Theologie

  • 24.12.93

    Ist nicht die ganze Geschichte im Sternenhimmel aufbewahrt, und wird diese Geschichte wie ein Buchrolle sich aufrollen, wenn diese Geschichte sich selber durchsichtig geworden ist?
    Sartres Wort: Die Hölle sind die anderen, läßt sich präzisieren: Die Hölle ist die Welt.
    Das griechische Äquivalent der lateinischen persona war die hypostasis. D.h., wenn das Absolute gedacht wird, kann es nur in drei Hypostasen gedacht werden.
    Die Deutschen assoziieren zur Natur primär den Wald. Hat dieser Wald noch etwas mit den Bäumen zu tun, oder sehen die Deutschen den Wald nur, weil sie die Bäume nicht mehr sehen? Den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen: Dieses Wort ist antisemitisch (und Himmler hat es kommentiert). Und ist dieser Wald nicht eine Steigerung der Bäume, unter denen Adam nach dem Sündenfall sich versteckt (ähnlich wie die Grabschändungen der Rechten eine Steigerung der verweigerten Trauerarbeit, der Unfähigkeit zu trauern)?
    Ist das Objekt der Lust, die nach Nietzsche Ewigkeit will, die „Waldeslust“? Was ist die „Waldeslust“?
    Bäume leben von der Beziehung zur Vergangenheit: der Baum der Erkenntnis als Gedächtnisbaum (mit Verdrängung und Wiederholungszwang), der Baum des Lebens als Erinnerungsbaum.
    Hat die Krone über ihre Beziehung zum Kranz etwas mit der Krone der Bäume zu tun? Und zitiert die Dornenkrone Jesu nicht die Jotam-Fabel?
    Wir Deutschen: Ist diese Konstruktion nicht das grammatische Äquivalent des Waldes? – An der „Schutzgemeinschaft deutscher Wald“ stört mich das Adjektiv „deutsch“ (im deutschen Walde schallt das deutsche Lied, zu dem der deutsche Wein und die deutschen Frauen gehören).
    Gibt es eine brauchbare Geschichte der Grammatik oder eine gute vergleichende Grammatik?
    Wann wurde die Uhr erfunden, gab es in der Antike Uhren (Wasser-, Sonnenuhren)? Wie wurde die Zeit gemessen, ab wann war es notwendig, die Zeit zu messen (Zusammenhang mit dem Ursprung des Staates und des Weltbegriffs)?
    Der Schöpfungsbericht verbindet die Wiederkehr von Tag und Nacht mit dem Fortschritt der Schöpfung, der über den Begriff der toledot mit den Genealogien, dem Generationenwechsel gleichgesetzt wird.
    Es gibt Propheten, von denen nur berichtet wird, und zu ihnen gehören, Samuel, Nathan, Jona ben Amittai, auch Elias und Elisa. Daneben (oder danach) gibt es die Schriftpropheten, die sich von den ersten durch ihre Beziehung zur hereinbrechenden Staatenbildung, zur Bildung der Weltreiche, unterscheiden.
    Bezeichnet die Paulus-Stelle, wonach am Ende Gott alles in allem sein wird, und die mit dem Hinweis, daß der Sohn ihm alles unterwerfen wird, beginnt, nicht die Hausaufgabe der Kirche heute?

  • 23.12.93

    Der Weltbegriff ist kein Substanz-, sondern ein Funktionsbegriff, oder genauer: er ist als Substanzbegriff ein Funktionsbegriff. Nicht die Welt, in der wir leben, ist schlimm, sondern unsere Unfähigkeit, ihren Bann durch Reflexion zu brechen.
    Die Selbstverfluchung (die Verwerfung der eigenen Tradition) hat nicht die Form des formellen Urteils, der Verurteilung, sondern sie wirkt als Scham. Ist dies nicht die letzte Phase der Austreibung aus dem Paradies, die logische Konsequenz aus dem „und sie erkannten, daß sie nackt waren“?
    Der Fundamentalismus ist unverschämt; es käme jedoch darauf an, sich durch Reflexion von der Gewalt der Scham zu befreien: schamlos zu werden. Aber ist nicht heute die Theologie zum Objekt der Scham geworden?
    Hat der Rock aus Fellen (Gen 321) etwas mit dem nahtlosen Rock (Joh 1923) zu tun? War Jesus am Kreuz nackt? Ist mit der Zivilisation die Scham durch Verdinglichung obszön geworden? Sind die Soldaten, die um seinen Rock das Los warfen, die gleichen, die ihn auf Getsemane gefangen nahmen, und die dann, im Hofe des Hohepriesters, am Feuer standen und in die Geschichte der Leugnungen Petri involviert waren? Hat der Rock etwas mit dem Vorhang vorm Allerheiligsten des Tempels (der Stätte Seines Namens) zu tun (dem gleichen Vorhang, der in der Todesstunde Jesu entzweiriß)?
    Die Geschichte der Welt, das Aufdecken der Blöße, die Trunkenheit, der Ursprung der Knechtschaft und die Scham. Gründet nicht das Gebot der Keuschheit in diesem Zusammenhang (ist etwa die Keuschheit schamlos, und die Sexualmoral unverschämt)?
    „Er ging hinaus und weinte bitterlich“: Dieses Weinen sprengt das Zeitkontinuum.
    Beim Johannes wird nach dem Krähen des Hahns Jesus vorbeigeführt, der den Petrus anblickt.
    Das Sechstage-Werk gehört zu den toledot, zu den „Zeugungen“. Und ist nicht in der Tat jeder Tag eine andere Welt, ein neuer Äon?
    Was hat der Dominus Deus Sabaoth (der Herr der Heerscharen) mit der Königin von Saba (und diese mit der „Himmelskönigin“ bei Jeremias) zu tun?

  • 21.12.93

    Wie es scheint, ist von der gesamten theologischen Tradition nur die Sohn-Gottes-Theologie übriggeblieben: der letzte Statthalter des Absoluten in der Theologie, Garant der Exkulpation ohne Umkehr. Welche Rolle spielt hierbei der Umstand, daß sich in dieser Theologie alle Herren als allmächtige Väter fühlen können (sie alle haben ihn gezeugt)? Nichts komischer (aber auch nichts entsetzlicher) als die Vorstellung, Jesus sei in die Welt gekommen um zu verkünden, er sei der Sohn Gottes. Ist die Sohn-Gottes-Theologie der Abfalleimer der verworfenen Tradition?
    Kafkas Landarzt: „Einmal dem Fehlleuten der Nachtglocke gefolgt, es ist nicht wieder gutzumachen“. Eine Allegorie des Christentums?
    Was ihr auf Erden binden werdet, wird auch im Himmel gebunden sein; und was ihr auf Erden lösen werdet, wird auch im Himmel gelöst sein: die präziste Bestimmung der metaphysischen Bedeutung des Objektbegriffs, zu dessen letzten theologischen Emanationen die Sohn-Gottes-Theologie gehört.
    Die biblischen Gebote sind keine absoluten Gebote: Zu dem „Macht euch die Erde untertan“ gehört das „Seid barmherzig wie euer Vater im Himmel barmherzig ist“.
    Ist nicht die nach dem Vaticanum II erfolgte Verwerfung der Tradition die Besiegelung der Kapitulation vor dem naturwissenschaftlichen Erkenntnis- und Weltverständnis, in deren Kontext der theologische Rest (und seine unterschiedlichen Ausprägungen) allein verständlich wird?
    Gibt es nicht eine verblüffende Parallele zwischen dem Generationenwechsel in der Lehrerschaft durch den Ersten Weltkrieg und dem Generationenwechsel in der Theologie nach dem Zweiten Weltkrieg?
    Wollte man die Grenze des Sterns der Erlösung bestimmen, müßte man von der Ausblendung des Sündenfalls und der Apokalypse ausgehen (aber war das nicht die Grundlage der Buber-Rosenzweigschen Zusammenarbeit?).
    Hängt die Logik der Vergöttlichung des Opfers (und der Ursprung des modernen Naturbegriffs) mit der Geschichte der Beziehung von Kausalität und Teleologie zusammen? Der aristotelische Kompromiß: die Neutralisierung des Widerspruchs zwischen Kausalität und Teleologie, war die Grundlage seiner Metaphysik. Nur so konnte Gott zugleich als die noesis noeseos und als der Erste Beweger begriffen werden. Im Rahmen dieses Konzepts war es unmöglich, einen dem Trägheitsgesetz entsprechenden Begriff der Bewegung zu definieren. Die Entwicklung dieses Begriffs in der Spätscholastik (unter dem Druck frühkapitalistischer Strukturen in der Gesellschaft) hat die aristotelische Tradition gesprengt und die Grundlage gelegt für die Transzendentalphilosophie Kants.

  • 20.12.93

    Kann es sein, daß, abgesehen von der Teflon-Pfanne, die technischen Errungenschaften der sogenannten Weltraum-Forschung allesamt darauf hinauslaufen, Arbeitsplätze zu vernichten (Herstellung von Labor-Bedingungen und Produktion des Vacuums als gesamtgesellschaftlicher Prozeß, in dem die Naturwissenschaften nur ein Teil sind)?
    Ist nicht Joh 129 („Seht das Lamm Gottes, …“) der Schlüssel zu Off 5 (59: „Würdig bist du …“)?
    Was bedeutet in Joh 2115ff die Reihenfolge:
    – Weide meine Lämmer,
    – Hüte meine Schafe und
    – Weide meine Schafe?
    Sind die letzten Christen, nachdem die ersten Lämmer waren, endgültig zu Schafen geworden, die zuerst nur gehütet wurden, dann aber geweidet werden müssen? Hat diese Stelle etwas mit der Geschichte der drei Leugnungen zu tun?
    Zu den evangelischen Räten:
    – Der Gehorsam richtet sich gegen das Inertialsystem (die Mathematisierung),
    – die Keuschheit gegen die Bekenntnislogik und
    – die Armut gegen die Herrschaft des Tauschprinzips.
    Beginnt die Kirchengeschichte mit der Verletzung des Gebotes der Keuschheit, um mit der Verletzung des Gehorsams zu enden?
    Die Bekenntnislogik entspringt in der Trennung des Bekenntnisses von der Nachfolge (Ursprung der Kirchengeschichte).
    Die Stunde der Theologie: Ist die Selbstverfluchung der Kirche (die Verwerfung der eigenen Tradition) nicht die logische Konsequenz der Dogmatisierungsgeschichte (der Verwerfung der Nachfolge)?
    Das Wort des Aristoteles „Alle Menschen streben nach dem Glück“ wäre zu ergänzen durch den Hinweis, daß Glück sich durch den Trieb, den Wunsch, endlich gut sein zu dürfen, definieren läßt. Das aber schließt mit ein, endlich zu begreifen, was dem im Wege steht. Helfen hier nicht Joh 129 und das Wort Adornos: „Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner mehr zu lieben fähig ist“ (das verdinglichte Denken und die Herrschaft des Objektbegriffs drücken genau diese Unfähigkeit zu lieben aus)?

  • 19.12.93

    Grund und Boden (Haus- und Grundbesitzer): Mit der Subjektivierung des Ackers zum Boden wurde auch der Grund subjektiviert: zum Reflexionsbegriff subjektiver Zwecke. Seitdem gerät auch die Sprache in den Sog der Instrumentalisierung, verschwindet die Kraft des argumentativen Denkens, verfällt das Argument dem Gesetz der Reklame.
    Die Vorstellung der Unendlichkeit des Universums, vor dem der Mensch klein, ohnmächtig und verschwindend ist, ist das naturale Deckbild eines ökonomischen Sachverhalts: einer Wirtschaftsorganisation, in der der Einzelne in der Tat nur ein kleines Rädchen ist. Aber bezieht sich hierauf nicht das Wort „Wenn die Welt euch haßt …“. mit dem Jesus den Parakleten ankündigt, und das andere von der Sünde wider den Heiligen Geist, die weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben wird. Ist nicht das Angesicht (das Ebenbild Gottes) gleichursprünglich mit der Welt (und erst als Person zu einem Teil der Welt geworden)?
    Die Vorstellung, daß der Mensch in der Natur nicht vorkommt (sich die Natur auch ohne die Menschen denken läßt), ist eine notwendige Folge der Konstituierung des Naturbegriffs, der Subsumtion der Welt unters Herrendenken.
    In Ninive ist es der König, der auch das Vieh zur Buße auffordert (und Gott schont Ninive auch wegen des Viehs).
    Petrus wird in den Evangelien: Simon, Petrus, Simon Petrus und Simon Barjona genannt (die Schwiegermutter ist die des Simon). Gibt es eine Regel für den Namensunterschied?
    War es nicht der Fehler des II. Vaticanum, daß selbst in dem, was hier als Aufbruch verstanden worden ist, wieder eine Vergangenheit (und diesmal die ganze theologische Tradition der Kirche) nur zurückgelassen, aber nicht aufgearbeitet worden ist? Gleicht das nicht der Selbstverfluchung, wenn die Kirche ihre eigene Tradition zur Häresie erklärt?
    Die Abschaffung der Binnenzölle und die Vereinheitlichung der Gewichte, des Maßes und des Münzsystems (Europäische Bankengeschichte, S. 280): war das nicht die endgültige Durchsetzung des Inertialsystems?

  • 18.12.93

    Das Absolute und das Relative sind Reflexionsbegriffe: das Absolute ist Produkt der Abstraktion von der eigenen Relativität: von der Verstrickung in den Schuldzusammenhang (Korrelat des Naturbegriffs). Als Produkt des Exkulpationstriebs und des Rechtfertigungszwangs ist das Absolute der hypostasierte Abstraktionsprozeß: das Ding an sich, Reflex des hypostasierten Subjekts. Der Abstraktionsprozeß, der mit dem Objektbegriff seinen Stützpunkt in der Welt errichtet hat, hat die Welt durch den Objektbegriff überhaupt erst zur Welt (zu einer durchs Feindesland verhexten Wolfswelt: „Seht ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe“) gemacht. Es gibt kein Absolutes ohne zugehörige Wolfswelt (ohne zugehöriges Feindbild), an dem die eigene Schuld projektiv gerächt wird (und ohne zugehörige Exkulpationsautomatik: ohne Naturbegriff).
    Absolut im strengen Sinne sind nur die subjektiven Formen der Anschauung, insbesondere der Raum (und als seine Reflexionsform das „Überzeitliche“): er entzieht sich der immanenten Kritik, wird reflexionsfähig erst im Kontext der Umkehr (und der Idee des Ewigen).
    Die Idee der Wahrheit ist nicht leer, aber der Begriff einer absoluten Wahrheit ist eine contradictio in adjecto: er relativiert die Idee der Wahrheit. Die Wahrheit hat einen Zeitkern (das Überzeitliche schließt wie der Prozeß der Dogmenbildung die Erinnerung und die Versöhnung aus: Substrat der Selbstverfluchung).
    Gehören die Trinitätslehre, die Christologie und die Opfertheologie zur Geschichte des Absoluten (ist der Absolute Geist der zur Hölle abgestiegene Geist, das Hegelsche Absolute die trinitarische Einheit von Ankläger, Verwirrer und Subjektivität: Satan, diabolus und daimon)?
    Der Geburtsfehler der Philosophie: Sie hat die an sich praktischen (durch Absolutierung) zu theoretischen Begriffen (die ethischen zu Weltbegriffen) gemacht und den Handelnden in die Position des Zuschauers gebannt: die Aufforderung zu handeln, die von den Dingen ausgeht, durch den Zuschauerbann (den Bann der Theorie) neutralisiert und storniert. Der Zuschauerbann ist der ästhetische Bann; deshalb beginnt die transzendentale Logik mit der transzendentalen Ästhetik. In dieser Ästhetik gründet auch die Kunstphilosophie, die heute unter dem Titel Ästhetik zusammengefaßt wird.
    Der Begriff des Absoluten ist die Bedingung der Möglichkeit des Objektivierungsprozesses und der Grund des Weltbegriffs: die Sünde der Welt.
    Hypostasierung und Personalisierung (die Formen der Verdinglichung) sind Emanationen des Absoluten.
    Die Idee des Absoluten ist der Quellgrund der Leidenschaften: Hier entspringen die moderne Lyrik, der Liebesroman und das moderne Drama.
    Die Ästhetik ist der Grund und die Folge der Todesweihe an den Dinge, aber „Stark wie der Tod ist die Liebe“. Kunst ist wie die Natur: nature mort (eine schöne Leiche).
    Das Objektbegriff, das ad litteram und der Antisemitismus: Der Zusammenhang wäre nachzuweisen an der Geschichte des Paulinismus: an der Rezeption der paulinischen Gesetzeskritik, die, indem sie auf ein vorbezeichnetes identifizierbares Objekt, die „jüdische Gesetzesreligion“, bezogen wird, als Mittel der Selbstreflexion, der Kirchen- und Dogmenkritik, ausgeschaltet wird. Die Gefahr heute scheint darin zu liegen, daß über die christliche Opfertheologie (die Logik der Vergöttlichung des Opfers) Israel nach Auschwitz in die Opfertheologie mit hereingezogen wird und auf eine ähnlich neutralisierende Weise heiliggesprochen wird, wie man im Anfang auch am Jesus (und an der jüdischen Tradition, in der er steht) das Beunruhigende durch Vergöttlichung neutralisiert hat. Die Kirche als Israel: das war ebenso wenig wie die Erwählung des Volkes Israel ein (den Juden geraubtes) Privileg, sondern ein Maß, an dem die Kirche ebenso wie das historische Israel sich muß messen lassen. Die Einschränkung der Prophetie auf die Juden (im Kontext ihrer „Erfüllung“ in Jesus) war die erste in der Kirchengeschichte der drei Leugnungen. Wenn die Kirche Israel ist, ist sie Objekt der Prophetie (steht sie unter ihrem Gericht), und nur als Objekt der Prophetie ist sie auch Israel.
    Melchisedek, der König von Salem, opferte Brot und Wein und war der erste Empfänger des Zehnten.
    Liegt nicht die Bedeutung (und die emotionale Besetzung) der herrschenden antiken Chronologie darin, die Objektbindung biblischer Texte abzusichern, sie gegen jeden realen prophetischen Gebrauch abzuschirmen? Ist sie nicht in der Tat fundamentalistisch (und der Grund jeden Fundamentalismus, auch des jüdischen und islamischen)?
    Das Bild, daß der Himmel sich aufrollt wie eine Buchrolle, ist eine apokalyptische Beschreibung des Ursprungs der Schrift.
    Die Welt brennt, und die Banken unterhalten und schüren das Feuer.
    Seit wann hat es die jüdischen „Hoffaktoren“ gegeben, und welche Aufgabe und Funktion hatten sie?
    Der Korpuskel-Welle-Dualismus, die Heisenbergsche Unbestimmtheitsrelation und das Bohrsche Komplementaritätsprinzip beschreiben den gleichen Sachverhalt.

  • 15.12.93

    Jede Personalisierung dient der Selbstentlastung (der Selbstexkulpierung, der die Logik des Weltbegriffs zugrundeliegt): darin liegt der Zweck des Rechts und der Theologie zugleich.
    Nicht die Person, sondern das Angesicht: Die Personalisierung hält Gott verantwortlich für „das, was er gemacht hat“, für die Welt, und entlastet die Menschen. In der Struktur des Personbegriffs steckt der zugleich unkenntlich gemachte Sündenbock-Mechanismus mit drin (Grund der Geschichte vom rachsüchtigen zum autistischen Gott, über den heute jeder gefahrlos daherreden kann; gehört die Lösung des Autismus-Problems zum Lösen überhaupt?). Das Angesicht Gottes ist die reine Forderung der Barmherzigkeit; das Theodizee-Problem ist eine Folge der Personalisierung.
    Zusammenhang der kirchlichen Abtreibungskampagne mit der dritten Leugnung: Ist die Diskriminierung der Abtreibung nicht ein Versuch der projektiven Verarbeitung der seit den Kirchenvätern institutionalisierten Leugnung der Nachfolge; hat nicht die Kirche aus Furcht vor den messianischen Wehen die Wahrheit abgetrieben (das Talent vergraben)? Aber Gott will nicht, daß das Wort leer zu ihm zurückkommt.
    Ist nicht das Ding die trunkenheitserzeugende Substanz? Der Name des Dings hängt sprachlich und sachlich mit dem des Things, des Gerichts, zusammen.
    Rührt nicht das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit an den potentiellen Umkehrpunkt des Inertialsystems (und damit der naturwissenschaftlichen Erkenntnis insgesamt)?
    Zusammenhang von Walten, Verwalten, Gewalt und Bewältigung?
    Das Irrationale (z.B. der Faschismus) ist nicht nur irrational: Käme es nicht endlich darauf an, die Rationalität des Irrationalen zu bestimmen (gehört nicht die bloße Empörung zum Drachenfutter: zum Staub, den Adam produziert und den die Schlange frißt)?

  • 13.12.93

    Natur als „Inbegriff gegebener Gegenstände“. (Kritik der reinen Vernunft, S. 635) Diese Erläuterung ist der Definition, die Kant an anderer Stelle gibt, äquivalent, wo er Natur als das „dynamische Ganze der Erscheinungen“ bezeichnet. In der durch die Urteilsform verhexten Welt bezeichnet die Natur alle Gegenstände von Urteilen, die Welt alle Urteile über Gegenstände. Der Weltbegriff entzieht den Naturbegriff, und mit ihm den Gegenstandsbegriff, der kritischen Reflexion.
    Ethik als prima philosophia: Wenn Kant die Metaphysik der Natur von der Metaphysik der Sitten dadurch abgrenzt, daß er die eine als das Reich des Seins vom andern als dem Reich des Sollens trennt, dann vergißt er, daß das Sein in diesem Kontext als Nichtsein des Gesollten sich bestimmen läßt: Beide stehen nicht beziehungslos nebeneinander, beide sind (durch eine Grenze, die Rosenzweig erstmals als Grenze des Todes begriffen hat) auf einander bezogen, und die Reflexion dieser Beziehung wäre die zentrale Aufgabe der Philsophie (der „Stern der Erlösung“ ist ein philosophisches Buch). Wer das Sollen nur als Sollen bestimmt, neutralisiert und liquidiert es (wie Hegel es in der ungeheuren Konsequenz seiner Logik getan hat).
    Das Sein wird zum undurchdringlichen Sein erst durch seine Beziehung zur benennenden Kraft der Sprache: Indem es sie auf verdinglichte Objekte bezieht, neutralisiert es die Sprache zum Begriff, die dann verfügbar, instrumentalisierbar wird. Nur durch die Kritik des Begriffs, durch die Kritik des Weltbegriffs hindurch, ist es in das Licht der Erlösung zu rücken.
    Daß das Nichts etwas Reales, Bestimmtes ist, läßt sich (wie bei Rosenzweig) anhand der Todesfurcht bestimmen, aber auch
    – durch eine genauere Analyse der Vorstellung des Zeitkontinuums (seiner Bedeutung für die Konstruktion des Inertialsystems und die Begründung des naturwissenschaftliche Erkenntnisprozesses) und
    – anhand einer Untersuchung der Geschichte der Banken im Hinblick auf die Geschichte der Armut, der Ausbeutung und Unterdrückung in der Welt (Geldwäsche wäre eine Definition der Bankentätigkeit insgesamt; diese Leistungen der Banken sind vergleichbar denen der Schlachthäuser, der Kliniken, der industriellen Produktionsstätten und der Irrenanstalten: sie rücken die Grundlagen und Folgen unserer privatisierten Existenz aus dem Blickfeld).
    Pecunia non olet? Müßten Vegetarier nicht auch das Geld verweigern? Und hat der Hostienkult im Mittelalter nicht ebenso wie mit der Etablierung des Objektbegriffs etwas mit der neuen Entwicklung der Geldwirtschaft (und mit den gleichzeitigen Änderungen im Fleischverzehr, sowohl hinsichtlich der Mengen des Fleischverzehrs als auch der dazugehörigen Essenssitten: der Erfindung von Messer und Gabel) zu tun?
    Zur Rehabilitierung des Wunders: Humanität beginnt dort, wo man nicht mehr sich darauf beschränkt, nur das Mögliche zu denken, sondern den Schritt vollzieht, auch das Unmögliche zu denken.
    Die Antwort Jesu an Johannes („Die Blinden werden sehend, …“: Beschreibt sie nicht aufs genaueste den Umkreis der Erfüllung des Wortes, die Franz Rosenzweig als den Ort des Wunders bezeichnet und in den Kontext der Umkehr gerückt hat?
    Durch das Gravitationsgesetz hat Newton den Kosmos in eine imaginäre Maschine verwandelt, die nicht zufällig das Bild vom Uhrwerk nach sich gezogen hat. Gehört die Erfindung mechanischer Uhren (die dann an Kirchtürme und in die Dome verbracht wurden) zur Vorgeschichte des Inertialsystems?
    Eines der zentralen Momente der prophetischen Utopie ist das Bild vom Tierfrieden. Aber das ist nicht mehr zu verstehen ohne die Weltkritik der Apokalyptik.
    Hängt halacha mit lechem und haggada mit gadol zusammen? Und sind sie somit nicht auch Verkörperungen der Beziehung von Gericht und Barmherzigkeit? Und ist nicht mit der Übernahme der Sünde der Welt die Gerechtigkeit in der Barmherzigkeit: das Gesetz in der Gnade aufgehoben? Weshalb Jesus zur Rechten des Vaters sitzt, von dannen er kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten.
    Die jüdische Vergangenheit und das Gesetz ist im Christentum nicht überwunden, sondern aufgehoben, aber als Utopie aufgehoben, nicht als Realität (gegen die Kirche): Aufgehoben in der Idee des Parakleten. Johannes hat nur die Umkehr gepredigt, Jesus die Frucht der Umkehr: den Parakleten, den Geist.
    Wer Jenseits des Todes mit Nach dem Tod verwechselt, schneidet die Erlösung an der Wurzel ab, befördert die Finsternis über dem Abgrund. Das Verhältnis Jesu zum Täufer ist geweissagt in dem Satz vom Geist Gottes über den Wassern.
    Die Lösung der sieben Siegel ist die Lösung des Rätsels des Sechstage-Werks.
    Dem Menschensohn ist Herr des Sabbats: D.h. er ist der Herr des Sechstage-Werks und des Exodus.
    Wodurch unterscheidet sich das Himmelreich vom Gottesreich, und weshalb unterscheiden deutsche Übersetzungen in der Regel auch sprachlich zwischen Himmelreich und Reich Gottes (während im Griechischen beide Namen gleich, durch die reine Genitivkonstruktion, nicht durch ein zusammengesetztes Wort, gebildet werden: basileia tou ouranou und basileia tou theou). Geschichtsphilosophie der Wortbildungen:
    – im Hebräischen scheinen Wortzusammenfassungen in erster Linie Namensbedeutung zu haben (Jehoschua, haschamajim),
    – im Griechischen und Lateinischen bezeichnen sie Tätigkeiten (pantokrator, pontifex),
    – im Deutschen (ohne Parallele in anderen Sprachen?) Eigentums-und Herrschaftsbeziehungen (Hausbesitzer); entspringen diese Konstrukte nicht in Genitivbildungen, und partizipieren sie nicht an der Zweideutigkeit des Genitivs (g. subjectivus und objectivus)? – Vgl. die Bemerkung Walter Benjamins hierzu im „Ursprung des deutschen Trauerspiels“.
    Haben die Wortzusammensetzungen im Indogermanischen etwas mit der selbstreferentiellen Struktur dieser Sprachen, mit der noesis noeseos, mit ihrer Beziehung zum Herrendeknen und mit der Bildung des Neutrum (und dem Ursprung des Begriffs) zu tun? Steckt nicht in der Beziehung der indogermanischen Substantivbildung zur hebräischen Namensbildung ein Hinweis auf die geschichtsphilosophische und metaphysische Relevanz des Problems?
    Steckt in Mirjam das jam (Meer)? Und hat jam (Meer) etwas mit majim (Wasser) zu tun: Gibt es im Hebräischen Umkehrbildungen: jam und majim, bara und arab, negev und begin?
    Ist die Wüste die Umkehr der Schöpfung, und die ägyptische Magd die Umkehrung des hebräischen Sklaven?
    Sind Vor- und Zuname (auch die Bildung „Jesus Christus“) Abkömmlinge und Denkmale der Trennung von Natur und Welt, Objekt und Begriff: Produkte der Urteilsform?
    Zwischen den Feigenblättern (zu deren Bedeutung Johannes Scotus Eriugena wichtiges gesagt hat) und den Röcken aus Fell, mit denen Gott Adam und Eva bekleidete, liegen die Verfluchungen der Schlange, Evas und Adams. Aber erst nach dieser Bekleidung mit Fellen erfolgt die Vertreibung aus dem Paradies. (Gen 37.21f) Haben diese „Felle“ etwas mit dem Ursprung des Weltbegriffs zu tun (sind die Felle der Tiere nicht Verkörperungen der Scham, Ausdruck ihrer Beziehung zu ihrer Welt, der Mimesis an die „Außenwelt“: des Bannes, unter dem alle Tiere stehen)? Drückt in diesen Fellen (ebenso wie nach Johannes Eriugena in den Feigenblättern) etwas Sprachliches sich aus; bezieht sich das Fell nicht auch wie der Fluch auf die Beziehungen der Geschlechts-Differenzierung der Substantive, insbesondere auf den Ursprung und die Bedeutung des Neutrum (der Schlange)?

  • 10.12.93

    Astronomie und Medizin entspringen gleichzeitig und zusammen mit der sich etablierenden Geldwirtschaft (mit der Überschwemmung der Dinge durch Eigentum und Begriff), mit dem Staat und dem (die Erkenntnis dieser Zusammenhänge ausblendenden) Weltbegriff: Die Objektivation des Planetensystems hängt außer mit der durch Gewalt, Hierarchie und Herrschaft bestimmten Organisation der Gesellschaft auch mit der Objektivation der unabhängig von bewußter Steuerung und Kontrolle ablaufenden organischen Prozesse zusammen: sie hat das Objekt der Medizin beim Tier und bei den Menschen überhaupt erst produziert und organisiert. (Zusammenhang von Fleisch und Blut mit den paulinischen Elementarmächten)?
    Wurden die Tieropfer durch das „Kreuzesopfer“, das keins mehr war: die „Übernahme der Sünde der Welt“, abgelöst?

  • 09.12.93

    Buße (Umkehr), Gebet und Fasten gehören zu den Grundlagen der Weltkritik: zur Kritik
    – des Inertialsystems (Buße, Umkehr, „Gehorsam“),
    – der Geldwirtschaft (Fasten, „Armut“) und
    – der Bekenntnisreligion (Gebet, „Keuschheit“).
    Das Inertialsystem und seine Entsprechungen (Geldwirtschaft und Bekenntnisreligion) sind Verkörperungen des Anklägers (des „Widersachers“): des anklagenden Prinzips, in Deutschland durch den Titel des Staatsanwalts (durch die darin sich manifestierende Staatsmetaphysik) mit der Institution des Staates und dem Gewaltmonopol des Staates verschmolzen. (Hängt Habermas‘ Einwand gegen die Frankfurter, seine Wendung gegen jeden Gedanken an eine Naturutopie, mit seinem „Verfassungspatriotismus“ zusammen?)
    Daß im Namen des Menschensohns der Bann der Welt gebrochen ist, manifestiert sich in dem Wort, daß er auf den Wolken des Himmels kommen wird. Im Apokalyptik-Band, S. 301, findet sich der entscheidende Hinweis auf den Gegensatz (und die Beziehung) des messianischen Titels Menschensohn zu den Tiersymbolen und auf den apokalyptischen Grund des Namens.
    Wie lautet der aramäische Name des Menschensohns: barnascha, baränasch oder baränascha?
    Als Sohn Adams ist der Menschensohn der Sohn dessen, der die Tiere benannt hat (so hat er teil an der „Schöpfung“ der Welt).
    Schließt die historisch-zeitgeschichtliche Interpretation der Apokalypse (z.B. die Beziehung der Johannes-Apokalypse zu Nero und Domitian) die Möglichkeit eigentlich aus, die anhand der Vergangenheit gewonnenen Symbole im gegenwärtigen zeitgeschichtlichen Kontext wiederzuerkennen (als Erfüllung des Worts)? Ist das Zeitgeschichtliche der Apokalypse nicht eine Variation und Steigerung des Aktualitätsbezugs der Prophetie? Wird nicht dieser Aktualitätsbezug im philosophischen tode ti, und in jeder Gestalt der „Naturerkenntnis“ seitdem verdrängt, und so die Apokalypse neutralisiert: Ist der Naturbegriff zu diesem Zweck ersonnen worden (und die Philosophie demnach insgesamt ein Mittel zur Verdrängung der Apokalypse, und ihr theologischer Gebrauch seit den Kirchenvätern nicht nur ein Produkt der enttäuschten Parusieerwartung)?
    Die Beziehung der Apokalypse zum Traum wird deutlicher, wenn man daran erinnert, daß Nebukadnezar den Daniel auffordert, ihm den Traum selber, und nicht nur seine Deutung, zu liefern (vgl. dagegen die Träume beim Joseph: die eigenen, die des Mundschenk und des Bäckers, und dann die des Pharao: der Pharao kennt seinen Traum, Nebukadnezar nicht). In der Apokalypse bezeichnet der Traum (wie heute, im Kontext der Kritik der Naturwissenschaften, der Begriff der Verdrängung) etwas Objektives, nicht etwas nur Subjektives, Psychologisches. Bezeichnet nicht der Weltbegriff (und der Ursprung des Staats) die Grenzscheide zwischen Prophetie und Apokalypse (mit fließenden Übergängen in der Prophetie und der Benennung der Grenze im Christentum)? Sind die mathematischen Naturwissenschaften nicht auch ein böser Traum von einer Welt, die „an sich“ ganz anders ist, aber einer cum fundamento in re?
    Die kopernikanische Theorie und die Geschichte der Naturwissenschaften seitdem war ein Instrument der Vergesellschaftung und Verinnerlichung von Herrschaft. Sie hat den Himmel dadurch aus dem Gesichtskreis der Menschen entfernt, daß sie ihn in den Innenraum ihrer (mathematischen Zwangs-) Vorstellung transportiert hat.
    Intersubjektivität ist die Gemeinschaft fensterloser Monaden: am Ende die gemeinsame Isolationshaft aller: ein böser Traum.
    Richten, Strafe, Buße, Sühne (oder über die reinigende Wirkung des Mords): In einer Gesellschaft, in der es nur noch Richter, aber keine Verteidiger, keine Gnade, keine Barmherzigkeit mehr gibt, gibt es keine Sühne mehr, die die Ehre des Täters restituiert (nur noch den faschistischen Mord: das perfekte Verbrechen verträgt keine Zeugen). Das Schlimmste ist, wenn einer (wie von Weizsäcker) sich entschuldigt. Die Deutschen sind es leid, „ewig im Büßerhemd herumzulaufen“. Die anderen waren „auch nicht besser“: Dafür müssen heute die Ausländer, die Linken, die Behinderten „büßen“ (aber diese Buße ist ebenso grundlos wie irrational: Sie hat ihren Grund nicht in Handlungen derer, denen die Buße auferlegt wird, sie ist stellvertretende Sühne, die die Untat ungeschehen machen soll, die die Richtenden an ihnen verüben, indem sie prophylaktisch die Erscheinung des Schuldvorwurfs – das Opfer als den zukünftige Zeugen der an ihm begangenen Tat – beseitigt: deshalb haben die Nazis als erstes die Bettler und die Kommunisten ins KZ gebracht). Das perfekte Verbrechen als Vollendung des Rechtsstaats: Letzte Konsequenz aus dem Satz, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist? Die Gnadenlosigkeit bedarf der Strafe nur noch als Verdrängungshilfe; der Schritt zum faschistischen Mord ist dann nur ein kleiner Schritt.
    Die Todesstrafe wurde abgeschafft, als der Staat sie zur eigenen Begründung nicht mehr brauchte: nach endgültiger Durchsetzung des Gewaltmonopols. Aber hat sich damit nicht auch die Gemeinheit (nach Franz von Baader die „Niedertracht“) endgültig durchgesetzt? Ist die Menschheit nicht zum erstenmal wehrlos gegen das perfekte Verbrechen, dessen Alibi die Abschaffung der Todesstrafe ist?
    Die Taube ist das einzige nicht gehörnte Opfertier der Juden: Sie ist das Opfer der Armen, der Machtlosen, die Aufhebung des in ihnen erscheinenden Schuldvorwurfs an die Reichen und Herrschenden: so ist sie das Symbol des Parakleten, des Heiligen Geistes.
    Hat die physikalische Statistik (zusammen mit der „Gegenständlichkeit“ der Materie, der unlöschbaren Spur des Objektivationsprozesses) ihren Grund im Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit: in der Selbstreferenz, die seit der Hereinnahme eines empirischen Moments ins Inertialsystem aus der mathematischen Naturerkenntnis nicht mehr sich herausbringen läßt. Erst hierdurch entsteht jene quasiorthogonale Beziehung zur Materie, die der Grund der Atomistik und der Quantenstrukturen (des Planckschen Wirkungsquantums) ist. Im Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit enthüllt sich das projektive Moment in der naturwissenschaftlichen Erkenntnis, das den Begriffen der Natur und der Materie zugrundeliegt.
    Das „sub specie aeternitati“ meint nicht die Abstraktion von der Zeit, das Überzeitliche, sondern sprengt das Zeitkontinuum: Wiederherstellung der realen Gegenwart: Im Angesicht Gottes.

  • 08.12.93

    Mt 820 („die Füchse haben Gruben und die Vögel des Himmels Nester; der Sohn des Menschen dagegen hat nicht, wo er sein Haupt hinlegen kann“) und der Hinweis Hermann Gunkels dazu („Aus Wellhausens neuesten apokalyptischen Forschungen“, in Apokalyptik, S. 73): Der messianische Titel „Menschensohn“ (huios tou anthropou – ben adam / barnascha), den Mt in Gegensatz zu den Tieren rückt, könnte darin seinen Grund haben, daß erst im Menschensohn (als Gegentypos zum Tier: auch zum apokalyptischen Tier!) der Bann der Welt gebrochen ist.
    Mit dem „In-der-Welt-Sein“ des Daseins revoziert Heidegger die Humanität.
    Zur Bedeutung der sieben unreinen Geister: Durch den Bann der Welt (den Grund seiner Sprachlosigkeit), nicht durch den des Triebs, der Sexualität, unterscheidet sich das Tier vom Menschen, oder: Nicht die Ontologie, sondern die Ethik ist die prima philosophia, und durchs Denken („das alle seine Vorstellungen muß begleiten können“) ist der Mensch dem Bann unterworfen.
    Der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen ist der Baum der urteilenden Erkenntnis: Die Erkenntnis des Guten und Bösen und die urteilende Erkenntnis (die Urteilsform: die Trennung von Begriff und Objekt) entspringen gemeinsam; sie sind der Kristallisationskern des Weltbegriffs („sie erkannten, daß sie nackt waren“: sie lernten mit dem Sündenfall sich in den Augen der anderen, als Objekte für andere, zu erkennen). Die Welt ist die verdinglichte Welt (die Welt in den Augen der anderen), und der Konkretismus (das Produkt der Hypostasierung und Personalisierung) ist die Sünde der Welt (Repräsentant des blinden Flecks, der das Subjekt in den Bann der Welt hereinzieht). Vgl. den Rosenzweigschen Hinweis auf die „verandernde“ Kraft der Kopula, des Wörtchens „ist“ („Das neue Denken“).
    Konstruktion der prophetischen Erkenntnis:
    – Aktualitätsbezogenheit (zeitgeschichtlicher Grund),
    – Kritik der Gewalt der Vergangenheit (die Tradition auf dem eigenen Rücken befördern),
    – Kritik des Weltbegriffs (des Säkularisationsprozesses, der Geschichte der Verdinglichung).

  • 05.12.93

    Offb 179: „Hier ist der Verstand (vonnöten), der Weisheit hat. Die sieben Köpfe sind sieben Berge, auf denen das Weib sitzt, und sind (zugleich) sieben Könige.“ Aber der Engel entrückt ihn in eine Wüste, nicht auf einen hohen Berg, um ihm die große Buhlerin (Babylon) zu zeigen (173).
    Die Welt bezeichnet einen Bereich des Handelns, in dem man ohne Reue und ohne zu verzeihen seine Interessen und Ziele verfolgen kann. Das Absolute, das Korrelat der Welt, exkulpiert apriori. Das logische Apriori der Welt ist die eigene Rechtfertigung, die Selbstrechtfertigung (wenn sie ganz zur Ideologie geworden ist, bedarf sie keiner mehr).
    Eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit: Kann das nicht auch (x + x2)1/2 sein? Kommt der Ausdruck „ein A und zwei A und ein halbes A“ in der alten Mathematik vor?
    Ist der Lautsprecher (Begriff der Rede, die jede Reflexion im Keim unterbindet) nicht ein zentraler Typos der Nazizeit?
    Zur Kritik des Absoluten (Voraussetzung wäre eine Kritik der Mathematik): Hängt der Begriff des Absoluten nicht mit dem der Absolution („absolvo te in nomine …“) zusammen? Ist das Absolute nicht das immanente Telos des Exkulpationstriebs: die Macht der Sündenvergebung (Typos Barock!)? Und steckt darin nicht die Macht, die Vergangenheit zu vernichten: die Macht der Verdrängung? Hat die Kirche deshalb immer jede Vergangenheit (zuerst das Heidentum und Judentum) „überwunden“, und droht sie nicht (seit dem Barock) zum Opfer der Überwindung der eigenen Vergangenheit zu werden (zum Kern eines gewaltigen Verdrängungsapparats)? Deshalb können Theologen (Leonhard Ragaz eingeschlossen) das Jüngste Gericht nicht mehr vom Weltgericht unterscheiden.
    Gegen jeden Fundamentalismus: Das Absolute ist der Erbe des mythischen Schicksals und das Korrelat der Welt. Gott aber hat Himmel und Erde erschaffen. Das Abolute ist das caput mortuum Gottes, zu seinen Konstituentien und Gründen gehört die List der Vernunft als Mittel der Befreiung von der Gottesfurcht.
    Zum Absoluten gehört die Person: die Maske (die Charaktermaske: Geburt des Absoluten aus dem Geist der Tragödie). Das Absolute ist der Gott für andere, Grund jeder instrumentalisierten Religion, das mythische Erbe in der Religion.
    Die Kritik des Absoluten schließt die Kritik des Bekenntnisses mit ein, aus dessen Logik es hervorgeht. Die Bekenntnislogik ist die Logik der Religion für andere: deshalb schließt sie das Feindbild (im Christentum den Antijudaismus), das Verrätersyndrom (die Ketzerverfolgung) und die Frauenfeindschaft mit ein (dadurch unterscheidet sich das Bekenntnis „zur Gottheit Jesu“ vom Bekenntnis des Namens).
    War es nicht der tiefste Wunsch Heideggers, und zwar einer, der in der innersten Struktur seiner Philosophie (des ontologischen Ansatzes) begründet war: Kirchenvater des Nationalsozialismus zu werden? (Das Sein ist das Sein; der Infinitiv gründet im Possessivpronomen, und die Ontologie wäre im Kontext einer Geschichte der Banken zu analysieren.)
    Sidneys Argument (in dem Gespräch nach dem Konzert gestern abend), daß die Lohnkosten (DM 50,- Stundenlohn für deutsche Arbeiter gegenüber DM 5,- für polnische oder tschechische Arbeiter, und das bei 200 Arbeitstagen im Jahr) Ursache der Wirtschaftskrise in der BRD seien, vergißt (oder verschweigt), daß
    – die beiden Stundenlöhne so nur aus Unternehmersicht, nicht aber aus der Sicht der Betroffenen und auch nicht aus politischer Sicht vergleichbar sind (die Basis ist nicht vergleichbar),
    – die Lebensverhältnisse in der BRD (u.a. die Mietkosten) eine Senkung der Löhne nicht zulassen, ohne zu riskieren, daß das Heer der Obdachlosen vergrößert und die Gefahr einer neuen faschistischen Eruption heraufbeschworen wird.
    Die Intention des Arguments war rücksichtslos und barbarisch, aber sein Realgrund darf nicht verdrängt werden: Laufen die wirtschaftspolitischen Ziele der Bundesregierung:
    – Erhaltung der Geldwertstabilität und
    – Sicherung des Wirtschaftsstandorts Deutschland
    unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht in der Tat auf diese barbarischen Folgen hinaus? Läßt sich eine nationale Wirtschaftspolitik (oder eine Wirtschaftspolitik, die den nationalen Grund der Wirtschaft unangetastet läßt, sich als Wirtschaftspolitik im internationalen Konkurrenzkampf begreift) ohne diese Folgen überhaupt noch begründen? In welcher Beziehung steht die Währungshoheit des Staates (der systematische Grund des Nationbegriffs) zu den Problemen der unterschiedlichen Infrastrukturen, den Mitteln der Marktsicherung (Zoll und Steuern), den Problemen der ökologischen und politischen Existenzsicherung, aber auch dem Wandel der Öffentlichkeit, den ökonomisch und real, durch die Geschichte des „Begriffs“ (d.h. herrschaftsgeschichtlich), erzwungenen Formen der „Rücksichtlosigkeit“ (reale Entwicklung des Weltbegriffs)?
    Zu Sidneys Konzept eines ökologischen Heizkraftwerks, dessen Emissionen einen Wald nähren sollen, damit sie die Atmosphäre nicht belasten:
    – Stimmt eigentlich die Prämisse, daß die Emissionen insgesamt über den Kohlenstoff-Umsatz zur Holzerzeugung genutzt werden können; gibt es nicht auch waldschädigende Emissionen (die heute über den sauren Regen das Waldsterben verursachen), die das Konzept von vornherein zum Scheitern verurteilen würden?
    – Und selbst, wenn man das vernächlässigen könnte: Welche Folgen hätte die Kohlenstoff-Übersättigung?
    Der Kapitalismus hat die Schuldknechtschaft institutionalisiert.
    Der Fehler des real existierenden Sozialismus lag nicht in Grundlagen der Theorie, sondern in den Prämissen und Folgen ihrer technologischen Anwendung. Aber diese Prämissen und Folgen sind Teil der vom Tauschprinzip beherrschten Wirtschaft insgesamt, auch der Marktwirtschaft, die nur aufgrund der konsequenteren Anwendung: aufgrund ihrer Rücksichtslosigkeit durchsetzungskräftiger ist.

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