Theologie

  • 16.6.1995

    Sprache der Gewalt: Im Deutschen ist aus dem Geist des Rates der Geheimrat und aus dem Rat der Ratschlag geworden. Die Differenz gründet in einer Staatsmetaphysik, deren Grund nicht mehr die Sprache, sondern die allgegenwärtige Gewalt ist, und in der das Hören zum Gehorsam verkommen ist. – Sind nicht die Bekenntnislogik, die Trinitätslehre und die Opfertheologie Grundlage und Teil dieser Gewaltmetaphysik, und sind nicht die subjektiven Formen der Anschauung (ist nicht jede Form der Ästhetik) ein Äquivalent der Sprache der Gewalt im Bereich der Erkenntnis?
    „Stell Dich nicht so an!“, Logik der Schuld oder Folgen der Opfertheologie: Empfindlichkeit ist pathologisch, sie gründet in der Logik der Schuld; die „Tiefe“ einer Verletzung wird zum Maß für die Schwere der Schuld, die der Täter durch seine Tat auf sich geladen hat. Aber kann sich der Täter, der Urheber einer Verletzung, darauf berufen? Zur Falle für beide Seiten wird die Instrumentalisierung der Verletzung, die Funktionalisierung der eigenen Opferrolle, die die Täter/Opfer-Beziehung festschreibt, sich weigert, die Opferrolle auch noch zu reflektieren (und damit der Schuldreflexion des Täters den Weg versperrt), weil das Opfer auf den Nutzen, den es aus dem Schuldspruch gegen den Täter zieht, nicht verzichten kann.
    Wasser und Feuer: Gründet die Sinnlichkeit insgesamt (das gesamte Reich der Empfindungen, insbesondere Farbe, Wärme und Klang) in ihrer Beziehung zum Licht (in ihrem Verhältnis zu den subjektiven Formen der Anschauung)?
    Empfindlichkeit, Selbstmitleid, Selbstvergöttlichung: Verinnerlichung der Selbsterhaltung (Pendant der vollständigen Instrumentalisierung der Welt).
    Taumelkelch, Kelch des göttlichen Zorns, Unzuchtsbecher: Zu den infamsten Herrschaftsmitteln gehört die Verwirrung, Beherrschung und Instrumentalisierung der Erinnerung der Anderen, ein Erbe des Christentums, Hinweis auf den genetischen Zusammenhang der subjektiven Formen der Anschauung mit dem Ursprung und der Geschichte des Dogmas, der Orthodoxie, der Bekenntnislogik (das Dogma als Produkt der Verarbeitung des Kreuzestodes im Kontext des Weltbegriffs und der Logik des Herrendenkens).

  • 14.6.1995

    Die Blinden und die Lahmen: Gibt es nicht ein Erblinden und Erlahmen durch die Theologie?
    Hängt Joh 129 zusammen mit der Antwort Jesu auf die Frage des Täufers, ob er es sei, der da kommen soll, und bezieht sich das in den Evangelien (Mt 33) auf Johannes bezogene Prophetenwort (Jes 403): „die Stimme eines Rufers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, machet seine Straßen gerade“, auf die Johannes-Apokalypse?
    Gehört es nicht zum Begriff der Moderne, daß sie die „Wilden“ erfunden hat?
    Der Garant der transzendentalen Logik ist das transzendentale Subjekte, das die Distanz zum Objekt herstellt, durch die es in den herrschaftsgeschichtlichen Prozeß verflochten ist: seine Einheit. Es ist kein Zufall, daß die Philosophie auf ihrer Spitze, in Hegels Logik und Staatsphilosophie, zur Selbstbegründung des Nationalismus geworden ist.
    Bezeichnet nicht der Name der Basilika den unter den Bedingungen des Hellenismus säkularisierten, auf den König anstatt auf den nationalen Gott bezogenen Tempel (die Handels-, Bank-, Gerichts- und Versammlungsstätte)?
    Die subjektiven Formen der Anschauung konstituieren das Objekt, und sie trennen den Namen, den sie zugleich depotenzieren, vom Begriff.
    Die Person ist der Statthalter des Namens unter den Bedingungen des Staates (des Rechts).
    Zu den Confessiones des Augustinus: Der Vater und die Geliebte bleiben namenlos, während die Mutter und der Sohn mit Namen genannt werden.
    Ich und Du: Im Deutschen wird zwischen Antlitz und Angesicht unterschieden. Worin liegt der Unterschied, und ist dieser Unterschied nicht in der deutschen Sprachlogik (in ihrer Verarbeitung der christlichen Tradition) begründet? Bezeichnet nicht das Antlitz das Entgegenblickende, das Angesicht das Angesehene?
    Zur Frage des Maimonides (ob nicht der Messias, wenn er am Ende erscheinen wird, das Antlitz dessen tragen wird, der schon einmal dagewesen ist) gibt es auch noch eine dritte Möglichkeit: Es könnte sein, daß der, der am Ende kommen wird, das gleiche Gesicht haben wird wie der, der im Stall geboren und am Kreuze hingerichtet worden ist; aber werden wir ihn wiedererkennen? Vgl. hierzu Theodor Haeckers Bemerkung über die Evangelien, in denen das Aussehen Jesu nicht überliefert wird, und den Zusammenhang dieser Bemerkung mit der unmittelbar nachfolgenden Verwechslung des Israeliten mit dem Hebräer. Ist nicht die Ikonographie Jesu, sein in der Kunst überliefertes Aussehen, selber schon ein Produkt der Theologie hinter dem Rücken Gottes, und ist dieses Antlitz nicht schon Ausdruck des kirchlichen Antisemitismus?
    Was findet sich im Personalausweis und auf Fahndungsfotos: das Antlitz oder das Angesicht? (Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Kruzifix und dem Fahndungsfoto?)
    Politische Theologie leistet keinen Beitrag zur Institutionenlehre, zur Begründung der Organisation des Staates. Politische Theologie ist Herrschaftskritik.
    Der deutsche Schöpfungsbegriff hat die Welt insgesamt in den Kelch transponiert. Heideggers Dasein als In-der-Welt-Sein, Produkt des Vorlaufens in den Tod, ist der genaueste Ausdruck davon.
    Ist nicht Heideggers Eigentlichkeit ein letzter Nachhall von Hegels Bewußtsein der Freiheit, das selber schon den Hinweis darauf mit einschließt, daß hier das Subjekt zum Opfer seiner eigenen List der Vernunft geworden ist? Hegels Bewußtsein der Freiheit ist Ausdruck der tiefsten Verzweiflung, der Heidegger mit seinem Begriff der Eigentlichkeit noch einen positiven Sinn abzugewinnen versucht: den Sinn von Sein. Die Eigentlichkeit hängt mit dem Sinn von Sein auch insofern zusammen, als sie daran erinnert, daß die Subjektqualität an die Funktion des Urteilens gebunden ist, dessen Kern die Kopula, das Sein, ist. Aber Eigentlichkeit konstituiert sich nur, wenn zugleich verdrängt wird, daß der Urteilende das Urteil auch über sich selbst aufrichtet, selber zum Objekt des Urteils wird (Ableitung der Schicksalsidee aus der Urteilsform). Wenn Kants erhabene Nüchternheit gegen den ontologischen Gottesbeweis an der Differenz zwischen dem realen und einem bloß gedachten Vermögen festhält, so rührt Kant damit an die im Weltbegriff selber verankerte Beziehung des Infinitivs Sein zum Possessivpronomen der dritten Person singular, männlich, das ebenfalls durch das Wort „Sein“ ausgedrückt wird.
    Lassen sich nicht die Bemerkung aus der Dialektik der Aufklärung, daß „jedes Tier an ein abgründiges Unglück (erinnert), das in der Urzeit sich ereignet hat“, und der darauf bezogene Wunsch, „daß der Mensch, der durch Vergangenes mit ihm eins ist, den erlösenden Spruch findet und durch ihn das steinerne Herz der Unendlichkeit am Ende erweicht“ (Neupublikation 1969, S. 264), die ohnehin an prophetische Zusammenhänge erinnern, auf das apokalyptische Tier, auf die Kirche (das steinerne Herz der Welt) und auf das Wort vom Binden und Lösen beziehen?
    Wenn man sieht, daß ein Kind in den Brunnen fällt, bedarf es keiner Autorität, die einem sagt, was zu tun ist. Aber gibt es nicht auch den andern Fall, daß einer in den Abgrund geschaut hat, in den nicht mehr nur ein Kind fällt, dem vielmehr die Welt, die ihn aus sich selbst erzeugt, zurast: Sind die Konsequenzen dann nicht ebenso zwingend und spontan wie im Falle des Kindes und des Brunnens? Ist es dann nicht ebenso wichtig, die Mechanik dieses Vorgangs zu studieren in der absurden Hoffnung, vielleicht doch noch die Stelle zu finden, an der ein Eingreifen möglich ist?
    Die kopernikanische Wende hat die Voraussetzungen für den Kapitalismus geschaffen, sie hat den Weg freigemacht.
    „Die Distanz des Subjekts zum Objekt, Voraussetzung der Abstraktion, gründet in der Distanz zur Sache, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt.“ (Dialektik der Aufklärung, 1969, S. 19)

  • 12.6.1995

    Zur memoria passionis gehört auch die Fähigkeit zur Wahrnehmung der Leidensseite des Handelns, die Fähigkeit zur Empathie, zur Barmherzigkeit, die Einübung der Sensibilität, der Identifikation mit dem Anderen: die Fähigkeit, in den Andern sich hineinzuversetzen.
    Die Schrift verwirrt die Unmittelbarkeit, das Geld die Barmherzigkeit und das Bekenntnis das Angesicht.
    Die Trinitätslehre ist eine Schutzimpfung gegen das biblische Symbol.
    Die Apologetik verrät, was sie verteidigt.
    Der der Personalisierung zugrunde liegende Rachetrieb verharmlost, was er anprangert, und verhindert die Erkenntnis, daß die Strukturen überleben.
    Verwaltung: Die wohldotierte Verantwortungslosigkeit.
    Wie es scheint, geht es dem BAW nicht mehr um Erkenntnis, sondern nur noch um Diskriminierung. Er hat sich längst selber politisch instrumentalisiert.
    Die altkirchliche Basilika (der Name gründet in einem Adjektiv basilikä = königlich: die königliche <Halle>) ist hervorgegangen aus der römischen Basilika, einem kommunalen Mehrzweckbau mit repräsentativem Charakter, der als Markthalle, Bankgebäude und Börse, als Gerichtssaal und allgemeiner Treffpunkt diente (dtv-Atlas zur Baukunst I, S. 231). Vor den Christen hatten bereits jüdische Gemeinden den Typ der Basilika für ihre Synagogen übernommen (S. 259). Im Gegensatz zum Tempel, der in erster Linie Haus des Gottes (des göttlichen Namens bzw. der Statue des Gottes) war, war die Basilika ein Versammlungsraum, der Ort der Gemeinde, der ekklesia. Zum Namen: War die Basilika nicht in der Tat die königliche Halle, der Ort, der den gesamten Bereich königlicher Kompetenzen, den Bereich, für den dann der Name der Welt sich durchsetzte, repräsentierte, vom Kommerz über das Geldwesen bis zum Gericht. Die Basilika war gleichsam der Mikrokosmos, die embryonale Welt, der Quellpunkt des Objektivationsprozesses. Und genau dieser Ort wurde zum Ort der Kirche. In welcher Beziehung steht dieser Zusammenhang zur Geschichte der Architektur, die – unter christlichem Vorzeichen – in erster Linie eine Geschichte der krichlichen Architektur war: Läßt sich daran nicht die Herrschaftsgeschichte ablesen (Herrschaftsgeschichte als Vorgeschichte der der naturwissenschaftlichen Aufklärung, die selber als Geschichte der Verinnerlichung der Architektur sich begreifen läßt)?

  • 11.6.1995

    Creatio mundi ex nihilo: Hat das nicht mehr mit einer Theorie der Banken, mit dem Problem der Kreditschöpfung, zu tun als mit der Theologie?
    Daß Gott den Himmel aufgespannt und die Erde gegründet hat, steht uns das nicht in den Planetenbewegungen am Himmel vor Augen? Drückt in den Planetenbewegungen nicht dieses Aufspannen und Gründen als Tätigkeit sich aus (haben wir darin nicht die Schöpfung als Tätigkeit vor Augen)?
    Walter Benjamin hat Kafkas Satz „Es gibt unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns“ ergänzt: „Hoffnung ist uns nur um der Hoffnungslosen willen gegeben“. Aber wer sind die Hoffnungslosen? Sind es nicht in erster Linie die Toten? Das aber heißt, daß wir die Lehre von der Auferstehung nicht auf uns, sondern nur auf sie noch beziehen können.
    Konsequenz aus Peter Brown (Macht und Rhetorik): Ist nicht die Konfessionalisierung des Symbolums eine Folge seines Ursprungs in der Rhetorik?
    Die Logik der Schrift verdinglicht das Wort, sie immunisiert die Dinge gegen ihren Namen.
    Hodie, si vocem eius audieritis: Wie das Sehen aufs Vergangene, so verweist das Hören aufs Zukünftige (der Begriff subsumiert das Hören unters Sehen).
    Die Lateiner haben physis mit natura übersetzt, aber beide Begriffe bezeichnen nicht das Gleiche. Die Differenz ist herrschaftsgeschichtlich vermittelt.
    Alle Religionen sind verweltlichte und vergesellschaftete Formen der Gotteserkenntnis. Darum ist jede Religion, der man angehört, die falsche.
    Wäre Gemeinheit ein strafrechtlicher Tatbestand, würde es keine Verwaltung mehr geben können. (Ein von Verbotsschildern durchsetzter Wald ist kein Wald mehr, sondern ein Verwaltungsobjekt.) Muß man nicht ähnlich wie man sagt, daß die Roten mit dem Geld nicht umgehen können, von den Grünen sagen: Sie können mit der Verwaltung nicht umgehen?
    Ist der Jugoslawienkonflikt nicht ein weiteres Indiz dafür, daß Politik generell in Verwaltung überzugehen scheint? Die supranationalen Einrichtungen wie EG und UNO sind reine Verwaltungseinrichtungen, an die die Staaten ihre Souveränität abgegeben haben, denen aber selber jegliche Souveränität abgeht. In einer verwalteten Welt gibt es eigentlich keine Kriege mehr, sondern nur noch Bürgerkriege und Polizeiaktionen. Aber ist es nicht genau diese Konstellation, in der nur Terrorismus noch eine Chance zu haben scheint (u.a. deshalb, weil es zum Terrorismus keine Friedensalternative gibt, sondern nur noch Endlösungen)? Die Ohnmacht der Militärs angesichts der Ereignisse im ehemaligen Jugoslawien hängt damit zusammen. Und was bedeuten diese Vorgänge für das Problem des Verfassungsstaats und der Gewaltenteilung?
    Ist es nicht der Verwaltungs- und Polizeistaat, und sind es nicht seine unsauberen Folgeeinrichtungen, die (erstmals im alten Rußland) den Terrorismus, der durch Gesetz und Moral sich nicht mehr gebunden fühlt, gegen sich wachrufen? Terrorismus, die Machtquelle derer, die in den repräsentativen Systemen sich nicht mehr vertreten fühlen, ist Symptom eines herrschafts- und begriffsgeschichtlichen Problems. Das Problem des Terrorismus entspringt den gleichen logischen Gründen, aus denen auch das Problem der „zivilen Nutzung der Atomenergie“ hervorgeht, und es ist ebenso lange wie dieses nicht lösbar.
    Das Engelssche Konzept der „Verwaltung von Sachen“ als Grundlage einer befreiten Gesellschaft, an dem der „real existierende Sozialismus“ gescheitert ist, ist ebenso antisemitisch, paranoid und frauenfeindlich wie die Trinitätslehre.
    Was bedeutet die in der Theologie üblich gewordene Verletzung des Verbots, den Gottesnamen auszusprechen, (das „Jahwe“) für die Geschichte der Trinitätslehre? Steht nicht der Gottesname „Vater“ im Christentum in der Adonai-Tradition (als Versuch der „Humanisierung“ des Namens „Herr“)?
    Die kirchliche Tradition kennt keine Patriarchen, nur „Kirchenväter“. Und niemand würde auf die Idee kommen, in Analogie zum Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs vom Gott des Johannes Chrysostomus, des Gregor von Nazianz oder des hl. Augustinus zu sprechen.
    Das Problem der Kirche ist, daß sie mit der Anwendung des Objektivationsprozesses auf die Theologie, mit der Instrumentalisierung des Dogmas und mit der Errichtung des kirchlichen Lehramts den Heiligen Geist unters Herrendenken subsumiert hat.
    Hat Habermas, als er die Naturspekulation aus der Philosophie ausgeschieden hat, das prophetische Element aus der Frankfurter Schule vertrieben? Mit der Ausscheidung der Reflexion der Natur hat er der Kapitalismus-Kritik den Boden entzogen.

  • 10.6.1995

    Der christliche Fundamentalismus nimmt das Dogma wörtlich, der islamische den Koran. Beide sind unfähig zur Reflexion (zur Sprachreflexion).
    Der Ursprung des Bewußtseins (seine Trennung von der Wirklichkeit) hängt mit dem Ursprung der List und der Verstellung zusammen. Der Begriff der Welt bezeichnet ein System aus List und Verstellung.
    Leitfaden der Erinnerungsarbeit ist der Name.
    Geschichte ist Weltgeschichte, und die Geschichte vor der Geschichte ist Vorgeschichte. Die altorientalische Geschichte ist die Ursprungsgeschichte der Weltgeschichte (die Wasserscheide ist die Schrift).
    Die Trennung des Dings von der Sache bezeichnet einen qualitativen Sprung in der Geschichte des Urteils. Die Beziehung von Ding und Sache wird in der Hegelschen Philosophie durch die Beziehung der Logik zur Geschichtsphilosophie repräsentiert.
    Hegels List der Vernunft bezeichnet einen objektiven Sachverhalt, eigentlich das objektive Korrelat der Philosophie. (Was drückt darin sich aus, wenn nach aristotelischer Tradition der intellectus agens jenseits der Mondsphäre angesiedelt war?)
    Der Reni’sche Blick ist der Pfaffenblick, die geheuchelte Gottesfurcht (die Gottesfurcht für andere), wie sie in jüngster Zeit an Höffner und am Papst zu sehen war.
    Daß zuerst das Licht und erst danach die Leuchten am Firmament erschaffen wurden, verweist auf die Priorität des Worts vor den sprechenden Wesen. Hängt damit das Versprechen an Abraham, seine Nachkommenschaft werde zahlreich sein wie die Sterne des Himmels, zusammen?
    Die Theologie hat die Logik der Welt in sich aufgesogen; dadurch ist sie zum steinernen Herzen der Welt geworden. Das Einfallstor der Welt, oder auch die Nabelschnur zur Welt, war der Bekenntnisbegriff.
    Warum ist es mir als Kind nie zum Bewußtsein gekommen, was es für die Familie Maashänser bedeuten mußte, daß Gerhard in Dachau war? War nicht die KZ-Haft von Gerhard für mich nur ein Abstraktum, etwas nicht Vorstellbares: Verfolgt wurde, und im KZ war für mich die Kirche (und Gerhard nur als Repräsentant der Kirche). – Hängt das nicht mit dem Paulinismus zusammen (auch Paulus hat – seinem eigenen Bewußtsein nach – nicht Stephanus, sondern die Gemeinde verfolgt und gesteinigt)? – Wäre ich in der Lage gewesen, die Sache auf Gerhard Maashänser zu beziehen, dann hätte ich auch den Antisemitismus damals anders erfahren. Der Katholizismus war eine Verkörperung des Begriffsrealismus, und der Thomismus nur eine Kompromißbildung, die es der Kirche erlaubt hat, den Nominalimus zu überwintern. Dieser Begriffsrealismus hat Auschwitz nicht überlebt. (Ist nicht die memoria passionis von Metz, wenn er sie wirklich begreift, der Ausbruch aus dem Begriffsrealismus?)
    Auschwitz ist auch ein Vorgang in der Geschichte der Philosophie. Die Dialektik der Aufklärung ist der Anfang des Bewußtseins davon.
    Hängt es nicht damit, daß die Kirche als Verkörperung des Begriffsrealismus sich begreifen läßt, zusammen, wenn die Beziehung der Theologie zu den Naturwissenschaften zentral geworden ist?

  • 3.6.1995

    David und Goliath: Das Monster mit einer Steinschleuder töten, und ihm dann das Schwert rauben (ist nicht für das Kind der Vater dieses reflexionsunfähige Monster).
    Das indoeuropäische Perfekt ist der genaueste Ausdruck der „vollendeten Tatsachen“, die dann das Präsens begründen.
    Zur Geschichte der Verinnerlichung des Opfers: Die Physik ist das Sklavenhaus Ägypten, der Kommerz Babylon.
    Haben Adler und Löwe etwas mit Zorn und Grimm zu tun? Und hat die „Schnauze“ der Tiere generell etwas mit dem Grimm zu tun?

  • 2.6.1995

    Die letzte Stelle, an der Josef in den Evangelien genannt wird, ist auch die erste, an der Jesus Gott seinen Vater nennt.
    „Ha Ha“: Im Hebräischen wird das Lachen durch die Trennung des bestimmten Artikels vom Nomen und seine anschließende Verdoppelung ausgedrückt. Vertritt nicht der bestimmte Artikel überhaupt das Lachen in der Logik der Sprache, und ergreift dieses Lachen mit der Deklination des bestimmten Artikels das Nomen insgesamt (und verwandelt – durch Bindung an das vom Nomen getrennte Objekt – es ins Substantiv)?
    Rosenzweig hat den Islam ein Plagiat genannt. Ein Plagiat wäre er dann aber in einem doppelten Sinne: im Hinblick sowohl auf die jüdische, als auch auf die christliche Religion. Ist er nicht Produkt eines mißlungenen Versuchs der Vereinigung beider? Der Islam ist in einem prononzierten Sinne eine Schrift- und Buch-Religion, und er ist unmittelbar eine politische, das Gemeinwesen bestimmende Relition: Allah hat den Koran selbst diktiert, und der Koran gilt unmittelbar als staatliches Gesetz. Er kennt nichts, was der Unterscheidung von Schrift und Wort, und er kennt nichts, was der Erfüllung des Worts (der Dramatik des Tags des Herrn, des Jüngsten Gerichts) in der jüdisch-christlichen Tradition entsprechen würde. Die Schrift ist bereits das Wort, nicht der Mutterschoß, aus dem es, wenn es sich erfüllt, hervorgehen wird. Deshalb bleibt sie der kritischen Reflexion entzogen. Die Schrift, in der der Koran geschrieben wurde, ist keine „hebräische“; die Erinnerung an den Zusammenhang von Schrift (Logik der Schrift) und Fremdheit ist aus dem Koran getilgt. Wo die biblische Tradition herrschaftskritisch ist (als Gebot), ist der Koran affirmativ (Gesetz). Während der Koran wörtlich genommen werden will, ist die Wörtlichkeit der Bibel eine real- und sprachgeschichtlich vermittelte und sich entfaltende und in dem Sinne eine symbolische. (Das Symbolische hat einen Zeit- und Sprachkern.) Läßt der Islam als Versuch sich begreifen, die Herrschaftslogik der indoeuropäischen Sprache gegen den Geist der semitischen Sprache in dieser durchzusetzen?

  • 1.6.1995

    Das Gebot ergeht im Angesicht, das Gesetz hinter dem Rücken dessen, für den es gilt. Das Naturgesetz hat die Natur dem Angesicht entrückt, aber: Sende aus Deinen Geist, und Du wirst das Angesicht der Erde erneuern.

  • 31.5.1995

    Das Glaubensbekenntnis, die instrumentalisierte Umkehrung des Schuldbekenntnisses, gründet in der Logik des Weltbegriffs, es gehört zur Ursprungsgeschichte und zu den Konstituentien der Raumvorstellung. Die Struktur der Bekenntnislogik (die Konstellation von Feinddenken, Verrätersyndrom und Paranoia sowie männlicher Selbstbeherrschung und Frauenfeindschaft) läßt aus dieser Beziehung zum Schuldbekenntnis sich herleiten. Daß die Kirchen am Ende die Idee der Erlösung, der Befreiung von Schuld, ins Glaubensbekenntnis verlegt haben, hängt hiermit zusammen (und ist eine der Folgen der Vergegenständlichung des Kreuzestodes). Die Bekenntnislogik hat das Schuldverschubsystem begründet und in der Theologie verankert. Ihre logischen Wirkungen lassen am Fall des juristischen Schuldurteils (als Form des synthetischen Einzelfall-Urteils apriori) sich demonstrieren: an der logischen Funktion des Bekenntnisses zum Staat in jedem Schuldurteil, insbesondere aber in sogenannten Staatsschutz-Verfahren (in Hegels Rechtsphilosophie erscheint diese Form des synthetischen Einzelfall-Urteils a priori in der logischen Ableitung des Monarchen – vgl. Rechtsphilosophie, 280). Das Urteil des römischen Statthalters über Jesus, seine Vorgeschichte und seine Vollstreckung am Kreuz gehören in diesen Zusammenhang (und ebenso wie die Idee des Absoluten, die Zerstörung der Erinnerung an den Namen Gottes, in den Kontext des Worts von der Erfüllung der Schrift).
    Das Subjekt eines jeden Schuldurteils ist die Welt, die selber Identität nur durch ihre Beziehung zum Staat hindurch gewinnt. Jede Metaphysik ist Staatsmetaphysik. Schuld gibt es nur im Kontext von Herrschaft, wie es auch Herrschaft nur im Kontext der Schuld gibt. Schuld und Herrschaft sind wechselseitig sich konstituierende Reflexionsbegriffe. Der Objektbegriff selber, mit dem Herrschaft in der Außenwelt sich begründet, indem sie sich an ihrem gegenständlichen Substrat den nötigen Halt verschafft, ist das Modell des apriorischen Schuldurteils.
    „Männer machen Geschichte“: Kontrafaktische Urteile sind Produkte des Rechtfertigungszwangs, sie gründen in einem apologetischen Geschichtsverständnis, mit dem der Historiker gegen den Indizienprozeß, den die Geschichte gegen ihn führt, um ihm die Sünde der Welt aufzubürden und anzulasten, sich zu verteidigen versucht. Ihr Ziel ist es, den Schuldzusammenhang mit der Vergangenheit durch Personalisierung, durch Verschiebung und Zurückdrängung der Schuld ins Vergangene, zu neutralisieren.
    Der Begriff der Verweltlichung der Welt hat einen kleinen logischen Mangel: Unabhängig von der Verweltlichung gibt es keine Welt, die dann gleichsam nachträglich und von außen sich verweltlichen ließe. Der Begriff der Welt bezeichnet nicht mehr und nicht weniger als den jeweiligen Stand der „Verweltlichung“.
    Das Problem der Theologie liegt in dem apologetischen Kontext ihrer Ursprunggeschichte. Apologetik läßt das, was sie zu verteidigen meint, nicht unberührt; sie verändert es unter der Hand. Wenn die Orthodoxie in der Auseinandersetzung mit den Häresien sich gebildet und entfaltet hat, so heißt das auch, daß mit der Verurteilung der „Irrtümer“ der Häresien die Probleme, deren Ausdruck diese Irrtümer“ waren, innerhalb der Orthodoxie prinzipiell zwar gelöst, mit der Verurteilung ihrer häretischen Folgen aber ebensosehr auch verdrängt worden sind. Die Aufarbeitung dieser Vergangenheit wäre noch zu leisten.
    Mit dem apologetischen Prozeß ist die Bekenntnislogik in die Theologie eingewandert und hat sie von innen verändert. Apologetik ist die Instrumentalisierung des Satzes: Wer sich verteidigt, klagt sich an. Mit jeder Verurteilung einer Häresie hat die Orthodoxie sich selber mit verurteilt.
    Das Dogma verletzt das Gebot der Heiligung des Gottesnamens.
    Steckt nicht hinter dem Bilde des Perpetuum mobile ein sehr ernsthaftes Problem, und zwar eines, das mit dem Apparat zusammenhängt, der die Menschheit ernährt, die ihn bedient, und sie zugleich in die Katastrophe hineintreibt: mit dem Staat?
    Seit heute sind die Gundbach-Wiesen südwestlich vom Anglerteich mit dem Hinweis gesperrt: „Kein Durchgang! Betreten verboten gem. § 3 Ziffer 8 der Verordnung über das Naturschutzgebiet Mönchbruch von Mörfelden und Rüsselsheim vom 3. Februar 1995 (Staatsanzeiger für das Land Hessen Nr 9 vom 27.02.1995, S. 698ff). Regierungspräsidium Darmstadt“. – Das gleiche Durchgangsverbot findet sich an der Birkenseewiese, am Erlenbruchweg und am Weg, der den Gundbach entlang führt. Ein präzises Beispiel für die Logik des Verwaltungshandelns: für ein Handeln hinter dem Rücken der Betroffenen (es schafft vollendete Tatsachen). Die Erinnerung an die wilhelminische Vorgeschichte ist eindeutig. Gegen den Startbahnbau und gegen den Bau von Cargo City waren Naturschutzgründe unerheblich, aber gegen den täglichen Spaziergänger schlagen sie durch.

  • 28.5.1995

    Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt: Dieses Präsens ist zweideutig; es kann sowohl eine vergangene, abgeschlossene Handlung bezeichnen (den Kreuzestod: das Opfer, in dem die Schrift sich erfüllte) als auch eine zukünftige, noch ausstehende Tat (die Wiederkunft: die Erfüllung des Worts). Das Präsens ist indifferent gegen Vergangenheit und Zukunft, es ist indifferent gegen Imperfekt und Perfekt. Die gleiche Logik gilt für den Begriff des Faktums, der Tatsache, für den die Unterscheidung von Vergangenheit und Zukunft unerheblich geworden: in einem allgemeinen Zeitbegriff untergegangen ist.
    Haben Rind und Esel etwas mit Imperfekt und Perfekt zu tun, und wird das Verbot des gemeinsamen Pflügens durch die indoeuropäische Grammatik (durch das Neutrum und durch veränderten Formen der Konjugation) verletzt?
    Synthetische Urteile apriori sind Produkte eines selbstreferentiellen Beweises, gleichsam des institutionalisierten falschen Zeugnisses. Die Nichtunterscheidbarkeit von Joch und Last (die Unfähigkeit, Rechts und Links zu unterscheiden) ist der Grund dieser logischen Selbstreferenz.
    „Das wesentliche Gebet“ von Henri Bremond beschreibt das technische Konzept und die technische Entwicklung der Exkulpationsautomatik. Das „Wirkenlassen“, die Gelassenheit, das, was Heidegger später das Seinlassen nennt, produziert den Mechanismus, mit dessen Hilfe das Subjekt aus der Welt sich herausstiehlt (indem es die Welt zum bloßen – subjektunabhängigen – Geschehen neutralisiert). Indem es so dem Schuldzusammenhang der Welt glaubt entrinnen zu können, verstrickt es sich in ihn. Die Techniken der Nichtwahrnehmung, der Verdrängung der Schuld sind keine Techniken der Befreiung von Schuld. Sie produzieren nur ein (somit falsches) Bewußtsein der Freiheit von Schuld. Diese Mystik ist eine Mystik der Desensibilisierung, sie schließt sich nicht zufällig an die Trinitätslehre an.
    War nicht die Sakramentenlehre ein Versuch, unterm Bann des Weltbegriffs die Erinnerung an die Schöpfung, die der Weltbegriff leugnet, zu rekonstruieren? Vermittelt wurde diese Rekonstruktion durch die Idee des Opfers (der Entsühnung der Welt). Auch für die Sakramentenlehre gilt das Wort: Barmherzigkeit, nicht Opfer.
    Aus welchem Anlaß und in welchem Zusammenhang sagt Jesus zu Petrus: Noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen? Alle Stellen nach dem letzten Abendmahl; Mt, Mk und Lk auf dem Wege zum Ölberg, Joh vor den Abschiedsreden.
    – Mt 2630ff: … gingen sie hinaus zum Ölberg. Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet in dieser Nacht alle an mir Anstoß nehmen; denn es steht geschrieben: „Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden sich zerstreuen“ (Sach 137). Wenn ich aber auferweckt worden bin, werde ich euch nach Galiläa vorangehen. Da antwortete Petrus und sagte zu ihm: Wenn alle an dir Anstoß nehmen, werde ich doch niemals an dir Anstoß nehmen. Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.. Petrus sagt zu ihm: Auch wenn ich mit dir sterben müßte, werde ich dich nicht verleugnen. Ebenso sagten auch alle Jünger.
    – Mk 1426ff: im wesentlichen wie Mt (nur: ehe der Hahn zweimal kräht).
    – Lk 2231ff: Simon, Simon, siehe der Satan hat sich euch ausgebeten, um euch im Sieb zu schütteln wie den Weizen; ich aber habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhöre; und du, wenn du dich einst bekehrt hast, stärke deine Brüder! Er aber sagte zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir sogar ins Gefängnis und in den Tod zu gehen. Da sprach er: Ich sage dir, Petrus: Der Hahn wird heute nicht krähen, bis du dreimal geleugnet hast, mich zu kennen.
    – Joh 1336ff: Simon Petrus sagte zu ihm: wohin gehst du? Jesus antwortete: Wohin ich gehe, dahin kannst du mir jetzt nicht folgen, du wirst aber später folgen. Petrus sagte zu ihm: Herr, warum kann ich dir jetzt nicht folgen? Mein Leben will ich für dich hingeben. Jesus antwortet: Dein Leben willst du für mich hingeben? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Der Hahn wird nicht krähen,bis du mich dreimal verleugnet hast.
    Wenn es zu Joh 129 keine Alternative mehr geben wird, wird das Schuldverschubsystem tödlich.
    Selbstaufklärung der transzendentalen Logik: Der Bekenntnisbegriff (der selber aus der Idolatrie, aus der Tempelreligion, hervorgegangen ist) war die Urgestalt der subjektiven Formen der Anschauung.
    Nicht Saul und nicht David, sondern erst Salomon hat dem Namen des Herrn ein Haus gebaut.
    Wird nicht der Bosnienkonflikt langsam zu einem Lehrstück, an dem die letzte Phase der Herrschaftsgeschichte sich ablesen läßt: Exempel eines Staatsterrorismus, gegen den die traditionellen Machtmittel der Staatengemeinschaft hilflos und unwirksam sind, und das nicht zuletzt deshalb, weil die Phantasie der Politiker und Militärs, von der eigentlich die Lösung zu erwarten wäre, blockiert ist durch Komplizenschaft. Vom Vietnam- bis zum Golfkrieg haben die darin verwickelten Mächte nach den gleichen Prinzipien gehandelt, gegen die sie jetzt ohnmächtig sind, weil diese Prinzipien ihre eigene Vorstellungskraft und ihre Phantasie blockieren. Der Schlauheit und dem Scharfsinn der faschistischen Gemeinheit hat die gemeine Dumpfheit des administrativen Gewaltmonopols nichts mehr entgegenzusetzen. Der Erfolg gegen Saddam Hussein war der Erfolg einer Dampfwalze gegen einen Wüstenfuchs. Alle übrigen Erfolge, wie in Grenada oder auf den Falkland-Inseln, waren Ergebnisse von Verwaltungsaktionen, Erfolge gegen einen Gegner, der zum Widerstand nicht fähig war (wie in der Bundesrepublik die „Erfolge“ gegen Ausländer und Asylanten).
    Erschreckend der Zynismus der Medien, die, nachdem sie im Innern ihre Fähigkeit und Bereitschaft zur kritischen Begleitung der Politik aufgegeben, der konzentrierten Gewalt der Verwaltung, zu der Politik zu degenerieren droht, keine Phantasie und keinen Gedanken mehr entgegenzusetzen haben, daraus den Schluß ziehen: Wenn man gegen Karadzicz, der zivile Einrichtungen bombardiert und UNO-Soldaten als Geiseln nimmt, nichts mehr machen kann, muß er wohl Recht haben. Und die UNO hat Unrecht, nicht weil ihr zu den Gemeinheiten nichts mehr einfällt, sondern weil sie ohnmächtig ist und keinen Erfolg hat. Es läßt sich aus der Logik der Information begründen, wenn Erfolg und Recht Synonyme geworden sind. Läßt es sich nicht mittlerweile an der berufsspezifischen Grammatik von Journalisten ablesen, daß die Presse nur noch an Meinungen, nicht aber mehr an eine in die Politik eingreifende kritische Öffentlichkeit glaubt? Dieser Zynismus ist das Spiegelbild des Zynismus der Politiker, die Politik von Verwaltung nicht mehr unterscheiden können, und deshalb unfähig, ihn beim Namen zu nennen.
    Die Schlange ist sowohl eine sprachgeschichtliches als auch ein herrschaftsgeschichtliches Symbol (Symbol des gemeinsamen Ursprungs des Neutrums und des Staates). Ließe sich nicht heute an den Medien die Bedeutung des Satzes demonstrieren: Auf dem Bauche sollst du kriechen und Staub sollst du fressen? Gründet die „Klugheit der Schlange“ nicht darin, daß sie – anders als die Tiere sonst – nicht bloß den Schuldzusammenhang verkörpert, sondern zugleich auch die Abstraktion davon (den Schuldzusammenhang zusammen mit der Exkulpationsautomatik)?29.5.1995
    Schuldzusammenhang: Der Begriff des Anderen ist eine weltkonstituierende Systemkategorie. Jeder ist für Andere ein Anderer. Das rechtliche Pendant des Anderen ist die Person (definiert durch Schuldfähigkeit: durch Eigentumsfähigkeit und Zurechenbarkeit ihrer Handlungen).
    „Haas des Mordes bezichtigt“ (Überschrift einer Meldung in der FR vom 27.5.): Nicht bezichtigt, denn auch der Bundesanwalt unterstellt nicht, sie habe einen Mord begangen, sondern nur angeklagt: Ihr wird ein Mord angelastet, den ein anderer an einem Ort, an dem sie selbst nicht gewesen ist, begangen hat, im Zusammenhang mit einer Tat, an deren Vorbereitung sie möglicherweise mitgewirkt hat. Wirft diese Anklage nicht die Frage der Kollektivschuld wieder auf: Hat nicht ein ganzes Volk an der Vorbereitung und militärischen Absicherung des millionenfachen industriellen Judenmords durch die größte terroristische Vereinigung, die es je in diesem Land gegeben hat, und deren Mitglieder die meisten waren, mitgewirkt? Und hat nicht eine ganze Richtergeneration, die sich nie dafür hat verantworten müssen, wenn nicht durch aktive Teilnahme, so doch durch Nichtverfolgung dieses Verbrechens mitschuldig gemacht?
    „Dadurch, daß man sich nicht um das kümmert, was in der Seele eines anderen vor sich geht, wird man wohl nicht so leicht unglücklich; wer aber nicht mit aller Aufmerksamkeit den Bewegungen der eigenen Seele folgt, muß notwendig unglücklich werden.“ (Marc Aurel: Selbstbetrachtungen, II,8) Wirft dieser Satz – Ausdruck der Sorge um das eigene Seelenheil, das durch die Probleme der anderen sich nicht irritieren lassen will – nicht ein Licht auf den Problemkreis, dem auch der Ursprung des Christentums sich verdankt? Wird hier mit der Paranoia nicht zugleich auch die Barmherzigkeit verworfen? Ließe die Idee der Ataraxia (Urbild der Souveränität des Herrschers) nicht als der Versuch sich bestimmen, vom Mitleid nicht überwältigt zu werden, ohne der Paranoia zu verfallen? – „Mit aller Aufmerksamkeit den Bewegungen der eigenen Seele folgen“: Definition der (männlichen) Selbstbeherrschung (die das Tier im eigenen Innern: im Trieb, in der „sinnlichen“ Begierde, erkennt, und den Versucher in den den Trieb hervorrufenden Sinnesreizen: in den Frauen).
    Unterm Bann der Paranoia erscheint Barmherzigkeit als Hysterie.
    Das Inertialsystem und die Sünde der Welt: Im historischen Objektivationsprozeß (mit der Verweltlichung der Welt) verändert sich der Bereich dessen, was ohne unser Zutun geschieht, und dem wir nur als Zuschauer noch beiwohnen. Die letzte Phase dieser profanen Entrückung wurde eingeläutet mit der Erfindung des Fernsehens, das unseren aktiven Anteil an der Welt unwiderruflich von dem theoretischen (dem unserm Zuschauen präsenten) Anteil getrennt hat. Wir sind zu Zuschauern unseres eigenen Lebens geworden, das aber um den Preis, daß unser Leben nicht mehr von uns, sondern von der Welt gelebt wird. Die Welt ist zum handelnden Subjekt unseres Tuns geworden (Hegel: die Substanz ist zum Subjekt geworden), und wir zu ohnmächtigen, gespannt zuschauenden Voyeuren. Unser Handeln ist zu einem Passivum geworden, unser letztes Aktivum ist das Zuschauen, mit dem der moralische Tod unser Leben ergriffen hat. Die Akte der Empörung, der letzten Form der Anteilnahme an der vom Fernsehen präsentierten Welt, vermögen das Leben, das aktive Eingreifen in die Katatrophe, nicht zu ersetzen. Die Empörung (lange schon eingeübt im Gerede, im Geschwätz) ersetzt das Handeln durchs Urteil (die Barmherzigkeit durchs strenge Gericht). Vorgebildet ist diese reallogische Konstruktion in einer Theologie, die seit langem schon zur Theologie hinter dem Rücken Gottes geworden ist (hängt nicht das Fernsehen mit der Trinitätslehre, mit der Opfertheologie und mit der Vergöttlichung Jesu zusammen?).
    Die Bekenntnislogik ist die Logik der Ästhetisierung der Theologie (Rosenzweigs Frage, „ob Künstler selig werden können“, gilt auch für Theologen).
    Hat die Trennung von Handeln und Zuschauen (die in der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit gründet) etwas mit der Unterscheidung des Tieres vom Lande vom Tier aus dem Wasser zu tun?

  • 27.5.1995

    Kritik der Sprache: Name und Begriff unterscheiden sich wie Imperativ und Indikativ, wie Wort und Schrift, Gebot und Gesetz, Freiheit und Kausalität (Determination). Deshalb gibt es keine Freiheit ohne Schuldreflexion, von der die subjektiven Formen der Anschauung, in denen der Schuldzusammenhang des Begriffs gründet, nur zum Schein dispensieren.
    Komplizenschaft ist das Produkt der Instrumentalisierung der Solidarität. Sie ist der Grund, aus dem die Bekenntnislogik hervorgeht. Die Bekenntnislogik macht das Opfer zum Schuldigen und versucht das durch seine Vergöttlichung zu sühnen.
    Die Verkündigungsgeschichte steht in der Tradition, wonach die Propheten im Mutterleib berufen wurden (während die Geschichte der Orthodoxie das kirchliche Pendant der Geschichte der Hysterie ist).
    Die verdrängte Barmherzigkeit erscheint im Objekt als Hysterie.
    Hängt das Wort des Täufers, er sei nicht würdig, seine Schuhriemen zu lösen, zusammen mit dem andern Wort: Der Himmel ist sein Thron und die Erde ist der Schemel seiner Füße?
    Laß leuchten Herr Dein Angesicht, erfüllt mit Deiner Gnade Licht: Das Licht Seiner Gnade ist die Barmherzigkeit, die Fähigkeit, sich in einen andern hineinzuversetzen, die Umkehr des objektivierenden Prinzips, Inbegriff des verteidigenden, des parakletischen Denkens.
    Das Wort und die Logik der Schrift: Die vollendete Gestalt der Lehre wäre eine, in der alle sich wiedererkennen (und nicht eine, in der der Eine dem Andern etwas vorschreibt).
    Der die Erde gegründet und den Himmel aufgespannt hat: Verweist nicht das Gründen auf die Kausalitätslogik, das Aufspannen auf die teleologische Logik? Das Erstgeschaffene waren die Himmel, erst das zweite die Erde, und die war wüst und leer.
    Ist nicht die Finsternis über dem Abgrund der Ursprungsort der Philosophie und der Geist über den Wassern der der Prophetie? Und gehört zur Folge dieser Geschichte die Trennung der unteren von den oberen Wassern (durch die Feste des Himmels am zweiten Tag) und dann die Erschaffung der großen Meerestiere und des Menschen (am fünften und sechsten Tag)?

  • 26.5.1995

    Der Gegensatz von Sehen und Hören drückt in der Sprache in der Beziehung von Schrift und Wort sich aus. Worauf bezieht sich das Wort von den „sichtbaren und unsichtbaren Dingen“ im Credo? Ist nicht das Dogma der Versuch, das Unsichbare in Sichtbares: den Glauben in Wissen zu transformieren? Und war nicht genau das der parvus error in principio? Wer das Unsichtbare in Sichtbares zu transformieren versucht, setzt an die Stelle des Hörens den Gehorsam.
    Das Dogma und die Logik der Schrift: Quod non est in actis, non est in mundo.
    Das Dogma hat die Ohren verstopft.
    Die Prophetie hat in der Tat in der Geschichte Jesu sich erfüllt; aber erfüllt heißt nicht abgeschlossen, heißt nicht, daß das Erfüllte damit zu etwas Vergangenem geworden ist: Es ist vielmehr auf eine neue Weise gegenwärtig geworden. Hat nicht erst die Kirche, durch ihre Art der Verarbeitung (durch theologische Objektivierung), es zu etwas Vergangenem, Erledigten, gemacht?
    Stephanus sah den Himmel offen. Hat nicht Paulus, der in den dritten Himmel entrückt war, die Feste des Himmels wieder verschlossen und durch die Archonten versiegelt? Und hat nicht Paulus (ein „V-Mann“ der Sadduzäer, nicht der Pharisäer) das sadduzäische Prinzip, das er vertrat, ins Christentum mit herübergenommen und so dazu beigetragen, daß die jüdische Tradition aus dieser Fessel sich befreien konnte?
    Der Gottesname „Vater“ gewinnt Sinn nur, wenn ich ihn auf andere beziehe: Nur dann werden die Sätze verständlich „Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist“ oder „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben …“ oder auch „Was ihr den Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“.
    War die Kopenhagener Schule nicht der Vorläufer der Postmoderne in der Physik? Beide haben die Logik des Sehens bis an die Grenze vorgetrieben, an der sie hätte ins Hören umschlagen müssen, aber dann wieder ins Sehen zurückgebogen.
    In einen Prozeß hineingezogen werden kann ich auf dreifache Weise: als Ankläger, als Angeklagter oder als Verteidiger.
    Sind Perfekt und Imperfekt die konjunktivischen Verkörperungen von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit? Die indoeuropäischen Sprachen haben aus dem Imperfekt das Praeteritum gemacht: Sie ist die Welt zu einer durch die Vergangenheitsform (durchs Perfekt) abgeschlossenen Welt geworden (zum Präsens), die seitdem instrumental verfügbar ist. Das Wort, daß die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden, revoziert das Praeteritum (und die Gewalt des Perfekt). Das Perfekt, das für uns zur abgeschlossenen Vergangenheit geworden ist, war in der Bibel inhaltlich erfüllt: Er starb alt und lebenssatt. Das indoeuropäische Perfekt ist der Sprachgrund der Totalitätsbegriffe Wissen, Natur und Welt.
    Auschwitz ist die reinste Verkörperung des vom Perfekt vergewaltigten Imperfekt.
    Theodor Haeckers Bemerkung über den „echten Hebräer“ gehorcht der Logik der bloß erbaulichen Bibellektüre, die seit je projektiv und antisemitisch war.
    War der Himmelfahrtstag nicht seit je ein Männertag („Ihr Männer von Galiläa …“)? Waren nicht hier und beim letzten Abendmahl die Frauen ausgeschlossen?
    Die Trinitätslehre hat die Attribute Gottes durch Objektivierung aus dem Imperativ in den Indikativ zurückübersetzt, sie für Herrschaftszwecke brauchbar gemacht. Hat sie damit nicht das Wort Jesu zu Petrus „Weiche von mir Satan! Du bist mir ein Fallstrick, denn du sinnst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist“ (Mt 1623) als Imperativ genommen?
    Das Allgemeine ist, bezogen auf das Einzelne, das Gemeine.
    Die Postmoderne vollstreckt den Bann des begrifflichen Denkens: den Verzicht auf Ziele und Resultate. Die Dekonstruktion ist die Entfaltung des Widerspruchs, der mit ihrer Objektivierung auch die Ziele und Resultate ergreift.
    Mit dem Satz „Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“ ist die Offenbarung fähig geworden, in die Völkerwelt hinauszugehen.
    Der Vertrauens-Slogan der Deutschen Bank bezieht sich auf das Vertrauen, daß die Kunden in die Deutsche Bank setzen sollen, nicht auf das Vertrauen, das die Deutsche Bank in die Kunden setzt. Es ist ein durchaus einseitiges Vertrauen und meint eigentlich: Ihr könnt uns vertrauen, wir werden euch die Drecksarbeit abnehmen. Geldwäsche ist eine der wichtigsten Aufgaben der Banken: Man sieht dem Geld auf dem Konto nicht mehr an, auf welche Weise es gewonnen, erhalten und vermehrt wurde.
    Wie wäre es mit der These, daß der Antisemitismus heute nicht aufgehoben, sondern nur neutralisiert, gleichsam in eine Latenzphase gebracht wurde?
    Gibt es zu der Unterscheidung von gegen und wider (Gegner und Feind, Gegenstand und Widerstand) eine Entsprechung im Lateinischen oder Griechischen? Gehört diese Unterscheidung (zusammen mit dem naturwissenschaftlichen Begriff der Trägheit) zu den Ursprungsbedingungen des Dingbegriffs? Und hat diese Unterscheidung etwas mit der des Andern vom Fremden zu tun (ist der Andere der neutralisierte Fremde, der Gegner der neutralisierte Feind)?
    Nach einem Hinweis von Jürgen Ebach bezieht sich das biblische „im Angesicht“ sowohl auf Gott wie auch auf den Feind. So hängt das Leuchten des Angesichts mit der Feindesliebe zusammen. Im Feind hasse ich die eigene Verblendung (das nach draußen projizierte verdrängte Innere, das ich in mir selbst nicht wahrhaben will, die projektiv ins Objekt verschobene Manifestation des Verdrängten, die die Welt verdunkelt).

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