Apokalyptische Motive (gegen den Begriff „apokalyptische Stimmung“): – Sodom, Jericho und Gibea; in allen drei Fällen endet die Aggression gegen Fremde mit der Zerstörung der Städte; – die Ham/Kanaan-Geschichte; die aufgedeckte Blöße und die Knechtschaft (vgl. Sonnemanns Begriff der „Knechtsgesinnung“; „Das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten“ ist eher ein apokalyptisches Buch als Anders‘ „Antiquiertheit des Menschen“). Es geht nicht um eine apokalyptische Stimmung, die eher Gegenstand der apokalyptischen Erkenntnis ist, auf keinen Fall aber ihr Grund; Ziel wäre vielmehr die Aufdeckung des rationalen Elements in der Apokalypse (Beziehung zur Prophetie, zum Ursprung des Staates und des Weltbegriffs). Einwürfe 2 (Jürgen Ebach), S. 9: Die Apokalypse ist kein „mythischer Name“ des Grauens, sondern der Name des Versuchs, das Grauen rational zu durchdringen (vgl. Jeremias‘ „Grauen um und um“). Nicht „den geheimen Verlauf der Geschichte zu enthüllen“ (S. 12), sondern die Aufdeckung des durch den Geschichtsverlauf Verhüllten ist das Ziel der Apokalypse. „Das offene Heraussagen dessen, was ist“ (S. 13): Entscheidend ist der Aktualitätsbezug, der „Zeitkern der Wahrheit“. Vorstellbar wäre der Begriff einer „apokalyptischen Theologie“, die diesen Gegenwartsbezug, die endgültige Abweisung des „Überzeitlichen“, aufnimmt und realisiert. Der Weltbegriff (oder auch der Begriff) gründet in der Verräumlichung der Zeit, der Naturbegriff (oder die Objektvorstellung) in der Verzeitlichung des Raumes. Die Polis war die Gemeinschaft von Privateigentümern; das gemeinschaftsgründende Prinzip der Polis ist im Bekenntnisbegriff verinnerlicht worden. So wie es eine Polis ohne den Namen der Barbaren nicht gibt, gibt es auch den zugehörigen Begriff des Allgemeinen nicht ohne Paranoia; diese Allgemeinheit mündet direkt in der Gemeinheit. Rechtfertigungszwang, Paranoia und Projektionszwang bilden ein System. Bezieht sich die babylonische Sprachverwirrung auf die Entstehung verschiedener Sprachen oder auf die eines internen Zustands der Sprache (auf eine veränderte Sprachlogik: auf den Beginn der Selbstzerstörung der Sprache, die Neutralisierung ihrer benennenden Kraft)? Der Weltbegriff ist der Inbegriff einer Logik, die unsere Erfahrung organisiert, wobei in die Struktur dieser Logik die drei Momente: Rechtfertigungszwang, Paranoia und Projektionszwang, mit eingehen. Ist nicht der Begriffsrealismus, für den jeder Ausländer die Verkörperung des Auslands (und jeder Jude die des Judentums) ist, die sich dann auch noch zu Richtern über uns machen, ein Erbe der christlichen Theologie? Entscheidend die Erkenntnis, daß die christliche Theologie insgesamt in die Dialektik der Aufklärung verstrickt ist, und zwar durch ihren dogmatischen, durch ihren Absolutheitsanspruch. Dagegen steht ein theologischer Erkenntnisbegriff, der vom wissenschaftlichen, den er voraussetzt, – durch den Begriff der Umkehr, – durch das benennende gegen das begriffliche, subsumierende Element, – als Erkenntnis im Angesicht Gottes, gegen die objektiverende Erkenntnis (hinter dem Rücken), – durch das herrschaftskritische Element (durch die Kritik des Weltbegriffs) sich unterscheidet. Dieser Erkenntnisbegriff zielt ab auf die Einheit von Erkenntnis und Gebet.
Theologie
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15.5.1994
Stimmt es eigentlich, daß auch der Behemoth eine „lebenswidrige Chaosmacht“ ist? Immerhin ist das „weiße Nilpferd“ als Göttin u.a. Schutz für Schwangere und Gebärende, während nur das „rote Nilpferd“ verfolgt wird als Chaosmacht. Kann es nicht sein, daß auch das „rote Nilpferd“ für Ägypten nur deshalb eine Chaosmacht ist, weil es die Barmherzigkeit, die es im Sklavenhaus nicht geben darf, repräsentiert? Im Buch Hiob frißt der Behemoth „Gras wie das Rind“, wird er der „Erstling des göttlichen Schaffens“ genannt. Hingewiesen wird eigentlich nur darauf, daß er niemals Objekt der Herrschaft sein wird: „Wer dürfte ihm in die Augen greifen, mit Stricken ihm die Nase durchbohren?“ – In welcher Beziehung steht der Behemoth zum apokalyptischen Tier aus der Erde?
Hat Walter Benjamin mit dem Hinweis darauf, daß die jüngst vergangene Mode jeweils das Veraltetste ist, nicht eine Spur gelegt, der nachzugehen wäre?
Weshalb durfte der Verfasser der Johannes-Apokalypse die „Worte der sieben Donner“ (104) nicht aufschreiben?
Ist die Salome-Johannes-Geschichte die Umkehr der Judith-Holofernes-Geschichte?
Todesstrafen im NT: Johannes und das Schwert, Jesus und das Kreuz, Stephanus und die Steinigung.
Zu Hegels Naturphilosophie (in der Enzyklopädie): Steckt sie nicht voller Lichtpunkte, die an die Jenenser Ursprungsphase der Hegelschen Philosophie erinnern, die aber unterm Bann des Systems gleichsam einem Sprechverbot unterworfen werden. Wenn Hegel im Hinblick auf die „empirischen Erscheinungen der Fortpflanzung des Lichts“ von zwei Sphären spricht, bricht da nicht die dialektische Logik auseinander in eine unvermittelte Unmittelbarkeit und eine Vermittlung, deren Produkt ein An-sich ist, das mit der unvermittelten Unmittelbarkeit nicht mehr identisch ist? Die zwei Sphären rütteln am Systemgrund der Hegelschen Philosophie.
In der Idee des Absoluten benennt Hegel den Preis, der am Ende für die christliche Tradition des Begriffs der Anschauung Gottes zu zahlen ist. Wenn die Kirche mit der Opfertheologie und mit der traditionellen Interpretation von Joh 129 Jesus mit der Last allein gelassen hat, hängt das nicht auch damit zusammen, daß die Kirchen die Fluch über Adam (den Staub) generalisiert, die Frauen aber mit den Schmerzen der Geburt ebenfalls allein gelassen: aus den messianischen Wehen sich herausgestohlen haben?
Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben: Trinkt den Kelch, aber werdet nicht trunken, verfallt nicht der (trunken machenden) Paranoia, seid arglos: Sprengt das Universum. Ist die Wiedergewinnung der benennenden Kraft der Sprache heute an die Sprengung des Zeitkontinuums gebunden, an eine Umkehr, in der der Name Gottes sich restituiert?
Zur Frage der Chronologie: Kann es sein, daß die Schrift in ein Nacheinander verwandelt hat, was eigentlich im Bilde einer gleichsam orthogonalen Gleichzeitigkeit zu begreifen wäre (Abraham, Moses, David)?
Sind die Planeten (ihre Eigenschaften und Bahnen) räumliche Fixierungen von Zeitdimensionen?
Satan, Teufel und Dämonen: Repräsentieren die Dämonen in dem vom Ankläger und Verwirrer konstituierten Kontinuum den Objektbegriff? Hat die Jesaia-Stelle über den Leviathan (271: die flüchtige Schlange, … die gewundene Schlange) etwas mit der Beziehung von Teufel und Satan (und mit der Richtungs- und Achsenfunktion der Dimensionen im Raum) zu tun? War das personalistische Teufelsverständnis des katholischen Mythos dämonisch? -
13.5.1994
Hängt die Beziehung der Schrift zum Problem der Eigentumsübertragung, zum Ursprung des Tauschprinzip, zusammen mit der Beziehung beider zum Namen (der Name und die Logik der Schrift)? Ist die Schrift ihrer eigenen genetischen Logik zufolge eine enteignete Sprache (und liegt darin der Grund für den Namen der „hebräischen“ Schrift wie auch für die logisch-grammatische Durchorganisation der Sprache im Kontext des Ursprungs und der Entfaltung der Schrift)?
Zu den sieben Siegeln der Apokalypse: Gehört neben der Maske und als Teil ihrer Vorgeschichte nicht auch das Siegel zur Geschichte des Ursprungs des Personbegriffs?
Gehören nicht die Sakramente ebenso wie vorher die Astrologie zur monarchischen Organisation des Staates (und der zugehörigen Welt), und ist der traditionelle Katholizismus nicht durch sein eigenes Strukturprinzip auf die monarchische Tradition verwiesen? Liegt hier nicht der Grund dafür, daß heute eine katholische Theologie fast nicht mehr rekonstruierbar ist?
Ist uns unser physisches Inneres (Herz, Lunge, Leber usw.) nicht genau so fremd wie Sonne, Mond und Sterne?
Definition des Naturbegriffs: Objekte der
– Herrschaft durch Demut,
– Verschuldung durch Entsühnung,
– Verblendung durch Erkenntnis.
Drachenfutter: das Fernsehen, der politisch-ökonomische Inzest (die neoliberale Wirtschaftspolitik) und die Kapitulation der Kirchen. Aber gehört nicht der Verzehr des Leviathan zum messianischen Hochzeitsmahl?
Randbedingungen des Rassismus und der Fremdenfeindschaft: die Verdrängung des kannibalistischen Aspekts der Eucharistie, die Rechtfertigungslehre und die projektive Sexualmoral. -
11.05.94
Im Buch Hiob werden mit dem Namen der Kanaanäer die Händler bezeichnet, unter die der Leviathan sich nicht aufteilen läßt (4025). Ist Behemoth, der Gras frißt wie ein Rind (4010), Babylon und Leviathan, der sich nicht zum Handelsgut machen läßt, Ägypten (Mizraim)? – Nach Dan 422 war es Nebukadnezar, der sich „von Gras nähren“ sollte, „wie das Vieh“ (wie Behemoth). Ist nicht der unreflektierte Gebrauch des unaussprechbaren Gottesnamens (des Tetragrammaton) Produkt der dem Weltbegriff einbeschriebenen Exkulpationsautomatik, ein Produkt historisierender Vergegenständlichung, die ihr Objekt in den Irrealis setzt, jene Schuldbeziehung, die den Namen (mit dem Gott nur sich selbst benennt) ebenso unaussprechbar macht wie das Ich eines anderen, durch Vergegenständlichung neutralisiert. Der Gebrauch des Namens JHWH steht in der Tradition des deutschen Idealismus: der Hypostasierung des Ich (oder der Verdrängung der Todesangst, deren Name „Ich“ ist). Vgl. hierzu Kafka: Ewige Jugend ist unmöglich; selbst wenn kein anderes Hindernis wäre, die Selbstbeobachtung machte sie unmöglich. (10.4.22, Tagebücher, S. 579) Gehören die Datenbanken zur Geschichte der Banken?
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10.5.1994
J. Goody, Die Logik der Schrift, S. 283: „… findet sich während der gesamten Menschheitsgeschichte ein Zusammenhang zwischen Geldverleih, Bankwesen und Literalität.“ Die Kanonisierung heiliger Schriften ist Ausdruck einer präzise zu bestimmende Phase in der Geschichte der Beziehung der Schrift zur Ursprungsgeschichte des Staates. Das Schreiben sowohl Homers als auch der Autoren der Bibel war kein bloß technischer Vorgang (die Vorstellung, daß nur niedergeschrieben wurde, was zuvor in mündlicher Tradition hervorgebracht worden ist und herangereift war, ist naiv). Das Schreiben selbst war Quelle und Organisationsprinzip einer neuen Sprache und eines neuen Inhalts. So ist der Staat ein Produkt der Schrift und selber wiederum ein Agent ihrer Weiterbildung und Entfaltung (war nicht Cicero ein Augur?). Das Wort vom Binden und Lösen: „Was du auf Erden binden wirst, wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein“, hat auch kosmologische Bedeutung. Die Wendung, die die christliche Tradition dem Motiv der Sündenvergebung gegeben hat, ist heute in die Automatik des Weltbegriffs mit eingegangen: So wurde das Christentum überflüssig, aber die Welt zugleich zu einem Feld der Barbarei (zum Greuel der Verwüstung).
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9.5.1994
Es ist das Anschauen, das das Angesicht verdrängt und es durch Vorstellungen ersetzt. Das Anschauen als die reine Abstraktion vom Blick des andern, vom Gesehenwerden (der Ursache der Scham), ist zugleich die vollständige Identifikation mit dem Blick der anderen; darin gründen die Formen der Anschauung, die das Anschauen endgültig taktlos und voyeuristisch machen: zum Anblick der Blöße, die die Selbstverdammung zur Knechtschaft nach sich zieht. Die Idee einer „Anschauung Gottes“ ist die Kurzform der Theologie hinter dem Rücken Gottes, Grund der Idee des Absoluten, der Logik des autistischen Gottes. Die Neutralisierung und Verdrängung der Asymmetrie zwischen mir und den andern (die Subsumtion des Ich unter das Alle) geht nur über die Identifikation mit dem Anderssein (den Ursprung des Weltbegriffs) und die Leugnung des Selbst. Die Selbstverleugnung ist keine theologische Kategorie. Die Funktion und Bedeutung des Begriffs des Falls („die Welt ist alles, was der Fall ist“) läßt sich an dem ärztlichen „Wir“, das dem Patienten die Ehre des Subjektseins verweigert, das Ich des Patienten auslöscht („wie geht es uns denn heute“), ablesen. Emanationen der subjektiven Formen der Anschauung sind das Geld und die Bekenntnislogik. Die Bekenntnislogik (die Logik der „Weltanschauungen“) ist gleichsam die Innenseite der transzendentalen Logik: der entfaltete logische Sinn der Formen der Anschauung (die Logik des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs, als welche die Form des Raumes wie auch die Zeit am Ende sich enthüllt). Ist das Verhältnis des Geldes zu den Waren das Modell der Beziehung des Dings zu seinen Eigenschaften: das Geld das wahre hypokeimenon, oder auch die Wasser, die den Meeresboden bedecken? Die Idee der Seligkeit wird durch die Unsterblichkeitslehre nur abgelenkt und verwirrt, nicht erfüllt. Ist der grasfressende Behemoth (der Erstling der göttlichen Schöpfung) ein Monster (Hiob nachlesen)? Haben nicht die Kirchen den Teufel mit dem Satan ausgetrieben (war das die Verführung, der sie erlegen sind)? Und haben die Kirchen etwas mit dem Widersacher im Buch Hiob zu tun? Haben die sieben Köpfe des Drachen und des Tieres in der Apokalypse etwas mit den Planeten (mit der Astrologie) zu tun? Aber was bedeuten dann die zehn Hörner (und die sieben/ zehn Diademe des Drachen/ des Tieres)? Ist das archaische Lächeln (und das Lächeln der Seligen in Bamberg) ein Lächeln im Angesicht der Katastrophe; hat es nicht etwas mit dem Lächeln der Auguren zu tun? Und ist die Isaak-Geschichte die Ursprungsgeschichte dieses Lächelns? Die meisten Faschismus-Theorien tragen die Züge der Abwehr; deshalb erreichen sie ihren Gegenstand nicht. Gibt es überhaupt eine Chance, die Erfahrung, aus der der Faschismus erstanden ist, an sich herankommen zu lassen? Aber gründet darin nicht die Gefahr einer Transformation des Faschismus, der mit Sicherheit nicht in der gleichen Gestalt wiederkommen wird, in der er einmal da gewesen ist. Kontrafaktische Urteile haben eine Ähnlichkeit mit der Frage, ob es Leben auf anderen Planeten gibt. Sie lenken ab von den realen Problemen dieser Geschichte (dieses Planeten). Sie sind ein Element ideologischer Geschichtsschreibung; eine ihrer Brutstätten war der Marxismus, eine andere die nationalistische Geschichtsschreibung. Liegen nicht Auschwitz, aber auch die „Auschwitzlüge“ und die Friedhofschändungen von heute in der Konsequenz kontrafaktischer Urteile, sind sie nicht zu verstehen als der Versuch, die Geschichte zu korrigieren, ein einmal Versäumtes nachträglich doch noch in die Tat umzusetzen? Gehört nicht zum Schuldverschubsystem (dem Relativitätsprinzip wissenschaftlicher Erkenntnis) die Exkulpations- und Verteufelungslogik? Theologie im Angesicht Gottes ist der Versuch, in die Theologie die Idee der Auferstehung und das Bewußtsein des Jüngsten Gerichts mit hereinzunehmen. Die, die da sagen, daß die Deutschen nicht ewig im Büßerhemd herumlaufen können, wissen nicht, wovon sie reden: Was sie das Büßerhemd nennen, ist das weiße Kleid der Umkehr. Was sind das eigentlich für Christen, die das Wort Buße nur noch mit einem pejorativen Klang hören und aussprechen können (wie bei der „Büßerin“ Maria Magdalena, von der man sich nur noch hat vorstellen können, sie müsse es aber schlimm getrieben haben)? Ist der Menschensohn (der bar enasch) der Sohn des Enosch, in dessen Lebenszeit man anfing, den Namen des Herrn anzurufen? Mit der Sprengung des All hat Rosenzweig die Form des Raumes gesprengt, die drei „Freiheitsgrade“ des Raumes aus ihrer orthogonalen Verklammerung (aus ihrer Beziehung zum All, zum totalisierenden Weltbegriff) gelöst und als Freiheitsgrade in einen neuen Zusammenhang gerückt, in dem sie als Umkehr, als Name und am Ende als Angesicht sich enthüllen? Problem des Schreibens: Das Ganze ist durchsichtig und klar, aber immer, wenn ich es niederschreiben will, wird es chaotisch und undurchsichtig. Kann es sein, daß das Schreiben die Sache der gleichen Logik unterwirft, deren Destruktion die Voraussetzung dafür ist, daß sie klar und durchsichtig wird? Dann wäre der Knoten gelöst, wenn es gelänge, die Logik des Schreibens mit in die Reflexion und Kritik einzubeziehen (dem Bücherschreiben ein Ende zu machen)? Wie hängt die Logik der Schrift mit der Logik der Welt zusammen? Ist die Logik der Schrift die Logik der Veranderung (das Äquivalent des Inertialsystems in der Sprache): der Objektbindung? Ist die Schrift die das finstere Geheimnis abschirmende Außenseite des Dings? (Liegt hier der Grund der Pseudepigraphie im apokalyptischen Schrifttum, in der mittelalterlichen Philosophie und Mystik und der geschichtswirksamen Fälschungen im Mittelalter, sowie nicht zuletzt die Lösung der Rätsel der Chronologie – der „Sumerer“ und Karls des Großen, aber auch der chronologischen Beziehungen zwischen der Abraham-, Moses-/Exodus-/Landnahme- und der Königsgeschichte Israels, der Zuordnung zu der Geschichte Chaldäas, Kanaans, Ägyptens, der Philister, Assurs und Babylons?)
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8.5.1994
Die theologische Tradition hat Joh 129 durch die Pluralisierung der Sünde der Welt neutralisiert; durch das Verb „Hinwegnehmen“ hat sie das Wort des Täufers zu einem Instrument der Projektion und des Schuldverschubsystems gemacht; so ist es zum Prinzip der Selbstzerstörung und zur Quelle der Greuel der Verwüstung geworden.
Berufung im Mutterschoß (bei Jesaias und Jeremias, auch in der Jesus-Geschichte): Ist das die Berufung aus der Gebärmutter, aus der Barmherzigkeit. Macht der Barmherzige sich zum Mutterschoß Gottes, und hängt das zusammen mit dem „in Schmerzen wirst du gebären“ und dem Begriff der messianischen Wehen? „Abgewichen sind die Gottlosen vom Mutterschoße an, es irren vom Mutterleibe an die Lügenredner.“ (Ps 584)
Ist die „Rechte Gottes“ seine Gebärmutter (der Ort der Barmherzigkeit)? Beziehen sich hierauf (auf den zur Rechten sitzenden Sohn) die messianischen Wehen?
Es ist die Barmherzigkeit, die die Prophetie auf die Aktualität verweist, und unbarmherzig geworden ist die Philosophie durch den Begriff, durch dessen Beziehung zur Zeit, die in der Löschung der Aktualität durch die Beziehung zum tode ti gründet.
Karl Thieme, der darauf hingewiesen hat, daß Hitler nicht der Antichrist gewesen sei, wohl aber die Generalprobe, war der einzige, der in den 50er Jahren eine Umfrage einer katholischen Monatszeitschrift (Wort und Wahrheit) zum Thema „Heiligung der Welt“ mit dem Hinweis auf die Gegenstandslosigkeit dieses Worts beantwortet hat: Es gibt nur die Heiligung des Gottesnamens, aber keine „Heiligung der Welt“. In der jüdischen Tradition war das Motiv der Heiligung des Gottesnamens mit der Idee des Martyriums, der Zeugenschaft, verbunden: der Zeugenschaft eher für die göttliche Barmherzigkeit als für das Gericht, und wenn für das göttliche Gericht, dann für ein Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht und seine in der Regel christlichen Repräsentanten.
Ist dieses Zeugnis nicht das Zeugnis, mit dem der Vater und der Sohn sich wechselseitig bezeugen?
Kritik der Metzgertheologie: Die Erlösungsbedeutung des Bluts, die Reinigung der Seele im Blut des Erlösers, darf nicht biologistisch verstanden werden, sie gründet vielmehr im Kontext der Nachfolge, im Kontext der Idee der Blutzeugenschaft, des Martyriums (in unserm Anteil an den messianischen Wehen). Dagegen gründet die Metzgertheologie in dem Theologumenon, daß Jesus die Welt entsühnt habe (mit dem zugehörigen Erfüllungskonstrukt: daß in ihm die Prophetie sich erfüllt), in dem gleichen Zeitverständnis, das auch dem Inertialsystem zugrunde liegt und durch den Begriff einer absoluten Vergangenheit die Exkulpation an die Welt delegiert: den Weltbegriff als Grund des Begriffs und des gesamten Objektivationsprozesses konstituiert. Die Opfertheologie wird in der gleichen Bewegung magisiert, in der die Prophetie (oder die Idee einer Theologie im Angesicht Gottes) durch Historisierung neutralisiert wird.
Nur wenn ich den Weltbegriff zur Grundlage mache, kann ich die Vergangenheit zum Steinbruch für meine Phantasiekonstruktionen machen, kann ich mir eine religiöse Kuschelecke in einer Welt, die ich doch nicht ändern kann, einrichten.
Der Name des Menschensohns enthält auf einen doppelten Hinweis:
– Er bezeichnet den Sohn Adams, den, der die Sünde Adams als sein Erbteil auf sich nimmt; und
– er ist antitotemistisch: am Anfang der Ahnenreihe steht kein Tier, kein Behemoth und kein Leviathan, sondern der Mensch. -
2.5.1994
Die vollständige Umkehr aller Richtungen im Raum schließt die Zeitumkehr als Bedingung der Vorstellung einer homogenen Zeit mit ein; die Voraussetzung hierfür ist die Vorstellung eines orthogonalen dreidimensionalen Raumes, eines für sich bestehenden „absoluten“ Raumes; aber dieses Für-sich-Bestehen des Raumes (der „subjektiven Form der äußeren Anschauung“) verdankt sich der Selbstleugnung des Subjekts, das dann nur noch „alle meine Vorstellungen muß begleiten können“: das zu seinen eigenen Vorstellungen äußerlich sich verhält (mit der Vergegenständlichung wird eine Eigentumsbeziehung zu diesen Vorstellungen begründet: sie werden zu „meinen Vorstellungen“, Pendant ihrer Kommerzialisierung). Das Inertialsystem ist die dritte Leugnung (ein System, in dem es nur noch die miteinander vertauschbaren Dimensionen der Vergangenheit und Zukunft, aber – wie in der indogermanischen Sprache, in der das alte Imperfekt durch das neue Präsens, den Kern des neuen Konjugationssystems, verdrängt worden ist – keine Gegenwart mehr gibt).
Das Prinzip der „Meinungsfreiheit“ ist Ausdruck und Folge der Herrschaft des Tauschprinzips, seiner Anwendung auf die Erkenntnis (Begründung des Wissens und des Bewußtseins).
Durch ihre Verstrickung in den Prozeß der europäischen Aufklärung ist die Theologie zur Theologie hinter dem Rücken Gottes geworden; aber eben deshalb ist der Konflikt der Theologie mit der Aufklärung unlösbar.
Die theologische Lehre von creatio mundi ex nihilo beschreibt einen Vorgang in der Ursprungsgeschichte des Staates: Dieses nihil symbolisiert den Mord, der Staat und Welt zugleich begründet; dieses nihil ist zugleich der Systemgrund des mythischen Opfers wie auch der christlichen Opfertheologie: Die christliche Theologie ist erst durch die Instrumentalisierung des Kreuzestodes zur Staatsreligion (zur Römischen Reichsreligion) geworden.
Natur ist das Objekt des Herrendenkens; sie konstituiert sich als Natur im Kontext der exkulpatorischen Logik des Begriffs (der Logik der Welt). Der Grund oder die Wurzel dieser exkulpatorischen Logik des Begriffs heißt in Joh 129 die „Sünde der Welt“.
Die Schwere und das Licht sind die realsymbolischen Korrelate des Gründens und Aufspannens.
In den „Studies in Prejudice“ gibt es eine Untersuchung über die Sprache des Agitators (Löwenthal/Gutermann: Agitation und Ohnmacht). Diese Sprache des Agitators, die heute zur politischen Sprache insgesamt geworden zu sein scheint, hat eine metaphorische Basis. Wäre es nicht an der Zeit, das Problem der Metaphorik, deren Logik mit der der benennenden Kraft der Sprache zusammenhängt, ins Licht zu bringen? Ohne die Reflexion ihres metaphorischen Grundes ist die Rekonstruktion der benennenden Kraft der Sprache nicht zu leisten. Die Sprache des Agitators lebt von den unverarbeiteten Resten der theologischen Tradition; ihre Aufklärung ist ohne Theologie nicht mehr möglich. Liegt nicht die Differenz zwischen der Instrumentalisierung des metaphorischen Elements der Sprache und der Rekonstruktion seiner benennenden Kraft im Begriff der Umkehr? Ist nicht der Fundamentalismus ein Versuch, metaphorische Texte indikativisch zu verstehen; und ist nicht der Indikativ eine der zentralen differentiae specificae des Indogermanischen, eine der sprachlichen Wurzeln der abstraktiven Gewalt des Inertialsystems (vgl. die Sprachwurzeln der Begriffe Indikativ und Konjunktiv)?
Das Präsens ist die Vergangenheitsform der Gegenwart (Reflex der Vorstellung einer homogenen Zeit), während das alte Imperfekt die offene Gegenwart (den Bereich der unabgeschlossenen Handlung) repräsentiert. Zum Präsens gehört das Präsentieren und das „Es gibt“. Unterm Gesetz dieses Präsens wird das Imperfekt zum Präteritum. Das Präsens und die Vorstellung einer fix und fertigen Welt, die gleichsam für unseren Gebrauch daliegt, gehören zum Weltbegriff. Aber diese Welt ist das Produkt einer Handlung (das Ensemble von „Tatsachen“): Produkt der Sünde der Welt. Mit diesem Präsens hängt die Neutrumsbildung zusammen: die Frucht, die die Schlange der Eva anbietet, die sie dann an Adam weiterreicht, ist das Präsentierte.
Ist nicht der Präsens der Sprachgrund des Dativ? Und macht dieses Präsentische die indogermanische Sprache zur Schaufenstern- und Fernseh-Sprache, deren frühester Ausdruck die theoria ist (und ihr Repräsentant im Subjekt die Formen der Anschauung). In der jüdischen Tradition gibt es das „von Angesicht zu Angesicht“ (zu dem das sch’ma Jisrael gehört), aber nicht die (einseitige) „Anschauung Gottes“ (zu der das Credo gehört).
Beschreibt die Geschichte vom Sündenfall den Ursprung der indogermanischen Sprache?
Hat nicht Esau eine Kanaaniterin zur Frau; und wie war es mit Ismael, dem Bruder des Isaak?
Die kirchliche Sexualmoral ist (wie der Fundamentalismus insgesamt) ein Produkt des indikativischen Verständnisses biblischer Texte.
Die Römer sprachen Latein, die Israeliten hebräisch (die Juden aramäisch, hebräisch war die Sprache ihrer Schrift) und die Hellenen (die in der Apg mit den „Hebräern“ verglichen werden) sprachen Griechisch: Wie verhalten sich Volks- und Sprachennamen zueinander, und worin ist die Differenz begründet?
In den Genealogien werden nur die Väter genannt, aber Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat?
Ist Drewermann konfliktunfähig, nachdem ihm der Geist, der Inbegriff des verteidigenden Denkens, zum „Furz“ geworden ist? Die Befreiung des Hegelschen Geistes vom Fluch des Absoluten ist auch die Befreiung von seiner Wurzel, dem „Weltgeist“.
Was ihr den Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan: Genau so wie wir sie im Bewußtsein und in der Praxis zum Verschwinden gebracht haben, haben wir ihn zum Verschwinden gebracht.
Der Staub und die Archäologie: Archäologische Theologie ist experimentelle Theologie, der Versuch, die Ablagerungsschichten des Staubs aus dem Weg zu räumen, um die verschüttete Wahrheit ans Licht zu holen. Modell ist die Psychoanalyse, die ebenfalls schon eine archäologische Disziplin war. Der Jungsche Vorstoß zu den „Archetypen“ war ein Vorstoß in dieser Richtung, wobei er nur verkannte, daß das gesuchte Objekt kein psychologisches, auch kein kollektives, ist, sondern ein historisch-gesellschaftliches, und zwar eines, das sich in der Kritik der Konstellation von Verdrängung, Unbewußtem und Projektion erst bildet. Insbesondere hier gilt: Das Vergangene ist nicht nur vergangen. In diesem Konstrukt steckt die ganze Geschichte.
Im Hebräischen gibt es kein Neutrum, wohl aber beim Interrogativpronomen die Unterscheidung zwischen Personen und Sachen (nicht „Belebtem“ und „Unbelebtem“). Hat das Interrogativpronomen für Sachen etwas mit dem Namen des Wassers (und dem des Himmels) zu tun (mah/majim/schamajim, vgl. im Deutschen was/Wasser)? Ließe sich daraus ableiten, daß die Trennung der oberen von den unteren Wassern etwas mit der Unterscheidung von Prophetie und Philosophie zu tun hat (der Name des Himmels bezeichnete dann diese Unterscheidung)?
Als Jesus seine Jünger fragte: „Könnt ihr den Kelch trinken?“, meinte er die Nachfolge, aber als er dann sagte: „Ihr werdet den Kelch trinken“, hat er gewußt, daß die Evangelien in Griechisch geschrieben wurden.
Der Konjunktiv bezeichnete ursprünglich die hypothetische Folge in einem Begründungszusammenhang (würde/hätte …, wenn …); wie ist aus der konkreten, begründeten Möglichkeit die abstrakte, von ihrer Begründung abgelöste Möglichkeit (der von der coniunctio getrennte Konjunktiv) geworden, ein Modus des Verbs? Worauf bezog sich der Indikativ (die prosaische Wirklichkeitsform; indicatio: Preisangabe, Zusammenhang mit dem durchs Tauschprinzip oder durchs Trägheitsgesetz definierten Realitätsprinzip)? Gibt es einen der kantischen Kategorie der Notwendigkeit korresponierenden verbalen Modus? -
1.5.1994
Müßte nicht die 40-jährige Wüstenwanderung bald beendet sein und die „Eroberung Jerichos“ beginnen? Die Theologie hinter dem Rücken Gottes ist eine Theologie, zu deren Konstituentien die Furcht vor der Auferstehung gehört, eine Theologie, die nicht daran glaubt, daß Gott ins Herz der Menschen sieht: eine Feigenblatt-Theologie. Mit der Rezeption des Weltbegriffs wurde diese Angst in die Theologie installiert, mit dem auf die Welt bozogenen Schöpfungsbegriff, mit der Opfertheologie und mit der Vergöttlichung Jesu. Die Theologie hinter dem Rücken Gottes ist die Theologie der Lahmen und Blinden (der durch die subjektiven Formen der Anschauung Gelähmten und Geblendeten). Die Geschichte dieser Theologie wäre anhand der Geschichte vom Nomen zum Substantiv zu demonstrieren. Hängt das Konjugations-Paradigma Perfekt/Imperfekt mit dem Deklinationsparadigma Genitiv/Akkusativ zusammen? Die subjektiven Formen der Anschauung sind ein Produkt der Identifikation mit dem Aggressor, der Verinnerlichung des Hasses der Welt: der Wut-, Empörungs- und Urteils-Generator und der Repräsentant des Sexismus. Stammen die den Evangelisten in der Tradition zugeordneten Tiersymbole aus der Vision des Ezechiel, der Merkaba-Vision? Kehrt um, denn das Reich Gottes ist nahe: Wäre es nicht Aufgabe der Theologie, auf diesen Umkehrpunkt hinzuarbeiten? Wenn Jesus nicht gestorben wäre, wären das Nachfolgegebot und die Idee der Auferstehung gegenstandslos, und nur die Unsterblichkeitslehre und der Islam wären wahr. Das Matriarchat beschreibt keine historische Realität, sondern das im Anblick der ersten Katastrophe aufblitzende Bild der Utopie. Die Sintflut und die drei Söhne Noahs gehen der Geschichte vom Turmbaus zu Babel voraus. Bezeichnet Mose den ägyptischen und Abraham den chaldäischen Teil der israelischen Tradition? Der Vergewaltiger (der Staatengründer) versucht, den Satz: „Stark wie der Tod ist die Liebe“ auf den Kopf zu stellen. Das „Alles ist Wasser“ ist Ausdruck der Welterfahrung im Banne der Schicksalsidee. Die griechische Lösung war der Prozeß der Verinnerlichung des Schicksals: Geburt des Subjekts, des Begriffs, der Philosophie, der Wissenschaft. Die israelische Lösung steht im Schöpfungsbericht: im Bild der Feste, die die oberen von den unteren Wassern trennt. Benannt werden nicht die Wasser, sondern benannt wird die Feste: mit dem Namen des ersten Schöpfungsobjekts, des Himmels. Die Geschichte des Ursprungs des Begriffs hingegen wird beschrieben in der Geschichte vom Paradies und vom Sündenfall (mit dem Staub als frühestem Symbol des Positivismus). Steckt nicht im Begriff der Barbaren das antisemitische, im Begriff der Materie das frauenfeindliche Moment der Philosophie und im Begriff der Natur ihr projektiver Anteil am Klassenkampf (paranoide Verarbeitung des biblischen Votums für die Fremden, die Witwen und die Waisen)? Zusammengehalten werden diese drei Momente durch den Weltbegriff. Haben die drei evangelischen Räte (das Hören, die Keuschheit und die Armut) etwas mit den Fremden, Witwen und Waisen zu tun? Bekommt nicht der Materialismus Inhalt und Farbe durch das Bild des Matriarchats, der ersten Utopie? Die katastrophischen Phasen der Geschichte waren Phasen, in denen die projektiven Verfahren der Erfahrungsverarbeitung eskaliert, in Paranoia umgeschlagen sind.
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29.4.1994
Im Sklavenhaus des Begriffs wird das Nomen zum Substantiv.
Ham sieht die Blöße seines Vaters, aber Kanaan wird verflucht.
An der Ham-Geschichte läßt sich der Ursprung des Rassismus demonstrieren: Beschrieben wird der Zusammenhang zwischen der aufgedeckten Blöße des Vaters und der Knechtschaft. Wird dieser einsichtige Zusammenhang ausgeblendet und verdrängt, weil man sich selbst getroffen fühlt, bleibt ein Text, aus dem dann die Apartheid herauslesen zu können glaubt, daß alle Hamiten dazu bestimmt sind, Sklaven zu sein.
Scheitert nicht die Hegelsche Dialektik im Kern, in der Dialektik von Herr und Knecht, an der Ham-Geschichte? Der Knecht wird nicht zum Herrn, sondern in die Geldwirtschaft integriert: er wird zum Kanaanäer.
Das Objekt der speziellen Relativitätstheorie ist das Nichts, das die Naturwissenschaft insgesamt aufs Tote fixiert.
Steckt nicht in all den Worten wie nicht, Licht, Gericht, Gewicht, Gesicht, Gedicht das Ich? Hängt machen, Macht mit mich zusammen, und kommt beichten von berichten?
Den Staub hat die Kirche auf alle, auf Männer und Frauen, bezogen, aber die Wehen der Geburt hat sie den Frauen vorbehalten: sie hat die Frauen mit den Wehen alleingelassen. Glaubt sie sich so vor den messianischen Wehen schützen zu können?
Seid barmherzig wie euer Vater im Himmel barmherzig ist. Ist diese Barmherzigkeit nicht das Subjekt der messianischen Wehen? Wie hängt das mit dem Binden und Lösen zusammen?
Haben die sieben Völker Kanaans etwas mit den sieben Planeten zu tun? Im Lied der Debora, im Buch der Richter, kämpfen auch die Sterne.
Wenn die Perser die ersten waren, die Münzen geprägt haben (jedenfalls die ersten Münzen in Israel persische Münzen waren), ist das nicht ein zusätzlicher Hinweis darauf, daß Darius der erste große Gesetzgeber (Hammurabi) war? Gehören nicht die Münzprägung und die Öffentlichkeit des Gesetzes (die Gesetzesstele Hammurabis) zusammen, ist nicht die Öffentlichkeit des Rechts eine Funktion der Geldwirtschaft? Seit Darius tragen die Münzen das Bild des Kaisers. Das vorpersische Geld war Gewichtsgeld, es wurde gewogen, nicht gezählt (Schekel). Bezieht sich darauf das danielsche Menetekel (gezählt, gewogen und zu leicht befunden): Ist die Schrift an der Wand ein Hinweis auf die Münzprägung?
Wer den Zinsgewinn aus dem Risiko des Geldverleihens ableitet und damit begründet, rechtfertigt das Schuldverschubsystem und die Schuldknechtschaft.
„Die Erde ist der Schemel seiner Füße.“ Mose soll vor dem brennenden Dornbusch seine Schuhe ausziehen (denn „Du stehst auf heiligem Boden“). Und die Armen werden (laut Amos) für ein Paar Schuhe verkauft. Waren nicht die Schuhe das Instrument der Inbesitznahme?
Durch die Instrumentalisierung bezieht das Subjekt das Opfer auf sich: Die Instrumentalisierung des Opfers ist ein Instrument der Selbstvergöttlichung.
Der Zorn bahnt der Liebe den Weg, während der Wütende geliebt sein möchte; Wut ist instrumentalisierter Zorn, Äußerung des Gekränktseins, Grund der Beleidigungsfähigkeit und des Selbstmitleids.
Vom Absoluten ist nicht vorstellbar, daß es zornig, barmherzig oder der Liebe fähig ist, weil es im Kontext der Idee des Absoluten die Idee der Auferstehung nicht gibt. Das Absolute ist das steinerne Herz der Welt.
Die Kritik des Absoluten fällt mit der Lösung der sieben Siegel zusammen, sie ist Teil einer Konstellation (oder Konfiguration) kritischer Motive; sie ist kein Mittel der Widerlegung, sondern eines der Erkenntnis. Maria Magdalena, die von den sieben unreinen Geistern befreit wurde, wurde der erste apostolische Auftrag zuteil, die Auferstehungsbotschaft zu verkünden.
Gott hat die Erde gegründet und den Himmel aufgespannt: Verhalten sich nicht das Gründen und das Aufspannen zueinander wie Kausalität und Finalität (oder wie Begriff und Name)? Durch das sinnlose Kreisen der Planeten wurde das Aufspannen ins Gründen zurückgenommen; deshalb ist die kopernikanische Theorie zur Grundurkunde der Mechanik geworden.
Die Geschichte der Entwicklung von der Astrologie zur Astronomie ließe sich unter dem Titel „Vom Nomen zum Substantiv“ beschreiben. Diese Konstellation gründet in der Beziehung der astrologischen Planetentheorie zur Deklination. Auf diesen Zusammenhang bezieht sich das Wort vom Binden und Lösen (Hi 3831). Und in diesen Kontext gehören die paulinischen Archonten.
Zur Dynamik der Scham (oder der Schlüssel zur Bestimmung der Beziehung der Bekenntnislogik zum Weltbegriff): Der Hund greift den an, der ihn anblickt, und den, auf den er gehetzt wird. -
28.4.1994
Besteht nicht ein Zusammenhang zwischen dem Mißverständnis der Gewaltstellen im Alten Testament (z.B. Num 3117f) und der sexualmoralischen Interpretation der Prophetie? Auflösung durch prophetisches Text- (und Geschichts-) Verständnis? Gründen nicht beide Mißverständnisse in der Bekenntnislogik, die die moralische Nutzanwendung von der (vergangenen) historischen Realität trennt und durch diese Form der Beziehung zur Vergangenheit (deren logisches Zentrum das Inertialsystem ist), durch die Verwerfung der Idee der Auferstehung, das Symbolische zur Urteils- und Bekenntnismoral (zum Feigenblatt) depotenziert. Zu untersuchen wäre, in welcher Beziehung die Referenzstellen des Vorurteils zur Ursprungsgeschichte des Inertialsystems stehen, und ob nicht gerade hier die Gründe liegen, die das vom Inertialsystem beherrschte Bewußtsein zu jener Empörung und Wut reizen, die dann mit Hilfe der Bekenntnislogik als Moral sich verkleiden. Fühlen wir uns von den Stellen, die wir so abwehren, in Erinnerung an die Vergangenheit (und durch diese Vergangenheit) bedroht? Sind die zugrundeliegende Ängste apokalyptische Ängste? Jeder Exkulpationstrieb braucht seine Opfertheologie, deren Objekte er nach draußen projiziert. Und ist das nicht der Mechanismus, der heute die christliche Tradition sprengt, sie in einem allgemeinen Religionsbrei untergehen, verschwinden läßt? Auch die 68er haben die Generation ihrer Eltern nur als Projektionsfolie benutzt (und das mit großem empirischen Recht). Es gibt Adjektive, die gleichsam automatisch bestimmte Substantive nach sich ziehen: so scheint das Adjektiv „altorientalisch“ ohne das Substantiv Rachegesänge kaum lebensfähig zu sein. Ist nicht altorientalisch eine Art Steigerung von orientalisch, zu welchem Adjektiv Assoziationen wie Basar und Harem und die Verschleierung der Frauen, mit deren Hilfe die Männer vor dem eigenen unkontrollierbaren Naturtrieb geschützt werden sollen, gehören? Gibt es nicht einen Zusammenhang zwischen den logischen Exkulpationsmechanismen und dem projektiven Erkenntnisbegriff, der durchs Inertialsystem abgesichert wird? Wie verhält sich das zu dem Satz, daß nichts Vergangenes nur vergangen ist? Und welche historische und genetische Bedeutung hat in diesem Kontext die Astrologie: Läßt sie sich als eine frühe Schicht in der Verdrängungsgeschichte, auf der das zivilisierte Bewußtsein aufruht, bestimmen? Werden nicht die empirischen und die projektiven Anteile am Erkenntnisprozeß erstmals unentwirrbar? Es ist der gleiche Prozeß, in dem die Kategorien der Normalität und des Psychotischen ineinander übergehen, ihre Grenzen nicht mehr eindeutig sich bestimmen lassen. Er hängt zusammen mit der gegenwärtigen Phase der Geschichte des Weltbegriffs. Hat dieser Weltbegriff nicht eine astrologische Grundstruktur, die mit der modernen Astronomie nur verdrängt, nicht begriffen worden (eine Grundstruktur, die in einer Struktur der Sprache sich niedergeschlagen hat, die heute ebenfalls unter dem Namen der Linguistik verdrängt wird: in der Logik der Grammatik)? Und ist nicht diese zweite Verdrängung die gefährlichste (und die Reflexion der Geschichte, Struktur und Funktion des Weltbegriffs das einzige Mittel dagegen)? Die gesamte mathematische Naturwissenschaft ist ein Produkt der Projektion des Selbsterhaltungstriebs. Notwendig wäre mit der Kritik des Weltbegriffs eine negative Kosmologie. Wenn es eine Korrespondenz der ersten drei Schöpfungstage zum vierten bis sechsten Schöpfungstag gibt, sind dann nicht die großen Seetiere, die Fische und die Vögel des Himmels der Feste, die dann Himmel genannt wird, und den Wassern oberhalb und unterhalb dieser Feste zuzuordnen? Der Gottesname, die Vergangenheit und die Barmherzigkeit: Sind die Schmerzen der Wehen im Fluch über Eva die Schmerzen der Barmherzigkeit (der unversöhnten Vergangenheit)? Und ist der Staub, aus dem Adam gemacht ist und zu dem er wieder werden wird, der Staub der verratenen Zukunft?
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24.4.1994
Welche Symbole wurden im Mittelalter den vier Evangelisten zugeordnet? Hat diese Zuordnung etwas mit den vier Himmelsrichtungen, den vier Enden der Erde (und den vier Reitern) zu tun? Sind das die Stichworte der vier Evangelien: Himmelreich, Sohn Gottes, Sündenvergebung und Logos? Ist nicht der Geist auf die vier Himmelswinde bezogen? Die Sieben hat mit dem Schwur zu tun (vgl. die Beerseba-Stellen in der Genesis). Der Schwur gründet in der Anrufung des göttlichen Namens, sein Ort war der Tempel. Mit dem Schwur wurden Versträge besiegelt (Schwur und Siegel waren Äquivalente); das Symbolum ist ein Schwur (und für es gilt das Wort: Du sollst nicht schwören). Die Bekenntnislogik gründet im Schwur. Das Planetensystem war ein Bild des Gattungslebens (die Namen und astrologischen Bedeutungen der Planeten hängen damit zusammen). Hat nicht das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ein empirisches Moment zu einem Konstruktionselement des Systems gemacht: Hinweis auf die inneren Grenzen der Astronomie? Einen weiteren Hinweis (jedoch noch nicht die Lösung) liefert das der Allgemeinen Relativitätstheorie zugrunde liegende Theorem der Identität von träger und schwerer Masse. Die moderne Astronomie seit der kopernikanischen Wende verhält sich zur Astrologie wie die Philosophie zum Mythos (wobei der Raum, die subjektive Form der äußeren Anschauung, an die Stelle des Begriffs getreten ist). Wie die Philosophie aus dem Mythos, durch Verinnerlichung des Schicksals, ist die Astronomie aus der Astrologie durch Verinnerlichung ihres zentralen Moments: des Opfers, hervorgegangen. Die sieben unreinen Geister sind die „Erfüllung“ des jeremianischen „Grauens um und um“. Hegels Idee des Absoluten, die u.a. in der Verwerfung des Sollens gründet, ist das Produkt der Ontologisierung der Theologie. Und die Ontologie ist der Statthalter der Paranoia in der Philosophie. Die Klugheit der Schlangen wäre durch „Arglosigkeit“, durch Herausnahme der Paranoia der Wahrheit zuzuführen: zum Sprechen zu bringen. Die Idee des Absoluten ist ein Produkt der Apologetik (die Ontologie ein Exkulpationsprojekt): die Besiegelung des Unversöhnten. Ursprung der Naturwissenschaften in der Apologetik: Zu den gnoseologischen Grundlagen der Naturwissenschaften gehört der Satz: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Die erste Gestalt des Absoluten war der newtonsche absolute Raum. Die subjektiven Formen der Anschauung Kants sind der Beleg dafür, daß die absolute Entschuldung in die absolute Verschuldung hineinführt. Wir lassen („Im Namen des Volkes“) die Richter für uns richten, so wie wir die Metzger für uns schlachten lassen. Und wir lassen die Welt von den Banken von einer Schuldenkrise in die andere hineintreiben: Ist nicht die Schuldenkrise der Dritten Welt der Vorbote und das Symptom einer ganz anderen, die erst erkennbar wird, wenn auch der Zusammenhang des Bankenwachstums mit dem Ursprung und Wachstum der Krise erkennbar wird (Metallgesellschaft und Jürgen Schneider: nachdem das Anlagengeschäft in der Dritten Welt seine Grenzen überschritten hat, kehrt es als Devisen- und Immobilien-Spekulation in die Metropolen zurück). Wie haben Geldwirtschaft und Astrologie in die Struktur der Sprachen hineingewirkt (der bestimmte Artikel und die Deklination)?
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie