Theologie

  • 15.04.93

    Der interessanteste und der entscheidende Teil der kantischen Kategorientafel ist der dritte. Der erste und zweite Teil definieren die Brille, durch die hindurch der dritte gesehen wird, während der vierte dieser Brille die objektive Realität verschafft. Das Entscheidende ist das Moment der Gefangenschaft im System (der Isolationshaft), das dadurch zustande kommt, daß, wohin man sich auch wendet, man keinen Ausweg findet; der Ausweg ist versperrt durch das Prinzip der Reversibilität der Richtungen im Raum. Diesem Prinzip der Reversibilität verdankt sich die Struktur der homogenen Zeit: Die Reversibilität ist der Ausdruck der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit. Die Geschichte vom Hasen und Igel drückt das aufs genaueste aus.
    Was ist das Neue beim Noe:
    – die Sintflut mit der Verheißung, daß sie nicht noch einmal kommen wird und mit dem Bogen als Bestätigung;
    – das neue Essensgebot: mit der Erlaubnis des Fleischessens (das das Töten von Tieren mit einschließt);
    – der Weinanbau: Noe ist der Erfinder des Weinanbaus und der erste Trunkene;
    – Sem, Ham und Jafet, das Aufdecken der Blöße und der Ursprung der Knechtschaft.
    Haben Sem und Jafet etwas mit der Unterscheidung der semitischen und indogermanischen Sprache zu tun? Ham (zu dessen Söhnen Kanaan gehört) ist der Vater des Knechts beider. Was bedeuten die Namen Sem, Ham und Jafet?
    Luther hat „dem Volk aufs Maul geschaut“: Hat seine Bibel-Übersetzung die Schrift dem Volk nur mundgerecht gemacht? Liegt nicht die Erinnerung an die Doppelbedeutung des Gerichts nahe?
    Hängen die Prä- und Suffixe mit dem Nominalisierungsprozeß der Verben zusammen? Während die Suffixe in der Regel den Nominalisierungsprozeß abschließen, besiegeln, nehmen die Präfixe die Präpositionen in das Verb mit herein, ordnen damit die Verben den Deklinationen (dem Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang der casus) zu.
    Kommt dem Präfix be- nicht insofern eine Sonderstellung zu, als es den Mechanismus selber ausdrückt: die Identität von Empörung und Unterwerfung und die Identifikation mit dem Aggressor (das genaue Äquivalent des Raumes in der Sprache). Wenn ich ein Haus bewohne, beherrsche ich es durch meine eigene Unterwerfung unter seine Gesetze (Zusammenhang mit dem englischen to be?).
    Anwendung auf den Begriff des Bekenntnisses (Prinzip der Instrumentalisierung der Religion: es macht sie „bewohnbar“). Ist das Schuldbekenntnis die Umkehrung des Zwangsbekenntnisses?
    Wie verhält sich die Bekehrung zur Umkehr? Auch das reflexive Sich-Bekehren ist nicht identisch mit der Umkehr: Hier tut man sich nur selber an, was einem sonst von außen angetan wird. Sind nicht die Naturwissenschaften die Bekehrung der Natur (hier liegt der Grund des christologischen Naturbegriffs)?
    War nicht Alexander, der Schüler des Aristoteles, auch der erste große „Bekehrer“ (der den Barbaren die Zivilisation gebracht hat)? Als er den gordischen Knoten durchschlug und Asien unterwarf, war das nicht die prophylaktische Verwandlung der Umkehr in die Bekehrung?
    Man muß die Gewalt der Sprache von der Sprache der Gewalt unterscheiden. Was heißt Sprachgewalt?
    Walter Benjamins Erörterungen zum Begriff der Gewalt, seine Unterscheidung zwischen der rechtsetzenden und rechterhaltenden Gewalt (und der göttlichen, befreienden Gewalt), ist weder deduktiv abzuleiten, noch unterliegt sie der empirischen Überprüfung, sondern sie hat eine Schlüsselfunktion: sie erschließt neue Erfahrungsbereiche. Aber wenn einer nicht bereit ist, diesen Schlüssel auf seine Erkenntnisse anzuwenden, kann er ihn nur noch als unbrauchbar verwerfen; aber das ist dann sein Problem und keins des Textes von Walter Benjamin. Walter Benjamin hat als erster das transzendentallogische Problem des Rechts begriffen: daß auch das Recht (im Kontext von Begriffen wie Welt, Natur und Materie) ein Instrument zur Organisation von Erfahrung ist, dessen Begründung ohne Rekurs auf Gewalt (die ohnehin in den Fundamenten der transzendentalen Logik mit drin steckt) nicht möglich ist. Derrida ist ein Rutengänger der Philosophie, aber er vermag die Goldadern, auf die er stößt, nicht selber auszubeuten.

  • 14.04.93

    Die Vorstellung von den Privilegien der Opfer ist ein christliches Erbe: Darin steckt die christologische Logik der Vergöttlichung Jesu, die spätestens seit Rousseau zur Logik des Naturbegriffs geworden ist und mit dem Naturbegriff in der Gesellschaft sich reproduziert.
    Werden nicht die Antinomien der reinen Vernunft dadurch relativiert, daß sie (im Raum) jeweils nur auf eine Dimension sich beziehen?
    Die ersten beiden Antinomien beziehen sich auf die Welt, die dritte auf die Natur, und die vierte?
    Kann man eine logische Folge der Formen des subjektiven Apriori bestimmen derart, daß die Konstruktion des Bekenntnisses das Geld voraussetzt und die Entfaltung der Raumvorstellung das Bekenntnis?
    Die Schöpfungsgeschichte der Genesis unterscheidet sich von den Kosmologien insgesamt (den mythologischen wie den naturwissenschaftlichen) dadurch, daß sie eine Beziehung zur Erfahrung herstellt, die ästhetische Distanz zum Kosmos nicht akzeptiert. Sie ist m.a.W. kein Vorläufer der Naturwissenschaft, sondern einer der Mystik; sie ist Teil der Prophetie.
    Durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit wird in die Struktur des Raumes ein Widerstandsmoment eingebunden, daß als Grund des physikalischen Materiebegriffs (als Grund des Begriffs der trägen und schweren Masse) sich begreifen läßt. Hier wird ein Äquivalenzsystem zu den mechanischen Vorstellungen, zu den Stoßprozessen eingeführt, dessen realer Ausdruck die Konstanten der Mikrophysik sind.
    In einer Sprache, in der es neben dem Maskulinum und Femininum auch ein Neutrum gibt, wird das vierte Gebot unverständlich, wird es ins Herrendenken transponiert und unter den Satz subsumiert „de mortuis nihil nisi bene“: Hier liegt zwischen den Generationen die ihre Beziehungen neutralisierende Grenze des Todes. Im gleichen Zusammenhang ist schon das Du, das seine Geschlechtsbezogenheit verliert, Produkt einer Neutralisierung: der die Geschlechtsdifferenz aufhebenden Personalisierung. Der Geschlechtsunterschied findet sich erst in der dritten Person wieder, in einer anders objektivierten und neutralisierten Gestalt (Begriff der Scham).
    Läßt sich anhand der Neutralisierung und Personalisierung des Du in den indogermanischen Sprachen der Zusammenhang von Neutrumsbildung, Futur II, Fortfall des Dualis u.ä. mit dem Ursprung des hypostasierenden Denkens (Begriffbildung und Philosophie) nachweisen? Und steckt nicht in den Fundamenten der Neutralisierung und Personalisierung des Du der Ödipuskomplex (und die Geschichte von Kain und Abel), und hängt diese Sprachkonstruktion nicht auch mit der materiellen Geschichte der Sexualität (und damit mit der Geschichte der Rezeption des evangelischen Rates der Keuschheit) zusammen? Und ist nicht die islamische Sexualmoral auch ein Sprachproblem (ein Problem das mit der Einschränkung der Fähigkeit zur Reflexion zusammenhängt)? Und liegt hier nicht auch der Sprachgrund des islamischen Konzepts der Schöpfung (in dem Schöpfung und Vorsehung nicht auseinandergehalten werden)? Hat in der islamischen Theologie nicht die Philosophie die Offenbarung ersetzt, substituiert? Ist nicht der Islam in ganz anderem Sinne eine Weltreligion?
    Sind nicht die griechische Knabenliebe und der Rousseausche Inzest Indikatoren der wichtigsten Wendepunkte der Weltgeschichte (Ursprung und Erfüllung des Naturbegriffs)? Und läßt sich nicht an ihnen überhaupt erst ermitteln, was mit dem evangelischen Rat der Keuschheit gemeint ist? Sind es nicht die Begriffe der Barbaren, der Materie und der Natur, die das Keuschheitsgebot verletzen (und auf die sich der prophetische Begriff der Hurerei bezieht)? Erst die Kirche hat das Keuschheitsgebot zur Sexualmoral neutralisiert. Auch nach dem hebräischen Zusammenhang von Sexualität und Erkenntnis ist die Sexualmoral ein Teil der Erkenntnismoral: ein gnoseologisches Begriff. Wer heute die Last nur loswerden will, anstatt sie zu begreifen, verfällt ihr erneut. In der Gnosis wurde bloß die Erkenntnislust verurteilt, und das war der Ursprung der Diskriminierung der Sexuallust; versäumt wurde, das Problem der Gnosis selber zu begreifen.
    Wie hängen Lust, lustig, Verlust (verlieren) zusammen? Ist nicht der Verlustbegriff ein Produkt der Verurteilung der Lust?
    Der Pornokratie folgte in der Kirchengeschichte die Pornographie; und ein Teil der Theologie seit der Scholastik ist Pornographie, aber eine, auf die auch der Satz anzuwenden wäre: Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
    Auch das Sündenvergeben, das „dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris“, ist ein Moment in der Erkenntnis (ein Teil der Fähigkeit, hören zu können, sich in einen anderen hineinzuversetzen, der Barmherzigkeit). Hierauf bezieht sich das Wort von der Sünde wider den Heiligen Geist.
    Der heilige Geist: die durchs Feuer der Schuldreflexion gereinigte Zunge.
    Der Mund ist das Organ des Essens und des Sprechens: Beide sind durch den Begriff des Gerichts verbunden.
    Adornos Eingedenken der Natur im Subjekt ist die Revozierung Rousseaus und ein Vorbegriff der Erinnerungsarbeit.
    Gibt es eigentlich eine Untersuchung über die weiblichen Namen im Hebräischen (von Ischa, Eva, Lilit über Sara, Rebekka, Leah und Rahel bis Mirjam, Deborah, Judith, Esther, Rut, Batseba, Susanna, auch Rahab, Tamar etc.)? Ist das theophore Element nur bei männlichen Namen zu finden?
    Ist nicht die Physik das Netz, in dem wir glaubten, die ganze Welt einfangen zu können, in Wahrheit sind wir selber darin gefangen. (Gibt es nicht Spinnen, bei denen das Weibchen das Männchen nach dem Geschlechtsakt frißt?)
    Ist nicht der Raum der Inbegriff des Hämischen: Wohin ich mich auch wende, ich bleibe in dem System gefangen, aus dem auch die Umkehr nicht heraus-, sondern jede wieder ins System zurückführt: Inbegriff des Schrecken um und um. In diesem System wird die Umkehr zwangsläufig zur Buße, aber auch die verliert ihren Adressaten mit dem Prozeß der Vergesellschaftung von Herrschaft: Hier gibt es nur noch welche, die Buße fordern, aber niemanden mehr, der Buße tut.
    Wie war das eigentlich mit der Buße in Ninive: Auch die Tiere haben dort Buße getan, und der König hatte dazu aufgerufen.
    War der philistäische Dagan ein Mars, und waren die altorientalischen Könige nicht in erster Linie Kriegsherren?
    Die Vergangenheit ist nicht nur vergangen: Das hat die Nazizeit gelehrt. Das war der Kern der Ohnmachtserfahrung. Man kann die Vergangenheit nicht abwerfen, ohne ihr gerade dadurch zu verfallen.
    Jesus ist eine Gestalt der Erinnerung: deshalb ist er (zusammen mit der Tora und der Prophetie) das Wort, das im Anfang bei Gott war. Und er ist es auch für uns nur, wenn wir diese Erinnerung mit aufnehmen (während die Kirche gerade die reale Erinnerung durchs Dogma verdrängt hat).
    Nichts Vergangenes ist nur vergangen: Das ist die Idee, die das Inertialsystem sprengt. Sie schließt auf eine noch zu bestimmende Weise die Idee der Auferstehung der Toten mit ein.
    Mit dem ersten Satz der Genesis wird im Namen des Himmels die Erlösung zitiert. Der Himmel des zweiten Schöpfungstages ist dagegen bereits die von der Vergangenheit eingefangene Zukunft: das, was zu lösen wäre. Das drückt sich aus in der Beziehung des Himmels zu den Wassern, in der Trennung der oberen von den unteren Wassern (der Trennung von Schuld und Segen, von Mythos und Offenbarung).
    Der Fürst dieser Welt lebt vom Vergessen. Ein sich selbst begreifendes Christentum, das die Sünden der Welt auf sich nimmt, hingegen lebt von der sich selbst begreifenden Erinnerung.

  • 13.04.93

    Hat mlk, König, (im Hebräischen) mit mlhmh, Krieg, und mlakh, Arbeit, Auftrag, zu tun (die Arbeit mit Krieg und Herrschaft)?
    Gehört die Existenzphilosophie zu den Paralogismen der reinen Vernunft (Kr.d.r.V., S. 306, Anm.)?
    Jene Fassung des kategorischen Imperativs, derzufolge man einen Menschen nicht nur als Mittel gebrauchen darf, ist eine logische Konsequenz aus der Lehre von den subjektiven Formen der Anschauung, insbesondere aus der Kritik der Hypostasierung des Raumes. Der Begriff der Dinge an sich und der kantische Begriff der Freiheit verdanken sich der gleichen Logik. Beide, der Begriff der Dinge an sich und die Idee der Freiheit, sprengen die Instrumentalisierungslogik des Raumes.
    Der kantische Begriff der Freiheit unterscheidet sich von dem traditionellen Freiheitsbegriff (dem des liberum arbitrium) dadurch, daß er nicht auf die Entscheidungsfreiheit (die die Freiheitsgrade des Raumes reflektiert) abzielt, sondern auf die Freiheit vom Wiederholungszwang, und d.h. auf die Freiheit vom Zwang des Räumlichen. Das liberum arbitrium und die personale Freiheit (Grundlage der individuellen Zurechenbarkeit von Schuld) führen in die Bekenntnislogik, einer Vorform der transzendentalen Logik. Die kantische Idee der Freiheit führt aus dieser Bekenntnislogik (die in der Kritik der reinen Vernunft als Naturzwang begriffen wird) erstmals heraus: Seitdem ist das Konzept einer Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums denkbar.
    Die Kritik der reinen Vernunft ist der Beweis dafür, daß die Sprache fähig ist, das Gesetz ihrer eigenen Zerstörung zu begreifen und beim Namen zu nennen.
    Das Verhältnis von Sünde und Schuld ist kein kausallogisches, sondern eines der unendlichen Vermittlung. Das Prinzip der kausallogischen Verknüpfung, der individuellen Zurechenbarkeit von Schuld, das Prinzip der Personalität, war einmal ein Hebel im Kampf gegen den Mythos, aber ein Hebel, der dem Mythos selber entnommen worden ist und der ihn am Ende verschärft, nicht aufgelöst hat.
    Der erste Satz der Genesis unterscheidet sich von der Lehre von der Erschaffung der Welt dadurch, daß er im Namen des Himmels die Idee des seligen Lebens, die Möglichkeit der Auflösung des Schuldzusammenhangs, mit einschließt. (Hängt hiermit die apokalyptische Vorstellung des Kristallmeeres zusammen? Und hat sich in diesem Kontext der Geist aus dem Pneuma in das Feuer zusammengezogen, in die „Feuerzungen“? Ist das Kristallmeer der zur kristallinen Struktur erstarrte Mythos: die Opfertheologie und die naturwissenschaftliche Aufklärung? Und ist das Feuer die Einheit von Licht und Pneuma?)
    Nach der Lehre von der Erschaffung der Welt, in der der Himmel nicht mehr vorkommt, ist das Wort vom Lösen gegenstandslos geworden, konnte es zum Bußsakrament neutralisiert werden (mit der einzigen Gegenerinnerung in der Heiligengestalt der Maria Magdalena, der von den sieben unreinen Geistern Befreiten). Aber wäre das Lösen nicht genau auf diesen Neutralisierungsprozeß zu beziehen? Und gibt es nicht vergleichbare Lösungsansätze für alle sieben Sakramente (das Lösen der sieben Siegel als Lösen der sieben Sakramente aus ihrer „Neutralisierung“)? War die faschistische „Endlösung“ nicht eine entsetzliche Parodie dieses Lösens: der Greuel am heiligen Ort?
    Der Konfessionalismus gründet in der Opfertheologie (in der den Weltbegriff begründenden projektiven Gestalt der Erkenntnis), er endet im Kältetod der Religion, die zum steinernen Herzen der Welt geworden ist.
    Hängt das Verschwinden der Idee des Angesichts mit dem Verschwinden des Dualis zusammen?
    Haben die Sterne des Himmels und der Sand am Meer (ähnlich wie die Vögel des Himmels und die Fische des Meeres) etwas mit den Wassern oberhalb und unterhalb zu tun?
    Die Naturwissenschaften: das sind die Umstehenden, auf deren Frage hin Petrus, die Kirche, zum drittenmal leugnet: sich selbst verflucht und schwört „Ich kenne diesen Menschen nicht“.
    Die Unterscheidung von Wesen und Erscheinung reicht nicht mehr hin. Vom Wesen, das nur in apologetischem Zusammenhang noch vorkommt, ist das Verwesen nicht mehr zu trennen, und in der Tat: es riecht schon.
    Theologie und Kirche kommen in eine Phase hinein, in der jegliche Apologetik unters Bilderverbot fällt.
    Am Anfang der Geschichte der drei Leugnungen kommt die Magd des Hohepriesters, nach Joh die Pförtnerin. Verweist das nicht darauf, daß die Kirche schon innerhalb der Pforten der Hölle sich befindet, während gleichwohl gilt, daß diese Pforten sie nicht überwältigen werden? Aber das liegt am Hahn und nicht an Petrus.
    Zum Wort Reinhold Schneiders „Allein den Betern kann es noch gelingen …“: Sind nicht die „richtenden Gewalten“ das Dogma und seine Erben?
    Wodurch unterscheidet sich das Messias-Bekenntnis des Petrus („du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“ Mt 1616) von dem der Marta bei der Auferweckung des Lazarus („Ja Herr, ich glaube, daß du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll“ Joh 1127)?

  • 12.04.93

    Apologetik ist ein Teil des richtenden und das Gegenteil des verteidigenden (parakletischen) Denkens. Heute erstickt die Kirche an ihrer Apologetik.
    Wenn die geschlechtliche Vereinigung das Sterben in die Gattung hinein (die „Begattung“) bedeutet, ist dann nicht das Bekenntnis Unzucht?
    Die Schuld am Schuldverschubsystem und die Sünde am Herrendenken demonstrieren heißt, beide aus der kausalen Verknüpfung herauslösen und insbesondere die Sünde aus ihrem Ursprung: der Trennung, der Abstraktion, dem Urteil, begreifen.
    Zwei Ziele der Theologie:
    – den Satz „Was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein“ und
    – das Wort von der Weisheit und dem Verstand im Kontext des Rätsels von der Zahl des Tieres (666)
    endlich begreifen. Den Rebus, das Bilderrätsel, der Apokalypse lösen.
    Der real existierende Sozialismus ist der Verführung der Logik des Schuldverschubsystems, der Unschuldsfalle, zum Opfer gefallen.
    Wer die Sündenvergebung von der Übernahme der Sünden der Welt (das Bekenntnis von der Nachfolge) trennt, verhält sich blasphemisch: er usurpiert das Gericht, dem er damit verfällt.
    Die Kirche hat die Wahrheit zum Dogma neutralisiert. Heute treffen sich die Positivisten auf eine nachgerade selbstzerstörerischen Weise: der naturwissenschaftliche, der Rechtspositivismus und der katholische Positismus.
    Der Objektivierungsprozeß hat die Welt restlos instrumentalisiert. Hat dieser Prozeß jetzt nicht eine unüberschreitbare Grenze erreicht? Was passiert jenseits dieser Grenze?
    Kant hat das aristotelische Materie-Form-Problem soweit radikalisiert, daß er auch die Materie als ein Formproblem begreift. Auch die Materie ist noch polarisiert worden: in die Objektvorstellung, die ins Apriori der transzendentalen Logik mit hereingenommen wird (als Grundlage der synthetischen Urteile apriori), und das Gegebene der Empfindungen. Die Empfindungen verhalten sich zur transzendentalen Logik wie die Rohstoffe zu ihrer industriellen Verarbeitung (oder wie die Dritte zur Ersten Welt, zur Metropole). Lenin hatte schon bemerkt, daß auch das Proletariat zum Agenten des Imperialismus geworden ist, aber er hat die Konsequenzen daraus nicht mehr begriffen.
    Die Kirche, deren Stifter einmal gesagt hat, „wer von euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein“, ist selber zu einer Horde von Steinewerfern geworden.

  • 11.04.93

    Ist die Venus (Ischtar, Astarte, die Himmelskönigin, wie auch Ischscha im Gegensatz zu Chawwa) die aus seiner Seite erschaffene Frau als Projektion des Mannes (als Objekt der Begierde, nach ihrer Subsumtion unters Tauschprinzip, nach Hermes, Merkur)? Liegt hier der Grund fürs Verständnis der gesamten Astrologie, der antiken Planetentheorie (und für die Benennung der Wochentage)?
    In der Venus-Geschichte, in ihrer Beziehung zum Ursprung des Staates, des Weltbegriffs, der Zivilisation, (die in der katholischen Marien-Verehrung ihre Fortsetzung gefunden hat) liegt der Ursprung der christlichen Sexualmoral.
    Die Substanz des Materiebegriffs ist polymorph-pervers (Grund und Inbegriff des prophetischen Begriffs der Unzucht: der allgemeinen Vermischung).
    Der Gehorsam oder das Mit-den-Ohren-Denken: Ist das nicht die Vorbereitung der Erfüllung des Worts „Heute, wenn ihr seine Stimme hört“?
    Zum Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit: Nur das Licht ist rein durchs Wort geschaffen („Gott sprach, und es ward“). Und die Blinden wieder sehend machen, heißt das nicht, die Fähigkeit entwickeln, mit den Augen hören und in den Dingen lesen zu lernen?
    Was ist die genaue Übersetzung (die etymologische Bedeutung) von Teschuba (Umkehr)? – Wende, Rückkehr, Kreislauf, Antwort (nach der Hebr. Gramm.). Merkwürdige Ähnlichkeit mit den hebräischen Bezeichnungen für Hilfe, Verlangen/Begierde und für die Zahl neun (tschw-bh, tschw-ah, tschw-ph, tschw-jaj).
    Weshalb ist in der Verheißung an Abraham vom Sand am Meer, und nicht vom Sand in der Wüste, die Rede? Den Sternen am Himmel entspricht der Sand am Meer (ähnlich wie die Vögel des Himmels und die Fische des Meeres zusammengehören).
    Bei Markus heißt es: „Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen“ (1430) und „Gleich darauf krähte der Hahn zum zweitenmal“ (1472). Wann krähte er zum erstenmal?
    „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“, dieses in den Evangelien erneuerte Prophetenwort trifft den Weltbegriff im Kern: Opfer („Sündenböcke“, wie im nationalsozialistischen Antisemitismus und Judenmord, jetzt wieder in der Ausländerfeindschaft) sind notwendig, wo ein Projektionsbedarf besteht; die Grüße der Opfer ist abhängig von der Intensität dieses Bedarfs, des darin latent vorhandenen Gewaltpotentials; sie sind Mittel der Schuldbearbeitung zu Lasten eben der „Opfer“. Der Weltbegriff (zusammen mit dem Natur- und Materiebegriff) ist ein Mittel der projektiven Schuldbearbeitung, des Schuldverschubsystems (Exkulpierung durch Schuldentlastung, Projektion auf andere). Unter seiner Herrschaft verschwindet die Differenz von Tabu (Schutz des „Intimbereichs“ der Herrschenden: des Schuldzentrums von Herrschaft) und Moral (Schutz des Lebens der Schwachen): Moral als Richtschnur des Handelns ist nur noch theologisch begründbar, im Kontext des Selbsterhaltungsprinzips wird sie auf die Urteilsebene verschoben: durch Tabus (durch Tratsch und die Herrschaft des Geschwätzes) ersetzt, die dann wieder Opfer fordern.

  • 10.04.93

    Die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit ist identisch mit der Unterwerfung des Oberen unter das Untere. Hinsichtlich der Natur wird das begründet und stabilisiert durch die Vorstellung des unendlichen Raumes, Grundlage und Folge der kopernikanischen Theorie und seiner dynamischen Begründung durch Newtons Gravitationsgesetz. Gleichzeitig wurde das Gesamtproblem in das der Identität von träger und schwerer Masse verlagert.
    Im Kern der jüdisch-christlichen Tradition steht mit der Idee der Umkehr ein Begriff mit durchaus räumlicher Metaphorik, mit räumlichen Konnotationen.
    Ist Jesus in Jerusalem oder in Galiläa in den Himmel aufgefahren?
    Sind die Blätter und ist das Gras hinter meinem Rücken auch grün?
    Woher haben die Tierkreiszeichen ihre Namen?
    Wenn man bei der Lorentz-Transformation die Bewegungsrichtung von der Gegenrichtugnng unterscheiden muß, so berührt das auch die Reversibilität der Richtungen im Raum, ihre Beziehung zu den anderen Richtungen und zur Zeit. Verdeckt die Vorstellung einer homogenen Zeit nicht die differenzierte Beziehung des Raumes zur Zeit, mit der auch die Dreidimensionalität des Raumes zusammenzuhängen scheint?
    Die Vorstellung des unendlichen Raumes begründet auch das Prinzip der Lohnarbeit, den transzendentallogischen Grund des Kapitalismus.
    Steckt nicht in den Wahnsinns-Experimenten der Atomphysik, der Elementarteilchen-Forschung und der Weltraumforschung auch ein Legitimationsbedürfnis des Staates, ein Beweiszwang, dessen Gewalt daher rührt, weil anders, ohne die ideologische Funktion der Naturwissenschaften, auch der Staat nicht mehr zu begründen ist. Dieses Legitimationsbedürfnis galt für den „real existierenden Sozialismus“ ebenso wie er weiterhin für den Marktwirtschafts-Staat gilt.
    „Da gingen ihnen die Augen auf.“ – Dieser Satz erscheint zweimal, in der Geschichte vom Sündenfall und in der Geschichte von der ersten Begegnung des Auferstandenen mit zweien seiner Jünger (in der Emmaus-Geschichte). Ist das nicht die ungeheure Leistung der Augen, daß sie die Dinge restlos auf den Kopf stellen: Sind nicht die Spuren dieses Verfahrens die sinnlichen Qualitäten?
    Daß mit der Reformation die häresienbildende Kraft verschwindet, scheint damit zusammenzuhängen, daß die Geschichte von Orthodoxie und Häresie in sich selber dialektisch ist: Mit der Verdrängung (und Verinnerlichung) der Probleme, auf die die Häresien objektiv verweisen, ist der Orthodoxie selber eine anwachsende häretische Masse zugewachsen, deren dogmatische Identität nicht mehr sicherzustellen ist außer durch Dekret, und die den Keim der Spaltung (in zwei selber häretische Gestalten der Orthodoxie) in sich trägt: ein perfektes System projektiver Selbstbestätigung, mit der Kraft des Weltbegriffs im Zentrum. Der Konfessionsstreit ist auf der Ebene, auf der er ausgetragen wird, nicht mehr lösbar; er ist nur noch ein Mittel der außer Kontrolle geratenen Selbstghettoisiserung (Folgen für die Geschichte des kirchlichen Antijudaismus?). – Aber vollzieht sich dieser Prozeß nicht in Phasen:
    – von der Zeit der Kirchenväter und der Dogmenbildung bis zur Entstehung des Islam und der Trennung der orthodoxen von der katholischen Kirche,
    – von der Scholastik (und der Reorganisation der westlichen Kirche) bis zur Reformation und
    – von der Konfessionsbildung (Verinnerlichung des häretischen Prinzips in den Neo-Orthodoxien) bis zum Faschismus.
    Ist das Moment der Trunkenheit in der Philosophie (und in den Grundlagen der Zivilisation) nicht in der Selbstreferenz begründet, die aus dem projektiven Moment im Natur- und Materie-Begriff stammt?
    Wenn Christen die Juden Hebräer nennen, begeben sie sich dann nicht in eine Front mit den Ägyptern und Philistern?
    Der dogmatische Umgang mit der Schrift wird seit je als Alibi mißbraucht, per Dekret in die Schrift hineinzuregieren. Dieser Gefahr ist, wie mir scheint, J.B.Metz nicht ganz entgangen. Hier käme es darauf an, wieder hören zu lernen. Das ist gemeint im evangelischen Rat des „Gehorsams“.

  • Karfreitag, 09.04.93

    Judas, der Verräter, oder zum (christologischen) Ursprung des Objektbegriffs und über die Verstrickung der Unschuldsfalle (gemeinsamer Ursprung der Opfertheologie und des moralischen Inertialsystems): Die Empörung über den Verräter versetzt den Empörten in die Opferrolle, sie lähmt ihn, erweckt in ihm das Selbstmitleid des unschuldigen Opfers, läßt ihn die exkulpatorische Macht der Empörung genießen, entsubjektiviert ihn, indem sie mit der Schuld auch die Verantwortung für sein Schicksal auf andere abschiebt, und macht ihn unfähig, seine Lage anders denn als die eines ohnmächtigen Objekts zu begreifen. Das Verrätersyndrom gehört zur Verschwörungslogik, der – nach einem Wort Adornos – die Welt sich immer mehr angleicht, die jedoch die Welt zugleich falsch abbildet. Der Welt- und Naturbegriff, und in ihrem Kern die Raumvorstellung, sind ein Produkt dieser Verschwörungslogik: der Kern ihrer Selbstreproduktion.
    Nach dem Hinweis „damit die Schrift erfüllet werde“ flohen die Jünger (Matthäus-Passion). Als die Christen die „Unheilsprophetie“, weil mit Jesus erledigt, auf die Juden bezogen haben (eine der Quellen des christlichen Antijudaismus), haben sie nicht bemerkt, daß sie damit die Juden in das Schicksal Jesu so eng eingebunden haben, wie die Heils- und Unheilsprophetie in der Schrift.
    Der Stein vorm Grab, den Pilatus auf Wunsch der Hohepriester hat versiegeln und bewachen lassen, und dessentwegen die (von den sieben unreinen Geistern befreite) Maria Magdalena und die andern Frauen am nächsten Morgen sich fragten, wer ihnen den Stein hinwegrücken werde: ist das die Kirche (hat die Kirche das Erbe der Hohepriester, Schriftgelehrten und Ältesten: m.e.W. der „Juden“ des Johannes-Evangeliums, angetreten)?
    Haben die andern Simon-Gestalten (der Kananäer, der Zelot, der Jesus-Bruder, der Vater des Judas Ischariot, der Aussätzige, der von Cyrene, der Magier und Begründer der Simonie, der Gerber und der, der Niger genannt wird) mit dem, den Jesus dann Kephas, Petrus, nannte, etwas zu tun?

  • 08.04.93

    Die Erfindung der Null ist die Voraussetzung des Konzepts negativer Zahlen und die Grundlage für die Trennung der Dimensionen im Raum (Grundlage des Koordinatensystems, das die negativen Richtungen wie die positiven behandeln muß, ihnen die gleiche Realität verleiht). Gehört zur Genese dieses Konzepts nicht die Opfertheologie, die Vorstellungen von Hölle und Fegfeuer, die nach Etablierung der Vorstellung des unendlichen Raumes gemeinsam ins Unsichtbare verschoben, irrationalisiert werden.
    Weshalb erzeugt die Kritik des verdinglichenden Denkens das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren?
    An der Fallbeschleunigung ist nicht das Moment der Beschleunigung das Wesentliche, sondern das retardierende Moment: weshalb diese Beschleunigung nicht unendlich ist (was sie für ein Punkt-Objekt sein müßte).
    Theologie im Angesicht Gottes: das wäre eine Theologie des Paradieses.
    Ist das Planetensystem der Baum des Lebens, gesehen aus der Sicht des Baumes der Erkenntnis?
    Zum Futur II, „Es wird gewesen sein“: darin klingt auch die Bedeutung mit an „Es wird schon so gewesen sein, wie du sagst“. Das aber heißt, daß es eine Beziehung gibt zwischen Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit und der Zeugenschaft. Im Futur II zitiert sich das Subjekt selbst gleichsam als zuküftigen Zeugen, „verandert“ so seine eigene Erfahrung, gleicht sei strukturell der Erfahrung des Andern an. Das beschreibt zugleich die Grundstruktur des Inertialsystems, das Moment der Vergesellschaftung in ihr. Die Entwicklung der Mathematik und der Raumvorstellung ist ein Indikator des Standes der Vergesellschaftung des Subjekts.
    Die Mathematik begründet das Wissen und mit ihm die Begriffe der Natur und der Welt. Beide Begriffe, Natur und Welt, sind durch die Idee des Wissens und seine mathematische Begründung vermittelt.
    Nur die Sprachreflexion befreit uns von dem Wiederholungszwang, den wir Kultur nennen.
    Hängt es nicht mit der Beziehung von Mathematik und Vergesellschaftung zusammen, wenn schon seit den altorientalischen Ursprüngen die Astronomie ein Reflex und ein Grundlage der Staatenbildung gewesen ist? In diese Geschichte gehören die Megalit-Denkmäler hinein.
    Objektivierung und Scham: Ist nicht die Scham der Reflex des Objektivierungsprozesses in der Sensibilität (in der sinnlichen Erfahrung, die so an den Geschichtsprozeß gebunden ist).
    Grundprinzip des Christentums: Niemand darf die eigenen Untaten mit dem Hinweis auf die der andern rechtfertigen.

  • 07.04.93

    Hat Ischa (die „Männin“) etwas mit Ischtar (Venus) zu tun, und ist die Erschaffung der Eva aus der Seite des (in Tiefschlaf versunkenen) Mannes ein Symbol der „Venus-Katastrophe“? Gibt es eine Beziehung zwischen der Ischa und den Ascheras? Und hat die Benennung der Tiere durch Adam etwas mit dem Tierkreis zu tun?
    Warum hat Gott das (Tier-)Opfer Abels angenommen, aber das (vegetarische) des Kain nicht? War Kain nicht die Erstgeburt, und welches Problem hat Gott mit den Erstgeborenen?
    Zu den sieben Todsünden: Es ist ein Unterscheid, ob man sie bloß meidet, oder man sie „auf sich nimmt“ und (als Sünden der Welt) begreift.
    Bei den Auferweckungsgeschichten handelt es sich nicht nur um männliche Personen: zu den Auferweckten gehört auch die Tochter des Jairus (aber bei ihr hieß es vorher: „sie schläft nur“). Das Mädchen war zwölf Jahre alt, nach der Bitte des Synagogenvorstehers (Jairus) und vor der Auferweckung des Mädchens wird die Frau, die seit zwölf Jahren an Blutfluß litt, geheilt (Mt 918ff, Mk 521ff, Lk 840ff).

  • 06.04.93

    Zu den Gleichungen der Lorentz-Transformation: Entspricht der Längenkontraktion und der Zeitdilatation in der Bewegungsrichtung nicht eine Längendilatation und Zeitkontraktion in der Gegenrichtung? Und sind nicht alle dynamischen Verhältnisse auch in dem Sinne apriori, daß sie die Paritätsverhältnisse, die Gleichgewichtsverhältnisse, voraussetzen? Die Gleichungen der Lorentz-Transformation lassen sich als Drehungen in einem metrischen Kontinuum auffassen: Ist das dynamische Maß dieser Drehungen das Plancksche Wirkungsquantum (aus der Planckschen Strahlungsformel abzuleiten)?
    Sind nicht die Tiere, die den aufrechten Gang verlernt haben, Opfer der Deklination, der Beugung (Zusammenhang von Deklination und Konjugation mit der Struktur des Raumes: mit Linearität und Orthogonalität)? Und ist nicht der Kreis das mathematische Modell des logischen Schlusses (Identitätsprinzip des Begriffs)? Insoweit ist das kopernikanische Weltbild die Grundlage der Hegelschen Idee des Absoluten, und die Vorstellung des unendlichen Raumes ein Reflex des Gewaltmonopols des Staates.
    Zur Theorie des Geschwätzes: Geschwätz, Urteil und Öffentlichkeit; im Geschwätz entfaltet sich die Gemeinheit, die vom Prinzip der Öffentlichkeit nicht zu trennen ist (das Eine ist das Andere des Anderen). Die Hegelsche Logik reflektiert die Gesetze des Geschwätzes, dem sie in der Idee des Absoluten zugleich auch verfällt. Der unendliche Raum ist die verinnerlichte Gestalt des ägyptischen Sklavenhauses.
    Sodom und Gomorrha (sowie Jericho und Gibea) als Konflikt zwischen Stadt und Haus (Babel und Mizrajim): Babel (Stadt und Turm), Ninive (die große Stadt, von Nimrod gegründet, der der erste Held war auf der Erde und ein großer Jäger vor dem Herrn), Pharao (das große Haus). Notwendigkeit der Kritik der politischen Ökonomie.
    Melchisedek hat Brot und Wein geopfert; in der Josefs-Geschichte sitzen der Mundschenk und der Bäcker des Pharao im Gefängnis, und nur der Mundschenk kommt frei, während der Bäcker hingerichtet wird (ein Teil der Geschichte des Zusammenhangs von Trunkenheit und Herrschaft, die das Brot nur im Sklavenhaus sichern kann).
    Sind nicht Stadt und Haus: das Offene und das Geschlossene (Reflexion und Begriff, Deklination und Konjugation), die beiden Aspekte des Raumes? Heideggers Haus des Seins ist anti-urban (wie Heidegger überhaupt das Urbane in den Gestalten des Man, der Uneigentlichkeit, der Neugier, perhorresziert).
    Gefährlich ist die falsche Klarheit, die im Rahmen der Bekenntnislogik nur auf der Grundlage des Feindbilds sich herstellt.

  • 03.04.93

    „Alle Erscheinungen liegen in einer Natur und müssen darin liegen, weil ohne diese Einheit (sc. die Einheit der Apperzeption) a priori keine Einheit der Erfahrung, mithin auch keine Bestimmung der Gegenstände in derselben möglich wäre“ (S. 212). Der Weltbegriff ist das Apriori der Natur; er bezieht sich ähnlich auf die Natur wie der Mythos (als Inbegriff der Kosmologien) auf die Opferreligion. Spiegeln die Opferreligionen (bis hin zum Christentum) nicht den „dynamischen“ Grund der Kosmologien?
    „Die Schrift ist als eine Macht der Scheidung in die Welt gefahren.“ (Rosenzweig: Jehuda Halevi, S. 211) Ist das kreisende Flammenschwert des Cherubs vorm Paradies (auch) die Schrift? Liegt hier ein versteckter Hinweis auf die Beziehung des Ursprungs der Astronomie zum Ursprung der Schrift?
    Das Inertialsystem ist der Blick von der Seite: Von welcher, und wie sieht’s von der anderen Seite aus?
    Ist das Trockene des dritten Tages der Grund des Weltbegriffs, das sich aus den Wassern des Mythos erhebt, und die eine Stelle, an der sich die Wasser sammeln sollen: die Philosophie?
    Zu Dt 205ff und Lk 1418ff: Wo liegen die Differenzen?
    – Dt 20 bezieht sich auf die Vorbereitung zum Kampf gegen einen überlegenen Feind, Lk 1418 auf die Einladung zum Hochzeitsmahl;
    – der erste und der dritte Punkt stimmen überein: der Kauf eines Ackers und die Heirat.
    – an der zweiten Stelle steht im Dt „einer, der einen Weinberg anlegt und noch nicht die erste Lese gehalten hat“, bei Lk einer, der „fünf Ochsengespanne gekauft (hat) und … auf dem Wege (ist), sie mir genauer anzusehen“;
    – der letzte Punkt aus Dt fehlt bei Lk: Ist unter euch einer, der sich fürchtet und keinen Mut hat? Er trete weg und kehre nach hause zurück.
    Bei Mt (222ff) geht der eine auf seinen Acker, der zweite in in seinen Laden, andere fielen über die Boten her, mißhandelten sie und brachten sie um.
    Das Sehen, überhaupt die sinnlichen Beziehungen zur Außenwelt, sind bei Tieren und Menschen Mittel der Orientierung und Hilfen der Selbsterhaltung. Mit der Organisation der sinnlichen Wahrnehmung ist (bei Tieren und Menschen) das Moment der Selbstbewegung verbunden. Diesen Zusammenhang (von sinnlicher Gegenständlichkeit und Instrumentalisierung) bildet die Arbeit und dann das Inertialsystem ab. Welche Bedeutung hat vor diesem Hintergrund das Fernsehen (generell die technische Reproduzierbarkeit der sinnlichen Welt), das nicht mehr unmittelbar auf die Außenwelt, sondern auf Bilder der Außenwelt sich bezieht? In welcher Beziehung steht die technische Reproduzierbarkeit der Außenwelt zum Bilderverbot?

  • 01.04.93

    Nach der rhetorischen Frage „Bin ich der Hüter meines Bruders“ geht Kain hin und gründet die erste Stadt. Zur Vorgeschichte der ersten Stadtgründung gehören
    – der Brudermord,
    – das vom Ackerboden zu Gott schreiende Blut,
    – die Rast- und Ruhelosigkeit Kains auf der Erde,
    – seine Erkenntnis, daß seine Schuld zu schwer sei, als daß er sie tragen könnte, und seine Furcht, daß, wer ihn findet, ihn erschlagen werde,
    – und dazu das Zeichen Gottes, daß ihn keiner erschlage, und seine Zusage, daß jeder, der Kain erschlägt, siebenfacher Rache verfallen wird.
    Götzendienst als Grund der Trägheit (Anmerkung zur Theologie der deutschen Sprache): Das ungelebte Leben „ergötzt“ sich am Nichtleben der andern (an ihrem Unglück, ihrer Dummheit, ihrer Bosheit). Ist diese Ergötzung nicht das Nichts, der Abgrund, aus dem der Weltbegriff hervorgeht und an den er gefesselt bleibt?
    Die Lehre von der creatio mundi ex nihilo ist in zweifacher Hinsicht falsch:
    – sie sieht die Welt, wie sie ist, als erschaffen an und leugnet den Sündenfall, und
    – sie verschweigt die Erschaffung des Himmels mit der Folge, das die Zukunft subjektiviert, zur Utopie depotenziert wird.

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