Theologie

  • 04.12.93

    Der „hohe Berg“ ist sowohl der
    – Berg der Versuchung (Mt 48: „zeigt ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit“),
    – der Berg der Verklärung (Mt 171: „und führt sie abseits auf einen hohen Berg“) als auch
    – der hohe Berg der Apokalypse (Offb 2110: „und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam“). Sh. auch
    – Ez 401f „… kam die Hand des Herrn über mich, und er führte mich) in Gottesgesichten in das Land Israel und ließ mich nieder auf einem sehr hohen Berg; auf dem stand mir gegenüber etwas wie der Bau einer Stadt.“
    Vgl. Ragaz Bd. 3, S. 25 und 201; Bd. 4, S. 454; außerdem:
    – Mt 51 (Bergpredigt), 514 („eine Stadt, die auf dem Berge liegt, kann nicht verborgen sein“), 1423 („Und nachdem er die Volksmenge entlassen hatte, stieg er für sich allein auf den Berg, um zu beten“), 1529 („stieg auf den Berg und setzte sich dorthin …“), 1812 („… wird er nicht die 99 auf den Bergen lassen, und geht er nicht hin und sucht das verirrte“), 2416 („… dann sollen die in Judäa ins Gebirge fliehen“), 2816 („die elf Jünger aber gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte“);
    – Mk 313 (Berufung der zwölf Apostel), 55 (der besessene Gerasener), 646 („… ging er auf den Berg, um zu beten“), 1123 („wer zu diesem Berge sagt: Hebe dich empor und wirf dich ins Meer“), 1314 (Mt 2416);
    – Lk 35 (Jes 403-5), 429 („… führten ihn bis zum Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt gebaut war, um ihn hinabzustürzen“), 612 (Mk 313), 832 (die Schweine auf dem Berg), 2121 (Mt 2416), 2330 (Hos 108);
    – Apg 730 („in der Wüste des Bergs Sinai“).

  • 03.12.93

    Die Offenbarung verhält sich zur Philosophie wie das Licht zur Physik (zu den Naturwissenschaften).
    Ist nicht das Verhältnis der Religion zum Reich Gottes eher nach dem Paradigma der dritten Leugnung als nach dem von Götzendienst und Prophetie zu bestimmen?
    Der Name Jesu ist der Name des Gottesreichs (und der Name des Tieres der Name dieser Welt: der Name eines Menschen).
    Joh 1916: Bezieht sich das „sie“ (Pilatus lieferte Jesus an sie aus …) hier auf die Juden? Aber 1923 sind es dann doch „die Soldaten“.
    Die Griechen, die nach Joh 1220 nach Jerusalem hinaufzogen, um am Fest teilzunehmen, wenden sich an Philippus (aus Bethsaida in Galiläe), und Philippus geht und sagt es dem Andreas. Es sind die beiden Jünger mit griechischem Namen, an die sich die Griechen wenden.
    Wenn Leonhard Ragaz das ho airon in Joh 129 gelegentlich auch mit „wegnehmen“ übersetzt, ist das dann nicht nur eine Unsicherheit, auch ein Stück unverkennbarer Naivität, die heute, 50 Jahre nach der Katatstrophe, nicht mehr erlaubt ist?
    Bei Jesus steht das „den Kelch trinken“ in einer verborgenen Beziehung zur Klugheit der Schlangen, die nur dann nicht zur Trunkenheit führt, wenn sie die Arglosigkeit der Tauben mit einschließt. Den Kelch bis zur Neige trinken: bis in den Kern der Trunkenheit hinein, aber in voller Nüchternheit: ohne ihr zu verfallen. Darin steckt das Konzept der christlichen Beziehung zur Geschichte der Säkularisation, zum Weltbegriff.
    Zum Trinken des Kelchs gehört das „Seid nüchtern und wachsam“; aber die Apostel in Getsemane konnten nicht eine Stunde mit ihm wachen. (Gibt es nicht eine Besessenheit, die nur durch Wachen und Beten zu beherrschen ist?)
    Wie wäre es mit der Idee einer Sozialgeschichte der Sprache: Zum Rosenzweigschen Hinweis, daß das Äquivalent der Technik in der alten Welt die Rhetorik gewesen sei, wäre ergänzend an die Grammatik zu erinnern. Tragen die Grammatiken der klassischen Sprachen des Altertums (Hebräisch, Griechisch, Latein) nicht alle die Züge eines technischen Konstrukts? Und steht das technologische Element in diesen Sprachen nicht im Zusammenhang mit dem Ursprung und der Entfaltung des Staats, der Konstituierung des Weltbegriffs, der Geschichte der politischen Organisation der Ökonomie? Rückt damit nicht das Problem der Grammatik in den Vordergrund, zusammen mit dem Problem des Ursprungs der Schrift und des Geldes? Genügt nicht nur die Buchstabenschrift dem Erfordernis der Anwendung auf verschiedene Sprachen (den Erfordernissen des beginnenden Handels – der Entfaltung des Tauschprinzips, der aus Verhältnissen der Schuldknechtschaft und aus der Geschichte des Opfers sich entwickelt hat)?
    Wie hängen Ich und dich zusammen (sie unterscheiden sich nur durch das deiktische d-, machen aber damit das Subjekt zum Objekt in seiner allgemeinen Form: als Akkusativ)? Gründet das Ich nicht im Ach?
    Wie die Lateiner Römer (und diese Nachfahren der Trojaner) und die Griechen Hellenen waren (die „Griechen“ in Joh 1220 sind Hellenen), so waren die Hebräer Israeliten (die von Aramäern, d.h. Syrern abstammen): Die Namen der Sprachen differieren von den Namen der Völker, die keine Ursprungsnamen sind. Warum nennen wir Mizrajim Ägypten?
    Sind die Sterne des Himmels der Sand am Meer der oberen Wasser?
    Die Tage des Schöpfungsberichts sind keine Kalendertage, sondern Tage in einer Welt, die sich auf das Heute bezieht (wie das Licht auf das Leben und das Angesicht). Dazu gehört die Nacht, die auf das Krähen des Hahnes wartet.
    Sind nicht die Dornen und Disteln die Erben des Baumes der Erkenntnis?
    Gibt es überhaupt die Mathematik; ist nicht die Mathematik in sich selbst gespalten? Arithmetik und Geometrie lassen sich nicht restlos in einander überführen und gleichnamig machen. Wäre nicht dieser Bruch zu reflektieren, der mitten durch die Mathematik geht (der Bruch zwischen dem Kontinuum und dem Diskreten: Begriff und Objekt, Modell der Subsumtion)? Ist die Mathematik das tohu wa bohu?
    Das Ich denke begleitet in der Tat nur unsere Vorstellungen, nicht die benennende Kraft der Sprache, in der sich vielmehr „unsere Vorstellungen“ auflösen (deshalb zerstört das Zuschauen die Sprache).
    Die Vergegenständlichung Gottes, m.a.W. die Religion, ist die Sünde der Welt. Im Angesicht Gottes verbrennt die Welt, eröffnet sich die Vergangenheit wie im Jüngsten Gericht.
    Welche Prophetinnen gibt es: Mirjam, Debora, Hulda, dann die Prophetin Anna und die vier Töchter des Philippus? Wie ist es mit der Frau, die Jesus gesalbt hat, und mit Maria aus Magdala?
    Ist nicht die Abtreibungsdebatte eine Stellvertreter-Debatte zum Zwecke der Verdrängung und Ablenkung: der Versuch, den messianischen Wehen zu entgehen?
    Der Säkularisatonsprozeß hat nicht nur Herrschaft entzaubert, sondern den Zauber, die Religion, der Herrschaftskritik unterworfen. Die Säkularisation aller theologischen Gehalte bedeutet nicht ihre Preisgabe, nicht ihre Leugnung, sondern umgekehrt ihre Befreiung aus ihrer falschen Verschmelzung mit der Symbolik und Metaphorik der Herrschaft, aus ihrer herrschaftsgeschichtlichen Symbiose.
    Beschreiben nicht die beiden Verbote gegen das Essen von Götzenopferfleisch und gegen Hurerei aufs genaueste den Charakter des Kapitalismus?
    Ragaz, 4, S. 421: Hier erscheint ein merkwürdig paranoisches Element (die offene Seite seiner Schutzlosigkeit), wenn er vom „Heer der Bazillen“ spricht.

  • 02.12.93

    Das tode ti, das hic et nunc, ist die Säkularisation, die Umkehrung des prophetischen Heute, das so unkenntlich gemacht wird.
    Ragaz, Bd. 4, S.236: Hier verwechselt er (mit der gesamten christlichen Theologie vor ihm) den johanneischen Logos mit der griechischen Vernunft, dem Denken: mit seiner Verstrickung im Schuldzusammenhang, dessen subjektiver Ausdruck das Denken ist.
    Ist adama, der Acker, die Sprache? Und sind die Dornen und Disteln die Grammatik (die ihre Wurzeln in der Mathematik, in der Sprachwüste, hat).
    Macht die Mathematik die Sprache zu Staub? Wie verhält sich der Staub zum Sand am Meer und zu den Sternen des Himmels?
    An sich ist der Raum (die subjektive Form der äußeren Anschauung) dunkel, undurchsichtig (ist die Anschauung blind); erst das Licht macht ihn hell. Wir sehen die Dinge im Licht, nicht im Raum. Steckt nicht in diesem Licht schon die Sprache?
    Zu Joh 129 vgl Ragaz, Bd. 4, S. 251.
    Johannes zitiert (in seiner Version der Geschichte von der Tempelreinigung) die „Räuberhöhle“ als Marktplatz (Ragaz, 4, S. 258)?
    Steht das Wort von der Wiederherstellung des Tempels in drei Tagen in Beziehung zur Geschichte von den drei Leugnungen?
    „Sag, ist es Liebe, was hier so brennt“: Ist das Feuer nicht ebenso pathologisch wie die Empfindung (und sein Verhältnis zum Licht ein Abbild des Verhältnisses der Empfindung zur Sensibilität)?
    Jes 1918: An jenem Tage werden fünf Städte im Lande Mizrajim die Sprache Kanaans reden und sich durch Eidschwur dem Herrn der Heerscharen zu eigen geben. Eine wird Ir-Heres (Stadt der Zerstörung, Sonnenstadt/Heliopolis?) heißen. – Ist die Sprache Kanaans die Sprache des Landes Kanaan oder (auch) die Sprache der Händler (im Gegensatz zur Herrschaftssprache des Indogermanischen)?
    Entspricht nicht die logische Stellung des Charakters im System (bei Kant und Rosenzweig) der des Tieres in seinem Verhältnis zur Welt (Benennung der Tiere durch Adam, die apokalyptischen Tiere)? Sind die (Vögel und) Fische charakterlos?

  • 01.12.93

    „Nimm dein Bett und wandle“: Wäre nicht eine Vergebung der Sünden, die dann von der Lähmung befreit, erst wirklich eine?
    Merkwürdig wie in 1 Kor 1539ff die Differenzierung des Fleisches (der Menschen, der vierfüßigen Tiere, der Vögel, der Fische) auf die Differenzierung des „Glanzes“ (der „Herrlichkeit“? – die doxa der „irdischen Leiber“ auf die der „himmlischen“: der Sonne, des Mondes, der Sterne und der Sterne untereinander) bezogen wird. Ist das Fleisch die doxa (der Glanz, die Herrlichkeit) der irdischen Leiber (und die doxa das Fleisch der „himmlischen“)?
    Ist die doxa (kabod) nicht das Element des Namens? Sind nicht beide Übersetzungen: Herrlichkeit und Glanz, falsch? Der Glanz empfängt sein Licht von außen (spiegelt es bloß auf besondere Weise), die Herrlichkeit dagegen von innen, aber aus einem Innen, in dessen Kern der „Herr“ steckt?
    2 Thess 21-12: Diese ungeheuerliche Stelle über den den Antichrist (den „Menschen der Gesetzlosigkeit“, der dem „Abfall“ folgt).
    Im Kern des Säkularisationsprozesses steckt ein blinder Fleck, der sich heute über alles ausbreitet.
    Hat nicht der über den Wassern brütende Geist auch etwas mit den Fischern, aus denen Jesus seine Jünger nimmt, zu tun? Und ist nicht die Philosophie (und das Recht) ein Teil des Werks des dritten Tages: der Scheidung des Trockenen vom Wasser (des „Landes“ vom „Meer“)?
    Ist die „Feste“, die die oberen von den unteres Wassern scheidet, der Grund des Staates, der Staat somit ein Werk des zweiten Tages? Warum wird diese Feste „Himmel“ genannt?

  • 30.11.93

    Der Ursprung des Objektbegriffs verdankt sich der theologischen Verdrängung des Kreuzestodes. Hierzu der Hinweis von Leonhard Ragaz, Bd. 4, S. 23: Die Eucharistie als Mahl des „heiligen Egoismus“. War nicht die eucharistische Frömmigkeit (zusammen mit dem antisemitischen Bild der „Hostienschändung“) ein Beleg der Gewalt, die nötig war, um den Objektbegriff in den Köpfen zu verankern?
    Gibt es außerbiblische Belege für den Namen des Pharao?
    Ist Adornos „Erpreßte Versöhnung“ die Antwort auf Lukacs‘ „Hotel Abgrund“?
    Gehören nicht die Posaunen von Jericho und Jeremias‘ „Betet für das Wohl der Stadt“ zusammen? Und drückt sich in den Posaunen von Jericho nicht etwas von der Beziehung der Musik zur Prophetie aus?
    Gibt es im Hebräischen (wie im Deutschen) auch eine sprachliche Beziehung zwischen den Hörnern des Drachens (des Tieres) und dem Schofarhorn (und den Posaunen vor Jericho)? Vgl. auch den „gehörnten Moses“ und den bemerkenswerten Tatbestand, daß alle Opfertiere (mit Ausnahme der Taube) gehörnte Tiere waren.
    Hat der Geist über den Wassern etwas mit den Wolken des Himmels zu tun?
    Es blitzt und donnert, und es regnet, aber JHWH brüllt (Jer 2530, Joel 4(3)16, Am 12): Das Problem des Neutrum und des „es gibt“.
    Ist nicht das Sein das reine Es (das nichtige Substrat des „Geschehens“, Produkt der Ontologisierung)?
    Zum Bilderverbot: Hängt der Ursprung des Neutrum (und die „in-dogermanische“ Grammatik) mit der Geschichte des Opfers und dem Bilderdienst (den Statuen) zusammen?
    – „Selig bis du, Simon, Barjona; denn nicht Fleisch und Blut hat dir das offenbart, sondern mein Vater, der im Himmel ist.“ (Mt 1617, zum Zeichen des Jona sh. 164)
    – „… daß Fleisch und Blut das Reich Gottes nich ererben kann“ (1 Kor 1550),
    – „… ging ich nicht mit Fleisch und Blut zu Rate“ (Gal 116),
    – „Denn unser Ringkampf geht nicht wider Fleisch und Blut, sondern wider die Gewalten, wider die Mächte, wider die Beherrscher dieser Welt der Finsternis, wider die Geisterwesen der Bosheit in den himmlischen Regionen.“ (Eph 613)
    Haben diese Stellen etwas mit der Eucharistie zu tun?
    Das Kirchenproblem spitzt sich heute in einer Weise zu, die nach der Geschichte von den drei Leugnungen geradezu schreit.
    Joh 2115ff:
    – Liebst du mich mehr als diese – agapas me pleon touton
    – Herr, du weißt, daß ich dich liebhabe – kyrie, su oidas hoti philo se
    – Weide meine Lämmer – boske ta arnia mou,
    – Liebst du mich – agapas me
    – Herr, du weißt, daß ich dich liebhabe – kyrie, su oidas hoti philo se
    – Hüte meine Schafe – poimaine ta probata mou,
    – Hast du mich lieb – phileis me
    – Herr, du weißt alles, du siehst auch, daß ich dich liebhabe – kyrie, panta su oidas, su ginoskeis hoti philo se
    – Weide meine Schafe – boske ta probata mou.
    Merkwürdiger Wechsel von
    – lieben und liebhaben: agapas und phileis, während Petrus beim philo bleibt,
    – weiden und hüten: boske und poimaine,
    – Lämmer und Schafe: arnia und probata.
    Beachte auch den Unterschied zwischen arnion und amnos (amnos tou theou, 129).

  • 28.11.93

    Was bedeutet das Täuferwort: „Schon ist die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt“ (Mt 310, Lk 39, beidemale nach dem Wort, daß Gott dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken kann); auf welche Bäume bezieht es sich: Ölbaum, Feigenbaum, Weinstock, Dornstrauch, Baum der Erkenntnis?
    Jenseits des Todes heißt nicht nach dem Tod. Jenseits des Todes ist die Liebe, die stark ist wie der Tod. Und jenseits des Todes (aber nicht nach dem Tod) ist das Himmelreich, das Reich Gottes, das etwas durchaus Diesseitiges ist.
    Ist der Einsatzpunkt zur Kritik des Weltbegriffs nicht das Motiv aus der Dialektik der Aufklärung über die wechselseitige Verschränkung von Mythos und Aufklärung, die anhand der Beziehung zu den Fremden im Namen der Barbaren und der Hebräer und im Kontext der Geschichte des Ursprungs des Weltbegriffs (und der Begriffe Natur und Materie) sich bestimmen läßt?
    Ist die hebräische Schrift nicht auch in dem Sinne eine hebräische, daß sie das Moment der Fremdheit in sich enthält? Wurde die Schrift nicht von den Phöniziern, den Kanaanäern: von „welterfahrenen“ Seefahrern und Händlern, übernommen?
    Sind nicht die Werke der Barmherzigkeit und die evangelischen Räte unwiderlegbare Einsprüche gegen die Philosophie?
    Das Absolute ist nicht Gott, so wie das Weltgericht nicht das Jüngste Gericht ist. Das Absolute ist der Taumelkelch, auf den die Bitte Jesus in Getsemane sich bezieht, er möge an ihm vorübergehen.
    In Mt 16, an einer zentralen Stelle, wird neben Elias auch Jeremias von den Jüngern benannt als einer, für den die Menschen ihn (Jesus) halten. Bezieht sich das nicht auf
    – das Verhältnis Babylon/Rom,
    – das Gotteswort an Jeremias: Bete nicht mehr für dieses Volk,
    – das Wort vom „Grauen um und um“ und auf
    – das Wort an das Volk: Betet für das Wohl der Stadt?
    Das „Grauen um und um“: Ist das nicht die Innenerfahrung des Taumelkelchs, des Absoluten?
    Der kostbare Begriff bei Leonhard Ragaz vom „heiligen Materialismus“.
    Diese Welt ist nicht durch den Kreuzestod entsühnt, sondern durch die Übernahme der Sünde der Welt ist nur der Bann gebrochen, in dessen Konsequenz der Kreuzestod als immer noch gültiges Realsymbol der unversöhnten Welt liegt. Die Opfertheologie garantiert als Ideologie einer „entsühnten Welt“ den Fortbestand der unversöhnten Welt.
    Das Tier, die Welt und die benennende Kraft der Sprache (Adam hat nur die Tiere benannt): Die Entsühnung der Welt macht den Menschen zum Tier, die Menschwerdung beginnt mit der Übernahme der Sünde der Welt. Das Absolute ist der Behemoth: die Selbstzerstörung der benennenden Kraft der Sprache (der Taumelkelch).
    Erst dem spätkapitalistischen Blick verwandeln sich die vergangenen Religionen in Religionen (in ihr Anderssein): in Bekenntnissysteme mit zugehörigen Vorstellungsmassen. Da diese Vorstellungsmassen sich als beziehungslos zu unseren Erfahrungen erweisen, halten wir die vergangene Menschheit für dumm (und werden unfähig, die Erfahrungen und ihre Verarbeitung, die in diesen Vorstellungsmassen enthalten sind, und damit die Genesis unserer eigenen Gestalt der Erfahrung zu begreifen: machen wir uns selber dumm).
    Zum Begriff des Lösens: Probleme und Fesseln werden gelöst. Sind Probleme Fesseln (oder werden erst Problemlösungen zu Fesseln)?
    Das Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht ist ein strenges Gericht.
    Verweist das apokalyptische Bild, wonach am Ende der Himmel wie eine Buchrolle sich aufrollt, nicht auch auf den Zusammenhang des Ursprungs der Schrift mit den Anfängen der Astronomie (und hat die kopernikanische Wendung und ihre dynamische Begründung durch die Gravitationstheorie diese Schrift ins Buch zurückgestaut)?
    Ist die hebräische Schrift nicht notwendig eine Konsonantenschrift, und sind die Konsonanten in der Schrift nicht das Äquivalent der Statuen in den Tempeln (und wie diese Denkmale von Opfern)? Die Vokale haben sich erst mit dem Gesang in der Sprache entfaltet.
    Wenn das Recht die staatlich-nationale Organisationsform einer Gesellschaft von Privateigentümern ist (und der Grundbegriff jeden Rechts der des Eigentums ist), was bedeutet dann das Kirchenrecht?
    – Deduktion seiner Form und seiner Inhalte;
    – Zusammenhang mit dem Bekenntnisbegriff (durch den der Gläubige zum Eigentum der Kirche wird);
    – Funktion der Sexualmoral (Verweltlichung der Kirche durch Ausblendung der Welt und Privatisierung der Moral: das versteinerte Herz).

  • 27.11.93

    Wirtschaftsstandort Deutschland: Appell an die nationale Selbsterhaltung als imperialistische Kampfparole.
    Ist nicht jede Ökonomie (aufgrund der Währungs- und der Rechtshoheit des Staates und ihrer Verflechtung mit der Infrastruktur des Landes und den gesellschaftlichen Institutionen) National-Ökonomie; und bedarf es nicht deshalb endlich einer Geschichte der Banken (die auch Kopernikus und Newton, deren nationale Geldtheorien zu den Grundlagen ihrer Astronomie gehört, enthalten sollte)? Gehört die Kritik des heliozentrischen Systems zur Imperialismus-Kritik?
    Gibt es nicht eine Korrespondenz zwischen den Unterdrückten und Beleidigten, den Ausgebeuteten und Erniedrigten (den Armen und den Fremden) und der verdrängten Vergangenheit? Repräsentieren nicht die Herren (die „Sadduzäer“) die unversöhnte Vergangenheit (den Unterdrückungs- und Verdrängungsapparat als Verkörperung der Macht der Vergangenheit und die Leugnung der Auferstehung)?
    Das tode ti, das hic et nunc (bei Hegel Kern der Begründung des Objektbegriffs, dessen Subjektivität Grundlage der transzendentalen wie auch der Hegelschen Logik ist): Ist das nicht in der Tat der Umkehrpunkt, der Knoten, der zu lösen ist? Das wahre tode ti ist die Aktualität der Prophetie: die aktuelle Realität des Hungers, der Folter, der Unterdrückung, des Krieges (der Armen und der Fremden).
    Die Trennung der oberen von den unteren Wassern und dann des Flüssigen vom Festen (das Werk des zweiten Tages): Hat das nicht mit der Trennung von Zukunft und Vergangenheit zu tun (und mit der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit: der Begründung des Wissens)? Und hängt das Wunder von Kana nicht mit der Sintflut und Noe zusammen (sind Wasser, Wein und Blut drei Dimensionen des Zukünftigen; Zusammenhang mit der Erde, der Blöße und dem Fleisch)?
    Der Urknall oder die Sprache als schwarzes Loch: Gehört nicht zur deutschen Staatsmetaphysik ebenso wie der Staatsanwalt auch der Volkstrauertag (das „Heldengedenken“): wie das Opfer zum Götzendienst? Der Staat als Moloch, der seine Opfer frißt. Der Volkstrauertag als Versuch der Sinngebung des Sinnlosen benötigt den Nationalismus als sinngebende Instanz: Ursprung der hohlen Sprache, Kern der Zerstörung ihrer benennenden Kraft.
    Die Schrift (die Bibel) ist ein multidimensionaler, von allen Seiten durchsichtiger Körper; hat sie nicht siebzig Dimensionen?
    Zum Anfang der Genesis:
    – Sie enthält die vier Elemente (Erde Himmel Geist);
    – ist der Geist über den Wassern eine Emanation des Feuers?
    Dann wäre:
    – die Erde wüst und leer,
    – Finsternis über dem Abgrund, und dann
    – der Geist Gottes über den Wassern: die erste Tätigkeit der Himmel (des Feuers).
    Zur Dynamik dieser Geschichte gehört es, daß der gleiche Himmel dann verwandt wird zur Benennung der Feste, die die oberen von den unteren Wassern scheidet.
    Ist es nicht ein großartiger Gedanke, daß die Jotam-Fabel die Idee des Königtums an die Bäume (und nicht an die Tiere) bindet: an den Dornstrauch?
    Die Summenzahlen im Neuen Testament haben die Basis 17 (153, Joh 2111), 23 (276, Apg 2737) und 36 (666, Offb 1318):
    – 17 ist die Summe aller Zahlen von 1 bis 5, plus 2;
    – 23 die Summe der Zahlen von 1 bis 6, plus 2;
    – 36 die reine Summe von 1 bis 8.
    Woher stammt die Geschichte vom Schachbrett und den Reiskörnern?
    Gibt es außer der Zahl „etwa 84“ (7 x 12, Alter der Prophetin Anna, Lk 237) noch andere, die keine Summenzahlen sind?
    Bezieht sich die Wendung: eine Zeit, zwei Zeiten und eine halbe Zeit (Dan und Offb), auf die Formel der Summenbildung: (n + n2)/2 ?

  • 25.11.93

    „… siebenmal, um eurer Sünden willen. Ich werde euren Wohlstand zerbrechen, auf den ihr stolz seid: den Himmel über euch will ich wie Eisen machen und eure Erde wie Erz.“ (Lev 2618f) Ist das nicht eingetreten mit der Astronomie und dem Kapitalismus?
    2 Sam 2413: „da kam Gad zu David, tat ihm dies kund und sprach zu ihm: Willst du, daß drei Jahre Hungersnot über dein Land komme oder daß du drei Monate vor deinem Feind fliehen müssest und er dich verfolge oder daß drei Tage lang die Pest in deinem Lande sei?“ 1 Chr 2112 ersetzt „den Feind“ durch „das Schwert deiner Gegner“ und ergänzt „die Pest“ durch „das Schwert des Herrn“.
    Vgl. Ez 611f: „So spricht der Herr: Klatsche in die Hände und stampfe mit dem Fuße und sprich: Ha! ob all der Greuel des Hauses Israel! Durchs Schwert, durch Hunger und Pest werden sie fallen! Wer in der Ferne weilt, wird an der Pest sterben; wer nahe ist, wird durch das Schwert fallen, und wer noch erhalten bleibt, wird Hungers sterben. So will ich meinen Grimm an ihnen auslassen. Alsdann werden sie erkennen, daß ich der Herr bin, wenn ihre Erschlagenen inmitten ihrer Götzen um ihre Altäre her liegen, …“
    715: „Draußen das Schwert und drinnen die Pest und der Hunger! Wer auf dem Lande ist, wird durch das Schwert umkommen, und wer in der Stadt ist, den werden Hunger und Pest aufreiben.“
    1421: die „vier schwere(n) Strafen, Schwert und Hunger und wilde Tiere und Pest …“
    3327: „… So wahr ich lebe, die auf den Trümmern sollen durch durchs Schwert fallen, die auf dem offenen Felde gebe ich den wilden Tieren zum Fraße, und die auf den Bergeshöhen und in den Höhlen sollen an der Pest sterben.“
    Hängen die beiden Tatbestände, daß der Mensch in der Natur und die Materie im Raum nicht vorkommen, logisch zusammen?
    Vom Christentum ist nach der Vergöttlichung des Opfers allein die Instrumentalisierung des Schreckens (Ursprung des Terrors) übriggeblieben. Das ist die genetische Grundlage des Inertialsystems, das so mit der christlichen Vorgeschichte zusammenhängt. Der Begriff der Trägheit ist Produkt der Instrumentalisierung des Schreckens.
    Die Vergöttlichung Jesu ist ein Produkt des Unglaubens an seine Auferstehung.
    Nicht die Seele und nicht die Person: die eine gehört in die Philosophie, die andere gehört dem Staat; das Angesicht ist das Ebenbild Gottes. Die Seele gehört zu den Objekten der Kritik des Wissens, die Person zu den Objekten der Herrschaftskritik. Ohne den Begriff des Eigentums und den durch das Eigentum konstituierten Schuldzusammenhang gibt es keine Person: Die Person ist das Subjekt der Zurechenbarkeit im Recht (deshalb gibt es juristische Personen). Durch die Hereinnahme des Personbegriffs in die Trinitätslehre ist die Trinitätslehre zu einem Teil der politischen Theologie (der Römischen Reichsideologie, des Caesarismus) geworden. Ein andere Trinitätslehre wäre es, wenn das Angesicht des Vaters als Grund des Todes des Sohnes begriffen wird, während der Geist zur Erneuerung des Antlitzes der Erde gehört. Ein error in principio war die Leugnung des Angesichts des Vaters, die Vergöttlichung des Sohnes und die Personalisierung des Geistes. Kein Zufall, daß die Vergöttlichung des Sohnes die Hereinnahme des Naturbegriffs nach sich zieht: in der Zwei-Naturen-Lehre. Hierauf wäre der (dann unendlich kostbare) Titel des Johannes Eriugena „de divisione naturae“ zu beziehen.
    Der Aarons-Segen als Motto einer Theologie im Angesicht Gottes! „Der Herr segne dich und behüte dich! Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig! Der Herr erhebe sein Angeicht auf dich und gebe dir Frieden!“ (Lev 624ff)
    Wie das Tauschprinzip mit dem Staat (der Organisationsform der Gesellschaft von Privateigentümern), so hängt das Trägheitsgesetz mit der Astronomie zusammen.
    Durch die Form des Raumes werden Subjekt und Objekt gleichermaßen instrumentalisiert: gemeinsame Bewohner des Totenreichs. Aber die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen?
    Welche unverdaute Vergangenheit schleppt die Kirche (nach der Instrumentalisierung des Kreuzestodes, nach der Rezeption des Weltbegriffs) mit sich herum?
    Handeln nicht alle „Erzählungen“ in der Bibel, von Ruth über Judith, Esther, Hiob, auch Daniel, Jona und Tobias, von der Völkerwelt (ähnlich auch schon die Rahab- und die Josphs-Geschichte)?
    Der „Syrer“ Naaman (Lk 427) war ein Aramäer (2 Kön 5).
    Ist nicht die Geschichte der Musik die Umkehrung der Geschichte der Offenbarung: mit dem Moses Bach, den Patriarchen Haydn, Mozart und Beethoven, der Sintflut List (und Chopin: dem Bogen in den Wolken); ist Schönberg der Cherub vorm Eingang des Paradieses? So ermißt sie die Distanz des Wortes zu seiner Erfüllung.

  • 24.11.93

    Ist die Eitelkeit (Kohelet, Röm 820) die Umkehrung der Scham: die Verstellung, das Anders-erscheinen-Wollen, die Instrumentalisierung des Feigenblatts? Eitel ist das Nichtige (an das die Götzen-Nichtse erinnern). In der Scham sehe ich mich im Blick, im Urteil anderer, in der Eitelkeit passe ich mich dem Blick, dem Urteil anderer an.
    Das kantische Ich denke, das alle meine Vorstellungen muß begleiten können, begleitet in der Tat nur meine Vorstellungen (das System in meinem Kopf). Es segnet das vergegenständlichende, instrumentalisierende Denken ab (war das nicht die Aufgabe der Götter Roms, die zunächst von den Caesaren, dann vom christlichen Dogma übernommen worden ist?).
    Der Objektbegriff (das nichtige Produkt aus Scham und Eitelkeit?) ist der logische Kern des Schuldzusammenhangs, das Substrat des Götzendienstes.
    Klugheit ist auf Selbsterhaltung bezogen, Weisheit aufs Durchschauen des Systems der Selbsterhaltung: darin gründet sein Bezug zur Herrschaft, zum Regieren.
    Hat der Kreuzestod die Beschneidung ersetzt (und in einem bis heute unbegriffenen Sinne „überflüssig“ gemacht)?
    Hängen die Regenbogenfarben (das Zeichen, daß es eine Sintflut nicht noch einmal geben wird) mit den Planeten zusammen?
    Zur historischen Bibelkritik: Ist die Quellentheorie nicht eine notwendige logische Folge der Unterwerfung Gottes unters Identitätsprinzip (Verwechslung der Einzigkeit Gottes mit dem Monotheismus)? Wenn man eine Differenz zwischen den Bestimmungen unserer Gotteserkenntnis (zwischen den Gottesnamen Elohim und JHWH) nicht mehr zulassen kann, werden die differierenden Momente in der Sache zwangsläufig zu Differenzen zwischen Subjekten: zu unterschiedlichen Quellen („Weltanschauungen“).
    Haben nicht Elohim und JHWH etwas mit der Unterscheidung von Angesicht und Ich zu tun? Hat Elohim etwas mit der Gemeinschaft des Ich zu tun, während JHWH reines Angesicht, der ganz Andere ist, dessen Ich eine Gemeinschaft mit dem menschlichen Ich a limine ausschließt (weshalb sein Name nicht ausgesprochen werden darf)?
    Erst wenn die Schrift insgesamt als Prophetie (und in der Gegenwart die Geschichte als der durchsichtige Körper der Schrift) begriffen wird, entzündet sich die prophetische Gestalt der Erkenntnis, die heute an der Zeit ist.
    Haben die drei Scheidungen (der drei ersten Schöpfungstage), von denen jede in der folgenden enthalten und vorausgesetzt ist, etwas mit der Genesis des Raumes zu tun (ist nicht das Licht vorne, im Angesicht, und die Finsternis hinter dem Rücken, und wurde nicht mit dem Licht der Quellpunkt des Angesichts erschaffen)?

  • 22.11.93

    Sind Empfindungen nicht zuerst Schmerzempfindungen, und sind diese nicht der Kern aller anderen Empfindungen? Grundlage des Begriffs der Empfindung ist die Mechanik, die den Stoß, die Stoßprozesse, ins Zentrum der Naturerkenntnis gerückt hat. Und ist nicht das Problem der Gewalt, bis zu ihren gegenwärtigen Manifestationen, eine Folge dieses Konstrukts, demzufolge jeder Existenzbeweis nur noch durch den Stoß und seine logischen Entsprechungen zu führen ist. In den gleichen logischen Zusammenhang gehört der Satz, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist, der beweislogisch (durch sein Verhältnis zur Nachweisbarkeit) zwingend zu begründen ist. Heute erweist sich die Macht als eine der Wurzeln der Beweislogik. Der Staat, wenn er keine moralischen Rücksichten mehr zu nehmen braucht, ist aufgrund des Gewaltmonopols nicht mehr zu widerlegen. Daß Auschwitz nicht zu einem perfekten Verbrechen geworden ist, lag einzig an der Dummheit der Nazis.
    Die Paranoia ist selbst Opfer der Logik der Instrumentalisierung. Es gilt aber, diese Logik zu durchschauen.
    Habermas hat sich mit seiner Entscheidung, die Rationalität der Naturwissenschaften nicht mehr zu hinterfragen, selber dumm gemacht. Und er sollte sich eigentlich nicht über die „neue Unübersichtlichkeit“ beklagen, die er mit dieser Entscheidung selber herbeigeführt, verschuldet hat.
    Die spezielle Relativitätstheorie hat das Inertialsystem gesprengt, die Kopenhagener Schule hat es notdürftig wieder repariert.
    Ist nicht mizrajim (Ägypten, das Sklavenhaus) eine geschichtliche Vorstufe des Neutrum, der Dualis der Bezugspunkt des „ne-utrum“? Was bedeutet der Name mizrajim? Und ist nicht Pharao, das „große Haus“, eine Personalisierung des Turms von Babel?
    Die neutralisierende Gewalt erscheint in der Schlange, in Ägypten und in Babel (Astronomie)?
    Hängt die Beziehung Israels zum Saturn mit den Kronos-Geschichten in der griechischen Mythologie zusammen?
    Ist nicht die Beschneidung eine zurückgenommene Entmannung (vgl. die Sichem-Geschichte und den „Blutbräutigam“ Moses): Teil einer Kritik der Zeus/Jupiter-Religion, des Patriarchats?
    Wenn die Welt durchs Wort erschaffen worden ist, ist es dann so abwegig, die Geschichte auch als einen Prozeß in der Sprache zu begreifen?
    Et descendit ad inferos: Wir erfahren den Tod nur als den Tod der anderen, den eigenen Tod nur im Spiegel der Erfahrung der anderen: im Kontext unserer eigenen Fremdwahrnehmung, im Kontext der Schamerfahrung. Wie hängen Tod und Scham mit einander zusammen, was bedeutet in diesem Zusammenhang die Blut-Symbolik, und wozu gehört die Geschichte der Eucharistie?
    Wenn der Tod (der mit dem Sündenfall und der Scham in die Welt gekommen ist) nicht mehr sein wird, wird auch die Materie, die Natur, nicht mehr sein? Wie hängt das mit der Idee der Auferstehung zusammen? Ist die Lehre von der Auferstehung das gegenständliche Korrelat der Umkehr, wird nicht mit der Auferstehung auch die Umkehr geleugnet?
    Ist die Josephs-Geschichte mit den sieben fetten und den sieben mageren Jahren (und der „Geschichte der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals“ in den sieben mageren Jahren) nicht die Geschichte Israels und des Christentums? Muß das Christentum nicht von den in der Geschichte Israels gesammelten Schätzen (der Thora, der Prophetie) leben und hierbei sich von allem eigenen Besitz entblößen, der vom Geld, über das Vieh bis zum Land an den Pharao übergeht?

  • 19.11.93

    Der Begriff der Welt (zu dessen logischen Voraussetzungen die Trinitätslehre und die Opfertheologie, das Dogma und das Bekenntnis gehören) ist Ausdruck und die Besiegelung des Aufgebens, der Kapitulation vor der Welt: so konstituiert sie sich als Natur. Dagegen steht das Wort von der Kirche, daß die Pforten der Hölle sie nicht überwinden werden.
    Nachfolge ist das Gegenteil der „imitatio“, der „Nachahmung“ Christi, der falschen Demut.

  • 18.11.93

    Muß wirklich „alles, was sich der Entwicklung des Ich hemmend entgegenstellt oder sie zu verhindern sucht, um das von der göttlichen Welt gesetzte Ziel dieser Entwicklung zu verfälschen oder zu verdunkeln, als böse bezeichnet werden“ (Bühler, S. 133)? Was meint er mit dem, „was sich der Entwicklung des Ich hemmend entgegenstellt oder sie zu verhindern sucht“? Kann dieser Satz nicht z.B. auch fremdenfeindlich und antisemitisch verstanden und angewendet werden?
    S. 134: Die Versuchungen sind allesamt Ich-bezogen: Sie beziehen sich auf „Genußsucht, Verlust der Selbstbeherrschung oder Schlimmeres“. „Im raffinierten Genuß, der lediglich um des Genusses willen herbeigeführt wird, findet jedoch das Böse ein großes Angriffsfeld.“
    Das alles paßt zum „Urübel des Egoismus“ (ebd.), den diese Ego-Bezogenheit so formuliert, daß es nur auf andere zutrifft.
    Ist nicht die Personalisierung des Bösen ein Nebeneffekt des Weltbegriffs?
    S. 137: Sind nicht Luzifer und Ahriman Personifikationen des Manisch-Depressiven (mit der Gefahr der Dämonisierung der Krankheiten)?
    Wer das Böse wie Walther Bühler nach draußen projiziert, dem polarisiert es sich zu Luzifer und Ahriman. Kehrt darin nicht der manichäische Dualismus, nur mit der Dämonisierung beider Seiten, wieder?
    S. 144: Kann man sich „technischer Organisationsformen oder der Todeswerkzeuge der modernen Rüstungsindustrie“ auch mit „spirituellem Hintergrund“ bedienen; wäre das nicht eine Definition des Fundamentalismus?
    Ebd.: Ist der Eindruck, ein Text sei unverständlich, nicht selten darin begründet, daß man das Gefühl hat, man würde den Autor beleidigen, wenn man das, was man versteht, aussprechen würde?
    Widerspricht es nicht dem Jesus-Wort „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, wenn Bühler in der Passionsgeschichte die Menschen, denen er Jesus ausgeliefert sieht, dämonisiert? Vgl. den Text, in dem Bühler diese Menschen beschreibt (S. 152); er könnte aus Oberammergau stammen („Er ist Menschen ausgeliefert, deren Bewußtsein ganz an die Sinnenwelt gebunden ist und die kein verklärendes, höheres Licht in diesem, der Gotteslästerung angeklagten Menschen erblicken können“, „Gegnerschaft der Pharisäer und ihrer Anhänger“, „die menschlich-untermenschlichen Vorgänge der Karwoche“).
    Im Hinblick auf Karfreitag und Ostern von Raupe und Schmetterling und von der Metamorphosenlehre zu sprechen, ist schlicht blasphemisch. Hier wird die Sphäre der Wahrheit in Natur zurückgestaut, auf unsägliche Weise verdinglicht, und damit erst wirklich böse.
    Ist in die Beziehung, die Walther Bühler zwischen Plastik und Musik sowie Astral- und Ätherleib wahrnimmt, nicht die Bemerkung Spenglers mit hereinzunehmen, daß was bei den Griechen die Skulptur war, in der modernen Welt die Musik ist?
    Wichtig und interessant wäre die Analyse der Vermittlerfunktion der Astronomie in der historischen Beziehung von Kosmos und Staat (Chaldäer und Kopernikus).
    Der entscheidende Mangel der Anthroposophie scheint zu sein, daß die Zivilisationsgrenze (Ursprung des Weltbegriffs, Zusammenhang mit der Institution des Staates) und hierbei insbesondere die Beziehung von Ich und Eigentum nicht in Frage gestellt, nicht in die Reflexion mit hereingenommen wird.
    Gleicht das, was ich Erinnerungsarbeit nenne, nicht dem Verfahren des Anglers, der am Ufer des Unbewußten sitzt und seinen Köder hineinwirft?
    Haben nicht der philosophische und der im strengen Sinne theologische Gebrauch des Logos-Begriffs etwas mit einander zu tun: Sind sie nicht durch Umkehr auf einander bezogen?
    In apokalyptischen Texten (Jes 344, Off 614, vgl. auch Mt 2429, 1 Pt 37.10) gibt es den Topos, daß am Ende der Himmel wie eine Buchrolle sich zusammenrollt. Aber ist das nicht längst geschehen, ist diese Buchrolle nicht die Thora, der Logos, die Literatur, und erst der davon getrennte Himmel der Gegenstand der Astronomie? Hat sich nicht der im Anfang erschaffene Himmel ins Buch zurückgezogen (die Schrift ist gleichzeitig mit dem Geld entstanden)?
    Ist nicht der Historismus ein Versuch, die Vergangenheit durch Vergegenständlichung (und gleichzeitige Instrumentalisierung) unschädlich zu machen?
    Die Vorstellung, daß das Ich mit dem Feuer und Entzündungsprozessen zusammenhängt, erklärt den Zusammenhang mit den autoritären Formen der Ichbildung (Beleidigungsbereitschaft, Anklage und Rechtfertigungszwang: Einbindung in den Schuldzusammenhang). Verweist das Bild des Fiebers, dessen sprachliche Wurzel an den Problemen der Ichbildung sich ablesen läßt, nicht auch auf einen heilenden Effekt von Entzündungen (was entspricht in den Ich-Prozessen dem Wadenwickel)? Ist das Christentum nicht (im Unterschied zu den beiden anderen abrahamitischen Religionen) eine Ich-Religion (eine Entzündungskrankheit, ein Fieberanfall), und ist es dazu nicht durch seine ambivalente Beziehung zum Weltbegriff geworden?
    Der Objektivierungsprozeß hat das Schreien der Dinge zum Verstummen gebracht, erstickt. Seitdem ist die Materie die zurückgestaute Kraft des Namens (und die Natur die schizophrenisierte Schöpfung).
    Der Begriff der Natur deckt die Sünde der Welt zu.
    Rousseaus „Zurück zur Natur“ liegt auf der Grenze des Zurück in die Unschuld des Schlafes oder des Todes. Tote sind unschuldig, weil sie nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden können; gilt deshalb: de mortuis nihil nisi bene? Unschuldig sind die Toten nur im Anblick der Welt.
    Die Kopenhagener Schule und der Doppler-Effekt (mit der Vorstellung des expandierenden Raumes und der Urknall-Theorie), die an die beiden Relativitätstheorien Einsteins sich anschließen, sind Veranstaltungen, das Inertialsystem (und mit ihm der objektivierende Erkenntnisbegriff und das Herrendenken) gegen die Reflexion abzuschirmen, in die es durch Einstein hereingezogen worden ist. Wobei das Dementi mit der Verachtung der seitdem sogenannten „klassischen Physik“ (zu der dann auch Einstein noch gerechnet wurde) gleich mitgeliefert worden ist (Modell der Kohlschen Rhetorik, oder der Sieg des Lachens über das Weinen).

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