Kant

  • 18.01.94

    Zu Orion und den Plejaden, „deren Verschwinden die Trockenheit anzeigt“, sh. Loretz, Ugarit, S. 164 (Anm. 535). – Kommen Orion und die Plejaden auch in „Saturn und Melancholie“ vor?
    Die Astrologie war eine an den Himmel projizierte Gesellschaftstheorie. Und das Verbot der Astrologie hängt sicherlich auch damit zusammen, daß mit fortschreitender Säkularisation die gesellschaftliche Reflexion mit einem Tabu belegt wurde.
    Der Name des Menschensohns ist antitotemistisch. Freud: „Totem und Tabu“ prüfen: Enthält es den Schlüssel zum Rätsel des apokalyptischen Tieres?
    Erst, wenn das „interesselose Wohlgefallen“, das kantische Prinzip der Kunst, aus der passiven in die aktive Form: in die Liebe übersetzt wird, wird die Grenze zur Theologie überschritten.
    Die Kabbalah unterscheidet sich von der christlichen Mystik dadurch, daß sie keine Vereinigungsmystik ist, daß sie die keusche Distanz zu Gott (die Distanz der Keuschheit) wahrt.
    Im Zuge seiner Hellenisierung hat das Christentum die Sprachwurzeln der Metaphorik durchschnitten; besiegelt wurde dieser Akt durch die Rezeption des Weltbegriffs: Liegt hier der Grund der Vereinigungsmystik, der Unkeuschheit der christlichen Theologie?
    Der Weltbegriff hat die Trunkenheit und die Unzucht im Kern, er ist in sich selber orgiastisch. Der Taumelbecher und die Hurerei bezeichnen eher ein logisches als ein moralisches Problem: einen herrschaftslogischen Sachverhalt (die „Sünde der Welt“).
    Die Probleme der Physik, der Naturwissenschaften, des Inertialsystems, sind allein mit Hilfe der drei evangelischen Räte zu lösen.
    Ist nicht die Josefs-Geschichte eine Erläuterung zu Hegels Satz, wonach die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug ist, der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern? Und gehört nicht die Josefs-Geschichte zur Urgeschichte der Marxschen Kapitalismus-Kritik?
    Nach Walter Benjamin ist die jeweils jüngst vergangene Mode das Veraltetste. Ist das nicht ein Kehrbild des anderen Sachverhalts, daß im historischen Prozeß das Allerälteste, der Anfang, sich nicht immer weiter von uns entfernt, sondern immer näher an die Gegenwart heranrückt?
    In der Konstitution und Begründung der subjektiven Formen der Anschauung steckt nicht nur ein psychologisches, sondern ein kosmologisches und politisches Problem zugleich.
    Hat das Bild von den vier apokalyptischen Reitern etwas mit dem anderen Bild von dem wie eine Buchrolle sich aufrollenden Himmel zu tun?
    Das Hosanna in excelsis im Sanctus ist falsch: Hier wird ein Hilfeschrei als Jubelruf mißverstanden.
    Oswald Loretz (S. 169) sieht in Ps 19A einen Widerspruch darin, daß, nachdem die Himmel und das Firmament laut die Herrlichkeit ihres Schöpfers verkünden, dann in V 4 – so Loretz – „folgende gegenteilige Behauptung aufgestellt“ wird:
    Keine Worte, keine Sprache,
    nicht vernimmt man ihren Laut!
    Er unterschlägt dabei, daß unmittelbar davor der Vers steht:
    Tag dem Tag sprudelt Worte,
    Nacht der Nacht kündet Wissen.
    Könnte es nicht sein, daß die Sprache dem Tag und (ebenso wie das Denken und das Wissen und gemeinsam mit ihnen) die Stummheit, die Lautlosigkeit, der Nacht zuzuordnen sind, daß das Wissen dem Schlaf entspricht, am Traum partizipiert? Ist das Wissen die „Kunde der Nacht“, die die Tage (siebenfach) voneinander scheidet (die Finsternis über dem Abgrund und das Warten auf die Morgenröte und den Hahnenschrei)?

  • 11.01.94

    Das Präteritum bezeichnet eine abgeschlossene, das Imperfekt eine noch nicht abgeschlossene Handlung. Wann wurde das Imperfekt zum Präteritum? Nach dem Verschwinden des Aorist (beim Übergang vom Griechischen zum Lateinischen)? Zusammenhang mit dem Ursprung des Futur II und der Geschichte des Ursprungs des Weltbegriffs (vom kosmos zum mundus; Voraussetzung des Inertialsystems)? Die Philosophie und als ihr logischer Ausdruck der Weltbegriff, und in der Praxis dann der Staat, schließt die Vergangenheit ab, macht die Natur zur Natur.
    Nach Hans Krahe (Indogermanische Sprachwissenschaft, II S. 83) geht das „Präteritum“ der starken Verben des Germanischen auf das indogermanische Perfekt zurück (Abstufung im Vokalismus der Wurzelsilben).
    Interessant (S. 86), daß das Futur eine spätere Bildung und vorrangig aus dem Konjunktiv hervorgegangen ist (das Futur II ist eine altlateinische Bildung). – Hängt der Zerfall des Konjunktivs im modernen Deutsch damit zusammen (das Futur läßt keinen Raum mehr zum Wünschen)?
    Zum sanskritischen Infinitiv auf -tum im Zusammenhang mit dem lateinischen Supinum I (i-tum, da-tum, S. 86): Hängt das mit dem deutschen Suffix -tum (Heiden-, Christen-, Juden-, Eigen-, Reich- und Deutschtum) zusammen: bilden die „-tümer“ das genetische Material, aus dem die apokalyptischen Tiere (die Ungetüme) hervorgehen? – Auch ein Beitrag zur Kritik der Gen-Technologie.
    Wie kommen die modernen semitischen Sprachen (auch das moderne Hebräisch) ohne das Neutrum aus (liegt hier nicht der Grund des Fundamentalismus in den islamischen und jüdichen Orthodoxien)?
    Zur Beziehung der grammatischen Strukturen zum Raum: Analyse der Präpositionen, der Prä- und Suffixe, der Deklination, Zusammenhang mit dem Ursprung der Urteilsform und der Trennung von Raum und Zeit (Sprache und Materie: die Materie ist das Grab der Sprache; auch hier erweist sich die Bedeutung der Idee der Auferstehung).
    Hängt nicht die Geschichte der Sprache (insbesondere ihre grammatische Durchbildung) mit der Geschichte der Scham zusammen: Ursprung der indogermanischen Sprache, Entwicklung der Deklinationen und Konjugationen, Ursprung des Neutrum, des Futur, der Casus? In der Sprache wird der Blick des andern antizipiert und in den grammatischen Formen reflektiert: der Bruch zwischen der benennenden Kraft und der mitteilenden Funktion der Sprache ist hier begründet.
    Dei Neutralisierung der Grammatik als Folge ihrer zweiten Verräumlichung (Begriffe als Markenzeichen, Löschung der Reflexionsbeziehungen, gleichgültiges Nebeneinander der Regeln und Vorschriften). Kritik der Naturwissenschaften, Kritik des Inertialsystems, als Voraussetzung einer Erneuerung einer zugleich historischen und spekulativen Grammatik (Befreiung der Grammatik vom Bann des Inertialsystems).
    Merkwürdige Funktion des Dativ, das sowohl den Adressaten des Schenkens bezeichnet als auch den eines Befehls, eines Handlungszwangs (das „Müssen“: er muß, es obliegt ihm). Auch die Unfreiheit steht im Dativ. Auflösung in der Idee der Liebe („Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner zu lieben fähig ist“)? Das „Lasse Dein Angesicht leuchten über uns“ erfüllt sich nur für die Liebenden.
    Fragen werden beantwortet, Probleme gelöst: Heideggers Begriff einer „absoluten“ Frage: einer antwortlosen Frage, ist das nicht die Abrogation der Sprache (Konsequenz des Vorlaufens in den Tod: der Kapitulation vor der nicht mehr benennbaren Natur)? Für absolute Fragen, für Fragen, die ins Problem zurückgestaut werden (wie die Seins- oder Judenfrage), gibt es keine Antworten mehr, sondern nur noch Endlösungen. Heideggers Philosophie, die die Asymmetrie im Verhältnis zum andern (Grund der Asymmetrie in der Sprache) durch das „Mitsein“ neutralisiert, darf keine Antwort mehr kennen.
    Die synthetischen Urteile apriori Kants beantworten keine Fragen, sondern lösen Problem: Im Bereich der Erscheinungen gibt es keine Fragen mehr, sondern nur noch (lösbare?) Probleme.
    Ehrt nicht die Majestätsbeleidung den König mehr als ihr Verbot?
    Im Angesicht Gottes ist nichts Vergangenes nur vergangen (deshalb gehört die Idee der Auferstehung zum Begriff des Angesichts).
    Gott hat nicht die Welt erschaffen, die Jesus dann entsühnt hat, sondern Gott hat Himmel und Erde erschaffen, die durch Verweltlichung (durch die Sünde der Welt) entstellt worden sind, während Jesus die Sünde der Welt auf sich genommen hat.
    Zu den neuen Vorschlägen zur Gesundheitsreform: Wird jetzt neben dem Wohnen auch die Gesundheit dem Punkt der Unbezahlbarkeit immer näher gebracht? Auch dies ein Nebeneffekt des Siegs der „freien Marktwirtschaft“ (die das Epitheton ornans „sozial“ längst aufgegeben hat).
    Gehört nicht zur Geschichte des Ursprungs der Schrift und des Geldes auch die des Ursprungs der Medizin (die Geschichte der Naturalisierung der physis)?
    Wie verhalten sich die sieben Siegel zu den sieben Plagen?
    Halsstarrigkeit, das steinerne Herz und die eherne Stirn, wie verhalten die drei sich zueinander (wie Orthogonalität, Verdinglichung und Stoß)? Grundlage ist die Trennung von Sprache, das Gesetz der Gleichnamigkeit des Ungleichnamigen, der Ursprung des Nominalismus. Entspricht der Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen nicht das Gesetz von Projektion und Verschiebung, das Schuldverschubsystem: mit dem Selbstmitleid, das dem realen Mitleid, der parakletischen, empathischen Erfahrung, keinen Raum mehr läßt, im Kern (mit den eigenen Problemen können für uns die der anderen nicht konkurrieren; wegen der eigenen Leiden haben wir im Krieg die Leiden, die wir anderen zugefügt haben, nicht mehr gesehen). Gründet nicht der Konfessionalismus der Kirchen, der an die Stelle des Votums für die Armen das für die Kirche setzt, im Schuldverschubsystem, in der Logik der Identifikation mit dem Kollektiv und des kollektiven Selbstmitleids (der Logik der Vergöttlichung des Opfers)?
    Wird nicht unter dem Begriff der Blasphemie nur noch die eigene Empfindlichkeit (die pathologische Struktur des religiösen Subjekts) zwangshaft verteidigt und kultiviert, die wirkliche Blasphemie hingegen, die im Zustand der Welt liegt, und die Sensibilität hierfür verdrängt?
    Sensibilität ist eine intellektuelle Qualität.
    Zur Struktur des Konfessionalismus: Instrument der Exkulpationsautomatik, der Abwehr der „Schuldgefühle“, die ihren Ursprung in der Existenz der Armen und in dem Bewußtsein, daß diese Armut systemlogisch mit der Selbsterhaltung im Kapitalismus verknüpft ist, hat (Abwehr der Gottesfurcht). Der Faschismus ist die Orgie der Siege über die eigenen Schuldgefühle; nicht zufällig sind die apriorischen Objekte der faschistischen Wut, des faschistischen Vernichtungstriebs, die Armen, die Schwächsten, die Behinderten, die Fremden, die Toten, die Frauen, die Juden.
    Ist das Gravitationsgesetz (Grund der Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen: der Verdinglichung der Sternenwelt, das naturale Äquivalent der Schuldknechtschaft in der Ökonomie) das steinerne Herz der Unendlichkeit?
    Solange wir versuchen, uns in den Trümmern, die die Katastrophen dieses Jahrhunderts hinterlassen haben, häuslich einzurichten, fördern wir nur die bevorstehenden, neuen Katastrophen, bei denen noch offen ist, ob sie mit den alten vergleichbar sein werden.
    Die Zusammenbruchstheorie von Rosa Luxemburg ist nicht widerlegt, sie ist durch den Faschismus bestätigt worden; nur daß dieser Zusammenbruch nicht zum Sozialismus geführt hat, sondern zu einem Modernisierungsschub, zu einer neuen Stabilisierung, deren theoretische Entschlüsselung bis heute nicht gelungen ist.
    Zusammenhang der Kronen der Könige mit den Kronen der Bäume: Als Kränze der Heroen (Lorbeer- und Dornenkranz), als Kapitäle der Säulen, die aus den Kronen der Bäume hervorgegangen sind. Sind die Kronen der Bäume die Luft-Wurzeln des Baums der Erkenntnis?
    Was ist der Unterschied zwischen
    – Krone und Diadem und
    – einem gekrönten und einem gehörnten Haupt?
    Ist nicht der zweite Schöpfungsbericht eine Ergänzung und Erläuterung des ersten? Sind Paradies und Sündenfall, und hier insbesondere die Erschaffung Adams, seine Benennung der Tiere und dann die Erschaffung der Eva, nicht ein Echo auf das „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, als sein Bild schuf er ihn, als Mann und Weib schuf er sie“?
    Hat es (im Schöpfungsprozeß) „eine Zeit“ gegeben, in der die Trennung von Vergangenheit und Zukunft noch nicht abgeschlossen war, und auf die das Kriterium der eindeutigen Zeitfolge deshalb nicht anwendbar ist? Wann wurde Hören und Sehen (Rechts und Links, Vergangenheit und Zukunft) getrennt: Wann sind aus den Pflanzen die Tiere – und mit ihnen die Welten – entstanden (am fünften Schöpfungstag: mit der Erschaffung der Seeungeheuer)?

  • 03.01.94

    Welt und Natur sind die elliptischen Brennpunkte des Herrschafts-, Schuld und Verblendungszusammenhangs.
    Der Rechtspositivismus macht den Satz, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist, zu einem Rechtsprinzip.
    So wird auch das Dogma zum Feigenblatt, zum Alibi, das die Sünden zudeckt, wenn man es als Dogma versteht, wenn man es aus dem Kontext der Umkehr herauslöst: durch Positivismus. Im Kontext der Umkehr jedoch sind der Satz, daß Gott die Welt erschaffen hat, wie auch die Opfertheologie nicht mehr zu halten.
    Wenn es von Propheten heißt, Gott habe sie vom Mutterleibe her berufen, hat das dann etwas mit der realsymbolischen Beziehung der Gebärmutter zur Barmherzigkeit zu tun? Welche Bedeutung hat dann die Radikalisierung des Symbols, wenn Jesus vom Heiligen Geistes empfangen ist?
    Ist die Redensart, daß „gut gemeint“ eine Steigerung von gemein ist, christlichen Ursprungs, Produkt der Bekenntnislogik, wonach das Erwischtwerden schlimmer ist als die Tat? Bezieht sich nicht hierauf das Wort am Kreuz: Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun? Und hängt das Sakrament der Buße nicht mehr mit diesem Wort (nämlich als Einübung in diesen Satz) als mit dem Satz vom Binden und Lösen zusammen? Sündenvergebung ohne Umkehr ist keine. Das andere Wort: Denen ihr die Sünden nachlassen werdet, denen sind sie nachgelassen, ist mehr als eine administrative Ermächtigung.
    In der Vorstellung einer unendlichen Vergangenheit wird das Nichts zitiert, daß mit der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit Macht über die Zukunft gewinnt.
    Hängen die drei Bücher des ersten Teils des Sterns der Erlösung (Gott, Mensch, Welt) nicht mit den drei Dimensionen des Raumes zusammen, haben sie darin nicht ihren empirischen Grund?
    Der Säkularisationsprozeß und der historische Objektivationsprozeß beginnt mit der Trinitätslehre und der Opfertheologie, er endet mit den subjektiven Formen der Anschauung Kants.
    Treibt Jesus nicht zusammen mit den Geldwechslern auch die Taubenhändler aus dem Tempel? Sie gilt nicht nur der Herrschaft des Tauschprinzips allgemein, sondern insbesondere der Subsumtion des Heiligen Geistes unters Tauschprinzip.
    Physik: Die Identifizierung der Außenwelt mit der gemeinsamen stummen Innenwelt aller.
    Kant und die Metaphysik: Ist nicht der aristotelische Gott bei Kant zum transzendentalen Subjekt, ins Ich denke, das alle meine Vorstellungen muß begleiten können, zusammengeschnurrt? Hegel hat versucht, ihn wieder daraus hervorzuzaubern, während Gott in der kantischen Philosophie (im Kontext von Unsterblichkeit und Freiheit) auf die jüdisch-christliche Tradition zurückweist (die Hermann Cohen dann darin auch wiedererkannte).
    Bezeichnet der Turm von Babel, der bis an den Himmel reicht, nicht einen sprachlichen Sachverhalt: das Konstruktionsprinzip der indogermanischen Grammatik, in der die Vergangenheit Macht über die Zukunft gewinnt (Bedingung der Bildung des Neutrum, das in der Schrift durch die Schlange symbolisiert wird)? Verweist die Ziegelherstellung (wie später im Sklavenhaus Ägypten) auf diese Neutrumsbildung?
    Israel kommt aus Ägypten. Aber zu dieser Herkunft gehört der Exodus und der Durchzug durchs Rote Meer (auch ein Sprachsymbol?).
    Wird Gott die Toten erwecken, wenn es uns gelingt, ihn zu erwecken?

  • 29.12.93

    Die Welt ist als Substanzbegriff ein Funktionsbegriff (Zusammenhang mit dem Ursprung und der Bedeutung des Begriffs des Absoluten: Produkt der Abstraktion von der Funkion des Weltbegriffs, der Abstraktion vom Schuldzusammenhang, in dem der Weltbegriff sich konstituiert; Konstituierung des Absoluten als Kern der Exkulpationsautomatik). Wenn es den Weltbegriff ohne den Begriff des Absoluten nicht gibt, dann bedarf es der Theologie zur Kritik des Absoluten (zur Kritik der Hybris).
    Hegels Philosophie radikalisiert den kantischen Ansatz: wonach wir nur das erkennen, was wir in die Dinge hineingelegt haben. Das Ich als Absolutes erkennt in den Dingen nur sich selbst. Aber diese Hybris ist vorgezeichnet in der logischen Struktur des Denkens selber, durch den Weltbegriff ist sie zu einer selbsttätigen Automatik geworden. In der Schrift wird der Weltbegriff durch die Schlange symbolisiert: die Schlange ist das klügste aller Tiere (klug, d.h. der Selbsterhaltung fähig, sind alle Tiere). Seinen Jüngern hat Jesus geraten: Seid klug wie die Schlangen (und ergänzt: und arglos wie die Tauben – ist das nicht eine Anweisung, wie Hegel zu lesen ist: nämlich ohne der Paranoia zu verfallen, die mit der Logik sich durchsetzt?).
    Seht, ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe: So hat Jesus seine Jünger darauf hingewiesen, daß sie in eine vom Privateigentum und vom Selbsterhaltungsprinzip: vom Staat, beherrschte Welt kommen. Die Wolfswelt ist der Staat.
    Der Antijudaismus und in seiner Konsequenz auch der Antisemitismus ist vom Weltbegriff nicht abzulösen. Die Rezeption des Weltbegriffs (zusammen mit der Philosophie, dem Hellenismus) war das Medium der antijudaistischen Verarbeitung des Urschismas.
    Ist nicht der jesuanische Gottesname „Vater“ der Platzhalter einer Theologie im Angesicht Gottes? Aber wurde dieser Vatername nicht schon mit dem Titel der Kirchenväter säkularisiert, verweltlicht, historisiert, verendlicht?
    Vater, laß die Augen dein über meinem Bette sein: So sind die schlafenden Jünger in Getsemane zum Vorbild der Kirche geworden.
    Wer war die Königin von Saba?
    Die Empörung ist die Schrumpfform der Leidenschaft (ihr Erstickungstod), an den Weltbegriff, die intentio recta, die Herrschaft der subjektiven Formen der Anschauung, gebunden: Ausdruck der Irrealität, der „Gegenstandslosigkeit“ der Umkehr, des herrschenden Atheismus. Reflexion, und damit Humanität, gibt es nur noch im Kontext der Schuldreflexion (der „Gottesfurcht“): unter der Bedingung, daß der Bann der subjektiven Formen der Anschauung (und damit der Bann der Welt) sich brechen läßt.

  • 25.12.93

    Das „Buch mit sieben Siegeln“ (so Riessler; die Einheitsübersetzung und die Züricher Bibel übersetzen: ein „versiegeltes Buch“) stammt aus Jes 2911. Der Versiegelung des Buches entspricht der „Tiefschlaf“ (2910) derer, an die das Buch gerichtet ist (zum Tiefschlaf vgl. den Tiefschlaf Adams vor der Erschaffung der Eva, Gen 221, und den Tiefschlaf Abrahams, Gen 1512; sh. auch Hiob 413 und 3315).
    Sind die drei Magier aus dem Osten Chaldäer? Woher kommen die Namen Kaspar, Melchior (von melech?) und Balthasar?
    Der kantische Begriff der Erscheinung bezeichnet nicht die Erscheinung von etwas (Erscheinung des Herrn, eines Engels), sondern die Erscheinung für jemanden (für mich): etwas, das mir erscheint.

  • 21.12.93

    Wie es scheint, ist von der gesamten theologischen Tradition nur die Sohn-Gottes-Theologie übriggeblieben: der letzte Statthalter des Absoluten in der Theologie, Garant der Exkulpation ohne Umkehr. Welche Rolle spielt hierbei der Umstand, daß sich in dieser Theologie alle Herren als allmächtige Väter fühlen können (sie alle haben ihn gezeugt)? Nichts komischer (aber auch nichts entsetzlicher) als die Vorstellung, Jesus sei in die Welt gekommen um zu verkünden, er sei der Sohn Gottes. Ist die Sohn-Gottes-Theologie der Abfalleimer der verworfenen Tradition?
    Kafkas Landarzt: „Einmal dem Fehlleuten der Nachtglocke gefolgt, es ist nicht wieder gutzumachen“. Eine Allegorie des Christentums?
    Was ihr auf Erden binden werdet, wird auch im Himmel gebunden sein; und was ihr auf Erden lösen werdet, wird auch im Himmel gelöst sein: die präziste Bestimmung der metaphysischen Bedeutung des Objektbegriffs, zu dessen letzten theologischen Emanationen die Sohn-Gottes-Theologie gehört.
    Die biblischen Gebote sind keine absoluten Gebote: Zu dem „Macht euch die Erde untertan“ gehört das „Seid barmherzig wie euer Vater im Himmel barmherzig ist“.
    Ist nicht die nach dem Vaticanum II erfolgte Verwerfung der Tradition die Besiegelung der Kapitulation vor dem naturwissenschaftlichen Erkenntnis- und Weltverständnis, in deren Kontext der theologische Rest (und seine unterschiedlichen Ausprägungen) allein verständlich wird?
    Gibt es nicht eine verblüffende Parallele zwischen dem Generationenwechsel in der Lehrerschaft durch den Ersten Weltkrieg und dem Generationenwechsel in der Theologie nach dem Zweiten Weltkrieg?
    Wollte man die Grenze des Sterns der Erlösung bestimmen, müßte man von der Ausblendung des Sündenfalls und der Apokalypse ausgehen (aber war das nicht die Grundlage der Buber-Rosenzweigschen Zusammenarbeit?).
    Hängt die Logik der Vergöttlichung des Opfers (und der Ursprung des modernen Naturbegriffs) mit der Geschichte der Beziehung von Kausalität und Teleologie zusammen? Der aristotelische Kompromiß: die Neutralisierung des Widerspruchs zwischen Kausalität und Teleologie, war die Grundlage seiner Metaphysik. Nur so konnte Gott zugleich als die noesis noeseos und als der Erste Beweger begriffen werden. Im Rahmen dieses Konzepts war es unmöglich, einen dem Trägheitsgesetz entsprechenden Begriff der Bewegung zu definieren. Die Entwicklung dieses Begriffs in der Spätscholastik (unter dem Druck frühkapitalistischer Strukturen in der Gesellschaft) hat die aristotelische Tradition gesprengt und die Grundlage gelegt für die Transzendentalphilosophie Kants.

  • 13.12.93

    Natur als „Inbegriff gegebener Gegenstände“. (Kritik der reinen Vernunft, S. 635) Diese Erläuterung ist der Definition, die Kant an anderer Stelle gibt, äquivalent, wo er Natur als das „dynamische Ganze der Erscheinungen“ bezeichnet. In der durch die Urteilsform verhexten Welt bezeichnet die Natur alle Gegenstände von Urteilen, die Welt alle Urteile über Gegenstände. Der Weltbegriff entzieht den Naturbegriff, und mit ihm den Gegenstandsbegriff, der kritischen Reflexion.
    Ethik als prima philosophia: Wenn Kant die Metaphysik der Natur von der Metaphysik der Sitten dadurch abgrenzt, daß er die eine als das Reich des Seins vom andern als dem Reich des Sollens trennt, dann vergißt er, daß das Sein in diesem Kontext als Nichtsein des Gesollten sich bestimmen läßt: Beide stehen nicht beziehungslos nebeneinander, beide sind (durch eine Grenze, die Rosenzweig erstmals als Grenze des Todes begriffen hat) auf einander bezogen, und die Reflexion dieser Beziehung wäre die zentrale Aufgabe der Philsophie (der „Stern der Erlösung“ ist ein philosophisches Buch). Wer das Sollen nur als Sollen bestimmt, neutralisiert und liquidiert es (wie Hegel es in der ungeheuren Konsequenz seiner Logik getan hat).
    Das Sein wird zum undurchdringlichen Sein erst durch seine Beziehung zur benennenden Kraft der Sprache: Indem es sie auf verdinglichte Objekte bezieht, neutralisiert es die Sprache zum Begriff, die dann verfügbar, instrumentalisierbar wird. Nur durch die Kritik des Begriffs, durch die Kritik des Weltbegriffs hindurch, ist es in das Licht der Erlösung zu rücken.
    Daß das Nichts etwas Reales, Bestimmtes ist, läßt sich (wie bei Rosenzweig) anhand der Todesfurcht bestimmen, aber auch
    – durch eine genauere Analyse der Vorstellung des Zeitkontinuums (seiner Bedeutung für die Konstruktion des Inertialsystems und die Begründung des naturwissenschaftliche Erkenntnisprozesses) und
    – anhand einer Untersuchung der Geschichte der Banken im Hinblick auf die Geschichte der Armut, der Ausbeutung und Unterdrückung in der Welt (Geldwäsche wäre eine Definition der Bankentätigkeit insgesamt; diese Leistungen der Banken sind vergleichbar denen der Schlachthäuser, der Kliniken, der industriellen Produktionsstätten und der Irrenanstalten: sie rücken die Grundlagen und Folgen unserer privatisierten Existenz aus dem Blickfeld).
    Pecunia non olet? Müßten Vegetarier nicht auch das Geld verweigern? Und hat der Hostienkult im Mittelalter nicht ebenso wie mit der Etablierung des Objektbegriffs etwas mit der neuen Entwicklung der Geldwirtschaft (und mit den gleichzeitigen Änderungen im Fleischverzehr, sowohl hinsichtlich der Mengen des Fleischverzehrs als auch der dazugehörigen Essenssitten: der Erfindung von Messer und Gabel) zu tun?
    Zur Rehabilitierung des Wunders: Humanität beginnt dort, wo man nicht mehr sich darauf beschränkt, nur das Mögliche zu denken, sondern den Schritt vollzieht, auch das Unmögliche zu denken.
    Die Antwort Jesu an Johannes („Die Blinden werden sehend, …“: Beschreibt sie nicht aufs genaueste den Umkreis der Erfüllung des Wortes, die Franz Rosenzweig als den Ort des Wunders bezeichnet und in den Kontext der Umkehr gerückt hat?
    Durch das Gravitationsgesetz hat Newton den Kosmos in eine imaginäre Maschine verwandelt, die nicht zufällig das Bild vom Uhrwerk nach sich gezogen hat. Gehört die Erfindung mechanischer Uhren (die dann an Kirchtürme und in die Dome verbracht wurden) zur Vorgeschichte des Inertialsystems?
    Eines der zentralen Momente der prophetischen Utopie ist das Bild vom Tierfrieden. Aber das ist nicht mehr zu verstehen ohne die Weltkritik der Apokalyptik.
    Hängt halacha mit lechem und haggada mit gadol zusammen? Und sind sie somit nicht auch Verkörperungen der Beziehung von Gericht und Barmherzigkeit? Und ist nicht mit der Übernahme der Sünde der Welt die Gerechtigkeit in der Barmherzigkeit: das Gesetz in der Gnade aufgehoben? Weshalb Jesus zur Rechten des Vaters sitzt, von dannen er kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten.
    Die jüdische Vergangenheit und das Gesetz ist im Christentum nicht überwunden, sondern aufgehoben, aber als Utopie aufgehoben, nicht als Realität (gegen die Kirche): Aufgehoben in der Idee des Parakleten. Johannes hat nur die Umkehr gepredigt, Jesus die Frucht der Umkehr: den Parakleten, den Geist.
    Wer Jenseits des Todes mit Nach dem Tod verwechselt, schneidet die Erlösung an der Wurzel ab, befördert die Finsternis über dem Abgrund. Das Verhältnis Jesu zum Täufer ist geweissagt in dem Satz vom Geist Gottes über den Wassern.
    Die Lösung der sieben Siegel ist die Lösung des Rätsels des Sechstage-Werks.
    Dem Menschensohn ist Herr des Sabbats: D.h. er ist der Herr des Sechstage-Werks und des Exodus.
    Wodurch unterscheidet sich das Himmelreich vom Gottesreich, und weshalb unterscheiden deutsche Übersetzungen in der Regel auch sprachlich zwischen Himmelreich und Reich Gottes (während im Griechischen beide Namen gleich, durch die reine Genitivkonstruktion, nicht durch ein zusammengesetztes Wort, gebildet werden: basileia tou ouranou und basileia tou theou). Geschichtsphilosophie der Wortbildungen:
    – im Hebräischen scheinen Wortzusammenfassungen in erster Linie Namensbedeutung zu haben (Jehoschua, haschamajim),
    – im Griechischen und Lateinischen bezeichnen sie Tätigkeiten (pantokrator, pontifex),
    – im Deutschen (ohne Parallele in anderen Sprachen?) Eigentums-und Herrschaftsbeziehungen (Hausbesitzer); entspringen diese Konstrukte nicht in Genitivbildungen, und partizipieren sie nicht an der Zweideutigkeit des Genitivs (g. subjectivus und objectivus)? – Vgl. die Bemerkung Walter Benjamins hierzu im „Ursprung des deutschen Trauerspiels“.
    Haben die Wortzusammensetzungen im Indogermanischen etwas mit der selbstreferentiellen Struktur dieser Sprachen, mit der noesis noeseos, mit ihrer Beziehung zum Herrendeknen und mit der Bildung des Neutrum (und dem Ursprung des Begriffs) zu tun? Steckt nicht in der Beziehung der indogermanischen Substantivbildung zur hebräischen Namensbildung ein Hinweis auf die geschichtsphilosophische und metaphysische Relevanz des Problems?
    Steckt in Mirjam das jam (Meer)? Und hat jam (Meer) etwas mit majim (Wasser) zu tun: Gibt es im Hebräischen Umkehrbildungen: jam und majim, bara und arab, negev und begin?
    Ist die Wüste die Umkehr der Schöpfung, und die ägyptische Magd die Umkehrung des hebräischen Sklaven?
    Sind Vor- und Zuname (auch die Bildung „Jesus Christus“) Abkömmlinge und Denkmale der Trennung von Natur und Welt, Objekt und Begriff: Produkte der Urteilsform?
    Zwischen den Feigenblättern (zu deren Bedeutung Johannes Scotus Eriugena wichtiges gesagt hat) und den Röcken aus Fell, mit denen Gott Adam und Eva bekleidete, liegen die Verfluchungen der Schlange, Evas und Adams. Aber erst nach dieser Bekleidung mit Fellen erfolgt die Vertreibung aus dem Paradies. (Gen 37.21f) Haben diese „Felle“ etwas mit dem Ursprung des Weltbegriffs zu tun (sind die Felle der Tiere nicht Verkörperungen der Scham, Ausdruck ihrer Beziehung zu ihrer Welt, der Mimesis an die „Außenwelt“: des Bannes, unter dem alle Tiere stehen)? Drückt in diesen Fellen (ebenso wie nach Johannes Eriugena in den Feigenblättern) etwas Sprachliches sich aus; bezieht sich das Fell nicht auch wie der Fluch auf die Beziehungen der Geschlechts-Differenzierung der Substantive, insbesondere auf den Ursprung und die Bedeutung des Neutrum (der Schlange)?

  • 02.12.93

    Das tode ti, das hic et nunc, ist die Säkularisation, die Umkehrung des prophetischen Heute, das so unkenntlich gemacht wird.
    Ragaz, Bd. 4, S.236: Hier verwechselt er (mit der gesamten christlichen Theologie vor ihm) den johanneischen Logos mit der griechischen Vernunft, dem Denken: mit seiner Verstrickung im Schuldzusammenhang, dessen subjektiver Ausdruck das Denken ist.
    Ist adama, der Acker, die Sprache? Und sind die Dornen und Disteln die Grammatik (die ihre Wurzeln in der Mathematik, in der Sprachwüste, hat).
    Macht die Mathematik die Sprache zu Staub? Wie verhält sich der Staub zum Sand am Meer und zu den Sternen des Himmels?
    An sich ist der Raum (die subjektive Form der äußeren Anschauung) dunkel, undurchsichtig (ist die Anschauung blind); erst das Licht macht ihn hell. Wir sehen die Dinge im Licht, nicht im Raum. Steckt nicht in diesem Licht schon die Sprache?
    Zu Joh 129 vgl Ragaz, Bd. 4, S. 251.
    Johannes zitiert (in seiner Version der Geschichte von der Tempelreinigung) die „Räuberhöhle“ als Marktplatz (Ragaz, 4, S. 258)?
    Steht das Wort von der Wiederherstellung des Tempels in drei Tagen in Beziehung zur Geschichte von den drei Leugnungen?
    „Sag, ist es Liebe, was hier so brennt“: Ist das Feuer nicht ebenso pathologisch wie die Empfindung (und sein Verhältnis zum Licht ein Abbild des Verhältnisses der Empfindung zur Sensibilität)?
    Jes 1918: An jenem Tage werden fünf Städte im Lande Mizrajim die Sprache Kanaans reden und sich durch Eidschwur dem Herrn der Heerscharen zu eigen geben. Eine wird Ir-Heres (Stadt der Zerstörung, Sonnenstadt/Heliopolis?) heißen. – Ist die Sprache Kanaans die Sprache des Landes Kanaan oder (auch) die Sprache der Händler (im Gegensatz zur Herrschaftssprache des Indogermanischen)?
    Entspricht nicht die logische Stellung des Charakters im System (bei Kant und Rosenzweig) der des Tieres in seinem Verhältnis zur Welt (Benennung der Tiere durch Adam, die apokalyptischen Tiere)? Sind die (Vögel und) Fische charakterlos?

  • 24.11.93

    Ist die Eitelkeit (Kohelet, Röm 820) die Umkehrung der Scham: die Verstellung, das Anders-erscheinen-Wollen, die Instrumentalisierung des Feigenblatts? Eitel ist das Nichtige (an das die Götzen-Nichtse erinnern). In der Scham sehe ich mich im Blick, im Urteil anderer, in der Eitelkeit passe ich mich dem Blick, dem Urteil anderer an.
    Das kantische Ich denke, das alle meine Vorstellungen muß begleiten können, begleitet in der Tat nur meine Vorstellungen (das System in meinem Kopf). Es segnet das vergegenständlichende, instrumentalisierende Denken ab (war das nicht die Aufgabe der Götter Roms, die zunächst von den Caesaren, dann vom christlichen Dogma übernommen worden ist?).
    Der Objektbegriff (das nichtige Produkt aus Scham und Eitelkeit?) ist der logische Kern des Schuldzusammenhangs, das Substrat des Götzendienstes.
    Klugheit ist auf Selbsterhaltung bezogen, Weisheit aufs Durchschauen des Systems der Selbsterhaltung: darin gründet sein Bezug zur Herrschaft, zum Regieren.
    Hat der Kreuzestod die Beschneidung ersetzt (und in einem bis heute unbegriffenen Sinne „überflüssig“ gemacht)?
    Hängen die Regenbogenfarben (das Zeichen, daß es eine Sintflut nicht noch einmal geben wird) mit den Planeten zusammen?
    Zur historischen Bibelkritik: Ist die Quellentheorie nicht eine notwendige logische Folge der Unterwerfung Gottes unters Identitätsprinzip (Verwechslung der Einzigkeit Gottes mit dem Monotheismus)? Wenn man eine Differenz zwischen den Bestimmungen unserer Gotteserkenntnis (zwischen den Gottesnamen Elohim und JHWH) nicht mehr zulassen kann, werden die differierenden Momente in der Sache zwangsläufig zu Differenzen zwischen Subjekten: zu unterschiedlichen Quellen („Weltanschauungen“).
    Haben nicht Elohim und JHWH etwas mit der Unterscheidung von Angesicht und Ich zu tun? Hat Elohim etwas mit der Gemeinschaft des Ich zu tun, während JHWH reines Angesicht, der ganz Andere ist, dessen Ich eine Gemeinschaft mit dem menschlichen Ich a limine ausschließt (weshalb sein Name nicht ausgesprochen werden darf)?
    Erst wenn die Schrift insgesamt als Prophetie (und in der Gegenwart die Geschichte als der durchsichtige Körper der Schrift) begriffen wird, entzündet sich die prophetische Gestalt der Erkenntnis, die heute an der Zeit ist.
    Haben die drei Scheidungen (der drei ersten Schöpfungstage), von denen jede in der folgenden enthalten und vorausgesetzt ist, etwas mit der Genesis des Raumes zu tun (ist nicht das Licht vorne, im Angesicht, und die Finsternis hinter dem Rücken, und wurde nicht mit dem Licht der Quellpunkt des Angesichts erschaffen)?

  • 11.11.93

    physis und natura: die beiden Begriffe beziehen sich auf den gleichen Sachverhalt, sie unterscheiden sich aber wie Zeugen und Geborenwerden, wie der aktive und der passive (der männliche und der weibliche) Aspekt der Sache.
    Die Idee des Absoluten ist das Produkt der Neutralisierung Gottes, seiner Verweltlichung. Die Ambivalenz des Konzepts der Säkularisierung aller theologischen Gehalte ist darin begründet. Ist nicht die Säkularisierung die Enthebung des Denkens vom Denken, seiner Veranderung (weshalb Habermas vor der Kritik des Naturbegriffs kapituliert, die Natur, wie sie ist, akzeptiert)?
    Die Enteignung der Wahrsager und die Herstellung des kaiserlichen Wissensmonopols in der Spätantike (Marie Theres Fögen) hängt mit der Beziehung der Institution des Caesars zur Idee des Absoluten (der Kaiser ist der Schöpfer der Welt: Ursprung der Reichsidee) zusammen.
    Durch die „Enteignung der Wahrsager“ wurde der Weg freigemacht für den historischen Objektivationsprozeß. Der Cäsar steht unter dem Gesetz und dem Zwang des Absoluten, und genau hier liegt die verhängnisvolle Verwechslung Hegels, wenn er die Folgen, die dem Caesarismus zuzuschreiben sind, auf das Christentum projiziert. Bezieht sich nicht der Kelch von Getsemane auf den Caesarismus und seine Folgen?
    Ist nicht der Märtyrer- und Reliquienkult (im Kontext der Instrumentalisierung des Kreuzestodes) ein logisches Appendix des Caesarismus?
    Was und wer waren die Auguren, und was bedeutet es, wenn Cicero ein Augur war? Hängt die Selbstbenennung des Okatavian als Augustus mit dieser Konstellation zusammen? Haben Augustus und die Auguren eine gemeinsame sprachliche Wurzel, und wie ist dann der grammatisch-logische Zusammenhang? Hat Augustus sich durch seinen Namen zum aktiven Subjekt des passiven Augurentums gemacht, das Augurenwesen durch die Institution des Caesar Augustus säkularisiert (Zusammenhang mit dem Ursprung des Weltbegriffs und der logischen Stellung des Caesaren zum Weltbegriff; gründet darin die Zuwendung des Cicero zur Philosophie)? Ist die Geschichte des Mönchswesens in der Spätantike der Schatten des Caesarismus?
    Zu Marie Theres Fögen: Wodurch Jesus sich von den übrigen Magiern und Wundertätern unterscheidet, ist seine Beziehung zur Prophetie.
    Auffällig an den jüngsten Manifestationen der Gewalt in der Gesellschaft ist, daß und in welcher Weise Kopf und Gesicht zu Objekten der Gewalt (schon bei Kindern) werden; in den dreißiger Jahren waren es (auf den Schulhöfen) die Genitalien, an denen die Gewalt sich erprobte. Liegen die Angriffe auf den Kopf nicht in der logischen Konsequenz der Friedhofschändungen, und kehrt auf diesem Wege nicht Auschwitz an den Tatort zurück? Was haben die Großeltern dieser jugendlichen Delinquenten in der Nazizeit gemacht?
    Assur und Babylon, Ninive und Babel: Ist nicht Assur der Typos der reinen Militärmacht, Babel hingegen der der Tempelwirtschaft: die früheste Gestalt der Marktwirtschaft? – Assur hat Jerusalem nicht einnehmen und zerstören können, wohl aber Babel. Vgl. hierzu die Gestalt des Jeremias.
    Ist die Grenze der Anwendung des Weltbegriffs, die Tatsache, daß er auf Tiere, nicht jedoch auf Pflanzen sich anwenden läßt, darin begründet, daß das dem Weltbegriff logische zugehörige Subjekt der Selbstbewegung fähig sein muß? Deshalb gibt es eine kopernikanische („heliozentrische“) Welt. Ist nicht der Weltbegriff ein Tierbegriff, und beginnt das Humanum nicht erst mit der Übernahme der Sünde der Welt? – Liegt hier ein Hinweis auf die Lösung des Problems der Tiere (des „Behemot“, aber auch des Leviatan, des Rahab, der Tiere vom Wasser und vom Lande, der Tiere mit Köpfen, Kronen und Hörnern, der Zahl 666) im Kontext der Weltuntergangsvisionen in der Apokalypse?
    Sind der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis Repräsentanten von Barmherzigkeit und Gericht? Durch die Erkenntnis des Guten und Bösen gewinnen die Menschen Anteil an der richtenden Gewalt. – Hat der Baum des Lebens dann etwas mit der Gebärmutter zu tun (und mit den messianischen Aspekten des Weiblichen: mit der Feindschaft zwischen dem Weibe und der Schlange und mit den Schmerzen des Gebärens nach dem Sündenfall)?
    Haben die Blinden und die Tauben (Mt 115, Lk 722) etwas mit den Juden und Christen zu tun: Sind die Christen taub (und deshalb paranoid, seit sie das Hören durch den Gehorsam ersetzt haben) und die Juden blind? Vgl. die einzige Stelle, an der Jesus einen Taubstummen heilt (Mk 730, auch 925).
    Wäre es nicht ein legitimes Ziel des jüdisch-christlichen Dialogs, die Christen von ihrer Taubheit und die Juden von ihrer Blindheit zu befreien?
    Jes 4218ff: Ihr Tauben, höret, und ihr Blinden, schauet her und sehet! Wer ist blind, wenn nicht mein Knecht, und taub wie mein Bote, den ich sende? Wer ist blind wie der Gottgeweihte und taub wie der Knecht des Herrn? Viel hast du gesehen, doch nicht beachtet, hast mit geöffneten Ohren nicht gehört.
    Gibt es einen Zusammenhang mit Ochs und Esel:
    – Jes 13: Der Ochse kennt seinen Meister, der Esel die Krippe seines Herrn;
    – Deut 154: Du sollst dem Ochsen, der da drischt, das Maul nicht verbinden;
    – der gordische Knoten, den Alexander durchschlagen hat, war der Knoten, der das Joch des Ochsens mit der Deichsel des Ochsenkarrens verband; aber
    – der Messias reitet auf einem Esel in Jerusalem ein, Sach 99.
    Ist der Ochse (die Philosophie) taub und der Esel (die Prophetie) blind? Die Philosophie ist seit ihrem Ursprung taub (das begründet die Stellung und Funktion der Formen der Anschauung in der transzendentalen Logik Kants), und zwar taub durch den Begriff, der das Hören (das dann die Kirche in den Gehorsam verfälscht hat) sabotiert. Ist nicht der Begriff (und die indogermanische Sprache) taub und der Name (die semitische Sprache) blind (wie die Klugheit der Schlangen und die Arglosigkeit der Tauben)?
    Erweist es sich nicht heute, daß die Taubheit (die Verwechslung von Hören und Gehorsam) schlimmer ist als die Blindheit? Ist nicht die Trinitätslehre, das Produkt des Versuchs, eine Theologie ohne Umkehr zu etablieren, zum Symbol der Taubheit geworden (sie macht die Theologie taubstumm: zur Theologie hinter dem Rücken Gottes)?
    Und er ging hinaus und weinte bitterlich: Öffnet nicht erst das Weinen die Ohren (während das Lachen sie verschließt)?
    Zur Blindheit vergleiche die Gestalt des Tobit (und das Buch Tobias, in dem Tobit wieder sehend, aber Ninive am Ende doch zerstört wird).
    Jesus hat die Blinden und den Taubstummen durch eine Mischung aus Speichel und Erde geheilt?

  • 15.10.93

    Zebrastreifen: Überleben ist wichtiger als Rechtbehalten. Das Privileg, Recht zu behalten, haben nur die, die der Probleme des Überlebens enthoben sind. – Heute haben Militärs die größte Chance, Kriege zu überleben.
    Zu Kelly, Glaubensbekenntnisse, S. 194: Wenn die östlichen Bekenntnisse „stärker theologisch“ sind, mit Ideen zu tun haben, während westliche Bekenntnisse „von Tatsachen sprechen“, so hängt das mit der stärkeren Verrechtlichung (und Individualisierung) des Glaubens zusammen (dem westlichen credo entspricht im Osten in der Regel das credimus). Ideen sind prinzipiell nachvollziehbar und einsichtig, Tatsachen unterliegen (wie die „Erkenntnis“ des Richters im Rechtsstreit) der Beweislogik und bedürfen, wenn sie nicht durch Eigenwahrnehmung gesichert sind, der Bestätigung durch Zeugen. Tatsachen unterliegen der Logik der Öffentlichkeit. Die theologischen Begriffe des Westens sind von einem Juristen (Tertullian) aus dem Griechischen ins Lateinische übertragen worden. Hat nicht Tertullian die westliche Theologie zu einer Bekenntnis-Theologie, und d.h. zu einer Objekt-Theologie, gemacht? Hier läßt sich die Bekenntnis-Logik als Logik des Bindens (die am Ende bei Kant als transzendentale Logik, als apriorisches System der Subjektivität, sich enthüllt) begreifen. Die Tatsachen-Logik zerstört den Zeitkern der Wahrheit: das Moment des Namens in der Idee der Wahrheit.
    Wenn das liberum arbitrium der Repräsentant des Inertialsystems in der Moral ist: In welcher Beziehung steht es dann zur Umkehr?
    Wovon hat die frühe Kirche gelebt, wie waren ihre materiellen Grundlagen geregelt?
    Zum Begriff der projektiven Erkenntnis: Die Griechen brauchten den Begriff der Barbaren, um den Ursprung der begrifflichen Erkenntnis, der Philosophie, projektiv abzusichern, die moderne Aufklärung benötigte den Begriff der Wilden.
    Abraham war ein Hebräer: Hat das etwas mit Beziehung des Namens Adam zu adama zu tun?
    Das Urschisma war die erste Leugnung, die Scholastik (aufgrund ihrer genetischen Beziehung zum Islam) die zweite und am Ende die Unfähigkeit zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Aufklärung die (mit der Selbstverfluchung einhergehende) dritte Leugnung.
    Beweisen die Starnberger Studien 3 nicht das Gegenteil dessen, was sie beweisen wollen: Wenn der Staat die Organisationsform einer Gesellschaft von Privateigentümern ist, dann führt die Privatisierung staatlicher Aufgaben nicht zu einer Schwächung, sondern zu einer Stärkung des Staates: zur Totalisierung des Gewaltmonopols des Staates (und zur explosiven Ausdehnung der Sicherheitsaufgaben und der Rüstung). Hängt es nicht hiermit zusammen, daß heute Soldaten die größte Chance haben, einen Krieg zu überleben? – NB: Gegenstand dieser Starnberger Studie ist das „Problem der Sicherung von Bankeinlagen“.

  • 11.10.93

    Feindschaft begründet Gemeinschaften, macht aber zugleich dumm: Weil es keine Feindschaft ohne Projektion gibt.
    Das Feindbild (das Feinddenken) macht nicht nur dumm, sondern durch das selbstreferentielle Moment im Feinddenken, wird man selbst zu dem, als das man den Feind (mit Hilfe des Instrumentariums der Projektion) erkennt.
    Die Vorstellung, daß, wenn man Herrschaft abschafft, alles weiterläuft, nur eben besser, ist lebensgefährlich naiv.
    Solange Revolution nur aus der Empörung sich nährt, verändert sie nur das Selbstgefühl, nicht die Welt.
    Zur Erschaffung des Menschen:
    – Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde,
    – nach dem Bilde Gottes schuf er ihn,
    – als Mann und Weib schuf er sie (Gen 127).
    Drückt sich darin nicht vor dem Geschlechterverhältnis das Herrschaftsverhältnis aus, das zur Erschaffung des Menschen gehört (Gott – den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes -er ihn, als Mann und Weib – er sie)?
    Gibt es im Hebräischen ein Äquivalent zu der Unterscheidung von bestimmtem und unbestimmtem Artikel; gibt es eine Beziehung des unbestimmten Artikels (und des Infinitivs Sein) zum Possessivpronomen und zur Negation (ein, mein, sein, nein)?
    Die Orwellschen Sprachregelungen sind nicht nur willkürlich, sondern haben einen logischen Kern. Das Problem der Sprachregelung hängt mit der Beziehung von Begriff, Name und Instrumentalisierung (der Subjektivierung der Zwecke) zusammen, wobei der entscheidende Einbruch in der kantischen Philosophie aufs präziseste bestimmt wird: Kristallisationskern einer Logik, die keine anderen als subjektive Zwecke mehr kennt, der Objektbegriff, der sich im Kontext der Lehre von den subjektiven Formen der Anschauung konstituiert. Mit dem Objektbegriff, mit der der transzendentalen Logik zugrunde liegenden apriorischen Objektbeziehung des Urteils verliert der Begriff seine benennende (und die Sprache ihre argumentierende) Kraft. Der Name wird zu einem Teil des Reichs der Erscheinungen: er wird willkürlich, kontingent. Das Objekt und seine Derivate (die transzendentale Ästhetik und Logik insgesamt), in ihrem Kern die mathematische Raumvorstellung, machen den Namen gegenstandslos, zerstören die Sprache von innen.
    Das Verteidigungsministerium ist in der Tat kein Kriegs-, sondern ein Verteidigungsministerium: Nur was hier verteidigt werden soll, ist das Recht auf Unterwerfung, Beherrschung und Ausbeutung der Welt (der Stand der Rüstung ist ein Indiz dafür, wie tief das Gesetz des Krieges schon in die Logik der Ökonomie integriert ist: wer heute vor den Folgen des Krieges sich schützen möchte, sollte Soldat werden; anders als die Zivilbevölkerung ist er im „Ernstfall“ am wenigsten gefährdet).
    Ist es in der Eucharistie nicht das Gesetz der Verdinglichung, das das Wahrheitsmoment darin, nämlich die Beziehung des Namens zu Brot und des Blutes zum Wein, gleichsam mystisch verdampft. „Dies ist mein Leib“: Bezieht sich das nicht auf den Sprachleib des logos, auf den sich auch das homologein, das dann zum Bekenntnis neutralisiert wurde, bezieht? Der theologische Begriff der Transsubstantiation ist dagegen ein paradoxales philosophisches Konstrukt (keine verheilte Narbe, sondern die Theologie als offene Wunde der Philosophie). Die Eucharistie: ist das nicht das öffentliche Ding als theologisches Erbe der res publica?
    Alles Wissen bezieht sich auf Vergangenes. Liegt darin nicht der Schlüssel zur Mathematik und zu den subjektiven Formen der Anschauung: zum Verständnis der Form des Raumes?
    Hegels Philosophie: ist das nicht die gestorbene und begrabene Wahrheit, und bezieht sich hierauf das Wort: Herr, sie riecht schon?
    In der Logik des Andersseins gründet die paranoische Verführung jeder Philosophie, und gegen sie ist der Rat gerichtet: Seid arglos wie die Tauben.
    Ist nicht der griechische Mythos die bereits im Ursprung verdrängte Innenseite der Philosophie?
    Kern einer Neubegründung der Theologie wäre die Kritik des Begriffs der Anschauung Gottes. Hier wurde das Angesicht Gottes verdrängt, der christliche Paganismus begründet, der der kantischen Lehre von der Subjektivität der Anschauung zugrundeliegt und in ihr sich vollendet.
    Sind nicht die drei abrahamitischen Religionen insgesamt verdinglichte Gestalten der Wahrheit, und führte das Gesetz der Verdinglichung nicht zwangsläufig auf diese drei Gestalten der Verdinglichung? Sind nicht alle drei auf den Weltbegriff verhext?
    Zur Isolationshaft: Sind nicht die Zellen (Erbe und Fortentwicklung der platonischen Höhle) Erfindungen der Mönche, und welche Bewandnis hat es in diesem Zusammenhang mit den drei evangelischen Räten?
    Ist der Neue Katechismus nicht der Mühlstein, der der Apokalypse zufolge am Ende ins Meer geschleudert wird (und zugleich – wie der „splendor veritatis“ – das Schwarze Loch, das alles Licht in sich aufsaugt, nicht mehr fähig ist, die Welt zu erleuchten)?

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