der Satz des Thales, der pythagoreische Lehrsatz und schließlich die euklidische Geometrie sind Stufen der Entfaltung der Logik der Orthogonalität.
Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ist ein Teil der physikalischen Lösung des Problems der Orthogonalität.
Was drückt eigentlich in der Beziehung der Köpfe, Hörner und Kronen sich aus, durch die apokalyptischen Tiere sich unterscheiden? Hat die Beziehung von Köpfen, Hörnern und Kronen etwas mit dem Verhältnis von Herrschaft, Macht und Gewalt oder von Ökonomie, Staat und Religion zu tun? Der Drache unterscheidet sich vom Tier aus dem Wasser dadurch, daß er die Kronen auf seinen Köpfen hat, während das Tier aus dem Wasser sie auf seinen Hörnern hat. Ist der Drache die Ökonomie, das Tier aus dem Wasser der Staat und das Tier vom Lande die Religion?
Zum Ursprung der Ohrenbeichte (der Priester wird Stellvertreter des Opfers, nimmt ihm die Kompetenz der Vergebung und Versöhnung ab) und zur Geschichte des neuen Sündenbegriffs (der das Bewußtsein und den Willen zu sündigen mit einschließt, die Formalisierung der ezechielischen Eigenverantwortung): Hat die Kirche nicht, als sie die Ohrenbeichte einführte, den Satz „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was zu tun“ in den Indikativ übersetzt (die Bitte generalisiert und als erfüllt angesehen)? Sie hat damit alle, die nicht wissen, was sie tun, für unschuldig erklärt; seitdem aber bleiben alle dumm: die einen angepaßt und „fromm“, die andern rücksichtslos und schlau. Aber sind wirklich, wenn keiner mehr weiß, was er tut, alle unschuldig (ist keiner mehr Täter, verantwortlicher Urheber seiner Handlungen, sind alle nur noch Opfer: Selbstmitleidssyndrom)?
Wenn die Weltgeschichte das Weltgericht ist, sind alle nur noch Objekt dieses Gerichts, gibt es keinen Ausweg aus der Urteilsmaschine (sind die Pforten der Hölle geschlossen). -
2.11.95
Zur Ursprungsgeschichte der Ware: Ein afrikanischer Stammeshäuptling über einen Nachbarstamm: „Sie sind unsere Feinde; wir heiraten sie.“ (Zit. nach W.A.Meeks: Urchristentum und Stadtkultur, S. 18) Kann es sein, daß in der Vorgeschichte Frauen ähnlich „erworben“ wurden wie Sklaven und andere Handelsgüter: Sie wurden geraubt (vgl. Ri 2116ff und den „Raub der Sabinerinnen“)? Wäre das nicht eine Erklärung für den Status der Ehe, die seit je einer durch Kauf begründeten Eigentumsbeziehung nachgebildet war, auch für das Inzest-Verbot und für den Ursprung des Patriarchats (sowie des Staats, als dessen Modell die Familie gilt)?
Lohnarbeit ist die technisch perfektionierte Form der Schuldknechtschaft. Ihre Vorstufe war die persönliche Schuldbeziehung zu einem Gläubiger. Lohnarbeit ist das Produkt der Transformation dieser Beziehung in eine logische Funktion des Systems. Die Trennung der Menschen von ihren natürlichen Subsistenzmitteln, ihre Expropriation, in der Geschichte der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals (der kopernikanischen Wende der Geldwirtschaft), führt nicht mehr in die physische Abhängigkeit des Sklaven von seinem Herrn, sondern in die herrenlose Dauerabhängigkeit vom System, in den Zwang zur Selbsterhaltung in der vom Tauschprinzip beherrschten Gesellschaft: in den Zwang zum Gelderwerb durch entfremdete Arbeit, durch Arbeit für andere.
„Ihr seid das Licht der Welt.“ Dieses Wort trifft die Kirchen ins steinerne Herz ihres dogmatisches Selbstverständnisses. Es geht von dem einfachsten Sachverhalt aus, daß die Welt finster ist, und die Kirche Licht in diese Welt zu bringen habe. Das Licht hat sein Maß an der Finsternis, während nur der dogmatische und fundamentalistische Kleinglaube wähnt, die Finsternis habe ihr Maß an dem Licht, das er zu verkörpern glaubt. Das in Angst vor der Wahrheit erstarrte Dogma ist nicht das Licht, sondern der Scheffel überm Licht. Und das Licht ist kein Besitz, kein Gnadenschatz, der der Kirche gegeben und der von ihr zu hüten und zu verwalten wäre, sondern in jeder Epoche ist es der Finsternis neu abzugewinnen. Gott will nicht, daß sein Wort leer zu ihm zurückkehrt. -
1.11.95
Petrus, der Fels: Das Ding und die Kirche (ekklesia) haben einen vergleichbaren sprachlichen Ursprung. Enthält Adornos Kritik der Verdinglichung nicht auch eine Kirchenkritik?
Der Ursprung ist das Ziel: Walter Benjamins Bemerkung, daß die entscheidenden Schläge heute mit der linken Hand geführt werden, trifft auch die raf: Sie zieht die Konsequenzen aus dem Mißtrauen gegen jede, auch die praktische Gestalt der intentio recta. Und sie enthält einen (noch versteckten) Hinweis auf die Notwendigkeit einer Kritik der Naturwissenschaften.
Zur Kritik des Atheismus: Ist nicht die Theologie am Ende eine Absicherung dagegen, daß man in offene Fallen hineinläuft, daß man, ohne es zu wissen, das Geschäft des Feindes betreibt?
Die Opfertheologie gehört zur Selbstbegründung des Herrendenkens: Sie enthebt von der Pflicht zur Versöhnung mit dem andern, sie befreit das Bewußtsein von Schuldgefühlen, von der Erinnerung an das, was man dem andern angetan hat, zu ihr gehört ein Gott, der auch dem, der selber nicht verzeiht, die Sünden vergibt. Dieser Gott ist namenlos, das Gegenteil des Gottesnamens; dem entspricht das Wort von der „Entsühnung der Welt“. Die Opfertheologie macht unfähig, sich in den anderen hineinzuversetzen (die Voraussetzung dafür wäre die Fähigkeit zur Reflexion von Herrschaft, die durch die Opfertheologie zerstört wird).
Heute hat die Opfertheologie ihr Werk getan; damit ist auch die Religion gegenstandslos geworden: In der aufgeklärten Welt bedarf es zur Befreiung von Schuldgefühlen auch der Opfertheologie nicht mehr; das leistet der Begriff der Objektivität selber. Mit ihr entsteht der Schein, die Reflexion von Herrschaft könne (nach dem Ende des Gedankens an eine Kritik der naturwissenschaftlichen Erkenntnis) durch den „herrschaftsfreien Diskurs“ ersetzt werden. -
29.10.95
Theologie: domestizierte Paranoia? Nicht Gott, sondern Sein NAME ist Gegenstand der Theologie. Der Gott, „über“ den zu reden wäre, ist ein paranoisches Produkt. Theologie im Angesicht Gottes ist die Theologie der Arglosigkeit.
Ist nicht das Dogma – mit seinem Kern, der Opfertheologie – ein paranoides System, und zwar das konsequenteste, logisch durchgebildetste?
Wenn Jugendliche heute in der Oper lachen, verweist das nicht auf den Zerfall der bürgerlichen Privatsphäre, die in der Oper an ihren herrschaftsgeschichtlichen Ursprung im Barock (an ihren Ursprung in der Geschichte der Privatisierung der Herrschaft) erinnert wird?
Beispiele sind kein Beweis: Die Frage ist nicht, ob es Fortschritt in der Geschichte gibt, sondern was das ist, was wir Fortschritt nennen.
Wenn Ulrich Duchrow unter Berufung auf Ton Veerkamp sagt, daß der Überbau nicht nur wirtschaftlich determiniert sei, neutralisiert er den Widerspruch zu einem sowohl als auch. Es gab nicht den Dornbusch und daneben das Feuer, sondern im brennenden Dornbusch hat Gott sich offenbart.
Das Inertialsystem ist der Systemgrund der Ästhetisierung der Erscheinungen. Eine Kritik der Phänomenologie, des Begriffs und der Sache (von Lambert über Hegel bis Husserl), müßte insbesondere dieses Moment der Ästhetisierung im Begriff der Erscheinungen ins Bewußtsein heben. In diesen Zusammenhang gehört die Bedeutung des Präfixes er- im Begriff der Erscheinung sowie seine Beziehung zum Sein: Beide erinnern an die Logik der dritten Person (des Andern), die den Grund benennt, aus dem der Weltbegriff und der Begriff der Erscheinungen hervorgehen.
Zur Kritik der Trinitätslehre: Die Erscheinung wird erzeugt, wie auch der theologische Ursprung auf die Christologie (auf die „Erscheinung des Herrn“), zurückweist. Wie der Sohn ist auch die Erscheinung „gezeugt, nicht geschaffen“: Deshalb ist der Begriff der Schöpfung auf die Natur nicht anwendbar (und deshalb gibt es so etwas wie eine „christologische Struktur“ des Naturbegriffs).
Die Bewegung des Lichts im Raum wird mit den Begriffen Fortpflanzung und Ausbreitung beschrieben, und diese Begriffe bezeichnen nicht das Gleiche: Verhält sich nicht die Ausbreitung zur Fortpflanzung wie die Fläche zur Norm? Und ist es nicht diese Beziehung der beiden Begriffe, die dem Korpuskel-Welle-Dualismus zugrundeliegt, in ihm sich reflektiert?
Mit der Austreibung der Händler und Geldwechsler aus dem Tempel hat Jesus den Auftrag an Josue zu Ende geführt: er hat den Bann über Kanaan vollstreckt.
Der wachsende Anteil der Gremien, die Regierungsaufgaben übernehmen, aber nicht demokratisch gewählt und keiner demokratischen Kontrolle unterworfen sind: Verfassungsgericht und Zentralbanken im Innern, transnationale Gremien wie IWF, Weltbank, Europäischen Union draußen (vgl. Duchrow, Alternativen, S. 106). Zusammenhang mit dem Konstituierungsprozeß, in dem die Marktgesetze nach innen und außen sich durchsetzen („schlanker Staat“, Privatisierung öffentlicher Betriebe, Entpolitisierung der Politik und Ausbreitung der – nur noch „Sachgesetzen“ gehorchenden – Verwaltung). -
28.10.95
Zur Logik der Herrschaftsgeschichte (Vergesellschaftung und Privatisierung von Herrschaft): Wie unterscheidet sich die Ohrenbeichte von der altkirchlichen Bußpraxis?
Seit Kopernikus sind Tag und Nacht, die sinnliche Erscheinung der Natur insgesamt, zu bloßem Schein geworden, hervorgerufen durch ein kompliziertes System von Bewegungen der Sonne und der Erde im Kontext des heliozentrischen Systems. Die Unterscheidung der primären und sekundären Sinnesqualitäten gründet in der kopernikanischen Wende, die die Sinnlichkeit ins Subjekt zurückgestaut, zu Empfindungen verdinglicht hat. Wie die Materie in die Einheit der trägen und schweren Masse, so sind die sinnlichen Qualitäten in die Einheit des Gefühls, der Empfindung (der Rekonstruktion des Gefühls nach dem Modell mechanischer Stoßprozesse), zurückgenommen worden. Übriggeblieben ist eine von allen Qualitäten gereinigte Objektivität („leer, gereinigt und geschmückt“).
Seit Kopernikus gibt es die (tendentiell paranoide) Unterscheidung der subjektiven Erfahrung von den hinter den Erscheinungen verborgenen Kräften: Grundlage aller Verschwörungstheorien.
Im Barock kehrte die durch die kopernikanische Wende ausgeschlossene Welt der sinnlichen Qualitäten als Herrschafts-Pomp, als Bühnen-Prunk, als Oper zurück.
Kopernikus hat, ohne die Konsequenzen zu durchschauen, einen Weltbegriff etabliert, der das Herz der Dinge endgültig in den blinden Fleck gerückt hat.
Daß das Sein das Bewußtsein bestimmt, ist ein Satz, der niemals affirmativ, sondern eigentlich nur in kritischem Zusammenhang gebraucht werden darf, im Kontext dessen, was in der marxistischen Tradition, bevor sie selber zur Herrschaftsideologie geworden ist, Ideologie, falsches Bewußtsein, hieß.
Die subjektiven Formen der Anschauung instrumentalisieren alles, was in ihren Bann gerät. Zu ihrer Logik gehört
– das apriorische Feindbild (dem Objektbegriff, der im Kontext der subjektiven Formen der Anschauung sich konstituiert, entspricht in der Bekenntnislogik das Feindbild; die subjektiven Formen der Anschauung sind apriori antisemitisch),
– der Begriff der Häresie (die Diskriminierung der nicht beweisbaren Einsicht, der Idee einer Theologie im Angesicht Gottes) und
– die konstitutionelle Frauenfeindschaft (die Vorstellung einer Objektwelt, die allein der Gewalt verfügbar ist). -
27.10.95
Ist es nicht ein deutlicher Hinweis auf den blinden Fleck in der christlichen Tradition, wenn der Stier in der christlichen Symbolik nicht mehr vorkommt?
Hängt Num 181: „Und der Ewige sprach zu Aharon: Du und deine Söhne und dein Vaterhaus mit dir, ihre sollt die Verschuldung gegen das Heiligtum tragen, und du und deine Söhne mit dir, ihr tragt die Verschuldung eures Priestertums“, mit Joh 129 zusammen, in dem der Täufer Jesus das Lamm Gottes nennt, das die Sünde der Welt auf sich nimmt?
Beweisbar ist nur Vergangenes. Deshalb gehört zu den Prämissen des Beweises die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit (am Ende das Inertialsystem). – Seit wann gibt es den Zeugen in der Gestalt des Märtyrers (seit Daniel und den Makkabäern)? Und ist nicht das Zeugen in dem Augenblick zu einem göttlichen Attribut geworden, als der Confessor den Märtyrer ablöste (gleichzeitig mit der Dogmenbildung und dem Ursprung und der Entfaltung der Bekenntnislogik)? Gehören in diese Geschichte, neben den Regelungen der Zeugenschaft im Rechtsstreit (und dem Problem des falschen Zeugen und des falschen Propheten), auch die Genealogien, die toledot in der Schöpfungs- und Urgeschichte?
Der Zeugende bezeugt sich selbst in seinem Sohn (wie das Licht in seiner Fortpflanzung). Bezeugt nicht im Raum die eine Dimension die andere?
Lots Weib: Verweist der Satz: „Ihr seid das Salz der Erde“, auf das Salz der Paranoia, mit dem heute jede Erkenntnis gewürzt sein muß, die an den Kern der Dinge rühren will?
Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß: Heute lassen die Meisten die Probleme anderer nicht mehr an sich herankommen, weil sie der Versuchung ausweichen wollen, helfen zu müssen.
Beherrschung der Sprache: Kann es sein, daß die Fixierung auf die Orthographie in Deutschland mit der Vergesellschaftung von Herrschaft zusammenhängt, mit der subalternen Neigung, sich als Aufpasser über alle anderen zu verstehen? Die Beherrschung der Sprache ist selbst ein ideologisches Herrschaftsmittel, das die, die wirklich Herrschaftsfunktionen ausüben, nicht mehr brauchen; die haben ihre Sekräterinnen.
Gehört nicht auch das Mode-Adjektiv „selbsternannt“, das alle entmündigt, die nicht im Auftrag eines Kollektivs, einer Institution, oder aufgrund einer Ermächtigung durch eine autorisierte Instanz sprechen und handeln, zur Logik der Medien-Sprache? Es ist die gleiche Gewalt, die alle zu ohnmächtigen Zuschauern ihres Lebens macht und in eine nur noch ästhetische Beziehung zu sich selbst rückt. Das Leben ist zu einem geworden, in dem niemand mehr vorkommt, dem nicht von anderen das Recht dazu verliehen wurde. Ist diese Struktur nicht in der Kirche vorgebildet? Vollständige Säkularisation des Wortes: „Extra ecclesiam nulla salus“?
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