Theologie

  • 28.6.1994

    Die Erinnerung des Leidens (Metz) ist nur die eine, „objektive“ Seite der Sache (die für sich nur das Selbstmitleid, die fatale Tradition der christlichen Leidensmystik, begründet), das verteidigende, parakletische Denken die andere: ihr Symbol ist die Idee der Auferstehung der Toten (vgl. hierzu die grandiose Stelle in Büchners „Lenz“).
    Die Erlösung kommt „wie ein Dieb in der Nacht“: Die Totalität der Nacht (die Finsternis über dem Abgrund) ist das Objekt.
    Es genügt nicht zu sagen, daß der Schöpfungsbericht sich auf einen anderen Bereich bezieht als die Naturwissenschaften. Es käme vielmehr darauf an, die Beziehung beider zu bestimmen. Diese Beziehung ist bestimmbar über den Begriff der Umkehr.
    Welche und wieviel Siebener-Gruppen gibt es in der Apokalypse, und in welcher Beziehung stehen sie zu einander?
    Die Lösung der sieben Siegel: die Peripherie ist das Zentrum, und der Ursprung das Ziel. Die intentio recta ist das Medium des Sündenfalls (der Verstrickung ins richtende Denken).
    Ist nicht der Name des Universums der deutlichste Name der Welt, gleichsam die logische Handlungsanweisung zur Konstituierung des Weltbegriffs? Die Logik des Universums, die schon den antiken Kosmologien zugrundeliegt, ist die Logik der Geldwirtschaft (ablesbar an der Geschichte der Banken: hier gründet das Sein, auf das die Hegelsche Logik als ihren Ursprung sich bezieht).
    Wer die Substanz zum Subjekt (und die Menschen zu einem Teil der Welt) macht, leugnet die Freiheit der Kinder Gottes und damit den Heiligen Geist.
    Ist nicht der Heilige Geist der „Gegenstand“, auf den das Wort vom Binden und Lösen sich bezieht; und gewinnt nicht in diesem Zusammenhang die These, daß die Kirche bis heute nur gebunden, nicht gelöst hat, ihren ungeheuren Sinn? Gehört nicht zum Wort vom Binden und Lösen das apokalyptische Wort vom Lamm, das allein würdig ist, die sieben Siegel des Buches zu lösen; das Wort, das Joh 129 in die Perspektive der Nachfolge rückt?
    Die Vorstellung einer absoluten Vergangenheit leugnet Gott. Auch die Toten gehören als dessen Abbild zum Angesicht Gottes. Die Erfindung der Tiefenzeit gehört zu den Voraussetzungen der Vergesellschaftung von Herrschaft.
    Sind nicht die sieben Siegel Totalitätsbegriffe, auf die unsere Sprache, unser Bewußtsein und unser Denken versiegelt ist? Dazu gehören die drei kantischen Totalitätsbegriffe: Wissen, Natur und Welt, aber auch schon die griechischen (die projektiven Urbegriffe der Philosophie): die Barbaren und die Materie, insbesondere aber das Sein.
    Wie oft und an welchen Stellen kommt der Name der Barbaren in der Schrift vor (wie in 2 Makk und in der Apg, beim Schiffbruch vor Malta)?
    Die Drehung des Raumes um jede seiner drei Achsen führt ihn in seine Ursprungsgestalt zurück: deshalb ist die Raumvorstellung der Generator der neutralisierten Dingvorstellung (des Objektbegriffs, der der Urteilsform zugrunde liegt).
    Ist die Kritik der Orthogonalität (Kritik der Urteilsform) der Grund der Kritik der Naturbeherrschung? Die Dreidimensionalität des Raumes ist der Grund des Objektbegriffs: Der Objektbegriff ist der Grund, auf dem der babylonische Turm erbaut wurde, und zugleich der Wirbel, der die Sprache verwirrt.
    Die Vorstellung, daß die Sprache auf eine außer ihr (und ohne sie) bestehende Wirklichkeit sich bezieht, ist wahr und unwahr zugleich: Sprache konstituiert ebensosehr die Wirklichkeit, wie diese Wirklichkeit zugleich als mächtiger als unsere Sprache sich erweist. Im Kontext dieser (durchs Inertialsystem definierten) Vorstellung ist die Welt alles, was der Fall ist. Die darin begründete Entmächtigung der Sprache ist die Selbstzerstörung ihrer benennenden Kraft.
    Die Ablösung der Sprache von der Wirklichkeit ist eine Leistung des Weltbegriffs (der so Sprache und Welt zugleich verändert: der neue „Welt-Katechismus“ der Kirche verdient diesen Namen in der Tat).
    Die hebräische Sprache ist keine Ursprache, sondern Ausdruck einer Beziehung zur Sprache (einer gegen die Logik der Schrift sich behauptenden Sprachlogik), die den Keim der Utopie in sich enthält. Sind nicht die sogenannten Quellen der biblischen Texte (J, E, Dt) Ausdruck differierender Sprachlogiken, die erst in ihren wechselseitigen Beziehungen, in ihren Reflexionsbeziehungen, Anteil an der Wahrheit gewinnen? Drückt nicht im Namen des Hebräischen diese gespannte und kritische Beziehung zur Logik der Schrift (der Zwang zur Symbollogik) sich aus?
    Kann es sein, daß, was in den „Quellen“ des biblischen Textes nebeneinander sich präsentiert, in der Geschichte des Christentums in eine zeitliche Folge (in die Geschichte der drei Leugnungen) transformiert wurde?
    Die Vätertheologie war eine monastische, ein Mönchs-Theologie, Resultat einer Flucht vor der Welt, aus der als einer heidnischen Welt die Christen in der Erwartung ihrer apokalyptischen Umgestaltung in die Glaubensgestalt der Utopie sich zurückgezogen hatten. Der Glaube blieb der Welt ebenso feindlich, wie er gegen sie hilflos war. Nur als Kirche war der Glaube gezwungen, sich in der Welt zu etablieren. Die Welt, in der sie sich vorfand, war die Welt des Römischen Imperiums, mit der sie nach der „Bekehrung“ Konstantins glaubte, sich aussöhnen zu können und zu müssen. Auf dieser Grundlage hat die Theologie in der Scholastik – und der Anstoß dazu kam vom Islam – als kirchen-imperialistische Weltphilosophie sich etabliert (mit dem mönchischen Hintergrund der Bettelorden und der Inquisition).

  • 25.6.1994

    Wenn heute alle Leute Angst davor haben, ob ihre Kinder den Sprung ins Erwachsenenleben schaffen – eine Angst, die sich vor allem in der Drogenangst ausdrückt -, so beweist das eigentlich nur, daß sie wissen, wie irrational diese Erwachsenenwelt ist. Nicht zufällig tolerieren sie die Zivilisationsdrogen: den Alkohol, der das Herrendenken stützt, und den Tabak, der das Gewissen betäubt und vernebelt.
    Irrenhäuser, Schlachthäuser und Gefängnisse sind Institutionen der gesellschaftlichen Delegation von Verantwortung.
    Die Gliedertheorie des Paulus (in seinem Leib-Christi-Konzept) enthält dieses Prinzip der Delegation von Verantwortung, den Grund der hierarchischen Struktur der Kirche, sie bindet die Eucharistie in die Geschichte und den gesellschaftlichen Kontext des Fleischessens. Paulus hat zugleich die Prophetie und das Sprachenreden zu Ämtern neutralisiert, in die kirchlichen Amtshierarchien der Priester und Bischöfe eingebunden.
    Zu den apokryphen Schriften des AT: Sind nicht (mit den Makkabäer-Büchern) auch die Bücher Judit (die Ermordung des Holofernes), Tobit (in dem Ninive am Ende zerstört wird, das Ende des Buches Jona insoweit zurückgenommen wird) makkabäisch? War die junge Kirche sich dieser makkabäischen (und deshalb sowohl antipharisäischen wie auch antiherodianischen und -sadduzäischen) Tradition bewußt? Und war nicht Paulus der große Verwirrer (der die Erinnerung an dieses makkabäische Erbe durch seine Schuldverschubsysteme storniert, den antirömischen Impuls durch den antijudaistischen unkenntlich gemacht und ersetzt hat)?
    Die sieben Diakone sind fast alle in Vergessenheit geraten, mit Ausnahme
    – des Erzmärtyrers Stephanus (der Einführung des Saulus/Paulus ins NT),
    – des Philippus (der den Kämmerer der äthiopischen Königin bekehrte, und des Vaters der vier prophetischen Töchter) und des
    – Nikolaos (der vielleicht etwas mit den Nikolaiten der Apokalypse zu tun hat?).
    Was hat es eigentlich mit den Tempelstellen (im Jesus- und im Stephanusprozeß: der Tempel werde in drei Tagen zerstört und neu errichtet, das Wehe über den Tempel und Jerusalem, die Vertreibung der Händler und Geldwechsler, der Riß durch den Vorhang vorm Allerheiligsten beim Tode Jesu) auf sich? Auch für die Gegner Jesu (die „Juden“) scheint dies ein Nervenpunkt gewesen zu sein. War es nicht ein „herodianischer“ Tempel?
    Wut ist transformiertes Mitleid.
    Auch in seiner Logik unterscheidet Hegel das Licht von den Strukturen und Mechanismen seiner Fortpflanzung im Raume (Logik I, S. 300).
    Käme es nicht heute darauf an, sowohl die Astrologie wie die gesamte Naturwissenschaft aus dem Bann des Herrendenkens und den transzendentallogischen Konstellationen der Selbsterhaltung zu befreien? War nicht schon die Schicksalsidee ein Reflex des Selbsterhaltungstriebs (eine Folge des Privateigentums), gleichsam die transzendentale Ästhetik zur transzendentalen Logik der Selbsterhaltung (des Ursprungs der Philosophie)?

  • 24.6.1994

    Zur Theorie des Feuers und zur Unterscheidung von Völkern („Heiden“) und Nationen:
    – Jer 5158 („Die breite Mauer Babels wird bis auf den Grund zerstört und seine hohen Tore verbrannt werden, sodaß Völker sich quälten für nichts und Nationen fürs Feuer sich abmühten“) und
    – Hab 213 (mit der Umkehrung: „Völker arbeiten fürs Feuer, und Nationen mühen sich ab für nichts“).
    Kann es sein, daß die Erschaffung der Pflanzen am dritten und der Tiere am sechsten Tag (die beide „aus der Erde hervorgehen“) auf einen sprachlichen Sachverhalt verweisen? Kann man die Pflanzen den Verben und die Tiere den Nomen (den „Substantiven“: mit der Schlange, dem „klügsten aller Tiere“ als Neutrum) zuordnen? Vgl. dazu:
    – die beiden Nahrungsgebote (und ihre gesellschaftliche Zuordnung zu Freiheit und hierarchischer Herrschaft) und
    – die Opfer Abels und Kains (Gott nahm das Opfer Abels, ein Tieropfer, an, während er das Opfer Kains, der von den Früchten des Feldes opferte, nicht ansah).
    Ist nicht jedes Opfer ein „Tieropfer“, während das Früchteopfer an die Wurzel der benennenden Kraft der Sprache rührt (und zielt nicht die Konstellation von
    – Rache: das Blut Abels schreit zu Gott, und der kainitische Lamech rächt sich siebenundsiebzigmal, und
    – Vergebung: das Kreuzesopfer ist nach Karl Thieme das erste, das nicht nach Rache schreit, sondern um Vergebung bittet, und Jesus fordert Petrus auf, nicht siebenmal sondern siebenmal siebzigmal zu vergeben,
    auf das Verhältnis von Zerstörung und Wiedergewinnung der benennenden Kraft der Sprache)?
    Das Problem der Opfertheologie ist ein Sprachproblem, die Geschichte der Opfertheologie ist die Geschichte des Nominalismus.
    Ist der Bruch, der im Katholizismus mit dem ersten Weltkreig eingetreten ist (und nach dem zweiten sich vollendet hat), nicht an der Stelle eingetreten, an der die Gemeinheit endgültig eingebrochen ist und die Theologie überschwemmt hat?
    Das Transzendentale und das Transzendente sollten nicht verwechselt werden: Das Transzendentale verbleibt im Bann der Subjektivität (der subjektiven Formen der Anschauung).
    Welcher Jakobus gehört zu den „drei Säulen“: der Zebedäussohn oder der Herrenbruder?
    Die Zebedäussöhne sind die Donnersöhne, aber Johannes, einer der beiden Donnersöhne, darf, was die sieben Donner verkünden, nicht aufschreiben.
    Das Wort, wonach Gott „die Welt erschaffen“ hat, kommt nur bei Paulus, und zwar zuerst in Athen und dann im Römerbrief, vor.
    In jeder Abstraktion steckt ein Stück Wut, und was hat es mit dem furor teutonicus auf sich?
    Das Heil kommt von den Juden, aber Jesus war gesandt zu den verlorenen Stämmen Israels. Wann ist der Name „Jude“ entstanden, und was drückt er aus? Was bedeutet es, wenn die Kirche gegen die jüdische Tradition und Kanonbildung die Makkabäerbücher, das Buch Judit u.a. in ihren Kanon mit aufgenommen hat (Berichtigung der Thesen von Hyam Maccoby durch Eisenmann/Wise als Lösungsansatz: Differenzierung der Konstellation Pharisäer, Sadduzäer, Herodianer, Essener; Einbeziehung der „Essener“ in die makkabäisch-zelotische Tradition)?
    Wer war Alexander Jannai?
    Führt nicht Adornos Konzept der vollständigen Säkularisation aller theologischen Gehalte in seiner Anwendung auf die christliche theologische Tradition (die selber schon ein Säkularisationsprodukt ist, in die Geschichte der Säkularisation eingebunden ist) in eine double-bind-Falle?
    Mit der Feststellung der Identität von träger und schwerer Masse in der Allgemeinen Relativitätstheorie hat Einstein den Punkt in der Physik bestimmt, auf den Joh 129 sich bezieht: Die Konstruktion der Last, die in der Vergegenständlichung des Vergangenen gründet.
    Der Dingbegriff gründet im Opfer; deshalb ist der Satz: Barmherzigkeit, nicht Opfer, der Kern der Kritik der Verdinglichung.
    Heute verstecken sich alle in ihrem Winkel und murmeln vor sich hin: Ich habe doch nichts getan.

  • 13.6.1994

    Das sogenannte mosaische Gesetz ist kein (staatliches) Gesetz, sondern ein (göttliches) Gebot. Kann es nicht sein, daß die paulinische Gesetzeskritik genau darauf abzielt, und deshalb an die Stelle des Gesetzes den Eigensinn des Glaubens setzt?
    Die Richter (im Buch der Richter) waren Richter nicht nach innen, sondern nach außen, erst die Propheten waren Richter nach innen, dann aber auf die Könige und das Volk als Ganzes bezogen. Das aber heißt: die Welt war Objekt, nicht (wie im staatlichen Recht) Subjekt des Gerichts.
    Der Skinhead oder die irre gewordene Bekenntnislogik.
    Gehört nicht beides zusammen, daß ich
    – die Gnadenlehre nie verstanden habe und
    – mir nie habe vorstellen können, Priester zu werden und z.B. die „Messe zu lesen“, überhaupt sakramentale Handlungen zu vollziehen?
    Das bedeutete jedoch, daß ich mir nie habe vorstellen können „berufen“ zu sein, die durchs „Kreuzesopfer“ begründete (und durch die Opfertheologie instrumentalisierte) Tradition selbst zu übernehmen und weiterzutradieren.
    Der Staub ist das Symbol der Verschmelzung der Zukunft mit der Vergangenheit im Objekt, die Schmerzen der Geburt hingegen erinnern an die Lösung dieses Zeitknotens.
    Bezieht sich nicht das Wort von der Sünde wider den Heiligen Geist (die weder in dieser noch in der künftigen Welt vergeben werden kann) auf das Lösen (was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein)?
    „Allein den Betern kann es noch gelingen“: Die künftige Welt ist nur der Barmherzigkeit und dem Gebet offen, nicht dem Denken.

  • 11.6.1994

    Objekte der Benennung durch Adam waren die Tiere, die Gott – wie zuvor den Adam (Buber: Staub vom Acker) – aus Erde (Buber: aus dem Acker) gebildet hat: das Vieh, die Tiere des Feldes und die Vögel des Himmels, nicht jedoch die großen Seetiere (und die Fische des Meeres), die Gott „erschaffen“ hat. Aber „für den Menschen fand sich keine Hilfe“. – Welche Hilfe, wenn nicht die messianische? Eva wird die Wehen: die Schmerzen der Geburt tragen (und zum Tier wird die Gesellschaft durch Schmerzverweigerung, durch Abwehr der Schuldübernahme: durch den Weltbegriff und den historischen Objektivationsprozeß). Mit dem „Fluch auf dem Acker“ um Adams willen wurde die produktive Kraft des Ackers gehemmt (seitdem trägt der Acker Dornen und Disteln): Seitdem erfolgt die Reproduktion über die Gattung. Hat der Hinweis auf die Sterne des Himmels und den Sand am Meer etwas mit der Trennung der oberen von den unteren Wassern (mit dem Werk des zweiten Tages: mit der Erschaffung der Feste, die Gott dann mit dem Namen des Himmels benennt) zu tun? Mit der Phantasie wird die Sensibilität ausgetrieben; das Instrument dieser Austreibung ist der Dingbegriff (oder die Ontologie, in die sich der parvus error in pincipio zusammengezogen hat). Produkt dieser Phantasielosigkeit ist der deutsche Ernst.

  • 9.6.1994

    Die Idee des Absoluten gründet in der Bindung der Wahrheit ans Urteil, sie ist ein Produkt der Urteilsform (der Subjektivität). Grundlage ist die Definition der Wahrheit als Übereinstimmung von Objekt und Begriff.
    Hegels Satz, daß die Idee die Natur frei aus sich entläßt, bezeichnet genau den Punkt der Unzucht in der Hegelschen Philosophie.
    Mit der Phantasie wird die Sensibilität vertrieben, deshalb ist der deutsche Ernst tierisch und tödlich zugleich.
    Die Idee der Anschauung Gottes läßt als Versuch sich begreifen, das „von Angesicht zu Angesicht“ vom Schrecken der Gottesfurcht (und der Todesangst, deren Wurzel der Blick des Andern ist) zu befreien. Der Begriff des Anschauens (der allen philosophischen Konzepten, von der theoria bis zu den transzendentalen Formen der Anschauung, zugrunde liegt) konstituiert sich durch Abstraktion vom Blick des Andern. Wenn Rosenzweig darauf verweist, daß die Philosophie seit je den Tod verschweigt, so ist das hierin begründet. In diesem Kontext wird auch rekonstruierbar und verständlich, weshalb die Todesangst das All (die Einheit des Alls) sprengt. Das Inertialsystem gewinnt seine beherrschende Gewalt als Selbstschutz gegen die Gottesfurcht (als Instrument der Vergesellschaftung des Staatsanwalts, des Anklägers).
    Der schamlos unverschämte Begriff der Kollektivscham (die Leugnung des Angesichts: das Angesicht Gottes verzehrt die Scham – Kern der Theorie des Feuers).
    Die prophetische und die philosophische Erkenntnis unterscheiden sich durch ihre Beziehung zur Zeit: Die Philosophie subsumiert die Zukunft unter die Vergangenheit (und löscht die Gegenwart), während die Prophetie in der Gegenwart die vergangene Zukunft zu begreifen sucht.
    Josef deutete den Traum des Pharao, während Daniel den Traum des Nebukadnezar nicht nur deutete, sondern ihn zuvor noch rekonstruieren mußte.
    Lassen sich die Propheten durch ihre Namen unterscheiden, danach, ob sie als theophores Element das -ja oder das -el in ihrem Namen haben (Jesaja, Jeremia/ Ezechiel, Daniel)? Kann es sein, daß bei den mit -el kontrahierten Namen das apokalyptische Element überwiegt? (Gilt das auch für deutsche Namen: Heg-el?)

  • 7.6.1994

    Im Hegelschen Sein, dem absoluten Anfang der Philosophie stecken aufgrund seiner Beziehung zum tode ti (zum Hier und Jetzt) Raum und Zeit, und damit die subjektiven Formen der Anschauung, schon drin. Das Sein ist nicht „voraussetzungslos“, nach Hegel ist es das „reine, leere Anschauuen“ (und das Nichts das „leere Anschauen und Denken“). – Das tode ti ist der Staub, aus dem Adam geworden ist und zu dem er wieder werden wird, der gleiche Staub, von dem die Schlange sich nährt. Hegels Logik, als die konsequenteste Entfaltung dieses Zusammenhangs, abstrahiert wie die gesamte kirchliche Tradition, aus der sie hervorgeht, davon, was der biblische Text über Eva schreibt: von der Feindschaft zur Schlange und von den messianischen Wehen; ins Grammatische gewendet: Hegels Logik kennt nur Maskulinum und Neutrum, aber kein Femininum. Wie die kirchliche Tradition hat Hegel den Staub sozialisiert und die messianischen Wehen privatisiert.
    Das Sein ist das „reine, leere Anschauen“, das Nichts das „leere Anschauen und Denken“: Ist nicht die Beziehung von Sein und Nichts eine dreifache (und nur das Nichts ein einfaches)?
    Wenn das Sein das reine, leere Anschauen ist, bezeichnet es dann nicht
    – einerseits den blinden Fleck in der Anschauung, die Abstraktion vom Licht, und
    – verweist es nicht andererseits auf die innere Beziehung der Formen der Anschauung zur Kopula, zur Urteilsform?
    Bezieht sich nicht der prophetische (und apokalyptische) Begriff der Unzucht auf diese Kopula: auf die falsche Vereinigung des Getrennten (durch die Natur- und Weltbegriff sich wechselseitig begründen und stabilisieren)? Und ist nicht das Produkt dieser „Unzucht“, ihr Bastard gleichsam, das Neutrum (und am Ende der Hegelschen Logik, die die Logik des Neutrum ist, das Absolute)?
    Ist die Hegelsche Logik (und in ihr die Idee des Absoluten) die Außenseite des Dornbuschs, dessen brennende Innenseite die Selbstoffenbarung Gottes wäre?
    Der Weltbegriff ist der blinde Fleck im historischen Objektivierungsprozeß (Hegels „Sein“, als das „reine, leere Anschauen“ gehört hierher, auch das „Fürsichsein“, eigentlich jede Gestalt der Unmittelbarkeit in der Logik bis hin zu ihrer „Erfüllung“ in der Idee des Absoluten).

  • 6.6.1994

    Ist die Astrologie ein durch Verdrängung entstelltes und so unkenntlich gewordenes Denkmal des Turms von Babel?
    Zur Exodus-Geschichte: Wurden in Ägypten, beim Bau der Pyramiden, Ziegel verwandt?
    Die Kirchengeschichte ist der unwiderlegbare Beweis, daß die Bitte „et ne nos inducas in tentationem“ bis heute nicht erhört wurde.
    Woher kommt eigentlich dieser Anhang zu Vater unser: denn Dein ist das Reich und die Kraft (Macht?) und die Herrlichkeit? Wird hier nicht, was im zweiten und dritten Vers (als Bitte, als Verlangen, als Wunsch: geheiligt werde dein Name, dein Wille geschehe …) anklingt, die Ohnmacht Gottes, triumphalistisch niedergedonnert und übertäubt?
    Die Vorstellung des Objekts ist die sich auf sich selbst beziehende Vergangenheit im Objekt, die durch die Form des Inertialsystems vermittelt, darin vorgebildet ist. In der Vorstellung wird die Zukunft mit der Vergangenheit kurzgeschlossen.
    Mit der Opfertheologie und mit der Lehre von der Entsühnung der Welt haben wir uns das Alibi geschaffen, das es uns erlaubt, die Welt zum Teufel gehen zu lassen, wenn wir nur selbst gerettet sind. Über dieses Konzept ist das Selbsterhaltungsprinzip und seine neutralisierende und zerstörende Gewalt (der Greuel der Verwüstung) in die Theologie eingewandert und zugleich legitimiert worden. Dieses Konzept liegt der Konstituierung des Inertialsystems zugrunde, mit dem es am Ende von der Theologie sich abgelöst, gegen sie sich verselbständigt hat.

  • 5.6.1994

    Die Lichtgeschwindigkeit ist als Grenze zugleich ein Moment der Beziehungen zwischen thermischen und optischen Erscheinungen. Und das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ist der Grund der Existenz des Planckschen Wirkungsquantums (und der elektrischen Elementarladung).
    Hängt der Rock aus Fellen mit dem Bogen in den Wolken zusammen (und das Feigenblatt mit der Sintflut)? Ist die Farbe ein Schamprodukt (aufgrund ihrer Beziehung zum Licht)?
    Die Bewußtlosigkeit unserer Theologie ist der Grund ihrer Selbstzerstörung.
    Das Über-Ich ist der Schatten, den das Ich auf das Gewissen wirft. Dagegen richtet sich das vierte Gebot.
    Bezieht sich die Frage der Frauen, als sie zum Grabe gingen: „Wer wird uns den Stein wegräumen?“, auf Petrus?
    Stecken nicht in dem „leer, gereinigt und geschmückt“ die drei Leugnungen? Und kann man nicht die drei Adjektive ersetzen durch Universum, mundus und kosmos?
    In den modernen europäischen Sprachen haben sich die Suffixe, die Grundlage der Konjugationen, zu selbständigen Personalpronomina und Hilfsverben gegen die Verben verselbständigt; zugleich hat sich die sprachliche Gestaltung der Verben verändert, während die Nomen zu Substantiven geworden sind: So hat sich das Ding von der Sache getrennt.
    Im griechischen „einai“ wurde das Infinitiv-Suffix zum Sein verselbständigt. Definieren nicht die Infinitivbildungen des Hilfsverbs Sein (der Kopula des Urteils) des Status der Verben in den Sprachen? Das gilt fürs deutsche Sein ebenso wie fürs englische to be (verbale Hypostasierung eines für die Organisation der Sprache zentralen Präfixes: des be-; Zusammenhang mit der den Empirismus fundierenden Logik der englischen Sprache).
    Nichts gefährlicher, als wenn einer, der in der christlichen Tradition aufgewachsen ist, die Bibel aus dem Gedächtnis zitiert (sh. Theodor Haecker und Johann Baptist Metz).
    Hat Theodor Heuß, ohne es zu wissen, mit dem Begriff der Kollektivscham nicht den parvus error in principio getroffen? Ist diese Kollektivscham nicht der Kern eines Weltbegriffs, der den Anblick aller durch alle fixiert und dem keiner mehr entrinnt; ist sie nicht eine Konsequenz aus der falschen Übersetzung von Joh 129? Seitdem sind die Deutschen auf den Blick und das Urteil „des Auslands“ fixiert, und seitdem verweisen sie zur Selbstentlastung immer wieder darauf, daß sie (die andern Länder) ja auch nicht besser sind.
    Ist nicht die Geschichte mit den sieben unreinen Geistern ein Hinweis darauf, daß wer nach der absoluten Untat sich (wie die andern) endlich einmal auch unschuldig fühlen möchte (wie unter anderem auch in der Ökologie-, der Friedensbewegung u.ä.), Gefahr läuft, Opfer noch ärgerer Dinge zu werden? Die Frage ist nicht mehr, wie bleibe ich unschuldig, sondern: wie kann ich produktiv und ohne Selbsttäuschung mit dieser Schuld umgehen? Der Unschuldstrieb endet im Geschwätz und in der projektiven Verarbeitung der Wirklichkeit.
    Analyse der politischen Farben: Es gibt die Schwarzen, die Roten, die Gelb-Blauen und die Grünen.
    Die Hegelsche Logik ist die konsequenteste Selbstexplikation des durchschlagenen Knotens (des gordischen Knotens, nachdem der Aristotelesschüler Alexander ihn durchschlagen hat). Das Schwert, mit dem dieser Knoten durchschlagen wurde, war das kreisende Flammenschwert des Cherubs vorm Eingang des Paradieses.
    Zur Sintflut und zur Arche gehört die doppelte Version der Rettung der Tiere: einmal (so Elohim) sollte von allen Tieren je ein Paar mit in die Arche genommen werden (Gen 619), dann aber (so JHWH) von allen reinen Tieren je sieben, Männchen und Weibchen, von den unreinen Tieren je ein Paar, Männchen und Weibchen, auch von den Vögeln des Himmels je sieben, Männchen und Weibchen (72f). Vgl. hierzu die Bindung Isaaks (Aufforderung zum Sohnesopfer durch Elohim, der Engel JHWHs hält Abraham dann zurück).
    Antisemitismus, Xenophobie und Frauenfeindschaft sind die Fundamente der Bekenntnislogik. Was für die Griechen die Barbaren waren, das waren für die Christen die Heiden und die Ketzer (wobei der Islam beides in sich vereinigte, auch wenn der Aquinate sie unter den gentes, den Heiden, subsumierte: Folge der Rezeption des häretischen Elements in der Islamisierung des Christentums, die dann die Ursache für das Ende der häresienbildenden Kräfte im Christentum war).
    Gibt es nicht ein Systemprinzip, aus dem
    – die Häresien (ihre Abfolge seit der Gnosis) sich ableiten lassen, oder auch
    – die Momente des antisemitischen Vorurteils (vom Ritualmord, über den Hostienfrevel und die Brunnenvergiftung, bis hin zur zionistischen Weltverschwörung).
    Im Zentrum müßte das projektive Moment und das Schuldverschubsystem (im Kontext der Rezeption der Philosophie, des Ursprungs des Weltbegriffs) stehen.
    Das Systemprinzip der Frauenfeindschaft scheint dagegen auf einer anderen Ebene zu liegen: Während Antisemitismus und Fremdenfeindschaft in der Logik des Weltbegriffs liegen, liegt die Frauenfeindschaft dieser Logik zugrunde. Zusammenhang mit dem Kelchsymbol (und seinen Konnotationen)?
    Merkwürdige Affinität der Worte Welt und Kelch: Ersetzung der gutturalen Konsonanten durch labial-dentale.
    Neben den Etymologien gibt es auch Etymogeleinen. Dazu gehören die „Ableitungen“ von: Sein, Würde, Wasser, Sinn, to be. Und wie ist das eigentlich mit der Heiterkeit und dem Ungetüm? Haben diese Etymogeleien etwas mit dem zweischneidigen Schwert zu tun?
    Die Hegelsche Logik wird zur dialektischen Logik durch die Entfaltung der Differenz von Ding und Sache. (Welches griechische Äquivalent gibt es zur lateinischen res? Hat das pragma die gleiche Bedeutung wie die lateinische res?) Der Dingbegriff ist in sich selber theologisch vermittelt; er hat sich aus der Rezeption der Philosophie (der Logik des Weltbegriffs) in der Theologie (bzw. der Weiterbildung und Umgestaltung der Philosophie durch die Theologie, durch Opfertheologie und Bekenntnislogik) ergeben. Insbesondere verdankt sich die Rezeption der Philosophie im Römischen Reich, die Übersetzung der griechischen Kategorien der Metaphysik ins Lateinische durch Tertullian, dem Bedürfnis der Übersetzung der Trinitätslehre.
    Voraussetzung für die Entfaltung der Dialektik von Ding uns Sache war die kantische transzendentale Logik, die Hereinnahme des Objekts in die Urteilsform im Kontext der Lehre von den subjektiven Formen der Anschauung.
    Frage: An welchem Ort ist das Vergangene:
    – In der Unterwelt,
    – in Himmel, Hölle und Fegfeuer,
    – in den Bibliotheken oder
    – in unserm Kopf?
    Aber tun wir nicht alles, das Vergangene zum endgültig Vergangen zu machen (um dem Schuldzusammenhang und der Last der Erinnerung zu entrinnen, zur Absicherung des Inertialsystems und der Naturbeherrschung, zur Konstituierung einer Welt, die nur noch als Reflex des Prinzips der Selbsterhaltung sich manifestiert): Wir halten uns unsere Vergangenheit wie exotische Tiere im Zoo, wie Kunstwerke im Museum, als Mittel der Unterhaltung im abendlichen Fernsehprogramm. Domestiziert im historischen Objektivationsprozeß, zugerichtet zum Objekt des bloßen Zuschauens, der folgenlosen Neugier, neutralisiert zum Panoptikum, fremd und banal wie die Sternenwelt (zu den Folgen der Logik der Schrift gehörte einmal die gemeinsame Entdeckung der Astronomie und der Geschichte).
    Berichtigung: Das Absolute ist der Schatten, den das Subjekt auf den Namen Gottes wirft (nicht auf Gott, der jenseits aller Schatten ist).

  • 4.6.1994

    Weltbegriff:
    – Das Eine ist das Andere des Anderen. Logik des Andersseins.
    – Logik des Andersseins ist die Logik der Vergesellschaftung. Der Blick des Andern, die Scham und der Objektbegriff (Aufdeckung der Blöße).
    – Das tode ti, der Ursprung des Objektbegriffs, die subjektiven Formen der Anschauung. Der Raum, die Verdrängung der Vergangenheit und die Konstituierung des inneren Sinns.
    – Objektivation und Instrumentalisierung: die Wiederkehr des Verdrängten.
    – Medien der Objektivierung: die subjektiven Formen der Anschauung (der Raum, das Geld und die Bekenntnislogik).
    – Ursprung der Raumvorstellung, Entfaltung der mathematischen Logik des Raumes: die alte Welt und der Winkel (Orthogonalität), die neue Welt und das Inertialsystem (Verdinglichung).
    – Der Raum (das Geld, das „Bekenntnis“): das halbierte Licht (das Sein und das Eigentum, Ursprung der Urteilsform).
    – Gemeinsamer Ursprung des Weltbegriffs und des Staates (als Organisationsform einer Gesellschaft von Privateigentümern). Der Weltbegriff als apriorische Logik der Welterfahrung: die Urteilsform. Das Urteil, die Scham, die aufgedeckte Blöße, das Keuschheitsgebot. Scham und Herrschaft, Weltbegriff und Sexualmoral (Besiegelung der apriorischen Weltlogik). Die Urteilsform, der Staat und das Absolute (die Gottesleugnung).
    – Nicht Gott, sondern der Staat (der gnostische Demiurg) hat die Welt erschaffen; Gott hat Himmel und Erde erschaffen.
    – Der Raum, die Mathematik: das bewußtlose Medium der Vergesellschaftung. Erinnerung und Sprache: der Begriff und die benennende Kraft der Sprache.
    – Die Armut (oder die Sünde der Welt), die Keuschheit (oder Herrschaftskritik und Scham; „Kollektivscham“ und Restauration der Herrschaftsstrukturen) und das Hören (nicht der Gehorsam).
    – Zum Weltbegriff gehört das Tier (und der Schöpfer der Welt, das Absolute, ist ein Tier).
    Gewaltenteilung: Ist nicht die eigentliche gesetzgebende Gewalt das Geld?
    Die Trennung von Ding und Sache gründet im modernen Wertbegriff und ist insofern aus der Geldgeschichte ableitbar.
    Gemessen an der griechischen Idee der Polis ist die Trennung von Ding und Sache „idiotisch“. Es ist der idiotes, der in der Hegelschen Rechtsphilosophie die Letztentscheidung an den Monarchen delegiert und darin sein „Bewußtsein der Freiheit“ gewinnt: Der König ist eine Ich-Funktion.
    Sokrates und Jesus haben selber nichts geschrieben. Die Bibel verdankt sich u.a. auch der Anstrengung, gegen die Logik der Schrift zu schreiben, im Medium der Schrift deren Logik nicht zu verfallen (heißt die Schrift der Bibel deshalb die „hebräische“, und war es erst nach Jesus möglich – und notwendig? -, griechisch, und d.h. gegen den Geist dieser Sprache, zu schreiben?).
    Die grammatische Organisation und Entfaltung der Schriftsprachen – und die erste war die heute so genannte „sumerische“, die chaldäische Sprache – verdankt sich der Auseinandersetzung mit der vorgegebenen Logik der Schrift: Die Geschichte der Grammatik ist die Geschichte der Entfaltung der Logik der Schrift in der Sprache. Ihr Nebenprodukt und die Rückführung auf den Grund dieser Logik ist die Geschichte der Entfaltung des Inertialsystems.
    Die drei Richtungen des Raums sind der Grund und das Bild des liberum arbitrium, sie sind „Freiheitsgrade“ deshalb, weil dank der Dreidimensionalität des Raumes jede Richtung in ihm durch Drehung des Objekts im Raum, ohne daß seine Identität affiziert wird, intendierbar ist. Zum Weltbegriff gehört das Tier. Und der Schöpfer der Welt, das Absolute, ist ein Tier.
    Die Philosophie ist die Rückseite der Prophetie, und so sind beide aufeinander bezogen: Es bedarf nur der Umkehr. Und wenn die Geschichte der christlichen Theologie seit den Kirchenvätern die Geschichte der Theologie hinter dem Rücken Gottes ist, so ist mit dieser Beziehung (der Beziehung zweier Seiten eines Blattes) der Weg zu einer Theologie im Angesicht Gottes vorbezeichnet.
    Das „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu bringen, und ich wollte, es brennte schon“, diese Umwandlung des Wassers in Feuer ist vorbezeichnet in der Verwandlung des Wassers in Wein in Kana und in den Feuerzungen zu Pfingsten.
    Ist das Problem des biblischen Schöpfungsberichts nicht auch ein Problem der Beziehung von Synchronie und Diachronie? Die sieben Tage werden durch sechs Nächte (sechs Finsternisse) getrennt (nach der Lösung des siebten Siegels war eine Stille im Himmel).
    Die sieben Donner durften nicht niedergeschrieben werden, wohl aber die sieben Posaunen und die sieben Plagen, deren Abfolge gleich ist.
    Der Ursprung des Weltbegriffs wird in der Noah-Geschichte beschrieben, in der Geschichte von der Sintflut, der Tiere in der Arche, des Weinbaus, der Trunkenheit, der aufgedeckten Blöße und des Ursprungs der Knechtschaft sowie in dem neuen Nahrungsgebot.
    Bezeichnet nicht der Turmbau zu Babel, der die Verwirrung der Sprache zur Folge hat, den Ursprung der Logik der Schrift? Es wäre ein entscheidender Schritt, wenn es gelingen würde, aus der „sumerisch“-chaldäischen Sprache, der ersten Schriftsprache (und der ersten „heiligen Sprache“), der Ursprung der semitischen und der indogermanischen Sprachen sich herleiten ließe.
    Kanaan ist selbst eines der sieben Völker Kanaans.
    Für Ägypten sind die Hebräer Sklaven, für die Philister sind sie Feinde. Abraham war ein Hebräer: dazu gehören die Geschichten mit Abimelech, dem König der Philister, und dem Pharao, dem König Ägyptens.
    Wer waren die Bewohner Sodoms, und wer waren die Bewohner Jerichos? Rahab in Jericho hatte die Kundschafter der Israeliten aufgenommen, Lot in Sodom die Engel Gottes (in Gibea war es ein alter Mann aus dem Gebirge Ephraim, der als Fremder in Gibea lebte, der einen Leviten, der als Fremdling im hintersten Gebirge Ephraim lebte, zusammen mit seiner bethlehemitischen Nebenfrau aufgenommen hatte).

  • 3.6.1994

    Wie tief die Hegelsche Staatsmetaphysik verwurzelt ist, mag man daran erkennen, daß das Carl Schmittsche Konstrukt von Souveränität, Notstand und Führerprinzip sein Modell in der Hegelschen Rechtsphilosophie (278) hat. Genau diese Stelle ist der Beweis dafür, daß auch die Dialektik die Asymmetrie der Beziehung des Ich zu den Andern nicht aufhebt, sondern zugunsten der Andern (der Welt) neutralisiert.
    Die Welt ist für jeden die Welt für die Anderen; das Anderssein der Andern (nicht zu verwechseln mit dem Fremdsein) begründet die Objektivität der Welt.
    Zur logischen Äquivalenz von Individuellem und Allgemeinem (oder Problem einer Geisterlehre): Kann es nicht sein, daß, was hier ein Individuelles, dort ein Allgemeines, und das, was hier ein Allgemeines, dort ein Individuelles ist: daß die Einzelsterne Gattungen sind, und die Gattungen Geister? Liegt hier der logische Grund für die Konzeption des Tierkreises und der frühchristlichen Engellehre (auch der biblischen Himmelsheere und des göttlichen Hofstaates)? Dann wären die subjektiven Formen der Anschauung der genaue Reflex der christlich-mythischen Gestalten des Satan und des Teufels. Und was bedeutet dann die Entdeckung des Begriffs: war sie nicht der Anfang der Vertreibung der Engel? Oder anders: Greift hier nicht eine Art Umkehrung des Verhältnisses von Natur und Welt (Objekt und Begriff), so daß wir in der Tat nur durch unseren Beitrag zur Rettung der Welt hindurch gerettet werden können? Wirft das nicht ein neues Licht auf die paulinischen Archonten und auf den Namen des Fürsten dieser Welt?
    War nicht der Kreuzestod die antizipierte Strafe für eine Untat, die erst folgte, oder ist er dazu erst durch die christliche Opferthologie geworden? Bezieht sich darauf nicht das jesuanische Kelchsymbol (in der Antwort an die Zebedäussöhne, in Gethsemane und in dem Hinweis an Petrus)?
    Die Bemerkung, daß die Theologie heute „bekanntlich klein und häßlich“ sei, ist noch zu harmlos: Sie ist zur Stätte des Greuels der Verwüstung geworden.
    Kann es sein, daß es deshalb keine Aktualisierung der Marxschen Kapitalismus-Kritik mehr gibt, weil niemand mehr fähig ist, in diesen Abgrund zu schauen?
    War nicht die Vertreibung der Händler und Wechsler aus dem Tempel der letzte Akt des Kampfes gegen Kanaan, und enthält sie nicht den Hinweis, daß zur Theologie heute eine Geschichtstheologie der Banken gehören müßte? Die Befürchtung scheint nicht unbegründet, daß eine Kritik der Banken davon ausgehen müßte, daß es eine technische Lösung des Problems nicht gibt: Es gibt keine Alternative zu den bestehenden Institutionen, gleichwohl muß man dem, was ist, ins Auge sehen, – und es dann auch aussprechen: Ninive wird in 40 Tagen zerstört.
    Der Sündenfall hat sehr viel mehr mit der Organisation und Entfaltung der Sprachen (Grammatik, Beziehung der Sprachen zur Mathematik und Ursprungsgeschichte des Neutrums) zu tun als mit der Sexualmoral.
    Die besondere theologische Qualität der deutschen Sprache, die nicht zu leugnen ist, kann man an Begriffen wie „Fall“, an der Unterscheidung von Zorn und Wut (sowie Ding und Sache), auch an Begriffen wie Urteil und Empörung ermessen.
    Zusammenhang der Urteilsform mit den subjektiven Formen der Anschauung: Ihr gemeinsamer Ursprung liegt in der Halbierung des Lichts. Das erste Urteil gründete in der Abstraktion vom Gesehenwerden. Insofern ist die Scham in die Konstruktion des Urteils mit eingegangen. Das Objekt ist ein Produkt der projektiven Verarbeitung der Scham; es ist die Scham vor vor dem leeren Blick des Allgemeinen, vor dem subjektlosen „Gesehenwerden“ durch den Begriff, die das Objekt gegen den Begriff zusammenschließt, durch die es gegen den Begriff sich vergegenständlicht (Genesis der Urteilsform). – Deshalb war der Heußsche Begriff der „Kollektivscham“ so verhängnisvoll: Er hat die Deutschen an den Blick „des Auslands“ gefesselt, in dem sie sich seitdem „spiegeln“. Die Fremdenfeindschaft heute ist ein ebenso ohnmächtiger wie vergeblicher Ausbruchsversuch.
    Mit dieser Beziehung des Urteils zur Scham (der Verwechslung der Wahrheit mit der aufgedeckten Blöße) hängt der Ursprung der Sexualmoral zusammen.
    Creatio mundi ex nihilo: Das Nichts, aus dem Gott die Welt erschaffen hat, ist das durch die Verdrängung der Scham erzeugte Nichts. Hier liegt der Ursprung des Idealismus. Und vor diesem Hintergrund gewinnt Heideggers Frage „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts“ ihre ungeheuerliche Bedeutung.
    Das Keuschheitsgebot, das sich auf diese Geschichte der Scham und des Urteils bezieht, gehört wirklich zu den Fundamenten der Theologie. Und der Greuel der Verwüstung ist das Produkt der vollständigen Entblößung (Philosophie heute wäre Reflexion des Ekels).
    Wodurch unterscheiden sich Kohl, Hintze, Rühe, Seiters, Schäuble und Kanter von Kinkel, Frau Schwätzer, Rexrodt? Nur durch die Reflexion des Ekels hindurch, so scheint mir, läßt sich der Abgrund dieser Koalition noch ausmessen. Koalition der aussitzenden Gnade der späten Geburt mit den gnadenlosen Leistungsträgern: Und daneben eine SPD, die den Eindruck erweckt, daß ihr das imponiert.
    In der Anmerkung zu 279 seiner Rechtsphilosophie gibt Hegel einen bedeutenden Hinweis auf den Zusammenhang des Begriffs mit der Schicksalsidee (Hinweis auf den Dämon des Sokrates) und auf den Hintergrund, auf den sich die Untersuchung von Marie Theres Fögen über die „Enteignung der Wahrsager“ bezieht. Hier übrigens auch das Wort von der „wüsten Vorstellung des Volkes“ (die „formlose Masse, die kein Staat mehr ist“). In Hegels Staatslehre steht der Monarch an der Stelle, an der in der Theologie das Opfer steht: als Verhinderer des Chaos.
    Ist nicht der Zerfall der europäischen Agrarmarktordnung in den 70er, 80er Jahren (ähnlich wie die sogenannte Schuldenkrise der Dritten Welt) ein Menetekel für das Schicksal der Geldwirtschaft insgesamt: die Schrift an der Wand?
    Ist die Hegelsche Philosophie nicht der Beweis für die Wahrheit der biblischen Überlieferung, daß außer Petrus nur die Dämonen den Gottessohn erkennen?
    Wenn die Philosophie der Leib Christi ist, dann wäre heute die descensio ad inferos an der Zeit. Nicht auszuschließen, daß sie dort auf die Propheten trifft.
    Gründet nicht die Erbaulichkeit im Selbstmitleid (in der Anwendung des Schuldverschubsystems aufs Opfersein, oder in der Verschiebung der Armut von der Realität draußen ins Selbstgefühl drinnen): In der Ersetzung der Nachfolge durch die Imitatio?
    Daß der Terrorismus-Paragraph im Strafrecht nur ein Instrument zur Bekämpfung und Diskriminierung der Linken war, ist daran erkennbar, daß er bei den Nachfahren der größten terroristischen Vereinigung, die es in diesem Lande je gegeben hat, nicht greift.
    In Westfalen sagt man statt „es ist egal“: et is een Dohn, es ist ein Tun. Das heißt: das eine Tun unterscheidet sich nicht von dem anderen, beide sind in ihren Folgen gleich.

  • 2.6.1994

    Zur Bedeutung des Kelchs (und seine Beziehung zum Raum, zum Inertialsystem) sh. Mt 2325: „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, daß ihr die Außenseite des Bechers und der Schüssel reinigt; inwendig aber sind sie gefüllt mit Raub und Unmäßigkeit. Du blinder Pharisäer, mache zuerst den Inhalt des Bechers rein, damit auch seine Außenseite rein wird“, sowie Mt 1511: Nicht was in den Mund hineinkommt, verunreinigt den Menschen, sondern was aus dem Mund herauskommt, das verunreinigt den Menschen.“ Das Gesetz der subjektiven Formen der Anschauung verdinglicht die Dinge, macht sie zu Dingen „im“ Kelch von Raum und Zeit, unterzieht sie der Taufe der Vergangenheit. Die subjektiven Formen der Anschauung sind als „unsere“ Formen der Anschauung der Kelch, aus dem wir die Erkenntnis „trinken“: sie machen die Tatsachen zu „Tatsachen“ (zum „Greuel und Schmutz der Unzucht“ – Off 174).
    Das Inertialsystem: die Umkehr des Gewissens.
    Das Wort „Laß die Toten ihre Toten begraben“ (Mt 822) ist der zentrale Einwand gegen den Historismus.
    Wer der Erkenntnis, daß keine Vergangenheit nur vergangen ist, (der Einsicht in den realen Schuldzusammenhang mit der Vergangenheit) sich entziehen will, dem bleibt nur das Exkulpationsritual der Empörung; und gehören nicht kontrafaktische Urteile zu dieser Form der Empörung, die – wie das Geschwätz, das sich aus der gleichen Empörungslogik speist – objektiv folgenlos bleibt, aber im Subjekt die Knechtsgesinnung installiert?
    Der Historismus ist wie die Naturwissenschaften ein Instrument des Aufdeckens der Blöße.
    Das Innere ist das Äußere des Äußeren. Dieser Satz beschreibt das Resultat des Prozesses der Verinnerlichung der Scham: Korrelat des Aufdeckens der Blöße (Kritik der Innerlichkeit).
    Die Opfertheologie hat der Nachfolge den Weg verlegt.
    Kann es sein, daß in der Bibel aus prophetie-logischen Gründen synchrone Geschehnisse in diachrone umgeformt werden (Abraham, Josue)?
    Hat das Rosenzweigsche B = B etwas mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, konkret mit dem Bereich, auf den sich Zeitdilatation und Längenkontraktion beziehen, zu tun (und ist die logische Entwicklung, die von diesem B = B ins Zentrum der Theologie hineinführt, der Schlüssel zur Lösung des Rätsels der Physik)? Und hat nicht der Bogen in den Wolken etwas mit dem Menschensohn auf den Wolken des Himmels zu tun (wie der Regentanz der Wilden mit der Prophetie)?
    Zu Regen und Prophetie: Elias, die Dürre und der verschlossene Himmel: Drei Jahre und sechs Monate war der Himmel verschlossen (Lk 425, in Anlehnung an Dan 725, 127, vgl. aber 1 Kön 171, 181).
    Astrologie als transzendentale Logik: Gehört der Saturn zu Sonne und Mond (zu den 3 „Totalitätsplaneten“, die die Natur, das Wissen und die Welt repräsentieren), während die anderen vier Planeten (Jupiter, Mars, Venus und Merkur) die „Kategorientafel“: Herrschaft und Feindschaft, Sexualität und Kommerz, repräsentieren?
    Gibt es eine Beziehung zu den Tugendtafeln:
    – theologische Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe,
    – Kardinaltugenden: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, und Maß?

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie