Theologie

  • 03.09.92

    Das Hegelsche Absolute ist die Selbstreflexion des Subjekts im Objekt.
    Wer ist die Schwiegermutter des Petrus? Und wer sind Herodias und Salome, und wer die Fraus des Pilatus? Enthält nicht das Wort von der Sünde wider den Heiligen Geist den Schlüssel sowohl für das Wort vom Binden und Lösen als auch für die Geschichte von der dreifachen Leugnung?
    Heute ist die Kirche selber das Scheffel über dem Licht.
    In der Folge der Leugnung des Nachfolge-Gebots nimmt der Naturbegriff christologische Züge an (gerät die Christologie in den Bannkreis des Sündenfalls).
    Im Zuge jenes Säkularisationsprozesses, der seit dem Anfang der Dogmenbildung in der Geschichte der Theologie selber bewußtlos sich durchsetzt, hat die Idee Gottes dämonische Züge angenommen.
    Die subjektiven Formen der Anschauung, Produkt der eigenen „Seitenansicht“ des Subjekts, sind die Repräsentanten der Gesellschaft im Subjekt.
    Wie hängen Raum und Zeit mit der Schrift (mit der Trennung von Konsonanten und Vokalen) zusammen? Ist die Vokalisation der Schrift eine Folge oder ein Begleitphänomen des Ursprungs der indogermanischen Sprachen (nach der Bildung des Futur II)?
    Die Antike brauchte die Götter (den Götzendienst), das Mittelalter die Vergangenheit als Legitimationsinstanz (Paradigma: „Karl der Große“).
    Hi 243: Den Esel der Waisen treibt man weg, pfändet der Witwe den Stier.
    Ps 686: Ein Vater der Waisen und ein Richter der Witwen ist Gott in seiner heiligen Wohnung.
    Ez 227: Vater und Mutter verachtet man in dir, den Fremden tut man Gewalt an in deiner Mitte; Waise und Witwe unterdrückt man in dir.

  • 02.09.92

    Hat der Turmbau von Babel etwas mit dem Ursprung der Schrift zu tun? Oder gibt es einen Zusammenhang des Ursprungs der Architektur mit dem der Schrift? Und ist Heideggers „Haus des Seins“ ein später Abkömmling des Turms von Babel? Und ist das Sein, dessen „verandernde Kraft“ Franz Rosenzweig bemerkt hat, ein Synonym der Verwirrung, die der biblische Name Babel bezeichnet? Hat der Turmbau von Babel etwas mit dem Ursprung und der Struktur der heute so genannten „sumerischen“ Sprache zu tun?
    Im Verhältnis von Architektur und Sprache reflektiert sich erstmals das Verhältnis von Raum und Sprache: Das Außen-Innen-Paradigma hat hier seinen Ursprung; und der Turmbau zu Babel ist die erste Gestalt dessen, was Kant später die subjektive Form der Anschauung genannt hat. Erinnert nicht jeder Turm seitdem an den von Babel?
    Das Außen-Innen-Paradigma ist ein politisches und ein architektonisches Paradigma.
    Zur Geschichte des Turmes gehört auch die Erfindung der Turmuhr und der Glocken, sowie die Domuhren, die nicht nur die Zeit, sondern auch den Stand der Sterne, des Mondes und der Sonne anzeigten. Aber auf der Kirchturmspitze sitzt der Hahn.
    Die Ziegel, aus denen der Turm zu Babel erbaut wurde: sind das nicht die Keilschrift-Ziegel? (Zusammenhang des babylonischen Turms mit dem Ursprung der Schrift, des Geldes, der Tempelwirtschaft, der Astronomie: schließlich der Idee des „Universums“, der „in eins gewendeten“ Welt: der Universitäten und des Wissenschaftsbegriffs.)
    Die biblischen Witwen und Waisen, sind das die gottlosen Staaten und ihre Bürger (Ninive und die 120000, die Rechts und Links nicht unterscheiden können)? Vgl. hierzu auch Jesaia (10. Kap.?). – Muß man zum Buch Jona nicht auch die übrigen Ninive-Stellen hinzunehmen (von Nimrod bis zur realen Zerstörung Ninives)?
    Zum Rousseauschen Begriff der Natur gehört die Vorstellung eines Bereichs der Freiheit von Schuld, eines Bereichs, in dem man dem zivilisatorischen (gesellschaftlichen) Schuldzusammenhang entronnen ist. Die Vorstellung einer natürlichen Unschuld und einer unschuldigen Natur stammt hierher; und der Schöpfungsbegriff in der Parole von der „Bewahrung der Schöpfung“ ist durch diese Vorstellung gefärbt.
    Natur als Abfalleimer (oder zum Ursprung des Begriffs der Materie): Die Funktion des Naturbegriffs war es, das Subjekt von der „Sünde der Welt“ zu entlasten. Die Natur wurde (im Ansatz bereits seit dem philosophischen Ursprung ihres Begriffs, explizit jedoch seit Rousseau) als ein Bereich der Unschuld, der Freiheit von den Belastungen und Pflichten des Lebens in der vom Geld beherrschten Gesellschaft (im Staat, dem Demiurgen, dem „Schöpfer“ der „Welt“), vorgestellt, als Folie für die Beschwernisse des urbanen Lebens; Aufgabe dieses Naturbegriffs war es, die „Sünde der Welt“ auf sich zu nehmen und die Sichtbarkeit dieser „Schuld“ gegen ihre realen Urheber abzuschirmen, diese so zu exkulpieren (ähnlich nehmen das Opfer, der Herrscher und am Ende der „Führer“ die Schuld aller auf sich: und exkulpieren sie damit – Zusammenhang mit dem Bekenntnisbegriff?). Und wenn im Naturbegriff (bis heute unbemerkt) auf diesem Wege die christologische Logik wiederkehrte und zugleich verdrängt wurde, so widerfuhr ihm das gleiche Schicksal, das er einmal seinem Erzeuger, dem Mythos, der Idolatrie, dem Sternen- und Opferdienst bereitet hat. Merwürdige Stellung des christlichen Dogmas in diesem Prozeß!
    Wie hängen rein und unrein (in der Bibel und in der Waschmittelreklame) mit Schuld und Unschuld zusammen; und weshalb ist die Materie dunkel?
    Eine Kritik der Naturwissenschaften ist ohne die Idee der Auferstehung der Toten nicht mehr möglich; aber auf diese Idee der Auferstehung der Toten können sich die Täter von Auschwitz nicht mehr berufen.
    Der Begriff der Erschaffung der Welt, der aus der Philosophie stammt, aus der aristotelischen Tradition, bezieht sich eher auf das zweite bara im Schöpfungsbericht, nicht auf das erste (die Erschaffung des Himmels und der Erde): auf die Erschaffung der großen Seeungeheuer am vierten Tag. Zu diesen „großen Seeungeheuern“ gehören sicher u.a. die großen Fische im Buch Jona und im Buch Tobit, wahrscheinlich auch die „153 großen Fische“ am Ende des Johannes-Evangeliums; dazu wäre noch hinzuweisen auf die Stelle in der Geheimen Offenbarung, in der die Wasser, an der die Hure Babylon sitzt, dechiffriert werden als „Völker, Sprachen, Stämme und Nationen“: sind nicht eben diese gemeint als die „großen Seeungeheuer“? Hier stellt sich die Beziehung zum Weltbegriff her, der das Erbe der Idolatrie, des Sternen- und des Opferdienstes angetreten hat und durch sie in die Geschichte der Völker, Stämme, Sprachen und Nationen verflochten ist.
    Völker, Stämme Sprachen und Nationen: sind das die Nachkommen Abrahams, die Söhne Jakobs, die Hebräer und die Israeliten?
    Wie hängt der Begriff der Nation mit dem der Natur zusammen?
    Die dritte Phase der Verleugnung ist die des „von allen Seiten hinter dem Rücken“: die der Geschichte der Naturwissenschaften (der unendlichen Welt) und des Kapitalismus. Beide werden beherrscht durch den ihnen einwohnenden Systemcharakter (Inertialsystem und Gravitationsgesetz, Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip, Organisation politischer System: Ursprung der „Polizeywissenschaft“ – Subsumtion unter die Vergangenheit).
    „Von Gott wissen wir nichts, aber dieses Nichtwissen ist Nichtwissen von Gott“ (Franz Rosenzweig: Stern der Erlösung): Die Idee Gottes schließt jede Vergangenheit, und damit jedes Wissen, von sich aus. Nur wer Gott sucht, erträgt das Nichtwissen, hält sich offen für eine Erkenntnis, die nicht im Wissen sich erfüllt. Wer in allem die Sicherheit des Wissens sucht (die Unsicherheit des Nichtwissens nicht erträgt) sucht eine Position hinter den Dingen (in ihrem Rücken) zu gewinnen und verrät mit Gott auch die Dinge (der Atheismus der Naturwissenschaft und des Kapitalismus).

  • 01.09.92

    Im Futur II verletzt die Sprache das Bilderverbot (oder sie transzendiert es, wie im Christentum).
    Haben Natur und Welt etwas mit dem Ja und Nein bei Rosenzweig, in der Konstruktion des „Stern der Erlösung“, zu tun? Dann wäre das Nein die Welt?
    Der Naturbegriff ist nach dem Verfahren der Rosenzweigschen Konstruktion nur durch die Umkehr hindurch auf die Theologie zu beziehen. Und die Rezeption des Naturbegriffs in der dogmatischen Theologie war der Sündenfall, oder zumindest ein Indiz des Sündenfalls der Theologie.
    Rousseau, der dem modernen Naturbegriff die Bahn freigemacht hat, hat zugleich seine Funktion kenntlich gemacht: Die Parole „Zurück zur Natur“ war motiviert und begründet im Zusammenhang der Flucht vor den Zwängen und Pflichten der Welt, dem Versinken in den Schuldzusammenhang. Genau darin lag die Verführungskraft der Rousseauschen Parole (und des Naturbegriffs seitdem).
    Merkwürdige Parallele zwischen den drei Verleugnungen und den drei Stufen der correctio fraternae, der „brüderlichen Zurechtweisung“. Relativiert oder widerlegt nicht gar die Geschichte der drei Verleugnungen die Regel der correctio fraternae?
    Die drei Verleugnungen (ihre objektive Strukturfolge) in der Geschichte der Schrift nachweisen (Kanon, Reflexion, „Sekundärliteratur“ als Ersatz der Kritik). Die Sekundärliteratur zerstört die Literatur (die Schrift) von innen; und diese Selbstzerstörung hat auch noch ihr Referenzfeld (in der Geschichte der Naturwissenschaften) und ihre Geschichte (und diese hat – im deutschen Idealismus – die kanonische Gestalt ihrer Selbstreflexion).
    Die zweite Stufe der Verleugnungen, das ist die des Zuschauers, der die Dinge von der Seite (oder von hinten) betrachtet (die Stufe der moralischen Neutralisierung des Subjekts durch die „Theorie“). Die dritte Stufe ist die des barbarischen Umschlags des Zuschauens von außen nach innen, Ursprung des barbarischen Innen. „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“: Hier lernten sie es, sich in den Augen der Anderen (der Zuschauer) zu sehen, und das ist wohl immer noch der schwierigste Punkt im „Sozialisationsprozeß“ (Ursprung des Weltbegriffs und der Scham, deren Geschichte in die des Weltbegriffs verflochten ist). Hegels Satz „Das Eine ist das Andere des Anderen“ ist ein spätes Echo des biblischen Satzes „Und sie erkannten, daß sie nackt waren“.
    Die Konstituierung des Bewußtseins einer (quasiräumlichen) homogenen Zeit, die grundsätzlich mit dem Erwachen des historischen Bewußtseins, endgültig aber erst mit der Konstituierung des Inertialsystems sich durchsetzt, verdankt sich dieser „Seitenansicht“ der Dinge; historisch fällt sie zusammen mit den kosmologischen (astronomischen) Konzepten der Antike und der Moderne.
    Der Begriff der trägen Masse konstituiert sich in der gleichen Bewegung, in der auch die Fallgesetze und die endliche Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichts entdeckt werden.
    Der Begriff der Materie konstituiert sich im Kontext der „Seitenansicht“ der Zeit.
    Die Ableitung der Mikrostruktur der Materie aus dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit müßte bis zu dem Punkt möglich sein, an dem der Nachweis sich führen läßt, ob die mathematische Ableitung der mikrophysikalischen Naturkonstanten (Plancksches Wirkungsquantum, Elementarladung, Masse des Protons und Elektrons) möglich ist.
    Der Weltbegriff verdankt sich der Verinnerlichung des Opfers (oder auch: der Verinnerlichung des Schicksals). Und genau hier ist der Punkt, an dem sich die Beziehung zum Wort von Übernahme der Sünde der Welt durchsichtig machen läßt. Die Differenz zwischen der Hinwegnahme und der Übernahme der Sünde der Welt ist der Unterschied ums Ganze (Ursprung und Funktion der Opfertheologie, Zusammenhang der Opfertheologie mit der Konstituierung des Weltbegriffs; Naturbegriff als Inbegriff der nichtübernommenen Schuld). Die „Hinwegnahme“ ist der Grund der Ideologie, die das Christentum bis heute daran gehindert hat, sich selbst zu begreifen. Und die Geschichte dieser (bewußt- und hilflosen) Selbstbehinderung ist die Geschichte des Kampfes zwischen Orthodoxie und Häresie, die es ohne die Opfertheologie so nicht gegeben hätte.
    Mit dem Bischofsamt, im Amt des „Aufsehers“, wurde die Seitenansicht der Dinge in die Struktur der Kirche, in ihre hierarchische Struktur, mit installiert. Zusammenhang der Ämter in der frühen Kirche: Apostel, Diakon, Priester (Älteste) und Bischöfe (Aufseher).
    Ist die Hiob-Stelle, die in der Kabbala auf die dreifache Seelenwanderung bezogen wird, vielleicht auf die dreifache Leugnung zu beziehen?
    Die Konstruktion des Dualis im Hebräischen (mizraim, überhaupt die Endung im, z.B. in majim, schamajim, elohim u.ä.)?

  • 30.08.92

    Ist die benennende Kraft der Sprache wiederzugewinnen und zu halten ohne die Idee der Auferstehung der Toten, ohne die Beziehung von Logos und Schuld (Übernahme der Sünde der Welt) und ohne die Idee der Schöpfung durchs Wort?

  • 29.08.92

    Ist nicht die aus der Zeit des Hexenwahns stammende Vorstellung vom Verkehr der Hexen mit dem Teufel ein Abkömmling, ein spätes innerchristliches Echo des hieros gamos? Darin das projektive, auf die Dämonisierung der Theologie selber zurückweisende Moment erkennen, würde den Bann wirklich lösen.
    Das Quantenprinzip und die daraus ableitbare Mikrostruktur der Materie ist eine unmittelbare Folge aus dem durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit berichtigten Inertialsystem (Spur der Differenz zwischen dem Raum des Inertialsystems und dem Anschauungsraum).
    Heinsohn wagt es nicht, dem Hexenwahn ins Antlitz zu schauen. Statt dessen zeichnet er eine Karikatur des Wahns (das Bild des Wahns, wie es aus der Sicht der Opfer sich darbietet, als Karikatur), um so das Problem zu neutralisieren. Ähnlich – und in der gleichen Richtung verhängnisvoll – verhält es sich, wie mir scheint, mit seiner Antisemitismustheorie. Beides scheint zusammenzuhängen mit dem sektiererischen Grundzug, gleichsam der Ketzer-Logik, die seine Darstellungsweise und sein Beweisverfahren beherrscht. Die Ketzer-Logik ist ein abgespaltener Teil der Bekenntnis-Logik; sie versucht, den Status der Orthodoxie im Kampf gegen die Orthodoxie zu gewinnen (die Orthodoxie bei dem von ihr selbst erzeugten falschen Namen zu nehmen): hier ist die zentrale Kategorie die des Scharfsinns (nicht zufällig eine der Kriminalistik, dem Detektivischen, dem Bereich Verbrechensverfolgung angehörige Kategorie).
    Der König war seit dem Ursprung dieser Institution Erbe des Opfers. Ihm wurde die Schuld aufgelastet, die die ersten Bürger noch nicht zu tragen vermochten; und dafür wurde er geehrt. Aus dieser magischen Tradition, scheint mir, stammt der rationale Kern des Satzes von der Übernahme der Sünde der Welt (ausgesprochen vom gleichen Johannes, der den Herodes wegen seiner Beziehung zur Frau seines Bruders angreift und deshalb auf Verlangen der Frau hingerichtet wird – vgl. auch das Jesus-Wort über Johannes: „Was seid ihr gekommen zu sehen …?“). Heute, angesichts der vollendeten Vergesellschaftung von Herrschaft, wäre endlich diese Königstradition mit zu vergesellschaften (als Antwort auf die „Verinnerlichung des Opfers“, die die DdA als Teil des bürgerlichen Subjektbegriffs erkannt hat). Das christologische Dogma, die Vergöttlichung des Opfers, und sein das Bewußtsein insgesamt verhexender Abkömmling: der moderne Naturbegriff, liegen in dieser unaufgeklärten Königstradition, genauer: in der mythologischen, der heidnischen, nicht in der jüdischen Königstradition.
    Ist das Geld die Eucharistie des mythischen Königs (und deshalb der Kapitalismus reiner Kult ohne Dogma)? Gleicht nicht die Logik der Eucharistie der des Geldes? Und was hat Pilatus in der Messe zu suchen?
    Materie ist eine Kategorie der Geld-Mystik (die Substanz des corpus mammonis mysticum).
    Den biblischen Schöpfungsbericht als ein Stück politischer Theologie lesen: das dürfte auch dem „kosmologischen“ Gehalt des Schöpfungsberichts näherkommen als jeder Versuch einer naturwissenschaftlichen Interpretation.
    Ist das Licht, das am ersten Tag allein durchs Wort geschaffen wurde, das gleiche, das auch dem Visionsbegriff zugrundeliegt: eher ein sprachlicher als ein optischer Sachverhalt, Grund der benennenden Kraft der Sprache, ihres „Objektbezugs“? Wittgensteins Satz „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ ist ein Beispiel für dieses innersprachliche „Sehen“, von dem die erkennende Kraft der Begriffe sich herleitet (woran erkennt ein Kind, daß Bernardiner und Dackel Hunde sind?), und das in der metaphorischen Sprache fortlebt (Zusammenhang der Metaphorik mit dem Angesicht: in der Metaphorik werden nicht nur die Dinge von uns, sondern auch wir von den Dingen erkannt).
    Der Weltbegriff steht in der kainitischen Tradition.
    Die formalisierte Logik zerstört die Grundlagen der Argumentation (der logischen Grund-Folge-Beziehung): das rührt daher, daß in der Argumentation etwas von der benennenden Kraft der Sprache noch sich manifestiert, die dann durch die Einbeziehung in die Zwangslogik der Beweisführung und deren „verandernde“ Kraft neutralisiert wird.

  • 28.08.92

    Die eigentliche Botschaft, die die Naturwissenschaften nach draußen vermitteln, liegt nicht in dem, was in populärwissenschaftlichen Büchern steht, sondern in der Grunderfahrung, daß die Welt aus Material und den Mitteln seiner Bearbeitung besteht und die Natur das natürliche Objekt der kapitalistischen Wirtschaftsweise ist.
    Heinsohn spricht zentrale Probleme der Menschheitsentwicklung (Ursprung des Geldes und der Sexualmoral) an, löst sie aber auf eine Weise, die den Autor und den Leser entlastet, indem sie ihn aus dem Schuldzusammenhang herausnimmt und Sündenböcke (vorge-schichtliche Naturkatastrophe, kirchliches Interesse an Menschenproduktion) zur Abdeckung der Lücken im System, des Defizits anbietet (ausgeklammert wird generell der patriarchalisch-frauenfeindliche Aspekt). Nicht zufällig erinnert sein Verfahren an das der Aufklärung, die immer schon mit Hinweisen auf Natur und Priestertrug Rationalitätsdefizite begründete. Hier scheint auch der Grund der Notwendigkeit und der Qualität seines polemischen Talents zu liegen. In dem bevölkerungstheoretischen Ansatz seiner Erklärung der Hevenverfolgung liefert er durchschlagendes Material für das Verständnis der Funktion der Sexualmoral insgesamt, wehrt aber dann im Hinblick auf Reich dessen „funktionalisierenden Ansatz“ ab (und behält damit von Reich nur den Slogan einer Zigarettenreklame übrig: Genuß ohne Reue). Und die unbesehene Gleichsetzung der präurbanen Methoden der Verhütung mit den technisch-industriellen, die heute sich durchsetzen, verweist auf die Schwächen seines Ansatzes. Das Vorurteilsmoment im Hexenwahn, das sehr früh seine eigene trieb- und realökonomische Schubkraft gewann, bleibt außerhalb seines Gesichtskreises und wird auch bewußt dort gehalten. Damit aber bleibt auch der Grund und der Stellenwert des Sexualtabus (sein Rationalitätskern im patriarchalischen Herrendenken) unbearbeitet. Seine Polemik zehrt vom Gestus des Jüngsten Gerichts (einer verkürzten Version des Hegelschen Weltgerichts), mit einer durchgebildeten Sündenbock-Dämonologie (in der der verdrängte Rationalitätskern der kirchlichen Sexualmoral wiederkehrt).
    Muß Heinsohn das Vorurteilsmoment im Hexenwahn leugnen, weil dessen Erkenntnis an die eigenen Verdrängungen rührt? Und geht es nicht in der Naturkatastrophen-Theorie und im bevölkerungspolitischen Ansatz seines Hexenverfolgungs-Konzepts um die Neutralisierung des gleichen Problems (des Problems der Gemeinheit und ihres Ursprungs im Kontext des Patriarchats, der Entstehung des Privateigentums, des Weltbegriffs)?
    Die biblischen Genealogien sind wohl auch aus ihrer Verknüpfung mit dem chronologisch-biologischen (Zeugungs-)Kontext herauszulösen:
    – Abraham entstammt der Linie Arpachschad (und nicht Aram), aber seine Verwandten sind Aramäer (er selbst ein Hebräer).
    – Die Stammbäume des Kain und des Seth sind teilidentisch, unterscheiden sich u.a. durch die Reihenfolge (vgl. insbesondere Henoch und Enosch, auch Lamech!).
    Gilt der Satz „Niemand kennt die Zeit und die Stunde außer dem Vater, der im Himmel ist“ außer für die Zukunft auch für die Vergangenheit (Verhältnis von vergangener Zukunft und zukünftiger Vergangenheit)? Und sind unter diesem Vorbehalt nicht auch die Genealogien (die toledoth, einschließlich des Sechstagewerks) zu lesen?
    Haben die sieben unreinen Geister etwas mit den sieben Engeln der Gemeinden (die Adressaten, nicht Boten der apokalyptischen Botschaft sind: aber wessen Boten sind sie?) in der Apokalypse zu tun? Und gibt es eine gemeinsame Beziehung beider zu den sieben Diakonen (die ersten Märtyrer: ein Apostel und ein Diakon, Jakobus und Stephanus)?
    Das hypostasierende, verdinglichende Denken, das die Erneuerung der Theologie heute verhindert, wird durchs Dogma und durchs Bekenntnis und ihre gemeinsame Logik abgesegnet und stabilisiert.

  • 25.08.92

    Merkwürdige Konstruktion in der Heinsohnschen Erläuterung des römischen Instituts der Adoption: Hier lebt der Mann (der Eigentümer) nicht in seinen Söhnen, sondern in seinem Eigentum (in seinem Werk) fort: der Adoptionssohn ersetzt den biologischen Sohn. Wie hängt das mit dem Gegenbild des proles zusammen, der nichts anderes besitzt als seine Nachkommenschaft (und in seiner Karriere über den Kolonen zum Feudalherrn das erste Beispiel für die Dialektik von Herr und Knecht liefert)? Erst der moderne Bürger verwaltet sein Eigentum im Interesse seiner Erben? In welcher Beziehung steht die Adoption zur Vergöttlichung der Cäsaren (zu den orientalischen Gottkönigen)?
    Merkwürdig auch die Affektfreiheit bei der Darstellung der Kindestötung (als Mittel der Familienplanung – Abblendung des Zusammenhangs mit dem Kinderopfer?), und die Ironisierung des Prinzips der „Heiligkeit des Lebens“; hierzu paßt es, wenn Heinsohn über die pauschale Verurteilung der Hexenverfolgung (und ihrer kirchlichen und politischen Urheber) hinaus mit keinem Wort auf den Punkt zu sprechen kommt, der die Hexenverfolgung in der Tat mit dem Holocaust (und den Hexenwahn mit dem Antisemitismus) verbindet: das Problem des Ursprungs jener Gemeinheit, die die Formen der Verfolgung (Inquisition, Folter, Scheiterhaufen: die handwerkliche Vorstufe des industriellen Holocaust) öberhaupt erst möglich macht und als deren Opfer Menschen bestimmt, die wie Frauen und Juden zu den Schwachen, jedenfalls nicht zu den Herrschenden gehören; was müssen Menschen zuvor sich selber antun, um das andern Menschen antun zu können.
    Hegel nennt den Staat den sterblichen Gott. Diesen Gott aber beten die Kirchen immer noch an, und sie bemühen sich verzweifelt, nicht wahrzunehmen, daß er sterblich ist. Dieses verdrängte Problem (oder die Verdrängung dieses Problems) soll die Opfertheologie lösen (die dadurch blasphemisch wird).
    Es scheinen bestimmte Namen zu sein, die im NT mehrfach auftauchen: Johannes, Simon, Judas, Josef, Jakobus?
    – Berufungsgeschichten gibt es von Simon und Andreas, Johannes und Jakobus, Philippus und Natanael, Matthäus (Levi).
    – Natanael taucht nur als „echter Israelit“ unter dem Feigenbaum auf (aber als Jünger angeworben durch Philippus).
    – Hat der Apostel Philippus mit dem späteren Diakon Philippus zu tun? Sein Name ist hellenisch („Pferdefreund“). – Philippus-Stellen: Berufung des Natanael, Brotvermehrung, „zeig uns den Vater“, Vermittler der Bitte des Griechen (über Andreas – auch ein griechischer Name!); als Diakon: Predigt in Samaria, Bekehrung des äthiopischen Kämmerers, lebt später in Cäsarea, hat vier prophetische Töchter.
    – Die Brüder Jesu sind Jakobus, Simon, Josef, Judas?
    Der Danielsche Nebukadnezzar frißt am Ende wie ein Ochse Gras, seine Haare wurden so lang wie Adlerfedern und sein Nägel wie Vogelkrallen (Dan 425ff). Ist er das Vorbild für den vegetarischen Antichrist?
    In der Verfolgung der raf agiert der Staat aus eigener Betroffenheit (und Wut), angesichts des Fremdenhasses, der Ausländerfeindschaft (der rechtsradikalen Skinhead-Szene) fürchtet er sich vor dem Ansehensverlust im „Ausland“ („Schändung des deutschen Namens“). Die vielfach dokumentierte Mordlust läßt ihn kalt. Am Schutz der Menschen ist er nicht interessiert.

  • 23.08.92

    Zur Kritik der Ontologie: Das Sein als Kopula im Urteil ist das Konstituens der Welt.
    Ist die Kirche nicht genau in die Tradition derer eingestiegen, die im Johannes-Evangelium „die Juden“ genannt werden? Und welche Rolle spielt hierbei der Hebräer-Brief (die Hohepriester-Passage)? – Was hat es mit dem Hebräer-Evangelium auf sich?
    Die beiden Formen der Einsteinschen Relativitätstheorie berühren genau den Punkt im naturwissenschaftlichen Konzept, an dem es dem apokalyptischen Begriff dessen, der „war, nicht ist und wieder sein wird“, entspricht. Durch die Identität von träger und schwerer Masse wird auch das Inertialsystem ins Fallgesetz mit einbezogen. Aber die Schwerkraft ist ortsabhängig, die Lorentz-Transformationen und das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit sind richtungsabhängig; beide beziehen sich demnach getrennt auf die beiden Konstruktions- bzw. Reflexionselemente des Raumes: die Orthogonalität und die Linearität (die die metrische Struktur des Raumes bestimmende Beziehung von Winkel-und Längenmaß, der Grund der Beziehung von Raum, Zeit und Materie, der Trennung von Begriff und Objekt und zugleich der elementaren mathematischen Strukturen und Operationen). Hier ist der Realgrund dafür, daß es im Bereich des Schicksals keine mögliche Beziehung zur Unschuld oder zum Glück gibt.
    Die Vorstellung des unendlichen Raumes, die die Dinge für uns zum Objekt macht, indem sie den Abgrund hinter den Dingen eröffnet, leugnet (und sprengt, vernichtet) mit den sinnlichen Qualitäten der Dinge (mit ihrer Beziehung zum Licht) das Angesicht.
    Wie ist das Wort von den „vielen Wohnungen im Hause meines Vaters“ (Joh 142) zu verstehen?

  • 22.08.92

    Das Staunen Gunnar Heinsohns darüber, daß die gleiche israelitische Geschichte, die einmal Maßstab war für die altorientalische Chronologie, dann daraus gestrichen wurde, während die so entstandene Chronologie im übrigen unverändert beibehalten und dann antisemitisch genutzt wurde, paßt sehr genau zusammen mit jener merkwürdigen Geschichte, in der die christliche Theologie (die dogmatisch verstandene Orthodoxie) objektiv zu den Entstehungsbedingungen der modernen Naturwissenschaften gehört – wobei der moderne Naturbegriff ohne die christologische Logik (die den Täter exkulpierende Logik der Vergöttlichung des Opfers) nicht zu denken ist -, nicht den Naturbegriff in Frage stellt, sondern durch ihn hindurch die Theologie so verhext, daß sie, zur Unkenntlichkeit entstellt, ohne Gefahr des Einspruchs bestritten werden kann.
    Die Astronomie gehört seit je zu den staatsbegründenden Wissenschaften (Kopernikus, Bodin, Kolumbus und die Hexenprozesse).
    Wo liegt die Differenz zwischen einer gesellschaftlichen und einer realen Naturkatastrophe? In ihren Auswirkungen auf die Opfer kann sie nicht liegen. Worin lag die Bedeutung des Erdbebens von Lissabon für die Geschichte der europäischen Aufklärung? Lag sie nicht darin, daß es sich hier um eine Katastrophe handelte, die keinen Schuldigen brauchte?
    Die subjektiven Formen der Anschauung sind die subjektiven Formen der Anschauung der anderen; in ihnen bezieht sich das Denken auf das Denken der anderen; sie sind die Statthalter der anderen im Subjekt (Medium der Vergesellschaftung des Subjekts). Darin liegt ihre große Bedeutung für die philosophische Begründung des Wissenschaftscharakters der naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Hier lernt das Subjekt sich selbst von außen (in den Augen der anderen) sehen. Das gehört in die Geschichte vom Sündenfall: Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren.
    Das, was im Objektivationsprozeß nach innen verdrängt wird, wird verdrängt vor der Gewalt des Äußeren, vor der das Subjekt schon kapituliert hat. Diese Kapitulation ratifiziert das Ende des Prozesses: das Barbarisch-Werden und schließlich das Verschwinden dessen, was unterm Begriff des Inneren falsch begriffen wird. Die Idolatrie und der Ursprung des Weltbegriffs bezeichnen den Anfang dieses Prozesses.
    In der Diskussion der transzendentalen Logik gab es die Frage nach der transzendentalen Ableitung dieser Schreibfeder, die Aufforderung an den transzendentalen Idealismus, ihre Existenz aus den Voraussetzungen der reinen Vernunft zu konstruieren. Mit diesem Beispiel wurde auf den auch durch den transzendentalen Idealismus nicht aufgehobenen Wert der Empirie hingewiesen. Aber dahinter steckt ja doch auch noch ein anderes: Ist die „Ableitung“, die „apriorische Konstruktion“ einer Schreibfeder so denkunmöglich? Wäre sie nicht doch zu leisten durch eine Erinnerungsarbeit, die mit der Schreibfeder die ganze Geschichte der Schrift und ihrer Stellung im Lebensprozeß der Gesellschaft (Zusammenhang der Schrift und ihrer Techniken mit der Urgeschichte des Staates und der Zivilisation, des Geldes, der Sprache, des Mythos, der Philosophie, der Prophetie) und den Stand dieser Geschichte in der Gegenwart, in der die Schreibfeder (dann der Füllfederhalter, die Schreibmaschine, die elektronische Textverarbeitung) ein wichtiges Indiz für die Stellung des Bewußtseins zur Objektivität und für die geistigen Produktions- (und Erinnerungs-)Bedingungen ist.
    Die Ezechielstelle über Jerusalem (Vater ein Amoriter, Mutter eine Hetiterin) mit Abraham-Melchisedek, mit Davids Eroberung Jerusalems und dem Hebräer-Brief vergleichen?
    Die Frage, ob das Tausch-Paradigma oder das Schuldknechtschafts-Paradigma wichtiger sei für die Gesellschaftserkenntnis, scheint mir der anderen Frage vergleichbar zu sein, ob der begriffliche Zusammenhang der Mechanik besser durchs Relativitätsprinzip oder durchs Gravitationsgesetz zu bestimmen sei. Beide Aspekte gehören zum Begründungszusammenhang ihres Objektbereichs und zum Konstitutionszusammenhangs ihres objektbegründenden Referenzsystems. – Bedeutung der Relativitätstheorien Einsteins, die zwar nicht die Lösung bieten, aber die bis heute genaueste Darstellung des Problems.
    Zur Kritik der Naturphilosophie: Bezeichnet nicht der Naturbegriff seit je den Mülleimer der Philosophie: Mit dem Naturbegriff wurde der Widerspruch zugedeckt, der von der Arbeit des Begriffs nicht abzulösen ist. Wer diesen Mülleimer öffnet, muß damit rechnen, daß, was er darin sieht, nicht mehr mit der Philosophie zusammen sich anschauen läßt. Mit der Auflösung des Rätsels des Naturbegriffs löst sich die Philosophie selber auf. Seit ihrem Ursprung hat die Philosophie den Naturbegriff als Mittel ihrer Selbstkonstituierung benutzt; sie hat ihn damit der Reflexion entzogen und ihm zugleich eine Last aufgebürdet, die er zu tragen nicht imstande ist.
    Wenn man die hegelsche Philosophie – das Autodafe der bisherigen Philosophie, wie Franz von Baader sie genannt hat – als die Selbstverständigung der Geschichte des Herrendenkens begreift, und wenn man das Herrendenken als die Außenseite der Theologie begreift, dann ist Adornos negative Dialektik Theologie.
    Der Nationalsozialismus, die Rassenideologie, enthält wie jede Ideologie (oder auch wie jeder Wahn) einen rationalen Kern. Diesen rationalen Kern mit aufzuarbeiten, ihn mit zu reflektieren, heißt auch: ihn dadurch, daß man ihn reflektiert, ihn ins Bewußtsein hebt, zu neutralisieren, ihm seinen wahnhaften Charakter zu nehmen.
    Die Tatsache, daß die hebräische Sprache kein Futur kennt, hängt mit dem Bilderverbot zusammen. Umgekehrt hängt die Existenz der futurischen Formen in den sogenannten indogermanischen Sprachen mit der Ausbildung des mythischen Denkens, mit der Geschichte der Säkularisation des mythischen Denkens durch Verinnerlichung des Schicksals, des Ursprungs und der Entfaltung des begrifflichen Denkens zusammen, bis hin zum Ursprung des Weltbegriffs, des Inertialsystems und der naturwissenschaftlichen Aufklärung. Der Schritt über die vorgriechische Geschichte hinaus wird präzise bezeichnet durch die Bildung des Weltbegriffs, mit dem Naturbegriff gleichsam als Abfalleimer.
    Die Wiedergewinnung des messianischen Element ist ohne die Kritik der Christologie und ihres Zusammenhangs mit dem philosophischen Naturbegriffs nicht zu leisten.
    Die Entdeckung des Blutkreislaufs und die Entdeckung des kopernikanischen Systems sind gleichzeitig; sie stehen in einem Schuld-und Systemzusammenhang mit dem anatomischen Ursprung der modernen Medizin und der gleichzeitigen Geschichte der Hexenverfolgung.
    Kann es sein, daß der Begriff der Arier kein stammesgeschichtlicher, sondern ein herrschafts- und sprachgeschichtlicher (Ursprung der staatenbegründenden Sprache) und damit primär ein soziologischer ist?
    Ist das Wasser, dieses flüssige Element, ein Symbol der Zeit, genauer: der Zeit, wie sie im Zusammenhang mit dem Futur II und dem Inertialsystem sich darstellt (der Fähigkeit, die Zukunft als vergangen zu denken)? Und wird dieses „flüssige Element“ im Relativitätsprinzip (in dem der speziellen und der allgemeinen Relativitätstheorie gemeinsamen Prinzip) benannt? Das würde die Einsteinsche Theorie erst in den Zusammenhang ihrer realen Bedeutung stellen: So wäre sie unmittelbar auf Thales („Alles ist Wasser“) und auf den biblischen Schöpfungsbericht (Geist Gottes über den Wassern, Scheidung der Wasser durch die Feste). – Die Festkörperphysik und die Gastheorien sind Objekttheorien, während die Flüssigkeitsphysik eine Systemtheorie sein müßte. Der speditionelle Begriff des Massengutes rührt ebenso wie der damit verwandte Begriff der flüssigen (nicht festen) Materie an den Grund des philosphisch-naturwissenschaftlichen Massenbegriffs.
    Der Arzt als magischer Helfer: diese Vorstellung ist ein Produkt der exkulpatorischen Delegation der eigenen Verantwortung für die eigenen Physis und die Gesundheit an einen Sündenbock; auch ein Versuch, schuldlos zu erscheinen (exkulpatorisches Element in der Krankheitslust).
    Das unbekehrte Christenum ist verinnerlichte Idolatrie, die so zum Ferment des Bösen wird: daher die Bedeutung der Teufel, Dämonen, unreinen Geister und die Höllenvorstellung im Christentum.
    Der Weltbegriff ist ein Begriff der Herrschaftsgeschichte, nach der Vergesellschaftung von Herrschaft, nach der Implantierung der subjektiven Formen der Anschauung im Subjekt, fast nicht mehr kritisierbar.
    Die Marxsche These (aus den Thesen über Feuerbach):
    Bisher haben die Philosophen die Welt nur verschieden interpretiert, es käme aber darauf an, sie zu verändern,
    genauer bestimmen:
    Bis jetzt steht die Philosophie unter dem logischen Gesetz des Weltbegriffs, es käme aber darauf an, sie aus dieser Verstrickung zu lösen.
    Mit der Reformation hat die Kirche ihre „häresienbildende Kraft“ verloren. Seitdem schmort sie in ihrem eigenen Saft.
    In dem in traditionellen Darstellungen der Logik beliebten Beispiel eines logischen Schlusses:
    Alle Menschen sind sterblich.
    Sokrates ist ein Mensch.
    Also ist Sokrates sterblich.
    wird unterschlagen, daß Sokrates sich dem Verfahren eines amtlich verordneten Selbstmords unterworfen hat. Er hat die Todesstrafe, die die polis über ihn verhängt hat, selber vollstreckt und den ihm nach seiner Verurteilung überreichten Schierlingsbecher getrunken. Das, so scheint mir, ist das Modell für das Heideggersche „Vorlaufen in den Tod“, die durch den Tod vollzogene Identifikation mit dem Kollektiv (Hegels „Substanz als Subjekt“); dieser Tod ist die Grundlage des Herrendenkens. Und die Heideggersche „Eigentlichkeit“ ist die Schrumpfform des philosophischen Unsterblichkeitsgedankens. Aber in dieser Konstruktion steckt zugleich das Echo aus der Geschichte vom Sündenfall: Wenn ihr von diesem Baume eßt, müßt ihr sterben, sterben. Hier wird der Tod als eine Konsequenz an eine Gestalt der Erkenntnis geknüpft, die seitdem der Grund ist für die Instrumentalisierung der Welt: die Erkenntnis des Guten und Bösen. Es ist der gleiche Prozeß, in dem über die Gestalt des sokratischen daimon und durch die Verinnerlichung der mythischen Schicksalsidee das Subjekt glaubt, aus dem mythischen Schuldzusammenhang heraustreten zu können und sich als „philosophisches Subjekt“ und als Teil der („zivilisierten“) Welt konstituiert. Die verinnerlichte Struktur des Schicksal ist zum Wesen des Begriffs geworden, unter dessen Herrschaft die Welt als Welt sich konstituiert.

  • 20.08.92

    Der naive Objektivismus will auf die Vorteile des Schuldverschubsystems nicht verzichten: Der exkulpatorische Gebrauch des Objektbegriffs ist die zentrale Verführung des Katholizismus, Substrat und Medium der Leugnungsgeschichte (wäre heute nachzuweisen an der kirchlichen Abtreibungskampagne). Er hält aber auch die katholische Kirchenkritik in seinem Bann, macht sie so konfliktunfähig (und gegen die kirchliche Autorität ebenso hilflos wie die Kirche heute gegen die Naturwissenschaften).
    Die Welt ist als der Inbegriff aller Urteile über die Welt der Inbegriff des Wissens von der Welt. Und die Natur ist der Inbegriff aller Objekte dieses Wissens (der selbstentfremdeten Subjektivität).
    Die Kritik der Sexualmoral ist der Schlüssel zur Befreiung der Theologie vom katholischen Posivismus (Schlüssel zur Kritik des Weltbegriffs).
    Das Innen als Außen des Außen ist die Folge des allseitigen Außen (dritte Verleugnung und Selbstverfluchung).

  • 19.08.92

    Es ist schon eine merkwürdige Sache, daß das Passiv und das Futur mit dem selben Hilfszeitwort, nämlich „werden“, gebildet werden. Auch das zukünftige Handeln, insofern es vorausgesagt werden kann, ist ein passives Handeln (ein durch die Voraussage bereits bestimmtes Handeln, kein Handeln aus Freiheit). Aber diese „Voraussage“ ist nicht die der Prophetie.
    Im Deutschen wird das Futur II auch als Ausdruck einer bloßen Vermutung (in einem Satz, der sich auf ein vergangenes Ereignis bezieht, von dem ich keine sichere Kenntnis, kein Wissen, habe) gebraucht: „Er wird um diese Zeit in der Stadt gewesen sein.“ D.h. der Satz: „Er war um diese Zeit in der Stadt“ drückt nicht nur ein vergangenes Ereignis, sondern auch mein Wissen darum aus.
    Die Innenwelt ist die Außenwelt der Außenwelt.
    Nach Gen 1413 war Abram (nicht Abraham) ein Hebräer. Und „er nahm die Verfolgung auf bis nach Dan“ (1414), d.h. nach einer Region, die von seinem Urenkel den Namen hatte.
    Die Lehre von der Auferstehung der Toten eröffnet eine Beziehung zur Vergangenheit, die Theologie überhaupt erst möglich macht. Die Vorstellung, daß die Vergangenheit nicht abgeschlossen ist, gehört zu den Grundvorstellungen der Theologie. Aber die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten ist eine Hoffnung, die wir nicht für uns, sondern für andere hegen.
    Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und die Existenz von … sind zwei Seiten ein und desselben Sachverhalts.
    Das Bekenntnis des Namens Jesu ist identisch mit der Übernahme der Sünde der Welt . Wer dem sich entzieht, leugnet ihn: Und die Geschichte dieser Leugnung ist in der Petrus-Geschichte festgehalten.
    Der Verzicht auf das moralische Außenurteil, auf das Urteil über andere, die Übernahme der Sünde der Welt und die benennende Kraft der Sprache.
    Für die vier Wesen, die nach allen Seiten Augen und Flügel haben, ist gleichsam nach allen Seiten vorn und oben, gibt es kein hinten und kein unten.
    Die Idee der Ewigkeit schließt die Vergangenheit von sich aus. D.h. zum Ewigen gehören auch die unabgegoltenen vergangenen Hoffnungen: Die Idee der Ewigkeit ist demnach ohne die Idee der Auferstehung der Toten nicht zu halten.
    Die Derridasche Dekonstruktion beruht auf einem Konstrukt, das den Sündenfall vor die Schöpfung setzt (vgl. Die Schrift und die Differenz, S. 311).
    Zum Unterschied zwischen Präfixen und Suffixen: Präfixe machen das Objekt zum Material einer Bearbeitung (Gegenstand einer Tätigkeit), Suffixe zum Instrument (unterschiedliche Beziehung zur Zeit: Imperfekt und Perfekt; im Perfekt gründet die Trennung von Objekt und Begriff)?

  • 18.08.92

    Zu den stadt- und zivilisationsbegründenden (und damit zu den natur- und weltkonstituierenden) Institutionen gehören das Geld, die Schrift und die (Opfer-)Religion (Tempelwirtschaft, Idolatrie, Sternen- und Opferdienst). Die Ergründung ihrer Ursprünge ist ein notwendiger Teil der heute notwendigen Selbstreflexion. Insbesondere die Rätsel des Naturbegriffs werden sich erst lösen, wenn das Rätsel der Schrift zusammen mit denen der finsteren Mysterien des Geldes gelöst ist (oder das des Verhältnisses von Sprache und Mathematik, in dem die Geschichte des Opfers sich verbirgt).
    Wie verhalten sich mit den biblischen Wesen bei Ezechiel und Johannes, die „überall voll Augen“ sind, zu einer Natur, die nur noch von allen Seiten hinter ihrem Rücken wahrgenommen wird? (Sind Brust und Stirn so etwas wie der Rücken von vorn?) Und haben diese Wesen nicht sechs Flügel (entsprechend den sechs Richtungen im Raum)?
    Der Ankläger im Buche Hiob, der dann vertreten wird durch Hiobs Frau und durch seine Freunde, ist das nicht die Welt (das Subjekt der hegelschen Philosophie)? Und in welcher Beziehung steht die Geschichte von den drei Leugnungen zum Buche Hiob?

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