Der Fundamentalismus verhält sich zur Religion wie die Vergewaltigung zur Sexualität.
Die Weltgeschichte ist das Weltgericht: Heißt das nicht, daß wir uns im historischen Objektivationsprozeß das Urteil der Welt über das Vergangene zueigen machen (das Urteil besiegeln)? Und ist das nicht das Signum der Logik der Welt, daß sie zur richtenden Gewalt keine Alternative mehr kennt?
Wer die memoria passionis von der Herrschaftskritik trennt, setzt sie der Gefahr aus, zu einem Hebel des Selbstmitleids zu werden. Herrschaftskritik aber ist Urteilskritik, ist Kritik des Begriffs.
Aufmerksamkeit ist das natürliche Gebet der Seele: Alle, die nach dem Kriege sich auf ihr Nichtwissen berufen haben, bestätigen damit nur, daß sie zur Aufmerksamkeit (zum Gebet) nicht fähig waren.
Greift nicht der Begriff des Schuldverschubsystems zu kurz: Es geht nicht um Schuld, sondern um Sünde. Das Schuldverschubsystem ist nur der subjektive, begriffliche Reflex eines objektiven Sachverhalts: des Armut- und Notverschubsystems, das der Geldwirtschaft seit ihrem Ursprung zugrundeliegt und im Kapitalismus sich vollendet (mit der in der Lohnarbeit industriell organisierten Schuldknechtschaft im Kern). Gehört nicht in diesen Kontext auch das Opfer, das stellvertretende Leiden (das Leidverschubsystem)?
Wer die Sünde der Welt auf sich nimmt, dem wird die Apologetik gegenstandslos; er wird zum verteidigenden Denken befreit.
Marc Aurel und die Tradition der confessiones: Das theis heauton hat mit dem Selbst den Punkt benannt, an das das Bekenntnis sich ankristallisiert. Aber gewinnt das Selbst nicht nur, wer es verliert: nur wer fähig ist, in den andern sich hineinzuversetzen, findet dort sein Selbst, im Kontext der Barmherzigkeit, des verteidigenden Denkens, nicht im Urteil, im Kontext des Gerichts.
Der Antijudaismus war die Tür, aus der die Kirche sich aus Furcht vor der Nachfolge herausgestohlen hat.
Theologie
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7.5.1995
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6.5.1995
Macht und Bekenntnis: Ist nicht das „theis heauton“ des Marc Aurel, wie die Stoa insgesamt, ein Vorläufer der Bekenntnisliteratur von Augustinus bis Rousseau? War nicht Marc Aurel ein Vorläufer Konstantins und die Stoa die Embryonalform des Staatschristentums?
Confessor und Virgo: Unterm Titel der Schuld wird das Vergehen auf das Urteil der Andern bezogen, und dagegen hilft gleichsam prophylaktisch das Bekenntnis, während der Begriff der Sünde auf die Tat sich bezieht: ohne Sünde ist nur die Virgo. Aber ist nicht die Virginitas dann zu einem Qualitätsmerkmal der Ware Frau geworden, zu einem Kriterium ihres Gebrauchswerts (Ursprung der Naturbeherrschung)?
Gründet nicht die Xenophobie in der Vergewaltigungsmentalität, und ist das nicht der Hintergrund des Begriffs der Sodomie?
Wenn es ein hochsymbolisches Gleichnis gibt, dann das vom Feigenbaum, der keine Frucht mehr trägt.
Die Trinitätslehre als Kern der Bekenntnislogik ist der Repräsentant und Statthalter der subjektiven Form der äußeren Anschauung in der Theologie. Durch die Trinitätslehre haben wir Gott in das Gefängnis der Logik der Anschauung, der Bekenntnislogik, eingesperrt (durch die Theologie hinter Seinem Rücken haben wir Ihn zum Autisten gemacht).
Gehört nicht der Satz, daß nur Gott ins Herz der Menschen schaut, zu den Attributen Gottes, die nicht im Indikativ, sondern im Imperativ stehen? War das nicht der Sündenfall der Theologie, daß sie den Imperativ in einen Indikativ verwandelt hat? Und diesen Zustand hat sie seit je durch die Ontologie zu retten und zu erhalten versucht. Theologie im Angesicht Gottes ist der Versuch, die gesamte Theologie aus dem Indikativ wieder in den Imperativ zurückzuübersetzen: in das Eine, das nottut.
Bezeichnet nicht der Begriff der Notwendigkeit in der Logik den Akt der Übersetzung des Imperativs in den logischen Zwang des Indikativ? Die logische Notwendigkeit ist eine, die aus der Verdrängung und dem Zwang der Vermeidung der Gottesfurcht sich herleitet.
Die Strategie der Vermeidung der Gottesfurcht liegt insbesondere der Geschichte des Ursprungs und der Entwicklung der Raumvorstellung zugrunde: der Ästhetisierung der Wirklichkeit, die den moralischen Bezug durch die Verantwortungslosigkeit des Zuschauens ersetzt. Eines der Instrumente dieser Neutralisierung der Objektivität ist die Ontologie, und diese Position hat die Fundamentalontologie bis in ihre bösen Konsequenzen hinein radikalisiert. Hier (wie für den kirchlichen Antijudaismus, die Häretiker- und Frauenfeindschaft) gilt der Satz: Parvus error in principio magnus est in fine.
Bangemachen gilt nicht: Wäre nicht die Theologie im Angesicht Gottes eine, die Gott selber Mut macht?
Schon in den ersten Sätzen der Genesis (in der Erschaffung von Himmel und Erde: und die Erde war wüst und leer, Finsternis über dem Abgrund) ist das theologische Grundmotiv benannt: der Rhythmus von Katastrophe und Rettung.
Binden und Lösen: Wenn die Katastrophe nicht als unabwendbares Geschehen, dessen Objekte und Zuschauer wir nur sind, gefaßt wird (wenn sie nicht zu einem unabwendbaren Geschehen, zum „Schicksal“, ontologisiert wird), sondern als Konsequenz und Folge einer moralischen Katastrophe, in die wir verstrickt sind, dann wird auch die Rettung zu einem Akt, an dem wir nicht unbeteiligt sind. Hierauf bezieht sich Joh 129, das Täufer-Wort, das nur begriffen wird, wenn es ins Nachfolgegebot mit hereingenommen wird. Deshalb ist der Titel Menschensohn (mit seinem ungeheuren antitotemistischen Gewicht) ein messianischer Titel. Unverantwortlich gegenüber der Welt, in der es lebt, ist nur das Tier, nicht der Mensch.
Nur durch die Kritik der Ontologie und die Restituierung der Ethik als prima philosophia vermag die Theologie sich aus dem logischen Bann der Schicksalsidee zu befreien.
Die frühe Einsicht, daß die Theologie mit den Naturwissenschaften zusammen nicht bestehen kann, wird in eine neues Licht gerückt durch die wachsende Einsicht in die Beziehung des Ursprungs und der Entfaltung der Raumvorstellung zum historischen Objektivationsprozeß und zur Herrschaftsgeschichte. Der Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang hat seinen realsymbolischen Grund in den drei Dimensionen des Raumes. -
5.5.1995
In den kontrafaktischen Urteilen (und in der Vorstellung, daß die Geschichte auch anders hätte verlaufen können) rächt sich die Vergangenheit an ihrer Vergegenständlichung. Sie sind nicht nur das Gegenteil der Erinnerungsarbeit (Ausdruck der versäumten Erinnerungsarbeit), sie blockieren und verhindern sie zugleich. Erinnerungsarbeit zielt auf eine Beziehung zur Vergangenheit, die der durch die subjektive Form der inneren Anschauung definierten in allen Stücken widerspricht, Sie geht davon aus, daß die Vergangenheit nicht abgeschlossen ist, daß nichts Vergangenes nur vergangen ist. Findet nicht in diesem Kontext die memoria passionis ihre theologische Begründung?
Zur Theologie im Angesicht Gottes gehört auch das Bewußtsein, daß Gott nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden ist (Mt 2232). Das rückt vor allem seine Beziehung zur Zeit ins Licht, die Idee des Ewigen, die jede Vergangenheit a limine von sich ausschließt. Das Reich der Erscheinungen aber steht unter dem Vorrang des Vergangenen, es ist das Totenreich, wie auch der Begriff der Erscheinung seinen Ursprung und seine erste Anwendung in der „Erscheinung“ von Toten hatte. Erscheinung und Beschwörung sind zusammengehörige Begriffe: Raum und Zeit sind als subjektive Formen der Anschauung Emanationen dieser Beschwörung (die sprachliche Beziehung des Schwurs zur Zahl Sieben im Hebräischen hängt hiermit zusammen). – Was drückt in der deutschen Übersetzung von Epiphanie, im Namen des Festes der „Erscheinung des Herrn“, sich aus?
Doppelte Bezeugung der Geburt Jesu:
– zur Weihnacht durch die Engeln vor den Hirten auf dem Felde und
– zur Epiphanie durch die „drei Weisen“, die „seinen Stern gesehen“ haben, vor Herodes; hier ist die Geburt zu einem öffentlichen Ereignis geworden. -
3.5.1995
Sind die subjektiven Formen der Anschauung nicht der konsequenteste Ausdruck der Verdrängung des Schreckens?
– Der Drache ist das Subjekt der Natur, das es nicht gibt: der Inbegriff des Scheins und der Verblendung (die Verkörperung des Naturgrundes von Herrschaft),
– das Tier aus dem Meer: der Inbegriff der politisch-ökonomischen Herrschaft (das Telos ihrer historischen Entfaltung) und
– das Tier vom Lande (der falsche Prophet): Symbol der Bekenntnislogik (oder auch des Fundamentalismus).
Max Horkheimer hat einmal darauf hingewiesen, daß die Ethik, insbesondere das Liebesgebot, außerhalb der Theologie sich nicht begründen lasse. Es wäre in der Tat streng nachweisbar, daß eine Welt, die endgültig vom theologischen Gedanken sich emanzipiert hat, eine Welt wäre, in der es nicht mehr aufs Handeln, sondern nur noch darauf ankommt, sich nicht erwischen zu lassen.
Buße ohne Umkehr oder der Ursprung des steinernen Herzens: Ist nicht die Rechtfertigungslehre ein Versuch, die Gnade so zu definieren, daß die Barmherzigkeit vom realen Leiden in der Welt auf die Sündenvergebung verschoben und diese Sündenvergebung auch für die offengehalten wird, die selber nicht bereit sind zu vergeben?
Sünde und Schuld verhalten sich wie Objekt und Begriff (oder auch wie Volk und Staat). Die Beziehung des Begriffs zum Objekt ist die eines Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs (Schuld macht die Sünde, indem sie sie vor aller Augen stellt, unsichtbar). -
2.5.1995
Babylonischer Turm: Verweisen der Turm, der „bis an den Himmel reicht“, das „Herniederfahren“ Gottes und die Verwirrung der Sprache auf den astrologischen Ursprung der indoeuropäischen Sprache (ihrer Grammatik: ihrer durchs Neutrum definierten Sprachlogik)? Hängt die Verwirrung der Sprachen mit dem Ursprung des Prinzips der kollektiven Organisation der Selbsterhaltung durch den Staat zusammen (einem Akt, der die Völker im Innern zivilisiert, ihre Außenbeziehungen in Naturbeziehungen transformiert und zugleich den „Götzendienst“ als Rechtfertigungsinstitut begründet)? War nicht schon der babylonische Turm ein religionsbegründendes Symbol des Nationalismus? Waren die „Chaldäer“ die Ersten, die in der Sternenreligion ihre nationale Identität fanden, mit dem Ursprung und der Legitimation des Feinddenkens und dem Krieg als Quelle des Bewußtseins nationaler Identität. Dieses Bewußtsein hat am Sternenhimmel (vgl. den Kampf der Sterne im Debora-Lied) seine objektive Entsprechung gefunden: um den Preis der Verwirrung der Sprachen. Seitdem ist Babylon das zentrale Symbol apokalyptischer Macht und der Nationalismus das Zeichen, an dem der Götzendienst sich erkennen läßt. Was bedeutet in diesem Zusammenhang die Unterscheidung von Stämmen, Völkern, Sprachen und Nationen? Die Völker (deren Name auf die durch Opfer und Königtum organisierte Schicksalsgemeinschaft verweist) sind der Ursprungsname und das Synonym der „Heiden“; die Stämme konstituieren sich in genealogischem (später totemistischem), die Sprachen in astrologisch-grammatischem Zusammenhang. Worauf bezieht sich der Name der „Nationen“?
Durch die Institutionen des Rechts (und durch die Religion) hat der Staat die Dinge eigentums- und tauschfähig gemacht.
Politische Sprachlogik: Der lateinische Name der Nation leitet sich aus der gleichen Wurzel her wie der der Natur. Im Griechischen ist es die phylä, die aus der gleichen Wurzel sich herleitet wie die physis: Aber bezieht sich das nicht den genealogischen Zusammenhang des Stamms?
Ist nicht die Paranoia ein Abkömmling der Barmherzigkeit (die unterm Bann des Rechtfertigungszwangs dazu geworden ist)? Und sind die subjektiven Formen der Anschauung (und ihre Abkömmlinge) die Transformatoren (die instrumentalisierten Formen des Rechtfertigungszwangs)?
Mit der griechischen Sprache, in der das Evangelium seinen Weg in die Welt angetreten hat, wurden Rind und Esel gemeinsam vor den Pflug gespannt: Mit dem Acker ist auch die Sprache seit dem Ursprung und durch die Organisation des Staates zum Privateigentum geworden, dessen Bearbeitung den Sklaven (den graeculi, den clercs) überlassen wurde.
War nicht das Christentum die Prolongation der babylonischen Gefangenschaft? Dann aber gilt das Jeremias-Wort „Betet für das Wohl der Stadt“ auch für die Kirche.
Gott ist der Ernährer der Menschen, der Staat ihr Unterernährer (Walter Benjamin). Die Konsequenz daraus: Seid barmherzig wie euer Vater im Himmel barmherzig ist.
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt: Ist nicht die Kirche heute der organisierte Mundraub?
Hat Ludwig Erhard mit dem Wort von der „Sünde wider den Geist der Marktwirtschaft“ nicht der Kirche mit gleicher Münze heimgezahlt, was sie zuvor der Schrift angetan hat: Die willkürliche Verwendung von Sprachfragmenten aus einer anderen, unbegriffenen Tradition zum Zweck der Selbstlegitimation?
Die Sprengsätze der Instrumentalisierung, die die katholische wie auch die evangelische Kirche in die Schrift hineingetrieben haben, stammen aus dem Arsenal der Selbst-Verteidigung, nur daß im katholischen Falle das Objekt der Verteidung die Kirche ist (Apologetik), im evangelischen Falle das Einzelsubjekt (Rechtfertigung). Wenn man den Heiligen Geist als Inbegriff des verteidigenden Denkens (der Barmherzigkeit, nicht des Selbstmitleids) begreift, handelt es sich in beiden Fällen um Formen der Sünde wider den Heiligen Geist. -
30.4.1995
Verhalten sich nicht Objekt und Begriff wie Angesicht und Name?
Daß die Distanz zum Objekt (nach der Dialektik der Aufklärung) durch die Distanz vermittelt ist, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt, gehört zu den Wurzeln des Weltbegriffs und verweist auf die vom Weltbegriff nicht abzulösende Herrschaftsstruktur. Im Erkenntnisapparat drückt sich das in den subjektiven Formen der Anschauung aus.
Hic et nunc: Während die Unendlichkeit des Raumes ein Binneneffekt ist: ein in der über die Beziehungen der Punkte im Raum sich fortpflanzender Effekt der Struktur des Raumes (jeder Raumpunkt, jedes Hier, ist Ursprung des ganzen Raumes), ist die Vorstellung des Zeitkontinuums ein Außeneffekt: Sie bildet sich in der Subsumtion der Zeit unter die Vergangenheit, in einem Akt, in dem ich mich an das Ende einer an sich unendlichen Zeitreihe oder das (in der Zeit verschiebbare) Jetzt (und mit ihm die Vergangenheit) absolut setze, damit aber zugleich die Zukunft (ihre Differenz zur Vergangenheit) auslösche. Durch ihre Objektivation mache ich die Vergangenheit erst zur Vergangenheit, tilge ich die Erinnerung an die Auferstehung. Diesen Frevel sucht die Erinnerungsarbeit zu heilen. Diese Erinnerungsarbeit verhält sich zur Objektivation der Vergangenheit wie das Gericht der Barmherzigkeit zu seinem Objekt: zum gnadenlosen Weltgericht.
Gegen die Objektivation der Geschichte (gegen das Gericht über die Vergangenheit) richtet sich der Satz: Mein ist die Rache, spricht der Herr.
Im Inertialsystem erweist sich die wirkliche Funktion und Bedeutung der kantischen subjektiven Formen der Anschauung, die zum Inertialsystem erst dann sich verselbständigen (und zugleich ihre innere Logik freilegen), wenn die subjektiven Formen der Anschauung nicht mehr auf das eigene Anschauen, sondern auf das Anschauen der Andern, das in der eigenen sich spiegelt, bezogen werden: Jeder Raumpunkt, nicht nur der, an dem ich selber mich befinde (und dieser eigentlich erst durch Reflexion auf die Logik seiner Reproduktion außer mir), ist Ursprung des Inertialsystems. Die subjektiven Formen der Anschauung sind das Instrument der Vergesellschaftung der Erfahrung und des Denkens im Subjekt, das Instrument der „Veranderung“, deren Produkt die Erscheinungen sind, die Kant dann auch von den Dingen, wie sie an sich selber sind, unteschieden hat. Die verkürzte Form der Logik, die das Reich der Erscheinungen organisiert (der Logik der Veranderung), drückt in den kantischen Totalitätsbegriffen, insbesondere in den Begriffen Natur und Welt, sich aus.
Ist nicht die Spenglersche Sicht zu radikalisieren: Das „organische“ Wachsen der Kulturen ist kein pflanzenhaftes Wachsen (ist nicht in eine Folge von Kreisläufen einbezogen), sondern die Evolution und die Bildungsgeschichte des Tieres (vgl. Hegels Satz, daß „die Natur den Begriff nicht zu halten“ vermag und seine Begründung: Eigentlich dürfte es keine verschiedenen Arten geben, sondern innerhalb der Logik einer aus der Idee frei entlassenen Natur nur ein Tier).
Die paulinische Gesetzeskritik gewinnt ihre ungeheure Bedeutung, wenn man sie aus dem antijudaistischen Kontext, in den die kirchliche Tradition sie versetzt hat, herauslöst und sie auf ihren Grund zurückführt: Das Gebot wird verfälscht, wenn man es zum Gesetz macht. Vgl. hierzu
– Cohens und Levinas‘ Bemerkungen über die Attribute Gottes (die Cohen zufolge Atttribute des Handelns, nicht des Seins, sind, und nach Levinas im Imperativ, nicht in Indikativ stehen (der Satz: Gott ist barmherzig, bedeutet: sei auch du barmherzig),
– Adornos „erstes Gebot der Sexualethik: der Ankläger hat immer unrecht“ (der Ankläger – der „Widersacher“ – macht aus dem Gebot für mich ein Gesetz für alle: aus der Richtschnur des Handelns einen Maßstab des Urteils für andere),
– Benjamin: Überzeugen ist unfruchtbar (und zum Vergleich Jer 3134),
– das deuteronomistische Wort vom Rind und Esel (Joch und Last),
– den Begriff der „Erbsünde“, der nicht auf die Sexuallust, sondern auf die Urteilslust (die das Gebot für mich in ein Gesetz für alle transformiert), zu beziehen ist,
– den Begriff des Gesetzes selber, der die Sünde von der Tat auf das Urteil über die Tat verschiebt (von der Handlung aufs Erwischtwerden), und seine Funktion bei der Begründung des Rechts und der Selbstbegründung des Staats,
– das projektive Erkenntniskonzept, den Objektivationsprozeß, die Begriffe Natur und Materie, den Weltbegriff, insgesamt auf den philosophischen Erkenntnisbegriff,
bezieht. Hier erst wird die Gnadenlehre konkret. -
29.4.1995
Thales hat recht: Alles ist ist Wasser; aber wurden diese Wasser nicht durch die Feste (die Gott dann Himmel nannte) in die oberen und unteren Wasser geschieden? Die Wasser oben und die Wasser unten: Sind das Prophetie und Philosophie, oder (unterm Bann der Philosophie) deren Spiegelung in den Begriffen Welt und Natur (die infolge dieser Spiegelung: nämlich aufgrund der damit verbundenen Seitenvertauschung, Rechts und Links nicht mehr zu unterscheiden fähig sind)?
Hitler war nicht der Antichrist, aber die Generalprobe (Karl Thieme): Mit der Verweltlichung der Welt ist in der Theologie eine Scheidung eingeleitet worden, die bis heute nicht begriffen worden ist, nämlich die Scheidung der theologischen Gehalte von der Herrschaftsmetaphorik, mit der sie durch die Tradition verschmolzen sind. Im Faschismus hat die religiöse Herrschaftsmetaphorik (die heute in den großen Buch-Religionen selber im Fundamentalismus sich zu reetablieren sucht) von ihrem theologischen Grunde sich gelöst und sich verselbständigt. Ist es nicht selber wiederum erschreckend, daß die Kirchen bis heute nicht fähig waren, im Faschismus das Spiegelbild ihrer eigenen Herrschaftsverstrickung zu erkennen (weil sie dem Schrecken davor nicht glaubten standhalten zu können)?
War nicht Adam Urheber und Zeuge jenes Teils der Schöpfung, der unter dem Namen des Sündenfalls überliefert worden ist?
Nirgends drücken die Rechtfertigungszwänge drastischer sich aus, als in dem Satz: Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Dieser Satz gehört in den gleichen Zusammenhang wie der Wunsch der Kinder, nicht so zu werden wie ihre Eltern (oder auch wie das Argument: wenn mich meine Kinder einmal fragen: warum hast du nichts getan, dann will ich darauf antworten können). Das „Ich habe mir nichts vorzuwerfen“ gehört zu einer Logik, der zufolge nicht die Tat, sondern das Erwischtwerden (durch die Außenstehenden: das „Ausland“, oder durch die Nachgeborenen: die Kinder oder die „Geschichte“) das Schlimmste ist.
Die List der Vernunft, das mögliche Urteil über das Handeln (die Rücksicht auf die Wahrnehmung der Anderen) zur Richtschnur des Handelns zu machen und durch die Antizipation dieses Urteils sich unangreifbar zu machen, steht unter dem Gesetz der Logik der Scham. (Hat diese Scham nicht etwas mit dem Schatten zu tun, den z.B. in den Naturwissenschaften das Inertialsystem auf die Dinge wirft?)
Zu den logischen Partikeln gehören auch das Und, das Oder, das Entweder/oder, das Aber, das Sowohl-als-auch, aber auch die Relativpronomen (als Derivate des bestimmten Artikels). Eines der verhängnisvollsten logischen Partikel ist das Ja, aber („Ich habe ja nichts gegen die Ausländer, aber …“).
Hat das Unkraut in den Evangelien die gleiche Bedeutung wie die Dornen und Disteln in der Geschichte vom Sündenfall (und in den Anspielungen darauf in der ganzen hebräischen Bibel)? Stammen nicht die Unkrautvernichtungsmittel von dem gleichen Hersteller, der auch das Gas für Auschwitz geliefert hat?
Ist nicht der private Atombunker, den C.F. von Weizsäcker sich vor Jahren gebaut hat, fast schon der Beweis dafür, daß das Wort von der zivilen Nutzung der Atomkraft eine Rechtfertigungslegende der deutschen Atomphysiker nach dem Kriege war (der dann gelungene Versuch, von ihrer Beteiligung an der Entwicklung der Bombe in Deutschland abzulenken: vgl. die unterschiedlichen Versionen des Heisenberg-Besuchs bei Nils Bohr während des Krieges und die Folgen dieses Besuchs)? Aber hat dieser moralische Rechtfertigungslegende dann nicht auch ganz wesentlich zur Legitimation der „zivilen Nutzung“ der Atomkraft (deren Probleme doch eigentlich von Anfang an offen zutage lagen) beigetragen? Sind nicht unter dem Gesichtspunkt des Rechtfertigungszwangs die AKW’s mit Stammheim, Bad Kleinen (Hogefeld-Prozeß), Startbahn 18 West (und Startbahn-Prozeß) und schließlich mit der Entwicklung im Vatikan unter Johannes Paul II und Ratzinger vergleichbar?
War nicht schon die Weizsäckersche Formel der Sonnenenergie ein technischer Beitrag zur Entwicklung der Bombe?
Die Entwicklung der AKW’s (der „zivilen Nutzung“ der Kernenergie), die Ereignisse in Stammheim, an der Startbahn, in Bad Kleinen u.ä. sind Belege dafür, daß am Ende die Version als historische Wahrheit sich durchsetzt, die im Interesse der Herrschenden liegt. Und ist die „historische Wahrheit“, wenn man von ihrem Rechtfertigungszweck absieht, nicht fast schon gleichgültig: Werden diese Dinge nicht in jeder Version zu Belegen für die Wirksamkeit der geradezu irren und selbstzerstörerischen Logik des Rechtfertigungszwangs auf beiden Seiten und zu Instrumenten der Verhinderung einer Erinnerungsarbeit, die den freien Blick auf die Dinge überhaupt erst ermöglicht? -
28.4.1995
Auch: Das tun die Andern doch auch; was andere können, wirst du doch auch wohl können; ich auch. Die Reflexion auf den anderen, die in dem Wörtchen „auch“ drinsteckt, gehört zu den Implikationen des Weltbegriffs. Es ist die Logik des „außengeleiteten Charakters“, die in politischem Zusammenhang das Gewissen durch das Ausland (oder die Geschichte) ersetzt. Ist das „auch“ nicht der Statthalter des Inertialsystems in der Sprache? Wie steht es überhaupt mit jenen Sprachpartikeln, die als logische Partikel fungieren, zu denen neben Und und Oder das Sowohl-als-auch und das Ohnehin gehören.
Kritik der Informatik als Gesellschaftskritik: Verweist nicht die Schwierigkeit, Computerprogramme in Gebrauchsanweisungen zu erklären, auf einen Mangel in den Programmen selber? Gleichen diese Schwierigkeiten nicht den Problemen, die heute bei der Formulierung von Rechts- und Verwaltungstexten (Gesetzen, Verordnungen, Richtlinien, behördlichen Formularen) auftreten? Hängen diese Probleme damit zusammen, daß in der Technik wie in der Gesellschaft die Beziehungen zwischen Intention und Resultat, Ziel und Nebenwirkungen, immer undurchschaubarer werden? Der Rückzug auf den Positivismus löst das Problem nur subjektiv (er schafft zur unzulänglichen Tat das gute Gewissen), nicht objektiv, er verschärft es nur.
Heute eine Meldung in der FR: Der Asylantrag eines russischen Offiziers, der sich geweigert hat, am Tschetschenien-Krieg teilzunehmen, und dem in seiner Heimat wegen Desertation die Todesstrafe droht, ist abgelehnt worden. Nach diesem Rechtsverständnis sind Bürger Leibeigene ihres Staates, hat der Staat ein Eigentumsrecht an seinen Bürgern, das ihm ein anderes Land auch im Rahmen des Asylrechts nicht streitig machen darf.
Kritik des Personbegriffs: Der Personbegriff hat sich erst im Kontext der staatlichen Organisation einer Gesellschaft von Privateigentümern konstituiert; er bezeichnet genau diesen Sachverhalt: die Eigentumsfähigkeit, durch die er in die staatlichen Institutionen eingebunden wird (nur deshalb gibt es juristische Personen, nach Scheler auch Gesamtpersonen). Wenn der Personbegriff (beispielsweise im Kontext der christlichen Mission) auch auf Menschen in nicht staatlich organisierten Gemeinschaften angewandt wurde, war das nicht schon ein erster fundamentaler Akt zur Vorbereitung der kolonialistischen Unterwerfung (ihrer Eingliederung in staatliche Strukturen)? Vor allem aber: Hat nicht die Einführung des Personbegriffs in die (lateinische) Trinitätslehre durch Tertullian der christlichen Theologie die entscheidende Wendung gegeben, durch die sie fähig wurde, zur Legitimationsgrundlage des Römischen Reiches zu werden? Hat nicht die Theologie mit der Rezeption des Personbegriffs sich selbst in die Eigentumsstrukturen verstrickt, die es dem Staat ermöglichten, ein Eigentumsrecht an der Theologie zu erwerben? Mit der Rezeption des Personbegriffs ist der Idee der Heiligung des Gottesnamens der Grund entzogen, ist die Idee des Namens (und damit der Gotteserkenntnis selber) entwurzelt worden, hat die Theologie sich dem Zugriff des Begriffs preisgegeben. Der Personbegriff hat die Kraft des Namens gelöscht.
Müssen nicht die Tiersymbole der Apokalypse (der Drache, das Tier aus dem Meer und das Tier vom Lande) auch auf die Trinitätslehre bezogen werden (das Tier vom Lande, das zwei Hörner hat wie das Lamm und redet wie der Drache, der falsche Prophet, ist eine offenkundige Parodie des Heiligen Geistes)?
Drückt in dem Hegelschen Satz, daß die Natur den Begriff nicht halten kann, nicht etwas von der Logik sich aus, die der symbolischen Tierkonstellation in der Apokalypse zugrunde liegt? Wenn die Natur den Begriff nicht halten kann, so ist das eine Folge des Zirkels, in den die Vorstellung, daß die Idee die Natur frei aus sich entläßt, sich verstrickt. Natur und Idee konstituieren sich, indem sie sich gegenseitig ausschließen: Deshalb vermag weder die Idee die Natur aus sich zu entlassen, noch die Natur den Begriff in sich zu halten; beide, Natur und Begriff (oder Idee), sind durch die Urteilsform vermittelt, ihre Geltung reicht soweit wie die Erkenntniskraft des Urteils, unabhängig davon haben sie keine Bedeutung. Kann es sein, daß die zum Drachen hinzutretenden Tiere als symbolische Repräsentanten des Urteils (und damit des Weltbegriffs) sich begreifen lassen?
Hängt das Buch Hiob mit dem Buch Jona nicht insofern zusammen, als beide nicht auf jüdische, sondern auf Verhältnisse in der Völkerwelt sich beziehen: Der prophetische Auftrag des Jonas ist an Ninive gerichtet, und Hiob war ein Mann aus Uz. (Was bedeutet es, daß Hiob zusammen mit Noah und Daniel bei Ezechiel – 1414+20 – genannt wird?) Im Buch Hiob erscheinen erstmals die beiden Tiere (Behemoth und Leviathan); im Buch Jonas ruft der König auch die Tiere (die Rinder und Schafe) zur Buße auf, und Gott begründet sein Erbarmen gegen Ninive u.a. mit dem Hinweis auf „so viel Vieh“.
Zu Jona: Hat Tarschisch nicht doch etwas mit Tarsos, dem Geburtsort des Paulus, zu tun?
Wenn der Fisch etwas mit dem Schiff zu tun hat (die beide durch Umkehrung aufeinander sich beziehen lassen), hat dann auch das Schaffen etwas mit dem Faschismus zu tun (und das bara mit dem arab)?
Ist der Ismael ein Israel ohne Isaak (ohne die Konstellation von Schrecken, Lachen und Akeda)? – Ist die arabische Schrift eine Sternschrift?
Erinnert nicht der Hinweis Edgar Morins, daß die Musik dem Film Tiefe, Plastik und Materialität verleiht, an eine Bemerkung Spenglers, daß die Musik in der modernen Welt die Stelle einnimmt, die in der alten Welt die Skulpturen, die Statuen innehatten? War nicht schon das kopernikanische System eine dramatische Konzeption für eine Guckkastenbühne, deren Wände der Fixsternhimmel bildete: Produkt einer Ästhetisierung der Welt? Und hat diese Ästhetisierung nicht im politischen Faschismus, der das Produkt einer Inszenierung und eigentlich ein Film war, sich vollendet? Welche Bedeutung hat dann heute die allgegenwärtige Musik (und was drückt in ihr sich aus)?
Verweist nicht der kantische Begriff der Erscheinung (vor dem Hintergrund der transzendentalen Ästhetik, die das Reich der Erscheinungen begründet) auf die Ästhetisierung der gesamten Wirklichkeit? Nicht erst die mathematischen Naturwissenschaften, sondern schon ihr Vorläufer, die Orthodoxie, hat die Wahrheit durch das Verhältnis von richtig und falsch ersetzt: Indiz der vollständigen Ästhetisierung der Theologie. Die Orthodoxie war das Produkt der Monologisierung der Theologie, ihrer Subsumtion unter die Logik der Schrift. Sie hat die Theologie gegen das „Heute, wenn ihr Seine Stimme hört“ immunisiert.
Die Apokalypse ist eine Gesellschaftstheorie; sie gehört zur Geschichte der Logik der Schrift: So wie auch die Passion Jesu, zu der das „damit die Schrift erfüllt werde“ (in dem Gespräch auf dem Weg nach Emmaus und und in der Belehrung des äthiopischen Eunuchen durch Philippus) gehört.
Ist nicht der Unterschied zwischen dem „et sanabitur anima mea“ im „Domine, non sum dignus“ und seiner deutschen Übersetzung „so wird meine Seele gesund“ der Unterschied ums Ganze? Hier liegt das finstere Geheimnis einer durch die Bekenntnislogik verhexten Erlösungslehre: Das sanabitur verweist aufs Hören des Worts, das Gesunden auf einen magischen Akt. Der Bann wird erst gesprengt, wenn der Gehorsam, den alle Kirchen fordern, durchs Hören gelöst wird.
Daß Primo Levi, Jean Amery und Paul Celan Selbstmord begangen haben, sagt etwas über den Stand der Prophetie heute. -
25.4.1995
Der Schlüssel ins Innere der Materie (die kein Inneres hat) ist das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit. Oder genauer: Übers Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit dringt die Scham ins Innere der Materie vor.
Apokalypse: Mit der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit kehrt die Zeit sich um: Rückt die Zukunft in den Ursprung und die Vergangenheit ans Ende. Die Bewegung, in der das Subjekt ans Ende einer endlosen Zeitreihe sich setzt, um die Zeit insgesamt ins Vergangene einzutauchen, ist das Korrelat der Vergegenständlichung der Natur. Ihr Reflex in der Naturerkenntnis ist das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit: die Zeitdilatation.
Ist das Feuer des brennenden Dornbuschs ein Symbol der Beziehung von Wort und Schrift? Und bezeichnet es nicht den Ursprung und die Bedeutung der Schrift im Kontext der Offenbarung?
Die Vergöttlichung Jesu gehört (wie auch die Opfertheologie) zur Logik einer Theologie hinter dem Rücken Gottes. Sie trennt die Nachfolge von ihrer Erfüllung in einer Theologie im Angesicht Gottes, die mit der Vergöttlichung Jesu ins Unerreichbare verrückt wird. Die große theologische Tradition, auch die Theologie des Paulus, war die objektivierende Erinnerung an eine Theologie im Angesicht Gottes und damit der Anfang einer Theologie hinter dem Rücken Gottes. Allein in dieser vergegenständlichenden Erinnerung erhält die Person Jesu anstelle seiner Tat diese ganz unangemessene Bedeutung.
Das griechische Wort, das in den Evangelien mit „Jünger“ übersetzt wird, ist mathaetaes, der Schüler (der Adressat der Lehre). Das Nachfolgegebot ist an die Jünger gerichtet. Von den Jüngern unterscheiden sich die Apostel als (durch ihre Erwählung vorausbestimmte) Zeugen der Auferstehung; die Apostel waren die Teilnehmer beim Abendmahl, bei der Kreuzigung haben sie Ihn verlassen und sind geflohen. Steht nicht Maria Magdalena, die von den sieben unreinen Geistern Befreite, im Zentrum des Apostolats?
Der Name repräsentiert die Stimme in dem Satz: „Heute, wenn ihr Seine Stimme hört“. Er lebt von der Kraft des Gebots: Er ist ein Imperativ, und widersetzt sich jedem Versuch, ihn in den Indikativ zu übersetzen. Sind nicht die Sternbilder an den Himmel versetzte Namen, und hängt nicht die Vorstellung von den „Heiligen im Himmel“ damit zusammen? Hängt nicht der katholische Jenseits-Mythos zusammen mit der Transsubstantiationslehre, mit der Geschichte der Eucharistielehre und deren Bedeutung für den Ursprung des Dingbegriffs? Gilt nicht (wie für die Eucharistie) auch für den Himmel, daß der Glaube ersetzt, was die Sinne nicht erkennen (ist nicht die kopernikanische Wende der Beginn eines Prozesses gegen den Himmel, in dem er schon zu Beginn zu lebenslanger Haft vorverurteilt wurde)?
Gibt es nicht eine den Juden und Christen gemeinsame Tradition, die auf beiden Seiten durch eine Logik verhext ist, deren Reflexion heute auf der Tagesordnung steht?
Kapitalismus-Kritik heute: Den Namen des Proletariats aus dem Gefängnis der klassifikatorischen Logik befreien: aber heißt das nicht, den Schub der Proletarisierung der Gesamtgesellschaft, die im Faschismus mündet, endlich begreifen.
In welchem Kontext steht das Wort von Rind und Esel im Dt?
Ist nicht im Christentum das Wort, daß die Erstgeburt des Esels durch ein Lamm auszulösen ist, bis heute unverstanden geblieben? Kann es sein, daß Rind und Esel verwechselt wurden und an die Stelle des Esels das Rind gerückt wurde? Diese Verschiebung läßt als zwangsläufige Folge der Rezeption des Weltbegriffs in der Theologie (der Trennung von Joh 129 vom Nachfolgegebot) sich begreifen.
Die Theologie hinter dem Rücken Gottes gehorcht einer Logik, die als Bekenntnislogik zu dechiffrieren wäre. Ähnlich hat die Natur hinter dem Rücken der Schöpfung und der Staat hinter dem Rücken der Armen sich etabliert. -
24.4.1995
Materie und Masse unterscheiden sich wie Sache und Ding (wie Handwerk und Industrie). Die Trennung des Dings von der Sache (die ihre Wurzeln in der Opfertheologie hat) gehört zu den Ursprungsbedingungen der modernen naturwissenschaftlichen Aufklärung und wird durch sie stabilisiert. Der sprachgeschichtliche Zusammenhang wird sinnfällig an der Beziehung des Massenbegriffs zum Inertialsystem, durch den er vermittelt ist.
Ist nicht der deutsche Schöpfungsbegriff (vgl. schaffen, Schaff, Schiff), der an die Beziehung von Kelle und Topf erinnert (und damit an das Kelchsymbol, das hier auch den Begriff der „Schöpfung“ ergreift und verhext), eine Konsequenz aus dieser Konstellation, deren theologische Wurzeln ebenso im Konzept der creatio mundi ex nihilo wie im scholastischen Begriff der Eucharistie, der Transsubstantiation, liegen: Raum und Zeit werden aus dem Schöpfungsbegriff herausgenommen und ihm vorgeordnet (so im Konzept des „Urknalls“); geschaffen ist nur die von ihren sinnlichen Eigenschaften getrennte, und deshalb durch göttlichen Eingriff veränderbare Substanz, die Masse? Aber war nicht umgekehrt die Idee der Transsubstantion die letzte, verdinglichte und entfremdete, Erinnerung an das Gebot der Heiligung des Gottesnamens und seine Beziehung zum Logos und zur Nachfolge (homologein, „Bekenntnis des Namens“)?
Beton: Die „nichteuklidischen Geometrien“ machen die euklidischen selber zur Materie: zu einem Steinbruch, aus dem sie das Material für die Neukonstruktion entnehmen. Damit wird aber der Begriff und der Charakter des Referenzsystems verändert: instrumentalisiert.
Die dem Inertialsystem immanente Raumvorstellung ist säkularisierte, neutralisierte Theologie. In der jüdischen Tradition hat sich das in der Vorstellung ausgedrückt, daß die sechs Richtungen des Raums (oben und unten, vorn und hinten, rechts und links) auf sechs Gottesnamen versiegelt sind, während die christliche Tradition den Anspruch enthielt, daß diese Siegel (deren Zahl dann auf sieben erhöht wurde) sich lösen lassen. – Hat das siebte Siegel etwas mit dem Satz, daß der Menschensohn auch Herr des Sabbats ist, zu tun (und ist deshalb der achte Tag zum dies dominica geworden)?
Der Inertialsraum ist mathematisch invariant gegen Translationen und gegen Drehungen; dynamisch ist er jedoch nur gegen Translationen invariant, während bei Drehungen die Inertialkräfte als Zentrifugalkräfte sich manifestieren. Erst durchs Prinzip der Lichtgeschwindigkeit sind beide Invarianzen in einem Punkt miteinander verknüpft worden: Mit der Lorentz-Transformation (mit der Längenkontraktion, der Zeitdilatation und dem Anwachsen der Trägheit) hat das Relativitätsprinzip ein Moment der Drehung des Inertialsystems in sich selbst in sich aufgenommen. Die Differenz zwischen den beiden Invarianzen (der Translation und der Drehung) war der Grund für Newtons Konzept des absoluten Raumes.
Memoria passionis: Gehört dazu (zur Frage des eigenen Leidens und zum Problem des Selbstmitleids) nicht auch das Satz, daß Gott niemand über seine Kraft versucht? Dieser Satz läßt sich jedoch nicht auf das Leiden anderer anwenden.
Der moderne Materiebegriff ist eingeschlossen in das Projekt „Verinnerlichung der Scham“. In diesem Kontext gründet der Begriff der inertia.
Die augustinische Gnadenlehre und ihre paulinischen Wurzeln, der Ursprung des modernen Massenbegriffs oder die Demoralisierung durch Theologie.
Theologie deutsch:
Der Gott, der Eisen wachsen ließ,
der wollte keine Knechte.
Drum gab er Säbel, Schwert und Spieß
dem Mann in seine Rechte.
Drum gab er ihm den kühnen Mut,
den Zorn der freien Rede,
daß er bestände bis aufs Blut,
bis in den Tod die Fehde.
Am Kruzifix im Schlafzimmer läßt sich die Verschiebung verdeutlichen, die dem Ursprung der kirchlichen Sexualmoral (ihrer Trennung von der Herrschaftskritik im Kontext der theologischen Rezeption des Weltbegriffs) zugrunde liegt. Das Kruzifix im Schlafzimmer ist ein Instrument der Verdrängung der memoria passionis durch Instrumentalisierung der ins Bild gebannten Erinnerung. Die Besiegelung dieser Verdrängung ist die sexualmoralische Verdammung der Lust (Reflex des Massenbegriffs in einem Akt, den die kirchliche Lehre seit den Kirchenvätern der Erbschuld zugeordnet hat): Seitdem ist jede Lust „materialistisch“.
Die Sprache, die dem Objektivationsprozeß, dem Prozeß der Verdinglichung, sich angleicht, hat zugleich die Kompetenz gewonnen, ihn ausdrücken: seitdem ist er analysierbar.
Läßt nicht das Verhältnis der deutschen zur griechischen Sprache, die beide darin übereinstimmen, daß sie den bestimmten Artikel in das System der Deklinationen mit hereinnehmen (Logik der Substantivierung), an dem projektiven Bild der Barbaren und der Wilden sich demonstrieren? Gegenüber der griechischen hat der Projektionsbedarf der deutschen Sprache sich verstärkt. Nur ist dieser Projektionsbedarf als Teil der inneren Logik der Sprache zugleich ein Teil der Logik der Welt, die darin sich ausdrückt. Ist nicht die Deklination des bestimmten Artikels ein Ausdruck und ein Instrument der Neutralisierung, der Verdinglichung, der Substativierung? Liegt nicht das Verhängnis der deutschen Sprache darin, daß sie als Sprache nicht mehr aus ihrer eigenen Logik durchsichtig zu machen ist, sondern nur durch Reflexion ihrer griechischen und lateinischen Vorgeschichte? Nur durch ihren Fremdwörterbestand ist die deutsche Sprache noch der Humanität verbunden.
Die Hellenen sprachen griechisch; erst die Deutschen (die auch deutsch reden) haben sie zu Griechen gemacht, nachdem die Römer (die lateinisch sprachen) die griechischen Sklaven, die ihre Kinder unterrichteten, graeculi nannten.
Begriff und Gegenstand: Im Bann des Objekts wird das Subjekt selber zum Objekt (zum Knecht eines Herrn). Nur in der Reflexion dieser Konstellation ist der Bann des Objekts zu brechen.
Das Ensemble der Mechanik, die Billardkugeln, an denen die Gesetze und Begriffe der Stoßprozesse demonstriert werden, liegt vor aller Augen: wie die Handlung des modernen Dramas auf der Guckkastenbühne (dem Modell des Inertialsystems). Die Objektwelt, auf die das kopernikanische System und das Gravitationsgesetz sich beziehen, präsentiert sich in einer vergleichbaren Unmittelbarkeit, sofern die Position, aus der sie so erscheint, erst einmal erreicht ist: Sie ist insgesamt durch diesen Prozeß, in dem diese Unmittelbarkeit sich konstituiert, vermittelt. In dieser Unmittelbarkeit wird die der unvermittelten Erfahrung, in der es Tag und Nacht, den Wechsel der Jahreszeiten, die sinnliche Präsenz sinnlicher Objekte gibt, sowohl „erklärt“ als auch zugleich zu bloßem Schein herabgesetzt. Das sinnlose Kreisen der Planeten, zu denen jetzt auch die Erde zählt, um das Zentralgestirn, die Sonne, ist selber sinnlich nicht wahrnehmbar, sondern spielt sich für uns in unserer Vorstellung ab, es ist eine vorgestellte Welt der Erscheinungen, die zwar allen gemeinsam ist, in der aber jeder nur für sich ist: in der alle einsam sind. Das kopernikanische System ist das Produkt einer ästhetischen Rekonstruktion, in der die Welt zum gemeinsamen Objekt einer stummen Gemeinschaft wird, in der alle durch das gemeinsame Anschauen der für alle gleichen Welt (und d.h. durch den Grund ihrer Trennung) verbunden sind. Diese Gemeinschaft gründet darin, daß die Welt eigentlich nur eine Welt für andere ist, und eine Welt für mich nur insoweit, als ich selbst ein anderer für andere bin. Und diese Welt ist meine Welt nur insoweit, als ich Teil einer Gemeinschaft bin, die in dieser Welt als deren Subjekt (als Weltanschauungsgemeinschaft) sich erkennt. Das aber heißt: In dieser Welt erkennt sich die Menschheit als Gattung, nicht als Menschheit. -
23.4.1995
Der Begriff der Eigentlichkeit leugnet die Gottesfurcht. Sie macht das Subjekt zum sündenvergebenden Gott (indem es die Gottesfurcht als Wut nach außen kehrt – hier gründet der Begriff des Scheins in Hegels Logik); Grund der Eigentlichkeit ist der Schein der Unschuld im Kern des Schuldzusammenhangs (das Sakrament der Macht).
Haben nicht das Licht und die Gravitation ein gemeinsames Ausbreitungsgesetz (das quadratische Abstandsgesetz, mit einem beiden gemeinsamen kosmologischen Paradox)? Beiden ist die Vorstellung gemeinsam, daß sie (wie die Materie) von außen in den an sich leeren Raum hineinkommen: Dabei ist es die Raumvorstellung (die subjektive Form der äußeren Anschauung), deren ausschließende Gewalt alle Erscheinungen zu verdinglichten, gegen den Raum äußerlichen Erscheinungen macht, sie ihrer sprachlichen Substantialität beraubt.
Ist nicht das innere Gefühl („aus dem Bauch“) mit dem äußeren (der Tastempfindung) auf ähnliche Weise verknüpft wie der Begriff der schweren mit dem der trägen Masse?
Der Begriff der trägen Masse ist auflösbar nur in herrschaftsgeschichtlichem Kontext, im Zusammenhang von Herrschaftskritik.
Die Masse ist die Asche des verbrannten Himmels.
Das Verbot, von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen (Gen 216f) gehört nicht mit zum Nahrungsgebot des sechsten Schöpfungstages (130f). In welcher Beziehung steht das paradiesische Nahrungsgebot (das dem des sechsten Schöpfungstags nur ein Verbot hinzufügt) zum noachidischen?
Hiobsbotschaft: Haben Behemoth und Leviathan etwas mit Natur und Welt zu tun (und Satan, der Ankläger im Hofstaat Gottes, der Widersacher, etwas mit dem Wissen)?
Die Kollektivscham hat die Verblendung in den Köpfen zementiert; sie war das Prinzip und der Grund der neuen Unübersichtlichkeit.
Off 69ff: Die Steinigung des Stephanus gehört nicht nur aufgrund der Rolle des Paulus hierbei zu den Gründungsakten des Christentums; sie ist ein Teil des Felsens, auf den die Kirche gebaut ist (unter dem Altar, auf dem das Opfer dargebracht wird, sind die Gräber der Märtyrer).
Am Ende seines Fastens in der Wüste wurde Jesus vom Teufel versucht (und hat der Versuchung widerstanden); während seines öffentlichen Auftretens hat er Dämonen ausgetrieben; aber nur zu Petrus hat er gesagt: Weiche von mir, Satan.
Der Weltbegriff ist die Wasserscheide der Zivilisation, das aber auch in dem ganz wörtlichen Sinne, der im ersten Satz der Philosophie sich ausdrückt: Alles ist Wasser.
Ding und Ich: Fallen nicht die moderne Geschichte der Personalpronomina und die Ursprungsgeschichte der Auxiliarien, der Hilfsverben, in die Geschichte der Konstituierung des Dingsbegriffs, der Trennung von Ding und Sache (die ihre Vorgeschichte im germanischen Recht und in der germanischen Sprache hat)?
Die Idee einer Theologie im Angesicht Gottes schließt die Kritik der Religion mit ein. Sie konvergiert mit Rosenzweigs „Deus fortior me“.
Erinnerungsarbeit: Es kommt nicht darauf an, was man „tatsächlich“ bei bestimmten Ereignissen der Vergangenheit empfunden hat, sondern wie man es post festum begreift. Es gibt keine unreflektierte Beziehung der Empfindung zur Wahrheit.
Dialektik von Herr und Knecht: Die Vorstellung von der Fortpflanzung des Lichts im Raum ist ein Produkt der Vergegenständlichung des Sehens des Andern (des Knechts); sie gehört zu einem Konstrukt, für das das Sehen zu einem materiellen Prozeß zwischen Objekten (zwischen Arbeiter und Materie) geworden ist. Die Lichtgeschwindigkeit (und der Bereich der Physik, zu dem er gehört) ist der Repräsentant des verdinglichten Andern (des Proletariats) im Inertialsystem. Erst durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit sind die Voraussetzungen gegeben, die Konstitutionsbedingungen dieses Vergegenständlichungsprozesses (das Inertialsystem und die Grenze des Verfahrens der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit: Teil der Beziehung von Herrn und Beherrschtem, des Schuldzusammenhangs) zu begreifen.
Die Verdrängung des Vergangenen und das durch die Gewalt der Rechtfertigungszwänge erzwungene fortschreitende Vergessen macht das Neue selber (den Fortschritt) zu einer Variante und zu einem Instrument des Vergessens. -
22.4.1995
Nicht Opfer, sondern Barmherzigkeit: Gehört das Opfer zur Geschichte der projektiven Erkenntnis (zur Ursprungsgeschichte des Staates)?
Adornos gelegentliche Bemerkung, daß man vom Selbst wahrscheinlich nur in theologischem Zusammenhang reden könne, bezeichnet genau den Kern seiner Bindung an die Ästhetik. Sie wird wahr nur, wenn man im Selbst nicht das eigene, sondern das des Andern begreift. Die Fähigkeit, in den Andern sich hineinzuversetzen, ist nur theologisch zu begründen.
Das Gebot der Nächstenliebe (Lev 1918) wird in der Fassung überliefert: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Dieses „wie dich selbst“ lautet in wörtlicher Übersetzung des hebräischen Textes „er ist wie du“ (Buber: Halte lieb deinen Genossen, dir gleich); es heißt nicht „er ist wie ich“. Erst im griechischen Text des NT erscheint das Selbst: „wie dich selbst“ (Mt 2239: agapäseis ton pläsion sou hos seauton – vgl. auch Mk 1231, Lk 1027).
Die subjektiven Formen der Anschauung sind nicht gleichwertig; beide sind durch die jeweils andere vermittelt: Die Vorstellung des Raumes setzt die Vergegenständlichung der Zeit (die Vorstellung eines Zeitkontinuums) voraus, die selber ein Produkt der Verräumlichung ist, die Form ihrer Beziehung zum Raum zur Grundlage hat. Die Form des Raumes konstituiert sich in diesem doppelten Akt: über das Konstrukt der Verräumlichung der Zeit. Das Inertialsystem ist das Produkt dieser doppelten Abstraktion; darin gründet seine Logik, in der Redundanz der Wechselbeziehungen der einzelnen Momente.
Die Verräumlichung der Zeit hat ihre sprachliche Vorgeschichte in den Konjugationsformen, durch die die indoeuropäischen Sprachen z.B. von den semitischen sich unterscheiden, in der Bindung der Verben an die Zeit, ihrer Subsumtion unter die Zeit, die hier erstmals eine gegen das Tun und Leiden der Menschen selbständige Realität gewinnt (Grund der mythischen Schicksalsidee). Diese Konjugationsformen sind gemeinsam entsprungen mit dem Neutrum (dem dritten Geschlecht) und mit den Steigerungsformen des Adjektivs; sie sind Ausdruck einer tiefgreifenden Veränderung der inneren Logik der Sprache. Wenn es im Hebräischen keine Entsprechungen zu den Totalitätsbegriffen gibt, die die Geschichte der Philosophie beherrschen, zu den Begriffen des Wissens, der Natur und der Welt (an denen die idealistischen Systeme nach Kant sich abgearbeitet haben), so hängt das mit diesem sprachgeschichtlichen Vorgang, mit der seitdem differierenden Sprachlogik, zusammen. Diese Differenz läßt sich an der Beziehung zum Fremden, in der sprachliche und gesellschaftliche Strukturen sich durchdringen, demonstrieren: an den Namen der Barbaren und der Hebräer. Während die griechische Sprache zur eigenen Stabilisierung die Projektionsfolie der Barbaren (als distanzierende, vergegenständlichende Kollektivbezeichnung der Anderen) geschaffen hat, war die hebräische schon in ihrem Namen (in dem die Benennung durch andere als Selbstbezeichnung übernommen wird) auf die Reflexion der eigenen Fremdheit verwiesen. Diese inverse Beziehung zum Fremden ist ein gesellschaftlicher Reflex der grammatischen Differenzen.
Gehören nicht die Namen der Barbaren und der Hebräer zur Ursprungsgeschichte der Schrift? Gehört nicht der phönizische Ursprung der Schrift (der Ursprung der Buchstabenschrift im Bedürfnis des Handels nach einer Schrift, die fremde Sprachen in ihrer Lautgestalt wiederzugeben in der Lage ist) zu den Voraussetzungen, aus denen die Namen der Barbaren (der die Fremden und die Stammelnden zugleich bezeichnet) und der Hebräer hervorgegangen sind? Nicht das Geld, sondern die Schrift gründet im Tauschprinzip; das Geld gründet in der Schuldknechtschaft (in der Tempelwirtschaft). Die Logik der Schrift ist die Logik der Entfremdung. Wie hängt der Name des Logos (und die theologische Idee der Erfüllung des Worts) mit dem Namen der Schrift (und dem Topos der Erfüllung der Schrift, die von der des Wortes wie der Kreuzestod von der Auferstehung sich unterscheidet) zusammmen? Die gegenwärtige Phase der Geschichte der Aufklärung (wie auch der Politik und der Ökonomie) scheint sich auf eine dramatische Weise in die Ursprungsgeschichte der Schrift und des Geldes (in die Ursprungsgeschichte des Staats und des Weltbegriffs) zurückzuschlingen.
Die Theologie im Angesicht Gottes ist eine Theologie, in der Gott nicht mehr als Objekt vorkommt: der Anfang einer areligiösen Theologie.
Der Schatten des Faschismus: das ist die Nacht der dritten Leugnung. Auf diese Nacht verweist das Krähen des Hahns in der Geschichte der drei Leugnungen.
Joh 129, sein Kontext in der Johannes-Apokalypse: Das Kelchsymbol in der Prophetie und in Gethsemane, das sich auf das durchs Anschauen verhexte Denken bezieht, auf die Selbstverstopfung der Ohren durch die „optische“ Grundlegung des Denkens, auf die Unfähigkeit zu Hören (das deshalb in der christlichen Tradition durch den Gehorsam ersetzt wurde). Das Schiff des Odysseus, der Pfropf in den Ohren der rudernden Mannschaft und der Strick, mit dem Odysseus sich an den Mast hat binden lassen, gehören zusammen; und das Ganze hat etwas mit dem Kelch und den subjektiven Formen der Anschauung zu tun, auch mit dem „Grauen, Grube und Garn“ bei Jeremias. War nicht das Erlösungskonzept, das an den Begriff der Entsühnung der Welt sich anschloß, daran, daß „das Lamm … die Sünde der Welt hinweggenommen“ (und nicht, wie es bei genauer Übersetzung heißen müßte, auf sich genommen, H.H.) hat, für die andern das Grauen und die Grube, für die Christen aber das Garn, in das sie hoffnungslos sich verstrickten? Entsprechen nicht der Grube die subjektiven Formen der Anschauung (sowie der Begriff und, als dessen Totalitätsbegriff, die Welt), dem Grauen das Erstarren der Dinge zum Objekt (die „Erscheinungen“ und die Natur) und dem Garn die davon nicht zu trennende Selbstverstrickung des Subjekts (oder der Begriff des Wissens, der Grund und die Totalität dieser Selbstverstrickung)? Das Grauen ist das gegenständliche Korrelat der verinnerlichten Scham, der Grund der Erstarrung des Objekts, die Grube die Verkörperung des Schreckens (dessen gegenständliches Korrelat das Grauen ist) und das Garn das Symbol der Selbstverstrickung des Subjekts in diese Konstellation. Diese Konstellation wäre zu demonstrieren am Ursprung des Massenbegriffs, an der Bekenntnislogik, an der Gestalt des apokalyptischen Tieres (und seiner Beziehung zum Weltbegriff): des Tieres aus dem Meere, dem der Drache seine Macht verliehen hat, und des Tieres vom Lande, Inbegriff und Symbol des falschen Propheten, der Selbstlegitimation der Welt.
NB: Die Bekenntnislogik ist aus dem gleichen herrschaftsgeschichtlichen Grunde indifferent gegen ihren Inhalt geworden, aus dem der Begriff der Materie von seiner Beziehung zu den materiellen Qualitäten sich emanzipiert hat. Die Austauschbarkeit der Bekenntnisinhalte ist Ausdruck des Stands der Naturbeherrschung. Damit hängt es zusammen, wenn gesagt wurde, daß mit der Reformation die häresienbildende Kraft erloschen sei (seitdem gibt es keine Häresien mehr, nur noch Sekten).
Im Begriff der Masse schlägt die projektive Gewalt, die einmal in den Namen der Barbaren und der Wilden sich ausdrückte, ins Innere der Zivilisation zurück (in der gleichen logischen Konstellation, der auch im Ursprung des Antisemitismus sich ausdrückt). Deshalb wird das Zeitalter des Antichrist das Antlitz des Hundes tragen. Der Begriff der Masse ist das Realsymbol einer Logik, die die Theologie verhext, er bezeichnet aufs genaueste den Bann, aus dem der Name Gottes zu befreien wäre: Bezieht sich nicht hierauf das Gebot der Heiligung des Gottesnamens?
Als das Christentum in die Welt hinausging, stand es im Bann des Weltbegriffs (der Philosophie und des Römischen Reiches). Dieser Bann drückte in der Theologie in ihrer vergegenständlichenden Gewalt (in der Theologie hinter dem Rücken Gottes), in der Logik der Orthodoxie, in der Bekenntnislogik, und in den durch sie determinierten inhaltlichen Bestimmungen des Dogmas (von der Opfertheologie über die Vergöttlichung Jesu bis in die Trinitätslehre) sich aus. Die Grundlegung dieses Konstrukts war die Leistung des Paulus (der nur Apostel, nicht aber Jünger Jesu war: seine Legitimation war das Zeugnis der Auferstehung, nicht die Nachfolge).
Die Bekenntnislogik ist ein Teil der Logik des Weltbegriffs. Deshalb ist die Theologie zu einem Teil der Geschichte der Aufklärung (im Sinne der Dialektik der Aufklärung) geworden.
Die moderne Aufklärung ist keine Häresie, sondern Ergebnis und Produkt der Selbstentäußerung der Theologie, die nur deshalb ohnmächtig gegen die Aufklärung ist, weil sie unfähig ist, darin sich wiederzuerkennen („da verließen ihn alle Jünger und flohen“).
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie