Theologie

  • 11.7.1995

    Religion für andere, das ist die Religion der leeren Köpfe, in die die Religion von außen eingefüllt werden muß. Aber sind nicht alle Religionen unterm Bann des Weltbegriffs Religionen für andere, und ist nicht deshalb die Religion, der man angehört, „ohnehin die falsche“?
    Durch die Verdrängung der Parusie-Erwartung (durch Anpassung an die Welt) ist die Religion zwangsläufig zur Religion für andere geworden. Diese Bemerkung gilt generell, insbesondere und konkret aber für die Geschichte der Dogmenentwicklung (Martin Werner). Eine Religion, die sich in der Welt einrichtet, wird zur Religion für andere.
    Die Kritik der Trennung von Natur und Welt gründet in dem Satz: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.
    Ist nicht das Buch Kohelet der Beweis dafür, daß der Weltbegriff das Erbe des Götzendiensts, der Idolatrie, angetreten hat? Das „Alles ist eitel“ gründet in der Nichtigkeit der Götzen.
    Sind nicht die biblischen Xenophobie-Geschichten (Sodom, Jericho und Gibea) allesamt antimessianische Geschichten?
    Zum Begriff einer Theologie im Angesicht Gottes: Das Reich der Erscheinungen ist das Reich der Unerkennbarkeit der Dinge, wie sie an sich sind; nur Gott sieht ins Herz der Dinge.
    Das Paradigma der Kommunikation im Reich der Erscheinungen ist der Stoßprozeß: der Zusammenstoß zweier Köpfe. Bezieht sich hierauf das biblische Symbol des Horns?
    „Allein den Betern …“ (Reinhold Schneider): Die Frage, wie (und nicht ob) Beten nach Auschwitz noch möglich ist, hängt zusammen mit dem, was Habermas „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ genannt hat: mit Veränderungen im Begriff der Öffentlichkeit, die insbesondere am Problem des öffentlichen Gebets (an der Beziehung des Gebets zur Öffentlichkeit) sich demonstrieren lassen. Sie rührt an den Kern der Frage nach der Möglichkeit einer Theologie im Angesicht Gottes, sie rührt an den Grund des Weltbegriffs.
    Das Dogma ist die Narbe an der Stelle, an der Alexander den gordischen Knoten durchschlagen hat. War die Tat des Alexander, an die das Versprechen der Herrschaft über Asien geknüpft war, nicht eine sprachgeschichtliche Tat: War das Neutrum das Schwert, das Objekt und Begriff, Natur und Welt getrennt (und sie in dieser Trennung konstituiert) hat. In der Bibel wird das Neutrum durch die Schlange, das Durchschlagen des Knotens durch den Baum der Erkenntnis (seine Trennung vom Baum des Lebens) und den Sündenfall symbolisiert. Die indoeuropäischen Sprachen entspringen mit der Erfindung des Wissens (des Gesehenhabens, Kristallisationskern des Neutrum und Urform der Anschauung, unter deren Gesetz diese Sprachen seitdem stehen), Zentrum der gemeinsamen Grammatik (und ihrer Sprachlogik). Das Dogma war der paradoxe Versuch, die Offenbarung, zum Gegenstand der Anschauung zu machen (sie ins Präsens zu übersetzen, den Imperativ in den Indikativ zu transformieren); in Wahrheit hat es sie neutralisiert.

  • 10.7.1995

    Die Bekenntnislogik
    – ist ein Produkt der Vergesellschaftung von Herrschaft,
    – sie instrumentalisiert die Religion, macht sie zur Religion für andere,
    – sie verhindert damit apriori die Gotteserkenntnis.
    Die Bekenntnislogik und der Weltbegriff begründen sich wechselseitig, zu ihren Ursprungsbedingungen gehören die Unfähigkeit zur Herrschaftskritik und eine rigide Sexualmoral, die die Stelle einnimmt, die die Herrschaftskritik zuvor geräumt hat (Produkt der Umkehrung des Schuldbekenntnisses). Die Bekenntnislogik ist der Kern eines jeden Fundamentalismus.
    Die Bekenntnislogik entspringt in der Umkehrung des Schuldbekenntnisses (im Rechtfertigungszwang, in der Apologetik), einem Verfahren der Instrumentalisierung, sie begründet, indem sie das Schuldbekenntnis instrumentalisiert, es reversibel und so technisch beherrschbar macht, das Schuldverschubsystem: An die Stelle des wirklichen Adressaten der Barmherzigkeit oder der Versöhnung: des Armen, des Fremden, des Geschädigten, des Opfers, des „Schuldigers“, tritt eine kollektive Instanz, die Kirche, die Nation, eine Partei, ein Verein.
    Die Bekenntnislogik erzeugt (durch Umkehrung der Logik des Schuldbekenntnisses) ihren eigenen Inhalt: Das christliche Dogma (die Opfertheologie, die Christologie und die durch beide definierte Trinitätslehre) ist ihr konsequentester Ausdruck, gleichsam der apriorische Inhalt ihrer transzendentalen Logik.
    Das Christentum hat die Bekenntnislogik weder erfunden, noch hervorgebracht; es war ihr erstes, allerdings zugleich auch paradigmatisches Opfer.
    Das Substantiv (Grab des gekreuzigten, gestorbenen und begrabenen „Wortes“, Repräsentant der Geschichte des Opfers und Realsymbol der Schuldknechtschaft in der Sprache) oder die Schrift als Spiegel der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen (vgl. Grammatologie, S. 208).
    Wenn der Name der heilige Ort ist, dann ist das Substantiv der Greuel am heiligen Ort. (Haben männlich und weiblich etwas mit Begriff und Namen zu tun?)
    Hat der „hebräische Sklave“ im Dt und bei Jer etwas mit der „hebräischen Schrift“ zu tun?
    Die Dornen und Disteln symbolisieren zusammen mit dem „Gesetz der Profangeschichte“ die Logik der indoeuropäischen Sprachen, der Herrschaftssprache. (Haben nicht auch die Nahrungsgebote einen sprachlogischen Sinn?)
    Sprachlogisch begründet die creatio mundi ex nihilo das Gewaltmonopol des Staates, seine „Allmacht“ (die jüdische Religion ist nicht „monotheistisch“, der Monotheismus ist der Erbe der Idolatrie mit universalem Anspruch).
    Das Zugrundeliegende ist das Unterworfene (das Objekt der heideggerschen Geworfenheit), es ist reines Substrat von Herrschaft (der Gekreuzigte).
    Bieten, beten, bitten: Verbot und Gebot leiten sich her vom Verbieten und Gebieten. Drückt nicht in den Präfixen ein Gestus sich auch?
    – Das Präfix ge- bezeichnet den Gestus des Gewährens, des Schenkens;
    – be- drückt das Handeln der Welt am Objekt aus: seine Veranderung, seine Verweltlichung;
    – ver- ist der Gestus der Vernichtung, der Annihilierung (der „Reinigung“ im Sinne der chemischen Reinigung, der Herstellung von Laborbedingungen, oder auch ihrer gesellschaftlichen Entsprechung: der Subsumtion unter die Verwaltung);
    – er-, wie in Erscheinung, Erzeugung, der Gestus des Hervorrufens;
    – zer- annihiliert nicht nur, sondern zerstört, zernichtet, zerlegt: es beschreibt das Töten als Produktion von Materie (paradigmatisch ist die Ersetzung des Geistes durchs Gehirn in der herrschenden Sprache, Verkörperungen des zer- sind Institutionen wie Anatomie, Schlachthaus, Konzentrationslager).
    Hat nicht die kopernikanische Wende das „prasselnde Feuer“ entzündet, in dem nach dem 2. Petrus-Brief (310) am Ende die Himmel vergehen werden (ist die kantische Philosophie der brennende, die Hegelsche der ausgebrannte Dornbusch)?
    Zum Begriff der Blasphemie: Mit den Scheiterhaufen hat das Christentum (als Agent der Welt) den brennenden Dornbusch in eigene Regie übernommen.

  • 9.7.1995

    Die Übersetzung von Kritik ins Konkretistische fällt zurück in das gleiche System, das selber Objekt der Kritik ist. Ist nicht die Barmherzigkeit der blinde Fleck der Schrift, und ist die Schrift das steinerne Herz der Welt, Verkörperung der richtenden Gewalt, das Tier? (Die Grammatologie ist ein apokalyptisches Buch, und es ist nicht auszuschließen, daß Derrida das weiß.) Die Totalitätsbegriffe, die in der kantischen Philosophie erstmals so klar und deutlich hervortreten, gründen in der Logik der Schrift, mit der sie gemeinsam entspringen. Die Logik der Schrift ist die Urteilslogik; deshalb konvergiert die Schrift mit dem „Naturgrund“ der Herrschaft (zu dessen Konstituentien sie gehört). Der Fluch über die Schlange gilt für die Logik der Schrift. Begriff der Theologie: Gottesgerede, Gottesgeschwätz? Dem Nachfolgegebot wurde durch die Vergöttlichung Jesu der Boden entzogen. Die Übernahme der Sünde der Welt ist die christliche Version der Furcht des HERRN, die der Anfang der Weisheit ist. Die Präsenz bei Derrida ist die Präsenz des Objekts im Urteil (das Urteil stellt das Objekt vor Augen: das Prädikat, der Begriff, „öffnet die Augen“). Der Inbegriff dieser Präsenz (deren grammatisches Äquivalent das Präsens ist) ist die Natur.

  • 8.7.1995

    Fundamentalontologie: Der Rachetrieb, das „Wie du mir, so ich dir“, gründet in der Logik des Tauschs, deren Ontologisierung in den Faschismus hineinführt. Gefängnisse gibt es, seit es das Tauschprinzip gibt (seit es Eigentum zu erwerben und zu schützen gibt); der Faschismus hat die Welt insgesamt als das Gefängnis begriffen, in dem nur die Aufseher und Direktoren „frei“ sind. Wie hängt der Begriff der „Eigentlichkeit“ mit dem des Eigentums zusammen (und der Infinitiv „Sein“ mit dem Possessivpronomen „Sein“?
    Anschlagsrelevante Themen: Zur Strategie der Diskriminierung von Gesellschaftskritik gehört es, wenn in raf-Prozessen (und in ihrer Folge in den Medien und in der Öffentlichkeit) die Taten der raf von ihrer Motivation getrennt werden, während die gleiche Motivation dann doch auf ebenso stumme wie wirksame Weise mit den Taten verurteilt werden.
    Da gingen ihnen die Augen auf: Die subjektiven Formen der Anschauung entblößen die Dinge; … und sie erkannten, daß sie nackt waren: sie entblößen damit auch die Anschauenden, die in dem, was sie draußen erkennen, ohne es zu bemerken, sich selbst erkennen.
    Laß leuchten, HERR, Dein Angesicht: Befreie uns vom Bann des Anschauens.
    Logik der Schrift: „Ein solch geradezu partnerschaftlicher Umgang des Königs mit seinen Beamten war völlig neu.“ (Adelheid Schlott: Schrift und Schreiber im Alten Ägypten, S. 165) Kann es nicht sein, daß die schriftliche Notiz darüber, nicht aber die Sache, neu war?
    Die Bemerkung Emanuel Levinas`, daß die Attribute Gottes nicht im Indikativ, sondern im Imperativ stehen, ist selbst indikativisch, die Beschreibung eines empirischen Sachverhalts: ein Schlüssel für das Begreifen religionsgeschichtlicher Phänomene. Die Bekenntnislogik, die die Theologie in den Indikativ versetzt hat, war seit je eine Exkulpationslogik; deren Ursprungsgeschichte ist die Ursprungsgeschichte des Mythos, in der die theologische Beziehung von Indikativ und Imperativ instrumentalisiert worden ist. Das christliche Dogma hat diese Instrumentalisierung durch die Bekenntnislogik irreversibel gemacht. Die Bekenntnislogik beschreibt das Inertialsystem, das dem Gravitationsgesetz der instrumentalisierten Theologie zugrunde liegt.

  • 5.7.1995

    Völker, Stämme, Sprachen und Nationen: Hängen diese Namen mit den vier Richtungen zusammen: Vorn und hinten (im Angesicht und hinter dem Rücken): Sprachen und Stämme (JHWH und Elohim), rechts und links: Nationen und Völker (Innen- und Außensicht, wie Israeliten und Hebräer)? Wem entspricht das „Haus“ (Haus Israel, Haus Juda, Haus Joseph: teils eine Volks-, teils eine Stammesbezeichnung, wobei Jakob/Israel den Stammesbildungen Judas und Joseph vorausgeht)?
    Der Pharao (das „große Haus“) ist der Herr über Mizraim, „die beiden Ägypten“, ein Dualis: Ist der Pharao eine personalisierte Vorform des Neutrum, und muß das Neutrum (die Schlange) die babylonische Reichsgründung durchlaufen (zum Drachen werden), ehe es über die die grammatische Form des Neutrum (zur Substanz des Weltbegriffs, die das Tier ist) vergesellschaftet wird?
    Gibt es nicht in Schellings „Weltalter“ einen Versuch, den Ursprung des Raumes zu konstruieren?
    In welcher Beziehung steht die Abfolge der vier Reiche bei Daniel zur Konstellation der Stämme, Völker, Sprachen und Nationen? Und wie spiegelt sich das in dem Bild der drei Tiere (Drache, Tier aus dem Meer, Tier vom Lande und deren Attribute, die Kombination von Hörnern und Köpfen, Kronen und „gotteslästerlichen Namen“)? Sind die Attribute der Tiere neu in der Johannes-Apokalypse (zu den Hörnern und Köpfen vgl. Dan 76ff)?
    Zum Begriff der Verwaltung gehört das Bild der „Verwaltungsebenen“, wobei diese Ebenen in ihrer Beziehung zur Schwerkraft sich definieren und als Grundlage der hierarchischen Stufungen zu verstehen sind, auf die Oben/unten-Beziehung (die Herrschaftsbeziehung, die im Fall gründet) sich beziehen. In der verwalteten Welt ist die Macht in die Horizontale gerutscht und so – im logischen Bild ihrer Vergesellschaftung – zu einem Problem der Religion geworden.
    Zur kopernikanischen Wende: Ist nicht das Inertialsystem ein Hierarchiegenerator? Das Problem der Astrologie liegt weniger in ihrem inhaltlichen Widerspruch zum kopernikanischen System, als in ihrem formalen Apriori, in dem sie mit dem kopernikanischen System konform geht: in ihrer Beziehung zur Selbsterhaltung. Unverständlich ist der Wunsch, dessen Erfüllung die Astrologie geben zu können vorgibt.
    Zum Namen des Petrus (Fels): Ist nicht der Objektbegriff, dessen sinnliche Verkörperung der Stein ist, das Symbol der dritten Leugnung? Und hängt damit – auch mit dem Namen des Petrus – das Problem des steinernen Herzens zusammen? Nachdem der Hahn krähte, ging er hinaus und weinte bitterlich: Mit diesem Weinen wird das steinerne durch ein fleischernes Herz ersetzt.
    „Der Weise hat den Verstand zu seiner Rechten, der Tor hat den Verstand zu seiner Linken“ (Koh 102): Barmherzigkeit macht sehend. Der Gnadenlose wird dumm. Die Schlange war nur das klügste der Tiere.
    Die Bekenntnislogik und der leere Kopf: Die Bekenntnislogik macht die Wahrheit zur Ware: austauschbar. Der Trieb, die Welt zu begreifen, wird ersetzt durch die Mechanik des Liebesentzugs; Kriterium der Wahrheit ist nicht die Einsicht, sondern der Wunsch geliebt zu werden, keinen Agressionen sich auszusetzen, Schuldgefühle zu vermeiden, die Anpassung an das, was alle denken. Keiner scheint die Abweichung von den Anschauungen des Kollektivs, durch das er sich definiert, mehr zu ertragen, auszuhalten. Das Vakuum an der Stelle, die einmal der Name des Geistes bezeichnete, erzeugt den horror, der alle zur Identifikation mit dem Aggressor treibt. Die Rekonstruktion dieses Vakuums fällt mit dem Begreifen des Ursprungs und der Funktion der subjektiven Formen der Anschauung zusammen. Homo homini lupus gilt mehr denn je, nur das Bewußtsein davon darf nicht mehr hochkommen: Das Abblenden dieses Bewußtseins leisten die subjektiven Formen der Anschauung, die Vorstellungen des ins Unendliche sich ausdehnenden Raumes und des Zeitkontinuums zusammen mit den ihnen korrespondierenden (und sie legitimierenden) Objekten: Natur und Geschichte.
    Blochs Bemerkung, das Schlimme sei, daß heute niemand mehr wie Gott sein will, stimmt erst, wenn man sie genauer faßt. Daß niemand mehr sein will wie Gott, ist nämlich nur die halbe Wahrheit. Heute nämlich fühlen sich alle als Verkörperungen des Weltgerichts, aber niemand will mehr barmherzig sein wie der Vater im Himmel barmherzig ist. – Deshalb sind die Köpfe so leer, aber auch so empfindlich und rachsüchtig (Empfindlichkeit und Rachsucht gehören zur Bekenntnislogik).

  • 4.7.1995

    Drachenfutter: Im ai-Journal 7/95 ein Leserbrief, in dem der Vorwurf mangelnder Objektivität (in dem Bericht über Gewalt in der Polizei) damit begründet wird, daß der Bericht zur „Deutschen-Demütigung“ beitrage. „Objektiv“ wäre demnach alles, was davon absieht, auf eigene Fehler hinzuweisen, wären der Weltspiegel, wären Berichte aus anderen Ländern, nicht hingegen Report, Panorama, Monitor, die „Nestbeschmutzung“ betreiben? Aber ist das nicht in der Tat der Zweck des Begriffs der Objektivität (und der des Objekts selber), die Projektionsfolie fürs Schuldverschubsystem zu liefern? Und hängt hierüber nicht der Begriff der Objektivität mit der Logik der Schrift zusammen; gründen nicht der Begriff der Objektivität und das Schuldverschubsystem (und mit ihnen die Sphäre und der Begriff des Ästhetischen) in der Logik der Schrift?
    Die Sprache erkennt die Dinge im Namen, nicht im Begriff. Im Begriff wird sie lahm und blind (2 Sam 56: Da kommst du nicht hinein, denn die Lahmen und Blinden werden dich vertreiben). Ist nicht das Angesicht Gottes das Angesicht Seines Namens (dessen Heiligung Inhalt des zweiten Gebots ist)?
    Gehört zum Sohn die Erfüllung der Schrift, zum Geist die des Wortes?
    Schein und Sein: Hegel hat am Ende Schein und Sein doch noch verwechselt, während es darauf ankäme, sie auseinanderzuhalten, zu trennen. Aber das ist das Schwerste, weil inzwischen das Sein selber zum Schein geworden ist. Davon lebt die ganze Existenzphilosophie. Die Suche nach dem Echten und Eigentlichen tut so, als gäbe es dieses Sein noch, und als ließe sich dieses nachweisbar vom Schein ablösen und unterscheiden: als gäbe es eine Sphäre der Unschuld. Der Schein ist die Zwangs-Manifestation unter den Bedingungen des Schuldzusammenhangs: Vor den Richter gezerrt, wird das Sein zum Schein. Der Schein ist das Korrelat des richtenden Denkens. Was in der Bibel Götze und Eitelkeit heißt, das sind die ersten Manifestationen des Scheins; dagegen richtete sich das biblische Bilderverbot.
    Das Schicksal ist – wie sein letzter Nachfahre, der Sachzwang – ebensosehr Realität wie auch Schein.
    Ist das Feuer der sich auf sich selbst beziehende und kontrahierte Schein, und hat der brennende Dornbusch etwas mit dem Planetensystem (dem Dornbusch) und der Sonne (ihrem brennenden Zentrum) zu tun (ist das kopernikanische System die Totalität des Dornbuschs)?
    Die Vorstellung des unendlichen Raumes ist das vollendete Vakuum, in dem die Sprache sich verflüchtigt und die Dinge ihren Geist aufgeben. Sie ist eine Folge der Erfindung der Schrift.
    Durch die Erfindung der Schrift hat die Sprache, hat ihre Beziehung zur Objektivität im Kern sich verändert. Die Logik der Schrift ist der Grund des Weltbegriffs, mit der Erfindung der Schrift konstituiert sich die Geschichte (die Gegenständlichkeit des Vergangenen), trennt sich die Welt von der Vorwelt (die Welt ist selber der permanente Vollzug dieser Trennung, der actus purus der Erinnerungslosigkeit, ihr Vorläufer in der Theologie die Opfertheologie).
    Wie hängt der mythische Eid mit dem Ursprung der Schrift, mit Tempel und Opfer, und mit der Ursprungsgeschichte des Begriffs der Objektivität zusammen?
    Es gibt einen paradoxen Gottesbeweis, der einzige, der heute noch möglich (und somit notwendig) wäre: er resultiert aus der Dekonstruktion des ontologischen Gottesbeweises, aus der Dekonstruktion einer Religion, die nur noch als Religion für andere Bestand hat: aus der Transformation einer Theologie hinter dem Rücken Gottes in eine Theologie in Seinem Angesicht.
    Gilt nicht der Satz, daß die Attribute Gottes im Imperativ, nicht im Indikativ stehen, nicht auch für die Opfertheologie? Das wäre jedenfalls eine Erklärung für die Blutspur, die das Christentum in seiner Geschichte hinterlassen hat.

  • 1.7.1995

    Positivismus: Die Form des Raumes und der Objektbegriff, die Mathematik und die Ökonomie, der Begriff des Wissens und am Ende die Dialektik gründen in der Formel, daß Minus mal Minus Plus ergibt. Diese Formel konstituiert den Begriff des Wissens. Aber: Wo nichts ist, hat auch der Kaiser sein Recht verloren. Gilt die Formel nur in dem durch das „Recht des Kaisers“: durch Herrschaft definierten Bereich, setzt sie den Staat voraus? Aufgrund der Abstraktion von der Politik, die zu seinem Selbstverständnis gehört, ist der Positivismus eine politische Theorie.
    Die Prophetie gehört zur Geschichte des Königtums in Israel, die Apokalypse entspringt mit dem Einbruch der Großreiche.
    Der Name des Herrn (das Tetragrammaton) ist der Name der Barmherzigkeit, und der Tag des Herrn ist der Tag des Gerichts der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht. Sh. den Hinweis zu S. 340 (Randnr. 325) im Stern der Erlösung (Ausgabe Suhrkamp ’88, S. 481).
    Enthält nicht das Wort über die Sünde wider den Heiligen Geist einen Hinweis auf die Bedeutung des Wortes vom Binden und Lösen?
    Der Pharao, „der Joseph nicht mehr kannte“, ist ein Paradigma für weltliche Herrschaft überhaupt, die ihre eigene Ursprungsgeschichte verdrängen muß, um als Herrschaft sich zu erhalten.
    Alexander, Caesar und Augustus sind fortschreitende Versuche, die getrennten Herrschaftsformen von Pharao und Nebukadnezar (Ägypten und Babylon, Sklavenhaus und Weltmacht) zu vereinigen. (Ägypten hat die eigene Bevölkerung versklavt, Babylon die unterworfenen Völker, seine Kriegsgefangenen. Aus der babylonischen Praxis ist der Sklavenhandel entstanden, Grundlage des griechischen und römischen „Bürgerrechts“, der Privatisierung der Sklavenhaltung.)
    Auch ein Beitrag zum Naturbegriff: Hat die Einschränkung der freien Spazierwege etwas mit der Erweiterung der Verwaltungswege zu tun? – Liegt nicht eine Gefahr für die Grünen in ihrer Naivität gegenüber der Macht und der Logik der Verwaltung, in der Unfähigkeit, das Technologieproblem, das der ökologischen Krise zugrundeliegt, in den Verwaltungsstrukturen (im steinernen Herzen des Staates) wiederzuerkennen? Der Grund liegt im Konkretismus des ökologischen Denkens, auch eine Folge der Rechtfertigungszwänge, die der Faschismus in Deutschland hinterlassen hat. Die „Umweltschäden“, die die auswuchernde Verwaltung verursacht, sind nicht so direkt wahrzunehmen wie die der auswuchernden Technik, insbesondere wenn man selber der Logik des Verwaltungshandelns und den damit verbundenen Allmachtsphantasien verfallen ist.
    Gott sah (daß es gut war):
    – am ersten Tag: das Licht (vor der Scheidung zwischen Licht und Finsternis, Tag und Nacht),
    – am dritten Tag:
    . das Land und das Meer,
    . das Kraut und die Fruchtbäume,
    – am vierten Tag: Sonne, Mond und Sterne,
    – am fünften Tag: die großen Seetiere, die Fische und die Vögel,
    – am sechsten Tag:
    . die Tiere,
    . alles, was er gemacht hatte (und siehe, es war sehr gut).
    Gott sah (und bewertete) nur inklusive in dem „alles“ des sechsten Tages, nicht aber für sich:
    – am zweiten Tag: die Feste des Himmels, die Trennung der unteren von den oberen Wassern,
    – am sechsten Tag: den Menschen, den er im Bilde Gottes, nach seinem Bilde, als Mann und Weib erschuf.
    Die Schrift verhält sich zur Sprache wie das Inertialsystem zur Natur (oder das Dogma und die Bekenntnislogik zur Wahrheit): Sie konstituiert und verfälscht sie zugleich. Die Schrift trennt die Sprache von der Sache (sie ist der Cherub mit dem kreisenden Flammenschwert). Die Ontologie gründet in der Schrift, nicht in der Sprache.
    Cherub:
    – Realsymbol der Schrift?
    – Beziehung zur Palme (Konstellation Cherub/Palme)?
    – Die vier Gesichter der „lebenden Wesen“ bei Ezechiel: Mensch (vorn), Löwe (rechts), Stier (links) und Adler (innen) (110) oder Cherub (das erste), Mensch (das zweite), Löwe (das dritte) und Adler (das vierte) (1014)?

  • 29.6.1995

    Umfeld des Begriffs der Wahrheit: wahr, wahrnehmen, bewahren (aufbewahren), bewähren, Währung. Die moderne Definition des Begriffs der Wahrheit (Übereinstimmung von Begriff und Gegenstand) bindet die Wahrheit an den Begriff des Wissens, an die Urteilsform, an die getrennte Existenz der Außenwelt.
    Zur Konstituierung der Außenwelt: Das Problem wird erkennbar im Rückgriff auf das der Konstituierung der Mathematik, die einem Abstraktionsakt sich verdankt, in dem das Subjekt von sich selbst abstrahiert. Der gleiche Abstraktionsprozeß liegt dem Begriff und der Vorstellung einer vom Subjekt unabhägigen Außenwelt zugrunde. Ist nicht die mathematische Abstraktion eine doppelte? Vgl. die „ägyptische“ Geometrie und die „babylonische“ Algebra , die übrigens schon die „Zahl“ 0 enthielt, die die Griechen wieder vergessen mußten, und die über Indien und die Araber (den Islam) erst im Mittelalter nach Europa gekommen ist. Dieser Unterscheidung (von Geometrie und Algebra) liegt die Logik der Innen-Außen-Trennung zugrunde. Und hat nicht auch das Wissen einen doppelten Gegenstand: die Geschichte und die Natur?
    Die Sänger im jüdischen Tempel waren kein Kirchenchor, sondern repräsentierten die orale Tradition der Schrift. In welcher Beziehung standen sie zu den späteren „Schreibern“?
    „Auf der Flucht erschossen“: Von wem werden die Jogger gejagt? Werden sie nicht von ihren Problemen verfolgt, und am Ende sind nicht ihre Probleme, sondern sie selbst weg?
    Jogging ist ein Politiker-, ein Präsidentensport. Erinnert es nicht an die Theorie, daß das Königtum aus dem Opfer hervorgegangen ist?
    „To be or not to be“ ist nicht gleichbedeutend mit „Sein oder Nichtsein“, eher schon mit „zu sein oder nicht zu sein“. Die Differenz verweist auf den imperativen Charakter des Infinitivs und auf die Beziehung von Indikativ und Imperativ, auf das Problem des Namens: Der Nominalismus, der den Namen in Schall und Rauch verwandelt, entspringt mit der Trennung von Indikativ und Imperativ (mit dem Ursprung des Objektbegriffs); er gründet in der Entfernung des Imperativs aus dem Namen, seiner Übersetzung in den Indikativ.
    Die ontologische Rückverwandlung des Indikativs in einen Imperativ, die dem Naturbegriff zugrunde liegt, (die Rückverwandlung des Handelns in ein naturhaftes, subjektloses Geschehen, auf das das Subjekt keinen Einfluß mehr hat, das ohne sein Zutun sich vollzieht, dem es bloß zuschaut, an dem es „unschuldig“ ist, m.e.W. die Rückverwandlung des Handelns in den Vollzug der Seinshörigkeit, des blinden Gehorsams) ist faschistisch.
    Bei Hegel ist das Subjekt, als welches die Substanz der Welt in ihrer logischen Explikation sich erweist, der Staat, bei Heidegger, bei dem diese Explikation zum fundamentalontologischen kurzen Prozeß des Seins verkommt, das Volk.
    Joh 129, oder die Opfertheologie und das Nachfolgegebot: Die Differenz zwischen Ontologie und Ethik als prima philosophia ist die Differenz zwischen einem Weltgeschehen, das ohne mein Zutun sich vollzieht, dem ich als unschuldiger Zuschauer bloß beiwohne, und einer Welt, in der das Leiden, das sie produziert, in die Verantwortung aller fällt. Hier liegt der Grund der Gottesfurcht, die der Anfang der Weisheit ist. Der Fluchtpunkt der christlichen Furcht vor der Gottesfurcht war die Opfertheologie, die Neutralisierung und Instrumentalisierung des Kreuzestodes.
    Nach der jüdischen Tradition werden Sünden wider den Nächsten am Versöhnungstag nicht vergeben, nur Sünden gegen Gott. Der Weltbegriff hat die Sünde wider den Nächsten in sich mit aufgenommen und so universalisiert: Hierauf bezieht sich die neutestamentliche „Sünde wider den Heiligen Geist, die weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben werden kann“. Die Sünde der Welt in Joh 129 ist der im Weltbegriff verkörperte Inbegriff der Sünde wider den Nächsten, die auch nach jüdischer Tradition durch Gott nicht vergeben werden kann (sondern nur durch Versöhnung mit dem Nächsten). Diese Sünde hat das Lamm Gottes nicht hinweg-, sondern auf sich genommen. Damit aber verschiebt sich ihr theologischer Sinn von der Opfertheologie ins Nachfolgegebot.
    Steckt nicht die ganze Theologie in der sprachlogischen Beziehung von Imperativ und Indikativ?
    Der Kelch ist das Symbol der Schrift, deren logische Grundlage sind die subjektiven Formen der Anschauung, die Grammatik ist das Produkt ihrer „organischen“ Ausgestaltung. Deshalb ist die „Erfüllung“ der Schrift von der des Wortes zu unterscheiden: Diese ist durch Umkehr auf jene bezogen. Die Schrift ist logozentrisch, das Wort wird erfüllt in der Heiligung des Gottesnamens.

  • 25.6.1995

    Anschauungen sind die Anschauungen anderer, die ich mir durchs Bekenntnis zueigen machen kann.
    Beruht die Schwierigkeit der Texte Adornos nicht darin, daß sie nicht in die Flaschen der Anschauung sich abfüllen lassen? Ihr Begreifen hängt davon ab, ob der Funke überspringt oder nicht.
    Anschauungen und Bekenntnisse sind Transformatoren, die das Feuer des Zorns in sein Anderssein: in Wut umwandeln. Die subjektiven Formen der Anschauung haben die Geschichte der Scheiterhaufen, die ein Teil der Bekenntnisgeschichte war, durch Verinnerlichung beendet.
    Alle Anschauungen haben die subjektiven Formen der Anschauung zur Voraussetzung, sie gründen in der Unfähigkeit, sie zu reflektieren. Wenn die subjektiven Formen der Anschauung mit dem biblischen Symbol des Kelchs zusammenhängen, dann verweist der Begriff der Weltanschauung auf den Unzuchtsbecher.
    Die spezielle Realitivitätstheorie rührt an die erkenntniskritische Seite der Naturwissenschaft, die allgemeine Relativitätstheorie rührt an den Grund ihrer Objektivität: an ihre theologische Seite.
    Nur der Geist hat die Kraft, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen und, wenn er alle ergreift, den Sumpf trockenzulegen.
    Die Geschichte des Dogmas und ihr Produkt, der katholische Mythos, ist die Geschichte der Umformung des Glaubens in die Form des Wissens; die Beziehung zur Zukunft wird gelöscht, der Glaube unter die Vergangenheitsform subsumiert, sein Inhalt als Himmel, Hölle und Fegfeuer in den Raum projiziert. Diese Geschichte ist die der drei Leugnungen.
    Wie hängt die Angewohnheit Kohls, in angespannten Situationen die Zunge zwischen die Lippen zu klemmen, mit den zusammengepreßten Lippen bei Politikern sonst zusammen? Die Geste erinnert die von Kindern, wenn sie zu Beginn ihr Schullaufbahn das Schreiben üben.
    In einem Brief an seine Frau (Wie Efeu an der Mauer, S. 345) beschreibt Huidobro, wie er zum erstenmal nach über zehn Jahren mit einem anderen, auch eine „Geisel“, zusammen in einer Zelle ist. Er beschreibt es, indem er von den zwei Paar zerschlissenen Schuhen erzählt, die er beim Erwachen morgens vor seinem Bett vorfindet. Das Ergreifende dieser Situation ist, daß die Dinge anfangen zu erzählen, weil sich die Menschen – nach so langer Einsamkeit – noch zu fern sind, um anderen von sich schon erzählen zu können (oder das eigene Leiden noch zu nahe ist; deshalb erbarmen sich die Schuhe und beginnen zu erzählen). Ist der Gedanke so abwegig, daß heute ein ganzes Land, seine Städte und die Wohnungen in diesen Städten nach Kriterien eingerichtet werden, deren Zweck es zu sein scheint zu verhindern, daß die Dinge sich erbarmen und anfangen zu erzählen? Tot ist, wer sich nicht mehr erbarmt.
    Die moderne Definition der Wahrheit als Übereinstimmung von Begriff und Gegenstand macht die Beweisbarkeit zum Kriterium der Wahrheit.
    Der „prinzipielle Ideologieverdacht“ gegen die Autorität des Leidens ist ein Instrument zur Absicherung des modernen Wahrheitsbegriffs. Wahrheit als Übereinstimmung von Begriff und Gegenstand abstrahiert von der Gewalt, genauer: Gewalt ist der blinde Fleck dieser Definition.
    Wenn – ihren Aussagen vor den Ermittlungsbehörden zufolge – keiner der GSG-9-Beamten in Bad Kleinen gesehen hat, daß Wolfgang Grams sich erschossen hat, so ist das fast schon der Beweis, daß es sich nicht um Selbstmord handeln kann: Die Beamten kennen die Folgen einer Falschaussage, deren Widerlegung sie offensichtlich für möglich, wenn nicht für wahrscheinlich halten; deshalb berufen sie sich aufs Nichtgesehenhaben.
    Ist nicht der Jesaias-Satz
    „Ich, der Herr, und keiner sonst, der ich das Licht bilde und die Finsternis schaffe, der ich Heil wirke und Unheil schaffe, ich bin’s, der Herr, der dies alles wirkt“ (457)
    eine Erläuterung des Schöpfungsberichts, seines Rhythmus von Katastrophe und Rettung (die hier vor der Katastrophe genannt wird, wenngleich die Schöpfungsfolge genau umgekehrt ist)? Wirft dieser Satz nicht ein Licht auf die geschaffenen Dinge (Himmel und Erde, die großen Seetiere und schließlich die Menschen), die zunächst als Katastrophen sich erweisen? Verweist das bara generell auf katastrophische Vorgänge (auf etwas zu Rettendes)?
    Kann es sein, daß in dem „wüst und leer“, „Finsternis über dem Abgrund“ und dem „Geist Gottes über den Wassern“ die dreifache Schöpfung des Menschen (als Ebenbild Gottes, als Sein Bild, als Mann und Weib) sich anzeigt, daß in dieser jene sich spiegeln? Und heißt es deshalb, daß der Mensch aus Erde gemacht ist (aus dem Staub, den die Schlange frißt)?
    Die Totalitätsbegriffe (Wissen, Natur und Welt) sind die Reste des durchschlagenen Knotens, den es zu lösen gilt. Die Zeit der Harmonisierung ist vorbei. Gilt nicht das gleiche auch für die Trinitätslehre, ist nicht auch sie der zerschlagene Knoten, den es zu lösen gilt (wurde nicht der Knoten durch Übersetzung des Imperativs in den Indikativ, durch Übersetzung der Offenbarung vom Hebräischen ins Griechische, zerschlagen)?
    Theologie wird zur Theologie im Angesicht Gottes, wenn man begreift, daß die Attribute Gottes nicht im Indikativ, sondern im Imperativ stehen. Und Gott suchen heißt: diesen Imperativ endlich hören zu lernen (Heute, wenn ihr Seine Stimme hört).
    Die Theodizee fällt unter das erkenntnistheoretische Problem der kontrafaktischen Urteile, das Problem, das in Vergegenständlichung des Vergangenen und in der Konstituierung der Geschichte steckt. (Zweck der modernen Wahrheitsdefinition ist es u.a., das Vergangene in die Vergangenheit einzusperren.)
    Die Kritik der Verdinglichung affiziert sowohl den Begriff der Vergangenheit als auch den der Natur.
    Wenn das Wahre der bacchantische Taumel ist, in dem kein Glied nicht trunken ist, dann ist diese Trunkenheit ein logischer Ausfluß der subjektiven Formen der Anschauung (des Kelches).
    Die Theologie hinter dem Rücken Gottes hat die Religion zur Religion für andere, zum Herrschaftsinstrument gemacht. In dieser Konstellation gründet die tiefe Zweideutigkeit der Trinitätslehre, gegen die der Satz von der Sünde wider den Heiligen Geist gerichtet ist.
    Die Übersetzung des Indikativs in den Imperativ führt direkt in das Levinassche Konstrukt (mein Verhältnis zum Angesicht des Andern und die Beziehung beider zum „Dritten“), während der Indikativ auf die durch Herrschaft vermittelte Distanz zum Objekt sich bezieht: auf den historischen Objektivationsprozeß.
    War nicht die Lichtmetaphysik einmal der Versuch, den Baum des Lebens zu rekonstruieren, der seine Wurzeln im Himmel hat und dessen Krone den Trieb in sich hat, auf der Erde sich auszubreiten?
    Die Übersetzung des Begriffs der omnipotentia mit Allmacht ist nicht korrekt, genauer wäre der Begriff des Allesvermögenden. Darauf verweist der Satz, wonach bei Gott kein Ding unmöglich ist. Erst unsere Allmacht hat die potentia von ihrem Sprachgrund getrennt. Erst dadurch ist sie böse geworden (islamisch-christlicher Ursprung des modernen Machtbegriffs). Allesvermögend ist der Retter, der Erlöser, allmächtig, aber das auch nur seinem eigenen verblendeten Bewußtsein nach, ist der faschistische Diktator. Der Preis der Allmacht ist die Paranoia.
    Haben das apokalyptische Tier aus dem Meere etwas mit den großen Seetieren (den Symbolen der Macht) und das Tier vom Lande etwas mit der Schlange in der Paradieses- und Sündenfallgeschichte (Modell des falschen Propheten) zu tun?
    Die memoria passionis, die das unabgegoltene Leiden der Geschichte nicht vergessen kann, sprengt den Bann des Vergangenen, sie verweigert sich der „Versöhnung über den Gräbern“.
    Der Kreuzestod war die Katastrophe, zu der die Rettung noch aussteht; und die Geschichte des Christentums ist die Geschichte der descensio ad inferos.
    Religion für andere, das ist das genaue Gegenteil einer Utopie, in der keiner mehr den andern belehren wird, weil alle Gott erkennen (vgl. Jer 3134).
    Ist nicht die Kirche unfähig geworden, in der Prophetie auch das Gericht über sich selbst zu begreifen?
    Erinnert nicht das Brumliksche „Ausdrucksgeschehen im Gesicht eines anderen“ an eine Videoaufnahme, die Objektivation eines nicht Objektivierbaren, die Übersetzung eines Imperativs in den Indikativ, das Gegenteil des Levinasschen Angesichts?

  • 24.6.1995

    Auch Micha Brumlik verwechselt das Ewige mit dem Überzeitlichen (und damit den Staat mit Gott), wenn er mit Plato die „Ewigkeit“ von Schrift und Bild gegen das flüchtige Wort ausspielt und die Unterscheidung von Philosophie und Prophetie anhand der Unterscheidung von Sehen und Hören als Klischee bezeichnet.
    Was Adorno Verdinglichung nannte, ist durch die Logik der Schrift vermittelt (wie die Kritik der Verdinglichung durch die Fähigkeit, mit den Ohren zu denken).
    Es ist kein Zufall, daß die Universitäten, die die Logik der Schrift nicht nur zur Grundlage der Wissenschaften, sondern über Recht und Theologie auch des Staates und der Kirche gemacht haben, in der Auseinandersetzung mit dem Islam entstanden sind.
    Auch ein Beitrag zur Apokalypse: Ein Jogger mit einem T-Shirt, das hinten den Aufdruck trägt: Neue Welle, neues Erlebnis, neues Gefühl.
    Definitionen des Jogging: Sie laufen nicht, sondern sie werden gelaufen, sie sind in der Regel passionierte Werbeträger. Jogging: Produkt der Vergesellschaftung des Sports (verinnerlichte Einheit von Verein, Sportler und Schiedsrichter); individualisiertes Gemeinschaftserlebnis mit eingebauter Bekenntnislogik.
    Die Idee der Sündenvergebung schließt als Intention die der Änderung des Vergangenen mit ein.
    Gründet die „Autorität der Leidenden“ nicht in der Geschichte und im Symbol des brennenden Dornbuschs?
    Der Satz: Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun, enthält einen prophetischen Bezug zum Ursprung, zur Geschichte und zur Realität der Verwaltung.
    War nicht das scholastische supranaturalis die Übersetzung der Metaphysik ins Adjektivische?
    Der Satz, daß die Attribute Gottes im Imperativ, nicht im Indikativ stehen, verweist auf eine reflektierte Form des Begriffs des Absoluten, er reflektiert das Moment der Asymmetrie in der Idee des Absoluten; der Begriff des Absoluten ist kein universaler Begriff: Das Absolute für mich ist nicht zugleich auch ein Absolutes für andere. Die Unterscheidung von Rind und Esel gilt auch für die Idee des Absoluten. Auschwitz ist die Konsequenz einer Logik, die Last abwirft und sie zum Joch für andere macht. Lassen sich aus dieser Konstellation nicht die Regeln der israelitischen Opfertradition (das Opfer als Auslösung der Erstgeburt), die symbolische Bedeutung von Lamm und Taube, sowie die Differenz zwischen Stier-Opfer und Stier-Kult ableiten?
    Die Bekenntnislogik ist eine Konsequenz aus der Logik der Verdinglichung und Instrumentalisierung. Die Differenz zwischen dem, was etwas an sich, und dem, was es für andere ist: die Differenz zwischen Esel und Rind, Last und Joch, ist unaufhebbar. Totalitätsbegriffe entspringen dort, wo das Produkt der Instrumentalisierung zum An-sich geworden ist, wenn man den Satz „Das Eine ist das Andere des Anderen“ zugunsten des Andersseins auflöst, die Erinnerung an das Eine verdrängt (bei gleichzeitiger Übertretung des Deuteronomium-Verbots, mit Rind und Esel gemeinsam zu pflügen). Hegel ist diese Auflösung nur unter Zuhilfenahme der List der Vernunft und um den Preis der Aufnahme des Scheins in die Idee der Wahrheit gelungen.
    Am Islam lassen die Wurzeln des Fundamentalismus sich erkennen, am Christentum die Früchte.

  • 23.6.1995

    Während die Logik des Weltbegriffs das Bewußtsein ans Vergangene heftet (das Präsens, die wiederhergestellte Unmittelbarkeit, ist durch die Vergangeheitsform, durch Natur und Geschichte vermittelt), findet die prophetische Vision ihren Gegenstand in der vergangenen Zukunft: durch die Kritik von Natur und Geschichte hindurch; deren Medium aber ist der Name, die benennende Kraft der Sprache. Instrument der Bindung des Bewußtsein ans Vergangene sind die subjektiven Formen der Anschauung, ist das Inertialsystem, dessen „Umkehr“ (in der Gestalt des prophetischen, messianischen, parakletischen Denken) Voraussetzung der Rekonstruktion der Sprache ist.
    Das Inertialsystem (der Kelch) ist der Greuel der Verwüstung am heiligen Ort.
    Die Dinge beim Namen nennen: Das heißt, sie im Angesicht Gottes erkennen.
    Der Begriff der Vermittlung bezeichnet selbst im Bereich der Natur einen gesellschaftlichen, keinen natürlichen Tatbestand.
    Das Eine ist das Andere des Anderen. Gegen das Anderssein, das als Sein für Andere sich konstituiert, richtet sich das Wort: Laßt die Toten ihre Toten begraben, ein Wort, dessen herrschaftskritische Brisanz noch zu entdecken ist.
    Die Beziehung der Geschichte der Hexenverfolgung zur Ursprungsgeschichte der Aufklärung gründet darin, daß die Herstellung des Totenreichs nur möglich war bei gleichzeitiger projektiver Verarbeitung und Verschiebung, wie sie der Hexenwahn dann leistete. Der Hexenwahn hat die Basis geschaffen für die Verdrängungsleistung, die dem Erkenntnisbegriff der Aufklärung zugrunde liegt. Als Otto Gericke mit seinem Magdeburger Experiment den horror vacui zu einem physikalischen Phänomen gemacht hat, hat er das darin verborgene logische Problem endgültig verdrängt.
    Hat die naturwissenschaftliche Aufklärung nicht etwas mit dem Duftmarkensetzen des Hundes zu tun?
    Das Eine ist das Andere des Andern: Es geht nicht um das Andere/den Anderen, sondern es geht um das Eine, das hinter dem Anderssein des Andern sich verbirgt. Der Name dieses Einen ist das Fremde.
    Kann es sein, daß in der Vorstellung, im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung seien die Voraussetzungen geschaffen worden für eine Gesellschaft, die der Herrschaft nicht mehr bedarf, die Prämisse falsch ist? Wird hier nicht der Schein, der einer Abstraktion sich verdankt, mit der Nichtexistenz dessen, wovon abstrahiert worden ist, verwechselt? Das Bild vom Absägen des Astes, auf dem man sitzt, trifft den Sachverhalt recht genau.
    Sind nicht Natur- und Umweltschutz Weiterentwicklungen der Schädlingsbekämpfung, nur daß sie an die Stelle der Raupen, Insekten und sonstigen Schädlinge die Menschen setzen, vor denen „die Natur“ jetzt zu schützen sei? Gehört die Logik, die dem zugrundeliegt, und die in Teilen des Feminismus wiederkehrt, nicht zu den Folgen von Auschwitz, zur Logik der vergeblichen Mühen, diese Schuld noch einmal durch Schuldverschiebung und Projektion, durch die man dem Täter-Opfer-Syndrom zu entrinnen versucht, abzuwerfen? Vergessen wird, daß die zu schützende Natur selber bereits dem Schuldverschubsystem sich verdankt: eine Kopfgeburt der Menschheit ist. Fällt nicht auch der Naturbegriff unter die prophetische Kritik des Götzendienstes?
    Die Anbetung des Marktes, der Natur, der Nation, des Rechtsstaats: Sind das nicht alles Emanationen der gleichen Logik der Exkulpation, des Abwerfens der Last der Verantwortung? Vor allem: Auch dieser Kult fordert seine Opfer.
    Mein ist die Rache, spricht der Herr, aber der Rechtsstaat nimmt ihm diese Last ab. Nur: Wie kommt es, daß die DDR-Vergangenheit einen stärkeren Rachetrieb erzeugt hat als die Nazi-Vergangenheit? Und eine Richterschaft, die angesichts der eigenen Beteiligung am Nazi-Terror gegen sich selbst ausnahmslos das „in dubio pro reo“ gelten ließ, kommt von diesem Fluch nicht mehr los und holt heute das Versäumte in der anderen Richtung nach.
    Person und Sache: Jedes Persönliche ist von Sachlichem durchdrungen, und jede Sache ist in Persönliches verstrickt. Die Trennung von Person und Sache ist in letzter Instanz eine grammatische; eine reale ist sie nur auf der Grundlage der subjektiven Formen der Anschauung, im Reich der Erscheinungen. Das läßt sich deutlich machen am Stichwort „Personalkosten“, wie die Trennung von Person und Sache endgültig erst mit der Lohnarbeit, der differentia specifica des Kapitalismus, die in die Ursprungsgeschichte des Staates zurückreicht, sich durchgesetzt hat. Engels‘ Begriff der Utopie, als er glaubte, das Reich der Freiheit auf der Verwaltung von Sachen gründen zu können, wird widerlegt durch die Existenz von Personalabteilungen, ohne die es eine Verwaltung von Sachen nicht gibt. Die 82er Wende war der Sieg einer gesellschaftlichen Logik, der die Einsicht zugrundelag, daß Personalfragen Sachfragen sind.
    Heute, da es scheint, daß das Proletariat seine revolutionäre Kraft endgültig verloren hat, greifen linke Bewegungen immer häufiger auf das Leninsche Avantgarde-Prinzip zurück und suchen in den nationalen Befreiungsbewegungen, die mit der Revolution des Proletariats wenig zu tun haben, ihre Verbündeten. Die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt, die das Proletariat ersetzen sollen, stehen nicht zufällig in Gefahr, Vorläufer von Militärdiktaturen zu werden. Ähnlich scheint die Gefahr zu sein, in der die Nachfolgestaaten des real existierenden Sozialismus stehen, Folge des parvus error in principio, der seit der Oktoberrevolution ungelösten Frage, ob ein Sozialismus in einem Lande möglich sei.
    Der Weltgeist stand seit je auf der Seite der Instrumentalisierung.
    Heute geht es nicht mehr darum, auf welcher Seite einer steht; die Front ist nicht mehr draußen; und das Scheiden der Schafe und Böcke ist Sache des Jüngsten Gerichts.

  • 18.6.1995

    Das den Kindern schon früh eingebläute Gebot: Du sollst nicht lügen, galt eigentlich nur im Hinblick auf die Eltern und in deren Vertretung auf die übrigen Autoritäten: den Pfarrer, die Lehrer und sonstige Obrigkeiten. Der Respekt vor der Obrigkeit bestand im Kern darin, daß sie die Adressatin dieses Gebotes war. Aber war nicht diese Version des Gebots, die praktisch galt, aber nie so deutlich formuliert wurde, der genaueste Ausdruck der eigenen Instrumentalisierung, die einem mit diesem Gebot eingebläut wurde, und war diese Version des Gebots nicht der Grund der in der Nazizeit so weit verbreiteten Praxis der Denunziation?
    Gegenüber den außerfamiliären Autoritäten galt das Verbot allerdings mit einem Vorbehalt: Diese Autoritäten repräsentierten die Außenwelt, und ihr gegenüber war es unter Umständen wichtiger, den Schein zu wahren. Die Wahrheitsliebe durfte nicht soweit gehen, daß man der eigenen Familie schadete oder sie blamierte. Das löste bei Kindern nicht selten Schamkonflikte aus, wenn z.B. die Eltern draußen sich anders verhielten als im Innern der Familie, dort die eigenen Normen nicht einhielten. Es gab Situationen, in denen man sich der Eltern schämte. Hängt nicht der Erfolg der Sozialisierung insgesamt an der Lösung dieser Schamkonflikte und an der Stabilisierung dieser Lösung?
    Hat der Rhythmus von Katastrophe und Rettung, der schon in der Einleitung des biblischen Schöpfungsberichts deutlich markiert wird, auch etwas mit dem Ursprung und der Logik der Sprache zu tun? Und ist nicht die Beziehung von Mythos und Philosophie eine Parodie des Offenbarungsrhythmus, deren verhängnisvolle Folgen am Christentum sich studieren lassen.
    Es sollte Anlaß zur Zurückhaltung sein, wenn man sich erinnert, daß es die Dämonen waren und dann auch Petrus, zu dem er an anderer Stelle sagt „Weiche von mir Satan“, die Ihn als den Sohn Gottes erkennen? – Stand dieser Titel unter dem Bann der Logik der Schrift, aus dem er mit der Erfüllung des Worts befreit werden wird? Gilt für diesen Titel nicht auch die Warnung des Jeremias: „Verlaßt euch nicht auf täuschende Worte wie diese: Der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn ist hier“ (74)?
    Nicht die Trinitätslehre ist entscheidend, sondern die Nachfolge, es sei denn, wir begreifen endlich die Bedeutung der Trinitätslehre im Kontext des Nachfolgegebots (ihre imperativische Bedeutung, zu der insbesondere das Wort von der Sünde wider den Heiligen Geist gehört).
    Zu Rosenzweigs Übersetzung „Geist Gottes brütend über den Wassern“: Kann es sein, daß der Geist die Gebärmutter/Barmherzigkeit verkörpert, in der das Reich Gottes ausgetragen wird? Vgl. auch das Wort von den „messianischen Wehen“.
    Woher kommt eigentlich und was bedeutet der Begriff Plusquamperfekt? Ist das Plusquamperfekt das durchs Futurum perfectum vermittelte Perfekt? Drückt sich in der Folge: Ich habe gehabt, ich werde gehabt haben und ich hatte gehabt, nicht eine Stufenfolge der Reflexion aus (ähnlich in: ich bin gewesen, ich werde gewesen sein und ich war gewesen)? Das Perfekt ist Ausdruck der abgeschlossenen Vergangenheit, das Plusquamperfekt: da ist auch die Erinnerung dieser abgeschlossenen Vergangenheit schon vergangen und abgeschlossen. – Das Plusquamperfekt: die grammatische Verkörperung dessen, was der jungen Christenheit die eigene „heidnische“ (mythische) Vergangenheit bedeutete? Das Christentum hat die eigene mythische Vergangenheit zur (vollständig verdrängten) Vorgegangenheit gemacht, um sich in der Gestalt Jesu das in ihm reflektierte Israel als neue Vergangenheit aneignen zu können.
    Ist es nicht fast symbolisch, wenn ein Gesamtschuldirektor seine Absicht bekundet, nach seiner Pensionierung Ägyptologie zu studieren (die Geschichte des Sklavenhauses)?
    Drinnen und draußen: Zum Faschismus gibt es kein Draußen; wer sich äußerlich (als Feind) zu ihm verhält, steckt schon drin. Die einzige Kraft, die die des Faschismus aufzulösen vermag, ist die der Reflexion. Deshalb gibt es keine „liberale Substanz“ der Politik ohne die „negative Bürgschaft“ durch die totalitären Systeme (vgl. Metz‘ Bemerkung zu H. Dubiel in seinem Essay „Religion und Politik auf dem Boden der Moderne“, FR vom 10.06.95). Es ist schlechterdings undenkbar, sich den Faschismus als real vergangen vorzustellen. Es gibt keine „Gnade der späten Geburt“. Der Faschismus ist das, was der Mythos für die junge Christenheit war, ein Plusquamperfekt, das nicht vergehen kann.
    Heute ist die Verwechslung von Komplizenschaft und Solidarität unvermeidbar geworden.
    Warum gibt es keinen Primo Levi der raf, warum gibt es keinen Huidobro und Rosencof der raf? Und warum ist der Primo Levi des Stalinismus, Solschenizyn, der den Bericht über den Archipel Gulag geschrieben hat, zum Faschisten geworden?
    Sind die drei Jünglinge im Feuerofen und Daniel in der Löwengrube Symbole der Politik?
    Ist Habermas‘ Begriff der Moderne nicht ein Bekenntnisbegriff, den es ohne die Häresie der Postmoderne nicht geben würde?
    „Religion und Politik auf dem Boden der Moderne“: Die Moderne ist zwar der Boden der Politik, für die Religion aber Reflexionsgegenstand, nicht ihr Boden. Und wenn Boden: Was liegt unter diesem Boden, worauf stützt er sich? Die Selbstbegründung der Moderne, der Akt, mit dem sie von ihrer Vergangenheit sich absetzt, hat selber ihre verborgenen theologischen Wurzeln.
    Es gibt falsche Zeugen, falsche Eide, falsche Propheten; aber den Nathanael nannte er einen „wahren Israeliten, ohne Falsch und Tadel“. (Wie ist es mit den falschen Zeugen im Verfahren der Hohepriester gegen Jesus, in welchem Sinne war ihr Zeugnis falsch: Verwechslung der Realitätsebene mit der des Symbols?)
    Rührt nicht das Verständnis des achten Gebots (das Verhältnis des falschen Zeugnisses zur Lüge) an ein Problem der Sprache?
    Gibt es nicht den Begriff der Lüge überhaupt erst im Neuen Testament (im Kontext der Gestalt des Teufels, der Dämonen, der unreinen Geister)? – Verhält sich der Teufel zum Satan wie die Lüge zum falschen Zeugnis? – Vgl. die Versuchungsgeschichte Jesu bei
    – Mt: Versuchung durch den Teufel, drei Versuchungen, „Hinweg Satan“, „da verläßt ihn der Teufel, und siehe, Engel traten herzu und dienten ihm“ (41-11),
    – Mk: Versuchung durch Satan, und „er war bei den Tieren, und die Engel dienten ihm“ (112-13),
    – Lk: wie Mt, andere Reihenfolge, ohne das „Hinweg Satan“, „und nachdem der Teufel alle Versuchungen vollendet hatte, stand er von ihm ab bis zu gelegener Zeit“ (41-13)
    Nur wenn die Welt durchs Wort erschaffen wurde, ist sie erlösbar. Sind nicht alle naturwissenschaftlichen Weltentstehungestheorien Versuche, die Erinnerung an das Jüngste Gericht aus der Welt zu schaffen? – Wie verhält sich die Lehre, daß die Welt durchs Wort erschaffen wurde, zur Lehre von der creatio mundi ex nihilo?

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