Theologie

  • 19.8.1995

    Zur Unterscheidung der Idee des Ewigen vom Begriff des Überzeitlichen: Es ist der gleiche Unterschied, der die Prophetie (die Schrift) von der Philosophie, die Lehre vom Dogma trennt. Die Idee des Ewigen schließt die Vergangenheit von sich aus; das Ewige läßt sich nicht als vergangen denken. Sie gründet darin, daß eine ursprüngliche Vergangenheit sich nicht denken läßt: Jede Vergangenheit ist die Vergangenheit von etwas, das einmal war. So muß jedes Vergangene einen Anfang haben, dessen Vergangenheit es ist, einen Ursprung. Ohne diese Beziehung des Vergangenen zu seinem Ursprung in einer vergangenen Gegenwart gäbe es keine Erinnerung. Das Gegenbild der Idee des Ewigen ist eine Vorstellung der Zeit, in der jede Zukunft einmal vergangen sein wird: Produkt der Subsumtion der Zeit insgesamt, die Zukunft eingeschlossen, unter die Vergangenheit. Während die Idee des Ewigen durch die Erinnerung der vergangenen Zukunft sich bestimmen läßt, steht der Begriff des Überzeitlichen unter dem Gesetz der Vergangenheit, ihrer Gewalt über alles Zeitliche, auch über die Zukunft. In dieser Konstellation gründet der Begriff des Wissens (und des Sehens), der der Philosophie (und dem historischen Objektivationsprozeß) zugrunde liegt, während die Idee des Ewigen die der Offenbarung (und des Hörens) begründet. Die Trinitätslehre ist das Produkt der Übersetzung der Theologie in eine Logik, die an den Begriff des Überzeitlichen sich anschließt: in die Sprache des Indikativs, die unter der Herrschaft der Vergangenheit steht. Die Trinitätslehre steht am Beginn der Geschichte einer Logik, an deren Ende das Inertialsystem steht (nur deshalb ist es möglich, gleichsam trinitarische Strukturen in der Mikrophysik zu entdecken). Der traditionelle theologische Topos der Unterscheidung des Ewigen vom Überzeitlichen ist die Unterscheidung von Barmherzigkeit und strengem Gericht. Bezieht sich hierauf nicht 1 Kor 1522-28?
    Der Name des Logos ist ambivalent: Nur im Kontext der Vorstellung des Überzeitlichen wird er zum Begriff, im Kontext der Idee des Ewigen erweist er sich als Name (als erkennende Namenskraft der Sprache). Als Begriff führt er über die Trinitätslehre in den Säkularisationsprozeß. Wiederzugewinnen wäre die im Kontext dieser Logik verdrängte und verloren gegangene (zum Bekenntnis neutralisierte) Idee des Namens.
    In der Kabbala gibt es das Motiv, daß die sechs Richtungen des Raumes auf den göttlichen Namen versiegelt sind. Hat nicht die Trinitätslehre eine ähnliche Bedeutung? Und wäre hieraus nicht die Bedeutung des Gebots der Heiligung des Gottesnamens und dessen Beziehung zur Sprache insgesamt zu abzuleiten?

  • 18.8.1995

    Das Licht erhellt die Welt durch die Sprache. Die Dinge, die wir sehen, sehen wir nicht nur durch das Licht, sondern auch durch die Sprache. Dunkel wird das Licht (in der Optik wie in der Sprache) durch Instrumentalisierung: Wir können nicht durch die Augen der Andern sehen.
    Vor dem Gesetz (Franz Kafka): Ist das „Tor zum Gesetz“ nicht die Trinitätslehre? Wer die Trinitätslehre als Wahrheit nimmt, verharrt vor dem Tor, das „nur für dich bestimmt“ ist.
    Die Trinitätslehre ist der Inbegriff der Verführung zu einem angepaßten Autismus und zugleich dessen Legitimation.
    Das Dogma ist die Hölle der Häretiker; die Urteile der Dogmatiker (der Konzilien und der Lehrämter) sind die Feuerwand, die die Häretiker abschrecken und draußen halten soll. Gilt hier nicht das thomistische (oder augustinische) Wort, daß der Anblick der Verdammten in der Hölle zur Seligkeit der Erlösten im Himmel gehört: Hilft hier nicht allein noch die Idee einer apokatastasis panthon?

  • 17.8.1995

    Last und Joch: Eine Differenzierung im Begriff des Begriffs. Wie hängen Last und Joch mit Hören und Sehen zusammen (mit Wort und Schrift)?
    Zur Prophetie gibt es nur zwei Positionen: Man ist entweder selbst Prophet, oder man wird zu ihrem Objekt. Die gegenständliche, historische Beziehung zur Prophetie führt in einen logischen Zwang, durch den man selber zum bewußtlosen (zum blinden und lahmen) Objekt der Prophetie wird.
    Von den biblischen Opfertieren ist das Rind in den Kernbestand der Evangelien nicht mit eingegangen, während Lamm und Taube zu innertrinitarischen Symbolen, zu Symbolen des Sohnes und des Geistes, geworden sind (die Erstgeburt des Menschen wird durchs Opfer des Lammes, nur bei den Armen durch das Opfer der Taube ausgelöst; nach Mt und Mk treibt Jesus die Wechsler und die Taubenverkäufer, nur nach Joh auch die Verkäufer von Ochsen und Schafen aus dem Tempel).
    Ist nicht die Geschichte vom reichen Jüngling eine parakletische Geschichte? Die Aufgabe des Reichtums sollte er nicht nur für den Moment den Armen helfen (Maurer: „die Urgemeinde ist am Kommunismus gescheitert“), sondern die Ursache der Armut, ihren Zusammenhang mit dem Reichtum, reflexionsfähig machen.
    Es ist so leicht, die Worte Jesu durch Übersetzung in den Indikativ unsinnig und die Nachfolge unmöglich erscheinen zu lassen.
    Eine Sprache, die nur Imperfekt und Perfekt kennt, kennt eigentlich keine (abgeschlossene) Vergangenheit, sie kennt insbesondere keine Herrschaftslogik, die den Sprechenden selber in die Vergangenheit versetzt und als Ersatz das Präsens (eine in die Vergangenheit eingetauchte Gegenwart) braucht. Realsymbol dieser Herrschaftslogik in der Schrift ist das Sklavenhaus Ägypten, dann die babylonische Gefangenschaft.
    Die Verlagerung des Perfekt in die Vergangenheit begründet die Ontologie. Zugleich wird die Erinnerung an die Zukunft (und mit ihr der Kern der theologischen Tradition) ausgeschieden.
    Die Trinitätslehre entlastet die Theologie von der Last der Apokalypse, der Parusie-Erwartung.
    Schuldverschubsystem: Heute wird das Wort Goethes noch überboten: Wir lassen nicht mehr nur die Armen, sondern auch die Opfer schuldig werden: So werden sie wirklich zu Vertretern des Gekreuzigten. (Die Vergebungsbereitschaft der Kirche geht heute soweit, daß sie auch den Juden Auschwitz vergeben würde, wenn sie ihre Halsstarrigkeit aufgeben und die immer ausgestreckte Hand der Versöhnung endlich ergreifen würden.)
    Der Versuch, die ganze Mikrophysik aus der speziellen Relativitätstheorie, aus dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, abzuleiten, hatte bereits als bewußtloses Modell die Vorstellung, daß die Wahrheit der Trinitätslehre erst in ihrer Konfrontation mit der jüdischen Tradition hervortreten wird. War nicht die Physik Einsteins in der Tat, nur anders als es die Vertreter der „Deutschen Physik“ sich vorstellten, eine „jüdische Physik“?
    Die Welt ist (wie auch ihre Emanationen) die Totalität des Feigenblattes.
    Was in der Trinitätslehre mit Gott begonnen hat und über die Welt fortgesetzt wurde, die Gewalt der Vergegenständlichung, ergreift am Ende unser Herz (das Herz der Kirche).

  • 16.8.1995

    Der Protestantismus hat die Erlösung als „Rechtfertigung“ an das Bekenntnis des Trinitätsdogmas gebunden: Produkt der Feigenblatt-Logik.
    Ist die Berufung (die zur Logik der Verwaltungstheologie gehört, zur priesterlichen Verwaltung der Tradition) nicht das Gegenstück zur Bekehrung (zu der sie sich ähnlich verhält wie der Ruf zur Umkehr, das Hören zum Tun)?
    Ist nicht Heidegger ein Produkt der Trinitätslehre (Rückverwandlung des Priestertums ins Schamanentum)?
    Das Substantiv ist der Staub, zu dem das Männliche wird (und den die auf dem Bauche kriechende Schlange frißt).
    Erst im Deutschen ist der Gehorsam endgültig vom Hören getrennt worden.
    Die subjektiven Formen der Anschauung abstrahieren vom Gegenblick, vom Angeblicktwerden. Ist dieser Gegenblick nicht die Sprache, deren Wurzel der Gottesname ist, und ist die Abstraktion, die die Formen der Anschauung verkörpern, nicht diese Abstraktion von der Sprache? Das Leuchten Seines Angesichts ist ein sprachlicher Sachverhalt: die in der Sensibilisierung der Wahrnehmung und Erfahrung sich selbst ganz durchsichtig gewordene Sprache. Daß Gott den Menschen „nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes“ erschaffen hat, verweist auf zwei unterschiedene Aspekte der menschlichen Sprache.
    Indem Kopernikus den Raum ins Unendliche öffnet, verschließt er ihn gegen die Sprache.
    Perfekt: Kontrafaktische Urteile gibt es nicht nur in der Geschichte, sondern ebenso in der Theologie; sie sind in beiden Fällen der Schatten des Indikativs: Liegt hier nicht der Ursprung des Problems der kontrafaktischen Urteile, ist nicht die Vergegenständlichung Gottes die Voraussetzung der Geschichtsschreibung (und die Geschichte, Inbegriff der vollendeten Vergangenheit, das genaue Korrelat sowohl der vergegenständlichten Natur, die wie die Vergangenheit dem Eingriff des Menschen entzogen ist, als auch der Theologie hinter dem Rücken Gottes)?
    Der Folie, vor der kontrafaktische Urteile als solche sich erweisen, sind in der Geschichte die erwiesenen Tatsachen, während es in der Theologie die dieser Wissenschaft eigentümliche Logik ist. Diese Logik hat eine dem Begriff der Tatsache (an dem kontrafaktische Urteile sich müssen messen lassen) vergleichbare Struktur und Gegenständlichkeit.
    Haben nicht die Trinitätslehre, die Christologie und die Opfertheologie, hat nicht eigentlich das Dogma insgesamt die gleiche Funktion innerhalb des Christentums, die der Historismus für das Weltbewußtsein hat (wodurch unterscheidet die moderne Geschichtsschreibung von der antiken)?
    Die Trinitätslehre ist ein erstes Produkt der Säkularisation, sie folgt aus dem logischen Gebrauch des Satzes, aus dem die ganze Hegelsche Philosophie sich herleiten läßt: Das Eine ist das Andere des Anderen. Hegels Philosophie läßt sich als die Auflösung der Logik dieses Satzes zugunsten des Anderen begreifen. Deren Anfang liegt im spekulativen Trinitätsbegriff der patristischen Theologie (in der „asymmetrischen Spiegelung“ der Eigenschaften und Tätigkeiten der „göttlichen Personen“). Was bei Plato noch eine isolierte Bemerkung war, gewinnt mit der Trinitätslehre die systembildende Kraft, die dann bei Hegel sich vollendet. Die Trinitätslehre ist ein Produkt dessen, was Franz Rosenzweig die „verandernde Kraft“ des Denkens genannt hat.
    Die Trinitätslehre steht (wie die Tiere) unterm Bann des Weltbegriffs, dessen Apriori in dem System der sich wechselseitig bedingenden und reflektierenden Instrumentalisierungen sich manifestiert). Sie macht das Christentum zur Religion für andere (und damit im strengen Sinne zur Religion): So ist sie zur Grundlage der Priesterreligion geworden (die Luther durchs allgemeine Priestertum zur allgemeinen Religion: zur alles durchdringenden Logik des Bewußtseins gemacht hat).
    Die Trinitätslehre steht in einer gleichsam magnetischen Beziehung zum Nationalismus: Beide sind wie die ungleichnamigen Pole eines Magenten durch wechselseitige Anziehungskräfte verbunden. Das Magnetfeld wird durch die Bekenntnislogik erzeugt. In ihm ist sie zugleich ein Nationalismus-Generator.
    Die Trinitätslehre ist der Kälteschock, der es der christlichen Tradition ermöglichte, im Gefrierhaus Welt zu überwintern (die Trinitätslehre heult mit den Wölfen). Nur so hat die Tradition zweitausend Jahre Christentum überleben können.

  • 15.8.1995

    Der Indikativ ist der Reflex des Staates in der Sprache, er ist das innersprachliche Indiz des Weltbegriffs.
    Das Opfer der Erstgeburt ist das abgedungene „Sterben“ des Vaters in der Zeugung (in der „Begattung“). Hier liegt der Kern der Beziehung der Trinitätslehre zur Opfertheologie. Tod und Auferstehung sind gleichsam die realsymbolische Umkehr der Zeugung, die in der biblischen Urgeschichte Erkenntnis heißt.
    Gottesfinsternis: Ist nicht die Trinitätslehre die Finsternis über dem Abgrund, die letzte Stufe vor dem über den Wassern brütenden Geist (hängt der deutsche Name der Geburtswehen mit dem „Wehen“ des Geistes, das von den Geburtswehen nur durchs Geschlecht sich unterscheidet, zusammen)?
    Zu den Trinitätsstellen in der Schrift gehört neben dem Missions- und Taufbefehl auch das Wort über die Sünde wider den Heiligen Geist (Mt 1231, Mk 328, Lk 1210): Liegt hier der imperative Gehalt der Trinitätslehre (den Kritik als Kritik des Indikativs freizulegen hätte)?
    Die Trinitätslehre war ein durch theologische Probleme motivierter Durchbruch in der Philosophie, der den Indikativ neu legitimieren sollte (vgl. den Basilius-Text, den spekulativen Begriff – die asymmetrische Spiegelung – und Hegels Logik). So hat die Theologie durch Neutralisierung der christlichen Tradition die Philosophie gerettet.
    Woher kommt und was bedeutet das Wort Verteidigen, Verteidigung (vertagedingen: jemanden vor dem tageding vertreten; tag = Gerichtstermin, ding = Verhandlung)?
    Der trinitarische Gott ist der autistische Gott (Produkt der Theologie „hinter dem Rücken Gottes“).

  • 14.8.1995

    Das Eine ist das Andere des Anderen:
    – Das Eine, das (durch die verandernde Kraft des Denkens) zum Anderen wird, wird zur Erscheinung (zum Sein für andere), einbegriffen in den Weltbegriff;
    – das Andere, das (durch die zweite Veranderung) zum Einen wird, hingegen ist der Ausgangspunkt einer Abstraktion, die in die Mathematik hineinführt, die Mathematik eine Form der Vergesellschaftung des Denkens.
    Hegels List der Vernunft nutzt diese doppelte Veranderung als Erkenntnismotor; die hier entspringenden Reflexionsbeziehungen sind jedoch zur Falle geworden, in der die Vernunft gefangen ist, aus der sie nicht mehr herauskommt. Der Preis dieses Verfahrens erschien als der Schein eines Gewinns: die Neutralisierung des Gottesnamens zur Idee des Absoluten, Produkt der Spiegelung der Subjektivität im Unendlichen. Ausgeschlossen, verdrängt und neutralisiert wurden die Namenskraft der Sprache, die Umkehr, das Angesicht (die Offenbarung: die Prophetie, die messianische und die parakletische Kraft der Sprache).
    Die Kirche hat den Heiligen Geist zur dritten Person (zum Andern der anderen Person in der Trinität) gemacht: die sublimste (und die infamste) Gestalt seiner Leugnung.
    Gott will nicht, daß sein Wort leer zu ihm zurückkehrt: Er will, daß sein Name geheiligt wird. Ist das Seine Befreiung aus einer Gefangenschaft, in der wir Ihn halten (aus der Isolationshaft der Trinitätslehre, des Dogmas und der Orthodoxie, der Priestertheologie und der kirchlichen Lehrämter)?

  • 13.8.1995

    Die Trinitätslehre ist eine Konstellation von Imperativen, die als prophetische, messianische und parakletische Imperative sich bestimmen lassen. Diese Imperative wurden durch die Transformation der Trinitätslehre in den Indikativ neutralisiert, und diese Neutralisierung durch das homousia besiegelt. Das homousia steht in der Tradition des Alexander, der den gordischen Knoten durchschlagen, nicht gelöst hat. Die Trinitätslehre in ihrer dogmatischen Fassung ist der durchschlagene Knoten.
    Wie kommt die Zeugung in die Trinitätslehre? Hodie genui te: Ist die Übersetzung mit Zeugen (die dann in die Trinitätslehre mit eingegangen ist) nicht ein patriarchalisches Konstrukt? Aber auch Buber übersetzt Ps 27 mit „Mein Sohn bist du, selber habe ich heut dich gezeugt“ (mit einer Perfektbildung (!) von „zeugen“), Dt 3218 hingegen mit „Den Fels versäumtest du, der dich gebar (statt „zeugte“), vergaßest Gottheit, die mit dir kreißte (statt „gebar“, das Ganze übrigens im Imperfekt)“. (Zu „Gottheit“ vgl. die Beilage zum ersten Band der Buber/Rosenzweigschen Bibelübersetzung: Zu einer neuen Verdeutschung der Schrift, S. 30f.; im hebräischen Text steht demnach wahrscheinlich ‚el.)
    Muß nicht beim theologischen Gebrauch des Begriffs der Zeugung mit deutlichen Konnotationsverschiebungen gerechnet werden, wenn im Griechischen der Begriff der Natur (physis) aus der Zeugung (dem phyein) sich herleitet (das Zeugen demnach in einen deutlichen kosmologischen Zusammenhang gerückt wird), im Lateinischen hingegen aus dem Geborenwerden (natura, nasci – mit einer deutlichen Verschärfung des patriarchalisch-imperialen Zusammenhangs des Begriffs der Zeugung durch Trennung von einer Natur, die, nach Unterwerfung unter das männliche Prinzip, das im Begriff der Zeugung sich ausdrückt, nur gebären darf, was zuvor gezeugt wurde)?
    In welcher Beziehung steht die Zeugung zum Namen (die Trinitätslehre zur Sprache)?
    Wird mit dem Konstrukt der Trinitätslehre nicht die bennennde Kraft der Sprache neutralisiert, verletzt die Trinitätslehre nicht das Gebot der Heiligung des Gottesnamens (und ersetzt sie es nicht durch die Selbstheiligung des Denkens, der Mathesis, der Logik der Schrift), schneidet sie nicht die Sprache von ihrer Wurzel ab?
    Die Trinitätslehre neutralisiert die Asymmetrie der Verantwortung durch Universalisierung: Sie macht die Last zum Joch.
    Der Indikativ fixiert die Rolle des passiven Zuschauers (er gehört zu den Konstituentien der subjektiven Formen der Anschauung), die Abstraktion von der tätigen Teilnahme an den Dingen, Ontologie als Abstraktion von der Ethik, die in Wahrheit die prima philosophia ist. Die Trinitätslehre macht diese Abstraktion zum Kern der Theologie. Deshalb ist die Trinitätslehre (das Dogma) der Greuel am heiligen Ort (vgl. Ez 8): der Wächter vor dem Tor der Lehre, die Verweigerung der Heiligung des Namens Gottes, der veranderte, in sein Anderssein transformierte Gottesname.
    Der entscheidende Einwand gegen das trinitarische Dogma: Es ist ein Produkt der Theologie hinter dem Rücken Gottes und zugleich ihre selbstreferentielle Legitimation.
    Verweist die Zeugung des Sohnes (die das Konstrukt der homousia nach sich zieht) nicht auf die Verstrickung des Vaters in den Gattungsprozeß, der für die Zeugung eines Sohnes, der ihm wesensgleich ist, nach mythischer Logik mit dem eigenen Tod zahlen muß? Deshalb mußte auch der Sohn sterben.

  • 12.8.1995

    Wie der Indikativ die Herrschenden schützt, oder über den Ursprung des Widerstands gegen die Sprachreflexion: Wie kann einer sagen: „Von Vergewaltigungen habe ich in der Nazizeit nichts gehört“, ohne daß es ihm der Gedanke brennend auf die Seele fällt, daß der Faschismus die totalisierte Vergewaltigung ist?
    Der Indikativ ist die Gleitschiene der Schuldverschiebung, die Rutschbahn der Erkenntnis.
    Die Grenze zwischen dem Hebräischen und den indoeuropäischen Sprachen läßt sich am Schicksal des Perfekt demonstrieren: Während es im Hebräischen auf eine vollendete Handlung (in letzter Instanz auf die zukünftige Welt, in der Gerechtigkeit und Friede sich küssen) sich bezieht, wird es im Indoeuropäischen zur abgeschlossenen Vergangenheit: Das Perfekt bezeichnet eine Handlung, ein Geschehen, in die (wie in die Vergangenheit und in die Natur, deren Begriff in dieser Konstellation gründet) nicht mehr eingegriffen werden kann. Damit hängt es zusammen, wenn beim indoeuropäischen Perfekt die Trennung von Sein und Haben (der Ursprung der Hilfsverben) einsetzt, eine Folge der Verschiebung des Perfekts ins Vergangene (auch das auf der Gleitschiene des Indikativs). Diese Verschiebung ins Vergangene (die Beziehung des Perfekts aufs Zeitkontinuum anstatt aufs Handeln) ist die Voraussetzung des Objektbegriffs, dessen grammatischer Repräsentant das Neutrum ist. Nur im Kontext dieser Sprachlogik konnten die Totalitätsbegriffe Wissen, Natur und Welt sich bilden.
    Die Unterscheidung von Perfekt und Imperfekt war einmal der Grund der Unterscheidung dieser (imperfekten) Welt von der zukünftigen (vollendeten) Welt, der Katastrophe von der Rettung. Mit der Subsumtion des Perfekt unter die Vergangenheitsform (der apokalyptischen Sprach-Katastrophe) hat sich auch die Beziehung dieser (gegenwärtigen, imperfekten) zur zukünftigen Welt, die aufs Handeln der Menschen zurückweist, verändert. Der Weltbegriff ist ein Ausdruck dieser Veränderung: ein Ausdruck der Neutralisierung dieser Beziehung. Die zukünftige Welt wurde als Himmel und Hölle zu einem Teil des Kosmos, der Welt, die von Gott geschaffen, dem Menschen wie die Natur nur vorgegeben, seinem Eingriff entzogen ist. Aufgelöst wurde die Handlungsgemeinschaft mit der zukünftigen Welt, der Grund des göttlichen Gebots: War das nicht die „Sünde wider den Heiligen Geist“, die weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben werden kann (oder der durchschlagene Knoten, der, wenn er auf Erden gelöst wird, auch im Himmel geslöst sein wird)?
    Die Justiz gehört (wie die Philosophie und die Wissenschaften) zu den Indikativ-Erzeugungsmaschinen. Die entscheidende Erfindung war die des Urteils.
    Das Präfix Ge- (gestorben, Gehölz) bezeichnet sowohl das Perfekt als auch das Kollektiv-Abstraktum, die Ursprungsform des Neutrum.
    Eine Kirche, die ihre vergangenen Handlungen nicht gegen sich gelten läßt, wendet die exkulpierende Kraft des Perfekts auf sich selber an.
    Die Apokalypse bezieht sich auf die Endzeit, aber diese Endzeit liegt nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit. Auch die Apokalypse ist eine ätiologische Literaturgattung, Versuch der Rekonstruktion eines Geschehens post festum: die Ursachen einer Katastrophe werden „aufgedeckt“, nicht drohend auf die Folgen eines Handelns hingewiesen. Die Apokalypse ist ein Mittel der Angstbearbeitung, nicht der Angsterzeugung.
    Der Ursprung des Weltbegriffs, die Sprachkatastrophe, die er bezeichnet, ist die Vergangenheit des Weltuntergangs.
    Der Verführbarkeit der Philosophie zum Nationalismus ist in der Idee des Guten begründet, in der Hypostasierung dieses Begriffs. Der Ursprungsort des modernen Nationalismus lag in dem scholastischen Satz „Unum, verum et bonum convertuntur“. Wer die Einheit und das Gute in den Begriff des Wahren mit hereinnimmt, macht das Wahre zum „bacchantischen Taumel, in dem kein Glied nicht trunken ist“ (Hegel). Beide, die Einheit wie das Gute, sind in dieser Konstellation Repräsentanten und Statthalter der Subjektivität, der Hybris, sie begründen die Einheit der Welt und des Subjekts, ihr Korrelat ist das Absolute, nicht Gott. Nicht die Wahrheit, sondern allein Gott ist Einer, und nur Gott ist gut. Die Einheit und das Gute waren Konstituentien der noesis noeseos, des Gottes der Philosophen, der Selbstreflexion der Identität des Subjekts im Unendlichen, sie waren tendentiell antisemitisch.
    „Ihr laßt die Armen schuldig werden“: Der Kapitalismus hat das Schuldverschubsystem zu einem Sündenverschubsystem gemacht. Diese Welt verstrickt nicht mehr nur in Schuld, sie zwingt zur Sünde, zur tätigen Komplizenschaft.
    In der christlichen Geschichte gibt es zwei monarchische Traditionen, deren eine (die Kaiser-Tradition) auf das Römische Imperium, auf die Caesaren-Tradition zurückweist, während die andere, (die Königs-Tradition) an die messianische Tradition des israelischen Königtums, an die David-Tradition anknüpft. Die caesarische Tradition hat ihre Spuren im Dogma hinterlassen (insbesondere im Begriff der homousia, der den imperativen Kern der Theologie in den Indikativ zurückübersetzt), sie hat zweifellos auch das Verständnis der Theologie, insbesondere der Trinitätslehre, im Innern geprägt. Kann es sein, daß das Dogma in der Königs-Tradition (in England, in Frankreich, auch in Ungarn) im Kontext anderer Symbole und Begriffe verstanden worden ist, eine andere Tradition begründet hat? Unterscheiden sich die caesarische und die davidische Tradition nicht vor allem durch ihre Beziehung zum Opfer: Während der Kaiser Herr des Opfers war, war der König seine Verkörperung? Gründet der Unterschied zwischen der deutschen und den anderen modernen Sprachen in diesem Sachverhalt?

  • 11.8.1995

    Zur Kritik der platonischen Idee des Guten: Ist diese Idee nicht durch ihre Beziehung zur Subjektivität (das Gute ist immer ein Gutes für jemanden) zu unterscheiden von der prophetischen Utopie: Wenn Friede und Gerechtigkeit sich küssen. Der Baum der Erkenntnis ist der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Mit der Idee des Guten ist nur der Nationalismus zu begründen, der Staat.
    Das Gute ist schon in der Genesis aufs Sehen bezogen (und Gott sah, daß es gut war): Dazu gehört dann das spätere „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“.
    Worauf bezieht sich der Name im „Geheiligt werde Dein Name“? Es ist der im Vaterunser (wie im gesamten Neuen Testament) nicht genannte Name des Vaters, nicht der Vatername.
    Der „Weltuntergang“ der Apokalypse bezeichnet die Welt als Untergang, das katastrophische Moment in der Ursprungs- und Entfaltungsgeschichte des Weltbegriffs, nicht den „Untergang“ einer bestehenden Welt. Das ist schon die (angsterzeugende statt -verarbeitende) Fehlinterpretation der Apokalypse durch die Herrschaftsreligion, Produkt der projektiven Verarbeitung der Apokalypse. Die Konstituierung des Weltbegriffs ist der Weltuntergang. Und die Welt, die alles ist, was der Fall ist, ist das Bild des vollendeten Weltuntergangs.
    Der Weltbegriff und die Feigenblattsprache der Theologie.
    Die Botschaft der Welt oder der Ursprung der Bekenntnislogik: Man darf kein Verlierer sein, und: Mit Verlierern darf man kein Mitleid haben. Das aber heißt: Auch mit sich selbst darf ein Verlierer (und das sind eigentlich alle) kein Mitleid haben. Wer schon kein Gewinner ist, sollte sich wenigstens in den Gewinner einfühlen, mit ihm sich identifizieren. Damit aber sind das Feindbild (der Antijudaismus), das Verrätersyndrom (die Ketzerverfolgung) und die Frauenverachtung (die Hexenverfolgung) vorprogrammiert. Wer die Katastrophe, selbst ein Verlierer zu sein, verdrängt, macht sie damit erst zur Katastrophe. Und der Barmherzige, der in die Verlierer sich einfühlt, wird stellvertretend selber als Verlierer verfolgt. Als „heile Welt“ gilt eine Welt, in der nichts mehr an das Verdrängte erinnert.
    Politische Ökonomie: Der Exodus aus dem Sklavenhaus Ägypten gehört zur Vorgeschichte des Königtums, des Hauses Israel und Juda, die babylonische Gefangenschaft, die Etablierung der Weltreiche, zur Ursprungsgeschichte der „jüdischen Religion“: der Prophetie, des Weltbegriffs, der Geldwirtschaft und des Staates.
    Nach Polanyi liegt der Ursprung des Handels im Außenhandel, im Naturverhältnis der Völker untereinander. Durch den Handel dringt eine Konstellation, die ihre Wurzeln in den Außenbeziehungen der Völker, in der „Außenpolitik“, hat, ins Innere der Staaten ein: die Konstellation von Sklaventum, Schuldknechtschaft, Tempelwirtschaft und Geldwirtschaft (Anfänge der Subsumtion des Geldes, von Grund und Boden und der Menschen unters Tauschprinzip). Wird heute – mit in der globalen Schuldenkrise – nicht die Armut in die gleiche Bewegung (in den gleichen Strudel) hereingezogen? Und ist diese politisch-ökonomische Geschichte nicht zugleich der Grund der Bewußtseinsgeschichte, und sind beide nicht durch die Sprache und durch deren Beziehung zum Gottesnamen mit einander verbunden?
    Die Unendlichkeit ist das Resultat der Division durch Null. Die Division durch Null, die Null als Nenner, ist das logische Prinzip des Raumes, der Beziehung der Dimensionen des Raumes (der Orthogonalität). Haben die Nichtse im Stern der Erlösung etwas mit diesen Nullen zu tun?
    Ist das N-ich-ts, das isolierte, aus der dialogischen Beziehung der Sprache und des Sehens herausgelöste Ich (worauf beziehen sich das Präfix N und das Suffix ts, das pluralisierte deiktische t)?

  • 9.8.1995

    Die Bewußtseinsgeschichte ist in die politische Geschichte eingebunden: Bezieht sich nicht die große Prophetie auf die Geschichte des Ursprungs der (assyrischen und babylonischen) Großreiche? Die Verinnerlichung des Opfers (und das Ende der Prophetie) ist ein Teil des politisch determinierten Ursprungs des Weltbegriffs.
    Bekenntnisfragen sind Machtfragen. Deshalb ist Überzeugen unfruchtbar.
    Doppelbedeutung des Seins (und Doppelbedeutung des Sinns, die in der des Seins begründet ist): Die verandernde Kraft des Wörtchens „ist“ gründet darin, daß es das An-sich zu einem Für-mich macht; und das läuft über das Prädikat und den Begriff: seine Eigenschaften machen das Ding (so wie der Begriff das Objekt) verfügbar.
    Wenn der speziellen Relativitätstheorie zufolge die Zeit richtungsbezogen ist, wären dann nicht drei (sich wechselseitig durchdringende) Chronologien anzusetzen: durchsetzt mit katastrophischen Zeitbrüchen? Bezieht sich nicht die Geschichte der drei Leugnungen auf diese Zeitbrüche?
    Die subjektiven Formen der Anschauung sind Formen der Selbstzerstörung ihrer eigenen Grundlagen: die Form der äußeren Anschauung zerstört das Licht und das Sehen, die der inneren Anschauung die Erinnerung. Beide sind Produkte der Instrumentalisierung des Todes (der Opfertheologie).
    Ist nicht die Opfertheologie der Greuel am heiligen Ort (und das Substantiv ein Produkt der Opfertheologie)?
    Hängt nicht der Begriff der Allseitigkeit in der marxistischen Tradition mit der Herrschaft des Tauschparadigmas zusammen?
    Es gibt keine Verwaltung ohne Kollektivschuld. Die Kollektivschuld ist das Subjekt-Objekt der Verwaltung.
    Der Unterschied zwischen Himmel und Erde und der Welt drückt sich auch in ihrer Beziehung zur Schöpfungsvorstellung aus: „Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde“. Der Schöpfungstheologie zufolge aber „hat Gott die Welt erschaffen“. Es ist der Unterschied zwischen Imperfekt und Perfekt.
    Ziel des „Rechtsstaats“ ist nicht die Gerechtigkeit, sondern die Entsühnung der Welt: die Exkulpation der Bürger.
    Wenn nicht Ham, sondern Kanaan vom Fluch wegen der Sünde Hams getroffen wird, ist das nicht das Urteil über die „freie Marktwirtschaft“, aber auf keinen Fall eine Begründung der Apartheid, des Rassismus? Hängt Kanaan mit Merkur und Hermes zusammen?
    Der jüdische Tempel war das Haus des Namens Gottes: Rührt nicht die Idee des Heiligen an den Grund der Sprache, an den Grund ihrer Beziehung zur Logik der Schrift? In welcher Beziehung stehen die Ideen des Heiligen und des Ewigen?
    Die Vertauschung von Genitiv und Dativ ist an bestimmte Konstellationen, insbesondere an ihre Verknüpfung mit bestimmten Präpositionen gebunden. Kann es sein, daß es hierbei um die Gewinnung eines Begriffs der Objektivität geht, die gegen Begründungsforderungen als immun sich erweist? Für die Medien spaltet die Sprache sich auf in das bloß feststellende, konstatierende Sein und die Meinung dazu. Die Meinung wird aber erst zur Meinung, wenn sie den Anspruch auf eingreifende Kraft leugnet. Die Meinung läßt die Dinge, wie sie sind. Die feststellende Gewalt der kommunikativen Wahrnehmung hebt die Veränderbarkeit (das Flüssige) nicht auf, sondern verdrängt sie bloß. Der Indikativ (die durch die ästhetische Grenze von den Dingen getrennte Sprache des Zuschauers) stabilisiert das Herrendenken, entzieht der Kritik den Boden. Die Trinitätslehre macht Gott zu einem ästhetischen Objekt.
    Wenn die Sprache im Namen Gottes gründet, dann hat Gott in der Sprache uns sich selbst offenbart.
    Die Ontologie ist die Leugnung der Idee des Heiligen und der des Ewigen zugleich.

  • 7.8.1995

    Die Heiligung des Gottesnamens ist das Korrelat des Leuchtens Seines Angesichts.
    Wir haben die ganze Schrift zu einer jenseitigen, schicksalhaften Sache gemacht, während die Schrift insgesamt, einschließlich der Apokalypse, in Wahrheit unters Nachfolgegebot fällt.
    Die Bildung des Neutrum hängt mit der Vergegenständlichung des Vergangenheit (der Bildung der Vergangenheit, die dann die Bildung von Futur und Präsens nach sich zieht) zusammen. Hier entspringt zusammen mit dem Begriff des Wissens der Objektbegriff (und in seiner Folge das Substantiv).
    In den Medien breitet ein grammatischer Fehler sich aus, dessen sprachlogische Analyse ein Licht wirft auf das journalistische Weltverständnis (und auf einen anderen „Strukturwandel der Öffentlichkeit“): die epidemische Ausbreitung der Verwechslung von Genitiv und Dativ. In einem Fernsehbericht am 6.8.95 zum 50. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima wurde „den“ Toten der Katastrophe (anstatt der Toten) gedacht. Das Objekt des Gedenkens erscheint im Dativ anstatt im Genitiv. Es gibt ähnliche (auch umgekehrte) Fälle insbesondere bei der Verwendung von Präpositionen wie trotz, wegen u.ä. Auffällig ist der wie es scheint systematische Effekt: Der Genitiv wird durch einen Dativ, der Dativ durch einen Genitiv ersetzt. Die Verwechslung betrifft generell den Adressaten einer Handlung. Sie scheint mit einer veränderten Beziehung von Schenken und Eigentum zusammenzuhängen: Der Genitiv drückt eine Eigentumsbeziehung, ein Besitzverhältnis, aus, der Dativ nennt den Adressaten einer Gabe, eines Geschenks. Gegenüber Unmündigen wird aber die Gabe, das Geschenk gern als Verpflichtung, als Symbol eines Besitztitels gegen den Beschenkten gebraucht. Bezeichnet dieser Sachverhalt vielleicht eine Grundstruktur des medialen, kommunikativen Umgangs mit der Wirklichkeit? Verweist diese Verwechslung nicht auf einen Defekt in den Grundlagen der Kommunikationstheorie, die die Abstraktion, der die „subjektiven Formen der Anschauung“ sich verdanken, auf die Sprache überträgt? So wie im Begriff der Anschauung vom Gegenblick abstrahiert wird, so abstrahiert der kommunikative Sprachbegriff vom Dialog. Leben nicht die Medien von der Zerstörung des dialogischen Elements in der Sprache: Die Zeitung, das Radio, das Fernsehen sind Medien der Information, der „Nachricht“. Sie schließen die dialogische Beziehung zum Leser, zum Hörer, zum Zuschauer aus. Hier wird der Adressat in kollektive Isolationshaft genommen. Zur gleichen sprachlogischen Situation, der die Verwechslung von Genitiv und Dativ sich verdankt, gehört das fernsehübliche „In der nächsten Sendung sehen wir uns wieder …“, bei dem allen Beteiligten klar ist, daß der Moderator, der Sprecher, der „Ansager“ die Zuschauer niemals sehen wird (außer in der peinlichen einseitigen „Bekanntheit“ der Bildschirmperson auf der Straße, im Geschäft, im Restaurant). Der Film war die astrologische Vorstufe der kopernikanischen Wende der Medienwelt: des Fernsehens. Heute sind die „Stars“ aus den Himmeln des Films herabgestiegen und zu alltäglichen intimen Bekannten aller geworden, in deren Vorstellungswelt sie anfangen, die wirklichen Verwandten und Bekannten zu ersetzen.
    In der monologisch gewordenen Sprache der Medien kehrt sich die Beziehung von Dativ und Genitiv um. Grund ist das Werden der Substanz zum Subjekt: die allgegenwärtige, alles durchdringende und alles beherrschende Gewalt des Neutrum.
    Hier findet der wirkliche „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ statt, der mit den Kategorien der Habermasschen Kommunkationstheorie nicht mehr zu fassen ist. – Paßt dazu nicht der Ausdruck „Wir Deutschen“ (in dem ein ganzes Volk sich selbst zum Objekt wird: und sie erkannten, daß sie nackt waren)?
    Ist nicht das Fernsehen Kanaan, der weil Ham die Blöße seines Vaters schaute, zum Knecht seiner Brüder wurde?
    Die Vertauschung von Genitiv und Dativ in der medialen Sprachlogik ist ein Ausdruck davon, daß Information, Unterhaltung und Manipulation und Beherrschung der Öffentlichkeit sich nicht mehr unterscheiden lassen (das Fernsehen kann kann Kriege an- und abstellen). Damit hängt es zusammen, daß die Medien immer mehr zur „Hofberichterstattung“ tendieren, offizielle Versionen nachbeten. Die Medien machen die Information zum Drachenfutter: Sie stellen den Staub her, den die Schlange frißt.
    Die Vertauschung von Genitiv und Dativ ist eine Konsequenz aus der neutralisierenden Gewalt der Logik der Schrift (die Logik der Schrift und der Ursprung des Neutrum).
    Die Abstraktion vom Gegenblick im Begriff der Anschauung, vom dialogischen Grund der Sprache, oder die Abstraktion von der Selbstreflexion im Andern: Zur medialen Sprachlogik paßt eine Theologie, die sich als „Rede von Gott“ versteht und das Evangelium zur „Guten Nachricht“ gemacht hat: Hier gibt es zum Reich der Erscheinungen keine Alternative mehr; hier ist der Name Gottes vergessen. Max Horkheimer hat einmal unter Hinweis auf Hegels „Phänomenologie des Geistes“ gesagt: Wenn das die Wahrheit ist, ist dies (sc. dieses Buch) der liebe Gott; hätte er nicht korrekterweise sagen müssen: so ist dies der Name Gottes?
    Licht und Finsternis, oder das sprachliche Wesen des Lichts: Ist der Gegenblick, von dem die subjektiven Formen der Anschauung ebenso wie vom Licht abstrahieren, die Sprache? Und gründet darin nicht das „Leuchten Seines Angesichts“, die Heiligung des Gottesnamens? Ist der Gottesname der Grund der Sprache (und deshalb unnennbar)? – Vgl. Ezechiel, das Hören und Sehen und den Begriff der Vision.
    Beitrag zum Weltbegriff, zur Passionsgeschichte und zur Opfertheologie: In der Sprachlogik der Medien erfüllt sich die Logik der Schrift.
    Kritik der Schöpfungstheologie: Gibt es nicht eine Querverbindung zwischen der Sprachlogik der Medien und den Allmachtsphantasien der Verwaltung? Schafft nicht diese Sprachlogik (die Ausscheidung der Kritik aus der Sprache durch die Verabsolutierung des Indikativs, die zur Vertauschung von Genitiv und Dativ führt) den Freiraum für die Allmachtsphantasien der Verwaltung, ihre tatsachenschaffende, sprachzerstörerische Definitionsgewalt?
    Identifikation mit dem Aggressor: Die Sprachlogik der Medien ist ein Indiz für ihre Selbsteinbindung in die verwaltete Welt. Die gleiche Kapitulation vor der Sprache hat in der Philosophie dazu geführt, daß der erkenntniskritische Impetus der kantischen Philosophie verdrängt worden und nur der affirmative Wissenschaftsbegriff, der durchs Interesse der Selbsterhaltung gestützt wird und zur Automatik der Selbstrechfertigung des Bestehenden gehört, übrig geblieben ist. Die Kräfte der Verdrängung waren stärker als der argumentative Gehalt der kantischen Texte.
    Hängt die Vertauschung von Dativ und Genitiv mit der Beziehung von Feststellung und Begründung, Information und Meinung, mit der indikativischen Trennung von Sprache und Realität zusammen?

  • 6.8.1995

    Die Sklaverei ist eine Vorstufe des Handels und der Geldwirtschaft. Die ersten Waren waren die bei Eroberungen erbeuteten Gefangenen. Zur Schöpfung gehört die Folge von Katastrophe und Rettung, erst das Christentum war die Rettung als Katastrophe. Zur Kritik des Tauschprinzips: Der Faschismus verweist auf ein ungelöstes Problem in der Marxschen Kapitalismuskritik. Die Identität des Objekts gründet in der Identität des Vergangenen: Das Wasser unter dem Himmel sammle sich an einem Ort, daß das Trockene sichtbar werde (Gen 19). – Aber verweist nicht die Einsteinsche Zeitdilatation, die auf die Richtungen im Raum getrennt sich bezieht, darauf, daß es diese Identität des Vergangenen nicht gibt? Die Zeitdilatation bezieht sich auf die Grenze zu einer Vergangenheit, die insgesamt nicht ist: auf das Moment des Nichtseins an der Vergangenheit. Zum Begriff des Gesetzes (des Inertialsystems): Verweist nicht die Gesetzesbindung der Verwaltung darauf, daß auch die Verwaltung eine Art Gericht ist: ein Standgericht, das seine Urteile unmittelbar vollstreckt? Die hoheitliche Tätigkeit des Beamten, deren Modell die Tätigkeit der Polizei ist, bezeichnet den Anteil der Verwaltung an einer richtenden Tätigkeit, zu der es in der Regel keine Verteidigungsmöglichkeit mehr gibt. Verwaltungsgerichte sind Revisionsgerichte. Für die einen ist das Recht ein Mittel der Selbsterhaltung, ein Instrument der Berechenbarkeit und Beherrschung gesellschaftlicher Prozesse, für die anderen ist es bloß Schicksal. Durch die Naturschutzmaßnahmen im Mönchbruch werden auch Handlungen als Vergehen definiert, die nicht die Natur, sondern nur die Allmachtsphantasien und das Gesetzesverständnis der Verwaltung berühren. Haben die Israeliten in den Geschichten der Eroberung Kanaans vielleicht erlittene Erfahrungen als eigene Handlungen beschrieben, um so diese Erfahrungen bearbeiten zu können? Ist nicht die ganze Schrift Erinnerungsarbeit (und kein normativer Text)? Sind die „drei Abmessungen“ des Raumes (wie Kant sie nannte) auf die Trinitätslehre versiegelt? Der Staat nimmt die Sünde der Welt hinweg: er erlaubt es seinen Bürgern, ihren Rachetrieb in der Justiz und in den Knästen auszuleben und nimmt die Schuld daran auf sich. So entsühnt er die Welt. Ding und deutsch: Wie hängt die Verdinglichung mit dem Nationalismus (in der Religion: mit dem Fundamentalismus) zusammen? Der Nationalismus ist (wie der Fundamentalismus) ein Schutz vor der Wahrnehmung der logischen Konsequenzen der Verdinglichung: ein Instrument der Verblendung. Ich bin gekommen, Feuer vom Himmel zu holen, und ich wollte, es brennte schon. Ist dieses Feuer das Symbol des Gegenblicks, das die Formen der Anschauung durchbrechende Element (das Feuer im hebräischen Namen des Himmels)? Und ist dieses Feuer die Verkörperung des „Wer“ (und das Wasser die des „Was“)? Und sind nicht die Formen der Anschauungen die logischen Formen des Deiktischen (der Grund des Heideggerschen „Daseins“)? War die Heinsohnsche Revision der Chronologie nur möglich bei gleichzeitiger Abstraktion von der Bedeutung dieser Revision für die Gegenwart? Das heißt: War sie nur möglich unter den Bedingungen des Konkretismus („Venus-Katastrophe“)? Wie hängt im christlichen Begriff der Liebe das passive, das Ich erweckende und konstituierende Element der Empfindung mit dem aktiven Element der tätigen Liebe (der Barmherzigkeit) zusammen? Liegt nicht dazwischen die Passion und Auferstehung? Zu Ez 412ff: Zu den Attributen der Hölle gehörte in der christlichen Tradition immer auch der Gestank. Der Gestank destruiert und vertreibt die Erinnerung. Haben das Riechen und der Geruch (die göttliche Wahrnehmung der Gebete der Heiligen) etwas mit dem ruach zu tun? Hängt nicht die Beziehung von Kot und Geld mit dieser die Erinnerung destruierenden und vertreibenden Gewalt zusammen? Steckt in der Menschenkot-Stelle bei Ezechiel nicht auch noch die Beziehung zur Geschichte des Opfers: zur Ablösung der Erstgeburt des Menschen durch das Rind (nicht der Armen: die wird ausgelöst durch die Taube, die dann zum Symbol des Heiligen Geistes geworden ist)? Das Exil hat den genealogischen und kollektiven Schuldzusammenhang gesprengt, die Verantwortung individualisiert. Der gesprengte Schuldzusammenhang reproduziert sich im Kontext des „dixi et salvavi animam meam“: Die individualisierte Verantwortung ist auf das Ganze bezogen. Gründet nicht die Kommunikationstheorie in der Trennung der Sprache von ihrer erkennenden Kraft, in der Aufzehrung ihres eigenen Grundes? Das war erst möglich im Banne einer vom Neutrum beherrschten Sprachlogik. Ist nicht die Hegelsche Philosophie, wie an der Dialektik von Herr und Knecht in der Phänomenologie des Geistes nachzuweisen wäre, „kanaanäisch“ (Gen 925)? In der Marxschen Transformation der Hegelschen Dialektik drückt sich das im Paradigma des Tauschprinzips aus. Vergewaltigung: Ist nicht die Orthodoxie (das Dogma, das Bischofsamt und das kirchliche Lehramt) eine Verletzung des Rates der Keuschheit, die auch durchs Zölibat nicht aufzuheben ist?

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