Tiere

  • 24.02.91

    Die mythische Vorstellung der Schöpfung von Himmel und Erde durch Spaltung des Chaos-Drachen Tiamat (J.Ebach LuB, S. 45, Anm. 11) wird in Gen. 1 umgekehrt (vom Kopf auf die Füße gestellt): Der Chaos-Drache ist das Produkt der Schöpfung von Himmel und Erde (Trennung von Zukunft und Vergangenheit: der Drache als Imago der Herrschaft der Vergangenheit über die Zukunft: Das Tier … war und ist nicht und wird wieder heraufkommen – Geh. Offb. 178).
    Nach Genesis 121 werden die „großen Meerestiere“ (die Tanninim) nicht „nach ihrer Art“ erschaffen: als dann auch nicht von Adam benannt? Ihre Benennung erfolgt erst am Ende („hier bedarf es Weisheit und Verstand; ihre Zahl ist 666“ – Vgl. hierzu auch Hi. 382 und 423: „wer ist es, der den Ratschluß verdunkelt, mit Gerede ohne Einsicht?“ – Zusammenhang mit dem „Bekenntnis“: „nur wer das Zeichen des Tieres trägt“)? – Vgl. auch Hegels Begründung für seinen Satz, daß die Natur den Begriff nicht halten kann.
    Das kantische Objekt, der an sich bestimmungslose Gegenstand: Substrat der transzendentalen Logik, ist der Grund des Nichtwissens: Produkt und Endpunkt der Geschichte des Begriffs (die Hegel dann beschreibt) und Ausgangspunkt des Rosenzweigschen „Stern der Erlösung“. Rosenzweigs Kritik des „Alls“ ist die Kritik des Alls der Objekte: des historischen Objektvationsprozesses.
    Ist Jes. 11 wirklich „ein Vorschein der neutestamentlichen Feindesliebe“ (J. Ebach LuB, S. 46, Anm. 11)? Setzt das Gebot der Feindesliebe (das ohne das Nachfolgegebot: das Gebot, die Schuld der Welt auf sich zu nehmen, nicht zu verstehen ist) nicht voraus, daß das Fleischfressen der Löwen (die Horkheimersche „Katastrophe der Urzeit“, DdA) Folge einer Schuld ist, an deren Grund die Lehre vom „Sündenfall“ rührt, und die in die christliche Verantwortung (als Grund und Ausdruck der Gottesfurcht und als Grund der Notwendigkeit von Theologie als Erinnerungsarbeit – „exakte Phantasie“) mit hereinzunehmen ist? Letzter nachweisbarer Widerschein der Trinitätslehre: die Konstellation des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs.
    Das Vater in der Trinitätslehre ist (u.a.?) der Hinweis auf die Notwendigkeit der Erinnerungsarbeit (Zusammenhang mit den Genealogien, den toledot). Bedeutung des Patriarchats? – Aber Gegenstand der Erinnerungsarbeit ist nicht einfach das Vergangene, der Ursprungsmythos, sondern im Ursprung die darin verborgene Zukunft.
    Behemoth und Leviathan: Das Krokodil ist Überlebender der Saurierzeit; aus welcher Zeit, aus welcher Phase im naturgeschichtlichen Evolutionsprozeß stammt das Nilpferd?
    Zoo und Museum: Indiz für den Stand der Naturgeschichte der Herrschaft (und der Gewalt): Auch Nilpferde und Krokodile werden – zusammen mit den Tieren aus Hi. 38f und Ps. 104 – als Anschauungsobjekte im Zoo gehalten (oder auch vor der endgültigen Ausrottung bewahrt? – wie in der Arche vor der Sintflut? -Waren auch Behemoth und Leviathan in der Arche; gab es dafür -sie waren als Meerestiere von der Sintflut nicht bedroht – eine Notwendigkeit, abgesehen davon, daß Noach nur Tiere „jedes nach seiner Art“ aufnehmen sollte, diese Meerestiere aber gerade keiner „Art“ angehören? Unterschied zwischen Zoo und Arche).
    Natur und Welt sind keine divergierenden Objektbereiche, auch nicht nur perspektivische Aspekte eines (desselben) Objektbereichs; das Verhältnis von Natur und Welt ist nicht mengentheoretisch bestimmbar; sie sind vielmehr logische, objekterzeugende Strukturen, die eigentlich bestimmte Strukturen und Verhaltensweisen des Subjekts (das Herrendenken) absichern und stützen: beide beziehen sich auf Objekte als Erscheinungen im Kontext der Naturbeherrschung und reflektieren ggf. im gleichen Objekt den Bruch der Subjekt-Objekt-Beziehung als Herrschaftsbeziehung. Natur und Welt verhalten sich wie Objekt und Subjekt, definieren die Rahmenbedingungen dieser Trennung und ontologisieren sie.
    Die Steigerung der Situationen, auf die die dreimalige Leugnung des Petrus sich beziehen, bilden den Fortschritt ab, der zur Entqualifizierung des Objekts (zur Zerstörung der benennenden Kraft des Begriffs, zur Löschung des Namens) führt: die Magd zu Petrus, die Magd zu den Umstehenden über Petrus, die Umstehenden zu Petrus; der letzte Fall hat die Selbstverfluchung Petri zur Folge.
    Die „persönliche Schuld“ (Gegenstand der Beichte) ist ein Folgeeffekt der Personalisierung der Schuld (Grundlage des Rechts, nicht der Moral, oder Symptom der Angleichung der Moral ans mythische Recht; Grund der Tatsache, daß Gemeinheit strafrechtlich nicht zu fassen ist; Probleme des Akkusativs, der dritten Person: grammatisch und theologisch), ihrer reflexiven Anwendung aufs Subjekt (Rückwirkung des Sündenbocksyndroms aufs projizierende Subjekt: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet); die wirkliche Schuld ist nicht beichtfähig und nicht „persönlich“: die Last der Vergangenheit, die mit jeder Generation sich mehrt (zugleich sich in Richtung Erkennbarkeit verändert) und die jede Generation als wachsende Hypothek neu von der Vergangenheit zu übernehmen hat (zum Begriff der Nachfolge).

  • 16.02.91

    Welche Bedeutung hat die Differenz zwischen V. 26 und 27 (Gen. 1; vgl. hierzu J.E.: Ursprung …, S. 26ff) für die spätere christliche Trinitätslehre und die Lehre von den Heiligen: Laßt uns Menschen machen als unser Bild; er schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn, als Mann und Weib schuf er sie; älohim als Hofstaat Gottes (jahwä’s)?
    Haben „die Götter“ den Menschen erschaffen, „damit der Mensch die kulturelle und zivilisatorische Arbeit verrichte, die die Götter zuvor selbst tun mußten“? (S. 79) D.h. gibt es eine Beziehung von V. 26 zu Gen. 2-11, zur „Geschichte des Falls“, zu den Dornen und Disteln (zum brennenden Dornbusch): zur Geschichte von Arbeit, Gewalt und Herrschaft, zur Herrschaft der Vergangenheit über die Zukunft, zum historischen Herrschafts-, Schuld-und Verblendungszusammenhang (und sind die Götter selbst Teil dieses Schuldzusammenhangs)? Bezeichnen Vers 26 und 27 zwei verschiedene „Äonen“, „saeculi“: verschiedene Zeitgestalten im Verhältnis zur Idee des Ewigen (nicht „der Ewigkeit“)?
    Sind das Bilderverbot und die Kritik des Götzendienstes (christlich: des Heidentums) nicht darin begründet, daß Gott den Menschen „als sein Bild“ und „nach seinem Bilde“ erschaffen hat? Du sollst dir kein Bildnis machen: Ich habe bereits eines gemacht: den Menschen; ein anderes gibt es nicht.
    Christus als erlegte Jagdbeute: Vgl. S. 33, Anm. 100. (Allerdings sollte das Abendmahl vielleicht auch als Ersatz des Blutopfers durch die vegetarische Eucharistie – der Kreuzestod als letztes Opfer – angesehen werden können.) – „Es ist die Aufgabe des Königs sowohl in Ägypten als auch im Zweistromland, in der rituellen Jagd auf Tiere, die das Chaos repräsentieren, die Weltordnung immer wieder zu begründen.“ (S. 34) – Ist nicht der König als „Ebenbild Gottes“ und „Herr der Tiere“ eigentlich der Herr über die Götter der anderen Völker (die das Chaos repräsentieren)? – Konsequenz das Römische Pantheon, in das die Götter der besiegten Völker mit aufgenommen wurden? In diesem Rom wird das Christentum erstmals zur Staatsreligion: die Falle des Sieges.
    Gibt es einen Zusammenhang zwischen den „Dornen und Disteln“ und dem Blutvergießen (Begründung der hierarchischen Gestalt der Herrschaft)?
    Welchen Hintergrund hatte die alte philosophisch-metaphysische Identifizierung von Kontingenz und Geschöpflichkeit, welcher Welt- und Schöpfungsbegriff steckte dahinter? War hier nicht der nominalistische Willkürgott vorprogrammiert? Grundlage: Macht-und Staatsmetaphysik? Hegel hat daraus die sachlich falschen, aber logisch richtigen Konsequenzen gezogen.

  • 15.02.91

    Der Rassismus (und der Sexismus) ist ein durch die Totalitätsbegriffe Welt und Natur überdeterminiertes Produkt des Zerfalls der Moral. Die Grenze zwischen „Herrenrasse“ und „Untermenschen“ ist identisch mit der durch den Staat (der institutionalisierten Absicherung der fortschreitenden Natubeherrschung) gezogenen Grenze zwischen Welt und Natur: Zur Natur gehören vor allem die Wilden (und die Frauen); der Sonderstatus des Antisemitismus rührt daher, daß hier ein Volk, das offensichtlich einen vorzivilisatorischen Geschichtsstand repräsentiert, durch Anpassung (Assimilation) den ihm von Natur aus nicht zustehenden Herrenstatus anstrebt.
    Gibt es ein dem Staat korrespondierendes Moment in der Natur? (Grund des Fressens und Gefressenwerdens; Denkmal der Katastrophe, an die lt. Adorno/Horkheimer die Tierwelt erinnert: auch für die Tiere galt der Schrift zufolge im Pradies das vegetarische Nahrungsgebot; Gen. 129ff: „Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen. Allen Tieren des Feldes, allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf Erden regt, was Lebensatem in sich hat, gebe ich alle grünen Pflanzen zur Nahrung. … Es war sehr gut.“ – Vgl. hierzu J. Ebach: Ursprung und Ziel, S. 22ff).
    Das Bekenntnis stabilisiert die Komplizenschaft; Komplizenschaft gründet im gemeinsamen Blutvergießen (Eucharistie: Ersetzung und Abgeltung des Blutopfers durchs vegetarische Mahl? Wurde beim letzten Abendmahl das Paschalamm – s. Mk. 1414, Lk. 227ff -geschlachtet und gegessen? – s. Ex. 121-136)
    „Jesus schickte Petrus und Johannes in die Stadt …“. (Lk. 228) An welchen Stellen werden welche Apostel (insbesondere Petrus und Johannes, aber auch die anderen) genannt? – (vgl. 851 mit Anm. und Mk. 537 mit Anm.)
    Erst durch seine Dreidimensionalität gewinnt der Raum die totalisierende Gewalt, die der Abtrennung der Zeit (Konstituiereng der Herrschaft der Zeit und Subsumtion aller Dinge unter die Vergangenheitsform) sich verdankt und in der Objektivation der Materie sich ausdrückt. Erst durch diese Konstruktion konstituiert sich das physikalische Objekt, wird es Teil eines Systems. Kein Zufall, daß das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit nur als struktur- und dynamikbegründendes Systemelement im Kontext des gesamten Bereichs der elektromagnetischen und der mikrophysikalischen Erscheinungen, nicht aber selbst als „Erscheinung“ im System sich bestimmen läßt. Es ist einzig vergleichbar der Funktion der Trinitätslehre im christlichen Bekenntnis (seiner systematisierenden, „totalisierenden“ Kraft – Einheit, Trennung und gegenseitige Durchdringung von Subjekt, System, Objekt).
    Der Weltbegriff ist ein Reflex der Staatsmetaphysik, der Naturbegriff ein Korrelat der Naturbeherrschung. Der affirmative Weltbegriff schließt die Staatskritik (die Kritik der Gewalt) aus, der affirmative Naturbegriff die Kritik von Herrschaft (Differenz zwischen Gewalt und Herrschaft: Gewalt ist ein Mittel der Herrschaft, gleichsam ihre Naturbasis; das Gewaltmonopol des Staates ist seine Gewalt zu töten, sein Grund die Todesdrohung; versöhnte Herrschaft wäre Herrschaft, die der Gewalt, letztlich der Todesdrohung: der Instrumentalisierung der Angst, nicht mehr bedarf).
    Herrschaft und Gewalt verhalten sich wie das Inertialsystem (der Inbegriff der naturwissenschaftlichen Gesetze) zur Materie (dem Widerstand, Basis – Kristallisationskern und Äquivalenzpunkt -der Gesetzesbildung). Gewalt ist das Medium der Angleichung an Herrschaft: der Identifikation mit dem Aggressor (zur Kritik der Gewalt). Das Gewaltmonopol des Staates: der Staat ist das Gravitationsfeld, in dem sich die schwere/träge Masse der materiellen Existenzen konstitutiert und definiert.

  • 08.02.91

    Natur und Welt sind die die Begriffe des Objekts und des Begriffs konstituierenden Totalitätsbegriffe: Natur ist Teil der Welt als Gegensatz zur Welt: als der Feind, der Widerstand. die Materie, an der sie sich „abarbeitet“. Dem Naturbegriff ist die unaufhebbare Spaltung in Erscheinung und An sich wesentlich. Hierbei ist das An sich zunächst nur das dem Wissen Jenseitige, eine Leerstelle, gleichsam das schwarze Loch, aus dem nichts mehr nach außen kommt, das umgekehrt alles in sich hereinsaugt: Inbegriff des heutigen Standes der Verdrängung. Natur ist in der Welt das Andere der Welt; das, was nicht im Säkularisationsprozeß aufgeht. Konkreter: Natur ist das Andere im Prozeß der historischen Auseinandersetzung mit der Natur; das, was im Unterwerfungsprozeß unterdrückt, verdrängt, ausgeschieden wird. Dazu gehört in erster Linie die Erinnerung an die Opfer dieses Prozesses, an die, die die Last zu tragen hatten und vergessen sind.
    Das Bekenntnis des Namens ist im Ursprung die Anrufung des Namens: das Maranatha. Die Vergeblichkeit: die enttäuschte „Parusieerwartung“, hat daraus das Dogma, mit der Vergöttlichung Jesu im Kern, werden lassen. Diese (unverarbeitete) Enttäuschung ist der Grund der christlichen Ranküne.
    (Säkularisation des „Anrufs“ durch die modernen „Kommunikationsmittel“: durchs Telefon, das auch – zumindest räumliche – Distanzen überbrückt. „Heute, wenn ihr meine Stimme hört.“)
    Auschwitz: die Täter (und ihre Erben) erwarten offensichtlich immer noch die Exkulpierung, die Opfer können sie nicht mehr geben und deren Erben sind bei den Toten in der Pflicht. Zwischen beiden steht die ganze Geschichte der Welt.
    Adam benennt (vor dem Sündenfall) die Tiere und (vor und nach dem Sündenfall) die Frau, Eva ihre Söhne, Kain benannte die erste Stadt nach Henoch (der in der Genealogie des Set in den Himmel entrückt wurde)? Töchter werden nur genannt bei Lamech (in der Kain-Nachkommenschaft; in der Set-Folge ist er der Vater des Noach; der eine wird 7 x 77 mal gerächt, der andere lebte 777 Jahre).
    Zur Kritik der Naturphilosophie: das Ganze ist das Unwahre. Bei Hegel „entläßt“ die Idee die Natur aus sich (wie in der Verwaltung der Vorgesetzte einen Beamten), aber die Natur kann ihren Begriff nicht halten: Hier geht die Dialektik zu Protest. Innerhalb der Dialektik scheint das Subsumtionsverhältnis „aufgehoben“, ist das Denken „in der Sache“, nicht außerhalb und nicht über der Sache; das aber um den Preis, das es die Natur außer sich hat. Hier kehrt das Subsumtionsverhältnis als Verhältnis der Idee zur Natur, des Absoluten zur vergangenen Geschichte, die es ausgezehrt, als Schädelstätte des Geistes, hinter sich zurückläßt, wieder.
    Der positive Begriff der Natur („Rückkehr zur Natur“, Natur als „schöpferische“ Kraft) ist die bloß ideologische Wiedergutmachung, die die Opfer endgültig verrät: der sentimentale Deckel auf der verdrängten Erinnerung, deshalb doppelt gefährlich. Die „zweite Schuld“ Giordanos ist die erste der Dialektik der Aufklärung: die verdrängte Vergangenheit manifestiert sich im projektiven Materiebegriff.
    Meine Vermutung, daß bei Schelling Verdrängungs- und Erinnerungsarbeit sich nicht trennen lassen, solange man am Konzept Naturphilosophie festhält. Man kann nicht beides haben: die Exkulpierung durchs Natursubjekt und die Versöhnung. Die Idee der Versöhnung ist nur zu halten, wenn auf die Anwendung des Identitätsprinzips auf Natur verzichtet wird, wenn das „Eingedenken der Natur im Subjekt“ mit der Kritik des gegenständlichen Naturbegriffs (mit der Kritik des physikalischen Fundamentalismus) verbunden wird.
    Physikalischer Fundamentalismus und das Bekenntnis zur FDGO in der Physik (zum Inertialsystem, zur daraus abgeleiteten verdinglichten Logik; Projektion der Logik ins Inertialsystem; Instrumentalisierung der Logik und Auslöschung des Subjekts; Seminar der Philosophen mit den Vertretern der mathematischen Logik in Münster).
    Was mußte alles verdrängt werden, um den Naturbegriff als Totalitätsbegriff zu begründen? – Heute wird die Schuld kassiert: von allen Unterdrückten, Gedemütigten und Opfern: von den Armen und den Fremden, von den Juden, den Frauen, vom Islam, von der Dritten Welt. Wenn die Distanz zum Objekt durch die Distanz vermittelt wird, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt, dann stecken alle Beherrschten im Objektbegriff mit drin, aber so, daß sie nicht mehr zu erkennen sind. Übriggeblieben ist nur die Isolierung, Verblendung und der Verfolgungswahn des „Herrn“, auf den das, was er den Objekten antut (oder was ihnen in der Geschichte angetan wurde), zurückschlägt (s. die dramatischen Figuren Becketts).

  • 06.02.91

    „… abgestiegen zur Hölle“: Aufarbeitung der Geschichte der katholischen Höllenvorstellung, in genauem Zusammenhang mit der Kirchengeschichte, Teil der notwendigen Erinnerungsarbeit; u.a. Zusammenhang mit Antijudaismus/Antisemitismus (der faschistische Antisemitismus erliegt dem Reiz der Höllenvorstellung, deshalb verschwindet sie hier aus der Theologie: Verinnerlichung des Heidnischen); der Teufel Nachfahre der mythischen Götter (bocks-beiniger Satyr); der Teufel und die Juden; Augustinus (zum Glück der Seligen im Himmel gehört der Anblick des Leidens der Verdammten in der Hölle); Systematisierungen: Fegfeuer und Hölle; Höllenvorstellung und Magie, Ursprung der Sexualmoral (in der Lust brennt das Höllenfeuer); Schöpfungslehre: Himmel (Himmel, Fegfeuer und Hölle) und Erde; Lehre vom Sündenfall begründet die Höllenvorstellung; Ketzer, Inquisition, Hexen, naturwissenschaftliche Aufklärung (Alchemie, Chemie und Hölle); innere Mission und Teufelspredigt; Faust und der Teufelspakt (Hölle, Mythos und Kunst); Märchen: der Teufel und seine Großmutter (Matriarchat und Höllenvorstellung), List ist stärker als der Teufel; Hölle und Materialismus: Der Teufel als Personalisierung der Materie („seid klug wie die Schlangen …“).
    – Zusammenhang der Höllenvorstellung mit dem Bekenntnis: Entlastung durch Projektion?
    – Gilt das Gebot der Feindesliebe auch im Hinblick auf den Teufel?
    – Kein Bekenntnis ohne Verdrängung; der Wahrheitspunkt (Errettung durchs Bekenntnis des Namens; Umkehr und Rückwandlung ins Symbolum; Bekenntnis als Nachfolge) aber wird erst durch Erinnerungsarbeit (Aufarbeitung des Verdrängten) erreicht: durch den Abstieg in die Hölle (in dem gleichen Prozeß, in dem der Himmel sich aus der räumlichen in die zeitliche Dimension verlagert: vom Oben in die Zukunft, hat die Hölle sich vom Unten in die die Gegenwart beherrschenden Mächte der Vergangenheit verwandelt; oder die obere Welt ist verschwunden, nachdem die untere Welt Macht über die bestehende Welt gewonnen hat).
    Der Unterschied zwischen dem europäischen Faschismus und dem arabischen Nationalismus (in Verbindung mit dem islamischen Fundamentalismus) gründet in der unterschiedlichen Stellung beider zum Staat; der Faschismus schließt jene Staatsmetaphysik mit ein, die aus der christlichen Tradition (einschließlich der Trinitätslehre) und ihrer genetischen Beziehung zum modernen Kapitalismus stammt; diese Tradition kennt der Islam nicht. Das christliche Konfessionsproblem ist kein Problem für den Islam.
    „… und arglos wie die Tauben“: Meidet die Personalisierung des Bösen.
    „Gott, der Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen. Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes. Aber eine Hilfe, die dem Menschen entsprach, fand er nicht.“ (Gen. 219f)
    . „aus dem Ackerboden“: wie Adam, jedoch ohne den „Lebensatem“ (27)
    . „Tiere des Feldes und Vögel des Himmels“: Fische etc?
    . „um zu sehen, …“: Gott als Zuschauer (Tiere nicht durchs Wort erschaffen, sondern aus „Ackererde geformt“, dann von Menschen benannt – Konsequenz für Schöpfungslehre und Erkenntnistheorie)
    . „aber eine Hilfe, die dem Menschen entsprach, fand er nicht“: gilt Namengebung auch hinsichtlich des „Tieres“ aus der Apokalypse (hier braucht es Verstand … – Offb. 1318)? Wird auch die Schlange, der Chaos-Drache vom Menschen benannt, sind auch diese keine „Hilfe, die dem Menschen entsprach“?
    . Was ist hier (und bei der Erschaffung des Menschen – Gen. 27) mit dem „Ackerboden“ gemeint? Vgl. 124f: „Dann sprach Gott: das Land bringe alle Arten von lebenden Wesen hervor …“
    Natur und Welt sind Totalitätsbegriffe, die dazu dienen, das Prinzip der Selbsterhaltung abzusichern, gegen Reflexion abzuschirmen.

  • 03.02.91

    Dieser Tage eine Meldung in den Nachrichten: Das israelische Fernsehen bringt jede Nacht live das Bild der Skyline von Tel Aviv; so können die Menschen dort bei einem Raketenalarm in ihren Schutzbunkern direkt den Anflug und evtl. den Einschlag der irakischen Raketen beobachten. Erfüllung der ebenso wahnsinnigen wie makabren Vorstellung (letztlich der Idee des Fernsehens überhaupt): Zuschauer bei der eigenen Vernichtung, zuletzt auch beim Weltuntergang zu sein. – Konsequenzen für eine Kritik der Metaphysik (als Inbegriff der Theoria, der kontemplativen Erkenntnis – auch der Idee der seligen Anschauung Gottes?) und der Transzendentalphilosophie (der Bedeutung der subjektiven Formen der Anschauung für den Erkenntnisprozeß).
    Selbstzerstörung der Theologie durch die Metaphysik, durch ihren Gegenstands- und Wahrheitsbegriff.
    „Das Bekenntnis (zu den USA im Golfkrieg) begründet unsere Glaubwürdigkeit“: Mittlerweile sind Fragen, die durch Vernunft zu entscheiden wären, schon Bekenntnisfragen geworden; steckt darin die deutsche Krankheit, sich gleichsam nur noch von außen: im Spiegel der Öffentlichkeit zu sehen und so jede Äußerung als Bekenntnis vor der Öffentlichkeit (der Weltmeinung, der Geschichte: dem Weltgericht, als das wir in gut hegelscher Tradition das Ende des letzten Weltkrieges erfahren haben) zu bewerten? Geht es hier nur darum, daß andere „uns glauben“ (und so unser Selbstbewußtsein begründen), und nicht darum, daß wir die Souveränität einer Selbstgewißheit gewinnen, die aus der Kraft der Begründung unseres Handelns erwächst?
    Die Abdankung des Subjekts vor der Natur (durchs Bekenntnis, durchs Tauschprinzip und durchs Trägheitsgesetz) ist der Grund der Aggression und des Fanatismus: der Mordlust des Existentiellen.
    Identität und Gegensatz (Feindschaft) von Welt und Natur, Tauschprinzip und Trägheitsgesetz (Genesis und Geltung). Natur ist der Inbegriff des Anderen der Welt, des Nichtidentischen, des Nicht-Säkularisierbaren; aber dieses Andere, Nichtidentische, Nicht-Säkularisierbare ist durch die Konstituierung und die Geschichte der Welt vermittelt, ist Produkt der Säkularisation. Der Sieg der Welt über die Natur ist ein Pyrrhus-Sieg: der Besiegte ist nicht die Natur, sondern die Welt selber. Der Feminismus vertritt die Natur gegen die Welt.
    Läßt sich die Geschichte von Kain und Abel (und dann Set) auf das Verhältnis von Welt und Natur beziehen? Abel (der Hirt) ist der Jüngere, Kain (der Ackerbauer) der Ältere (und nach dem Brudermord der Gezeichnete und ein Städtegründer, der die Stadt nach seinem Sohn Henoch benannte; und in der letzten Generation die Begründer von Technik und Kultur). Die Welt als urgeschichtlicher „Brudermörder“, der Brudermord die Grundlage des Fortschritts. – In der Nachfolge Sets „begann man den Namen des Herrn anzurufen“, sie endet mit Noach (Adam benannte die Tiere, Abel brachte das erste Tieropfer dar, Noach rettet die Tierwelt vor der großen Flut).
    Ist der Zeugungsbegriff in der Trinitätslehre ein Indiz ihrer Unwahrheit? Er unterstellt, daß der Sieg der Welt über die Natur erreichbar, ja schon erreicht sei. Der Begriff der Zeugung ist ein Weltbegriff, kein Naturbegriff (oder vielmehr: ein von der Welt usurpierter Naturbegriff)? – Filius meus es tu, hodie genui te? Wie hängt die Zeugung mit dem Zeugen und dem Zeugnis zusammen (das patrimonium mit dem testimonium)?

  • 26.01.91

    Das Zwangsbekenntnis ist eine direkte Folge der kirchlichen Bekenntnis- und Glaubens-Verwaltung, d.h. die Konsequenz aus dem biblisch angekündigten Kleinglauben, der heute den Widerstand gegen die eigenen Selbstzerstörungskräfte aufgegeben zu haben scheint und dabei ist, sich selbst zum Verschwinden zu bringen.
    Das Zwangsbekenntnis ist das Zeichen des Tieres: der Name des Tieres oder die Zahl seines Namens (Offb. 1317).
    Nach Milan Machovec (Die Rückkehr zur Weisheit. Philosophie angesichts des Abgrunds, Stuttgart 1988) bezeichnet das griechische peirasmos nicht die (moralische) Versuchung, sondern die mit Angst erwartete (politische und kosmische) Katastrophe der Welt. Es müßte also im Herrengebet statt „und führe uns nicht in Versuchung“ heißen: „und führe uns nicht in die Katastrophe“.
    Nicht „Unterwerfung unter den Willen Gottes“ (das ist islamisches Erbe), sondern das Erkennen und Tun des Willens Gottes (zur Erläuterung der NJB zu Mt. 41-11).
    In der verdinglichten (verweltlichten) Welt ist das Selbstbewußtsein auf den Erfolg, den Sieg, die Unterdrückung dessen, was nicht das Selbstbewußtsein ist, des Nicht-Ich, des Feindes, aufgebaut. Die Sucht nach Sport und Unterhaltung drückt genau diese Siegessucht aus. Das Christentum ist keine Sieges-Religion: Alle seine Siege waren Niederlagen (insbesondere die Siege über die Juden, die Heiden, die Ketzer und schließlich die Frauen: am Ende waren es die Siege, in denen das Christentum selber untergegangen ist). Die Anpassung an den physikalischen Wahrheitsbegriff übernimmt auch dessen Sinn: den Sieg über die Natur und die reine Selbstbezogenheit des Herrendenkens. Diese Gestalt des Selbstbewußtseins kann nur anerkennen, was vor ihm am Boden liegt; und ein Mittel, hier sich als Selbstbewußtsein zu erhalten, ist die Komplizenschaft des kollektiven Bekenntnisses, die die Gegenständlichkeit der Welt, der Dinge und der Personen, sowie den kollektiven Verdrängungsapparat garantiert (zusammen mit dem Gewaltmonopol des Staates).

  • 17.01.91

    Der Konfessionalismus hat die Religion neutralisiert. Er hat sie zur Sonntagsreligion gemacht. Das führt dazu, die Prägekraft der Religionen in vorindustriellen Gesellschaften zu unterschätzen, sie nicht mehr ernst zu nehmen. Eine Form dieses Nicht-mehr-ernst-Nehmens ist die Toleranz, die alle Religionen in einen Topf wirft, sie zu einem religiösen Einheitsbrei verrührt (Hauptsache, die Menschen haben noch Religion).
    Mit der Ökonomie hat seit dem Ursprung des Kapitalismus auch die Kosmologie sich von der Religion emanzipiert. Und diese Emanzipation verstärkt die unreflektierte Macht der Ökonomie. Beide zusammen, Ökonomie und Physik, definieren den Begriff der Realität, auf den die Religion eigentlich keinen Einfluß mehr hat. Der Lauf der Dinge wird von anderen Gesetzen und Faktoren beherrscht.
    Im Westen ist die Religion zur bloßen Konfession, zu einem Teil der Privatsphäre geworden, in der sie weiterhin in ihrer instrumentalisierten Form sich als nützlich erweist: als Mittel zur „Kindererziehung“, zur Stützung der Autorität der Eltern. So jedoch wird sie zugleich verraten; und alle, die an der religiösen Bindung festhalten, werden damit zu Komplizen in der Auseinandersetzung mit den Kindern. Diese Komplizenschaft ist der Kitt der sogenannten religiösen Bindung und der Grund dafür, daß der Bann sich nicht mehr sprengen läßt. Das Bekenntnis (als Zwangsbekenntnis) war seit je das Siegel auf dieser Komplizenschaft.
    Wir sind nicht Zuschauer und Herren der Geschichte, sondern deren Objekte und Opfer. Alle Versäumnisse, alle Entlastungsversuche der Vergangenheit haben die Last vermehrt, die auf den Nachgeborenen lastet. Das pseudomagische Potential ist dem Bekenntnis in dem Maße zugewachsen, in dem die Bekennenden sich als nicht verantwortliche Zuschauer des Geschichtsspektakels begriffen.
    Der Kreuzweg wäre so neu zu konzipieren, daß er nicht nur die Einfühlung in den Leidensgang, den Passionsweg Christi intendiert, sondern dessen Anwendung auf die gesamte Geschichte.
    Horkheimers Satz: „Das Christentum ist die menschenfreundlichste Religion, aber es gibt keine Religion, in deren Namen so ungeheure Verbrechen begangen worden sind“, dieser Satz läßt sich nicht nur belegen, sondern auch begründen.
    In der Folge der enttäuschten Parusie-Erwartung wurde das Bekenntnis zugleich entmächtigt und demoralisiert. Das war die Grundlage und das Ergebnis des Dogmatisierungsprozesses. Zurückzugewinnen wäre die Einsicht, daß die Kritik und die Auflösung der Demoralisierung auch den Ausblick auf die Neubegründung der eingreifenden Kraft mit einschließt: an den Namen Gottes rührt. Oder umgekehrt, wenn die jüdische Religion die Heiligung des Namens Gottes als wesentliches Moment des Zeugnisses – bis hin zum Martyrium – begreift, so rührt sie damit an das Geheimnis des Bekenntnisses.
    Auch der Islam ist eine Religion der Selbsterhaltung. Der Islam, die Ergebenheit in den Willen Gottes, ist sozusagen der Trick, durch den das Subjekt sich erhält: gegen die unendliche und undurchschaubare Macht der Verhältnisse, an der es sich nicht den Kopf einrennen will, deshalb sich klein macht, um zu überleben. Der Islam ist die Religion der Anpassung an die Welt, das Christentum die des Aufbegehrens, der Empörung: Das Christentum manifestiert sich am deutlichsten in der Geschichte der Häresien.
    Die Geschichte des Bekenntnisses bewegt sich zwischen dem Symbolum und dem (apokalyptischen) Zeichen des Tieres (Verfehlung der benennenden Kraft, die uns seit Adam gegenüber den Tieren anvertraut ist).
    Die Dogmenkritik kann sich nicht mehr an dem Verhältnis von Schale und Kern orientieren, so als müsse man die Schale aufbrechen, um an den Kern zu kommen; wenn, dann hätte sie sich zu orientieren an dem Modell von Tod und Auferstehung. Das Dogma ist tot: gekreuzigt, gestorben und begraben, abgestiegen zur Hölle; wird es am dritten Tage auferstehen? (Verweist der „dritte Tag“ hier auf die Schöpfungsgeschichte, die Trennung des Landes vom Meer und damit auf die Tiere der Apokalypse?)
    Theologie im Angesicht Gottes heißt Theologie als Erinnerungsarbeit betreiben, als Aufarbeitung der Last der Weltschuld seit dem Sündenfall.
    Die Neutralisierung der Namenslehre durch den Person-Begriff in der Dogmengeschichte ist der parvus error in principio, Grund der Nicht-Ansprechbarkeit.

  • 05.01.91

    Zusammenhang des Bekenntnisses mit den Strukturen und Mechanismen, die die Markenzeichen und -namen begründen. Der Markenname ist ein reiner Kollektivname, kein individueller Name; er steht aber auch nicht in der hierarchisch-genealogischen Folge von Gattung und species; er tendiert vielmehr zur reinen Differenz, und zur Tautologie (mit der Nähe zur Blasphemie: Persil bleibt Persil). Er usurpiert die Funktion des Namens, im Gegensatz zum Begriff (die gleiche Struktur und Funktion wie Markennamen haben heute Firmen-, Partei- und Vereinsnamen: auch diese fordern heute das Bekenntnis; und überall reagieren die Anhänger so wie die Kinder, die nur Adidas-Schuhe tragen wollen; jeder Kauf- und Wahlakt ist bereits ein Bekenntnisakt). Genau an dieser Stelle wird etwas vom Problem des Bekenntnisses sichtbar, das ursprünglich das Bekenntnis des Namens war, diesem Bekenntnis befreiende Funktion zusprach. Wenn Christus später dann gleichsam als Familienname (Vorname Jesus) verstanden wurde, nicht mehr als Bezeichnung des Messias, so zeichnet sich hier der Zerfall des Bekenntnisses ab: die Ersetzung des Namens durch die Person, die er bezeichnet, und den Begriff, der dann am Ende wieder zum Namen wird. (Reklame verschweigt den Tod: verweigert und verdrängt wie das Zwangsbekenntnis die Erinnerungsarbeit.)
    Das christliche Bekenntnis tritt die Nachfolge der Magie an, wenn es von der Nachfolge Christi getrennt wird. Die Geschichte der Dogmenentwicklung ist die Geschichte der Remagisierung des Christentums (Sakramentenlehre). Das Zwangsbekenntnis ist genau so hilf- und wirkungslos wie der Regenzauber. Und die Hexen wurden nur deshalb so wütend vefolgt, weil sie an dieses magische Selbstverständnis des Christentums erinnerten. Die Gewaltbereitschaft der Gläubigen ist der Reflex auf dieses magische Selbstverständnis, an das man selber nicht mehr glaubt: die reale Gewalt soll ersetzen, was die magische nicht mehr leistet.
    Das jüdische Bekenntnis, das „Höre Israel“ ist ein Liebesbekenntnis und ein Schuldbekenntnis zugleich. Das christliche Bekenntnis behält davon nur die formale Hülle zurück: die Verknüpfung eines vergangenen Ereignisses (Repräsentant der Schuld, die zugleich das Projektionsangebot enthält) mit einer zukünftigen Hoffnung, Erwartung (der Begründung der Möglichkeit der Liebe, des rechten Handelns).
    Ist der Neue Bund (das Novum Testamentum) ohne das Nachfolgegebot überhaupt tragfähig?
    Das Christentum ist heute zentral vom Gedächtnisverlust, vom Vergessen, von der Erinnerungslosigkeit geprägt; Ausdruck dessen sind seine erbaulichen Versionen (die es in verschiedenen Gestalten gibt). Es bedarf großer Anstrengung, um durch Erinnerungsarbeit wieder zum eigentlichen Inhalt durchzudringen. Theologie könnte diese Erinnerungsarbeit sein. Voraussetzung wäre, daß die Vorkehrungen außer Kraft gesetzt werden, die durch ihr Gegenstands- und Wahrheitsverständnis diese Erinnerungsarbeit gerade ausschließen. Die dogmatische Theologie leistet durch ihr Erkenntnisgesetz gegenüber ihrem eigenen Inhalt dasselbe wie die Naturwissenschaften gegenüber der Natur. Kann man Theologie treiben ohne Gottesfurcht?
    Der sogenannte Urknall, der Big Bang, war nicht am Anfang, sondern kommt, wenn wir den Dingen ihren Lauf lassen, am Ende.
    Welt und Natur sind – auch als philophische Begriffe – politischen Ursprungs, in der Theologie nur Gegenstand der Kritik.
    Ist der Turmbau zu Babel ein Typos des hierarchischen Denkens? -Zur Geschichte der Architektur: Vom Turmbau zu Babel zum Haus des Seins.
    Der Personbegriff, der den Träger des Namens bezeichnet, neutralisiert den Namen, macht ihn verwaltungsfähig.
    Die Neutralisierung des Messiasnamens durch das griechische Christus, hat diesen Namen herrschaftsfähig (und in einer fatalen neuen Weise bekenntnisfähig) gemacht: Durch die neue Form des Bekenntnisses wurde das Christentum unter Narkose gesetzt.
    Herrendenken setzt Reflexion voraus und verdrängt sie zugleich (durch listigen Gebrauch). Oder: Herrendenken ist zweite Unmittelbarkeit, die die erste verdrängt.
    Die Ursprünge des Christentum liegen bei Juden, Ketzern und Frauen: Deshalb wurden diese in der Geschichte des Christentums immer wieder verfolgt (Kampf gegen die Erinnerung). Zusammenhang mit der Entwicklung der Kirche, der Einführung des Bischofsamtes, der Entstehung und Festlegung des Schriftkanons und der Entwicklung des Dogmas: Der Kanon ist antijüdisch, das Dogma antihäretisch, das Bischofsamt sexistisch. Oder die Gefahr des Kanons ist die der Leugnung des Vaters, die des Dogmas die der Leugnung des Sohnes und die des Bischofsamtes die der Leugnung des Heiligen Geistes.
    Das Bekenntnis ist das vergeistigte Martyrium, und die Vergeistigung die Identifikation mit dem Aggressor. Zusammenhang mit den evangelischen Räten (Gehorsam, Armut, Keuschheit: Absterben des Eigenwillens, des Eigentums und der Sinnlichkeit): darin ist das Martyrium (durch Formalisierung) im Hegelschen Sinne aufgehoben. Zugleich wird das zentrale Moment der Nachfolge verraten und unkenntlich gemacht.
    In der Auseinandersetzung mit den Häresien hat die Kirche durch Identifikation mit dem Aggressor das häretische Prinzip in sich mit aufgenommen: jeder Sieg über die Häresie war eigentlich eine Niederlage.
    Der Faschismus ist die letzte Verkörperung der Sünde wider den Heiligen Geist; er war aber insofern nur die „Generalprobe“, als der Antichrist am Ende diese Verkörperung in der Verkleidung des Christentums selber darstellen wird.
    Pater noster, qui es in caelis: nicht „in caelo“ (aber: fiat voluntas tua sicut in caelo et in terra).
    Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit rührt an die Idee des Ewigen. Wenn es gelingt, diesen Punkt genau herauszuarbeiten, müßte es möglich sein, die Naturwissenschaften von ihrem Bann zu befreien.
    Ist die dogmatische Bindung des Christen an die Trinitätslehre, an die Bekenntnispflicht, Modell der Beziehung des materiellen Objekts zum dreidimensionalen und ein früher Vorgriff darauf?
    Ist das Bekenntnis, das Symbolum ein reales oder ein stellvertretendes Bekenntnis (für die ganze Kreatur)? Nur so wäre das Zwangsmoment in Freiheit umzukehren. Ein Glaube, der nur für sich glaubt, der nicht die Armen und die Fremden, die Leidenden, die Unterdrückten und die Zukurzgekommenen mit einschließt, ist irreal.
    Eine Lehre, die wie ein Besitztum streng gehütet wird, anstatt im Wandel des historischen Prozesses neu gewonnen zu werden, verkommt, stirbt ab.
    Ist die Kirche etwa der Lazarus („Herr, er riecht schon“ – oder auch der, der die Brosamen an den Tischen der Reichen aufliest).
    Wer ist der Adressat des Confiteor (deus omnipotens etc.)? Und in welchem (inhaltlichen und funktionalen) Verhältnis steht das Confiteor zum Credo in der Messe? Konstruktion der Messe: Stellung und Bedeutung des Lavabo?
    Das pathologisch gute Gewissen ist sowohl katholisches Erbe als auch ein Rechtsinstitut (Bedingung des Urteilens): Niemand hat das autoritäre Exkulpationsritual nötiger als Staatsanwälte und Richter.
    Die Derrik- uund Schymanski-Mentalität, die im Vorhinein schon weiß, wer der Schuldige ist, ihn dann nur mit allen Mitteln zur Strecke zu bringen sucht (wobei das Vorauswissen als Rechtfertigung auch brutaler Mittel benötigt wird).
    Wenn man Längenkontraktion und Zeitdilatation zusammennimmt, wie ändern sich dann die Geschwindigkeiten? Die Strecken werden kürzer, die Zeiten dehnen sich: müßte nicht die Geschwindigkeit sich gleich bleiben? Gibt es auch den umgekehrten Effekt der Zeitkontraktion und der Längendilatation? – die umgekehrte Relation des ruhenden zum bewegten System (anhängig von der relativen Richtung von Licht und bewegtem Objekt)? Gibt es eine Beziehung zwischen diesen beiden Beziehungen?
    Verweist das Verhältnis von Körpergröße und Gewicht bei den Dinosauriern auf eine andere Gravitationsstruktur? Und weist das plötzliche Aussterben der Dinosaurier auf eine Änderung in dieser Struktur hin? – Maus/Elefant: Kurz-/Langzeitgedächtnis?
    Die Weltkriege als Phasen des Weltuntergangs begreifen. Wir leben in den Trümmern, die der Wiederaufbau nur verdeckt, nicht wirklich beseitigt hat, und merken es immer noch nicht. Geduld und langer Atem sind notwendig, um in den Bruchstücken die Elemente der neuen Welt zu finden und an ihrer erneuten, veränderten Zusammensetzung mitzuarbeiten.
    Wer der Gewalt der Sprachzerstörung, die in den Begriffen liegt, nicht verfallen will, muß die benennende Kraft der Sprache zurückgewinnen. Das wäre die Aufgabe der Philosophie heute. Insbesondere bedarf es heute der adamitischen Kraft, die beiden Tiere zu benennen. Zentrales Modell für die Wiedergewinnung der benennenden Kraft der Philosphie wäre heute die Kritik der Naturwissenschaften. Die Naturwissenschaften sind keine Weltbild-Produzenten, sondern sie bergen in sich die subversive Kraft, die die Weltbilder zerstört.
    Hegel hatte geglaubt, das Bild einer neuen Welt erstellen zu können; das war sein Fehler. – Die kommende Welt – wie immer sie auch sonst beschaffen sein mag -, eines ist gewiß: sie ist bilderlos.
    Die Umkehrung des Trotzes war die Liebe, die des Charakters die geliebte Seele. Nach Rosenzweig ist das Bekenntnis der Seele die Antwort auf die Offenbarung.
    Ist der dreifache Verrat des Petrus auch inhaltlich unterschieden?
    Die Virginitas ist ein Symbolum, kein Biologicum.
    Seit der Phänomenologie ist der theologische Gebrauch des Begriffs der Anschauung obsolet geworden. Die Phänomenologie hat als reine Theorie zugleich dieses zentrale Moment der philosophischen Tradition, die Theoria, liquidiert (Zusammenhang von Anschauung und Bekenntnis!).
    Nicht die Umwertung aller Werte, die vielmehr genau in die Katastrophe hineinführt, zu deren ersten Vorboten gehört, sondern die Kritik des Wertbegriffs selber, genauer: die Kritik jenes Begriffs der Objektivität, in dem der Begriff des Werts entspringt, sich konstituiert, ist der Anfang der neuen Philosophie.
    Der engliche „cant“ war für Max Scheler die Projektions-Müllhalde, auf der er alles abladen konnte, was er in sich selbst verdrängen mußte.
    Man kann sich zu einer Sache bekennen, von der man überzeugt ist.
    Schellings „das Zukünftige wird geahnt“ stellt eine Beziehung zur Zukunft her, die dem des Schicksals entspricht. Die Zukunft ist etwas, was von außen her eintritt, außer jeder Beziehung zum eigenen Handeln, von dem für den, der nur noch „ahnt“, nichts mehr abhängt.
    Eine Zukunft, von der man „überzeugt“ ist, ist entweder Gegenstand einer negativen Prognose (Vorteil: wenn’s eintrifft, behält man recht, wenn nicht, wird die Prognose vergessen) oder aber Gegenstand eines (zwangsweise) geglaubten Bekenntnisses. Das reale Verhältnis zur Zukunft ist das der Gottesfurcht: eben diese wird durch die Überzeugung verdrängt.
    Wer die Zukunft dingfest machen will, erträgt es nicht, in der Gottesfurcht zu bleiben: er verachtet die Weisheit. Er ist zum Verdummen verurteilt.
    Wenn Erkennen etwas mit der Zeugung zu tun hat (Adam erkannte sein Weib …), dann ist das Überzeugen eine Vergewaltigung.
    Verhältnis von chemischem und juristischem Prozeß: Am Ende bleibt die Asche.
    Die Fundamentalontologie ist die in objektloser Angst erstarrende Hypostasierung des Wissens, das dann keines mehr ist.
    Zur philosophischen Bildung heute gehört die Lektüre des „Angehörigen-Info“.

  • 11.12.90

    Natur ist ein Weltbegriff (ein Begriff, der vollständig abhängt von den transzendentalen Konstitutionsbedingungen der Welt) und in theologischem Zusammenhang nicht zu gebrauchen. Natur usurpiert den Schöpfungsbegriff, ist mit der Vorstellung eines zweckmäßig (als Vorsehung) handelnden innerweltlichen Subjekts verbunden. Anders wäre Leben (als Teil der Natur – nicht nur unter Bedingungen der Natur) nicht zu begreifen. Dagegen die Vorstellung Horkheimers (in der DdA), daß die Tiere an ein Unglück in der Vorzeit erinnern. – Es ist in der Tat ein Unterschied, ob das Leben als „von der Natur“ hervorgebracht oder unter Naturbedingungen sich entwickelnd vorgestellt und begriffen wird. Die Anwendung des Naturbegriffs auf theologische Gegenstände und Zusammenhänge ist (nach der epochalen Entdeckung Franz Rosenzweigs) nur im Kontext der Umkehr (im besonderen Verhältnis des Mythos zur Offenbarung) möglich.

    Mit dem Radikalenerlaß und mit der späteren Sympathisanten-Hatz begann die mehr oder weniger sanfte faschistische Umkehrung der öffentlichen Meinung in der BRD; seitdem hat dieses moralische Klima (die Kohlsche ingeniöse Konsequenz daraus: das Aussitzen moralischer und politischer Probleme) wirtschaftlich und politisch nur noch Erfolge gebracht und ist dadurch fast unangreifbar geworden. Unangreifbar vor allem auch deshalb, weil es unmittelbar an kirchliche Traditionen (insbesondere der Ketzer-und Hexenverfolgung) anknüpfen konnte.

    Tentari non patitur Deus suos supra id quod possunt. 1 Kor. 1013, 2 Petr. 29, Offb. 210.

    Was bedeutet im NT das Bekennen (homologein) des Namens Jesu? Hat das Bekennen etwas mit der Nennung des Namens im Sinne des Ansprechens, des Aufrufens zu tun?

  • 30.11.90

    Zusammenhang der Begriffe Welt, Gnosis, Person mit der Konstituierung des Privaten: Die Begründung einer besonderen Privatsphäre und deren Abschirmung gegen das Schicksal der Welt, die Einschränkung der Moral auf diese Privatsphäre sind genaue Reflexe eines Weltbegriffs, der nach aristotelischem Modell die Ewigkeit der Welt voraussetzt, d.h. den Begriff einer Welt, die nicht erschaffen ist. Die Lehre von der Schöpfung aus dem Nichts bleibt irrational und eigentlich gegenstandslos, eine reine Willkürsetzung, wenn sie nicht mit einer Kritik des Privaten verbunden ist, mit dem Bewußtsein einer Verflochtenheit des Privaten in den gesamtgesellschaftlichen Prozeß, in den Weltprozeß (das Weltgericht).

    Die Rezeption der Stoa scheint bei der Begründung der Privatsphäre, der Privatisierung der Vernunft, eine nicht unerhebliche Rolle zu spielen. Die stoische Ataraxie ist offensichtlich ein Versuch, das Subjekt vor den übermächtig werdenden Problemen eines moralischen Politikbegriffs zu retten, es dagegen abzuschirmen und zu erhalten.

    Es gibt nicht nur die Dialektik von Herr und Knecht, sondern auch eine unterirdische Verbindung der Herren mit den Asozialen (eben das macht den Anblick der Asozialen fürs Herrendenken so unerträglich). Der Herr ist (heute) sozusagen der asoziale Knecht; nur so kann er Herr werden. Die Rezeption des Asozialen ins Herrendenken erfolgte beim Übergang von der Sklaverei zur Lohnarbeit, als die Welt Macht über die Herrschaft gewinnt, zu deren Subjekt wird. Nicht daß die vorhergehenden patriarchalischen Verhältnisse moralischer gewesen wären: sie mußten jedoch zumindest den Schein des Moralischen wahren. So galten die Könige als die Verteidiger der Armen; diesen Anspruch haben die neuen Herren nie erhoben; vielmehr gehört die Bestrafung der Armut zur kapitalistischen Tradition.

    Ist es ein Zufall, oder hat es systematische Gründe, wenn im NT (und im Talmud) die ersten Beispiele von Lohnarbeit vorkommen? Sind die Christen nicht eigentlich von Anfang an moralische Lohnarbeiter Gottes gewesen (tugendhaft nur aufgrund der Erwartung des himmlischen Lohns)? Und hatte der liebe Gott nicht immer schon etwas von einem welthistorischen Arbeitgeber, der dann allerdings in einer bestimmten Phase der Vergesellschaftung überflüssig, nicht mehr benötigt wurde?

    Die Übermacht der Welt, die heute über den Kirchen zusammenschlägt, ist von den Kirchen selber mit begründet worden: mit der Übernahme des philosophischen und politischen Weltbegriffs. Genau an dieser Stelle gewinnt der Bekenntniszwang seine merkwürdige zweideutige Funktion und Bedeutung, verschwindet das Bewußtsein davon, was einmal Symbolum hieß.

    Adams Namengebung der Tiere war der Beginn des Austritts aus der tierischen Tradition, aus dem animalischen Bann. Es war der Fehler der Aufklärung (und des deutschen Idealismus), daß sie die Befreiung, die Menschwerdung mit dem Sündenfall identifizierte (den sie dann auch bewußtlos beförderte, indem sie die letzten Widerstände aus dem Weg räumte). Die (paradiesische) Vorstufe der Befreiung war die Namengebung der Tiere: War diese Namengebung ein Akt der Aggression, der Anklage, des Gerichts (Beginn der Naturbeherrschung), oder war sie ein Akt des Erbarmens, der mimetischen Selbsterkenntnis, der Identifikation? Wie haben die Tiere diese Namengebung (das Erkanntwerden durch den Menschen) erfahren? Und wäre das der Punkt, der wiederzugewinnen wäre, um auch die Tiere aus dem Bann zu befreien? Und sind nicht Kafkas Einsichten (Vor der Akademie, Gregor Samsa, der Bau) ein Hinweis darauf, daß der letzte befreiende Akt nur auf dem Grunde einer Tier und Mensch gemeinsamen Erfahrung erfolgen kann?

    Vom Tier trennt den Menschen die Vergeistigung der Scham. Beim Tier ist die Scham physisch: kein Tier ist nackt. – Aber Gott gibt den Menschen (nach dem Sündenfall) ein Fell zur Bedeckung ihrer Scham (Zusammenhang von Sündenfall, Naturbeherrschung, Vergesellschaftung und Scham).

    Der Nationalsozialismus hat die Kirche vor eine scheinbar unlösbare, jedenfalls bis heute ungelöste Aufgabe gestellt: Die Kirche war immer „staatsfromm“ (notwendige Folge ihres Weltbegriffs; nicht zufällig hat sie den Staat als Teil der Schöpfungsordnung angesehen); der Nationalsozialismus jedoch hätte sie dazu bringen können und müssen, daß der Staat nur als ein Teil der durch den Sündenfall im Grunde verstörten Welt angesehen werden kann. Die Schöpfungsordnungstheorie hängt zusammen mit dem ungeklärten Weltbegriff; sie ist in Grenzen vertretbar für die vorkapitalistische (noch nicht restlos durchs Tauschprinzip definierte) Welt; mit dem Eintritt des Kapitalismus war sie nicht mehr haltbar.

  • 10.10.90

    In seiner Predigt vor der Herbstvollversammlung der deutschen Bischofskonferenz in Fulda vermißte Karl Lehmann die „dankbare Freude“, statt dessen werde „Trübsinn, Vergangenheitsbeschwörung und gottferne Skepsis gepflegt“ (FR vom 26.09.90). Karl Lehmann auf J. Ebachs Interpretation der Geschichte von Lots Weib hinweisen? Der Begriff „Vergangenheitsbeschwörung“ zusammen mit dem Hinweis auf „Trübsinn“ und „gottesferne Skepsis“ macht die Verwirrung, die den deutschen Katholizismus heute beherrscht, (den Verdrängungsprozeß und die Verblendung, unter denen die Kirche heute leidet) mit einem Schlage sichtbar.

    Die Verwendung des Begriffs „Vergangenheitsbeschwörung“ läßt sich nur durch einen vollständigen Mangel an Gottesfurcht erklären.

    Die Todesstrafe wurde abgeschafft, als die Menschen nicht mehr an die Hölle glaubten. Dafür wurde dann die lebenslängliche Haftstrafe eingeführt und entsprechend ausgestaltet. Die Abschaffung der Todesstrafe war außerdem überdeterminiert, da nach Auschwitz zu viele das Risiko zu fürchten hatten.

    Das Gefängnis ist heute der Ort, an dem Menschen zu qualitätsloser Materie fertiggemacht werden. Es mußte einfach in der Industriegesellschaft einen Ort geben, der noch schlimmer war als die Fabrik. Das wirft ein Licht auf die Argumente der allgemeinen Niedertracht: „Denen geht’s ja viel zu gut“.

    Zu dem Prinzip „man darf alles tun, sich nur nicht erwischen lassen“: Das Prinzip ist erweiterungsfähig: Jede Gemeinheit ist zulässig, solange sie nicht ausdrücklich rechtlich untersagt ist; und Gemeinheit ist nicht justiziabel. Nach diesem Prinzip verfährt heute ein nicht unerheblicher Teil sowohl der Medien (von BILD bis FAZ) als auch unserer Justiz (von den Ermittlungsbehörden über unsere Gerichte bis zu den Aufsichtsorganen in den Strafanstalten).

    Das Gewaltmonopol des Staates drückt sich mittlerweile in den Folgen der Komplizenschaft einer Gemeinheit aus, die bewirkt, daß fast alles erlaubt ist, weil nichts mehr nachweisbar ist. Darin überlebt auf eine perfektionierte und gewitzte Weise Auschwitz.

    Im übrigen wurde Auschwitz vorbereitet in den kirchlichen Höllenpredigten (der Schule der Gemeinheit).

    Zum Problem des Selbstmitleids: Nach Walter Benjamin ist der Kleinbürger Teufel und arme Seele zugleich, arme Seele für sich und Teufel für die andern. Heute gibt es hierzu keine Ausnahme mehr, heute sind alle Kleinbürger. Genau darin liegt die ungeheure Gefahr und die Gewalt des Selbstmitleids. Vgl. hierzu Edgar Morins Antwort auf die Frage, warum die Menschen im Kino weinen.

    Im Übrigen ließe sich die Hölle sehr gut als Kino vorstellen, nur daß in der Hölle die Verdrängung entfällt, das reale Bewußtsein der Situation hinzukommt. Diese Situation ist heute durch das Fernsehen individualisiert und privatisiert worden.

    Naturkonstanten wie z.B. Masse und Ladung des Elektrons verweisen allesamt auf strukturelle Gegebenheiten, nicht auf Dingeigenschaften. Wer das verwechselt, ist potentieller Antisemit.

    Mir scheint, in der Auseinandersetzung mit der Postmoderne in Frankreich wird die mißlungene Auseinandersetzung mit dem Positivismus wie unter einem Wiederholungszwang nochmals mißlingend wiederholt. Die Leute wollen sich einfach die „Dinge“ nicht aus dem Kopf und aus der Hand schlagen lassen, weil sie fürchten, dabei sich selbst zu verlieren.

    Wären Menschen, die vor zweieinhalb Tausend Jahren Propheten wurden, heute vielleicht schizophren? Und säße Ezechiel heute in der Anstalt eines Landeswohlfahrtsverbandes?

    Zum Problem „Insektenforscher“: Der Begriff erweckt den Eindruck, als sollten Probleme der Kirche und der Hierarchie ohne Emotionen untersucht werden. Das ist nicht ganz korrekt: Affekte sind sehr wohl angemessen und notwendig; ich würde sagen: wenn es sein muß mit Zorn, aber ohne Empörung (beide unterscheiden sich durch ihre Richtung: der Zorn geht zur Sache, die Empörung gegen Personen).

    Zum Bruch zwischen der Vätertheologie und der Scholastik: Vätertheologie und Dogmenentwicklung als Anpassung der Theologie an die Welt, als der Versuch, sich als Kirche in der Welt einzurichten; war möglich, weil ihm ein philosophischer Weltbegriff (Begriff des Kosmos) entgegenkam. Dieser Weltbegriff, den Spengler mit dem Begriff der arabischen Kultur zu fassen versucht hat, mußte untergehen, ehe die dann weitergehenden Konsequenzen daraus gezogen werden konnten. Theologie mußte mit einem neuen Weltbegriff verbunden werden, der aus der Theologie zu entwickeln war: Das ist die Leistung der wissenschaftlichen Diskussion seit den Anfängen der Scholastik (Entwicklung des instrumentalisierten Begriffs).

    Theologie als Geschichte der Auseinandersetzung mit der Philosophie (mit dem Herrendenken, dem die Theologie mit der Rezeption der Philosophie dann selbst verfallen ist).

    Karl Thieme hat einmal die Geschichte des Schiffsbruchs vor Malta eschatologisch interpretiert: als Typos der Rettung der Völkerwelt (mit Ausnahme des einen Volkes, dessen Rettung nicht Sache der Kirche ist) bei gleichzeitigem Untergang des Schiffes (der Kirche). Er hat einen Punkt dabei übersehen: das Schiff ist infolge eines Sturms untergegangen (durch den Geist). – Vgl. auch die Geschichte mit der Natter (Paulus wird von der Natter gebissen, stirbt aber nicht, sondern überlebt, nachdem er sie ins Feuer geworfen hat: verniedlichter Höllensturz des Drachen).

    Heidegger war der Sache ganz nahe: Sein „Gestell“ ist in Wirklichkeit das Gericht.

    Die „Summa contra gentiles“ war der Weg, über den der Islam in das Christentum eingedrungen ist. Nach der Hellenisierung und Islamisierung wäre heute die Judaisierung des Christentums an der Reihe.

    Drückt in der kirchlichen Kampagne gegen die Abtreibung vielleicht doch ein Stück Projektion sich aus. Wird hier nicht etwas angegriffen, dessen man sich selbst schuldig fühlt: der Abtreibung der Wahrheit (durch deren Instrumentalisierung im Interesse des Herrendenkens).

    Eine Philosophie des Namens müßte die ganze Spannbreite des Sprachgebrauchs abdecken: vom „das ist in unserem Namen geschehen“ bis zum „die Dinge beim Namen nennen“.

    – Im Bereich des Namens gibt es keine Subsumtionsbeziehungen.

    – Im Namen ist die Trennung von Begriff und Objekt aufgehoben.

    – Das Sein ist der Annihilationspunkt des Namens, der Punkt, an dem der Name in den Begriff umschlägt, die Subsumtionslogik, das Herrendenken beginnt (Quellpunkt des Begriffs).

    – Rührt das emphatische, das gleichsam theologische Verständnis der Ontologie her vom ontologischen Gottesbeweis?

    – Nicht das Eine oder die Einheit, sondern der Eine ist ein Gottesname.

    Adams Namengebung der Tiere verweist auf den Zusammenhang von Benennung, gegenständlicher Erkenntnis, die „katastrophische“ Genesis der Tiere (DdA) und den Zusammenhang mit den apokalyptischen Tieren (den singulären Chaosmächten: den falschen Umschlag des „Begriffs“ als absoluter Begriff in den Namen). – Hiob nochmal lesen: Behemoth und Leviathan; welche Bedeutung der Hinweis auf diese Tiere an dieser Stelle hat: Begründung der Gottesfurcht? – Zusammenhang mit der Erschaffung Evas (Namengebung der Tiere vorher), der Geschlechtertrennung und dem Auftrag zur Naturbeherrschung, sowie mit dem Baum der Erkenntnis (Erkenntnis des Guten und Bösen).

    Merkwürdige grammatische Beziehung: Die Erhebung in die Allgemeinheit verwandelt ein Maskulinum in ein Femininum. Jede -heit und -keit ist feminin, jeder -ismus ist maskulin. Oder auch: der Logos, aber die Ontologie, Theologie, Geologie etc. – Gattung und Art sind feminin (im Deutschen, aber genus und species?), das Individuum ist neutrum.

    Die Raumkontraktion und die Zeitdilatation beschreiben genau den Punkt, an dem die die sinnliche Welt in die physikalische umkippt: die Grenze zum Objekt. Man muß den prozessualen Vorgang nur rückwärts lesen.

    Das Ätherproblem ist mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit gelöst worden: Es ist das Problem der inneren Grenze des Inertialsystems.

    Die Tatsachenwelt ist in der Tat eine: Die Welt ist ein Produkt des Tuns; in der Konstruktion der Welt steckt das Tun der Menschen, der Gesellschaft: der Staat. Durch dieses Tun sind die Menschen, ist die Gesellschaft mit in den Schuldzusammenhang verflochten. Und auf dieses Tun müßte sich heute die Gewissenserforschung richten, deren Resultat eine neu begründete Theologie wäre. Der Inbegriff dieses Gewissens ist die jüdisch-christliche Tradition, die der Antisemitismus (im Auftrag der Welt) aus der Welt schaffen wollte. Wenn die Beichte heute den wirklichen Problemen in Deutschland (nach Auschwitz) überhaupt nicht mehr angemessen ist, dann hängt das damit zusammen. Der eigentliche Gegenstand der Beichte wäre das Erbe der Philosophie.

    Ist der (kultische) Opferbegriff dem Kreuzestod Jesu angemessen? Wo und von wem wurde zum erstenmal der Opferbegriff hierauf angewandt? Und wie war hier der Opferbegriff gemeint, real oder symbolisch (als Teil der Aufhebung des Opfers)?

    Was bedeutet die „Erhöhung des Herrn“, und zusammen damit das „Sitzen zur Rechten Gottes“: Die Rechte ist die Seite der Gnade, des Erbarmens (aber von hinten ist sie die Linke, die Seite der Strenge, des Gerichts – Bedeutung der Umkehr!). Wie verhält es sich mit dem Wort: „…, der ißt und trinkt sich das Gericht“? Hat nicht die Mysterientheologie durch den Zusammenhang, in den sie die sakramentale, mystische Teilhabe der Gläubigen an der Erhöhung des Herrn rückt, diese Erhöhung zur Hypostase des Gerichts gemacht?

    „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Dieses Wort Jesu verweist darauf, daß die Wahrheit nicht nur gegenständlich ist, sondern auch subjekthaft (wer das Subjekt in der Wahrheit durchstreicht, streicht die Wahrheit durch.)

    Vielleicht stimmt es, daß die Beziehung der Juden zu Gott unmittelbar ist (F. Rosenzweig), die der Christen ist es nicht. Hier bedarf es – auch im Sinne der Mysterientheologie – des Durchgangs durch den Tod. Heideggers „Vorlaufen in den Tod“ hält davon die letzte und allerabstrakteste Erinnerung fest, oder auch die letzte Erinnerung des islamischen Verständnisses des Martyriums als Tod im Heiligen Krieg. Auch bei Heidegger ist ja das „Vorlaufen in den Tod“ Teil des heroischen Gestus seiner Philosophie. (Anzumerken ist: Der Islam hat den Heiligen Krieg gepredigt, das Abendland hat ihn – zuletzt im sogenannten „Weltanschauungskrieg“, der ein Vernichtungskrieg war – aufs fürchterlichste praktiziert.)

    Der Zusanmmenhang von Objektivation und Instrumentalisierung (Vorhandenheit und Zuhandenheit bei Heidegger) verweist auf einen absoluten Vorrang des dreidimensionalen Raumes.

    Hegels Offenbarungsbegriff bezieht sich auf die Konstantinische Wende (das Ergebnis des Dogmatisierungsprozesses: das Christentum als Staatsreligion), nicht auf das Leben und die Taten und Leiden Jesu. Nicht zuletzt deshalb erscheinen auch bei Hegel die antijüdischen Vorurteile, die zu den Voraussetzungen und Folgen der Konstantinischen Wende gehören.

    Die Wirkung des Bekenntnissyndroms auf den Bekenntnisinhalt kann man daran erkennen, daß das Symbolum das Leben und die Lehre Jesu nicht erwähnt. Jesus ist nur geboren, gestorben und auferstanden; was dazwischen liegt, wird verschwiegen und ist auch im Rahmen des Bekenntnisses wohl nicht faßbar. Die Hegelsche Philosophie hingegen bezieht ihre ganze Stringenz aus diesem Bekenntnissystem; das Bekenntnis ist sozusagen die nicht mehr reflektierte Grundlage der Hegelschen Philosophie. Und die Bekenntnis-Theologie ist zum Inbegriff eines verworfenen, hoffnungslosen Glaubens geworden.

    Zu Dezisionismus und Bekenntnis: Die Ontologie ist nicht nur dezisionistisch, sondern auch Bekenntnis-Ontologie. Durch das Bekenntnis ist mit der Philosophie das dezisionistische Moment in die Theologie hereingekommen, und das war die Grundlage der Trinitätslehre und der Lehre von der Göttlichkeit Jesu im Sinne einer (nicht ewigen, sondern) überzeitlichen Göttlichkeit. Dieser Dezisionismus oder das Bekenntnis haben die Verwechslung des Ewigen mit dem Überzeitlichen ermöglicht. (Zum Begriff des Ewigen vgl. auch Rosenzweigs Aufsatz.) Überzeitlich ist der Staat (der Begriff), ewig ist der Gegenstand der Theologie (der Name).

    Wer sich mit dem Staat befaßt, wird den Staatsanwalt nicht vermeiden können.

    Jede Architektur ist ontologische und Bekenntnisarchitektur.

    Die Terroristen sind der Nachfolge Christi näher als die elitären Mysterientheologen.

    Zum Eckstein, den die Bauleute verworfen haben: Heute geht es nicht mehr nur um den Eckstein; sondern die Materialien, aus denen die Theologie zu erbauen wäre, bestehen nur noch aus den verworfenen Materialien, aus Ruinen. Zuerst ist die Betondecke zu zertrümmern, die die Ruinen der Geschichte zudeckt.

    Zu den Ursprungsbedingungen des pathologisch guten Gewissens gehören auch die historischen Verdrängungsprozesse, insbesondere jene die mit der Ursprungsgeschichte der modernen Aufklärung, vor allem der modernen Naturwissenschaften zusammenhängen. Erst wenn es gelingt, die Tathandlung, die die Naturwissenschaften ins Leben gerufen hat, und deren Folgen in der Welt selbst zu begreifen, erst dann gelingt es auch, jene Verdrängungsblockade aufzuheben.

    Modell für die Neutralisierung durch Erkenntnis ist das „pecunia non olet“. Deshalb wird man nicht umhin können, in der Vergangenheit „herumzuschnüffeln“.

    Es gibt zwei Formen der Entstehung von Vergangenheit. Die eine ist die historische: Mit jedem Tag vermehrt sich die Vergangenheit (die dann hinter uns liegt). Die zweite ist die natürliche (die auf uns lastet): sie ist gegenläufig zur historischen.

    Gefühl des Schwindels, wenn der Boden des Herrendenkens unter den Füßen weggezogen wird (Adorno): Die Kritik des Dings trifft auch das Subjekt zentral (in seinem blinden Fleck).

    Die Wahrheit ist antisystematisch, systemkritisch. Wenn sie trotzdem selbst systematische Züge trägt, rührt das her aus der Kritik des Herrschaftssystems, dessen Strukturen sich verkehrt in der Wahrheit abbilden. Darin liegt die unermeßliche Bedeutung der Hegelschen Philosophie.

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