Kant

  • 8.10.1995

    Die Wendung, daß eine Sache gegenstandslos (geworden) sei, ist aufschlußreich: Entsteht das steinerne Herz nicht genau dort, wo die Barmherzigkeit gegenstandslos wird? Die Logik, die die Barmherzigkeit gegenstandslos macht, ist erstmals in der Kritik der reinen Vernunft zum Gegenstand der Untersuchung geworden.
    Der Begriff der Erkenntnis ist heute auf einem Felde angesiedelt, auf dem die Theologie nur verlieren kann. Da hilft keine Apologetik mehr. Nicht auf die Verteidigung der Theologie kommt es an, sondern auf verteidigendes (parakletisches) Denken als Organ der Theologie.
    Die Hoffnung, daß das Problem des Faschismus auf biologischem Wege, durch Aussterben der Nazis, sich löst, trügt nicht nur, sondern ist selbst ein faschistisches Konstrukt. Es gibt keine Gnade der späten Geburt. Und das Grauen, das der Faschismus benennt, ist eins, das erst in zweiter Linie von Personen ausgeht. Der Faschismus pflanzt sich über Strukturen fort.
    Der alte deutsche Rechtsgrundsatz „mitgefangen, mitgehangen“ lebt in den Terrorismusprozessen wieder auf. Es erübrigt sich, Birgit Hogefeld auch nur eine der Taten, deretwegen sie angeklagt ist, nachzuweisen, sie ist schon durch ihr Bekenntnis zur raf überführt. Die Kritik des Begriffs der Kollektivschuld und seine Ersetzung durch den der Kollektivscham hat das zugrundeliegende Problem nur verdrängt, nicht gelöst. Die verdrängte Kollektivschuld kehrt hier in veränderter Konstellation (in instrumentalisierter Gestalt) wieder (und wie wirkt sich diese veränderte Konstellation auf die Kollektivscham, die Zwillingsschwester der Kollektivschuld, aus?).
    Hitler als Generalprobe: zum historischen Faschismus gehört das Radio, mit dem Fernsehen hat er sich nicht in der Substanz, wohl aber in seinen Erscheinungsformen verändert; Hinweis auf eine Geschichtsphilosophie des Hörens und Sehens?
    Drei Formen der transzendentalen Ästhetik:
    – Raum und Zeit: die Naturwissenschaften subsumieren das Vorn unter das Hinten,
    – das Geld: der Kapitalismus subsumiert die rechte unter die linke Seite, und
    – die Bekenntnislogik: das Dogma und die Opfertheologie subsumieren die obere unter die untere Welt.
    In jedem Falle wird die Zukunft unter die Vergangenheit subsumiert.
    Die Vorstellung des unendlichen Raumes lebt davon, daß es Unterstellungen und Formen des Verdachts gibt, die sich nicht widerlegen lassen. Das heißt nicht, daß sie wahr sind. Die Materie ist der apriorische Gegenstand des Verdachts, der Raum die hypostasierte Form der Unterstellung.
    Das Dogma hat die Idee der Ewigkeit in den Begriff des Überzeitlichen transformiert. Zu den Rahmenbedingungen dieser Transformation gehören das Urschisma, die Bekenntnisform der Orthodoxie und die Verurteilung der Häresien. So ist es zur Ursprungsgestalt des Inertialsystems geworden. Das Inertialsystem ist eine Metamorphose des Dogmas. Die innere Beziehung des Dogmas zur Zeit ist ein Teil seiner weltkonstituierenden Funktion.
    Gutachten: Die Wahrnehmung, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist, reicht weit über den Bereich des Strafrechts hinaus; sie bindet den Wahrheitsbegriff an die Prinzipien der Beweislogik und an die Urteilsform, sie ist die Grundlage der indikativischen Fassung des Wahrheitsbegriffs und gehört so zu den gemeinsamen Prämissen sowohl der dogmatischen Theologie, des Begriffs der Orthodoxie, als auch des Begriffs wissenschaftlicher Erkenntnis und Objektivität. Gemeinheit aber ist allein in theologischem Kontext bestimmbar, im Bereich der Gotteserkenntnis: sie trennt das strenge Gericht von der Barmherzigkeit. Wer die Gemeinheit ins Unerkennbare verschiebt – und das ist die Existenzbedingung des Staates -, macht die Barmherzigkeit gegenstandslos („Beweis“: die Verhältnisse in den Knästen, aber auch vor Gericht, insbesondere im Staatsschutzbereich). Der logische Kern des Dogmas ist nicht zufällig die Opfertheologie. Aber auch gegen das Dogma gilt der prophetische (und prophetische Erkenntnis begründende) Satz: Barmherzigkeit, nicht Opfer.
    Was heißt und woher kommt der Begriff „infam“? Nach Kluge stammt es aus der gleichen Wurzel wie „diffamieren“ (verunglimpfen; von fama, ‚Gerede, Gerücht‘). Das Präfix in- bezeichnet (bei Adjektiven) sowohl die Negation (indiskret) als auch das ‚hinein‘ (instituieren). Infam ist der als wahr unterstellte Verdacht (der das Angesicht Gottes gegenstandslos macht: es gibt kein Herz, in das nur Gott sieht, kein An-sich der Dinge).

  • 2.10.1995

    Männlich und weiblich schuf er sie: Die Beziehung der Herrschaftsgeschichte zu Geschichte der Beziehungen von Männern und Frauen wird in der Erzählung vom Sündenfall symbolisiert: als Beziehung der Schlange zu den Menschen, zu Adam und Eva (als Beziehung des Neutrum zum Männlichen und Weiblichen). Die Identifikation des Männlichen mit der Herrschaft (die im Deutschen schon im Namen der „Herr“schaft sich ausdrückt, der auf den herrschenden Mann zurückweist, während im Lateinischen der dominus von dominare, der „Herr“ von seiner Tätigkeit, vom Herrschen, sich herleitet) hat ihren Ursprung in der verhängnisvollen Herrschaftsgeschichte der Moderne, zu der die Entfaltung der subjektiven Formen der Anschauung gehören wie auch die hierdurch vermittelte neue Beziehung von Begriff und Objekt. Durch die subjektiven Formen der Anschauung ist der Kelch zum Unzuchtsbecher geworden: die Beziehung von Begriff und Objekt, von Welt und Natur zu einem Bild der Geschlechterbeziehung. Die intentio recta ist ein phallisches Symbol (und der Turm von Babel, der „bis an den Himmel reicht“ ein Symbol der Religion als Instrument der Vergewaltigung des Himmels). Weshalb ist im Deutschen die Sonne weiblich und der Mond männlich? Löst sich das Problem des grammatischen Geschlechts im Zusammenhang mit der Lösung des Problems von Herrschaft und Geschlecht?
    Die intentio recta und die begriffliche Erkenntnis bedurften der Sexualmoral, um sie gegen ihre herrschaftskritische Reflexion abzuschirmen. Die Probleme dieses Verfahrens wurden übers Vorurteil abgefertigt: von der Ketzer- über die Hexenverfolgung bis Auschwitz.
    Der Indikativ, das Hinter-dem-Rücken, die Definitionsmacht, das Durch-die-Blume-Sprechen: Wie hängt das mit einander zusammen? Sind sie nicht Teil einer Kommunikation, die unter dem Bann der Herrschaft steht: Kommunikation als Gewinner-/Verlierer-Spiel. Dieses Spiel macht süchtig.
    Heute erhebt auch der Staat seinen Anspruch auf eine Privatsphäre, die die Öffentlichkeit nichts angeht. Nur, was einmal aus außenpolitischen Gründen notwendig war (im Kontext der nicht mehr rechtlich, sondern nur noch durch Diplomatie oder Krieg zu regelnden zwischenstaatlichen Beziehungen), ist heute zu einem Teil der inneren Organisation der Staaten geworden, als Mittel der Vermeidung und Abwehr der Entstehung naturhafter Verhältnisse im Innern. Schließt sich hier nicht der Kreis, der den Naturbereich des Privaten, die Sexualität, und den des Staates, sein Gewaltmonopol und dessen Institutionen, mit einander verbindet?
    Stammen nicht die Phantasien, die einmal in der Alchemie sich entfaltet hatten, aus dem Unzuchtsbecher?
    Die Pornokratie gehört (wie z.B. auch die Geschichte der Fälschungen im Mittelalter) zur Ursprungsgeschichte der kirchlichen Privatsphäre (zu der das Dogma und die Orthodoxie als Feigenblatt, hinter dem die Kirche seitdem ihre Nacktheit verbirgt, dazugehören). Die kirchliche Sexualmoral war seit je ein Mittel der präventiven und projektiven Abwehr.
    Der Kleinglaube ist der Glaube nach Abzug all dessen, woran die Kirche heute nicht mehr glauben kann, wenn sie als Herrschaftsinstrument überleben will.
    Was hat der gordische Knoten mit Rind und Esel zu tun? Hat nicht die Durchschlagung dieses Knotens (der Joch und Deichsel eines Ochsenkarrens miteinander verband) das Rind zum Esel gemacht, das Joch zur Last? Seit dem Ursprung der Großreiche haben alle das Joch, das ihnen mit der Reichsbildung auferlegt wurde, als Last zu übernehmen. Die Lösung des Knotens wäre die Befreiung vom Joch gewesen, mit seiner Durchschlagung (die den Weltbegriff begründete) wurde es verinnerlicht.
    Zur Fremdenfeindlichkeit heute: Handelt es sich vielleicht um die Umkehrung eines alten Verfahrens: innenpolitische Probleme mit Hilfe außenpolitischer (nationalistischer) Aktivitäten wenn nicht zu lösen, so doch zu verdrängen? Werden hier nicht Außenprobleme (das Ausland als Maßstab politischen Handelns) innenpolitisch abgeleitet? Verfassungsschutz, Staatsschutzverfahren, die neue Asylgesetzgebung gehören in diesen Zusammenhang.
    Das Recht insgesamt, insbesondere aber das Staatsschutzrecht, ist ein Instrument der gesellschaftlichen Naturbeherrschung.
    Die Kronzeugenregelung, die in Deutschland einmal mit dem Hinweis auf die organisierte Kriminalität eingeführt worden ist, wird nur in „Terroristen“-Prozessen, im Bereich des Staatsschutzrechts, angewandt. Der Übergang von § 129 zu § 129a war die Schiene, auf der das gelaufen ist. Er war nicht harmlos.
    Zeit ist’s: Die Thora wird als Lehre verfälscht, wenn das prophetische (und auch das typologische) Element herausgebrochen, unterdrückt wird.

  • 26.9.1995

    Wie die subjektiven Formen der Anschauung, die persönliche Meinung, insbesondere aber wie die Gemeinheit konstituiert sich das Vorurteil im Kontext einer Logik, die die Kriterien der Beweisbarkeit durch die der Unwiderlegbarkeit ersetzt. Wer dieser Logik mächtig ist, gilt als schlau (oder auch als intelligent).
    Die subjektiven Formen der Anschauung haben sich hinter dem Rücken des Anschauens, als Referenzsystem der intentio recta, gebildet: Sie sind die Bewußtseinsspuren des Abstraktionsverfahrens, in dem der Begriff der Natur und der Objektbegriff sich bildeten. Das Abstraktionsverfahren selber ist ein gesellschaftliches: Sein Ursprung und sein Motor ist die Herrschaftsgeschichte, deren Beziehung zur Vergangenheit in ihm sich spiegelt. Die Distanz zum Objekt aber gründet in der Beziehung des Herrn zum Beherrschten; der Objektbegriff entspringt mit dem Für-anderes-Sein, in dem die Beziehung des Herrn zum Beherrschten als universale Reflexionsbeziehung sich entfaltet. Die Allgemeinheit dieser Reflexionsbeziehung wird im Weltbegriff zusammengefaßt.
    Die Differenz und die Beziehungen zwischen Mechanik, Gravitation und Elektrodynamik reflektieren das Verhältnis und die Beziehungen der drei Dimensionen des Raumes.
    Zum Bereich der Elektrodynamik gehört der Generator und die Fortpflanzung.
    Unser Verhältnis zur Krankheit ist wie das zur Armut von Elementen des Neids und der Schuldverschiebung durchsetzt. Keiner erträgt mehr, daß hier jemand Mitleid von uns fordert. Wir sind vom Selbstmitleid so besessen, daß wir kein anderes Mitleidsverlangen daneben mehr ertragen.
    Die Frage: Wo waren die Schutzengel der Kinder in Auschwitz, läßt sich mit dem Hinweis auf die Racheengel beantworten, von denen die Welt heute besessen ist. Wie anders wäre der unendliche Rachetrieb zu erklären, dem die Menschen heute sich ausliefern?
    Ist der Widersacher im Hofstaat Gottes der Engel der Geopferten?
    Als umgekehrtes Schuldbekenntnis ist das Glaubensbekenntnis die säkularisierte Sündenvergebung; nur so ist die Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben zu begründen. Aber sind damit der Glaube und sein (durchaus apriorischer, aus seinen eigenen Prämissen ableitbarer) Inhalt nicht erst wirklich böse geworden? Die Logik dieser Lehre ist nur aufzubrechen durch die Aufnahme von Joh 129 ins Nachfolgegebot, zu der es keine Alternative mehr gibt.
    War nicht die katholische Eucharistielehre eine Gestalt der projektiven Verarbeitung dieses Nachfolgegebots? Die erste Gestalt dieser Verarbeitung war das Dogma, die Bekenntnislogik.
    Nicht den Zölibat „abschaffen“, sondern das Problem, das ihm zugrundeliegt reflektieren, es auflösen ins Weltproblem.
    Die Bemerkung, daß man sich zur Prophetie nur auf zwei Weisen verhalten kann: Entweder man ist selber Prophet, oder man ist ihr Objekt, gilt auch für die Historisierung der Prophetie, ihre Vergegenständlichung: Durch sie wird die Theologie, ohne es selbst wahrzunehmen, selber zum Objekt des prophetischen Urteils. Zur Aufforderung, selber Prophet zu werden, gibt es keine Alternative.
    Die benennende Kraft der Sprache ist von der Erkenntnis des Namens zu unterscheiden. Erst in der Erkenntnis des Namens löst der Name sich aus dem Schuldzusammenhang, in den das Benennen sich verstrickt. Das Benennen der Tiere durch Adam war durchaus ambivalent: „Aber für den Menschen fand er keine Hilfe, gegen ihn“ (Gen 220).
    Hat das Benennen der Tiere etwas mit dem Tierkreis zu tun, und das kreisende Flammenschwert des Kerubs mit dem Planetensystem? Liegt zwischen Tierkreis und Planetensystem die Vertreibung aus dem Paradies?
    Ist das Planetensystem das Prisma, das das Bild des Tierkreises erzeugt?
    Der astrologische Zusammenhang der Zeichen des Tierkreises mit den Namen der Planeten war das erste weltkonstituierende Kategoriensystem, das im ersten weltkonstituierenden Großreich, in Babylon, sich gebildet hat.
    Hat das Schwert des Alexander, mit dem er den gordischen Knoten durchschlagen hat, etwas mit dem kreisenden Flammenschwert des Kerubs zu tun?
    Babylon hat das Exil der Schechina begründet, und die Geschichte dieses Exils ist noch nicht zu Ende. Babylon lebt fort in Rom, in jeder Form des Caesarismus, im Dogma, in der Kirche.
    Welchen Stellenwert haben die exterritorialen Geschichten der Bibel: Das Buch Hiob ist nicht zu lokalisieren (es spielt irgendwo im Eroberungsbereich der Chaldäer), zu Jona gehört Ninive, zu Daniel Babylon (und Susa), zu Ester Susa?
    Abraham, der aus Ur in Chaldäa kommt, ist auf eine Weise mit Babylon verbunden, die sich invers auf das Verhältnis Josephs zu Ägypten bezieht. Hängt das Rätselwort Jesu: „Bevor Abraham ward, bin ich“, hiermit zusammen?
    Waigel: Wie hängt das Kruzifix mit der Währungsstabilität (mit der positiven Außenhandelsbilanz: dem Export der Armut in die Dritte Welt) zusammen?
    Apokalyptische Mittelstandspolitik: Der Staat füttert die Kuh, die er melken will, er schlachtet sie nicht. (Gibt es einen Zusammenhang mit dem hebräischen Opfer, liegt hier der Schlüssel fürs Verständnis der Opfertiere: Rind, Widder, Lamm, Taube?)
    Der Indikativ ist das Instrument der Verinnerlichung des Opfers und der Vergesellschaftung von Herrschaft. Das Opfer war seit je herrschafts- und somit weltbegründend.

  • 22.9.1995

    Zu Off 133: Den Faschismus nicht als Feind, sondern als Verführung begreifen, heißt, auch das Feindbild Faschismus, das mit der Realität seiner Vergangenheit aufs fatalste zusammenhängt, noch als Verführung begreifen. Erst als vergangener siegt der Faschismus (eigentlich dürfte es nach dem Faschismus nichts mehr geben, was ihn nur überlebt).
    Das Feindbild ist (als Teil der Bekenntnislogik) gemeinschaftsbegründend: ein gesellschaftlicher Kitt.
    Die Todesangst wird durch den Historismus, die Vergegenständlichung und Instrumentalisierung der Vergangenheit, verdrängt und begründet zugleich.
    Stammen nicht das Bekenntnis, das Dogma, die Orthodoxie aus dem (weltkonstituierenden) Geiste des Rechts? Und ist nicht der „rechtsfreie Raum“, den es nach Meinung des Münchener Bischofs Wetter nicht geben darf, der Raum, in dem sich die Juden, die Ketzer, die Frauen bewegen?
    (Ist die Existenz der Juden, der Häretiker und der Frauen der Beweis dafür, daß der Raum in keiner seiner drei Dimensionen ins Unendliche sich erstreckt? – Im Kontext der Vorstellung des unendlichen Raumes sind der Antisemitismus, die Unfähigkeit, abweichende Anschauungen zu ertragen, und die Frauenverachtung unvermeidlich.)
    Gerichte, die unter dem Bann des Feindbildes stehen (z.B. in Mord- oder in Staatsschutzprozessen), stehen unter dem Bann des synthetischen Urteils apriori; sie haben nicht mehr die Freiheit, abweichende Fakten zu tolerieren, ohne sie – zynisch und paranoid zugleich – nach Maßgabe des Feindbildes einzuordnen. Jede humane Regung gegenüber einem Angeklagten (der in Wahrheit ein Feind ist) wird zwangsläufig als Unterstützung des Feindes und als Angriff auf das Gericht wahrgenommen.
    Ist nicht der 129a die endgültige Grundlage für die Produktion synthetischer Urteile apriori im Strafrecht? Mit dem Tatbestandsmerkmal „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ wird die Zurechnung einer Tat auch ohne Tatbeteiligung möglich (vgl. den Mordvorwurf wg. des Todes des GSG 9-Beamten im Hogefeld-Prozeß). Eine konkrete Tatbeteiligung braucht nicht mehr nachgewiesen zu werden. Soweit sie dann doch noch erforderlich ist, hat die Kronzeugenregelung die letzte Lücke geschlossen (so im Falle Eva Haule, Christian Klar, Sieglinde Hofmann).
    An der bayerischen Reaktion auf das Kruzifix-Urteil läßt sich erkennen, daß genau jene, die nur noch ein instrumentalisiertes Verhältnis zum Christentum haben, sich über das Urteil empören. Das begründet die Frage, ob das Kruzifix nicht genau dafür das Symbol ist. Der Gebrauch dieses Symbols in den Kreuzzügen, in der Geschichte der Ketzerverfolgung und im Umkreis der Inquisition belegt den gleichen Sachverhalt.
    (Zu Erika Steinbachs Angriff auf die evangelische Kirche in Hessen: So wie den Herrn Hintze hätte die CDU gern alle Pfarrer. Aber verhalten sich nicht in gleichsam vorauseilenden Gehorsam die meisten, allen voran die katholischen Bischöfe, schon entsprechend?)
    Ist der Ausdruck „die Dinge beim Namen nennen“ nicht ein Hinweis auf die fortschreitende Umformung der Sprache zu einem Instrument der Verurteilung (mit ihrer Transformation in den Indikativ)? Ist die benennende Kraft der Sprache endgültig an den gesellschaftlichen Schuldzusammenhang übergegangen? Bezeichnungen wie Nazi, Terrorist, Mörder sind real nur im Kontext eines Schuldverschubsystems, das von der Realität nicht mehr sich unterscheiden läßt.
    Staatsschutzverfahren haben nicht mehr die Kraft zu belehren, weil sie selbst nicht mehr belehrbar, nicht lern- und erfahrungsfähig sind. Es bleibt nur die „Belehrung nach außen“, die Abschreckung, das Errichten eines Tabus (jede „Belehrung nach außen“ ist zugleich eine nach innen, ein Instrument der Verdrängung). Staatsschutzverfahren sind Verfahren der Vorverurteilung, des Vorurteils.
    Zur Genese und zum Begriff des Rassismus: Verdacht und Unterstellung sind experimentelle Anwendungsformen des kontrafaktischen Urteils. Ihre Verwandlung in synthetische Urteile apriori (ihre Biologisierung) macht sie zu Instrumenten des Vorurteils.
    Wie hängt das kontrafaktische Urteil mit dem liberum arbitrium, dem moralischen Äquivalent der „Freiheitsgrade des Raumes“, und wie hängen beide mit den kantischen Antinomien der reinen Vernunft zusammen?
    Erbaulichkeit ist ein Produkt der Übersetzung der Schrift in gegenständliche Vorstellungen, die dann kontrafaktisch ausgemalt werden können (der Mythos war die Einübung dieser kontrafaktischen Ausmalung, der Film ist das Produkt seiner Anwendung). Erbaulichkeit leugnet die Kraft der Sprache. Im Medium kontrafaktischer Urteile hat die transzendentale Ästhetik und Logik (als Inbegriff der Subjektivität) sich konstituiert. Erbaulichkeit nimmt „die Rechte“ der Subjektivität gegen die Idee der Wahrheit wahr. Erbaulichkeit ist blasphemisch.
    Reich der Erscheinungen: Gegenständliche Vorstellungen werden kontrafaktisch ausgemalt, aber durch Musik werden sie verkörpert. Musik verleiht den Vorstellungen Tiefe: Deshalb ist Musik eine aus dem Geist des Christentums (nicht immer jedoch aus christlichem Geist) erzeugte Kunstform, und deshalb bedarf der Film der Musik, um plastische und lebendige Präsenz zu gewinnen.

  • 20.9.1995

    Das Staatsschutzrecht versucht völkerrechtliche Probleme mit strafrechtlichen Mitteln zu lösen. Der Staat, der das Eigentum seiner Bürger begründet und schützt, ist selber der Eigentümer seiner Bürger. Fremde sind recht- und herrenloses Gut, und wer sich gegen den Staat stellt, macht sich selbst zum Fremden.
    Die Apokalypse ist das Korrelat der Prophetie unter den Bedingungen des Weltbegriffs. Die Sexualmoral, selber Nachfolger und Erbe des Astarte/Ischtar/Venus-Kults, ist das Produkt der Privatisierung des mit dem Weltbegriff entsprungenen Problems (Zusammenhang mit der „Venus-Katastrophe“, der Astrologie insgesamt?). Sie ist ein Symptom, keine Lösung des Weltproblems.
    BI-Plakat: „Alle reden vom Klima, wir machen es. Pro Platz in einem Flugzeug ruinieren sie die Atmosphäre bei einem Langstreckenflug wie durch 14 Jahre Autofahren.“
    Die Geschichte der drei Leugnungen steht genau an der Grenze (zwischen Synhedrium und Pilatus), an der das Christentum, indem es glaubte, den Staat für seine Zwecke instrumentalisieren zu können, selber zu einem Instrument des Staates geworden ist.
    Die Geschichte der Theologie steht unter einem Bann, der allein mit Hilfe der Geschichte von den drei Leugnungen zu lösen wäre. Die „drei Leugnungen“ sind nicht ganz sinnlos: sie gehören zur Klugheit der Schlange, die nur durch die Arglosigkeit der Tauben sich heilen läßt.
    Zum Begriff (und zur Grenze) des Beweises (oder zu den Antinomien der reinen Vernunft): Die Unmöglichkeit, einen Verdacht zu widerlegen, ist kein Beweis. Sind nicht die subjektiven Formen der Anschauung die sich auf sich selbst beziehende Form des Verdachts, und ist nicht das Objekt Produkt der Unwiderlegbarkeit dieses Verdachts? Der apagogische Beweis ist keiner.
    Im Wort „Beweis“ steckt ein demonstratives Moment, das Weisen, das durch das Präfix be- die Reflexion auf den Andern in sich aufgenommen hat, in die Urteilslogik (und in die Logik des Weltbegriffs) integriert worden ist. Beweisen ist ein Weisen von außen, durch oder für einen Andern. Der wichtigste Beweis ist der Zeugenbeweis (die Berufung auf die Wahrnehmung eines andern), der durch die Formen der Anschauung (als Formen der Vergesellschaftung der Wahrnehmung, durch die meine Wahrnehmung mit der Wahrnehmung aller andern identifiziert wird) verinnerlicht und vergesellschaftet wird. Intersubjektivität (auch die des Urteilens) ist durch die Formen der Anschauung vermittelt, in den Formen der Anschauung sind Ankläger und Richter, Angeklagter und Zeugen systemisch vereinigt.
    Was bedeutet und worauf bezieht sich der juristische Begriff „Augenschein“? Im Zuge einer Ermittlung wird nicht gesehen, sondern „in Augenschein genommen“: das Sehen vergesellschaftet. Das Präsens, die Gegenwart, ist das Korrelat des Augenscheins, nicht des Sehens, der Augenschein ein Produkt des Indikativs, durch den das Sehen juristisch verwertbar wird, durch Subsumtion unter die Beweislogik. Der Indikativ ist eine Sprachform, die im Bannkreis des Wertgesetzes und der Beweislogik sich gebildet hat.
    Die ungeheure Bedeutung der kantischen Antinomien der reinen Vernunft liegt darin, daß aus ihnen die Prävalenz der Vergangenheit in der Beweislogik sich ablesen läßt. Durch die Subsumtion unter die Vergangenheit wird die Sache ästhetisiert, den subjektiven Formen der Anschauung und damit einer Logik unterworfen, in der auch das kontrafaktische Urteil gründet: Hier kann alles auch anders sein. Die Antinomien sind die Rache des kontrafaktischen Urteils an seinen Konstituentien. Kontrafaktische Urteile sind ein Hinweis darauf, daß es keinen absoluten Indikativ gibt.
    Der Verdacht ist der Grund der synthetischen Urteile apriori, sein gegenständliches Korrelat das Reich der Erscheinungen. Gegen ihn steht das verteidigende, parakletische Denken.
    Die Logik der Schrift und die Erfüllung des Wortes: „Nur Gott sieht ins Herz der Menschen.“ Auch dieser Indikativ ist eigentlich ein Imperativ, theologischer Grund des parakletischen, verteidigenden Denkens. Als Indikativ ist der Satz das Signum des steinernen Herzens, als Imperativ der Beginn der Umwandlung des steinernen in ein fleischernes Herz, der Beginn der Transformation des Opfers in Barmherzigkeit.

  • 19.9.1995

    Das gesellschaftliche Korrelat des Objektbegriffs ist das Feindbild. Deshalb ist die Kritik der Verdinglichung (die Kritik der transzendentalen Ästhetik) die genaueste Konsequenz aus dem Gebot der Feindesliebe. Der Indikativ aber ist die Objektsprache, er steht unter dem Bann der transzendentalen Ästhetik.
    Opfertheologie, Verdinglichung und Verdrängung: Die Opfertheologie instrumentalisiert das Leiden, sie entbindet von der Pflicht zu helfen, indem sie dem Leiden einen Sinn gibt, sie begründet den Glauben (an die magische Kraft des Opfers und an eine jenseitige Vergeltung) und immunisiert die Gläubigen gegen die Wahrnehmung des Leidens der anderen, sie verstopft die Ohren gegen den Schrei der Opfer. Die Empfindung, deren Gegenstand das eigene Leiden ist, wird von der Sensibilität für das Leiden anderer getrennt; die Spur dieser Empfindung ist das Ich, die Subjektivität, das Bewußtsein: die Person. Empfindung und Sensibilität werden zulasten der verdrängten Sensibilität durch den hier entspringenden Weltbegriff (als Bewußtsein und Unbewußtes, Ich und Es) getrennt. Die Opfertheologie ist das Instrument des strengen Gerichts, für sie gilt der Satz: Nicht Opfer, sondern Barmherzigkeit.
    Die doppelte Bedeutung des Wortes Gericht beruht nicht bloß auf einer Äquivokation, die getrennten Bedeutungen verweisen vielmehr auf einen gemeinsamen, mit dem Ursprung des Weltbegriffs zusammenhängenden Ursprung (Zusammenhang mit Sein, Sinn, Zeugung).
    Frohe Botschaft und Gute Nachricht: Botschaft und Nachricht unterscheiden sich wie Gebot und Gericht. Zum Gebot gehört der Bote (der Engel), die Nachricht bezieht sich auf den Empfänger wie das richtende Urteil auf den Angeklagten. Sind heute nicht alle Zuschauer, die tagtäglich dem Schauprozeß beiwohnen, in dem sie Angeklagte sind und gerichtet werden, nur daß sie’s nicht merken? Die „Gute Nachricht“ ist die milde Lüge, die sie über das wahre Urteil (das synthetische Urteil apriori, das, indem es über andere gefällt wird, über den Richtenden selber ergeht) hinwegtäuscht (Beitrag zur Genesis und Logik des Erbaulichen).
    Die subjektiven Formen der Anschauung sind die synthetischen Urteile apriori, die, indem sie über andere gefällt werden, über die Urteilenden selber ergehen. Deshalb sind sie die apriorischen Objekte der Antinomien der reinen Vernunft: Verkörperungen der Grenzen der Beweislogik. Die subjektiven Formen der Anschauung begründen und neutralisieren die Asymmetrie zwischen mir und dem Anderen.

  • 18.9.1995

    Die theologische Übersetzung der Schrift in den Indikativ läßt sich insbesondere am Begriff des Wunders, der in der christlichen Tradition an der Abweichung vom Naturgesetz, in der jüdischen an seiner Beziehung zur Prophetie – als deren Erfüllung – gemessen wird, nachweisen: daran, daß die Theologie hinter dem Rücken Gottes keinen Spaß mehr versteht (der durch das theologische Apriori ausgeschlossen wird). Die Folgen sind dann selber komisch, wenn z.B. ein von Grund auf ironischer Text wie das Buch der Richter (vgl. die Untersuchung von Lillian Klein) blindwütig als historischer Text verstanden wird (in den gleichen Kontext gehört das nationalistische Verständnis der Erwählung Israels, der Prophetie, des jüdischen Messianismus: auch der Nationalismus versteht – ähnlich wie ein Alkoholiker – keinen Spaß). Wie hängt die Unfähigkeit, Spaß zu verstehen, mit der Neutralisierung und Verdrängung der Idee des seligen Lebens, mit der Privatisierung der Religion, zusammen: mit dem Ausschluß der durch das Motiv der Reflexion von Herrschaft vermittelten politischen Relevanz dieser Idee?
    Die Quellentheorie ist die logische Konsequenz der Übersetzung der Schrift in den Indikativ (ihre Validität gleicht der der rassistischen Lösung des Problems des Ursprungs der indoeuropäischen Sprachen, selber ein Produkt der Anwendung des indoeuropäischen Indikativs auf das Problem des Ursprungs der Sprache, in der dieses Problem allein als Problem sich konstituiert).
    Der Rassismus ist das Produkt der Selbstanwendung des Indikativs. So hängt er mit den kantischen Antinomien der reinen Vernunft (mit der Selbstanwendung der subjektiven Formen der Anschauung) zusammen. Der Rassismus ist das absolute synthetische Urteil apriori.
    Wer keinen Spaß versteht, säuft und macht Witze. Deshalb gilt im deutschen Recht Trunkenheit als Strafmilderungsgrund.
    Nur Gott sieht ins Herz der Menschen: Wenn auch dieser Satz im Imperativ, und nicht im Indikativ steht, ist er dann nicht identisch mit der Idee des Heiligen Geistes: dem verteidigenden Denken?
    Der Satz, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist, findet seine Begründung in den Grenzen der Beweislogik: Gemeinheit ist mit den Regeln der juristischen Beweislogik nicht nachweisbar. Es gibt keine juristisch faßbaren „Fälle“ von Gemeinheit. Wer die Realität mit ihrer Beweisbarkeit gleichsetzt, schließt damit die Erkennbarkeit der Gemeinheit aus. Darauf bezieht sich der Satz, daß nur Gott ins Herz der Menschen sieht. Und darin gründet der Horkheimersche Satz, daß außerhalb des theologischen Zusammenhangs Moral sich nicht begründen läßt. Hängen nicht die kantischen Antinomien der reinen Vernunft, die alle auf den Bereich der transzendentalen Ästhetik sich beziehen, auf die subjektiven Formen der Anschauung, auf Raum und Zeit, zusammen mit der Abstraktion von der Unterscheidung (der qualitativen Differenz) zwischen Vorn und Hinten, Rechts und Links sowie Oben und Unten, die im Kontext der subjektiven Formen der Anschauung ebenso wie die sekundären Sinnesqualitäten subjektiviert werden? Ist nicht die Gemeinheit der blinde Fleck des mathematischen wie auch der begrifflichen Erkenntnis (wie auch der Grund der Trennung beider)?

  • 13.9.1995

    Der Objektivationsprozeß spielt sich nicht allein „draußen“ (außerhalb des Bewußtseins) ab, er begreift vielmehr das objektivierende Subjekt selber mit ein. Die subjektiven Formen der Anschauung (das Instrument der Objektivierung) trennen nicht nur Subjekt und Welt, sondern verweltlichen auch das Subjekt. Die transzendentale Ästhetik affiziert Welt und Subjekt zugleich. Die Gewalt der subjektiven Formen der Anschauung gründet in dem Schein, daß das Bewußtsein, wenn es sich auf objektive Sachverhalte bezieht, von der Selbstreflexion (und d.h. von der Schuldreflexion) glaubt absehen zu können.
    Die subjektiven Formen der Anschauung: ein Instrument der Angstverstärkung durch Angstvermeidung und umgekehrt.
    – Erinnerung an einen Traum, den ich vor vierzig Jahren hatte, in dem ich die Lösung des Problems der Beziehung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit zur Mikrophysik (zu den Naturkonstanten der Mikrophysik und zum Korpuskel-Welle-Dualismus) gefunden, dann aber beim Erwachen wieder vergessen hatte.
    Im Hogefeld-Prozeß ist ein gerechtes Urteil schon deshalb nicht zu erwarten, weil das ganze Verfahren unter dem Bann des Feindbildes steht. Aber hat dieses Feindbild-Konstrukt nicht seine Wurzeln im Strafrecht: im Falle des Mordes wird nicht die Tat sondern der Täter bestraft. Mord ist nicht nur ein Tat-, sondern (als Täter-) zugleich ein Gesinnungsdelikt (zu den Tatbestandsmerkmalen gehören „niedrige Beweggründe“).

  • 12.9.1995

    Sehen und Hören: Der Kelch symbolisiert das ins Sehen übersetzte Hören (die „subjektiven Formen der Anschauung“), im Hinblick auf einen Text die Logik der Schrift, politisch-ökonomisch wie auch zivilisations- und wissenschaftsgeschichtlich das Herrendenken (Geschichte des Ursprungs der Naturwissenschaften als Teil der Herrschaftsgeschichte: „die Distanz zum Objekt ist vermittelt durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt“, Dialektik der Aufklärung); mit dem Kelch-Symbol hängt es zusammen, wenn die Idee der Erfüllung der Schrift auf die Passion und den Kreuzestod Jesu sich bezieht (vgl. Getsemane und Emmaus), die der Erfüllung des Wortes hingegen auf die Parusie. Das Christentum hat nach Eingliederung in die Herrschaftsgeschichte mit der Opfertheologie und dem darin gründenen Erlösungsbegriff die Passion mit der Parusie gleichgesetzt: Ursprung der Bekenntnislogik und des Dogmas (Petrus und die Geschichte von den drei Leugnungen; Bekenntnislogik als Äquivalent der subjektiven Formen der Anschauung in der Theologie, Kirche als Kelch). Was bedeutet in diesem Zusammenhang die Erweiterung des Kelch-Symbols – des Taumelkelchs und des Kelch des göttlichen Zorns – zum Unzuchtsbecher in der Johannes-Apokalypse?
    Genitiv und Dativ unterscheiden sich wie Indikativ und Imperativ bei Levinas. Auch der dem Genitiv korrespondierende Indikativ ist ein Imperativ, aber einer, der nicht mehr durch die Sprache, durchs Hören, vermittelt ist, sondern zum puren Vollzug des Gehorsams (zum mechanischen Kadaver-Gehorsam) regrediert: er ist ein instrumentalisierter Imperativ. Der auf Präsens und Zukunft (auf nicht Vergangenes) bezogene Indikativ ist ein Vollstreckungsurteil, er verwandelt das Handeln in ein subjektloses, naturhaftes Geschehen. Die Ontologie hypostasiert diesen Indikativ (und entlastet das Subjekt – ähnlich wie das Gesetz die Verwaltung – von der Last der Verantwortung und des Handelns).
    Wie hängt das symbiotische „wir“ (das ärztliche „wie geht es uns denn heute“, „haben wir gut geschlafen“) hiermit zusammen, in welcher Beziehung steht es zum „naturwissenschaftlichen“ Apriori der Medizin, zur Symptom-Medizin, zur konstitutiven Funktion des Fall-Begriffs in der Medizin?
    Gehört nicht auch dieses symbiotische „wir“ zu den Metastasen (oder auch zu den Ursprungsformen) der Bekenntnislogik, deren „gemeinschafts“-konstituierende Kraft in einer symbiotischen Konstellation gründet (die Bekenntnislogik instrumentalisiert – wie das Plancksche Wirkungsquantum? – den symbiotischen Grund, aus dem sie hervorgeht). Gemeinschaftsbegründend aber wird diese Beziehung von Bekenntnislogik und Symbiose nur in der Gestalt hierarchischer Strukturen (Hegels Philosophie kennt keine hierarchischen Strukturen, weil sie den Begriff hypostasiert; deshalb kann die Natur den Begriff nicht halten: Hat nicht die kopernikanische Wende mit dem astrologischen Verständnis der planetarischen Welt auch den kosmologischen Grund und die kosmologische Legitimation der Hierarchie: die frühmittelalterliche Engellehre, zerstört?).
    Doppelt asymmetrische Reflexion: Wie verhält sich das objektivierende Beobachten zum Begriff des Angesichts? Gibt es einen sprachlogischen Zusammenhang zwischen dem geschichtlichen Ursprung des Beobachtens und ihrer Vorgeschichte im Namen und Amt des episkopos?
    Drückt nicht in dem Psalm-Wort „Dixit Dominus ad Dominum meum: hodie genui te“ auch eine Kritik des Zeugungsbegriffs sich aus? Die beiden Herren sind weder gleichnamig noch gleichen Wesens. Im hebräischen Text stehen an dieser Stelle zwei Namen: JHWH und Adonai, die nicht gleichgesetzt werden dürfen. Die homousia, die in der Gleichsetzung beider Namen gründet, ist ein Produkt der LXX, des griechischen (und dann des lateinischen, deutschen, englischen etc.) Bibeltextes. Das homousios und die Vergöttlichung Jesu haben den Vater zum Objekt gemacht (und das ist in die Gesamtstruktur des christlichen Dogmas und in die kirchliche Erlösunglehre als eine ihrer verschwiegenen Voraussetzungen mit eingegangen).
    In der Geschichte von den drei Leugnungen Petri fällt das Krähen des Hahns mit der Überlieferung Jesu an den weltlichen Richter zusammen (die Verspottung durch die „Diener“ und das Verhör durch den „Hohen Rat“ liegt nur bei Lukas zwischen den Leugnungen und der Überlieferung an Pilatus, bei Johannes zwischen der ersten und zweiten Leugnung).

  • 3.9.1995

    Leiden nicht alle christlichen Bibel-Übersetzungen daran, daß sie zwangshaft die Spuren der Herrschaftskritik verwischen müssen? Eines der Mittel dieser Spurenverwischung war die Übersetzung der Prophetie in den historischen Indikativ: die Transformation des „Alten Testaments“ ins Vergangene (das traditionelle christliche Verständnis der „Erfüllung der Prophetie“ in Christus war die Voraussetzung). So hat der „Gott der Liebe“, der die Herren exkulpiert, den „Gott der Rache“, der sich der Erniedrigten annahm, besiegt. Der Tag des Ewigen war nahe, aber er wurde vertagt.
    Der Begriff wendet die Schulderfahrung, die im Namen laut wird, nach außen, projiziert sie ins Objekt, das in dieser Projektion sich konstituiert. Natur und Welt sind die Repräsentanten der externalisierten Sünde und Schuld.
    Der Gott der Liebe ist nicht der Barmherzige: Die Barmherzigkeit ist nicht der Widerpart (die „abstrakte Negation“) der Rache, sondern Resultat ihrer Umkehr.
    Die Dinge beim Namen nennen, Roß und Reiter nennen: Heißt das nicht, den Schuldigen benennen? Ist die benennende Kraft der Sprache nicht ein Teil des Schuldverschubsystems? Und sind Roß und Reiter (die vier apokalyptischen Reiter) nicht das Gegenstück zum Wagen (Ez und Hoh)?
    Ist das gerade Bein des Cherubs (Ez 1) ein nicht gebeugtes Knie? Was hat das gebeugte Knie mit der Orthogonalität und mit der Orthodoxie zu tun?
    Schuldverschubsystem und Opferfalle: Heute wollen alle geliebt werden. Heißt das nicht, daß sie Herrschaftskritik nur solange bereit sind zu akzeptieren, wie sie selbst als Opfer von Herrschaft betroffen sind?
    Hat Jesus nicht das Feuer schon vom Himmel geholt, und brennt es nicht bereits: als Feuer der Hölle in der Phantasie der Gläubigen? War nicht die Hölle das Produkt projektiver Verarbeitung der Verdrängungsmechanismen, die dann in den Naturwissenschaften, die mit der Hölle auch den Himmel beseitigt haben, sich entfalteten: eine Vorstufe des Inertialsystems?
    Wenn die Sintflut die Materialisierung der Dinge (das gegenständliche Korrelat der Ich-Bildung) symbolisiert, ist dann nicht die Vorgeschichte mit den Adamstöchtern und den Gottessöhnen Symbol der Ich-Bildung? Ist hier die erste Stelle, an der das Attribut „schön“ erscheint? (Die Adamstöchter waren „schön von Aussehen“, während es von Rahel, Joseph und Esther heißt, sie seien „schön von Gestalt und schön von Aussehen“.) Wie verhält sich die Schönheit (des Geschaffenen) zur Herrlichkeit (Gottes)? Ist nicht das Bild des Gottesknechts das Gegenbild des Schönen („weder Gestalt noch Schönheit“, Jes 532)?
    Kultur für alle? Sollte nicht das dumme Staunen vor den „Kulturgütern“ endlich ein Ende haben?
    Von Kindern, die schlimme, nicht mehr verarbeitungsfähige Erfahrungen hinter sich haben, sagt man, sie sähen „wissend“ aus. Die tiefe Verzweiflung in diesem Wort hallt nach im indoeuropäischen Begriff des Wissens und in der Sprachlogik, die er begründete.
    Als Brecht das Ausrauben einer Bank mit dem Gründen einer Bank verglich und dieses für wirksamer hielt, war er der Sache näher als er wußte.
    Bierzeltmusik ist die Vorstufe des Gejohles auf dem Fußballplatz. (Fundamentalismus: Gibt es nicht auch das Gottgejohle, das seit je das Pogrom, den Terror, ankündigt?)
    Wichtiger als den Staat zu zwingen, sein faschistisches Gesicht zu zeigen, wäre es, der Kirche den Spiegel vorzuhalten, um dem Gottesgejohle, der Wurzel des Faschismus, die Möglichkeit zu geben, in der Selbsterkenntnis sich aufzulösen.
    War nicht die raf ein Harakiri-Unternehmen von Anfang an, das Verliebtsein in die Opferrolle (mit durchaus religiösen Wurzeln)?
    Die Parole des real existierenden Sozialismus: „Von der Sowjet-Union lernen heißt siegen lernen“, war die Parole des Staates, nicht die des Sozialismus. Sie bezeichnete genau den faschistischen Kern dieses Staates. Nicht mehr an der Spitze des Weltgeistes, sondern bei den Verlierern sind die Kräfte freizumachen, die das Ganze zu ändern vermöchten.
    Von der raf lernen heißt, es anders machen, heißt verlieren lernen.
    Walter Benjamins Satz, Gott sei der Ernährer der Menschen, der Staat ihr Unterernährer, wird wahr erst, wenn Gott aus den Verstrickungen des Staates sich befreit: Auch für Gott ist der Staat der Unterernährer.
    Ein Christentum, das begreift, daß der Prozeß der Aufklärung sein Werk ist, das darin sich wiedererkennt, vermöchte den Prozeß der Aufklärung über sich selbst hinauszutreiben. Adornos Konzept einer vollständigen Säkularisation aller theologischen Gehalte ist als ein selber theologisches Konzept zu begreifen: Theologie im Angesicht Gottes ist die Auflösung der Religion durch Selbstaufklärung, ihre vollständige Säkularisierung. Die Säkularisierung aller theologischen Gehalte beginnt damit, daß die Theologie aus dem Bann des Weltbegriffs heraustritt, sich von ihm durch Reflexion des Weltbegriffs befreit.
    Den kritischen Naturbegriff Kants durch die Kritik des Weltbegriffs (durch die Reflexion der Vorgeschichte) ergänzen und fundieren.
    In Auseinandersetzungen mit meinem Vater habe ich gelernt, daß ich gegen ihn nur eine Chance hatte, wenn ich in seiner Sprache mit ihm sprach: in der Sprache der Religion. Hieraus habe ich meine ersten theologischen Erfahrungen und Einsichten gewonnen.
    Zur Kritik der Astrologie, des Planetensystems: Zentral wäre die Einsicht, daß das Inertialsystem in der Sonne (im Sonnensystem) sich verkörpert. Die Sonne ist das „anschauende“ (und deshalb in sich selbst blendende) Licht, der Mond die Abstraktion vom Gegenblick. Die verschiedenen Gestalten des verdrängten Gegenblicks sind der König (Jupiter), der Feind (Mars), die Frau (Venus) und das Geld (Merkur). Hat die Stelle im Hohenlied, an der es heißt „schön wie der Mond, rein wie die Sonne, furchtbar wie Heerscharen“ (610, vgl. auch 64: „Schön bist du, meine Freundin, wie Thirza, lieblich wie Jerusalem, furchtbar wie Heerscharen“) etwas mit dieser Konstellation zu tun?
    Thirza war nach der Reichsteilung zunächst Hauptstadt des Reiches Israel (Vorläufer von Samaria, das von Omri als neue Residenz erbaut wurde). Was haben Thirza und Jerusalem mit Mond und Sonne zu tun?
    Adidas oder die Instrumentalisierung der transzendentalen Logik in der Reklame: Das Ende des Geschmacks, der ästhetischen Urteilsfähigkeit, das in dem Satz „Über Geschmack läßt sich nicht streiten“ sich ankündigte, wird durch die Markenbindung ratifiziert: Die Markenbindung enthebt von der Last des eigenen Urteils, macht über den Markennamen auch den Geschmack zu einem Teil der Bekenntnislogik, zu einer durchs Wertgesetz determinierten Anschauungssache. Die objektive Wertphilosophie Schelers gehörte zu den Wegbereitern der Markenbindung.

  • 30.8.1995

    Die „Ohrenbeichte“ hat das Opfer, auf das die Idee der Versöhnung eigentlich sich bezieht, durch den Priester ersetzt. Nicht zufällig ist der Kern der Beichtpraxis die Sexualmoral.
    Die Notwendigkeit der Reflexion von Herrschaft gründet in dem Satz, daß nur Gott ins Herz der Menschen sieht.
    Die kantische Vernunftkritik hat der Idee eines herrschaftsfreien Diskurses schon den Boden entzogen, bevor sie erfunden wurde. Im Kontext der subjektiven Formen der Anschauung (und unter dem Bann des Indikativs) gibt es keine herrschaftsfreie Sprache. Die Reflexion von Herrschaft fällt mit der Reflexion der subjektiven Formen der Anschauung zusammen.
    Die subjektiven Formen der Anschauung sind ein Instrument der asymmetrischen Spiegelung. Und der Begriff der Erscheinung bezeichnet ihr Produkt. Die Kritik der intentio recta ist der Motor der Kritik der subjektiven Formen der Anschauung, ihr Ziel die Heiligung des Gottesnamens.
    Durch den Begriff der Zeugung, der eigentlich die Adoption (mit der der Caesar seinen Erben bestimmte) meint, ist das Prinzip der monarchischen Form der Herrschaft in den Kern der Theologie mit hereingenommen worden. Als Konstantin sich für die homousia aussprach, wußte er, was er tat (und wenn Theologen noch heute glauben, sie hätten den Caesar überlistet, sind sie immer noch das Opfer ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit und unfähig zu begreifen, wie sie selbst überlistet worden sind). Aus diesem Konstrukt ließe sich das Konstrukt (und die Funktion) der Sexualmoral herleiten.
    Läßt der Generationenkonflikt sich aus dem (vermutlich baaderschen) Satz herleiten, daß das Erkennen mit dem Erkanntwerden konvergiert? (Als Adam sein Weib „erkannte“, wurde er erkannt.)
    Der Satz, daß nur Gott ins Herz der Menschen sieht, macht den blasphemischen Mißbrauch der Religion unmöglich. Aber ist nicht jede Religion ein blasphemischer Mißbrauch (und verweist dieser Mißbrauch nicht auf das Zentrum der Verstrickung von Religion in die Herrschaftsgeschichte)?
    Zur Kritik der Anschauung: Bilder sind Instrumente der Vergewaltigung (ist dieses Wort nicht selber ein Produkt von Vergewaltigung: gebildet wurde es mit Hilfe zweier Präfixe und zweier Suffixe).
    Die Analyse der projektiven Züge in der Verfolgung der raf rechtfertigt nicht die Taten der raf. Gründet in der Unfähigkeit zu einer solchen Analyse nicht der Konformismus der Medien und die Verwechslung von Genitiv und Dativ?
    Heute wird die freie Phantasie durch Rechtfertigungszwänge und durch Allmachtsphantasien blockiert.
    Pranger: Ist nicht das Gejohle das immanente telos des Fernsehens (der Medien), liegt es nicht in der Fluchtlinie ihrer eigenen Logik? Symbolisch, wenn Zuschauer wie Delinquenten vorgeführt werden und sich das als Ehre anrechnen. Und ist das Zuschauen nicht eine Einübung in den Hohn?
    Greuel am heiligen Ort: Wird nicht die Religion heute zum Gottgejohle?
    Der Faschismus war eine Verkörperung der Sünde der Welt (Joh 129). So hat er an den Grund der Welt gerührt.
    Allwissenheit und Allmacht sind Attribute, die Gott apriori nicht beigelegt werden können. Wenn es heißt, daß weder die Engel noch der Sohn die Stunde kennen, sondern nur der Vater, dann kann man sich auf das begrenzte Wissen der menschlichen Natur in Jesus berufen, es sei denn, daß man in dem Wort „Jesus als Mensch“ das „als“ als den Abgrund begreift, den auch die „Allwissenheit“ Gottes nicht zu überbrücken vermag (hier „brütet“ der Geist über den Wassern). Ähnlich enthält die göttliche „Allmacht“ (wenn man sie denn dann noch so nennen will) die konstitutive Beziehung auf Freiheit; ihre Grenze ist die Unfreiheit.
    Woher kommen eigentlich die Bezeichnungen der militärischen Einheiten: Armee, Division, Regiment, Bataillon, Kompagnie, Zug? Die Legion war eine Einheit des Römischen Heeres (und ein Name der unreinen Geister). War die Legion schon von Anfang an, was sie dann in Frankreich geworden ist, eine „Fremdenlegion“, ein Söldnerheer? Was hat die Kohorte mit dem Kohortativ zu tun (cohortatio = Anfeuerung, Modus der Ermahnung, Ermutigung, des Vorschlagens)?
    „Bewahrung der Schöpfung“: Der Naturschutz überträgt das Prinzip der zoologischen und botanischen Gärten auf die Natur insgesamt, und das aus Gründen, die mit der Geschichte und dem Stand der Naturbeherrschung zusammenhängen: mit der Geschichte und dem Stand der Vergesellschaftung von Natur oder mit dem Stand der Herrschaftsgeschichte insgesamt.
    Wenn Herrschaft auf ihren eigenen Grund zurückgreift, wird sie faschistisch.
    Es gilt, der Naivetät zu entsagen, es gäbe einen herrschaftsfreien Diskurs ohne Reflexion von Herrschaft. Zur Negativen Dialektik gibt es keine Alternative.
    Der Indikativ der Lehre hätte heute eine Gestalt, die er noch nie gehabt hat: die des Lösens.
    Zu Ez 412: Leben wir nicht in einer vorverdauten Welt, sind wir nicht allesamt Wiederkäuer? (Gehörte nicht das Wiederkäuen zu den Reinheitskriterien in der Schrift, vgl. Lev 113, Dt 146?)

  • 26.8.1995

    Seit wann wird Geschichte als Legitimationshilfe (und d.h. nationalistisch) verwendet, und aus welchen Gründen? Steht nicht das heutige Bibelverständnis unter dem Bann dieses Konstrukts (Bibel als „hebräische“ Nationalgeschichte, Bibel als Sammlung imperativer, vom Heiligen Geist inspirierter, exemplarischer Texte)? Ist dieses Schriftverständnis nicht die Rache des Indikativs? (Und sind die mittelalterlichen Fälschungen, die ihre Vorläufer in der Römischen Geschichtsschreibung haben, nicht im Kontext dieses Legitimationszwangs (dem noch die moralische Verwerfung gehorcht, die im Begriff der Fälschung mitklingt) zu verstehen?
    Es wirft ein bezeichnendes Licht auf die Logik der historischen Erkenntnis, wenn man begreift, daß der Ursprung der kontrafaktischen Urteile in der Theologie liegt. Gehört nicht die Theologie, in der es kontrafaktische Urteile gibt, zum Begründungszusammenhang der Geschichte (der Vorstellung einer abgeschlossenen Vergangenheit)?
    Sind nicht in der Trinitätslehre die beiden antagonistischen Elemente des Geschichtsbegriffs vereinigt: die legitimatorische Funktion der Geschichtsschreibung und die gleichzeitige Unterwerfung der Vergangenheit unter die richtende Gewalt der Gegenwart (asymmetrische Spiegelung: Vater und Sohn)?
    Begriffe sind Brechungen und Reflexionen des Lichts, in dem die erkennende Kraft der Sprache gründet: des Namens. Verweist nicht die Geschichte vom Bogen in den Wolken nach der Sintflut auf diese Brechungen und Reflexionen? Vergleiche hierzu den Text des Basilius (der den Regenbogen als Erkenntnismodell benutzt). Ist nicht die Trinitätslehre das gebrochene und reflektierte Licht des göttlichen Namens (das gebrochene und gespiegelte Leuchten seines Angesichts)? Das Medium dieser Brechungen und Spiegelungen ist aufs genaueste bezeichnet in dem Satz (der die subjektiven Formen der Anschauung, ihre logisch-ästhetische Struktur, in sich abbildet): Das Eine ist das Andere des Anderen. Dieser Satz konstituiert den Weltbegriff und rührt an das Rätsel des Indikativs und der Urteilsform. Die Begriffe Spekulation und Reflexion gründen in diesem Zusammenhang. Der Gottesname ist im System der asymmetrischen Spiegelung gefangen (und zur Idee des Absoluten verandert).
    In der transzendentalen Logik hat Kant das System von Spiegelung und Brechung (mit den Formen der Anschauung als Symmetrieebene) aufs genaueste reflektiert. Hegels Philosophie war die letzte Gestalt des „Bogens in den Wolken“ (ihr Vorläufer war die Trinitätslehre).
    Das Feuer trennt das Licht von der Sprache, durch das Feuer sind beide aufeinander bezogen. Ist das Feuer die Manifestation des redundanten, sich auf sich selbst beziehenden Systems von Spiegelungen und Brechungen? Ist die Hegelsche Logik die genaueste Selbstabbildung des Feuers?
    Die Eucharistie-Verehrung war ein Vorläufer der Exkulpationsautomatik: Die Anbetung des heiligen Dings war die Anbetung des Objekts, auf das man die eigene Schuld abladen, verschieben konnte. Durch den, den dieses Sakrament vergegenwärtigt, war die Welt entsühnt.
    Die Todesfurcht (im Stern der Erlösung) rührt an das Problem der Vergangenheit. Sie rührt damit an den Grund des Problems des Wissens. Wissen können wir nur von Vergangenem, und im Konstrukt des Wissens steckt der Todeskeim der Vergegenständlichung, der seine Wurzeln im Begriff der Vergangenheit hat. Es ist dieser Todeskeim, der in der objektivierenden Erkenntnis und im objektivierenden Handeln (in der Praxis und in den Institutionen der Herrschaft) sich entfaltet. Benjamins Engel der Geschichte ist die Verkörperung der Trauer über das Vergangene.
    Spekulation und Reflexion gehören zur Logik des Begriffs, und die ersten Begriffe waren die Namen, mit denen Adam im Garten die Tiere benannte, während der erste Name der Name war, mit dem Adam sein Weib nach dem Sündenfall benannte: Chawah, Mutter aller Lebenden, der Name einer „Gehilfin gegen ihn“.
    Wenn Adam die Tiere benannte, und in dieser Benennung der Tiere seinen ersten Weltbegriff gewonnen hat, dann ist die Hegelsche Philosophie die Reflexion dieses Namens von innen (der ihm dann nicht zufällig zum Singular zusammenschießt: eigentlich dürfte es nach der Logik des Systems nur eine Art des Tiers geben, unterschiedene Tierarten gibt es Hegel zufolge nur, weil „die Natur den Begriff nicht halten kann“).
    Die Austreibung des Mitleids aus dem Sehen ist das Gegenstück zur Austreibung des dialogischen Elements aus der Sprache (die subjektiven Formen der Anschauung sind ein Produkt der Monologisierung der Sprache, ihrer „Theoretisierung“).
    Prophetie und Geschichte: Die Bücher Josue und Richter, Samuel und Könige gehören zu den prophetischen Büchern wie die transzendentale Ästhetik zur transzendentalen Logik: Sie liefern der Prophetie ihr „apriorisches“ Objekt.
    Im Begriff (und d.h. schon im Benennen der Tiere durch Adam) verliert der Name seine Unschuld, die nur durch Reflexion der Herrschaft im Begriff (durch Reflexion des Weltbegriffs, durch „Übernahme der Sünde der Welt“) wiederzugewinnen ist. Hängt hiermit die geschlechtsspezifische Aufteilung der Heiligen in der Kirche nach der Märtyrerzeit zusammen: die Aufteilung in Confessores und Virgines?
    Wird nicht die Linguistik heute noch vom Rassismus beherrscht, wenn sie nach einer „indogermanischen Ursprache“, die von einem „indogermanischen Urvolk“ gesprochen worden sein muß, fahndet, anstatt durch Reflexion der Sprachlogik, die in der Geschichte der Grammatik, dem Reflex der Herrschaftsgeschichte in der Sprache, sich entfaltet, den historisch-gesellschaftlichen Grund der Trennung und Verwirrung der Sprachen zu bestimmen? Steht nicht diese Reflexion der Sprachlogik, die Idee einer historischen Grammatik, immer noch unter einem Tabu?
    Läßt die Vermutung sich begründen, daß die drei Totalitätsbegriffe der kantischen Philosophie, die Begriffe des Wissens, der Natur und der Welt, ebenso wie auf ein systematisches auch auf ein sprach- und geschichtsphilosophisches Problem verweisen, daß sie in die Logik der Sprachgeschichte mit hereinspielen? Kann es sein, daß das Sanskrit den Ursprung des Wissens, die griechische Grammatik den des Naturbegriffs und die lateinische die Entfaltung und Stabilisierung des Weltbegriffs in sich abbilden und repräsentieren? Und bezeichnen diese Phasen der indogermanischen Sprachlogik (die an den jeweiligen grammatischen Konstruktionen sich müßten ablesen lassen) nicht Phasen der Beherrschbarkeit, der Instrumentalisierung dieser Totalitätsbegriffe (die dadurch erst zu Totalitätsbegriffen werden)? Verweist nicht insbesondere der Weltbegriff auf ein praktisches Moment in seiner Konstituierung: Gibt es die Welt im strengen Sinne nicht erst in der Gestalt der Weltherrschaft, des Imperiums? (Im lateinischen Weltbegriff verankert das Römische Imperium sich in den Köpfen der Beherrschten selber: In diesem Weltbegriff wird die verandernde Gewalt seiner Logik universal.) Und knüpft sich hier nicht die Verbindung zum Christentum, in dessen Gründungstexten der Weltbegriff eine ebenso zentrale wie rätselhafte Rolle zu spielen scheint? Nur im Kontext der römischen Herrschaft (und der Formen seiner Verankerung in den Köpfen der Bürger dieses Reiches) war es möglich, die weltsprengende Kraft der Tradition (durchs konservierende Dogma und durch die Gewalt der Bekenntnislogik) in eine weltkonservierende Macht zu transformieren. Nur so hat diese Tradition zweitausend Jahre Christentum überleben können.

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