Das Bekenntnis-Syndrom fördert und stabilisiert die Ghetto-Mentalität.
Kann es sein, daß das Trägheitsgesetz und das Tauschprinzip formal identisch, aber in der Tendenz entgegengesetzt sind (wie die beiden Richtungen einer räumlichen Geraden)? Darin scheint die Differenz zwischen Natur und Welt begründet zu sein. Das Bekenntnissyndrom verhält sich zum Tauschprinzip wie das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit zum Trägheitsgesetz (d.h.: der traditionelle Marxismus entspricht dem, was nach Einstein die „klassische Physik“ genannt wurde (Materialismus als Herrschaftswissen, als Ideologie; was entspricht dann der Längenkontraktion und der Zeitdilatation?).
– Es ist der regressive Geschichtsverlauf (die Weltgeschichte als Weltgericht), der Ziel und Ursprung in eine Beziehung rückt, die parakletisches Denken begründet.
– Sinnlichkeit und Bekenntnis?
Macht das Nachfolge-Gebot Theologie wieder möglich (das Bilderverbot reicht nur zur negativen Theologie)?
Hängt die Sohnes-Theologie nicht doch mit der römischen Praxis der Bestimmung des Nachfolgers durch Adoption (Caesar-Augustus) zusammen? Oder handelt es sich hier doch um ein Stück Biologie („Zeugung“) in der Theologie?
Das Pneuma, der Spiritus: Hat der Geist mit dem weder festen noch flüssigen Element Luft (weder mit der Erde, noch mit dem Wasser, erst nach dem Nachfolge-Gebot auch mit dem Feuer, den Feuer-Zungen) zu tun?
Wasser
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25.06.91
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20.06.91
In dem Aufsatz „Feinde um unsretwillen“ (Verwegenheiten, S. 311 ff, hier S. 332ff) geht F.W. Marquardt auch auf „radikalere Versuche … in den USA“ ein, auf die „Holocaust-Theologie“, die „in Auschwitz und in der Entstehung des Staates Israel … zum Teil einen Zusammenbruch des christlichen Dogmas selbst (sieht), und nicht selten wird bereits die Forderung nach einer Revision des neutestamentlichen Kerygma selbst erhoben.“ Dagegen glaubt M. einwenden zu können: „Niemand von uns könnte und wollte die Verantwortung übernehmen für eine Zerstörung und Auflösung des christlichen Kerygma und Dogma, in denen unsere Identität als Christen gründet. Für sie tragen wir keine Verantwortung. Ihnen sind wir in gleicher Diskussionslosigkeit unterstellt (Hervorhebungen H.H.) wie Israel seiner Treue zur Tora …“ Hierzu einige Bemerkungen:
– Hat das Dogma, das Bekenntnis (von dem nach der Kirchenspaltung, nach der Entstehung der Konfessionen, eigentlich nur noch im Plural gesprochen werden sollte) den gleichen Rang wie die Schrift (den Rang der göttlichen Offenbarung)?
– Die These, daß wir insbesondere für das Dogma (aber auch für das Kerygma, wenn wir es annehmen) „keine Verantwortung tragen“, führt auf den zentralen Punkt: Das Dogma, die Orthodoxie in jeder Gestalt, ist gleichsam in einem Aggregatzustand überliefert, der gegen sein Objekt nicht indifferent ist und – das ist meine zentrale These – zu den Ursachen des kirchlichen Antijudaismus gehört. Die „Buße“, auf die M. verweist, sollte korrekterweise Umkehr heißen, und endlich in seiner moralisch-religiösen Bedeutung zugleich als erkenntniskritische und theologische Kategorie begriffen werden – die große Bedeutung des „Stern der Erlösung“ liegt darin, daß sie erstmals diese erkenntniskritische Bedeutung der Umkehr hervorgehoben hat -; das ergibt sich unmittelbar aus dem Nachfolge-Gebot, durch das wir gehalten und verpflichtet sind, die „Schuld der Welt“ auf uns zu nehmen: d.h. auch die uns durch die Welt, in die wir hineingeboren sind, auferlegte Last der Vergangenheit in unsere Verantwortung zu übernehmen. Wenn es eine Differenz der christlichen zur jüdischen Tradition gibt, dann liegt sie hier. Aber das Entscheidende ist, daß diese Differenz, ihre Bedeutung und Reichweite, nur im Lichte der jüdischen Tradition erkennbar ist, während die konfessionellen Aggregatsformen des Dogmas (aufgrund der Systemlogik des verdinglichten, instrumentalisierten „Bekenntnisses“) genau die Scheffel sind, die diese Lichtquelle verdecken.
– Der Vergleich mit der jüdischen Treue zur Tora ist schlicht falsch; ohne Verletzung des Sinns der jüdischen Treue zur Tora läßt sich beides nicht auf eine gemeinsamen Ebene bringen und hier vergleichen (hier liegt die Falle, in die der kirchliche Antijudaismus seit den Kirchenvätern hineingetappt ist, und auf die nach meinem Verständnis das „et ne nos inducas in tentationem“ primär sich bezieht; die Versuchung ist die der projektiven Selbstentlastung; der Unterschied hängt mit dem zwischen dem Bilderverbot und dem Nachfolge-Gebot zusammen).
– Das Dogma, das Bekenntnis, ist seit seiner Entstehung auch als Waffe genutzt worden, an der Blut klebt (das Blut von Juden, Heiden, Ketzern, Hexen). Wäre es nicht an der Zeit, das Propheten-Wort „Schwerter zu Pflugscharen“ jetzt endlich auch aufs Dogma anzuwenden?
– Bilderverbot und Nachfolge-Gebot.
– Objektivierung, Verdinglichung, Instrumentalisierung: das Land, das aus dem Meer der Schuld, dem flüssigen Element, über dem der Geist im Anfang (nach der ersten Buber-Rosenzweigschen Übersetzung) „brütet“, dem Wasser, der ersten archä der griechischen Philosophie, auftaucht?
– Dritte Verleugnung („Das ist der Antichrist: wer den Vater und den Sohn leugnet“ – 1 Joh 222. Ist die dritte Leugnung die des Heiligen Geistes: „Wer aber etwas gegen den Heiligen Geist sagt, dem wird nicht vergeben, weder in dieser noch in der zukünftigen Welt“ – Mt 1232?).
– Entkonfessionalisierung statt Ökumene. -
10.06.91
Wertsetzung und Sinngebung setzen voraus, daß die Sache an sich wert- und sinnlos ist. Insoweit sind auch die positiven Werte Ausdruck von Verzweiflung.
Die Häresie wurde als Verrat empfunden, weil sie das Geheimnis der Orthodoxie ausplauderte. Durch die Mobilisierung der apologetischen Kräfte ist die Orthodoxie dann immer tiefer in die Verstrickung hineingeraten (Zusammenhang von Orthodoxie, Vergegenständlichung, Apologetik/Theodizee und Opfertheologie; Grund und Kontext der Häresienbildung).
Im Faschismus erfüllt sich die Geschichte der Häresien, aber so, daß gegen ihn Apologie nicht mehr greift, nicht mehr möglich ist, sondern nur noch das Bekenntnis, die Erfüllung des Nachfolgegebots: die Übernahme der Schuld der Welt, an deren Grund der Faschismus (durch den bedenkenlosen Gebrauch der Gemeinheitsautomatik) rührt.
Geschichte und Opfer: Die Nachgeborenen glauben, Herr der Vergangenheit zu sein, über die sie als Wissende und Urteilende (wenn sie das Erbe der Vergangenheit antreten, ohne die darin kapitalisierte Schuld zu reflektieren) sich erheben; sie können aber über die Vergangenheit nur deshalb sich erheben (und die Früchte der geopferten Vergangenheit ohne das Bewußtsein von Schuld genießen), weil sie mit der Vergegenständlichung des Vergangenen zugleich sich von der vergangenen Schuld glauben exkulpieren zu können, ihr damit aber gerade rettungslos verfallen. – Der Antisemitismus wollte mit den Juden die Vergangenheit, für die sie einstehen, loswerden. Und nicht zufällig ist jeder Historismus chauvinistisch: der Staat repräsentiert diese Herrschaft über die Vergangenheit; deshalb muß er seine Bürger, von denen er die Verdrängungsleistung fordert, generell unter Anklage setzen und braucht einen Staatsanwalt. Wehe denen, die sich erinnern.
Kontrafaktische Urteile in der Geschichte haben genau diese Exkulpationsfunktion. Als Urteilender distanziert man sich von der vergangenen Schuld, anstatt sie aufzuarbeiten. Kontrafaktische Urteile sind insoweit falsch, wie sie der gleichen Faktizitätslogik gehorchen wie die Tatsachenurteile. Auch der kontrafaktisch Urteilende steht als der moralisch Überlegene auf diesem Riesenleichenberg. Oder auf der Vergangenheitskolonie, der Vergangenheits-Dritte-Welt, dem Vergangenheits-Proletariat (das durch den Tod enteignet ist und dessen Arbeitsfrüchte wir genießen: dem ganzen Heer der toten Erniedrigten, Ausgebeuteten und Vergessenen).
Die Vergegenständlichung vollzieht am Objekt die Taufe der Vergangenheit. Genau das leistet die kantische Vorstellung der Zeit als subjektive Form der Anschauung.
Confessor und virgo: Der Mann nimmt die Schuld auf sich und kann sich davon nur befreien durchs Bekenntnis, er kann heilig werden nur als Bekenner; die Frau ist davon dispensiert, sie wird nur schuldig, wenn sie ihre Unschuld verliert: ist die Unschuld bei der Frau eine biologische, keine moralische Qualität?
Im Anfang war das Wort, aber was ist der Anfang anderes als der erste Ursprung der Vergangenheit? Genau in diesem Punkt entspringt die Sprache. So hat die Sprache eine ursprüngliche Beziehung zu den Toten – als Ausdruck der Trauer über das Vergehen. Darauf bezieht sich die Lehre von der Auferstehung von den Toten.
Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Aber woher kam die Urflut, die dann übrigens noch geschieden wird in die Wasser diesseits und jenseits des Firmaments?
Theologisch begründete Herrschaftskritik kann sich nicht einschränken auf den gesellschaftlichen Aspekt von Herrschaft, sie muß auch den naturalen Aspekt mit einbeziehen. Die gesellschaftliche Herrschaft enthält über ihr Verhältnis zur Naturbeherrschung auch ein naturales Moment, das im Rahmen einer theologischen Herrschaftskritik offengelegt werden muß (das ist der letzte Sinn einer Naturphilosophie). Es gibt einen Naturgrund von Herrschaft, den wir besetzt halten, der aber mit den Strukturen der gesellschaftlichen Herrschaft über die Natur nicht identisch ist, sondern zugleich davon getrennt untersucht und dargestellt werden muß. -
23.05.91
Zu Siegfried Herrmann, Jeremias, Darmstadt 1990: Schwer erträglich der Objektivitätsanspruch, der soweit geht, das der Autor sich selbst in der dritten Person zitiert. Damit scheint es zusammenzuhängen, daß
– die „Quellen“-Suche einfach nach dem Eindruck aussortiert (und der deuteronomi(sti)schen Redaktion zuordnet), was dem eigenen Prophetieverständnis nicht entspricht;
– das Prophetie-Verständnis selber sich (positivistisch) an den Klischees „Heils-“ und „Unheilsprophetie“ orientiert, hierbei tendentiell die „Heilsprophetie“ den „falschen Propheten“ zuweist, ohne die zentrale Bedeutung der Umkehr zu sehen, die wörtlich zu verstehen ist: durch Umkehr wird Unheilsprophetie zu Heilsprophetie, beide sind zwei Seiten der gleichen Sache; und falsche Propheten sind jene, die „Heil“ ohne Umkehr versprechen.
– Deutlicher als „Heil“ und „Unheil“, die christlichem (und dann faschistischem) Sprach- und Denkgebrauch entsprechen, wären ohnehin die biblischen Begriffe Gericht und Barmherzigkeit: Das Gericht ist das Gericht der Barmherzigkeit über die unbarmherzige Welt (über das Weltgericht).
– Unerträglich auch die unvermittelte (an preußisch-deutsche Traditionen der Geschichtsschreibung erinnernde) Zuordnung des Prophetenworts zu frühgeschichtlichen Kriegsereignissen mit der Tendenz, Unheil mit Niederlage und Heil mit Sieg gleichzusetzen: so als hätte das Hören aufs Prophetenwort die Niederlage, Unterwerfung und Vertreibung, das Exil, verhindern können. Prophetie ist Herrschaftskritik, nicht Kritik der Herrschaft des Feindes. (Die hämische Reaktion dessen, der den Besiegten nachträglich an seine – vom Propheten vorhergesagten – Fehler erinnert, entstammt der Tradition dieses Prophetieverständnisses).
– Geschichtsschreibung als Einfühlung in die, die seit je gesiegt haben, verfehlt die historische Wasserscheide der Prophetie von vornherein.
Unterirdisch scheint hiermit auch Bubers Schrift- und Prophetieverständnis zusammenzuhängen, wie es u.a. in seiner archaisierenden Sprache sich zeigt. Verwaltungssprache wird nicht dadurch „echter“, daß sie auf frühfeudale Verhältnisse rekurriert, gleichsam durch heroische Patina sich zu legitimieren sucht, Geistesgegenwart durch hierarchisches, entmündigendes Realitätsverständnis (Künden, Weisen, Walten), zu dem dann das existentialistische „Geschehen“ paßt: durch den Rückgriff auf vorzivilisatorische Verhältnisse ersetzt (durch die man glaubt, dem antisemitischen Gesetzesverständnis sich entziehen zu können, während man zugleich gesetzlose Zustände, die dem Antisemitismus zugute kommen, befördert).
Zu Jeremia „der Nacken und nicht das Gesicht“ (vgl. S. Herrmann, S. 95): Präzisierung des „hinter dem Rücken“; der Nacken beugt sich vor den Herren; er trägt die Last, das Joch (beugt sich unter der Last der Schuld). Vgl. u.a. Jer 1719ff: die Sabbatheiligung, 271ff: Zeichenhandlung vom Joch u.ö.
Kann es sein, daß man die – aus Deuterojesaias Gottesknecht-Liedern stammende – Vorstellung vom Sühneleiden des Gerechten (Jes 53) auf ihren Realgehalt zurückführen, daß man die christliche Form ihrer Adaptation gleichsam umkehren muß, um ihre Wahrheit zu begreifen; man darf sie nicht aus der Sicht des Volkes, sondern aus der des Gottesknechts: nicht teleologisch, sondern kausal interpretieren: als erstes Zeugnis jenes Mechanismus, der dazu führt, daß in der Tat der Gerechte das erste Opfer der Gemeinheit ist, die im realen historischen Prozeß sich durchsetzt, wenn die Gottesfurcht verschwindet und die Lehre keinen Platz mehr findet. Falsch (dem Nachfolgegebot widersprechend) ist auf jeden Fall ihre Umformung zur Opfertheologie, die durch Instrumentalisierung das progressive Verschwinden der Gottesfurcht und der Lehre verursacht und am Ende beschleunigt hat. (Vgl. aber dagegen Hebr 1010 u.a.)
Die Bemerkung aus der DdA, wonach die Distanz zum Objekt vermittelt ist durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt, sowie die Konsequenz, die sich aus der mittelalterlichen Interpretation der biblischen Dornen und Disteln durch die Wormser Chassidim ergibt, ist ohne eine kritische Naturphilosophie nicht zu halten. -
13.05.91
Die Logik des Bekenntnisses beherrscht auch den Erkenntnisfortschritt: Das Objekt ist der Feind, das Wissen das Denkmal des Sieges; gewonnen wird das Wissen in der Auseinandersetzung mit den Häresien: den veralteten, überwundenen Anschauungen (in jeder Häresie tritt der wahren Lehre erneut ein noch nicht überwundenes Stück Heidentum entgegen). Der Materialismus repräsentiert die ungetaufte, noch nicht überwundene rohe Natur: das, was unten ist und da auch hingehört. Universität ist ein Zielbegriff und ein Kampfruf, die Wissenschaft die Phalanx, die ruhig, gewaltig und unwiderstehlich fortschreitet. Die widerlegten, überwundenen Gedankenmassen haben ihre Begräbnisstätten in den Bibliotheken gefunden; an die Möglichkeit einer Auferstehung denkt niemand.
Hat der Satz: „Vor Gott sind tausend Jahre wie ein Tag“ auch erkenntniskritische Bedeutung? Und ist nicht der Sinn hierfür durch die Musik geschärft worden: durch die Überlagerung verschiedener Zeitstrukturen? Und ist hier nicht die Klassik ein -wie auch immer ambivalenter – Fortschritt gegenüber der Polyphonie Bachs? Werden hier nicht in die Musik Formstrukturen eingearbeitet, die sich dann in der Musik gegen die Musik (in Richtung Sprache?) abarbeiten? Eine Geschichte der Musik nach Bach (bis Schönberg) müßte diesen Prozeß darstellen. Bach hat gleichsam das Gravitationsgesetz in der Musik entdeckt und ausformuliert, Schönberg das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit. Das Movens in dieser Geschichte ist mit denm Hegelschen Absoluten verwandt: mit dem Gesetz der Profangeschichte: von der brutalen Form der Selbsterhaltung bis zu den sublimsten Formen des Glücksverlangens.
Das Gefühl, dessen Begriff das Äquivalent des mechanischen Stoßes, das Tastempfinden, wie auch die sublimsten Erfahrungen umfaßt, ist nicht nur der Gegensatz zur Vernunft, zur Logik, sondern es hat seine eigene Logik, die an der der Vernunft partizipiert. Das Gefühl ist die brennende (aber nicht verbrennende) Innenerfahrung der Profangeschichte; durch die Bindung an die Profangeschichte hat es seinen pathologischen Zug, der aber gleichzeitig der Widerstand ist, an dem es sich abarbeitet. Das Gefühl ist das Äquivalent des materiellen Trägheitsmoments im Subjekt. Und die Physik, vom Gravitationsgesetz über die Thermo- und Elektrodynamik bis zum Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, zum Planckschen Strahlungsgesetz und zur Quantenmechanik, beschreibt nicht nur die Schicksale des Trägheitsbegriffs, sondern ebensosehr die des Gefühls. Das Gefühl konstituiert sich in der Spannung zwischen Welt und Natur (als subjektiver Reflex der entfremdeten, vergegenständlichten Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur). Sein Ursprung licht (sic, B.H.) die Geschichte der politischen Physik (nicht Ökonomie).
Der Säkularisationsprozeß hat seine Grenze darin, daß in seinem blinden Fleck die christlichen Ursprünge versteckt sind (blind herrschen und zugleich unerkennbar geworden sind). Diese verdrängten christlichen Ursprünge aber sind nur erkenntnis- und bewußtseinsfähig im Rahmen einer politischen Physik. Sie sind aufklärungsfähig nur dann, wenn der Bann, der von der Physik auf die Politik ausstrahlt und übergreift, gelöst wird. (Titel-Vorschlag: Probleme des Säkularisationsprozesses oder Kritik der politischen Physik. – Kritik der politischen Physik ist Kritik der Ästhetik, Kritik des Weltbegriffs; in der Theologie: Kritik des Bekenntnisbegriffs. Hintergrund ist der Zusammenhang der transzendentalen Ästhetik und der transzendentalen Logik)
Typos meiner Waldspaziergänge: das Brüten des Geistes über den Wassern (in Verbindung mit dem „abgestiegen zur Hölle“).
Über den Gegenstandsbegriff hat das Subjekt alle Objekte in den Strudel seines Falls mit hereingezogen.
Der verdinglichte Begriff des Unbewußten, der Zwang, das Unbewußte im Rahmen einer psychologischen Topographie im Subjekt zu lokalisieren, rührt her vom Telos der Psychoanalyse, von dem Ziel, das Subjekt lebenstüchtig zu machen, es ans herrschende Realitätsprinzip anzupassen, es arbeits- und genußfähig zu machen. Mit der Anerkennung des Realitätsprinzips lädt Freud dem Subjekt die ganze Last der Vergangenheit auf; die Hinnahme der Vergangenheit ist die Grundlage des Realitätsprinzips. Aber mit der Anamnese, mit der Erinnerungsarbeit, stellt Freud auch die Mittel bereit, diese Vergangenheit zu durchschauen; wenn die Anamnese entdomestiziert (nicht selber wieder dem Realitätsprinzip unterworfen) wird, vermag sie vielleicht auch diese Prämisse des Freudschen Konstrukts zu relativieren.
Das Subjekt-Objekt des Rechts ist die Gemeinheit: deshalb ist die Gemeinheit kein Tatbestand des Strafrechts.
Im Gravitationsgesetz und in der Geschichte der Optik und Elektrodynamik ist es der Physik gelungen, die Distanz zum Objekt ins System zu integrieren, so das System überhaupt erst zu konstituieren. Durch diese Einbindung aber ist das System zugleich gesprengt worden (Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit).
Falsch wäre es, das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit auf das Gravitationsgesetz bloß anwenden zu wollen, wichtig wäre es, die Identität zu begreifen.
Velikowsky und seine Nachfolger, die Vertreter einer katastrophischen Geschichtstheorie, bleiben in dem gleichen Konkretismus stecken, der auch die gesamte Ökologiebewegung beherrscht. Ein nicht konkretistischer Objektivitätsbegriff würde allerdings auch eine Kritik der Physik (Kritik des Inertialsystems) voraussetzen, die es bis heute noch nicht gibt.
Steckt in der Masse-Energie-Äquivalenz (E = m.c2) der Schlüssel für die Kritik und Entzifferung der wichtigsten Leistung des Gravitationsgesetzes: der Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen.
Enthalten die apokalyptischen Schriften Erinnerungen an die historischen Naturkatastrophen, oder enthalten sie Hinweise für eine Entschlüsselung dessen, was hier durch das Konzept der historischen Naturkatastrophen bewiesen werden soll? Die konkretistischen Weltuntergangsvorstellungen scheinen in den gleichen Zusammenhang hereinzugehören.
Wenn die Juden der Augenstern Gottes sind, wer ist dann der Finger Gottes? Ist es der Finger Gottes, der die Lippen öffnet? (Ein Titel wie „Der Heilige Geist als Person“ ist schlicht blasphemisch, eine Sünde wider den Heiligen Geist.)
Hat der Hahnenschrei etwas mit dem Morgenstern zu tun?
Die installierte Heuchelei des kirchlichen Lebens heute, der Existenz in der Kirche, beruht darauf, daß der Block des Bekenntnisses, wie es scheint, nicht aufzulösen ist. Erst die Verbindung von Gottesfurcht und Herrschaftskritik löst den mythischen Bann.
Das Subjekt in der Natur ist das alte logische Subjekt, das Subjekt im Urteil, das durch die Mathematisierung der Natur sich aufgelöst hat. Geblieben ist die Idee des unbegriffenen Benennbaren. Die Auslöschung des benannten (benennbaren) Subjekts ist der systemlogische Grund des Antisemtismus.
Heute verfängt sich das Herrendenken in seinem selbstproduzierten System. Der Satz „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ benennt das Prinzip davon.
Der Begriff des Gerichts hängt mit dem der gerichteten Bewegung, mit der Gewalt des Raumes, zusammen; gerichtet wird außerdem das Haus („aber der Menschensohn, hat nicht, wo er sein Haupt hinlegen soll“); und das Essen wird angerichtet. Gerichtet wird der Angeklagte, der Verbrecher.
Wie ist es mit dem Haus, dem Wohnen, im Alten Testament (das Zelt, der Tempel), mit dem Land, wo Milch und Honig fließt?
Die Erde erscheint von außen als „blauer Planet“. Warum eigentlich? Und warum nur die Erde?
Hegels List der Vernunft ist heute übergegangen in die Gewalt der Vernunft. Genauer: An die Stelle der List der Vernunft ist heute die nackte und brutale Gewalt getreten, die auch in der Vernunft ihr zerstörerisches Werk vollendet hat.
Die Differenz zwischen dem stalinistischen und dem faschistischen Antisemitismus läßt sich an dem Verhältnis der stalinistischen Schauprozesse und dem faschistischen Judenmord bestimmen: Die Funktion der Antisemitismen war unterschiedlich. Der stalinistische Schauprozeß ging über die Gehirnwäsche zur Auslöschung des Subjekts durch systemkonforme Selbstdenunziation; den Opfern wurde zugemutet, durch die doppelte Selbstdenunziation (als „Verräter“ der Bekenntnisgemeinschaft und des eigenen Gewissens) das von ihnen selbst vertretene System (ihre eigene Identität, wie es heute bei der raf heißt) zu retten. Die Angeklagten bekannten sich schuldig für Taten, die sie nicht begangen hatten. Um der Gemeinschaft, der sie sich verschrieben hatten (dem Bekenntnis, an das sie glaubten), zu dienen, ließen sie sich als Opfer (als Opfer ihrer eigenen Bekenntnislogik) vorführen. Die Nazis hingegen beteten die Gewalt an; und um diese Gewaltmetaphysik bei den eigenen Anhängern rein durchsetzen zu können, vernichteten sie die Angehörigen des Volkes, das an den einzigen Widerspruch gegen die Gewaltmetaphysik: an den Ursprung des Gewissens erinnerte. Die faschistische Gemeinschaft war die der Komplizenschaft, nicht die eines rationalen Bekenntnisses (der Form, nicht des Inhalts des Bekenntnisses).
Die Liquidierung ist ein stalinistischer Akt, die Endlösung ein faschistischer.
Intersubjektivität ist ein Bekenntnisbegriff.
Die Medien sind die Agenten des beschränkten Lesergeschmacks, den sie selber produzieren.
In den Problemen der Agrarpolitik und in den Dritte-Welt-Problemen drückt sich die Tendenz der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Natur aus, die darauf hinausläuft, die Natur (den Naturstoff und die Arbeit) zum Verschwinden zu bringen.
Legen die Hinweise von Gunnar Heinsohn die Erkenntnis nahe, daß die Schlachtopfer matriarchalischen, die Ganzopfer (Holocaust) hingegen patriarchalischen Ursprungs sind?
Urheber des Krieges ist der Staat, nicht das Volk (Franz Rosenzweig, Kleine Schriften). Das Volk ist Opfer des Krieges, und zwar unabhängig von nationaler Zugehörigkeit und unabhängig von Sieg oder Niederlage: so ist das Volk eine Schicksalsgemeinschaft.
Der Trick der Hegelschen Philosophie, die List der Hegelschen Vernunft, liegt darin, daß er das begriffslos gewordene Objekt zum Verschwinden bringt und auf diesem Wege den Begriff zum Inbegriff des Ganzen macht. Das Objekt, sofern es Deckbild des Anderen ist, dessen, was nicht in den Begriff aufgeht, ist nur noch Denkmal des vergessenen Namens, hat kein Existenzrecht. Vor diesem Hintergrund ist die Geschichte der Philosophie insgesamt antisemitisch, und das auch schon im frühchristlichen Dogmatisierungsprozeß, in der christlichen Theologie.
Heideggers Existenzbegriff ist Inbegriff der Gewalt, die dem Objekt angetan wird, während der Existenzbegriff bei Rosenzweig, wenn es denn so etwas überhaupt bei ihm gibt, Inbegriff des Leidens ist, das dem Objekt angetan wird. Philosophie ist der Prozeß der Verdrängung dieses Leidens.
Doppelte Beziehung zum Anderssein im Objekt: die Aggression, die Wut, ist antisemitisch, die Angst vor dem Chaos, vor der Selbstauflösung, ist frauenfeindlich. (Und die Oszillation von Angst und Wut ist die Elektrodynamik.)
Das Medium der Naturphilosophie ist die assoziative, auch aleatorische Aufschlüsselung des Bruchs zwischen der Sinnlichkeit und ihrer physikalischen Objektivierung. Die hierbei gewonnene Erkenntnis gleicht der, die Spengler die physiognomische Erkenntnis genannt hat, jedoch nach ihrer Befreiung von der Herrschaft, des Mythos, des Schicksals. Sie gehorcht dem Satz: Seht ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe; deshalb seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben.
Der Werbeslogan „Die Polizei, den Freund und Helfer“ ist schlicht eine blasphemische Lüge. Die Polizei ist die Priesterschaft des neumythischen Staates, das Opfer, das sie ihrem endlichen Gott darbringt, liegt noch jenseits des Ganzopfers, es ist kein Opfer mehr zur Entsühnung des Volkes, sondern das Opfer des Volkes zur eigenen Entsühnung, zur Entsühnung des Tieres, in dessen Dienst die Polizei steht. -
02.05.91
Als die Kirche das Schuld- und Moralzentrum aus der Politik in die Sexualität rückte (die Schöpfung anstatt auf Himmel und Erde, auf die Welt bezog), hat sie (den Wölfen sich angepaßt und) der Gottesfurcht den Weg versperrt: dafür den Mechanismus des autoritätshörigen Charakters installiert.
Zum Ursprung des Dezisionismus: Seit es für Antworten keine Begründungen mehr gibt, gibt es für Fragen (wie für mathematische Gleichungen) nur noch Lösungen (für die deutsche Frage, die Judenfrage, die Seinsfrage u.ä.): zugleich wurden die Fragen, um im Jargon zu bleiben, „unlösbar“, denn Lösungen sind keine Antworten.
Der Begriff der Schuld ist so zweideutig wie der der Person; beide unterliegen der gleichen Dialektik wie das Gewissen, das als Organ der Wahrnehmung der Schuld, der Fähigkeit, ohne Rechtfertigungszwang die eigene Schuld zu erkennen, zu unterscheiden ist von dem Schuldvorwurf, von der Anklage, die die Person von außen trifft und – wenn sie keinen Verteidiger hat – zwangsläufig Rechtfertigungszwänge auslöst, die Person in den Schuldzusammenhang hereinzieht, in denen die gesellschaftlichen Instanzen, vor denen die Person rechtfertigungspflichtig wird, sich konstituieren. Die Person ist nicht nur der Träger des Namens, sondern zugleich der Verantwortung, der Zurechenbarkeit. Die Person muß für ihre Taten geradestehen, sie muß Rede und Antwort stehen. Der Zusammenhang von Name und Schuld, Name und Anklage (man wird beim Namen gerufen, um Rede und Antwort zu stehen) ist die instrumentalisierende Kehrseite des von der Instrumentalisierung befreienden „Heute, wenn ihr meine Stimme hört“. Das Jüngste Gericht ist das Gericht der Barmherzigkeit über die Unbarmherzigkeit des Weltgerichts. Die Persönlichkeit besteht vor dem Weltgericht, weil sie dessen richtende Gewalt sich zueigen gemacht, verinnerlicht hat (und somit tendentiell unbarmherzig geworden ist), besteht sie auch vor dem Jüngsten Gericht? „Seht, ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe“.
Die griechische Philosophie (kennt und) braucht keine „Vorsehung“; in der Gestalt des schönen, wohlgeformten, durchorganisierten Kosmos ist das Ziel präsent, an dessen Bild die Poleis sich orientieren. Der Kosmos ist das Modell der richtigen Gesellschaft. Dagegen ist der römische Weltbegriff ein reiner Herrschaftsbegriff; seine Grenzen sind nicht die inneren Grenzen (die „Formen“) der kosmischen Körper, sondern die äußeren des Römischen Imperiums, der römischen Macht. In der griechischen Philosophie war das Chaos nach innen, in den Begriff der Materie, verdrängt; im römischen Reich lag es sowohl außerhalb der Grenzen der Pax Romana wie dann auch im Innern der zwar unterworfenen, aber nicht schon endgültig befriedeten Völker. Aber beide Weltbegriffe, der philosophische Begriff des Kosmos als auch der politische des Reichs, lassen sich nicht ohne fatale Konsequenzen theologisieren. Wer den Schöpfungsbegriff auf den Weltbegriff bezieht, macht den Staat zum Schöpfer (den die Gnosis übrigens zu Recht als Demiurgen erkannt hat), begründet die verhängnisvolle Staatsmetaphysik, die seit je die wichtigste Quelle des Antijudaismus und am Ende des Antisemitismus war. An der Systemlogik dieses Weltbegriffs hat sich die christliche Theologie seit der Vätertheologie vergeblich abgearbeitet. In diese Systemlogik gehören die Trinitätslehre, die Christologie und Opfertheologie herein, sowie der seitdem zentrale Bekenntnisbegriff, mit dem die Staatsmetaphysik verinnerlicht wurde. Diese Systemlogik war deshalb nicht mehr kritisierbar, weil sie sich selbst im blinden Fleck steht: sie war Grund sowohl des theologischen Objektivierungsprozesses als auch der hierarchischen Kirchenstruktur. Der Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang, der damit installiert war (und seitdem Grundlage der westlichen „abendländischen“ Zivilisation ist), ist das negative Abbild der Trinitätslehre.
Zum Johannes-Evangelium (zu der daraus abgeleiteten Christologie): Das „Im Anfang war das Wort“, das anklingt an das „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“, bezeichnet einen Anfang, zu dessen Bestimmung die damit erst entstandenen zeitlichen Bestimmungen nicht ausreichen. Insbesondere ist fraglich, ob er so einfach in die Vergangenheit projiziert werden kann (der Begriff des Ewigen schließt doch eigentlich eine Vergangenheit von sich aus). Und der Logos hat sicherlich weniger mit der Logik (und sei es die Hegelsche) zu tun, als mit der Sprache und dem Namen.
Was entspricht dem Personbegriff des Tertullian: prosopon oder soma? Oder ist es die Identifikation beider, der Gewaltakt, der die lateinische Theologie begründet? Ist es der gleiche Gewaltakt, der notwendig war, um den griechischen, kosmischen Personbegriff (soma) dem römischen, politsch-juristischen anzugleichen.
Welche Bewandnis hat es damit, daß das westliche Christentum nicht von der Metropole, sondern von den Peripherien ausgeht (in der auslaufenden Antike Nordafrika, und dann, im beginnenden Mittelalter, Irland)? – Aus Irland kommen insbesondere: die Ohrenbeichte, das Zölibat, die Mönchskirche, das Fegefeuer, insgesamt die Verdinglichung des Jenseits.
Die inneren Probleme des Christentums sind zu einem nicht unerheblichen Teil Übersetzungsprobleme. Es wäre sicherlich fürs Verständnis wichtig, wenn man die Schriften des NT ins Hebräische oder Aramäische zurückübersetzen würde. Was wäre, wenn man die Trinitätslehre und die Christologie ins Hebräische übersetzen würde?
An der Startbahnmauer steht heute noch der theologische Satz: „Ihr Gewissen war rein; sie benutzten es nie.“
Hierarchie bedeutet: der Anfang, der Grund, die Herrschaft des Heiligen, Hieronymus der heilige Name, Augustinus der Augustiner; was bedeutet Tertullian?
Besteht eine Beziehung zwischen der postmodernen Diskussion um den Begriff des Erhabenen und dem Caesar Augustus, aus der die kirchliche Legende dann den Kaiser Augustus anstelle des erhabenen Caesar gemacht hat. („Oh, du lieber Augustin …, alles ist hin.“)
„Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist …“ Über die Münze ist das Bild in den philosophischen Objektbegriff eingewandert, der somit unters Bilderverbot fällt (Zusammenhang von Opfer, Münze, Säkularisation). Dieses Bild des Kaisers ist zugleich Modell für den philosphischen Subjektbegriff (Folge der Säkularisation des Schicksals, des Dämon, des Kaisers, der Vergesellschaftung von Herrschaft). Das „Ich denke, das alle meine Vorstellungen muß begleiten können“ ist der legitime Erbe des Kaisers. Hegels Philosophie ist die Entfaltung dieses Zusammenhangs von Begriff, Schicksal, Herrschaft, Objekt und Subjekt, mit der Auflösung in der zutiefst scheinhaften Idee des Absoluten (des Organismus, in dem „kein Glied nicht trunken ist“, geweissagt im prophetischen „Taumelkelch“?).
Hängt das prophetische Bild des Taumelkelchs mit der Vorstellung von der „entsühnenden Kraft“ des Blutes zusammen (die heute noch die Tradition des Abendmahls entstellt, verdunkelt)?
Nach Freud ist der Witz auf drei Personen bezogen: den Urheber, das Objekt und den Adressaten des Witzes (der über den Witz lacht). Das Lachen ist Ausdruck und Teil seiner „Objekt“-Beziehung.
Rechtfertigung ist die Begründung ex post, die Begründung die Rechtfertigung ante.
Wie verhalten sich Ursache und Grund zueinander? Im Grund reflektieren sich die Zweckursachen, das teleologische Moment in der Sache. Die Welt unterscheidet sich von der Erde (adama) durch die Entgründung, durch die Herrschaft des Kausalitätsprinzips. Die Welt ist die grundlos (atheistisch) gewordene Erde. (Auch die Quantenmechanik hat – allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz – das Kausalitätsprinzip nicht durchbrochen.) Erst angesichts der grundlos gewordenen Welt ist die Frage sinnvoll: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts. Wenn es nur noch subjektive Gründe gibt, ist die Welt grundlos, bedarf es keines Gottes, gibt es keine Alternative zur Macht. In der instrumentalisierten Welt kommt es nicht mehr auf die Qualität der Argumente an, sondern nur noch auf die dezisionistische Entscheidung dessen, der seine Entscheidung auch durchsetzen kann (auf Macht). Das Äquivalent der Begründung in der formalisierten Logik leistet nicht mehr, was es leisten soll; mit dem Grund verschwindet auch das Subjekt aus dem Denken. Durch den Zusammenhang von Grund und Subjekt rührt das Subjekt an den Grund der Welt, an dem es Anteil hat, und darauf antwortet das Nachfolgegebot.
Wie hängt Wittgensteins Satz „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ mit der Instrumentalisierung und dem Verschwinden des Grundes zusammen? – Der Sündenfall eröffnet den Abgrund, in dem der Grund zugrunde geht: das Inertialsystem ist dieser Abgrund. Hierauf scheint das Moment des Rechtfertigungszwanges in der Geschichte vom Sündenfall hinzuweisen, wobei der Rechtfertigungszwang nur soweit reicht wie die Projektions-, die Objektivationsfähigkeit (die Schlange überredet, verführt, wird ohne Möglichkeit der Rechtfertigung verurteilt).
Flammenschwert: Vertreibung aus dem Paradies; Bileam? – Blitz (Mt 2427, 283, Lk 1018, 1724)? Zusammenhang mit dem Gewitter (Hi 38)? Ps 1814ff: „Da ließ der Herr den Donner im Himmel erdröhnen, der Höchste ließ seine Stimme erschallen. Er schoß seine Pfeile und streute sie, er schleuderte die Blitze und jagte sie dahin. Da wurden sichtbar die Tiefen des Meeres, die Grundfesten der Erde entblößt vor deinem Drohen, Herr, vor dem Schnauben deines zornigen Atems.“
Die zweite Bitte des Herrengebets ist keine Bitte, sondern eine Selbstverpflichtung.
Ist die Schwangerschaft nicht ein verinnerlichtes Brüten? Das erinnert an den Geist Gottes, der über den Wassern „brütet“.
Die Theologie heute erinnert an die Geschichte von der wunderbaren Brotvermehrung: Und sie sammelten die übriggebliebenen Stücklein, und siehe, es gab zwölf Körbe voll.
Vgl. Gen 11: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ und Gen. 24b: „Zur Zeit, als Gott, der Herr, Erde und Himmel machte, …“ Was bedeutet die unterschiedliche Reihenfolge (Himmel und Erde bzw. Erde und Himmel) im Kontext von „schuf“ und „machte“ sowie von Jahwe und Elohim?
Läßt die doppelte Gottesbezeichnung Jahwe und Elohim sich so verstehen, daß die eine die Selbstbezeichnung des den Menschen ansprechenden Gottes ist, während die andere die Fremdbezeichnung ist, sich auf Gott in der dritten Person bezieht, damit aber zwangsläufig im Plural gefaßt werden muß (gegen das Identitätsprinzip und die Hypostasierung des „Einen“). -
28.04.91
Zu den Problemen des Vaterbegriffs gehört es, daß die davidische Abstammung über Josef geht, Josef selbst aber nicht der Vater Jesu ist. Daß Josef später nicht mehr vorkommt, daß aber der Vaterbegriff Jesu trotz allem sehr auf Josef bezogen ist: daß er keinen Vater hat, macht ihm Gott zum Vater. Er hat eine Mutter (was hab ich mit dir zu schaffen?) aber keinen Vater. Der Vaterbegriff scheint dann ja auch in den einzelnen Evangelien mit unterschiedlicher Akzentuiereng, Betonung und Häufigkeit vorzukommen. Der Vaterbegriff ist – wie mir scheint – in der jüdischen Tradition so nicht vorgebildet. Mit dem Vaterbegriff hängt dann auch der fatale trinitarische Begriff der Zeugung zusammen. Frage: Ist das achte Gebot: Du sollst kein falsches Zeugnis geben …, eine Widerlegung oder eine Bestätigung des Christentums? Oder ist die Zweideutigkeit des Zeugungsbegriffs nur eine Suggestion des deutschen Sprachgebrauchs? Im Lateinischen wird zwischen dem generare und dem testare unterschieden.
Die Atome, Moleküle (Avogadrosche Zahl), Elementarteilchen sind Knotenpunkte des durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit korrigierten Inertialsystems.
Ist der „unbewegte Beweger“ des Aristoteles der Inbegriff aller Gravitationszentren (zumindest ist er das seit den Kant-Laplaceschen Weltentstehungstheoriem geworden)?
Die christliche Theologie war seit ihren Anfängen Apologetik. Ihr beliebtestes Werkzeug war – spätestens seit dem ontologischen Gottesbeweis – die Theodizee. Beide, der ontologische Gottesbeweis und die Theodizee, sind den Theologen spätestens mit Auschwitz aus der Hand geschlagen worden. Ist die Trinitätslehre auch eine Gestalt der Theodizee, oder nur ihr systemlogischer Ursprung? Wenn die Theologen nicht in der gleichen Geschichte das Hören verlernt gehabt hätten, hätten sie diese Katastrophe vorher kommen hören (in ihrer eigenen Sprache, in der Sprache der Erbaulichkeit). Die Theodizee war seit je ein Teil der Scheinheiligkeit, die sich im kirchlichen Pomp aufs drastischste manifestiert und darin sich um die Gottesfurcht herumgelogen hat. Wenn doch diese verstockte Christenbande endlich begreifen würde, welche Konsequenzen sie aus dem Nachfolge-Gebot ziehen müßte und daß nicht Gott sich für das Böse in der Welt rechtfertigen muß.
Adornos „Eingedenken der Natur im Subjekt“ bleibt an die Begriffe von Natur und Subjekt gebunden, die eigentlich zu kritisieren wären.
Kennzeichnend für den Zustand der Theologie ist es, daß von den zentralen theologischen Kategorien wie z.B. Gottesfurcht oder „im Angesicht Gottes leben“ nur noch ein erbaulicher Gebrauch gemacht wird, der in den Kontext der Scheinheiligkeit hineingehört. Grund ist die metaphysische Interpretation des Ergebnisses der Säkularisation.
Das wesentlich Neue bei Marquardt ist, daß er begriffen hat, daß nach Auschwitz jede apologetische Haltung gegenüber den Juden untersagt ist; nicht begriffen hat er, daß Mission (die Ausbreitung des Bekenntnisses) insgesamt eine Form der Apologetik ist. In diesem Zusammenhang erweist sich „Empörung“ (der Quellpunkt des autoritären Denkens) als die Versuchung, der unsere Theologie immer wieder erliegt.
Die Einführung des Personbegriffs in die Theologie war die Folge einer falschen Übersetzung durch Tertullian; im Griechischen heißt es soma. Genau hier ist der Punkt, an dem das physische Martyrium (die Heiligung des Gottesnamens) durch das seelische Selbstmitleid ersetzt wird. Hier setzt sich die Kirche an die Stelle der Armen und der Fremden und begründet so ihre hierarchisch-autoritäre Struktur (und den Pompzwang). Durch den Personbegriff ist die Sünde wider den Heiligen Geist fest in der Theologie installiert worden. Und hier ist der Punkt, an dem Gott, Mensch und Welt fast unrettbar in den Schuldzusammenhang eingebunden worden sind.
Trug meine Anpassung an kirchliche Bräuche, insbesondere mein Verhalten im Gottesdienst, vielleicht doch von Anfang an subversive Züge: Ich wollte nicht (zu früh) erkannt werden. Hierzu paßt es, daß ich nach dem Krieg sehr kurzentschlossen Theologie studieren wollte, mir aber nie vorstellen konnte, einmal Priester zu werden.
Auf eine wirkliche Berufung kann man sich nicht berufen (zum Titel des Professors). Bedeutung des Begriffs Berufung: jdn. berufen, sich berufen, berufen werden, Berufung einlegen.
Im Begriff des Feindbildes verschmelzen die Übertretungen des Bilderverbots und des Gebots der Feindesliebe. Sind nicht alle Bilder Feindbilder? Sind nicht Idole (Götzenbilder) Projektionsflächen für die Identifikation mit dem Aggressor und deshalb untersagt? Und ist nicht das Gebot der Feindesliebe der subjektive Aspekt des Bilderverbots?
Der Dekalog wird traditionell so aufgeteilt, daß die ersten drei Gebote als die eigentlich theologischen Gebote als die wichtigsten angesehen werden, während die folgenden nur das Zusammenleben der Menschen regeln, somit zweitrangig sind. Könnte es nicht sein, daß bei näherem Hinsehen die Akzente sich doch ein wenig verschieben.
– Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten: bedeutet doch auch, daß es untersagt ist, Theologie hinter dem Rücken Gottes zu betreiben.
– Ebenso das vierte Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß du lange lebest und es dir wohl ergehe auf Erden. Hier geht es nicht um die autoritäre Familienbindung, sondern darum zu begreifen, daß man die Eltern nicht als Projektionsfolie für eigene Fehler nutzen darf, daß man am Ende selbst die Verantwortung für den eigenen Charakter übernehmen muß.
Susanne Albrecht und Ezechiel: Das „dixi et salvavi animam meam“ ist nur einem Propheten (im Rahmen von Herrschaftskritik) erlaubt; im profanen Gebrauch (im Rahmen der Kronzeugenregelung) wird es zur Denunziation, zur Verletzung des achten Gebots. Sie hat ihre Haut, nicht ihre Seele gerettet.
Die Staatsfrömmigkeit, die im Titel des Staatsanwalts sich ausdrückt, hat u.a. lutherische Ursprünge (bzw. paulinische). Und der Säkularisierungsschub, den der Protestantismus ausgelöst hat, hat offensichtlich seine Grenze in seiner Beziehung zum Staat. Und diese Staatsbeziehung ist es, die den Protestantismus auf spezielle Weise anfällig gemacht hat für den Antisemitismus, d.h. auf pathologische Weise empfindlich gemacht hat gegen das Moment von Herrschaftskritik, das in der jüdischen Tradition enthalten ist. Hier scheint der kritische Punkt beim Friedrich-Wilhelm Marquardt zu liegen, wenn er sein Votum für Israel auch auf den israelischen Staat bezieht.
Kann es sein, das Marquardtsche Votum für den Staat Israel damit zusammenhängt, daß Israel durch den Staat in den Bekenntnizwang hereingezogen wird? Und Henryk M. Broder und Micha Brumlik sollten vielleicht doch einmal darüber nachdenken, ob nicht ihre Stellungnahmen in der letzten Zeit mehr mit der Schaffung „klarer Fronten“ als mit einer Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus zu tun haben, und ob nicht die Aufteilung in Gute und Böse, und die Anwendung des Prinzips „Wer nicht für mich ist, ist wider mich“ in die Mechanismen hineinführt, aus denen der Antisemitismus erwachsen ist: das ist ein böses Erbe des Christentums. Mir ist ein Jehoshua Leibowitz immer noch lieber als ein Micha Brumlik der auf den Bileam Marquardt hereinfällt.
Zur Kritik von Metaphysik: Die Verwechslung von Kontingenz und Geschöpflichkeit ist identisch mit der Verwechslung des Untertans mit dem Geschöpf (und des Staats mit dem Schöpfer: hier trifft die gnostische Kritik des Schöpfergotts).
Wie hängt die Institution des Bundespräsidenten mit der Bekenntnislogik zusammen (Personalisierung des Staates)?
Der Behemoth reicht (wie der Leviathan) in die Saurierzeit zurück; das Rätsel beider läßt sich wahrscheindlich nur gemeinsam lösen.
Was kommt alles zweifach vor? Jahwe und Elohim, die Urflut und die Wasser (über denen der Geist brütet), die Wasser über und unter dem Firmament, Mond und Sonne, herrschen über Tag und Nacht, Behemoth und Leviathan, Kain und Kenan, Adam und Noach.
Zur Konstruktion der Verblendung, des Verblendungszusammenhangs: Grundlage ist die Empörung, die Konstitution des Herrendenkens, des vergesellschafteten Subjekts; vorbedeutet im Verhältnis von Licht und Finsternis, Tag und Nacht, Sonne und Mond, Wachen und Schlaf, Leben und Tod, Name und Begriff. Wir werden geweckt, auferweckt, wenn wir beim Namen gerufen werden. Zusammenhang mit der Trennung von Zukunft und Vergangenheit (Idee der Gegenwart).
Wo und in welchem Zusammenhang erscheint in der Schrift die Aufforderung zu wachen? Wie hängt das Gebot zu wachen mit dem Beten zusammen?
Hier sind die Kinder dieser Welt wieder einmal klüger als wir: Im brain-storming haben sie längst entdeckt, was heute nottut (allerdings auch wieder unter Kontrolle gebracht): die Erinnerungsarbeit.
Im Schöpfungsbericht gibt es sieben Tage, aber nur sechs Nächte: nach dem siebten Tag gibt es keine Nacht.
Hat nicht der Aufklärungsprozeß, die Geschichte der Säkularisation, die ganze Welt in Nacht getaucht? Die Romantik hat nur den Mond entdeckt, nicht die Sonne. Und die Kirche wird den Herrn dreimal verleugnen und beim Hahnenschrei erwachen.
Ferdinand Ebner und Florens Christian Rang sind wohl die ersten im Christentum gewesen, die im Ansatz begriffen haben, welche Konsequenzen sich aus der Idee eine Theologie im Angesicht Gottes ergeben. Bei Florens Christian Rang in seiner Idee einer messianischen Erkenntnistheorie und in dem Ziel, nicht die Unendlichkeit Gottes, sondern seine Endlichkeit zu begreifen. Ferdinand Ebner fällt hinter seine eigene Einsicht zurück, wenn er die Ich-Du-Beziehung wieder in seine Ich-Einsamkeit zurücknimmt. Christ kann man nicht alleine sein, nur gemeinsam mit anderen. Das gemeinsame Gebet, die gemeinsame Auflösung der Ich-Einsamkeit: die Ausgießung des Geistes.
Die Vergöttlichung Jesu, die ihn zum Objekt der Anbetung macht, ist der Balken im christlichen Auge. Hier wurde auf Erden gebunden, was dann auch im Himmel gebunden war; der Weg der Nachfolge versperrt. Vgl. Büchners „Lenz“: Herr Pfarrer, wenn ich Gott wäre, ich würde retten, retten.
Mit dem homoousia haben wir ihn getötet, den cäsarischen Wahn, mit dem wir Macht über den Vater zu erlangen suchten, in die Fundamente der westlichen Zivilisation mit eingebaut. Der Preis dafür war der Antijudaismus (und schließlich der Antisemitismus, die letzte Reichsideologie). „In hoc signo vincis“: Als Siegeszeichen wurde das Kreuz zum Zeichen des Tieres.
Großartig erinnert Freud an „die Stimmung unserer Kindheit, in der wir das Komische nicht kannten, des Witzes nicht fähig waren und den Humor nicht brauchten, um uns im Leben glücklich zu fühlen“. (Sigmund Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, Fischer Bücherei, Frankfurt 1958, S. 193)
Gott schuf:
– Himmel und Erde,
– das Licht (1),
– alle Arten von großen Seetieren und anderen Lebewesen, von denen das Wasser wimmelt, und alle Arten von gefiederten Vögeln (5),
– den Menschen (6).
Gott schied:
– das Licht von der Finsternis (1),
– die Wasser unterhalb des Gewölbes von den Wassern oberhalb des Gewölbes (2)
Gott machte:
– das Firmament (2),
– die Lichter am Firmament (4),
– alle Arten von Tieren des Feldes, alle Arten von Vieh und alle Arten von Kriechtieren auf dem Erdboden (5).
Es sammle sich:
– das Wasser unterhalb des Himmels an einem Ort, damit das Trockene sichtbar werde (2).
Das Land lasse wachsen:
– junges Grün, alle Arten von Pflanzen, die Samen tragen, und von Bäumen, die auf der Erde Früchte bringen mit ihrem Samen darin (3).
Das Land bringe hervor:
– alle Arten von lebenden Wesen, von Vieh, von Kriechtieren und von Tieren des Feldes (5).
Gott nannte:
– das Licht Tag und die Finsternis Nacht (1),
– das Gewölbe Himmel (2),
– das Trockene Land, das angesammelte Wasser Meer (3).
Herrschen sollen:
– das größere Licht über den Tag, das kleinere über die Nacht (4),
– die Menschen: unterwerft euch die Erde und herrscht über die Fische des Meeres, das Vieh, die Vögel des Himmels und alle Kriechtiere auf dem Land (6).
Gott segnete:
– alle Arten von großen Seetieren und anderen Lebewesen, von denen das Wasser wimmelt, und alle Arten von gefiederten Vögeln (5),
– die Menschen (6),
– den siebten Tag (7).
Nahrungsgebot:
– Für die Menschen alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen und alle Bäume mit samentragenden Früchten (6),
– für die Tiere des Feldes, die Vögel des Himmels und alles, was sich auf Erden regt, was Lebensatem in sich hat: alle grünen Pflanzen (6).Adorno, Aktueller Bezug, Antijudaismus, Antisemitismus, Aristoteles, Auschwitz, Bäume, Bekenntnislogik, Broder, Brumlik, Büchner, Christentum, Ebner, Einstein, Empörung, Erbaulichkeit, Feindbildlogik, Freud, Justiz, Kant, Laplace, Leibowitz, Lüge, Marquardt, Naturwissenschaft, Rang, Selbstmitleid, Sprache, Theodizee, Theologie, Tiere, Wasser -
11.04.91
Eigentlich müßte schon der Satz „Name ist nicht Schall und Rauch“ die unterstellte Nähe des „Stern der Erlösung“ zur Existenzphilosophie widerlegen. Dieser Hinweis ist wichtig, weil gerade die „existentielle“ Interpretation Rosenzweigs (oder von Teilen der jüdischen Tradition im Hinblick auf ihre Rezeption für die christliche Theologie, die Buber vor allem vorbereitet hat) zu genau in den exkulpatorischen Mißbrauch des „jüdisch-christlichen Dialogs“ hineinpaßt. Es scheint einen Zusammenhang zu geben zwischen dem Untertauchen in den sprach- und namenlosen Existentialismus (die Widerstandserfahrung als Realitätsbeweis: das „Vorlaufen in den Tod“) und dem Trieb, die Gottesfurcht zu meiden: Christ sein zu können, ohne das Nachfolgegebot befolgen zu müssen. Die Totaloperation der Verdrängung als Erlösungsersatz. Hier stimmen von Weizsäcker und Marquardt zusammen: Weizsäckers Unvermögen, auf die Kritik des Objektbegriffs überhaupt sich einzulassen, und seine Identifikation mit dem Aggressor (mit der „Kopenhagener Schule“, die es so gar nicht gegeben hat außer in der deutschen Atom-Legende, nach dem Debakel des Heisenberg-Besuchs bei Niels Bohr im zweiten Weltkrieg) gehorchen dem gleichen Prinzip wie Marquardts Israel-Theologie (vgl. seine Ausführungen zur Rezeption des Halacha-Begriffs): der Vorstellung, das schlechte Gewissen könne auch durch Domestikation des Gewissens vermieden werden (Religion für andere oder Religion für den Hausgebrauch: Religion als Blasphemie).
Die Taufe ist der noachidische Akt: Sie steht im Zusammenhang mit Sintflut und Arche (Kirche?). Aber in der Arche werden mit Noah und seinen Söhnen nur die Tiere gerettet (und die Taube kehrt nicht zurück).
Heute ist die ganze Welt erstarrt in Gottesfurcht ohne es zu wissen.
Als die Erben und Nutznießer einer Welt, die andere für uns aufgebaut und zubereitet haben, sind wir auch die Herren dieser Toten, die uns beherrschen (Gesetz der Totenwelt).
Wenn wir der Logik und den Zwängen des Herrendenkens, die in Auschwitz triumphiert hat, entgehen wollen, müssen wir unseren Beitrag dazu leisten: den Anspruch, den die Toten an uns haben, zu erfüllen.
Die Philosophie verdankt sich der Instrumentalisierung der Erinnerung, die sich insbesondere im Begriff der Theorie ausdrückt, und die sich vollendet im Inertialsystem, das dann allerdings mit der Sprache zugleich auch die Kraft der Erinnerung auflöst (Inbegriff der vergegenständlichten Erinnerung).
Der Raum ist die Form der vergegenständlichten Erinnerung, nicht die Form der Gleichzeitigkeit. Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ist der Nachweis, daß der Raum die Gegenwart von sich ausschließt.
Der Objektbegriff, an dem der Nominalismus sich abgearbeitet hat („wieviel Engel haben auf einer Nadelspitze Platz?“), das Individuum, das hic et nunc, die haecceitas: das namenlose Objekt, auf das der Begriffsrealismus sich nicht anwenden ließ, hat durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit seinen Stellenwert so verändert, daß es wieder in die Nähe des Gegenstands der benennenden Kraft der Sprache gerückt wird. Nicht die Längenkontraktion und die Zeitdilatation sind das Entscheidende, sondern der dynamische Prozeß, in dem sie nur Momente sind, und der, wenn er wieder im Inertialsystem dingfest gemacht werden soll, auf die Mikrostruktur der Physik hinausläuft.
Lachen und begriffliches Denken gehören zusammen (dämonisches Lachen, Lachen und Verinnerlichung des Dämons; Lachen und Schicksal; Lachen und Gewalt, beide sprachlicher Natur, aber ohne benennende Kraft: beide haben ein Objekt und einen Adressaten; das Objekt ist namenlos, weil es „ausgelacht“ ist; Lachen und peer-groups (Bindungskräfte), Äquivalent des Bekenntnisses, gleiche Bindungskräfte: Angst ausgelacht zu werden; Lachen ist Anklage und Gericht, Weinen Klage; im Weinen löst sich die Verhärtung, die das Lachen produziert und absichert: der Charakter; befreiend ist das Lachen nur durch Entlastung, durch Anpassung; Lachen ändert nichts, macht nur schlimme Situationen erträglicher; Schuld, Scham, Lachen; Engel Sprachwesen, Dämonen Personalisierungen des Gelächters (der Empörung); Lachen Teil des mysterium iniquitatis).
In jedem Lachen steckt auch ein Stück Verzweiflung; wer nicht verzweifelt, bedarf des Lachens nicht mehr, wie man sich auch nicht vorstellen kann, daß das selige Leben durch Lachen gewürzt werden muß. Freude ist etwas anderes als Lachen, ebenso Glück.
Ist die Erfahrung des Angeklagten-Status, des Objekt-Status, des Ausgelacht-Werdens für Männer und Frauen gleich?
Die Dogmatik ist die Theologie als Erscheinung, nicht ihr An sich; sie ist davon geschieden durchs Bekenntnis.
Die raf-Morde stehen in der Tradition der christlichen Opfertheologie (der Begriff Hostie bezeichnet das Opfertier, das Schlachttier).
Mit der Instrumentalisierung des Kreuzestodes war auch die Todesstrafe gerechtfertigt.
Die Gemeinheitsautomatik hat ihre Wurzeln in der Personalisierung der Schuld und im Lachen, läßt sich davon nicht ablösen (Bekenntnis und Lachen; verhängnisvolle Wirkung der Einführung der katholischen Beichtpraxis auf die Vorurteilsstruktur der mittelalterlichen Gesellschaft; Lachen konstituiert und stabilisiert die Natur und das transzendentale Subjekt). Erst dann, wenn Schuld keine Rechtfertigungszwänge mehr auslöst, ist das Problem der Personalisierung gelöst.
Die Übernahme der Schuld der Welt (Nachfolgegebot) bedeutet nicht, daß man die Strafe dafür auf sich nehmen soll, sondern im Gegenteil: die Strafmechanismen sollen aufgelöst werden. Der Kreuzestod war keine Selbstbestrafung, auch kein „Sühneleiden“.
Theologie als kollektive Gewissenserforschung.
Das Unschuldsversprechen: „Ich will es nicht mehr wiedertun“ ist nicht haltbar; es gibt keine Unschuld im allgemeinen Schuldzusammenhang. Übrigbleibt die Gottesfurcht, aber keine Glaubensgewißheit. Was bedeuten eigentlich die Begriffe Glaube und Bekenntnis in der Schrift; wo und ab wann erscheinen sie? (Hinweis: die Heiligung des Gottesnamens; das Bekenntnis ist das Zeugnis, das praktische Bekenntnis; Zusammenhang mit dem Gebot: Du sollst kein falsches Zeugnis abgeben wider deinen Nächsten. Ist das homologein die Nachfolge? – Dann werden wir in der Tat in seinem Namen Kranke heilen, Blinde sehend machen, Tauben das Gehör wiedergeben und Tote erwecken.)
Das Herrendenken, das Denken „hinter dem Rücken“, braucht als Grundlage und zur Absicherung das Inertialsystem, es braucht die materielle Grundlage und das Bekenntnissyndrom (das Lachen und den Zynismus).
Der Titel „In euren Häusern liegt das geraubte Gut der Armen“ (Kuno Füssel et alii) ist das Motto für
– die Vertreibung der Händler aus dem Tempel und für
– eine materialistische Kirchenkritik, die eine Kritik der Opfertheologie mit einschließt, eine Kritik, die begreift, daß der Gnadenschatz der Kirche Teil dieses geraubten Guts der Armen ist: Hier wird den Armen das Recht vorenthalten, das die Kirche seitdem für sich in Anspruch nimmt; anstatt zu lieben, will sie selbst geliebt werden (Institutionalisierung des Selbstmitleids).
Woher kommt der Name Luzifer? Ist Luzifer ein Geschöpf des dritten Tages? Sind Sonne, Mond und Sterne als Objektivationen des Lichts und erste Subjekte von Herrschaft die ersten dinglichen Objekte, Urbild des Objektbegriffs überhaupt? Sind die Sterne in der Schrift namenlos wie die Objekte (und haben sie ihre Namen nur von den mythischen Helden und dann von der Philosophie)? Oder ist der Himmel, sind die Sterne nur eine Totalität? Hat hier der Engel mit dem kreisenden Flammenschwert seine Stelle? – Woher kommen die Tierkreiszeichen?
Wie entfaltet sich im Schöpfungsbericht das schaffende Wort: Ist nur das Licht durch das Wort geschaffen, alles andere durch Teilung, durch Machen?
Tätigkeiten:
– schuf (Himmel und Erde, den Menschen: als sein Abbild, als Abbild Gottes, als Mann und Frau),
– sagte (es werde, laßt uns machen, übergebe ich euch, gebe ich),
– machte, schied, setzte, sah, nannte, segnete, vollendete, ruhte.
Geschehen:
– es geschah, es wurde, das Wasser sammelte sich, die Erde brachte hervor, ließ wachsen.
Herrschaftsauftrag:
– bei Sonne und Mond Zweckbestimmung, bei den Menschen Herrschaftsauftrag.
Babylon wird ins Meer, nicht in den Abgrund gestürzt.
Der Atem des Menschen ist der Atem Gottes, und das Sprechen eine Funktion des Atems.
Vgl. Hawkings Bemerkung über Newton (Newtons über Leibniz) mit Leibniz‘ fensterloser Monade. Die Erfahrung, daß jeder nur für sich ist und aus dieser Isolationshaft (der fensterlosen Monade) nicht herauskommt, ist vielleicht die schlimmste Erfahrung der Philosophie; nur zu ertragen vor der Hintergrund der Lehre von der prästabilierten Harmonie: das Innere der Monade ist die Außenwelt.
Die Leibnizsche Monade ist längst zum Privatgetto, zur Isolationshaft aller geworden. Da kommt niemand mehr heraus, außer durch die Theologie. Die Isolationshaft des empirischen Subjekts in der Zelle des transzendentalen Subjekts.
Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ist das Indiz, das Symptom für den Status der Naturerkenntnis. Das Relativitätsprinzip (das nicht von Einstein entdeckt worden ist) gehörte zu den Konstituentien der Mechanik, des Referenzsystems, auf das alle Begriffe der Physik sich beziehen. Erst das Prinzip der Kosntanz der Lichtgeschwindigkeit hat die Objektbeziehung, das Verhältnis zur Objektivität bestimmt: die Grenze der Objektivierbarkeit.
Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ist der Goldgrund des Inertialsystems (Begründung der Goldwährung).
Trinitätslehre, Christologie und Opfertheologie sind Produkte der Anpassung der Theologie an den Hellenismus und an den Römischen Staat. Die Lehre, daß Christus in der Zeit herabgekommen und Mensch geworden ist, die Inkarnationslehre, segnet den homogenen Zeitablauf ab.
Die Christologie: der eingeborene Sohn, gezeugt, nicht geschaffen, empfangen vom Heiligen Geist, geboren aus Maria, der Jungfrau, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, abgestiegen zur Hölle, am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten; ist das Logos-Spekulation, sind das die Momente der Namenslehre, der benennenden Kraft der Sprache. Dann wäre sie in der Tat das Hilfsmittel gegen den Hellenismus.
An welchen Stellen und in welchen Zusammenhänge spielt das Tauschprinzip in die Schrift (in die „Gleichnisse“ Jesu) mit herein (Lohnarbeit, Gleichnisse vom „ungerechten Verwalter“ etc.). Vorstufen kapitalistischer Wirtschaftsweisen (im Römischen Reich, von Jesus erstmals in religiösem Zusammenhang reflektiert)?
Das Weltgericht ist ein Gericht, dessen Maßstab der Erfolg ist, das Jüngste Gericht ist das Gericht der Barmherzigkeit über das Weltgericht.
Theologie hinter dem Rücken Gottes ist insofern blasphemisch, als sie das Weltgesetz, die richtende Gewalt, die die Welt repräsentiert, auf Gott anwendet. Sie fällt unter das Wort: Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.
Was sind die „Pforten der Hölle“, die die Kirche nicht überwältigen werden? -
22.03.91
Verteidigendes Denken ist kein apologetisches Denken; es ist keine Rechtfertigung (die das Selbstmitleid stabilisiert und fördert), sondern die Verteidigung des Anderen, des Anderen in dem Sinne, in dem beispielweise Levinas diesen Begriff gebraucht.
Wenn in Bendorf darauf hingewiesen wurde, daß die säkulare Welt so säkular garnicht ist, sondern (aus der Sicht des Islam) zutiefst christlich vorgeprägt und determiniert, so hängt das in der Tat mit den christlichen Ursprüngen des modernen, aufgeklärten, bürgerlichen Subjekts zusammen (Konstitutierung des Subjekts auf der Grundlage der technischen Säkularisierung der Opfertheologie im Kapitalismus: das Geld verdinglicht und verbirgt die realen Schuldbeziehungen – die Beziehungen von Gnade und Macht -, Grundlage der Definition des Realitätsprinzips).
Der Islam kennt nur das eine Opfer zur Erinnerung an das Opfer Abrahams, die Abgeltung des Menschenopfers. Dieses Opfer ist ein reines Erinnerungsopfer, kein Entsühnungs- oder Versöhnungsopfer. Es scheint, daß der Islam das Prophetenwort „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ auf seine Weise (die abweicht von der jüdischen Tradition) ernst nimmt, während das Christentum durch seine Opfertheologie, durch das verdinglichte Konstrukt des Sühneleidens (Modell des kapitalistischen Wertgesetzes), hinter das Prophetenwort zurückfällt.
Es scheint, daß die letzte Bastion, die fallen muß, angezeigt wird durch das „er ging hinaus und weinte bitterlich“: Aufhebung des Zwangs, daß Männer nicht weinen, des patriarchalischen Elements in der christlichen Tradition, Grund der sexistischen Praxis und Theorie. Diese Tradition ist allerdings wohl allen drei Buchreligionen gemeinsam (jedoch in keiner mit so fürchterlichen Auswirkungen wie im Christentum).
In ihrer unreflektiert positiven Bedeutung verletzen die Dogmen das Bilderverbot.
Kann man die Bitten des Herrengebets in Beziehung setzen zum Dekalog? Das „adveniat regnum tuum“ würde dann dem Sabbat-Gebot, und das „fiat voluntas tua …“ dem Gebot, die Eltern zu ehren („auf daß es dir wohlergehe und du lange lebest auf Erden“), entsprechen.
Ex 201-21/Mt 69-13:
Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.
Pater noster:
Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.
Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgend etwas am Himmel droben, auf der Erde unten und im Wasser unter der Erde.
Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen.
Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote achten, erweise ich Tausenden meine Huld.
Qui es in caelis:
Du sollst den Namen deines Gottes nicht mißbrauchen; denn der Herr läßt den nicht ungestraft, der seinen Namen mißbraucht.
Sanctificetur nomen tuum:
Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!
Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht.
An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und dein Sklavin, dein Vieh und der Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat.
Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde und Meer gemacht und alles, was dazu gehört; am siebten Tage ruhte er.
Darum hat den Sabbattag gesegnet und ihn für heilig erklärt.
Fiat voluntas tua:
Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.
Sicut in caelo et in terra:
Du sollst nicht morden.
Panem nostrum cottidianum da nobis hodie:
Du sollst nicht die Ehe brechen.
Et dimitte nobis debita nostra:
Du sollst nicht stehlen.
Sicut et nos dimittimus debitoribus nostris:
Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.
Et ne nos inducas in tentationem:
Du sollst nicht nach dem Haus Deines Nächsten verlangen.
Sed libera nos a malo:
Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgend etwas, das deinem Nächsten gehört. -
15.03.91
„Im Anfang erschuf Gott den Himmel und die Erde“:
– Himmel und Erde: die zukünftige und diese Welt;
– den Himmel: dieser Himmel am Anfang ist nicht identisch mit dem Himmel des zweiten Schöpfungstages (Gewölbe, das die Wasser unterhalb und oberhalb des Gewölbes scheidet).
„Die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser“:
– nur die Erde war wüst und wirr;
– woher kommen Urflut und Wasser, was ist der Unterschied zwischen Urflut und Wasser (Trennung der Wasser am zweiten Tage, Schaffung des Meeres am dritten Tage)?
– Das (vegetarische) Nahrungsgebot des sechsten Tages bezieht sich auf die Schöpfung des dritten Tages,
– das (zweifache) Herrschaftsgebot auf die Tiere des fünften und sechsten Tages,
– das Herrschaftsgebot an die Lichter des Himmelsgewölbes auf Tag und Nacht, die Scheidung von Licht und Finsternis und als Zeichen auf die Zeiten.
Als Zweckbestimmungen treten auf:
– die Scheidung (am ersten und vierten Tag von Licht und Finsternis, am zweiten Tag Wasser und Wasser),
– das Zeichen (der Lichter am vierten Tag für Festzeiten, Tage und Jahre),
– das Wachsen (der Pflanzen des dritten Tages),
– Vermehrung und Fortpflanzung (an die Fische und Vögel des sechsten Tages sowie an die Menschen),
– die Nahrung (am sechsten Tag für den Menschen die Pflanzen des dritten Tages, für die Tiere des Feldes, für die Vögel des Himmels und für alles was, sich auf Erden regt und Lebensatem in sich hat, grünen Pflanzen),
– die Herrschaft (je zweifach: am vierten Tag der Lichter über Tag und Nacht, am sechsten Tag der Menschen über die Tiere des fünften und sechsten Tages).
Dogma, Bekenntnis, Inquisition, Folter, Scheiterhaufen, Physik, Faschismus, Judenmord und Denunziation.
„Es ist sehr schwierig, unter Anklage zu gestehen“ (Carola Stern, zit. S. 231).
Zu der Bemerkung von Carola Stern, es sei schwierig, unter dem Druck der Anklage zu gestehen: Noch schwerer ist es, unter dem Druck der Anklage dem Rechtfertigungszwang sich zu entziehen; und es gibt einen Anklagebereich, in dem die eigene Verteidigung unmöglich ist (und genau diese Unmöglichkeit wird von der Gemeinheitsautomatik ausgebeutet).
Zum Begriff des Bekenntnisses: „Sie haben es genossen, in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten Geborgenheit zu finden.“ (S. 232) – Ich möchte nie mehr in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten, nur noch in einer von Wohlgesonnenen mich befinden.
„Lassen wir etwa einen Teil der unausgetobten Wut auf die Eltern an unseren Kindern aus?“ (S. 249)
„… wie heikel auch solche Versuche der Aufarbeitung sind, die doch im hehren Gewand der Bemühungen daherkommen. Hier wir Täter – da ihr Opfer, nun wollen wir mal den Dialog beginnen.“ (S. 255)
Einheit von Lachen und Anklage: das Inertialsystem. -
19.01.91
Öffentlichkeit und Instrumentalisierung: Die Medien sind an einen Wahrheitsbegriff gebunden, der sich am Tatsachenbegriff orientiert; sie liefern nicht nur Material zur Urteilsbildung (d.h. Material für eine parteiische Sicht der Dinge), sondern formieren die Realität derart, daß eine andere als parteiische, urteilsbezogene Sicht der Dinge nicht mehr möglich ist. Das VIP-Prinzip ist den Medien nicht äußerlich. Letztlich läuft es darauf hinaus zu erkennen, wofür oder wogegen eine Meldung spricht, für welche Seite sie sich im Meinungskampf verwerten läßt; Meinungen aber sind an Personen (reale oder institutionelle, nach Scheler Gesamtpersonen) gebunden; die Personalisierung ist eine logische Konsequenz der Instrumentalisierung. Grundlage und inneres Gesetz der Öffentlichkeit ist das Freund-Feind-Denken, das insbesondere in Krisenzeiten (Ausnahmezustand) hervortritt (Zusammenhang von „Geschlossenheit“ und „Feindbild“). Öffentlichkeit ist zugleich die Voraussetzung und der Nährboden für die Wirksamkeit der Vorurteilsmechanismen; der Antisemitismus erweist sich hierbei als das Paradigma aller Vorurteile.
Der Personbegriff leugnet das Göttliche, die beiden innerweltlichen Hypostasen der Gottesidee: den Armen, Fremden (im Anderen) und den Helfenden, den Verteidiger (in mir): das Gericht über die Welt (das Gericht über das Weltgericht, das der Arme für die Welt – und für mich – repräsentiert) und das Erbarmen. Der Personbegriff bezeichnet das apriorische Subjekt-Objekt der Welt, des Weltgerichts. Allah ist vor allem Person, die durch Schmeichelei und Unterwerfung vor der Paranoia geschützt werden soll, in die sie dadurch gerade hineingetrieben wird (nominalistischer Gottesbegriff Folge der Rezeption des islamischen Philosophie- und Wissenschaftsbegriffs, wie vorher der realistische eine Folge der Rezeption der griechischen Philosophie; beide vermittelt durch jüdische Verarbeitung: Philo und Maimonides).
Wahrheit ist eine Kategorie der Praxis, nicht der Theorie:
– Die reine Theorie, nämlich das Bild, ist das kurzgeschlossene Urteil, eigentlich das Todesurteil (Begründung des Bilderverbots, geschichtsphilosophischer Stellenwert des Porträts, Bedeutung der Gottes-, Welt- und Menschenbilder, Funktion des Fernsehens).
– Aber die theoretische Kraft der (verändernden, umwälzenden) Praxis ist erst wiederzugewinnen, nachdem die praktische Dechiffrierung der Theorie gelungen ist. Wer an der Vorstellung einer Revolution festhält, ohne gleichzeitig die einer von der Praxis getrennten (unaufgeklärten) Theorie zu kritisieren, verrät beide.
Theologisches Denken ist Denken mit den Ohren: Hier liegt die Gefahr der Verwechslung mit der Hörigkeit. Theologie ist jedoch hörendes, nicht höriges Denken.
Mt. 1016: (Ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe, deshalb) seid klug wie die Schlangen (der Drache) und sanft wie die Tauben (der Heilige Geist): Erlösung des Chaos-Drachen durch den über den Wassern schwebenden (das Weltei ausbrütenden) Geist? Beziehung zur Schöpfungslehre? -
26.11.90
Zur Einsteinschen Wende:
Einsteins Relativitätstheorie hat durch die Verknüpfung des Trägheitsgesetzes mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit
. die innere Grenze des Inertialsystems und damit die innere Grenze der naturwissenschaftlichen Erkenntnis (der Instrumentalisierungs-Logik, des Weltbegriffs)
sowie
. durch den selbstreferentiellen Bezug der Lichtgeschwindigkeit aufs Inertialsystem den Quellpunkt der Elektrodynamik, der Mikrophysik und der Chemie und damit deren Stellung und Bedeutung im Kontext der gesellschaftlichen Naturbeherrschung bestimmt. Das verleiht der speziellen Relativitätstheorie eine einzigartige Stellung im System der naturwissenschaftlichen Erkenntnis: im historischen Erkenntnisprozeß überhaupt.
Die Quantenphysik, die die Instrumentalisierung in die Mikrophysik vortreibt (zweite Instrumentalisierung), steht in einer ähnlichen Beziehung zur Mechanik wie die Intim- und Privatsphäre zur Gesellschaft. Der Einbeziehung der Mikrophysik in das System der Instrumentalisierung und Naturbeherrschung entspricht die Vergesellschaftung der Privatsphäre, ihre Einbeziehung in den gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß: die neue Stufe der Ausbeutung als Selbstausbeutung (Staatliche Ehegesetzgebung, Schulpflicht; Privateigentum als Quelle, Reklame als Motor der Selbstausbeutung: Instrumentalisierung der Bedürfnisse; chemisch-therapeutische und institutionalisierte Krankheitsbekämpfung, Entwicklung der klinischen Medizin; Vergesellschaftung der Zeugung, der Geburt und des Todes; Energie- und Wasserversorgung, Elektrizität, Hygiene, Radio, Fernsehen: Vergesellschaftung der Privatsphäre, in der am Ende alle nur noch Gäste sind und niemand mehr zu Hause ist). Die Arbeit dient nicht mehr der Selbsterhaltung, sondern der Erhaltung der fremdbestimmten Privatexistenz, die durch Vergegenständlichung, Selbstentfremdung zur öffentlichen Angelegenheit, zum Objekt von Naturbeherrschung geworden ist: zur Sphäre des Medientratsches und des demonstrativen Konsums (der Preis für Selbstausbeutung durch Herrendenken: Vergegenständlichung der traszendentalen Logik im Inertialsystem). – Die Vergesellschaftung des Intimen als Quelle der Gemeinheit (Ursprung und Geschichte der Scham; Schuld und Intimbereich).
Die Einmaligkeit, Unwiederholbarkeit und Unmitteilbarkeit des Individuellen manifestiert sich u.a. in der Nichtkommunizierbarkeit der Empfindungen, der Sinnesqualitäten, die nicht an sich, sondern – wie die Vergangenheit – nur über ihre Namen (rot, warm, hell u.ä.) sich mitteilen. Zusammenhang mit Sexualität (Lust), Scham und Schuld.
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie