Gemeinschaft und Gemeinheit (sowie Meinung, das Allgemeine und sonstige mit „mein“ gebildete Wörter) gehören nicht nur sprachlich zusammen, sondern auch logisch: über den Begriff des Bekenntnisses.
Die Tiefe der Wunde, die das Verschwinden des sprachlichen „Angesichts“ hinterlassen hat, ist zu ermessen an der Rolle, die die Musik im Leben der Jugendlichen heute spielt. Die Kulturindustrie beutet durch Substitution ein Bedürfnis aus, das eigentlich nur noch eschatologisch zu befriedigen wäre. Vgl. Jürgen Ebach: Kassandra und Jona, S. 43.
Kulturindustrie ist Sternendienst, und der ist seit je ein Substitut, ein „Ersatz“ des Angesichts.
Die Hegelsche Diskussion des Hier und Jetzt ist einem sehr sprachlichen Sinne diabolisch; hierbei handelt es sich um einen alten, seit Aristoteles thematisierten, philosophischen Topos. Vor diesem Hintergrund kann man feststellen, daß die Hegelsche Philosophie zwar klug ist wie die Schlangen, aber nicht arglos wie die Tauben.
Das Eingedenken, die Erinnerung, ist der Verzicht darauf, die Zeit zu instrumentalisieren, der Verzicht auf die Vergegenständlichung der Zeit, wie sie dann selber institutionalisiert wurde im Inertialsystem.
Das Hebräische kennt kein Futur II und kein Präsens, sondern nur Imperfekt und Perfekt: das Perfekt ist der Kreuzestod, das Imperfekt die Übernahme der Schuld der Welt. Die Opfertheologie hat das Imperfekt in ein Perfekt umgelogen (zusammen mit der Konstituierung des Futur II).
Ursprung des Futur II in der Tempelwirtschaft, der Geldwirtschaft, dem Opfer- und Sternendienst und der Idolatrie; Ursprung der Ontologie im Futur II (Heideggers „Vorlaufen in den Tod“: Anpassung des Daseins an die Ontologie der Mechanik; bei Heidegger kommt die List der Vernunft an ihr selbstgesetztes Ziel).
Zum Turmbau von Babel: Er verwirrte ihre Sprache und zerstreute sie über die ganze Erde. Ist die Verwirrung der Sprache und die Zerstreuung der Völker ein Reflex des Begriffs der „ganzen Erde“, des hier entspringenden Weltbegriffs, des ersten Totalitätsbegriffs, auf den die Übernahme der Schuld der Welt dann konkret sich bezieht?
Ist das Zungenreden (das späte Echo auf die babylonische Sprachverwirrung) nicht das im Griechischen denunzierte Stammeln der „Barbaren“? Und hat nicht die Bezeichnung Barbaren etwas mit den Hebräern/Hapiru zu tun (Umkehrung des Sinnes: der Hellene steht auf der anderen Seite; Ironisierung durch Verdoppelung des ‚br: Hinweis auf den Zusammenhang von Lachen, Objektivierung und Begriffsbildung; Realbedeutung des Objektbegriffs)?
Verständnis für den Umgang der Apokalyptiker mit der Tradition, für das experimentelle Verfahren der Kollage.
Zum Buch der Richter (vielleicht auch zum Buch Jona): Die Dinge mit einer ironischen Distanz wahrnehmen, ist in bestimmten Situationen die einzige Möglichkeit, sie überhaupt noch wahrzunehmen. Und zwar dort, wo man wie Abraham, der Hebräer, der als Fremder im Lande lebte, von dem Schrecken ergriffen wird, als den Isaak ihn dann erfahren hat, bei dessen Ankündigung Abraham und Sara lachten. – Bezieht sich nicht hierauf das Jesus-Wort „Ehe Abraham ward, bin ich“? Hat Jesus das in Abraham, in den „Hebräern“ Verfestigte, Verstockte durch seine neue Beziehung zur Welt (Übernahme der Schuld der Welt) wieder verflüssigt, um den Preis des Kreuzestodes?
Ein blödsinniger Wandspruch: Völkerfreundschaft ja, Vielvölkerstaat nein!
Katastrophen im Fernsehen (bei denen nicht zufällig immer erwähnt wird, ob und wieviele Deutsche betroffen waren) vermitteln jedesmal auch das empörend „wohlige“ Gefühl, selber noch davongekommen zu sein (in Israel wurde während des Golfkrieges jede Nacht die Skyline von Tel Aviv gezeigt, die den Bewohnern die Möglichkeit bot, Augenzeuge ihrer eigenen Vernichtung zu werden).
Theologie
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05.11.91
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04.11.91
„… widerrät, noch den Leviatan von Hi 40f dualistisch-moralisierend eindeutig dem Bösen zuzurechnen.“ (Ebach: Leviatan und Behemoth, S. 74) Bemerkungen:
– Das „dualistisch-moralisierend“ steht in der Sündenfall-Tradition (Erkenntnis des Guten und Bösen: Zusammenhang von Instrumentalisierung und moralischem Urteil) und ist das Element, in dem sich die „Erbschuld“ fortpflanzt.
– Schon die Grundelemente des Christentums:
. Nachfolge-Gebot, Übernahme (nicht Hinwegnahme) der Schuld der Welt (Gott hat nicht die Welt, sondern Himmel und Erde erschaffen; Welt als Medium und Resultat des Säkularisationsprozesses, als Medium der Geschichtsphilosophie; Begriff der Welt, Beziehung zum Naturbegriff: Totalitätsbegriffe), Feindesliebe, Richtet nicht …, Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben (Kontext: Kritik des Bekenntnisbegriffs, der Trinitätslehre – insbesondere der Christologie -und der Opfertheologie; Begreifen des Ursprungs des Antijudaismus, der Häresien und ihrer Geschichte, der Frauenfeindschaft und der Hexenverfolgung); widerraten der Zurechnung und eröffnen darüber hinaus ein theologisches Konzept, das erst noch zurückzugewinnen wäre (Theologie im Angesicht, nicht hinter dem Rücken Gottes), und in dem vielleicht dann auch der Leviatan seine Stelle finden wird.
Mary Dalys Titel „Gott Vater, Sohn und Co“ enthält eine sehr tief begründete Kritik an der Trinitätslehre: am theologischen Gebrauch des Personbegriffs. Dieser Begriff ist in der Tat nur als Teil einer politischen Theologie zu begreifen, die – auf der Grundlage des Bekenntnisbegriffs – unaufhebbar patriarchalische Züge trägt. Zur Widerlegung mag der Hinweis dienen, daß die Vorstellung der Unsterblichkeit der Person schon an der Bindung dieses Begriffs an seinen politisch-ökonomischen Kontext (Person und Eigentum, Zurechenbarkeit der Schuld als Grundlage des Rechts, Institut der juristischen Person) und an seiner damit verknüpften Beziehung zum Namen scheitert (der Name, dessen Träger die Person ist, ist Schall und Rauch: das Rosenzweigsche „Ich, mit Vor- und Zunamen“ ist nicht der Inhaber eines Personalausweises).
Es gibt keinen direkten Weg vom Bekenntnisbegriff (Theologie hinter dem Rücken Gottes) zum Inertialsystem (Subsumtion des Himmels unter die Erde): dazwischen liegt die unreine Vermischung von Strenge und Milde (richtendem Urteil und Barmherzigkeit: Fegefeuer und Ohrenbeichte), dazwischen liegt das Gravitationsgesetz und die Vergegenständlichung des Lichts. Heute nimmt eine in den Mythos zurückgefallene Aufklärung die Offenbarung nur noch als Mythos wahr.
Der Staat begründet sein Existenzrecht durch die Notwendigkeit des Kampfes gegen den Mord und gegen die Verletzung des Eigentums (Gewaltmonopol), die Kirche durch die Notwendigkeit des Kampfes gegen die Unmoral (Sexualmoral). Gibt es hier einen Zusammenhang mit Behemot und Leviatan?
Den Bemerkungen Jürgen Ebachs zu Jon 411: „… mehr als 120.000 Menschen, die nicht rechts und links unterscheiden können, und viel Vieh“ (Kassandra und Jona, S. 116f) bleibt der Hinweis anzufügen, daß nach biblischer Metaphorik rechts und links auch mit der Unterscheidung von Milde und Strenge, Barmherzigkeit und Gericht (richtendem Urteil) zusammenhängt: Diese Menschen wissen – wie auch die Christen heute – nicht mehr, was es heißt, wenn der Auferstandene zur Rechten des Vaters (der Seite der Barmherzigkeit) sitzt. Beschreibt nicht die Verwechslung von Barmherzigkeit und richtendem Urteil mit gut und böse (dem Primat des Gerichts) genau das autoritäre Syndrom wie auch den Tatbestand des Sündenfalls, der Erbschuld?
Auch ist mir bei dem Ausdruck „hebräische Metaphorik“ (S. 117) insoweit etwas unwohl, als ich glaube, im Begriff des Hebräischen (für jüdische Ohren die von Ägyptern und Philistern verwandte Fremdbezeichnung als Selbstbezeichnung) einen Ton mitzuhören, dessen Gebrauch uns – insbesondere nach Auschwitz – nicht mehr erlaubt sein sollte. Allein als Bezeichnung der uns fremden Sprache ist der Gebrauch erlaubt, aber dann mit dem Bewußtsein, daß Juden in dieser Sprache mehr als nur eine Sprache gegeben ist: der Inbegriff des Fremden, des Antlitzes, das sowohl das Antlitz Gottes als auch das des Feindes sein kann (welche Folgen ergeben sich hieraus für den Staat Israel und die dort gesprochene Sprache?). Das glaubte Paulus den Christen ersparen zu können; ebenso wie es keine Schrift des „Neuen Testamentes“ in hebräischer Sprache gibt, ist der christlichen Theologie die Idee des Angesichts Gottes fremd; an deren Stelle sind der Vaterbegriff und die Trinitätslehre getreten.
Ist Jona wegen seiner Warnung an Ninive (für Ninive, „die große Stadt“, ähnlich Babel der Urfeind Israels) ein „Hebräer“ (vgl. nochmal die „Hebräer“-Stellen bei Loretz)? Werden die Juden nur von ihren Feinden Hebräer genannt (vgl. den Jerusalemer Kommentar – die „hebräische“ Sprache ist den Juden als Sprache, die sie ins Angesicht Gottes stellt, fremd – Abraham war ein Hebräer, und er war ein Fremder im Land; „im Angesicht“ ist – wie der durch schlichte Umkehrung konstruierbare Begriff der „Barbaren“, derer, die bloß stammeln, kein Griechisch sprechen – ein sprachlicher Sachverhalt, er gilt wie für Gott nur noch für den Feind)?
Läßt sich nicht anhand des Begriffs des Hebräischen (des Hebräers und der hebräischen Sprache) die Idee der Übernahme der Schuld der Welt, die ebenfalls einen sprachlichen Sachverhalt bezeichnet, genauer bestimmen?
Der Raum verwischt die Differenz zwischen vorn und hinten, rechts und links, oben und unten. Und Büchners Lenz wollte auf dem Kopf laufen.
– Die erste Verwechslung ist die von Im Angesicht und Hinter dem Rücken,
– die zweite die von Strenge und Milde, von richtendem Urteil und verteidigendem Denken,
– die dritte die von Himmel und Erde.
Alle drei Verwechslungen gehen zu Lasten des Humanen; es triumphiert das Hinter dem Rücken, das Gericht und die totalisierte Erde (das Universum): Es triumphiert die Welt (oder auch die Gemeinheit).
Wer Sicherheit will, will eine Zukunft ohne Überraschungen (daher die große Bedeutung der Versicherungswirtschaft heute).
– In der Physik wird diese Sicherheit durchs Inertialsystem begründet,
– in der Gesellschaft durchs (kalkulierbare, das Eigentum und die Währung garantierende) Recht, in beiden Fällen durch Gesetze, unter die man alle möglichen Fälle subsumieren kann.
– In der Theologie soll das Dogma (das Bekenntnis und seine Logik) das gleiche leisten. Mit den Juden sollte nicht nur das eigene Gewissen, sondern auch die Idee einer zukünftigen Welt, die anders ist, vernichtet werden.
Begriffe wie Begegnung und Partnerschaft neutralisieren die kritische Potenz dessen, was Buber einmal die Ich-Du-Beziehung genannt hat. Zwei Bemerkungen dazu:
– die Ich-Du-Beziehung ist (nach Levinas) asymmetrisch; Ich und Du sind nicht gleichwertig;
– diese Asymmetrie gründet im Schuldverhältnis beider: das Ich konstituiert sich in der Übernahme der Schuld der Welt, in der Freisprechung des anderen, im Verzicht auf die falsche, durchs moralische Urteil: durchs Richten vermittelten Autonomie. Wenn Reaktionäre der Soziologie und Psychologie vorwerfen, daß sie zu Exkulpationszwecken genutzt werden, daß jeder sich darauf hinausreden könne, nicht er, sondern die Gesellschaft, die anderen seien schuld, so gründet das in der Umkehrung der Levinasschen Asymmetrie, zu der es keine Alternative mehr gibt; sie verwischen den Unterschied zwischen dem, was einer für sich selbst und was er für andere ist. Sie kennen kein anderes Sein als das Sein für andere.
Gegen Marx und Freud ist festzuhalten: Die Theorie und ihre aufklärerische Potenz ist nicht zu bestreiten; unwahr ist die Vorstellung, sie ließe sich – als Instrument der Revolution oder als Therapie – unreflektiert in Praxis überführen.
Der diabolos ist das Subjekt der Hegelschen List der Vernunft (der Mephisto Fausts). Er wirbelt die Richtungen durcheinander.
Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand: Wer das Moment der Verzweiflung in den Taten der raf begreift und insoweit Verständnis dafür aufbringt, setzt sich dem Vorwurf der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung aus. Hier wird das Verständnis für eine vergangene Tat mit der Aufforderung zu einer zukünftigen Tat verwechselt. Das rührt an den Grund der Gemeinheit.
Der Begriff „Straftäter“ paßt zum „Staatsanwalt“: Wo der Staat zum Prinzip der Anklage wird, wird die Tat zum Wesen des Täters und zum Subjekt der Strafe (in welchen Fällen definiert das deutsche Strafrecht Taten, und in welchen Täter? Iäter nur, wenn Tätermerkmale – z.B. die Gesinnung – eine Rolle spielen? In welchen Fällen spielen Tätermerkmale eine Rolle? Vgl. „Mörder ist, wer …“ – ? §§ 211 (2) StGB; ein Mord verletzt das Gewaltmonopol des Staates; das scheint vor allem den „Abscheu“ zu begründen, nicht der Tod des Opfers, dieser nur als instrumentalisiertes Mittel der Emotionalisierung).
Adam, der den Acker (den Schrecken) bearbeiten soll, wird in Tiefschlaf versetzt; aus seiner Seite wird Eva genommen (aus der rechten Seite? – Sitzt Jesus wirklich schon zur Rechten des Vaters, oder bedarf es dazu noch unserer Hilfe: der Nachfolge?).
Luthers Rechtfertigungslehre ist falsch, insoweit sie die Gottesfurcht leugnet (den Glauben von seiner Beziehung zu den Werken trennt). Damit hat er die Melancholie ins Christentum eingebracht, das saturnische Wesen. Folge ist die Ersetzung der Gottesfurcht durch die Herrenfurcht (und die Furcht vor der Welt; die Furcht des Herrn ist von der paranoiden Furcht vor der Welt nicht zu trennen: Ursprung der Idolatrie). -
03.11.91
Motti:
Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.
(Gen 11)
Die Welt ist alles, was der Fall ist.
(Wittgenstein: Logisch-philosophischer Traktat)
Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand.
„Dort ziehen Schiffe ihre Bahn, der Leviatan, den du gebildet hast, mit ihm (damit?) zu spielen.“ (Ps 10426) – In welcher Beziehung steht der Leviatan zur Weisheit (zum Heiligen Geist?): beide spielen vor Gott! Vgl. auch den „über den Wassern“ brütenden Geist Gottes: Ist der Leviatan das Ei, das er ausbrütet? -
02.11.91
„Kritik der toten Natur“: Hier wurde ein zentrales Thema der heute möglichen Naturphilosophie mehrfach verfehlt.
– Nicht „die tote Natur“, sondern ihr Begriff wäre der Kritik zu unterziehen (nicht das Proletariat, sondern das System, das es dazu macht).
– Die „tote Natur“, oder die Natur im Zustand der vollendeten Naturbeherrschung, ist ein Deckbild der toten Gesellschaft; und die notwendige Kritik beider schließt die Kritik ihrer Genesis: die der Herrschaftsgeschichte mit ein. Es gibt keine „tote Natur“ außerhalb der Naturbeherrschung und keine Naturbeherrschung ohne Herrschaft in der Gesellschaft.
– Wer die Erfahrungen der Opfer zum Sprechen bringen will, muß die stumme Erfahrungsschicht mit zum Sprechen bringen, die uns in der „äußeren Natur“ vor Augen steht. Ist die Natur stumm, weil sie tot ist, oder erscheint sie uns (zwangsläufig und ohne daß eine Alternative sich konstruieren oder benennen ließe) als tot, weil sie stumm ist?
– Man kann keine Herrschaftskritik betreiben, ohne die Geschichte der Naturbeherrschung und deren Objekt mit einzubeziehen.
– Begriffliche Schneisen schlagen: Gibt es eine Definition des Naturbegriffs? Die einfachste, auf die sich das Problem heute zu reduzieren scheint, ist die, die die Definition des Weltbegriffs mit einschließt: Der Begriff der Welt bezeichnet das Resultat des Säkularisationsprozesses, den Inbegriff der Herrschaftsgeschichte, dessen (in der hegelschen Philosophie sich begreifende) begriffliche Seite, der Naturbegriff im gleichen Prozeß die Objektseite (daher rühren die hegelschen Schwierigkeiten, die Natur als „Entäußerung der Idee“ zu fassen, die ihn dann zwingen zuzugeben, daß sie „den Begriff nicht halten kann“; die Natur kann ihn aufgrund der Logik ihres Begriffs nicht halten: das Objekt ist als apriorischer Gegenstand des Begriffs dazu verurteilt, den Begriff nicht halten zu können). Die Begriffe Welt und Natur sind außerhalb der Herrschaftsgeschichte ohne Bedeutung, sie bezeichnen in ihr die begriffliche (die Subjekt-) und die Objekt-Seite als getrennte Wesenheiten. Sie sind Totalitätsbegriffe, die den Herrschaftszusammenhang stabilisieren.
– Liegt es nicht in der Konsequenz der Dialektik der Aufklärung, die Beziehung zwischen der Geschichte der Naturbeherrschung und den geschichtlichen Katastrophen endlich wahrzunehmen (die moderne naturwissenschaftliche Aufklärung beginnt mit der Hexenverfolgung und endet mit Auschwitz)?
Das Urteil, die Ontologie (Natur und Welt) und der Turmbau zu Babel.
Der Übergang vom uneigentlichen zum eigentlichen Dasein bedarf in der Tat nur der Entschlossenheit, in der Sache sind beide nicht zu unterscheiden. Und damit scheint es zusammenzuhängen, daß der Begriff des Asozialen heute die Extreme der Gesellschaft trifft, nämlich sowohl die, die ganz unten, wie die, die ganz oben sind. Seit Kopernikus und Newton sind die ganz oben von denen ganz unten nicht mehr zu unterscheiden.
Heute traut sich niemand mehr, das Wort vom „beschränkten Untertanenverstand“ auszusprechen; dafür läuft die gesamte Politik sprachlich auf zwei Ebenen: es gibt den esoterischen Innenraum, in den niemand hineinblickt, der der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, während der Bereich der Darstellung nach außen, der Öffentlichkeit, auf die von der Bekenntnislogik beherrschten Mechanismen der Massenkommunikation abgestellt ist.
Es hätten eigentlich alle erschrecken müssen, als in einem sozialdemokratischen Parteiprogramm der Begriff „Vertrauensbildende Maßnahmen“ auftauchte (und das in der gleichen Phase, in der von den Notstandsgesetzen und dem Radikalenerlaß über den Nachrüstungsbeschluß bis zur Terrorismusbekämpfung der Graben zwischen realer Politik und Öffentlichkeit vertieft, ausgebaut und befestigt wurde).
Es ist ein allgemein bekannter Grundsatz: Wer in der Politik mitmacht, macht sich die Finger schmutzig, und den Luxus, unschuldig zu bleiben, kann sich niemand mehr erlauben.
Das Gebot „Du sollst nicht lügen“ ist nur dort sinnvoll, wo die Sprache noch fähig ist, die Wahrheit auszudrücken. (Die Menschen wollen glauben, daß die Politiker die Wahrheit sagen, lieber verdrängen sie die Realität).
Die Physik schirmt die Natur ab gegen die Sprache.
Hat die Abfolge der drei Leugnungen eine Beziehung zur Trinität: erinnert die Selbstverfluchung nicht an die Sünde wider den Heiligen Geist? Entscheidend ist, daß das Hinter dem Rücken steigerungsfähig ist (bis hin zur Selbstverfluchung). -
31.10.91
Rätsel Paulus: Allein bei ihm „kosmologische“ oder „naturphilosophische“ Spekulationen: „Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, daß die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tage seufzt und in Geburtswehen liegt“ (vgl. Röm 818ff), sowie: „Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit … hat (seine Kraft und Stärke) an Christus erwiesen, den er von den Toten auferweckt und im Himmel auf den Platz zu seiner Rechten erhoben hat, hoch über alle Fürsten und Gewalten, Mächte und Herrschaften und über jeden Namen, der nicht nur in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen genannt wird.“ (Eph 117ff) „So sollen jetzt die Fürsten und Gewalten des himmlischen Bereichs durch die Kirche Kenntnis erhalten von der vielfältigen Weisheit Gottes, nach seinem ewigen Plan, den er durch Christus Jesus unseren Herrn, ausgeführt hat.“ (ebd 310) „Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs.“ (ebd. 612) – Ist die paulinische Theologie „kabod“-Theologie, Herrlichkeits-Theologie? Und hat sie die damit gemeinsamen Probleme? Ist das „über jeden Namen“, mit dem er den „Platz zu seiner Rechten“ bezeichnet, nicht wie die kabod-Theologie insgesamt zu ergänzen durch die schem-, die Namens-Theologie (hängt der Unterschied zwischen beiden mit dem zwischen den Gottesnamen zusammen, d.h. ist der Unterschied einer in der Namens-Theologie)? Steht die paulinische Theologie unter dem Gesetz der Objektivation (deshalb Paulus der erste, der die Theologie Jesu durch eine Theologie über Jesus ersetzt, deshalb Bekenntnis-Theologie, deshalb frauenfeindlich)? Paulus war nur in den dritten Himmel entrückt (Kor 212), während Maria Magdalena von den sieben unreinen Geistern befreit wurde (Mk 169, vgl. Mt 1243ff, Lk 1124ff).
Gegen den christlichen (paulinischen: von der Bekenntnislogik nicht ablösbaren) Missionsbegriff: Es kann und darf nicht mehr unsere Aufgabe sein, „Überzeugungsarbeit“ zu leisten; denn die führt genau in jene Mechanismen herein, aus denen die Idee der Wahrheit herausführen soll. Die Bekenntnislogik steckt den anderen nur deshalb ins Ghetto hinein, weil sie selber freiwillig sich hineinbegeben hat: die Kirche ist das Urghetto.
Sind solche Dinge wie die Göttlichkeit Jesu, die Opfertheologie, der spätere Naturbegriff und der Ursprung der Kunst Konsequenzen der kabod-Theologie, die eigentlich eine Theologie des „unglücklichen Bewußtseins“ ist, das den Ursprung seines Unglücks und seiner Verzweiflung in den Inbegriff der Herrlichkeit umlügt? Der Begriff des Schönen entspringt genau an diesem Punkt.
Ist kabod die Rückseite Gottes, die Moses schauen durfte?
Ist der Name Paulus vom römischen Bürger Saulus nach seiner Bekehrung gewählt worden, um damit auszudrücken, daß er der „Geringste“ sei, gleichsam der Vertreter, der Repräsentant der Armen und der Fremden; mit der dann nicht ungefährlichen Wendung, wonach die Kirche den Armutstitel für sich in Anspruch genommen, ihn den realen Armen entwendet und damit zum Symbol gemacht hat, an das die Mechanismen des Selbstmitleids, der Bekenntnislogik gleichsam zwanglos sich anschließen konnten? Dazu würde die im Katholizismus dann zur Orthodoxie erhobene kabod-Theologie und die Verwerfung der schem-, der Namenstheologie passen. Und die Geschichte der Kirche wäre dann die bewußtlose Abarbeitung der kabod-Theologie (die die naturwissenschaftliche Aufklärung mit einschließt): im Nachhinein gesehen, die Geschichte der drei Verleugnungen.
Das Ich ist ein Produkt der sieben unreinen Geister.
Wäre das „Schwerter zu Pflugscharen“ nicht zuerst auf die Kerubim mit dem kreisenden Flammenschwert zu beziehen?
Die Grund-Beziehung und die Zweck-Beziehung sind nicht voll identisch. Wird die Grund-Beziehung durch die Zweck-Beziehung ersetzt, so erfüllt das genau den Tatbestand der Instrumentalisierung. Der Satz „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren“ wird unwahr, wenn man ihn umkehrt: Um mein Leben zu retten, will ich es verlieren. Das Verfahren der Umkehr, der Verwandlung von Grund-Beziehungen in Zweck-Beziehungen ist auf der Subjekt-Seite die List, objektiv die Gemeinheit. Gegen das Prinzip der Umkehrbarkeit steht das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit.
Die Schuldknechtschaft und die Reversibilität von Grund- in Zweck-Beziehungen. Durch die Verräumlichung der Natur werden alle Dinge dem Kausalitätsprinzip unterworfen, der Zweckbegriff subjektiviert, die Natur für subjektive Zwecke verfügbar gemacht. Grund ist die Reversibilität aller Prozesse im Raum, diese Reversibilität wiederum ist der Grund der Gemeinheitsautomatik und die Vernichtung des parakletischen Denkens. Sie ist die Sünde wider den Heiligen Geist, die weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben werden kann.
Das proton pseudos des Inertialsystem ist die Vorstellung, die Prozesse in ihm seien (wie die Richtungen im Raum) umkehrbar. Diese Vorstellung ist durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit widerlegt. Sie ist ebenso falsch wie die Vorstellung, das Im Angesicht und das Hinter dem Rücken seien nicht unterscheidbar. Diese Vorstellung ist der ontologische Grund der Gemeinheit (und den wollte sich die Kopenhagener Schule nicht aus der Hand schlagen lassen).
Die Lokomotive, die dem Abgrund zurast, ist führerlos, es gibt in ihr nur noch Passagiere, Heizer und Schaffner; die Mitfahrenden werden abgelenkt durch das Angebot, dem eigenen Untergang zuschauen zu dürfen. Sind wir nicht durch das Schauspiel so fasziniert, daß wir nicht mehr in der Lage sind, den Punkt überhaupt noch ins Auge fassen zu können, von dem aus das Ganze vielleicht doch noch zum Halt, wenn schon nicht zum Wenden zu bringen wäre? -
29.10.91
Welt und Natur (Begriff und Name/Objekt) verhalten sich wie Lachen und Kränkung, dem die Lösung durch Weinen verwehrt ist (jedes Lachen enthält Wut in sich, ist ein Appell an kollektive Gewalt, das Weinen ist das principium individuationis: ein Hilferuf und Appell an den Parakleten). Das unterdrückte, verdrängte Weinen der Natur (das Verstummen des Objekts: des Tiers) ist die Antwort auf das Lachen der Welt (des Schicksals, des Begriffs, der Gesellschaft). Lachen (Wut) und unterdrücktes Weinen verhalten sich wie Prädikat und Subjekt im Urteil (Reversibilität des Urteils: im Prädikat wird das Tun zum Erleiden: das Handeln zur prädikativen Bestimmung des Subjekts, zum Begriff). In jedem Lachen steckt ein Stück wütende Anpassung an die Welt, und in jedem Weinen, in der Trauer, eine Ahnung davon, was der Natur angetan wird. Naturphilosophie ist möglich nur noch als Trauerarbeit (Zusammenhang mit dem Ursprung der Astronomie, des Geldes und der Schrift – Raum, Geld und Bekenntnislogik). Name und Schrift gehören zusammen wie Innen und Außen (theologischer und herrschaftsgeschichtlicher, „kunsthistorischer“ Ursprung der Schrift: vgl. Kafkas „Strafkolonie“), d.h. so, daß mit der Verewigung des Namens in der Schrift (wie im Opfer und in der Apotheose des Helden: im Geld) der Name seine benennende Kraft verliert und zum Begriff wird (Ursprung der Astronomie).
Hängen terra und terror (Erde und Schrecken) sprachlich zusammen (ist der Terror gleichsam die Innenseite des „Himmels“, der Feste, die die Wasser voneinander scheidet); ist Adam ein Schreckensname und der „Auftrag“ des Menschen, die Erde (adama) zu bearbeiten, eigentlich der der Verarbeitung des Schreckens, der auf der Erde lastet (erkennbar in der Gestalt der Tiere, die Gott Adam zuführte, denen Adam aber durch Benennung die Solidarität verweigert, mit der Folge, daß die Schlange sich rächte; bezeichnet nicht vor allem der „Staub“ das Produkt des Schreckens)? Und hängt die Ausbreitung des Terrors (die den orbis terrarum zum orbis terroris macht) mit der wachsenden widerstandslosen Anpassung an die verweltliche Welt zusammen? – Vgl. den „Schrecken Isaaks“ und die übrigen Schreckens-Stellen in der Schrift („Der Herr nennt dich … Schrecken um und um“ Jer 203,10, vgl. Jer 465, 4929, Ps 3114).
Weish 716: „doch der Herr lacht über sie“, vgl. Ps 3713: „Der Herr verlacht ihn …“
Gegen Nietzsche: Der Atheismus ist nicht Gegenstand einer „fröhlichen“, sondern der traurigsten Wissenschaft. Die Trauer und den Schmerz des Atheismus durch Lachen übertäuben ist barbarisch. -
27.10.91
Es hilft nichts, man muß zu dem Punkt, den die Gottesidee bezeichnet, seinen Anker auswerfen, um aus dem Verblendungszusammenhang ausbrechen zu können.
Bezeichnet das Bekenntnis des Namens nicht auch das Nachfolgegebot? Das Bekenntnis „zu“ etwas ist ein Bekenntnis im Rahmen von Komplizenschaft (Gemeinschaftskitt), das Bekenntnis zu einer apriorischen Kollektivschuld.
Adam beruft sich auf Eva, Eva auf die Schlange; dann verflucht Gott die Schlange, dann Eva und am Ende Adam (und die Erde).
Waren die drei Weisen aus dem Morgenland Chaldäer? Und worauf bezieht sich der Satz „Wir haben seinen Stern gesehen“.
Hängt der Mord des Ägypters durch Moses mit der Anwesenheit des Paulus bei der Steinigung des Stephanus zusammen?
Schizophrenie-Lernen ist das einzige Mittel gegen die Identitätssucht. Wenn die Idolatrie ein Mittel zur Stabilisierung der Begriffsbildung, zur Durchsetzung der Herrschaft des Tauschprinzips, war, dann ist die Philosophie die Verinnerlichung der Idolatrie.
Die Bedeutung dessen, was mit dem Angesicht Gottes bezeichnet wird, wäre verständlicher, wenn man sich daran erinnern könnte, was der erste Blickkontakt mit der Mutter für einen selbst bedeutet hat.
Zu den Frauen im Stammbaum Jesu:
– Rahab ist eine Errettete aus Jericho (und war zuvor eine Dirne).
– Rut ist eine Moabiterin, ihre Geschichte weist zurück auf die des Weibes und der Töchter Lots, auf die die Errettung aus Sodom, den Anblick der Katastrophe und das Erstarren zur Salzsäule, sowie den Inzest (nachdem Lot sie den Männern Sodoms hat preisgeben wollen).
– Tamar hat es mit ihrem Schwiegervater getrieben; ihr Schwager war Onan.
– Bethseba war die Frau des Urias (des Hethiters); aber der Stammbaum Jesu geht über den Ehebruch mit David.
Hier kommen fast alle Perversionen vor. Und hier ist mit Händen zu greifen, wie die christliche Sexualmoral den unbefangenen Blick auf die Bibel verstellt. Adornos „erstes Gebot der Sexualmoral: der Ankläger hat immer unrecht“ ist ein Prinzip der Exegese. Die christliche Sexualmoral ist eine Gottesfurcht-Vermeidungs- und -Verhinderungsstrategie. Sie substituiert der Gottesfurcht die Herrenfurcht, subsumiert die Religion unter die Welt – Ergebnis der Rezeption der Philosophie, der Verinnerlichung des Schicksals als Prinzip der Begriffsbildung.
Nur der Gott, der die Welt erschaffen hat, hat auch das Wasser erschaffen; der Gott, der im Anfang Himmel und Erde erschuf, hat nicht das Wasser erschaffen, für ihn war es mit der Finsternis gleichsam als Nebenprodukt der Schöpfung da.
Bubers Problem scheint seine Art des Archaismus zu sein, die mit seinem ambivalenten Verhältnis zum Christentum zusammenhängt. An den chassidischen Erzählungen kann man wahrnehmen, wie er dazu neigt, hier gleichsam einen Evangelienton hereinzubringen. Seine Arbeiten zur Schrift, auch seine Bibel-Übersetzung erinnern eher an feudalzeitliche (mittelalter-christliche) Verhältnisse als an altorientalische. Hier scheint er einem Einfluß zu unterliegen, der aus christlichen Traditionen stammt: der Bekenntnislogik und dem darin begründeten Religionsverständnis. Wie auf andere Weise Drewermann steht auch Buber unter dem Bann des gleichen Prinzips, gegen das er anzukämpfen versucht. Buber hat ein gleichsam konfessionelles Verständnis des Judentums; das macht es, daß er von Christen „besser“ verstanden wurde als von Juden. Hier lag die Differenz zwischen Buber und Rosenzweig: Gegen dieses Selbstverständnis Bubers richtete sich Rosenzweigs Kritik des Religionsbegriffs (Buber war ihm zu „religiös“, und „Gott hat nicht die Religion, sondern die Welt erschaffen“).
Ab wann und wo kommt in der Bibel der Begriff der Welt vor? Luther scheint nicht selten „alle Welt“ einzusetzen, wo es eigentlich „die ganze Erde“ heißen müßte.
Der Sympathisantenbegriff war ein Namenstabu.
Das Bekenntnis hat präzise die Struktur und die Wirkung des Vorurteils; deshalb ist der Antisemitismus das Grundvorurteil (und z.B. die Ausländerfeindschaft ein Derivat des Antisemitismus). Das Bekenntnis hält der Frage cui bono nicht stand. Und das Bekenntnis spaltet die Schrift auf in das Reich der Erscheinungen (Produkt der wissenschaftlichen Bibelkritik) und das unerkennbare Ding an sich. Das Bekenntnis verwandelt jede Erkenntnis in Apologetik. Es fördert das Selbstmitleid und verwandelt das parakletische Denken in ein apologetisches Denken (Verschiebung der Armut und Fremdheit ins Selbst). Dieser Konfessionalismus wird durch die Physik gestützt.
Die Umkehr und die sieben unreinen Geister: Maria Magdalene als Heilige der endgültigen Umkehr.
Das „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker“ hat etwas zu tun mit
– der Übernahme der Schuld der Welt und mit
– der Einheit von Lehren und Lernen: Es gibt kein Lehren, das nicht gemeinsames Lernen ist. „Überzeugen ist unfruchtbar“.
Götzendienst, Bilderdienst und Sternendienst gehören zusammen und lassen sich nicht voneinander trennen. -
24.10.91
Der Tag ist die Zeit des Wachseins, des Bewußtseins, die Nacht die Zeit des Schlafs, des Traums, des Unbewußtseins. Die Gesetze der Nacht sind die Gesetze der Physis.
Der GBA ist die objektivste – und deshalb die gemeinste -Behörde der Welt. Er ist Opfer jenes Sachverhalts, den Adorno so beschrieben hat: Die Welt gleicht sich immer mehr der Paranoia an, die sie zugleich falsch abbildet.
Ist den Tieren das Fell gewachsen, als sie von Adam benannt wurden, oder als den ersten Menschen die Augen aufgingen, „und sie erkannten, daß sie nackt waren“? Und hat mit der Erkenntnis der eigenen Nacktheit sich zugleich die Welt verdunkelt? Herrschaft rührt in der Welt an einen Punkt und an Strukturen, denen im Subjekt die Sexualität entspricht. Sexualaufklärung bleibt abstrakt, wenn sie nicht mit der Aufklärung dieses dunklen Punktes im Weltbegriff zusammengeht.
Die Dunkelheit draußen steht in Beziehung zur Dunkelheit drinnen. Und die Anatomie beginnt zusammen mit der Begründung der Astronomie (wie in der alten Welt die Leberschau mit der Astronomie bzw. Astrologie).
Hat Amalekiter etwas mit Melek zu tun? Woher kommen Gog und Magog, und was bedeuten die Agagiter?
Auschwitz ist nicht vergangen; die Vorstellung, Auschwitz sei vergangen, ist bekenntnislogisch begründet: sie gründet in der Vorstellung, daß die Taten von Auschwitz sich auf Gesinnungen, auf „Weltanschauungen“ zurückführen lassen (anstatt auf den aufgrund der Herrschaft der Bekenntnislogik unbegriffenen gesellschaftlichen Prozeß).
Wie ist die Geschichte vom Rotkäppchen und dem bösen Wolf und vom Wolf und den sieben Geißlein (Sternendienst)? Ist der Hund ein domestizierter Wolf oder der Wolf ein verwilderter Hund?
Die Widerspiegelungstheorie bezeichnet genau den Punkt, an dem der Marxismus in Mythologie umschlägt (das Bilderverbot verletzt).
Jesus hat schon das Hegel-Studium empfohlen: Seid klug wie die Schlangen.
Zur Neuen Jerusalemer Bibel (generell zur heutigen Theologie): Es ist eine schlechte Angewohnheit unserer Theologen, daß sie immer dann vorgeben zu wissen, was ein biblischer Autor mit einem Satz hat sagen wollen, wenn sie glauben, das reale, wörtliche Verständnis eines Satzes nicht akzeptieren zu können. Diese Wendung wird gerne gebraucht, wenn es darum geht, Schwierigkeiten wegzudiskutieren. Das Verfahren gleicht nicht zufällig dem in raf-Prozessen bei der Begründung unhaltbarer Urteile üblichen (wenn Richter vorgeben zu wissen, aus welchen Gründen Taten nur begangen worden sein können, wenn die wahren, nämlich die politischen Gründe nicht laut werden dürfen), auch dem in der Erziehung gerne angewandten Methode, mit der man Kindern Kritik abgewöhnt. Diesen Hintergrund hat die Theologie hinter dem Rücken des lieben Gottes.
Das Inertialsystem und die kantischen Formen der subjektiven Anschauung sind der Grund und der Stabilisator der Bekenntnislogik (und seiner Derivate, von der Wertphilosophie bis zur Weltanschauung).
Die Geschichte des Christentums ist vorbezeichnet in dem „et descendit ad inferos“. Und es hilft überhaupt nichts zu versuchen, sich diese Hölle zur heilen Welt zuzurichten.
Nochmal Sylvia Schröer: Das hebräische Wort für Machen, für den Begriff, der auch in der Schöpfungsgeschichte vorkommt, bezeichnet auch das Kränken, Beleidigen?
In welcher Beziehung steht die Geschichte des Militärs (der Produktion von Zerstörung) zu der der Banken (Parallelität der explosiven Vermehrung beider im 20. Jhdt.). -
23.10.91
Nach dem Herrschaftsauftrag an Sonne und Mond sollen diese „herrschen über die Zeiten“: damit aber auch über die Menschen, soweit sie den Zeiten unterworfen sind. Bedeutung der Astronomie und des Sternenkults!
Die Brüder von Braunmühl fragen nach dem Grund, der die „Terroristen“ zum Mord veranlaßt: Liegt er nicht in dieser (durchs Feind- und Frontdenken vermittelten und durch den realen, erfahrenen Feind: durch das Handeln des „Staates“ und seiner Repräsentanten verifizierten) Mechanik, die glaubt, ein Recht zu haben, dem Feind – und sei es prophylaktisch – das anzutun, was einem selbst angetan wurde oder was man erwartet, daß einem angetan werden wird (Real-Paranoia). Wahrnehmung durch die Brille des Kriegszustands (des „Ausnahmenzustands“, nach Carl Schmitt Bedingung der souveränen Entscheidung, des „Politischen“; Äquivalent bei Heidegger: die „Eigentlichkeit“) Konsequenz aus einem historischen Wiederholungszwang.
Richten sich das Bilderverbot und der Kampf gegen die Idolatrie generell gegen die Hypostasierung von Prädikaten (gegen die Ontologie, die genau das leistet und absichert, damit aber das „Verandern“, die Konstituierung des Objekts und die Vernichtung des Namens: und somit den Ursprung und Grund der Gemeinheit, unkritisierbar macht)? -
18.10.91
Die ersten Gefangen waren Gefangene aus Kriegen oder Gefangene im Rahmen der Schuldknechtschaft.
Sind die himmlischen Heerscharen die Wasser oberhalb des Firmaments?
Der cäsarische Weltbegriff im Rahmen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation unterscheidet sich vom davidischen, der in den Königstraditionen, insbesondere in England, erhalten geblieben ist. Der davidische Weltbegriff enthält das reflektorische Moment in der Selbstbezeichnung der Hebräer, während der cäsarische Weltbegriff das projektive Moment in der Fremdbezeichnung der Barbaren enthält (zusammengefaßt in der Selbst- und Fremdbezeichnung der Deutschen, die sich nur noch als Barbaren verstehen: die Zivilisation wird durchs Ausland vertreten, deshalb die Ausländerfeindschaft – um die Last der Zivilisation endlich abwerfen zu können).
Das Römische Reich ist sowohl von innen, durch die Krise des Latifundiensystems, als auch von außen, durch den Barbareneinfall, zugrunde gegangen.
Aufarbeitung von Wut in Zorn, oder Rückgewinnung der prophetischen Kraft (die prophetische Kritik der Idolatrie war Staatskritik: seitdem gehören Staatskritik und Kunstkritik zusammen: der Begriff des Schöpferischen in der Kunst ist ein Reflex der Weltschöpfung durch den Staat).
Die Bäume sind der manifeste Ausdruck des Kampfs gegen die Schwerkraft und des Strebens zum Licht. Was bedeuten vor diesem Hintergrund der Baum der Erkenntnis und der des Lebens? Der Kampf gegen die Schwerkraft ist der Grund für die Verstockung der Bäume, während das Streben zum Licht ihr alljährliches neues Leben begründet.
Es gibt kein Bekenntnis ohne Totenkult: das ist der Grund für die Pyramiden wie für die Mausoleen im staatskapitalischen Sozialismus und nicht zuletzt für die christliche Trinitätslehre (die Vergöttlichung Jesu und deren säkularisierte Gestalt im modernen Naturbegriff) wie für den Zusammenhang von Heiligenverehrung und Reliquienkult.
Die Verfluchung nach dem Sündenfall ergeht direkt nur an Adam, während sie an Eva zusammen mit der messianischen Verheißung ergeht (um aus Adam etwas Brauchbares zu machen, muß man ihn in Tiefschlaf versetzen und ihm ein Stück aus seiner Seite herausnehmen).
Die Bedeutung der Hegelschen Philosophie liegt darin, daß sie das Moment der Vergegenständlichung am Begriff (Vergegenständlichung des Begriffs und des Objekts) herausgearbeitet (und zur Grundlage der Dialektik gemacht) hat. Nur daß Hegel dann am Ende die Partei des Begriffs (der Vergegenständlichung als Voraussetzung und Sinnesimplikat der „Wissenschaftlichkeit“ seiner Philosophie gegen die Unmittelbarkeit: die Partei der Entfremdung) ergreift. Die „Trunkenheit“ des Absoluten ist die notwendige Folge daraus.
In einem Zug, der auf den Abgrund zubraust, hilft es wenig, sich über einen Schaffner zu beschweren, der einen wegen Fahrens ohne gültigen Ausweis belangen will. Die Gemeinheit reizt zweifellos und nicht unbegründet zur Empörung. Aber angesichts der Gesamtsituation wäre diese Empörung völlig unangemessen; insbesondere würde sie an der Situation nichts ändern: Der Zugführer ist besoffen; Frage, ob es nicht möglich ist, gemeinsam mit dem Schaffner den Zugführer aus dem Verkehr zu ziehen und den Zug mit Mitteln, die Aussicht auf Erfolg haben, jedenfalls die Katastrophe nicht beschleunigen, zum Halten zu bringen. Es gibt Situationen, in denen es auf die Wirkung und nicht aufs Rechthaben ankommt.
Das Christentum studieren, weil nur so die Verführungsmechanismen sich bestimmen lassen (Bekenntnislogik; Empörung und moralisches Urteil; Feinddenken und Ausgrenzung von Verrätern; Christologie und die Vergöttlichung des Opfers: Natur- und Staatsmetaphysik; Materialismus als Ideologie und Totenkult; Trinitätslehre, Dialektik und Gemeinheit: Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang; Religion als Blasphemie: Atheismus und das Fortleben von Auschwitz).
Die sogenannten Terrristenprozesse sind genau an jener empfindlichen Stelle installiert, an der das offizielle Christentum und das Rechtssystem (die beide über den Bekenntnis- und den Personbegriff verbunden sind) sich gegen ihre kritische Selbstaufklärung abschirmen. Die Grundlage, daß Schuld sich individuell muß festmachen lassen, die den Vorteil hat, daß sie Kirche und Recht exkulpiert, kann sich gegen den Schuldvorwurf nur wehren, wenn sie ihn qua Kollektivität (über die „gerichtskundigen“ eigenen Vorurteile) in den Gegner hinein(zurück-)projiziert. Auch wenn Mord kein Mittel der Aufklärung ist: Gemeinheit ist ungeeignet, zur Herstellung des Rechtsfriedens beizutragen. Beide Seiten unterliegen der gleichen Verblendung. -
15.10.91
Erkenntnis des Guten und Bösen (Sündenfall, Essen vom Baum der Erkenntnis; Turmbau zu Babel, Verwirrung der Sprache): Für die Getthoisierung heute (für das Front-Denken) ist entscheidend. daß „Aussagen“ nicht mehr nach ihrem sachlichen Gehalt, nach ihrer benennenden Kraft, beurteilt werden, sondern nach dem Freund-Feind-Schema (nach der Bekenntnislogik): Wofür oder wogegen eine Aussage steht. Das Gebot der Feindesliebe (gegen das jedes, auch das christliche Bekenntnis verstößt) ist eine Bedingung der Wahrheit. Das Bekenntnis war seit je eine Waffe (die, indem sie nach außen angewandt wurde, ihre zerstörerische Kraft auch nach innen entfaltete). Es ist eine Mordwaffe, an der Blut klebt, das sich nicht mehr abwischen läßt.
Die Orthodoxie ist der theologische Reflex der Orthogonalität (die Orthogonalität ist der mathematische Ausdruck von Zwang, Bedingung und Grundlage der „Freiheitsgrade“ des Raumes, ebenso wie der im Geldwesen begründete Zwang zur Arbeit Bedingung und Grundlage der bürgerlichen Freiheit: aber die Freiheiten sind nur formal, nicht inhaltlich gleich; die Entdeckung des Winkels und die des Begriffs gehören zusammen – vgl. Thales und Pythagoras). -
11.10.91
Kann es sein, daß in dem gleichen Prozeß, in dem die Natur für uns zur Rückseite ihrer selbst geworden ist, dahinter Gottes Angesicht sich bildet, Er sich mit sanftester, aber zunehmender Gewalt manifestiert und nur deshalb nicht wahrgenommen wird, weil die Umkehr, die uns sein Antlitz enthüllen würde, unerträglich scheint; „Du kannst mein Angesicht nicht sehen, denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben“ (Ex 3320).
Jakob/Israel hat „Elohim von Angesicht zu Angesicht gesehen“ (Gen 3231), während Moses die Herrlichkeit Jahwes nur von hinten sehen durfte (Ex 3218ff).
Ich habe einmal vor der Entscheidung gestanden, zum Judentum überzutreten, habe es dann aber nicht getan, weil ich den Versuch für unzulässig hielt, dem objektiven Schuldzusammenhang, unter dem ich als Deutscher und Christ stand, dadurch zu entgehen, daß ich von der Täter- auf die Opferseite wechselte. Aus diesem Grunde bin ich in der Kirche geblieben.
Das Gravitationsgesetz bezeichnet ein Gesetz im Inertialsystem. die Lichtgeschwindigkeit bezieht sich auf eine Erscheinung im Inertialsystem. Der leere Raum ist nicht nur der von Materie, sondern auch der gegen die Fallkraft und gegen das Licht leere Raum (weder dunkel noch hell).
Das Inertialsysatem ist das Bezugssystem, das Referenzsystem, in dem sich
– die physikalischen Begriffe definieren,
– die physikalischen Erscheinungen auskristallisieren und
– in dem die physikalischen Gesetze herrschen.
Wenn man es an irgendetwas merkt, daß wir die Täter von Auschwitz sind, dann an der verhängnisvollen, alles vergiftenden Gewalt der Exkulpierungssucht: Alle suchen eine Art natürliche Unschuld wiederzugewinnen, die es im Kontext von Staat, Welt und Natur nie gegeben hat.
Das pfingstliche Sprachwunder bezieht sich eindeutig auf die Verwirrung der Sprachen beim Turmbau zu Babel; und wenn diese mit der Trennung von Herren- und Sklavensprache zu tun hat, so müßte jenes eigentlich die reale Versöhnung beider vorwegnehmen.
Der parvus error in principio ist sowohl der Grund, aus dem die Häresien erwachsen sind, als auch der Grund der Selbstverblendung der Kirche.
Theologie ohne Ansehen der Person treiben, heißt die Trinitätslehre kritisieren.
Wenn Marx, Freud und Einstein die drei Patriarchen der neuen Theologie sind, wer sind dann die zwölf Söhne Israels?
Über das, was Hegel selber die List der Vernunft nennt, wird der Schein erzeugt, aus dem dann das Wesen und der Begriff hervorgehen. Diese List, dieser Schein, dieses Wesen sind die Grundlagen der Philosophie des Begriffs. Zentral sind die Reflexionsbegriffe; zu erläutern wäre deren Zusammenhang mit dem Inertialsystem (über die Kantischen Formen der Anschauung und die Antinomien der Vernunft). Nicht zufällig begreift Hegel diese List (und das darin versteckte Moment der Gewalt) als ein wesentliches Moment der Technik, der Maschine. Diese List ist eine objektive List (und die Gemeinheit eine objektive Gemeinheit); Kant hat sie, ohne es zu bemerken, mit den subjektiven Formen der Anschauung in die Philosophie eingeführt (oder aus ihrem begrifflichen Wesen, aus der Trennung von Begriff und Objekt, herausgelesen: ihre Folgen hat er in den Antinomien der Vernunft bezeichnet). Das Resultat war das Reich der Erscheinungen (des gesetzmäßigen Zusammenhangs des Scheins), durch das der Weg zu den Dingen an sich zugleich versperrt war. Grund dafür, daß dieser Zusammenhang bis heute nicht durchschaut werden konnte, war
– die theologische Besetzung des Bekenntnisbegriffs (deren gegenständlicher Ausdruck die Trinitätslehre und die Opfertheologie ist) und
– die bis heute unbegriffene Bedeutung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit.
Die Sonne, die die Dinge bescheint, erzeugt sie nicht.
Auch der kirchliche Antijudaismus rührt an den Augapfel Gottes (deshalb benötigte die Kirche die trinitarische Maskerade, den Personbegriff in der Trinitätslehre).
Der Begriff des Scheins, substantiell geworden im kantischen Begriff der Erscheinung, läßt auch die kopernikanische Wende und die newtonsche Gravitationstheorie nicht unberührt. Auf einen einfachen Nenner gebracht: Hier wird die Nachtansicht der Welt auf den Tag übertragen (kann es sein, daß sich Nacht und Tag unterscheiden wie Jahwe und Elohim, und wie die Hebräer und die Israeliten?).
Der Unterschied zwischen CDU- und SPD-Politikern ist der zwischen Profis und Laien-Darstellern, wobei man einfach sehen muß, daß ein Kohl das Instrumentarium der Gemeinheit besser beherrscht als ein Vogel, Lafontaine oder Engholm (Engholm hatte nur das zweifelhafte Glück, Opfer eines CDU-Laienschauspielers zu werden; aber das macht ihn noch nicht zum Profi).
Wodurch unterscheidet sich die Luft vom Wasser (das Gasförmige vom Flüssigen: Beziehung zum Raum: Volumen beim Flüssigen unabhängig, bei der Luft abhängig vom Druck)? Gibt es eine mikrophysikalische Theorie des Flüssigen (in Analogie zur thermodynamischen Gastheorie und zur Festkörperphysik)?
Wasser und Schuldzusammenhang: Wasser nicht geschaffen; Medium des Chaos (des Chaos-Drachens); Trennung durchs Firmament (Drachen oben und unten); Sintflut; Schöpfung des Himmels und der Erde/ Sch. d. H., d. E. und des Meeres; am Ende wird das Meer nicht mehr sein. – Thales: Ursprung von allem ist das Wasser; Schuldzusammenhang flüssig (Verschiebung, Projektion).
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie