Mein ist die Rache, spricht der HERR. Wird diese Rache als Barmherzigkeit sich manifestieren, als Resultat Seines Gereuens, Seiner Umkehr? Ist der Tag des HERRN der Tag Seines Gereuens?
Wie das Angesicht und der Name ist auch das Feuer ein Attribut Gottes: das Feuer, das die Söhne Aarons und die Rotte Korach trifft, aber auch das Feuer, das bei Aaron und später bei Elias das Opfer für JHWH (nicht das für den Baal) entzündet. Die Verwaltung und das Hüten des Feuers obliegt den Priestern (nicht den Leviten).
Was wird aus der Heiligung des Gottesnamens, wenn der Name – wie unter der Herrschaft des Nominalismus: nämlich im Begriff des Objekts, das er „bezeichnet“ – längst untergegangen und vergessen ist?
Wenn der Rechtfertigungszwang das Schuldverschubsystem irreversibel macht, ist er dann nicht
a. der Grund der Mathematisierung der Erkenntnis (des Inertialsystems) und
b. zugleich der Grund des Herrendenkens (der Bekenntnislogik)?
Ist nicht das Inertialsystem das naturale Äquivalent der Logik, die in der Moral den Rechtfertigungszwang ans Schuldverschubsystem bindet?
Brunnenvergiftung: Das Gewaltmonopol des Staates ist der Brunnen, aus dem die Verwaltungen ihre Allmachtsphantasien schöpfen.
Der Tag des HERRN, das wird der Tag seiner Reue sein und der Tag, an dem seine Rache in Barmherzigkeit sich wandeln wird. Aber hängt nicht die Umkehr Gottes von unserer Umkehr ab? Ist nicht die Umformung der Theologie hinter Seinem Rücken in eine Theologie im Angesicht Gottes (eine Umformung, die IHN von Seinem Autismus befreit) die Voraussetzung dieser Umkehr?
Die Ursprungsgeschichte der Lohnarbeit ist ein Teil der Herrschaftsgeschichte, der Geschichte der „Dornen und Disteln“. (Hat der Schweiß des Angesichts etwas mit Getsemane und die Dornenkrone mit diesen Dornen und Disteln zu tun?)
Die Kirche hat das Symbol (den Vorschein der Erfüllung des Worts) indikativisch verdinglicht, während die jüdische Tradition es konjunktivisch verflüchtigt hat: Aber ist diese Verflüchtigung nicht Teil der Bewegung, in der das Symbol zur ruach, zum Geist wird? Wie hängt die Beziehung von Indikativ und Konjunktiv mit der von Genitiv und Dativ zusammen?
Die Prostitution ist nicht nur das älteste Gewerbe der Welt, sie ist zugleich ein Gründungsgewerbe der Welt, Teil ihrer Ursprungsgeschichte.
Dem melancholischen (saturnischen) Blick wird alles bedeutungsvoll: Josue (Jesus) hieß ursprünglich Hosea.
Was bedeutet es, wenn die „apokryphen“ Bücher, wie Judith, Tobias, die Makkabäer-Bücher, Jesus Sirach, Baruch, zwar in den christlichen Kanon mit aufgenommen worden sind, nicht aber in den jüdischen?
Sind die Naturwissenschaften das Grab (und die Pyramide über dem Grab), in dem die Tradition vergraben ist? Die Kinder Israels haben unter dem Pharao, der Joseph nicht mehr kannte, die Pyramiden bauen müssen.
Fällt nicht der Ursprung der newtonschen Gravitationstheorie zusammen mit der Geschichte, die Marx als die Geschichte der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals (Freisetzung des Proletariats durch die Verwandlung des Grund und Bodens in ein handelbares Objekt: die gemeinsame Subsumtion der Arbeit und des Bodens unters Tauschprinzip) beschrieben hat?
Wie hängt der Ursprung des Inertialsystems (der Entwicklung der Mechanik, dem Ursprung des Gravitationsgesetzes und der physikalischen Optik) mit der gemeinsamen (selbstreferentiellen) Subsumtion der Arbeit, des Bodens und des Geldes unters Wertgesetz zusammen?
Was als Gemeinheit erfahren wird, ist in der Regel bloße Gedankenlosigkeit: Ist diese Gedankenlosigkeit nicht das Grundgesetz der gegenwärtigen Welterfahrung und des Weltbegriffs? (Und hat der Positivismus diese Gedankenlosigkeit nicht zur Methode erhoben?)
Auch die Astrologie war einmal ein Stück Welterklärung: in der Phase des Ursprungs des Weltbegriffs.
Zu dem Satz: Das Sein bestimmt das Bewußtsein, gehört der andere dazu: Das herrschende Bewußtsein ist das Bewußtsein der Herrschenden.
Theologie
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24.10.95
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23.10.95
Die Bekenntnislogik ist ein Produkt der Instrumentalisierung des Rachetriebs. Das Christentum hat den Satz „Mein ist die Rache, spricht der HERR“ mit der Opfertheologie ins Affirmative gewendet und zugleich den „jüdischen Gott“ zum „altorientalischen Rachegott“ erklärt. Diesem Vorgang verdankt sich das Schuldverschubsystem, das der christlichen Gnaden- und Erlösungslehre zugrundeliegt (die Vorstellung von einem gnädigen und barmherzigen Gott, der die Sünden vergibt, ohne noch das sicut et nos dimittimus debitoribus nostris zu fordern).
Der Schrecken Isaaks: Liegt das Befreiende des Lachens nicht darin, daß man lernt, mit dem Schrecken zu leben?
Was war der Grund für den Untergang, die (unblutige!) Vernichtung, der Rotte Korah, die „lebendig in die Unterwelt gefahren“ ist? Nur Korah war ein Levisohn, Dathan und Abiram waren Rubensöhne, wer waren die 250 Männer (Num 16)?
Der Satz, daß es einen Gott gibt, begründet keine Theologie, nur eine Religion für andere. Dieses „es“ repräsentiert die Welt, deren Logik das „es gibt“ die Gottesvorstellung unterwirft. Auch der Begriff der Existenz ist theologisch unbrauchbar: Die Existenz ist in sich selbst gesellschaftlich vermittelt. Nachdem der ontologische Gottesbeweis am Ende auf die Existenzphilosophie zusammengeschrumpft ist, ist der Begriff der Existenz zum Decknamen der Hybris geworden.
Der Tod ist für die Existenzphilosophie der reine Aggressor und das „Vorlaufen in den Tod“ der Akt der Identifikation mit dem Aggressor. Nur durch Identifikation mit dem Aggressor kann man innerhalb der Logik der Existenzphilosophie sich vor diesem Aggressor noch schützen.
Esel und Rind: Das Nachfolgegebot verlangt, das Kreuz auf sich zu nehmen, nicht es den andern als Joch aufzuerlegen.
Eine Musikphilosophie heute hätte von der Allgegenwart einer „Musik“ auszugehen, die längst zum schwarzen Loch geworden ist, das alles Licht in sich aufsaugt, keines mehr ausstrahlt.
Das neue „Asylrecht“: Die Fortsetzung von Hoyerswerda mit anderen Mitteln.
Die Empörung gehorcht bewußtlos dem Schuldverschubsystem.
Barmherzigkeit, nicht Opfer: Nicht auf die Unschuld kommt’s an, sondern aufs Tun.
Wer das eigene Sehen als In-Augenschein-Nehmen erfährt, sollte sich nicht wundern, wenn er am Ende wie ein Auto ausschaut.
Waren die Pyramiden Einrichtungen zur Ehrung der Toten oder zum Schutz gegen sie? Waren sie der Preis für die pharaonische Herrschaft, die präventive Absicherung, daß die Pharaonen nach ihrem Tod nicht wiederkommen werden? War das Grab nicht seit je auch ein Schutz vor den Toten (augenfällig das Hünengrab, dessen Last der Tote niemals würde abwerfen können: waren die Toten in den Hünengräbern nicht gefesselt, in „Hockstellung“)? Und war das Gefühl der Trauer nicht auch seit je ambivalent, der geheuchelte Schmerz, hinter dem die Erleichterung sich verbarg?
Ist die Priesterschaft der Kirche die Wache vor dem Grab, zu dem der Himmel am Ende geworden ist: die Absicherung der Verhinderung Seiner Wiederkunft? Nur der „zur Rechten des Vaters“ sitzende Herr scheint für kirchliche Zwecke brauchbar zu sein.
Für den Fundamentalismus ist das Licht eine Fluchtburg, keine öffnende und offensive Befreiung von der Blindheit. So darf er sich nicht wundern, wenn er das Licht unterm Scheffel wiederfindet. Der Missionsauftrag der Kirche kann nicht darin sich erfüllen, daß am Ende alle unter dem Scheffel sich versammeln.
Durch den Export der Armut ist die Arbeitskraft draußen billiger und zur Konkurrenz der Arbeitskraft im eigenen Lande geworden. Das ist der ökonomische Grund des Reimports der Armut.
Der Lauf der Welt: Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg militärisch zwar verloren, den Raub des jüdischen Eigentums und den Gewinn aus der Ausbeutung der KZ-Sklaven, der Fremdarbeiter und der Kriegsgefangenen aber behalten dürfen. Sie waren ein Teil der Grundlagen der ökonomischen Revision des verlorenen Krieges unter den Bedingungen und in der Folge des „Kalten Krieges“, zu dessen Gewinnern Deutschland gehört. Das Land, das die ganze Last des Zweiten Weltkrieges getragen hat, Rußland, war am Ende der wirkliche Verlierer.
Ökonomie und Rassismus: Sind nicht die Stabilität der DM und der „Standort Deutschland“ die Erben der faschistischen Rassenideologie, die zynische Aufdeckung ihres ökonomischen Kerns?
Der Slogan „Standort Deutschland“ (der auf die Probleme der Geldwertstabilität, der Außenhandelsbilanz sich bezieht) ist ein Stichwort für die Verwilderung der ökonomischen Sitten.
Heute gibt es (als Pendant zum Gesinnungs-Marxismus) einen Bereicherungs-Kapitalismus, der dabei ist, die eigenen produktiven Grundlagen zu zerstören. 90 % der Geldbewegungen auf den internationalen Märkten sind spekulative Bewegungen, nur noch 10 % beziehen sich auf den Warenverkehr und auf Dienstleistungen.
Der Rechtfertigungszwang (das moralische Pendant zum kapitalistischen Prinzip der Gewinnmaximierung) macht das Schuldverschubsystem irreversibel.
Der Staat, der nur an marktwirtschaftlichen Grundsätzen sich orientiert, ist ein Profitmaximierungsmaschine, ein Instrument der Umverteilung und Ausbeutung. -
22.10.95
Der Ursprung des (prosaischen) Handels ist das Ende der (heroischen) Tat. Im Handel durchdringen sich Aktiv und Passiv, Handeln und Erleiden: Sie neutralisieren sich wechselseitig, der Handelnde wird gehandelt. Zu den ersten Handelswaren gehörte der Sklave (Ursprung des Handels im Raub, der Eroberungspolitik in den nomadischen Razzien, des Tauschprinzips in der Schuldknechtschaft).
Das pragma bezeichnet das Objekt des Handelns, das Ding ist das Objekt des Gerichts. Was bedeutet und auf welchen Ursprung verweist der Begriff der res (wie ist die polis zur res publica geworden)?
Im Übergang von der griechischen zur lateinischen Sprache haben – wie vor allem am Begriff der Natur sich nachweisen läßt – die Bedeutungen, die Konnotationen der Begriffe sich verändert. Deshalb ist die lateinische Theologie der griechischen weder sprachlich noch inhaltlich kompatibel. Tertullian, der die Begriffe der lateinischen Theologie geschaffen hat, hat diese Begriffe der griechischen Metaphysik entnommen und in die Sprache der lateinischen Rechts übersetzt. Waren Tertullian und Augustinus die ersten Scholastiker?
In der griechischen Sprache war die Erinnerung noch präsent, daß die Natur, ihre Gegenständlichkeit, nicht einfach nur vorgefunden, sondern auch sprachlich erzeugt wird, erst im Lateinischen, in dem die Bedeutung des Naturbegriffs von der Zeugung auf die Geburt sich verschiebt, tritt der Staat als zeugende (als rechtsetzende und -garantierende) Gewalt zwischen die Natur und das erkennende Subjekt, das sie dann nur noch passiv hinnehmen kann, zur reinen Rezeptivität (die in der augustinischen Gnadenlehre ihren theologischen Ausdruck findet) erstarrt. Mit der Übersetzung aus der griechischen in die lateinische Sprache wird das symbolische Element fortschreitend neutralisiert, aus der theologischen Erkenntnis eliminiert; es wird durch eine „Wörtlichkeit“ ersetzt (vgl. Augustinus: „De Genesi ad Litteram“), die am Ende zur sprachlogischen Quelle des Fundamentalismus geworden ist.
Der Ursprung der Sexualmoral, ihrer Privatisierung, ist eine Folge der Änderung im Naturbegriff: Mit der Verdrängung des Zeugungsbegriffs, der nicht zufällig in der Trinitätslehre wiederkehrt, wird das politische, herrschaftskritische Moment aus dem biblischen Begriff der Unzucht herausgebrochen, zugleich theologisch neutralisiert; seitdem ist die Sexualmoral zu einem nützlichen Instrument der Herrschaftssicherung geworden. (Vgl. die kirchliche Entfaltung der lateinischen Theologie in der devotio moderna, in der Ursprungsgeschichte von Zölibat, Ohrenbeichte und Fegfeuermythos, in der Scholastik.)
Kirchengeschichtlich fallen die Anfänge dieser Geschichte mit dem Ende der Märtyrerzeit zusammen: Die geschlechtsspezifische Aufteilung der Heiligen in confessor und virgo (in den Bekenner, der die Schuld der Zeugung verdrängt, und die Jungfrau, die sich von der Befleckung durch die Zeugung rein erhält) war die erste Manifestation der Bekenntnislogik, die in der Dogmenentwicklung sich entfaltet hat. Seitdem kann das Symbolische mit dem Wörtlichen nicht mehr zusammengebracht werden, wird der Indikativ zu Lasten des imperativen Gehalts der Attribute Gottes zum Medium der Theologie, wird die Theologie zur Theologie hinter dem Rücken Gottes: Ursprung des Nominalismus.
Hatte die Schlange nicht recht, als die sagte: Wenn ihr von diesem Baum essen werdet, werdet ihr sein wie Gott? Sie sagte „wie Gott (Elohim)“, nicht „wie der HERR (JHWH)“. Drückt nicht in der Beziehung der Gottesnamen Elohim und JHWH die Beziehung von Katastrophe und Rettung (oder das Gereuen und die Umkehr Gottes) sich aus? Aber sind nicht im Werk der Elohim die Elemente der Rettung vorgebildet (deren Erkenntnis erst mit Auschwitz sich uns endgültig verschlossen hat)?
Der Rachetrieb entspringt nicht unmittelbar am Unrecht, das mir selbst widerfährt, sondern in erster Linie an dem Unrecht, das mein Kind, meine Eltern, meine Frau, meine Geschwistern trifft. Im Nationalismus wird dieser Rachetrieb vergesellschaftet, das Volk („wir Deutsche“) zur Schicksalsgemeinschaft, an der er sich entzündet. Die Delegation dieses Rachetriebs an den Staat löst ihn nur zum Schein, macht ihn in Wahrheit unauslöschbar, zum Wurm, der nicht stirbt. Der Rachetrieb begründet das Gewaltmonopol des Staates, das die Geschichte der Aufklärung seit ihren Anfängen verhext.
Die Personalisierung, das Sündenbockdenken, das nach den Schuldigen sucht, um sich zu entlasten, opfert die Masse, die sie zu vertreten vorgibt.
Theologie im Angesicht Gottes sprengt mit den subjektiven Formen der Anschauung die Fesseln der Ästhetik: die Gewalt des Mythos.
Wer meint, ein Rechtsanwalt sei dem Recht des Angeklagten verpflichtet, ist durch den Stammheim-Prozeß eines Schlechteren belehrt worden: Durch die Verpflichtung als „Organ der Rechtspflege“ ist er zu einem Hilfsorgan des Staatsanwalts geworden. Seitdem erwecken Staatsschutz-Verfahren den Eindruck, das in dubio pro reo gelte nur noch fürs Gericht, nicht mehr für die Angeklagten. Seitdem finden diese Prozesse kein ernsthaftes öffentliches Interesse mehr. -
18.10.1995
Das Realsymbol der Konstellation von Gemeinheit (der Veranderung des Andern), Grauen (des Zum-Andern-Werdens für Andere) und der (in der gegenständlich gewordenen Welt) gegenstandslos gewordenen Barmherzigkeit ist der Raum.
Ihr seid das Licht der Welt (ICH bilde das Licht und schaffe die Finsternis): Das Gewaltmonopol des Staates ist der Grund des Nominalismus (der Finsternis), der Zerstörung der erkennenden Kraft der Sprache (des Lichts), für die die Gewalt eintritt, die die Realität zusammenhält: das Grauen, das immer neu (und nie ein für allemal) bewußtseinsfähig zu machen ist.
Der Faschismus ist das „wahre Antlitz“ des Staates, weil die Gemeinheit in seinen Wurzeln (der Dünger, der ihn nährt, der Naturgrund der Gewalt) nicht zu tilgen ist.
Apriorisches Objekt der Gemeinheit ist der Feind: Mit der Gemeinheit breitet sich auch die Feindschaft aus.
Wer in der Feindschaft das Moment der Trauer tilgt – und genau das tut die Bekenntnislogik -, macht sie erst vollends böse.
Der Objektivationsprozeß produziert die Finsternis.
Der Begriff der Empfindung, der die Wahrnehmung blind und taub gemacht hat, ist ein Reflex der Mechanik. Empfindungen sind das sinnliche Äquivalent des Stoßprozesses; Grundlage ist die Vorstellung einer Berührung, eines Stoßes, eines Schlages; jede andere Beziehung zur „Außenwelt“, insbesondere die der gegenständlichen Erkenntnis, ist getilgt und muß ästhetisch, mit Hilfe der Vorstellungskraft des „Erkennenden“, rekonstruiert werden. Das Problem dieser „Rekonstruktion“ aber besteht darin, daß es das Original nicht mehr gibt. Es gibt Welt-, Gottes- und Menschenbilder, aber nichts, was durch diese Bilder abgebildet wird. War das Bilderverbot nicht eine Hilfe gegen die Hybris: Die Bilder, die an die Stelle des Originals treten, sind in Wahrheit Repräsentanten des Subjekts, das auch Bild eines Originals ist, an dessen Stelle es sich setzt.
Die Ich-bildende Kraft der Bekenntnislogik.
Wer davon ausgeht, daß in den Menschen der Trieb gut zu sein, drinsteckt, daß die Menschen nichts lieber möchten als gut sein, muß erklären, weshalb sie anders sind.
Das Grauen des Faschismus lag nicht darin, daß es die brutalen und gemeinen Schläger- und Mörderbanden gab, sondern daß er real und unter Einsatz von Gewalt und Terror den Menschen den Trieb gut zu sein ausgetrieben hat, daß er eine Welt hervorgebracht hat, in der es zur Gewalt und zum Terror keine Alternative mehr zu geben scheint. Und dieses Grauen ist zur Grunderfahrung der Nachwelt des Faschismus geworden.
Mein ist die Rache, spricht der HERR. Wer den Gott Israels als Rachegott denunziert, möchte sein eigenes Recht auf Rache nicht aus der Hand geben. Er verhält sich zur Theologie wie der Staat zum Mörder (der ihm das Recht zu töten streitig macht): Er verurteilt sie zur lebenslänglichen Haft. -
17.10.1995
Durch die Historisierung wird die Geschichte zum Objekt und zum Fundus des Urteils. Wer den Faschismus nur als vergangenen kennt, als Objekt vergegenständlichender Erkenntnis, hat das Spezifische der Faschismus-Erfahrung, das Grauen, schon verdrängt; so aber verwandeln sich der Schrecken und die Trauer in Empörung, die ihr Objekt zwar nicht mehr erreicht, dafür aber umso heftiger an Ersatzobjekten sich abreagiert. So wird der Faschismus zum indikativischen Prädikat und Adjektiv, zu einem Instrument des Grauens, in dem er überlebt.
„Grauen um und um“ (Jer 625, 203, 2010, 465, 4929): Gottesfurcht ist der Anfang der Weisheit, weil sie per definitionem das Grauen nicht verdrängt, sondern es bewußtseinsfähig hält. Der Weltbegriff verhindert die Gottesfurcht (die Theologie im Angesicht Gottes), weil ihren Erfahrungsgrund, das Grauen, systematisch verdrängt, durch diese Verdrängung und als deren Instrument sich definiert. Das Grauen ist das gegenständliche Korrelat der Gemeinheit und definiert sich wie diese durch ihre Beziehung zur Barmherzigkeit.
Jer 625: Geht nicht hinaus auf das Feld, wandert nicht auf die Straße! Denn da wütet das Schwert des Feindes – Entsetzen ringsum. (Zürcher Bibel)
Gehet nicht hinaus auf das Feld, und gehet nicht auf dem Wege, denn vom Schwerte des Feindes ist Schrecken ringsum. (Zunz)
Ziehet nimmer aufs Feld, nimmer geht auf den Weg, denn das feindliche Schwert, ein Grauen, ist ringsum. (Buber-Rosenzweig)
203: Am andern Morgen sodann entließ Pashur den Jeremias wieder aus dem Block. Da sprach Jeremias zu ihm: Nicht Pashur nennt der Herr deinen Namen, sondern ‚Grauen ringsum‘. (Zürcher Bibel)
Und es geschah am anderen Tage, da entließ Paschchur den Jirmejahu aus dem Stocke, und Jirmejahu sprach zu ihm: Nicht Paschchur (Fülle an Freiheit), hat der Ewige deinen Namen genannt, sondern Magor (Schrecken) ringsum. (Zunz)
Am Nachmorgen dann wars, da ließ Paschchur Jirmejahu aus dem Block holen. Jirmejahu aber sprach zu ihm: Nicht Paschchur ruft ER deinen Namen, sondern Magor, Grauen, ringsum. (Buber-Rosenzweig)
2010: Viele schon hörte ich zischeln – welch ein Grauen ringsum! -: ‚Zeiget ihn an!‘ – ‚So wollen wir ihn anzeigen! Ihr seine Vertrauten alle, belauert ihn! Vielleicht läßt er sich betören, daß wir seiner Herr werden und uns an ihm rächen‘. (Zürcher Bibel)
Ja, ich höre die Lästerung vieler, Zusammenrottung ringsum: Gebet an, so wollen wir ihn angeben! alles befreundete Männer, die auf seinen Sturz lauern; vielleicht läßt er sich betören, und wir vermögen gegen ihn und nehmen unsere Rache an ihm. (Zunz)
Ja, ich höre das Flüstern der Vielen, ein Grauen ringsum: Meldets! wir wollens melden! Was an Menschen mir im Friedensbund steht, die passen meinem Ausgleiten auf: Vielleicht wird er betört, dann übermögen wir ihn, nehmen an ihm unsere Rache! (Buber-Rosenzweig)
465: (Über Ägypten) Warum sind sie bestürzt und weichen zurück? warum sind ihre Helden zerschmettert und fliehen in wilder Flucht, daß keiner hinter sich sieht? O Grauen ringsum! spricht der Herr. (Zürcher Bibel)
Warum sehe ich sie zag zurückweichend, und ihre Helden sind zerschmettert und stürzen in die Flucht, ohne sich umzusehen? Grauen von allen Seiten, ist der Spruch des Herrn. (Zunz)
Weshalb muß ichs sehen?! Da sind sie, bestürzt, sie weichen zurück, ihre Helden zerstieben, fliehen in Flucht, wenden sich nicht! Grauen ringsum! ist SEIN Erlauten. (Buber-Rosenzweig)
4929: (Über Kedar und das Königreich Hazor) Zelte und Schafherden soll man ihnen rauben, die Zeltdecken und alle Geräte; auch ihre Kamele soll man ihnen nehmen und über sie ausrufen: Grauen ringsum. (Zürcher Bibel)
Ihre Zelte und ihre Schafe werden genommen, ihre Teppiche und all ihr Gerät, und ihre Kamele führen sie sich davon, und man ruft ihnen zu: Schrecken von allen Seiten!
Ihre Zelte nehme man, ihre Schafe, – ihre Teppichbehänge, all ihr Gerät, ihre Kamele führe man sich hinweg, man rufe über sie: Grauen ringsum! (Buber-Rosenzweig)
Grauen ringsum, das ist
– das Schwert des Feindes,
– der „wahre“ Name Paschchurs (des Priesters, des Oberaufsehers im Haus des HERRN),
– das Zischen, der Denunziationstrieb, die Rachsucht der Menge,
– die Niederlage Ägyptens (des Sklavenhauses) und
– die Ausraubung Kedars und Hazors (die den Frieden hassen – Ps 1205).
Verweist das nicht insgesamt auf die neue, durch die Herrschaft Babylons definierte Situation? -
15.10.1995
Die Instinktbindung der Tiere gründet in ihrem Objektivismus, den Adam, als er sie benannte, an sie delegiert hat. Adam hat die Tiere benannt, das hat sie verstummen gemacht; es käme heute darauf an, sie von ihrer Stummheit zu befreien, sie zum sprechen zu bringen.
Gegen die Ankläger hat es die Verteidung immer schwerer. Aber das nicht deshalb, weil die Verteidung die Dinge nicht beim Namen nennt; wenn das tun würde, müßte sie sich auf eine Macht berufen, die sie nicht hat. Die einzige Chance der Verteidigung liegt darin, das, was der Ankläger beim Namen zu nennen versucht, zum Sprechen zu bringen.
„Mein Gott!“ Gibt es nicht einen gottesfürchtigen Atheismus, einen Atheismus, der das Nichtsein Gottes als Teil der Heiligung Seines Namens begreift, als Unmöglichkeit, Gott in einem Possessivverhältnis zu fassen, als Versuch, Gott von dem dem Sein immanenten Eigentumsanspruch freizuhalten? Die Gottesfurcht beginnt, wenn man begreift, daß der Ausdruck „mein Gott“ blasphemisch ist. Gilt das Gleiche nicht für jede Art von Gottesbeweis?
Sanctificetur nomen tuum: Welcher Name ist hier gemeint, der des Vaters oder der Gottesname, den auszusprechen verboten ist?
Der Weltbegriff leugnet die Schöpfung, der Naturbegriff die Auferstehung; leugnet nicht die Bekenntnisreligion die Offenbarung?
Das Dogma ist die Narbe an der Stelle, an der Alexander den Knoten, der eigentlich hätte gelöst werden müssen, durchschlagen hat, War der Knoten (der Joch und Deichsel des Ochsenkarrens mit einander verband) der Knoten, der die Objektivierung mit der Instrumentalisierung verknüpfte? Seitdem ist es möglich, das Bewußtsein der mit der Objektivierung verknüpften Instrumentalisierung zu verdrängen. Diese Verdrängung, die die Reflexion des Herrschaftszusammenhangs der Objektivierung verhindert (im Objekt die Spuren des herrschaftsgeschichtlichen Ursprungs seines Begriffs tilgt), ist die Grundlage des Begriffs. Der Inbegriff aller Begriffe ist der Weltbegriff. Deshalb mußte das Dogma (zusammen mit der den Objektbegriff begründenden Opfertheologie) eine Lehre von der Erschaffung der Welt (die von der Schöpfung des Himmels und der Erde unterschieden werden muß) enthalten.
Der Faschismus ist die Rache des Objekts: Deshalb gibt es keine Kritik des Faschismus, die nicht die Kritik des Konkretismus und der Personalisierung mit einschließt. Der Faschismus ist eine Frage der Logik. Zur Faschismus-Kritik gehört heute die Kritik der Naturwissenschaften (Kritik des Weltbegriffs, Reflexion der Beziehung von Philosophie und Prophetie). Alles andere wird heute zusehends ohnmächtiger und hilfloser und am Ende selbst vom Faschismus eingeholt.
Urknall: Handelt es sich hier nicht um das Produkt einer Verschiebung von der formalen auf die materielle Ebene; wäre der Urknall nicht genauer auf die Konstituierung des Inertialsystems durch Sprengung des Lichts zu beziehen? Die Unterscheidung der primären und sekundären Sinnesqualitäten (die Subjektivierung der Empfindungen, die in der Sprache die Personalpronomina hervorgetrieben hat) ist eine Folge dieser Sprengung.
Wenn der Urknall auf die „Sprengung des Lichts“, den Ursprung der naturwissenschaftlichen Lichttheorien, sich bezieht, ist dann das „schwarze Loch“, das alle Strahlungen in sich aufsaugt, aber keine mehr herausläßt, nicht das Realsymbol der Gravitationstheorie?
In welcher Beziehung stehen Verdacht, Unterstellung und Behauptung zur Geschichte der drei Leugnungen? -
13.10.1995
Die Berufung auf Adam in der Vorrede zum „Ursprung des deutschen Trauerspiels“ ist ambivalent. Die Benennung der Tiere durch Adam war die Aufhebung der Gemeinschaft mit ihnen, der erste Akt ihrer Objektivierung und Unterwerfung. In den Tieren erkannte Adam seine Einsamkeit, und die Tiere sahen sich erkannt von einem, mit dem sie keine Gemeinschaft hatten. Hat nicht Adam schon „gebunden“, und war das nicht die „Sünde der Welt“, auf die Joh 129 (und das Wort vom Binden Lösen bei Mt) sich bezieht?
Die Verführung des Beamten: Er gewinnt sein Selbstbewußtsein aus einer Tätigkeit, die ihn zugleich exkulpiert. Er ist nur ein unschuldiges Rädchen im Getriebe der staatlichen Verwaltung, hat aber kraft der ihm obliegenden „hoheitlichen Aufgaben“ zugleich teil am Gewaltmonopol des Staates. Er vertritt den Staat, der ihm zugleich die Last der Verantwortung für sein Tun abnimmt, gegen seine Bürger. Das Resultat ist eine Mischung aus Verantwortungslosigkeit und Allmachtsphantasien.
In einer Welt, in der es Ziele nur noch in der Gestalt von Mitteln, die zu Selbstzwecken geworden sind, gibt, kann die Humanität des Handelns nicht mehr an den Zielen, sondern allein an den Mitteln gemessen werden.
„Gesegnet sei mein Volk Mizrajim, meiner Hände Werk Aschur, und mein Erbe Jisrael.“ (Jes 1925) War nicht Mizrajim das aus den Zwängen der kollektiven Selbsterhaltung hervorgegangene Sklavenhaus, Aschur die aus Verteidigungszwängen hervorgegangene brutale Militärmacht?
Zwischen der griechischen und lateinischen Sprache liegt die Wasserscheide des Dogmas. Wenn die griechische Sprache eine prädogmatische und die lateinische eine postdogmatische Sprache ist, was hat es dann zu bedeuten, wenn im Deutschen der bestimmte und der unbestimmte Artikel, im Griechischen, das den unbestimmten Artikel nicht kennt, der bestimmte Artikel der Deklination unterliegt, während das Lateinische überhaupt keinen Artikel kennt? Dem griechischen zoon politikon entspricht in der Sprachlogik des Lateinischen die res publica, wobei die res dem pragma entspricht; erst im Deutschen werden Ding und Sache getrennt, Reflex der Trennung von Objekt und Prädikat, des bestimmten und unbestimmten Artikels.
Krankte nicht die 68er Bewegung daran, daß sie Verwaltung und Recht aus der herrschaftskritischen Reflexion ausgeschlossen (oder sie schlicht vergessen) hat? Verwaltung und Recht waren für sie ein Stück Natur, das für sie nur gegeben und hinzunehmen, dann im „Marsch durch die Institutionen“ auch zu nutzen war. Beide, Verwaltung und Recht, verkörperten eine objektive Gesetzmäßigkeit, die falsch angewendet werden konnten, deren richtige Anwendung demnach allein von den Personen abhing, die dieses Instrumentarium beherrschten. In der instrumentalisierten Welt waren die Instrumente naturgegeben, jede Erinnerung an ein An-sich getilgt.
Das Geschlecht bezeichnet ebensosehr einen biologischen wie einen sprachlichen Sachverhalt. Der Idealismus, der mit Hilfe der Sexualmoral den biologischen Anteil leugnet, ist frauenfeindlich, der Biologismus, der den sprachlichen Anteil leugnet, männerfeindlich.
Die Vergöttlichung der Heroen hat der Erkenntnis Gottes, der Heiligung Seines Namens, den Weg versperrt.
Die Unfähigkeit, mit Fehlern umzugehen (Fehler einzugestehen), die Tendenz aus einmal gemachten Fehlern feste Eigenschaften abzuleiten („wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“), der Rechtfertigungszwang und die unaufhebbare Ungeduld, die Unfähigkeit, eine Sache reifen zu lassen, gründen in der Logik des Weltbegriffs: sie hängen mit der Verschiebung des Perfekts in die Vergangenheit zusammen, mit der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit. Der Rassismus ist der genaueste Ausdruck der Logik des Weltbegriffs (Ableitung der Sexualmoral!). -
3.10.1995
Der Himmel, die Vergangenheit dessen, was noch nicht ist (was in der „Feste“ verschlossen ist), ist Sein Thron, die Erde der Schemel Seiner Füße.
Die Welt ist der Inbegriff einer Logik, die uns den Blick auf die Schöpfung versperrt.
Das Sein bestimmt nicht nur das Bewußtsein, es ist uns als Schrecken in die Glieder gefahren.
Isaak: Der Schrecken ist nicht unvermittelt kommunikabel, er teilt sich mit über Gesten und Verhaltensweisen, und d.h. in einer Schicht, die unter dem Bewußtsein (unterhalb der sprachlichen Ebene) liegt und nur durch Reflexion ins Bewußtsein gehoben werden kann.
Ist nicht meine „Erinnerungsarbeit“ auch der Versuch, etwas von der Schuld, die ich meinen Kindern gegenüber fühle, abzutragen?
Der Satz: Das Sein bestimmt das Bewußtsein, setzt den anderen voraus, den er kritisiert: daß das Bewußtsein das Sein bestimmt.
Die altchristliche (und dann auch islamische) Engel- und Dämonenlehre war die theologische Gestalt der Astrologie.
Das Generationen- und das Geschlechterverhältnis verweist zurück auf das Problem der Dimensionen des Raumes: auf die Oben-/Unten-Beziehung und auf die Beziehung von Rechts und Links. Mit der Unfähigkeit, die Dimensionen des Raumes zu reflektieren, mit der Unfähigkeit, Rechts und Links zu unterscheiden, werden die Generationen- und Geschlechterprobleme durch Verdrängung verschärft.
Gibt es einen Zusammenhang der Unfähigkeit der 120000 in Ninive, zwischen Rechts und Links zu unterscheiden, mit der Sünde Sodoms? Ist Homosexualität ein (sprach-)logisches und kein moralisches Problem? -
2.10.1995
Männlich und weiblich schuf er sie: Die Beziehung der Herrschaftsgeschichte zu Geschichte der Beziehungen von Männern und Frauen wird in der Erzählung vom Sündenfall symbolisiert: als Beziehung der Schlange zu den Menschen, zu Adam und Eva (als Beziehung des Neutrum zum Männlichen und Weiblichen). Die Identifikation des Männlichen mit der Herrschaft (die im Deutschen schon im Namen der „Herr“schaft sich ausdrückt, der auf den herrschenden Mann zurückweist, während im Lateinischen der dominus von dominare, der „Herr“ von seiner Tätigkeit, vom Herrschen, sich herleitet) hat ihren Ursprung in der verhängnisvollen Herrschaftsgeschichte der Moderne, zu der die Entfaltung der subjektiven Formen der Anschauung gehören wie auch die hierdurch vermittelte neue Beziehung von Begriff und Objekt. Durch die subjektiven Formen der Anschauung ist der Kelch zum Unzuchtsbecher geworden: die Beziehung von Begriff und Objekt, von Welt und Natur zu einem Bild der Geschlechterbeziehung. Die intentio recta ist ein phallisches Symbol (und der Turm von Babel, der „bis an den Himmel reicht“ ein Symbol der Religion als Instrument der Vergewaltigung des Himmels). Weshalb ist im Deutschen die Sonne weiblich und der Mond männlich? Löst sich das Problem des grammatischen Geschlechts im Zusammenhang mit der Lösung des Problems von Herrschaft und Geschlecht?
Die intentio recta und die begriffliche Erkenntnis bedurften der Sexualmoral, um sie gegen ihre herrschaftskritische Reflexion abzuschirmen. Die Probleme dieses Verfahrens wurden übers Vorurteil abgefertigt: von der Ketzer- über die Hexenverfolgung bis Auschwitz.
Der Indikativ, das Hinter-dem-Rücken, die Definitionsmacht, das Durch-die-Blume-Sprechen: Wie hängt das mit einander zusammen? Sind sie nicht Teil einer Kommunikation, die unter dem Bann der Herrschaft steht: Kommunikation als Gewinner-/Verlierer-Spiel. Dieses Spiel macht süchtig.
Heute erhebt auch der Staat seinen Anspruch auf eine Privatsphäre, die die Öffentlichkeit nichts angeht. Nur, was einmal aus außenpolitischen Gründen notwendig war (im Kontext der nicht mehr rechtlich, sondern nur noch durch Diplomatie oder Krieg zu regelnden zwischenstaatlichen Beziehungen), ist heute zu einem Teil der inneren Organisation der Staaten geworden, als Mittel der Vermeidung und Abwehr der Entstehung naturhafter Verhältnisse im Innern. Schließt sich hier nicht der Kreis, der den Naturbereich des Privaten, die Sexualität, und den des Staates, sein Gewaltmonopol und dessen Institutionen, mit einander verbindet?
Stammen nicht die Phantasien, die einmal in der Alchemie sich entfaltet hatten, aus dem Unzuchtsbecher?
Die Pornokratie gehört (wie z.B. auch die Geschichte der Fälschungen im Mittelalter) zur Ursprungsgeschichte der kirchlichen Privatsphäre (zu der das Dogma und die Orthodoxie als Feigenblatt, hinter dem die Kirche seitdem ihre Nacktheit verbirgt, dazugehören). Die kirchliche Sexualmoral war seit je ein Mittel der präventiven und projektiven Abwehr.
Der Kleinglaube ist der Glaube nach Abzug all dessen, woran die Kirche heute nicht mehr glauben kann, wenn sie als Herrschaftsinstrument überleben will.
Was hat der gordische Knoten mit Rind und Esel zu tun? Hat nicht die Durchschlagung dieses Knotens (der Joch und Deichsel eines Ochsenkarrens miteinander verband) das Rind zum Esel gemacht, das Joch zur Last? Seit dem Ursprung der Großreiche haben alle das Joch, das ihnen mit der Reichsbildung auferlegt wurde, als Last zu übernehmen. Die Lösung des Knotens wäre die Befreiung vom Joch gewesen, mit seiner Durchschlagung (die den Weltbegriff begründete) wurde es verinnerlicht.
Zur Fremdenfeindlichkeit heute: Handelt es sich vielleicht um die Umkehrung eines alten Verfahrens: innenpolitische Probleme mit Hilfe außenpolitischer (nationalistischer) Aktivitäten wenn nicht zu lösen, so doch zu verdrängen? Werden hier nicht Außenprobleme (das Ausland als Maßstab politischen Handelns) innenpolitisch abgeleitet? Verfassungsschutz, Staatsschutzverfahren, die neue Asylgesetzgebung gehören in diesen Zusammenhang.
Das Recht insgesamt, insbesondere aber das Staatsschutzrecht, ist ein Instrument der gesellschaftlichen Naturbeherrschung.
Die Kronzeugenregelung, die in Deutschland einmal mit dem Hinweis auf die organisierte Kriminalität eingeführt worden ist, wird nur in „Terroristen“-Prozessen, im Bereich des Staatsschutzrechts, angewandt. Der Übergang von § 129 zu § 129a war die Schiene, auf der das gelaufen ist. Er war nicht harmlos.
Zeit ist’s: Die Thora wird als Lehre verfälscht, wenn das prophetische (und auch das typologische) Element herausgebrochen, unterdrückt wird. -
29.9.1995
Wodurch unterscheidet sich die Tatsache vom Faktum? Das Faktum ist das Gemachte (factum), es verweist auf des Machen Gottes, einen Aspekt seines Schöpfungshandelns. Die Tatsache ist gleichsam eine hybride Form der res factae, das mythische Gegenstück hierzu: In der unerschaffenen Welt, die außerhalb jeder Beziehung zum Handeln Gottes sich konstituiert, gibt es nur noch die weltkonstituierenden Taten der Heroen (die Taten des Herakles).
Tatsachen konstituieren sich in einer atheistischen Welt.
Der Tempel unterscheidet sich von der Kirche dadurch, daß er nicht das Haus Gottes, sondern das Haus seines Namens ist, während die Kirche, die den verdinglichten Gott in ihren Mauern zu besitzen glaubt, sich selbst einen Namen machen muß, So ist sie zum „Turm, der bis an den Himmel reicht“, geworden. Der Pomp (die Adaptation der Herrlichkeit) ist das zwangsläufige Korrelat des eigenen Namens.
Ist nicht die Herrlichkeit Gottes der Schrecken Isaaks? Isaak, Samuel und Johannes dem Täufer ist es gemeinsam, daß sie Kinder der Unfruchtbarkeit (Kinder, die ihren Eltern im Alter geboren wurden) sind. Isaak ist das aufgehobene Opfer, Samuel der Eröffner des Königtums in Israel und Johannes das Opfer des letzten Königs und der Vorläufer des Messias.
Geschichtsphilosophie ist das Produkt der Übersetzung der Schrift in den Indikativ: Ihr entspricht die Zwangsvorstellung, es gebe einen Plan der Geschichte, eine „Heilsgeschichte“ (eine „Vorsehung“, die, indem sie das Prinzip der Geschichtsschreibung gleichsam nur umkehrt das Unglück der Geschichte nicht aufhebt, sondern es perpetuiert). Aber die Geschichte hat keinen Plan, zu ihren Elementen gehört der Zufall. Auschwitz war nicht „notwendig“, kein Teil eines „göttlichen Heilsplans“, sondern ein Werk des „Zufalls“ in der Geschichte, dessen Kräfte allerdings selber bestimmter geschichtlicher Bedingungen zu ihrer „Freisetzung“ bedürfen. Zu diesen Bedingungen gehören insbesondere Formen des Handelns, die von der inneren Notwendigkeit des Handelns (von der Verantwortung, von der Moral, die sich von selbst versteht) sich emanzipiert haben, die sich selbst zu einem Instrument des Zufalls gemacht haben. In die christliche Tradition ist der Zufall unter dem Namen des liberum arbitrium (der Wahlfreiheit) eingangen.
Der Sabbat wird mit dem siebten Schöpfungstag und dem Exodus begründet: Bezieht sich der Satz, daß der Menschensohn „Herr des Sabbat“ ist, auch auf diesen Begründungszusammenhang?
Der Bogen in den Wolken setzt den Wassern eine Grenze und eröffnet dem Feuer den Weg (vom brennenden Dornbusch über das Feuer vom Himmel zu den Feuerzungen des Geistes).
Was haben die Wolken (in denen nach der Sintflut der Bogen erscheint) mit den Wolken, auf denen der Menschensohn erscheinen wird, und mit den Wolken der Zeugen zu tun (oder was haben der Bogen, der Menschensohn und die Zeugen miteinander zu tun)?
Bezeugen kann man nur Vergangenes, eine Tat, eine Handlung, ein Geschehen. Hat die „Wolke der Zeugen“ (Hebr 121) etwas mit dem Begriff der Geschichte zu tun? Ist die im Spiegel ihrer Zeugnisse vergegenständlichte Geschichte die Wolke, in die nach der Sintflut der Bogen gesetzt ward und auf der der Menschensohn am Ende erscheinen wird?
Haben die Wolken des Himmels etwas mit dem Geist über den Wassern zu tun?
Haben die Donner (deren Stimme in der Apokalypse nicht ins Buch mit aufgenommen werden soll, aber auch die „Donnersöhne“, die Zebedäus-Söhne) etwas mit dem Brüllen JHWHs zu tun? -
28.9.1995
Liegt das Problem der Theologie heute nicht darin, daß in einer Gesellschaft, in der man keine Fehler mehr machen darf, Mitleid als Diskriminierung (als Hinweis auf einen unentschuldbaren Mangel) erfahren wird? Das unterscheidet Gott von der Idee des Absoluten: daß ihn eigene Handlungen „gereuen“. Gott ist lernfähig und nicht „allwissend“. Daß Gott etwas gereut, gehört zu den Attributen, die im Imperativ stehen.
Abraham argumentiert im Falle Sodom mit Blick auf die göttliche Gerechtigkeit, Moses, beim Exodus, im Hinblick auf das Ansehen: Was werden die Ägypter sagen?
Die Geschichte der Vergesellschaftung von Herrschaft ist die Geschichte der Sünde der Welt. Deshalb ist die Theologie, die Joh 129 aus dem Nachfolgegebot herausnimmt (mit der Vergöttlichung Jesu und der Entsühnung der Welt), Herrschaftstheologie.
Auch in der Theologie hat Griechenland Rom (die Orthodoxie dem Katholizismus) vorgearbeitet: Die griechische Sprache ist vordogmatisch (vorimperialistisch), die lateinische nachdogmatisch (imperialistisch); die griechische Sprache ist die Sprache des Ursprungs und der Entfaltung des Dogmas, die lateinische die seiner Instrumentalisierung. Nur in diesem Kontext werden die Differenzen zwischen natura und physis, mundus und kosmos, und zusammen damit die grammatischen Neukonstruktionen des Lateinischen (paradigmatisch: Plusquamperfekt und Futur II) durchsichtig. Besiegelt wird die Differenz, die ihr Zentrum in der Trinitätslehre hat, durch die Übersetzung von homousia mit consubstantialis. Umgekehrt: Erst die genaue Bestimmung der grammatischen Differenzen (zu denen der Natur- und Weltbegriff als Schlüsselbegriffe dazugehören) macht die lateinische Trinitätslehre (mit dem filioque) durchsichtig.
Die dies dominica ist der achte Tag (der „Tag des Herrn“), der noch nicht eingetreten ist, im Sonntag nur antizipiert wird. Was bedeutet es, wenn es heißt, daß der Menschensohn auch Herr des Sabbats ist?
„Tatsache“, „in der Tat“: Wodurch unterscheidet sich die Tat vom Handeln? Ist die Tat das Plusquamperfekt des Handelns? Wie verhält sich der Begriff der Tat zum Begriff der Welt. Eine „gute Tat“ ist eine Tat vor aller Welt. Es gibt die weltbegründenden Taten des Herakles (das Buch der Richter ist eine Parodie darauf). Das Handeln setzt die Welt voraus, die Tat begründet eine Welt. Taten sind geschichtsbegründend (deshalb gibt es Heldentaten), sie konstituieren und reflektieren den Blick des Historikers, des Nachgeborenen. Tatsachen entspringen dort, wo der Blick des Historikers die Gegenwart mit einbegreift (und durchdringt: ihren Begriff konstituiert). Die Vorform des Empirischen war das Historische. Tatsachen sind zusammen mit den Dingen entsprungen; beide sind Abkömmlinge der Sachen, die in Taten gründen.
Tatsachen (das gegenständliche Korrelat des Indikativs) werden in der Schrift durch „Dornen und Disteln“ symbolisiert; sie gehören zu einem Begriff der Welt, der durch Gewalt und durch Herrschaft von Menschen über Menschen sich definiert, der unser Bewußtsein und unsere Erfahrung determiniert, durchdringt und beherrscht. Tatsachen bilden sich in einem Raum, zu dessen Konstituentien auch das kontrafaktische Urteil gehört, in dem auch alles hätte anders gewesen sein können und Taten die Ursache sind, daß die Dinge so gewesen sind wie sie waren. Tatsachen gehören zum Begriff der instrumentalisierten Welt, die für alle subjektiven Ziele offen ist, soweit ihnen keine „Tatsachen“, Verkörperungen der Macht und der Ziele anderer, entgegenstehen; sie gehören zu einer Welt, die der Phantasie keine Grenzen zu setzen scheint, in der man sich alles auch ganz anders vorstellen kann. Am Widerstand der Tatsachen entzündet sich das Reich der Phantasie: die Kunst, die diesen Widerstand allerdings bloß spiegelt, nicht bricht. Gebrochen wird dieser Widerstand durchs Wunder, die Erfüllung des Worts.
Tatsachen entspringen gemeinsam mit dem Bewußtsein (mit der Konstituierung des Unbewußten und seiner Trennung von ihm) und mit dem Staat. Sie sind nicht naturgegeben, sondern das gemeinsame Resultat eines langen und schmerzhaften, eines katastrophischen Prozesses.
Die natürlichen Objekte des kontrafaktischen Urteils sind neben der politischen Geschichte die Objekte des Geschwätzes (des moralischen Urteils; die Urteilsmoral, deren verdinglichte Gestalt die bei Politikern so beliebte Wertethik ist, ist der private Anwendungsbereich des kontrafaktischen Urteils).
Der Indikativ (die transzendentale Logik) definiert den Inhalt des Kelches (der subjektiven Formen der Anschauung), der Kelch konstituiert den Indikativ. Ist der Kelch der Reflex des Himmelsgewölbes im Subjekt? Worauf bezieht sich dann das Bild des offenen Himmels?
Das kontrafaktische Urteil ist das Pendant des Raumes, in dem die kopernikanische Theorie sich bilden konnte. Die Logik der mathematischen Naturwissenschaften, die in den subjektiven Formen der Anschauung und in der Form des Inertialsystems sich entfaltet ist die Kehrseite der Logik des kontrafaktischen Urteils. -
27.9.1995
Nur Gott sieht ins Herz der Menschen. Für uns (im Kontext der urteilenden Erkenntnis) sind die Dinge, wie sie an sich sind, unerkennbar. Hängt das nicht damit zusammen, daß sich unsere, an die subjektiven Formen der Anschauung gebundene, objektivierende Erkenntnis von der göttlichen Erkenntnis wie das Gericht von der Barmherzigkeit unterscheidet? Der Heilige Geist ist der Inbegriff der von der Barmherzigkeit geleiteten (der parakletischen: nicht urteilenden, sondern verteidigenden) Erkenntnis, und insoweit eine Einübung der göttlichen Erkenntnis.
Zur Sünde wider den Heiligen Geist (Erinnerung an den Imperativ der Gnade): Ist nicht die Sündenvergebung ans Sündenvergeben (sicut et nos dimittimus …) gebunden?
Auch die Barmherzigkeit urteilt, aber sie verurteilt nicht. Die Unheilssprüche der Propheten stehen insgesamt unter dem Vorbehalt, daß Gott barmherzig ist, daß keines seiner Urteile nicht auch revidierbar wäre. Und es gereute Gott …: Worin zeigt sich die Reue Gottes? In unserer Umkehr. Die Idee des Absoluten steht im Banne einer Logik, die diese Umkehr nicht kennt. Die Sprengung dieses Banns ist der Beginn der Gotteserkenntnis.
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie