Theologie

  • 14.03.93

    Worin liegt die Differenz zwischen den logisch-grammatischen Konstruktionen der alten Sprachen und der Nutzung der Hilfszeitverben (sein, haben, werden) im Deutschen heute? Ist das nicht Ausdruck der vollendeten Verdinglichung, die in der griechischen und lateinischen Sprache noch gleichsam in statu nascendi zu beobachten ist.
    Die Leviten galten als Abgeltung der Erstgeburt (Num 312), nur blieb da ein Rest von 273 Erstgeborenen, die nicht abgegolten waren (346; 273 ist die dreifache Summe aller Zahlen bis 13).
    Ist der Hund, der domestizierte Wolf, das Realsymbol der Welt? Ist das Tier vom Lande ein Hund?
    Die Person, der Träger des Namens, ist das objektive Korrelat des Polizeistaats, mit dem Personalausweis, dem vergesellschafteten Fahndungsplakat, an die Ermittlungsbehörden, als deren Inbegriff der Staat in Deutschland, dem Land der Staatsanwälte, sich versteht, unentrinnbar angebunden. Die Persönlichkeit steht auf der anderen Seite: sie hat das Personsein verinnerlicht und beherrscht es, kann damit umgehen.
    Ist nicht der Rechtsstaat ein Polizeistaat: Jeder trägt sein eigenes Fahndungsfoto in der Tasche (und ist dazu gesetzlich verpflichtet). Gilt in Staaten ohne Staatsanwalt auch die Ausweispflicht?
    Oculi omnium in te sperant. (Ps 14515)
    Hat Habermas nicht mit der Verdrängung der Idee, daß auch die Natur sich ändert, wenn die Gesellschaft sich ändert, auch die Idee der Güte verdrängt, den Wunsch, endlich gut sein zu können?
    Requiem aeternam: das kann das Ausruhen von der Last, von der Arbeit sein; es kann aber auch das sabbatliche Ausruhen in einer Verfassung sein, in der man endlich gut sein darf, in der Friede und Gerechtigkeit sich küssen.
    Die Trägheit oder der Tod: Die Trägheit ist das Ausruhen von der Last der Moral, das Telos des Rousseauschen „Zurück zur Natur“. Ist nicht der Jesus der Opfertheologie, der vergöttlichte Jesus der, der uns die Last abnimmt: der uns von der Pflicht zur Nachfolge entbindet, indem er die Welt entsühnt, die Trägheit rechtfertigt? Ist diese Verkehrung der Dinge nicht das Werk der Kirche (der Kelch von Getsemane)? So verdankt sich zwar nicht der Begriff der Materie, wohl aber das Trägheitsprinzip der Theologie: es ist das Produkt der opfertheologischen Verarbeitung des philosophischen Materiebegriffs.
    Der Raum (das System reversibler Richtungen) als das Opfer der Umkehr an den Schein der Unschuld der Natur.
    Die Kirche hat den Himmel theologisch vergesellschaftet und insoweit der Physik vorgearbeitet.
    Gegenstand der kirchlichen Eucharistieverehrung ist das vergöttlichte Ding, das vergöttlichte Objekt: reine Blasphemie.
    Die Liturgiereform wäre erst dann eine geworden, wenn sie den Mut gehabt hätte, von der blasphemischen Eucharistiefrömmigkeit endlich zu lassen, und wenn das Brotbrechen die Form der gemeinsamen Speisung der Armen angenommen hätte: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.
    Inneres Telos der (weltlichen und kirchlichen) Verwaltungsmoral: Selbstzerstörung der Verantwortung durch Delegation. Administrative Verantwortung übernimmt die Schuld (nicht die Sünde) der Welt (und die Bezahlung entspricht der „Last der Verantwortung“: Schuld ist der innere Wertmaßstab des Geldes, Arbeit die Abgeltung der Erbschuld, arm zu sein).

  • 13.03.93

    Leer, gereinigt und geschmückt: Bezieht sich das nicht auf den Raum, das Geld und das Bekenntnis?
    Entscheidend zum Verständnis des Sterns der Erlösung: Die Todesangst, mit der die Erkenntnis anhebt, weist auf eine gemeinsame Todes- und Erkenntnisgrenze hin: aufs Inertialsystem (nur Vergangenes kann gewußt werden). In diesem Zusammenhang ist der Naturbegriff bei Rosenzweig genauer zu bestimmen.
    Beziehung des Orion und der Plejaden zum Binden und Lösen: Die Geschlossenheit des Kreises enthält ein Moment des Scheins, und zwar das gleiche, dem auch die Vorstellung von der Abgeschlossenheit der Vergangenheit sich verdankt. Die Geschlossenheit des Kreises verewigt die Abgeschlossenheit der Vergangenheit, sie verschließt damit die Zukunft.
    Das Binden und Lösen beschreibt sowohl einen Gegensatz, als auch eine wechselseitige Bedingung: es gibt ein Binden oder Lösen wie auch ein Binden durch Lösen und ein Lösen durch Binden.
    Hat die Türangel (der Angelpunkt) etwas mit angelus, dem Engel zu tun?
    Es gibt den Stein als Fundament und als Eckstein. Was ist der dreimal leugnende Fels? Vgl. hierzu auch die rätselhafte Stelle: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst. (Joh 2118) Wird nicht heute die Kirche geführt, wohin sie nicht will? Ist die Kirche dadurch nicht selber zum Herzen der harrenden und sich sehnenden Schöpfung geworden, und wartet sie nicht als ohnmächtige Kreatur auf die Freiheit der Kinder Gottes? Rührt nicht die Kirche allein noch an der Naturgrund von Herrschaft?
    Der Baum des Lebens hat seine Wurzeln im Paradies. Merkwürdige Affinität von Wurzeln und Blitz (bei Frieda Kahlo).
    Zu Joh 129: Im Buch Numeri (1117, sh. auch vorher V. 14) findet sich der Hinweis, daß der Geist die Übernahme der „Last des Volkes“ mit einschließt. Die „Sünden der Welt“ sind eine Potenzierung (und Universalisierung) der Last des Volkes.
    Definition der Archäologie: In den Ruinen der untergegangenen Welt die Spuren der vergangenen Zukunft suchen.
    Werden nicht heute die als trunken beschimpft, die die Trunkenheit aller nur wahrnehmen?
    Zu Johann Baptist Metz: Das Lied „Mein Gott, wie schön ist deine Welt“ gilt nur noch für die zukünftige Welt, für den Inbegriff der göttlichen Verheißungen (die Ideen des Reiches Gottes, des seligen Lebens).
    Die Vorstellungen vom Alter der Welt, von der Tiefenzeit, sind primär menschheits- und naturgeschichtlich, sekundär astronomisch und zuletzt geologisch begründet.
    Ist nicht die Auferstehung Jesu ein Stück vergangener Zukunft, das nur durchs sogenannte Ostermysterium ins Heidnische zurückgebogen wurde: kein Natursymbol, sondern die Sprengung des Naturbegriffs selber?
    Heute setzt die Welt die Menschen so unter Anklagedruck, daß jeder nur noch seine Unschuldsnische sucht. Und parakletisches, verteidigendes Denken gibt es nur noch im Kontext der Übernahme der Sünden Welt; das ist der Kern des Nachfolgegebots. Seit den Kirchenvätern verletzt die christliche Theologie das Gebot „Richtet nicht …“, und sie ist seitdem gerichtet.
    Ist das Glaubensbekenntnis nicht in der Tat ein Sündenbekenntnis, dazu noch ein im Kern verstocktes: eins, das das Bewußtsein, ein Sündenbekenntnis zu sein, verloren/verdrängt hat und ins Affirmative verfälscht worden ist.
    In welcher Beziehung steht das kreisende Flammenschwert des Cherubs am Eingang des Paradieses zu den Rädern des Gotteswagens, der Merkaba, bei Ezechiel?
    Doppelaspekt des Opfers: als Opfer der Gegenwart um der Zukunft (des Lohnes) willen, oder aber die Errettung der der Vergangenheit geopferten Zukunft?

  • 11.03.93

    Ist es eigentlich so ganz abwegig, wenn man den Begriff der Totalität mit dem des Tötens in Verbindung bringt?
    Ist nicht der Komparativ der Hebel der Neutralisierung, und der Superlativ Ausdruck der Idolatrie: der Instrumentalisierung des Göttlichen?
    Der Komparativ und der Ursprung des Sports (höher, schneller, weiter).
    Das „Richtet nicht“, das „Liebet eure Feinde“ und das „Seid arglos wie die Tauben“ gehören zusammen und bilden ein System. Sie sind Teil der negativen Trinitätslehre: Der Richtende leugnet den Vater, der Hassende den Sohn und der Paranoide den Heiligen Geist.
    – Richtet nicht: Kritik des Geldes,
    – Liebet eure Feinde: Kritik des Bekenntnisses, und
    – Seid arglos wie die Tauben: Kritik des Raumes.
    Ist nicht das Problem des Ursprungs der Schrift noch rätselhafter als das des Ursprungs des Geldes? Waren die Keilschrift-Schuldscheine in den altorientalischen Tempeln nur Schuldscheine? Ist die Verflechtung des Ursprungs der Schrift mit dem Ursprung des Geldes, beide vermittelt durch das Realsymbol des Opfers, nicht doch enger? Krankt nicht das Heinsohn-Illingsche Konzept an der Unfähigkeit zur Reflexion von Sprache und Schrift (an der Verwechslung gesellschaftlicher und realer Naturkatastrophen), oder an der Verdrängung des Problems des Ursprungs von Sprache und Schrift (Beziehung der sumerischen zur hethitischen Sprache, Ursprung der indogermanischen Sprachen und der Buchstabenschrift)?
    Theologie ist Sprachphilosophie, die die Dinge wieder zum Sprechen bringen will, indem sie den Bann des Verstummens löst. Die Todesgrenze ist eine Sprachgrenze (und die Existenz der Sprache die Widerlegung des Wahrheitsanspruchs der Physik).
    Die Opfertheologie hat den Tod, den die Welt uns auferlegt, instrumentalisiert. Wenn der Begriff der Todsünde ein gegenständliches Korrelat hat, dann ist es die Opfertheologie (als Kern der Sünde der Welt). War nicht die Todesangst in Getsemane die Angst vor der Instrumentalisierung des Todes (und so die Angst vor dem Grund der Todesangst).
    Hegels Wort von der „falschen Zärtlichkeit für die Welt“ ist projektiver Natur: es verbirgt Hegels eigene falsche Zärtlichkeit für den Geist. Zwar vermag nur der Geist den Widerspruch zu ertragen, aber dieser Widerspruch ist der Widerspruch der Welt, und: wer angesichts von Auschwitz den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.
    Die Sprache, die aus dem Leiden Literatur macht, versündigt sich am Leiden (und nur dem Dichter gab ein Gott zu sagen, was er leidet). Aber gibt es eine Alternative?
    Während Jesus einzig die Nachfolge fordert, begnügt sich die Kirche (im Auftrage der Welt) mit dem Bekenntnis.
    Hängt die 3. Pers.-Endung -nd (sind) mit der Partizip-Endung -nd (seiend) zusammen?
    Haben Infinitiv und Neutrum einen gemeinsamen Ursprung?
    Öffentlichkeit, Medien und die Denunziation: Vor dem Gericht der Öffentlichkeit reicht jeder Verdacht aus, während Verteidigung keine Chance hat (Prinzip Drachenfutter). Man darf keine Fehler mehr machen, aber das zerstört die Phantasie und die Kreativität. Heute beherrschen die Medien die Phantasie, besetzen die letzten Schlupflöcher und lassen keine freie Phantasie mehr zu.

  • 10.03.93

    Stimmt es eigentlich, wenn Szemerenyi (in seiner Einführung in die vergleichende Sprachwissenschaft, S. 26) schreibt, daß „die Phoneme … keine eigene Bedeutung besitzen, sondern dazu dienen, größere Einheiten zu differenzieren: sie sind nur diakritische Zeichen“? Ist es nicht genau diese Abstraktion, die den Weg zum Verständnis der Sprachgeschichte und des Ursprungs der Schrift, der Buchstabenschrift, versperrt? Wird nicht so ein auf die reine Materialität, auf ihren Kontext mit der Technik, reduzierter Begriff der Phoneme, die Abstraktion von ihrem Ausdrucksgehalt und ihre Subsumtion unters Inertialsystem, begründet und sanktioniert? Dem entspricht es, wenn Sz., soweit ich bis jetzt sehe, das, was das eigentliche Interesse am Studium der indoeuropäischen Sprachen begründen könnte, nicht zu sehen scheint: den Prozeß der Konstituierung und Ausgestaltung einer Sprache, die aufgrund ihrer strukturellen (grammatischen) Besonderheiten geeignet und in der Lage war, den Prozeß der Zivilisation in Europa zu eröffnen und seiner Entwicklung (u.a. auch als Kirchensprachen: Griechisch und Latein) den erforderlichen Rahmen zu bieten. Hier geht es um die einzige Sprachfamilie, die durch Strukturen wie z.B. das Futur, den Komparativ und das Neutrum dem Weltbegriff, der dann als Zivilisationsschwelle die moderne Aufklärung ermöglicht hat, die geeignete Grundlage geschaffen hat. Nur waren es dann allerdings auch die gleichen Strukturen, die diese Sprache am Ende auf eine ganz neue Weise barbarisch gemacht, nämlich gegen ihre Selbstreflexion immunisiert hat.
    Der positivistische Wissenschaftsbetrieb gleicht dem Zustand des EDV-Bereichs darin, daß beide sich nicht mehr verständlich ausdrücken können. Weshalb geht es nicht mehr ohne eine zurechtgestutzte Sprache, eine Sprache, deren benennende Kraft konsequent zerstört wird. Für Szemerenyi sind die Phoneme bedeutungslos, weil das Gleiche für die Kategorien seiner Wissenschaft gilt.
    Petrus und einige andere der Jünger waren Fischer: sie sollten den Leviatan fangen (vgl. die Geschichte vom Fischfang). Jesus war Zimmermann, Paulus Zeltmacher (ein Zelt ist ein Haus für Nomaden, es ist für den Abbruch bestimmt; hat das etwas mit dem Zug durch die Wüste und der Bundeslade zu tun? – Der Tabernakel ist ein Zelt).
    In welcher Beziehung stehen die drei projektiven weltbegründenden und -stabiliserenden Begriffe Barbaren, Natur und Materie zu einander?
    – Die Barbaren sind die Fremden (die Bärtigen und die Stammelnden),
    – die Natur (physis) ist das Geborene (Gezeugte),
    – die Materie ist das Woraus, die Mutter von allem.
    Mit der Welt wurde nur die Entfremdung, das Für-andere-Sein der Dinge, aber nicht die Dinge selbst, erschaffen: Und der „Schöpfer“ der Welt ist der Staat, nicht Gott.
    Wenn den Barbaren der Name der Hebräer entspricht, was entspricht dann den Begriffen Natur und Materie: das Opfer und die Unzucht?
    Sind die Steigerungsformen Komparativ und Superlativ nicht die Winkelfunktionen der Sprache (und findet man sie nur im Indogermanischen)? Dem Komparativ liegen Wertverhältnisse, liegt die Meßbarkeit zugrunde: der Grad.
    Die Raumvorstellung ist die Grundlage jeder Hypostasierung; und es gibt keine Hypostasierung ohne Komparation, ohne Vergleich, ohne den Blick auf anderes (Futur, Neutrum und Steigerung bilden ein System).
    Wenn die Erkenntnis des Guten und Bösen etwas mit dem Komparativ, die Schlange mit dem Neutrum zu tun hat, hat dann der Engel mit dem kreisenden Flammenschwert etwas mit der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit zu tun (mit der Schicksalsidee und mit der Idee der ewigen Wiederkunft des Gleichen)? In der Vorstellung des Kreises wird die Herrschaft der Vergangenheit über die Zukunft besiegelt.
    Das Johannes-Evangelium wird erst dann wirklich verstanden, wenn man in den „Juden“ die Kirche erkennt, die ohnehin seit je die Juden nur als Projektionsfolie benutzt hat. Ist nicht die Kirche die „Synagoge des Satans“ und ihr Gott der „Vater der Lüge“?
    Die These, der Faschismus sei irrational, ist wahr und unwahr zugleich: Seine Irrationalität ist ein Moment der Wahrheit über die subjektive Rationalität. Dieses Wahrheitsmoment wird deshalb verdrängt, weil man glaubt, den Schrecken, den seine Wahrnehmung auslöst, nicht ertragen zu können.
    Der Weltbegriff verräumlicht die Zeit, der Naturbegriff verzeitlicht das Räumliche. Darin ist die Beziehung von Natur und Welt zu Objekt und Begriff (zur Urteilsform) begründet.
    Zur Definition des Rechtsstaats: In einem Rechtssystem, das aus seiner eigenen Logik heraus nicht mehr aufs Tun, sondern aufs Erwischtwerden abstellt (vgl. das Problem der Beweisbarkeit und die Bedeutung des Zeugen), wird nur noch das Erwischtwerden bestraft, aber das umso drastischer (es hat noch nie ein so gewaltiges Strafbedürfnis gegeben). Und wenn es (im gleichen Kontext) dann heißt, daß Leistung sich wieder lohnen muß, dann tendiert das dahin: Alles was sich lohnt, ist per definitionem Leistung.
    Wer sind die Hethiter? Nach Gunnar Heinsohn die Chaldäer (mit Nebukadnezar als Hattusilis III). Was heißt das für die chaldäische (sumerische) und hethitische Sprache?

  • 09.03.93

    Notwendig wäre eine Kritik des positivistischen Wissenschaftskonzepts der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft.
    Sind nicht Qualitäten in Eigenschaften zurückübersetzte Handlungen (objektivierte Tätigkeiten)? Ist nicht das Prinzip der Qualitäten das der Verdinglichung (das Ding und seine Eigenschaften)? Qualifikationen sind instrumentalisierte und lernbare Tätigkeiten, und Tätigkeitsmerkmale sind Vergütungskriterien.
    Den drei Dimensionen des Raumes entsprechen sechs Außenflächen des Dings. In welcher Beziehung stehen diese zu den durch fünf Nächte getrennten sechs Schöpfungstagen?
    Merkwürdig, daß die Erde im Schöpfungsbericht auch als tätiges Subjekt erscheint, und zwar als erstes nach Gott. Sie bringt sowohl die Pflanzen als auch die Tiere hervor. Nur die Tiere des Wassers und des Himmels werden wie Himmel und Erde und wie die Menschen von Gott erschaffen. War die Hervorbringungskraft der Erde mit den Pflanzen und Tieren erschöpft? Und mußte Gott sich selbst gleichsam wieder hervorrufen, wenn er sich selbst anspricht: Lasset uns den Menschen machen, und dann in einem dreimaligen Ansatz den Menschen erschafft: als Gottes Bild, als sein Ebenbild, als Mann und Weib?
    Der Demiurg ist von Gott durch das Schicksal geschieden. Der Schöpfungsgedanke ist der ungeheuerlichste Gedanke, den die Menschheit je gehabt hat. Er ist nicht zufällig dann verdrängt und durch das Herrschafts-Konzept einer creatio mundi ersetzt worden. Die Geschichte dieser Verdrängung ist die der Theologie, ihre Vorgeschichte die der Idolatrie. Der Kampf der Propheten gegen die Idolatrie ist der Kampf für die Schöpfungsidee. Das creatio-mundi-Konzept, das konsequent abgesichert wurde durch Trinitätslehre, Opfertheologie und Christologie, unterbindet heute die Fähigkeit zur Reflexion der Naturwissenschaften. Es unterbindet sie ebenso wie die Kapitalismus-Kritik. Das Dogma war von Anfang an politische Theologie.
    Die Naturwissenschaften lassen eine andere als technologische Beziehung von Theorie und Praxis nicht mehr zu.
    Rast die Welt nicht auf einen Abgrund zu, den sie selbst produziert, und mit dem eins zu werden sie trachtet: Wäre das nicht der endgültige hieros gamos?
    Das Bekenntnisprinzip ist von der Instrumentalisierung des Kreuzestodes in der Opfertheologie (von der Herausnahme des Kreuzestodes aus der Nachfolge) nicht zu trennen.
    Lassen nicht am Schicksal des römischen Latifundiensystems die Entwicklung und die Tendenzen des gegenwärtigen Systems der politischen Ökonomie sich ablesen?
    Jeder Tauschwert für mich ist es nur als Gebrauchswert für andere: das ist die Differenz zwischen Tausch- und Gebrauchswert. Die Grenze, die das Vorhandene vom Zuhandenen trennt, ist die Grenze zwischen der ersten und der dritten Person. Oder die Eigentlichkeit für mich ist die Uneigentlichkeit für andere. Deshalb sind beide nicht unterscheidbar. Ist nicht die Heideggersche Eigentlichkeit der entsetzlich verkümmerte Rest des Hegelschen Bewußtseins der Freiheit?
    Sind nicht die Aktionen der Rechtsradikalen heute Kamikaze-Aktionen?
    Der Begriff der Entfremdung bezeichnet sehr genau einen richtigen Sachverhalt: Indem ich mich dem Anderssein der Welt anpasse, entfremde ich mich, löse ich das nur im Verhältnis zu Fremdem sich konstituierende Selbst auf. Die Entfremdung ist das Produkt der verandernden Kraft des Seins. Die Rechten übersetzen diesen Begriff heute in die Praxis. Gefährliche Verwechslung des Fremden mit dem Andern. Das Anderssein ist systemimmanent, der Fremde sprengt das System. Deshalb ist die Tötung des Fremden systemerhaltend.
    Die Unterscheidung von realprojektiven Begriffen wie Raum, Welt, Natur, Materie von realsymbolischen Begriffen wie Wasser, Angesicht, Finsternis, Licht gehört zu den Grundlagen der Theologie. Der Kampf gegen den Anthropomorphismus ist ein Kampf gegen realsymbolische Begriffe.
    Haben die paulinischen Archonten etwas mit den Sakramenten zu tun? Die christliche Gnadenlehre ist ein Produkt der Subsumtion der göttlichen Barmherzigkeit unter das Herrendenken, der kirchlichen Instrumentalisierung der göttlichen Barmherzigkeit: ein Folgekonstrukt der Opfertheologie.
    Mein erster Brief an Buber stand noch unter dem Vorzeichen einer positiven kirchlichen Theologie (Identifizierung des Leibs Christi mit der Philosophie). Deshalb mußte ich mich im zweiten Brief hinter dem Alles und Nichts verstecken.

  • 08.03.93

    Die Beziehung des Raumes zum Objekt ist die Grundlage der Beziehung sowohl des Schicksals wie auch des Begriffs zum Objekt (das Schicksal ist der zentrale Begriff des Mythos, weil er dessen Funktion beschreibt: die Begründung des Objekt-Begriffs). Die Geschichte der Verinnerlichung des Schicksals (und damit die Geschichte des Ursprungs des Weltbegriffs) läßt sich ablesen an der Geschichte der Vergegenständlichung des Raumes. Nicht zufällig entspringt das begriffliche Denken mit der Entdeckung des Winkels (und mit den Anfängen der Astronomie, der Verräumlichung der Sternenwelt: waren die Sterne nicht das Modell der Objektvorstellung?).
    Sind die sieben Sakramente die Äquivalente der Astrologie (der sieben „Planeten“) nach dem Ursprung und nach der theologischen Stabilisierung des Weltbegriffs?
    Was bedeutet es, wenn es vom unreinen Geist heißt: er ging in die Wüste?
    Die ersten und die letzten Opfer der Naturbeherrschung sind die Frauen.
    Am Ende des Buches Levitikus unterscheidet die Schrift zwischen Häusern in einer ummauerten Stadt und Häusern in Ortschaften, die keine Mauern haben. Die Häuser in einer ummauerten Stadt fallen nicht unter die Jobel-Jahr-Regelungen: sie sind frei verkaufbar, sind nicht zurückzugeben.
    Die Welt ist der Inbegriff der Last der Vergangenheit, die wir nur vermehren und dann unsern Kindern aufbürden.
    Die Fremden sind die Sündenböcke, die die Reichen den Armen zur Ablenkung anbieten (Theorie des Fernsehens).
    Ist der Ursprung der Schrift nicht ein Teil und eine Vorstufe des Ursprungs der Philosophie, nur daß hier das begriffliche Element schon eine Stufe tiefer, in den Buchstaben, gesetzt wird?
    Die politische Sprache wird immer mehr zur Orakelsprache: Wie es auch kommt, sie behält immer recht; sie wird sich nie bei einer nachweisbaren Lüge erwischen lassen. Oder genauer: sie darf sich bei einer Lüge erwischen lassen, denn das wissen ohnehin alle, daß es auf das, was einer sagt, nicht ankommt, ja nicht einmal darauf, was einer tut; nur darauf, ob er sich erwischen läßt. „Die deutsche Sprache … kann gleichzeitig nach verschiedenen Richtungen ganz verschiedene Dinge ausdrücken. Deutschland ist das klassische Land der Doppelwahrheit, der hochtönenden Sätze, die alles und nichts bedeuten können, je nachdem wer sie ausspricht und an wen sie gerichtet sind.“ (David Marsh: Die Bundesbank. Geschäfte mit der Macht, München 1992, S. 349)
    Die politische Sprache in Deutschland zeichnet sich durch die Fähigkeit aus, die Bedeutungen der Sprache, den intentionalen Charakter der Worte (wie die Richtungen im Raum) reversibel zu halten. Das hängt mit der Fähigkeit zum instrumentellen Gebrauch des Schuldverschubsystems zusammen (Nutzung der Exkulpationsstrategien).
    Die Beziehungen des Raumes zum Schicksal, in dessen Herrschaftsbereich es keinen Ausblick auf Unschuld und Glück gibt, gründet in der Reversibilität aller Richtungen im Raum. Die „verandernde Kraft des Seins“ ist seine verschuldende Kraft: der Blick auf Schöpfung Offenbarung Erlösung ist vom Grunde her versperrt (Finsternis liegt über dem Abgrund).

  • 06.03.93

    Die subjektiven Formen der Anschauung (Raum und Zeit, aber auch das Geld und das Bekenntnis) sind ein Reflex des Gewaltmonopols des Staates. Die Grenze, die den Herrn von den Beherrschten trennt, ist eine Todesgrenze. Der Bann bezeichnet genau diese Todesgrenze. Das Recht zu töten bleibt der Natur und dem Staat vorbehalten, während Gott die Toten auferweckt. Stehen wir nicht unter dem Bann der subjektiven Formen der Anschauung, sind wir nicht allesamt Kaninchen vor der Schlange?
    Das Zeichen des Jona: Bezieht sich dieses Wort nicht doch auf den letzten Satz des Buches Jona, und ist nicht die Nicht-Zerstörung von Ninive die Katstrophe? Aber hat Gott nicht hier den Grund seines Zuwartens (nicht seiner Barmherzigkeit) benannt? Hierauf antwortet erst wieder das Buch Tobit. Aber was hat es dann mit der „Buße“ des Königs, der Menschen und des Viehs auf sich?
    Im Kontext des Begriffs ist die Beziehung der Sprache zum Wesen durch den Schein vermittelt, während die benennende Kraft der Sprache sich erst durch die Kritik des Scheins hindurch erschließt.
    „Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war.“ (Spruch an der Mauer der Startbahn West des Frankfurter Flughafens)
    Die Deutschen: ein Volk ohne Gottesfurcht. Das ist der Grund der deutschen Staatsmetaphysik, und deshalb hat das Gewaltmonopol des Staates nur hier diese überschießende Bedeutung.
    Nicht: Mach unser Herz von Sünden rein, sondern: Ersetze unser steinernes Herz durch fleischernes.
    Zum Paradigma des Angesichts: An dem Beispiel mit dem Kind in der Familie läßt sich noch mehr verdeutlichen. Steckt in dem Reden über das Kind (hinter seinem Rücken) nicht bereits die ganze Welt? Ist nicht die Welt das Erbe, dessen Last wir den Kindern aufbürden?
    Das Gefährliche an der Politik heute, das, was man ihre Abgehobenheit und die Arroganz der Macht nennt („Solidarpakt“ oder die „Sozialverträglichkeit“ der Kürzung der Sozialhilfe), ist begründet in dem Bündnis von Sprache und Macht, das den Machtlosen, den Objekten der Politik die Sprache raubt: diese finden in der Sprache der Politik ihre eigenen Erfahrungen nicht wieder, sie bleiben stumm und unmündig. Für sie ist der Sprache der Politik nur noch die Sprache der Gewalt.
    Hat nicht die Rezeption des Weltbegriffs in der Theologie und das dem zugrundeliegende Bündnis der Kirche mit der Macht die Kirche in den Wiederholungszwang versetzt: den Logos seitdem immer wieder kreuzigen zu müssen. Für die Kirche ist Jesus zu einem geworden, der nicht wußte, was er sagte; aus ihrem Besserwissen hat sie die Theologie gemacht. Was ist das Dogma anderes als das entleerte Wort: auch das dann gereinigte und geschmückte Wort.
    Wer wählt, gibt seine Stimme ab.
    Ist das Allgemeine die Gemeinheit aller?
    Im Anfang erschuf Gott den Himmel und die Erde. Aber nachdem der Kosmos endgültig vom Himmel gereinigt worden ist, ist der Himmel uns auf eine ganz andere Weise zum Greifen nahe gerückt. Hierauf bezieht sich das Wort vom Lösen.
    Zum Schamanentum: Kann es nicht sein, daß in den Opfern und Riten der Religionen und in den sie begleitenden Anschauungen Aufschluß zu finden ist nicht nur über ihren eigenen Sozialcharakter, über ihre Stelle im historischen Prozeß, sondern auch über die Gründe der Welt?
    Hat der Brief an die Philipper nur etwas mit der Stadt Philippi zu tun, oder auch etwas mit den Anhängern des Philippus (der den äthiopischen Eunuchen bekehrte und dann mit seinen vier prophetischen Töchten in Antiochia lebte)? Und ist Timotheus nicht einfach der Gottesfürchtige?

  • 04.03.93

    Die abscheulichen Feigen, die vor Schlechtigkeit nicht gegessen werden können (Jer 2917).
    Waren nicht die Mythen lokale Mythen auch deshalb, weil mit dem Realitätsprinzip, das sie rechtfertigen sollen, der Partikularismus, am Ende der Nationalismus, bereits mitgesetzt war? Das transzendentale Subjekt der kantischen Philosophie ist ein endliches Subjekt, seine Hypostasierung der Staat. War nicht die augustinische civitas dei eine konstitutive Bedingung seines theologischen Realitätsverständnisses (des „ad literam“, Grund des Fundamentalismus)? Abgesichert wurde dieses Realitätsverständnis (die philosophische Tradition, die darin sich behauptete) durchs Dogma: Trinitätslehre und Opfertheologie.
    Zur Beziehung der Allegorese zum Naturbegriff sh. Burkert: Antike Mysterien, S. 67. (Sh. auch Ch. Schäublin: Untersuchungen zur Methode und Herkunft antiochenischen Exegese, Köln 1974.) Erhellen sich Allegorie, Mythos und Natur gegenseitig, entspringt nicht der Naturbegriff in der allegorischen Mythenauslegung (S. 68)?
    Die „Höhle“ stellt den Kosmos dar, überwölbt vom Tierkreis des Himmels; die sieben Planeten finden sich, die die sieben Grade der Einweihung beherrschen; das zentrale Stieropfer erscheint in kosmischem Rahmen, zwischen der untergehenden Mondgöttin und dem aufgehenden Sonnengott (S. 70, zum Mithraskult).
    Der Hegelsche Naturbegriff wird von Hegel selber an zwei Stellen kenntlich gemacht:
    – wenn er bemerkt, die Natur könne den Begriff nicht halten, und
    – wenn er die Außenbeziehungen der Staaten, insbesondere den Krieg, als Naturzustand bestimmt.
    Der Begriff als Kristallisationskern des Weltbegriffs ist eine bloß formale Bestimmung auch in dem Sinne, daß er die Ursprungsdifferenzen verwischt. Die Identität des Begriffs verdankt sich dem Gewaltmonopol des Staates, und sie gilt nicht über die Grenzen der staatlichen Ordnung hinaus. Deshalb ist der Nationalismus nur dann vermeidbar, wenn es gelingt, die Naturwissenschaften durch Reflexion aufzulösen.
    Hat nicht Tertullian, durch Übertragung der griechischen Sprache der Theologie ins Lateinische, als erster den kosmologischen Weltbegriff mit dem juristischen in eins gesetzt? Die Welt ist seitdem die von Gesetzen beherrschte, nach dem Eigentumsprinzip organisierte Welt.
    Gegen Habermas: Ohne die Idee, daß bei Errichtung der richtigen Gesellschaft auch die Natur sich ändert, ist die Idee einer richtigen Gesellschaft nicht zu halten. Auch die gesellschaftskritische Anwendung der kantischen Vernunftkritik wird nicht mehr zu halten sein, wenn man den Versuch aufgibt, ihre wissenschaftskritische Anwendung mit aufzunehmen.
    Kann man sich im Garten Getsemane eine Kuschelecke einrichten (Bendorfer Euphorie), gilt dafür nicht das Bild der schlafenden Apostel? – Wachet und betet.

  • 03.03.93

    Zur Unterscheidung von Unreinem von Greueln: Und ihr kamt hin und habt mein Land unrein gemacht, und mein Erbteil habt ihr zum Greuel gemacht. (Jer 27)
    Das Naturproblem läßt sich erst lösen, wenn das Geldproblem gelöst ist, das Syndrom der Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen (Zusammenhang des Schuldenproblems mit dem des Gewaltmonopols des Staates).
    Enthält nicht die astrologische Kosmologie ein mythologisches Gesellschaftskonzept?
    Die Tiere und die Subjektivierung, Individualisierung und Verinnerlichung des Lichts (Blut als verinnerlichte Scham). Hat sich in der Geschichte der Aufklärung das Licht gebildet, aus dessen Subjektivierung, Individualisierung und Verinnerlichung der Same und der Kristallisationskern des apokalyptischen Tieres entstanden ist? Und spiegelt sich nicht in dem Verhältnis der agrarischen zur städtischen Gesellschaft die Schöpfungsgeschichte der Pflanzen- und Tierwelt? Gehören die Tieropfer zu den Ursprüngen des städtischen Lebens? Sind nicht die Tempel Abbilder der Sternenwelt, in denen sich der Übergang von der agrarischen zur städtischen Existenz widerspiegelt? Ist nicht mit dem Ursprung der Philosophie und des Weltbegriffs der Nationalismus mitgesetzt, das Absolute als ein Partikulares, das, wenn es zum Absoluten werden will, imperialistische Züge annimmt? Wäre nicht in diesem Kontext des Zahl des Tieres zu ermitteln?
    Was Adorno die restlose Säkularisierung der theologischen Gehalte genannt hat, wäre das nicht heute als die Befreiung der Theologie vom Verfolgungswahn, vom verdinglichenden Denken, vom Weltbegriff zu bestimmen?
    Ist nicht im Kontext des astrologischen Kosmologieverständnisses die Ischtar, Astarte, Venus das genau Bild der Hurerei? Und gewinnt nicht von hierher die Velikovskysche Venus-Katastrophe das genauere Korrelat in einer gesellschaftlichen Naturkatastrophe?
    Wenn Maria Magdalena in der gesamten Kirchengeschichte als die große Sünderin, als Prostituierte gesehen worden ist, ist darin nicht ein Hinweis auf die perhorreszierte Ischtar/Venus enthalten? Sind die sieben unreinen Geister Planetengeister? Und ist nicht das historische Korrelat der Venus-Katastrophe der Ursprung der Sexualmoral, ihre Trennung von der Herrschaftskritik? Und welche Bewandtnis hat dann, wenn Jesus in den Evangelien als Freund der Zöllner und Dirnen erscheint, und das vor dem Hintergrund des Wortes von den neunundneunzig Gerechten und dem einen Sünder?
    Gehören nicht die Zöllner-Geschichten in den gleichen Zusammenhang wie das Wort „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“ und die Geschichte von der Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel?
    „Maria aber bewahrte all diese Worte in ihrem Herzen.“
    Nur wer die Tradition auf dem eigenen Rücken weiter zu befördern vermag, hilft, daß das Wort nicht leer zu ihm zurückkommt.
    Heideggers Fundamentalontologie ist das Protokoll des ontologischen Erstickungstodes.
    Orion und Siebengestirn: Hat das Siebengestirn etwas mit den sieben Planeten (und den sieben unreinen Geistern) zu tun?
    Gründet nicht die Unfähigkeit, oder auch der Unwille, das Gewaltmonopol des Staates auch gegen Rechts anzuwenden, in dem Gefühl, daß beide sehr viel mehr mit einander zu tun haben, als die Vertreter des Staates nach außen bekunden dürfen; sind sie nicht Teil der verdrängten und unaufgearbeiteten eigenen rechten Vergangenheit?

  • 02.03.93

    Der Weltzustand fördert heute eher das kurzfristige Drauflos-Wirtschaften, das Nach-uns-die-Sintflut, als die langfristige Vorsorge. Aber ist nicht die Beziehung des Kurzfristigen zum Langfristigen vertrackter als in Hans Jonas‘ Begriff der Verantwortung erscheint? Handelt es sich hier nicht – ähnlich wie in der Antinomie der reinen Vernunft – um ein objektives Dilemma, dessen Wurzeln wahrscheinlich in der subjektiven Form der Anschauung, in der orthogonalen Struktur des Raumes, liegt (ein objektives Dilemma, dessen Wurzeln heute in der unaufgeklärten Beziehung von Ökonomie und Technologie zu suchen wäre). Steuern wir auf einen Zustand hin, in dem jede Alternative nur noch falsch ist?
    Sind die drei Leugnungen nicht zu beziehen auf
    – das Urschisma, die Trennung vom Judentum (die Magd des Hohepriesters),
    – die Geschichte der Häresien und den Islam (die Magd des Hohepriesters mit den Umstehenden) und
    – die Aufklärung (die Umstehenden)?
    Ist nicht die Geschichte der drei Leugnungen die Geschichte des fortschreitenden Falls?
    War das homousia die erste Leugnung, die Vergesellschaftung der Buße und der Eucharistie die zweite; müßte dann nicht die dritte Leugnung sich auf das Syndrom von Rechtfertigung und Bekenntnis beziehen?
    Nach Karl Thieme war Hitler nicht der Antichrist, sondern die Generalprobe, heißt das: die reale (und die letzte?) Warnung vor der Selbstverfluchung?
    Ist der Objektbegriff (Quellpunkt des Nominalismus) nicht das schwarze Loch, in das die Sprache hereingezogen wird wie in die astronomischen „schwarzen Löcher“ das Licht?
    Walter Burkert weist am Ende des zweiten Kapitels seiner „Antiken Mysterien“ darauf hin, daß erst das Judentum und das Christentum sich zum Weltlauf distanzierende Gemeinschaften gründen, das Christentum als „Bekenntnisgemeinschaften“, die z.T. eine sehr lange Lebensdauer hatten. Die heidnischen Gemeinschaften, insbesondere auch die Mysterienkulte, haben als Kern die Riten, die das ansonsten normale Leben der Bürger begleiten.
    Wäre nicht das Motiv der „Enttäuschung der Parusieerwartung“ genauer zu bestimmen als das Prinzip der Verinnerlichung des Opfers?
    Ist der Regenbogen nach der Sintflut nicht das Realsymbol der Stabilisierung der Tiefendimension des Raumes (der Dreidimensionalität)? Vergleiche hierzu Goethes Farbenlehre, sein Verständnis der Farben als Verhältnis von Licht und Finsternis (als „Taten und Leiden des Lichts“).
    Zusammenhang von
    – Regenbogen und Tiefendimension des Raumes,
    – Farben als Taten und Leiden des Lichts und
    – Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit:
    In welcher Beziehung steht die Lorentz-Transformation, stehen die Differenzen bei der Anwendung dieser Gleichungen auf die Bewegungsrichtung und auf die Gegenrichtung, zur Tiefendimension, und in welcher Beziehung stehen beide zur Orthogonalität des Raumes? Ist der Regenbogen und sind die Farben nicht ein Ausdruck der Gewalt, die die unreflektierte Anwendung des Raumes auf die Dinge diesen antut?
    Ist nicht die Dreidimensionalität des Raumes und mit ihr das Inertialsystem ein Konstrukt, das nur zusammen mit der Vorstellung einer endlichen Ausbreitungsgeschwindigkeit des Licht sich konstituieren ließ?
    Ist nicht die moderne Aufklärung die Selbstaufklärung der Finsternis über dem Abgrund: das Wasser, über dem der Geist Gottes schwebt (sind nicht der Geist über den Wassern und die Finsternis überm Abgrund durch Umkehr auf einander bezogen?).
    Lev 11: Welche Bewandtnis hat es hier mit der Unterscheidung des Unreinen von den Greueln (Buber; das Makligen von dem Scheuel)? Erinnern die Greuel nicht an das (Propheten- und) Jesus-Wort von den Greueln am heiligen Ort? Worauf bezieht sich die Vision des Petrus (Apg 109ff): nur auf Unreines, oder auch auf Greuel (in der Schale, die aussah wie ein großes Leinentuch, das an den vier Ecken gehalten wurde, waren „alle möglichen Viefüßler, Kriechtiere der Erde und Vögel des Himmels“)? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Aufhebung der Reinheitsgebote und der Beziehung des Christentums zur „Welt“?
    Trifft unsere Unterscheidung von Parabel (Gleichnis) und Ereignis den wirklichen Sachverhalt? Sind nicht auch Ereignisse, und diese auf z.T. sehr eindringlichere Weise Parabeln? Und hängt dieses Problem nicht mit dem Chronologie-Problem, mit seiner Beziehung zum prophetischen Charakter wirklicher theologischer Erkenntnis, zusammen? (Vgl. die beiden Lazarus-Geschichten, Maria Magdalena und die sieben unreinen Geister, die Petrus-Geschichten.)
    Gründet die Todesangst in der Angst, den messianischen Auftrag, der an jeden ergeht, nicht erfüllt zu haben? Ist nicht jeder Tod ein Weltuntergang?

  • 28.02.93

    Wer es nicht wagt, einen Konflikt offen (im Angesicht des Adressaten) anzusprechen, kann, was er denkt, nicht in jedem Falle vor dem andern verbergen: die offene Frage erscheint dann als entlastende Aggression (einmal muß es doch heraus), als „Spitze“. Hat diese „Spitze“ etwas mit den Dornen und Disteln der Bibel zu tun: am Ende auch mit dem Konzept und der Form des Raumes und seiner Hypostasierung? – „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren.“ Ist nicht der Raum (als „Spitze“) die Form der Beziehung zu anderen, in der jeder sich als nackt erkennt?
    Sind nicht die Geschichten von Judith und Holofernes, von Esther und Haman, Geschichten, die den Satz aus dem Fluch an die Schlangen nach dem Sündenfall erläutern: „Feinschaft will ich setzten …, ihr Nachkomme wird dir den Kopf zertreten“?
    Beziehung des Bilderverbots zum Gebot der Feindesliebe: Sind nicht seit dem Ursprung des Weltbegriffs alle Bilder Feindbilder? – Der Raum oder die Instrumentalisierung und Neutralisierung der Umkehr. Liegt hier nicht die weltgeschichtliche Bedeutung der Entdeckung des Winkels und der Orthogonalität?
    Worin liegt der logische Kern der Begründungen, die der Antinomie der reinen Vernunft zugrunde liegen? Wird hier die „verandernde Kraft“ des Seins bestimmbar? Ebenso die Beziehung der Begriffe Welt und Natur, die sich gleichsam wechselseitig widerlegen und bestätigen?
    Zum Buch Jonas: Wir können Oben und Unten unterscheiden, ebenso Vorn und Hinten; aber Rechts und Links können wir nicht mehr unterscheiden.
    Ist Habermas der Buber der kritischen Theorie? Mit der Verdrängung des Naturproblems verdrängt Habermas den theologischen Ursprung und damit einen zentralen Teil der Tradition der Philosophie. Die Emanzipation der Philosophie von der Theologie, Ursprung der modernen Aufklärung, ist selber theologisch vermittelt. Über die Theologie wurde das gleiche Schicksal (Urteil) verhängt (gefällt), das sie ihrem eigenen jüdischen Ursprung hat widerfahren lassen.
    In der Geschichte der Aufklärung wurde die Orthodoxie ersetzt durch das Inertialsystem. Und die Orthodoxie darin (in den kantischen Formen der Anschauung) wiederfinden, sie so entschlüsseln, daß diese Beziehung durchsichtig wird, wäre ein entscheidender Beitrag zur Aufklärung der Aufklärung.
    Stephanus war der erste Märtyrer, der zweite Jakobus, der Bruder des Johannes, den Herodes mit dem Schwert hinrichten ließ (Apg 121f).
    „Maria aber bewahrte all diese Worte in ihrem Herzen“. Unterm Kreuz hat Jesus sie dem Johannes anvertraut.

  • 27.02.93

    Ist das Feuer das ausgelachte Licht?
    Was die Welt „im Innersten zusammenhält“, ist die Projektion.
    Der griechische Mythos ist der erste konsequent von städtischen Prämissen durchdrungene Mythos, während die an den Jahresablauf gebundenen Elemente (insbesondere die Bilder der Auferstehung) im orientalischen Mythos noch an agrarische („pagane“) Hintergründe erinnern.
    Unsere Welt ist immer noch die gleiche Welt, in der auch Jesus gekreuzigt wurde; und sie ist keineswegs entsühnt.
    Sind nicht die Geschichten von der Mutter Konstantins, Helena, die bei einer Pilgerreise nach Jerusalem das Kreuz wieder aufgefunden hat, Legitimationslegenden? Hier ist das Kreuz in die caesarische Tradition gerückt (und Pilatus ins Credo und in die Messe mit aufgenommen) worden.
    Mir scheint, es wäre sinnvoll und notwendig, die Schlüsselfunktion des Tertullian für das „abendländische“ (lateinische) Christentum genauer zu bestimmen. Tertullian hat die lateinische Sprache fürs Dogma (für die orthodoxe Theologie) geschaffen; aber hierbei, bei der Übertragung aus dem Griechischen ins Lateinische, ist die Theologie nicht die gleiche geblieben. Person ist nicht identisch mit hypostasis, und essentia nicht identisch mit ousia. Aber waren diese Verschiebungen nicht notwendig – und das wäre zu prüfen -, wenn die Theologie, insbesondere ihr Kern: die Trinitätslehre, die Opfertheologie und die Christologie, im Lateinischen in ein konsistentes System übertragen werden sollte? Die andere Logik der lateinischen Welt und Sprache mußte zwangsläufig zu einer anderen Theologie führen.
    Sind die die Dornen und Disteln, das Schwert und der Kelch die drei großen geschichtstheologischen Symbole der Schrift?
    – Die Dornen und Disteln weisen zurück auf den Sündenfall,
    – das Schwert auf die Vertreibung aus dem Paradies (das „kreisende Flammenschwert“), und
    – der Kelch? Hierzu gehören die Stellen über Trunkenheit und Wein, die Geschichte mit Noe und Ham (Aufdeckung der Blöße und Knechtschaft, mit der Vorgeschichte der Scham), der Taumel-und Zorneskelch und der Kelch in Getsemane.
    Der Spruch des Schicksals ist ein Urteil.
    Ist nicht das Lachen die instrumentalisierte, entfremdete Freude? Und steckt darin nicht die Verzweiflung über die Schändung der Freude durchs Lachen? Das instrumentalisierte Lachen ist in seinem Kern zynisch, aber trifft das nicht heute den Kern der Welt? Uns steckt nicht in der dogmatischen Gestalt der Orthodoxie ein Stück dieses Zynismus, ein Stück dieses Lachens?

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie