Kant

  • 09.10.93

    An dem Wort Gerechtigkeit (an der Verarbeitung des zugrundeliegenden Worts „Recht“ durch das perfektivierende ge-, das adjektivierende -ig und das hypostasierende -keit) kann man die Geschichte und Struktur der deutschen Sprache ablesen, einer Sprache, die für die, die sie heute unreflektiert sprechen, zum Inertialsystem geworden ist: Sklavensprache als Herrensprache (die Sprache des Zuschauers). Aber kann man sich nicht aus den Verstrickungen dieser Sprache nur mit der Kraft dieser Sprache selbst befreien?
    Unterscheiden sich die Prä- und Suffixe nicht dadurch, daß, während die Präfixe den Begriff zusätzlich von außen bestimmen, die Suffixe innerlogische Ableitungen der Begriffe selber repräsentieren. Was bedeutet es, wenn im Griechischen (generell in den klassischen Sprachen) die Personalpronomina den Verben als Suffixe angehängt werden: Grund des Begriffsrealismus, der Philosophie? In den modernen Sprachen gehört die Ablösung (und Hypostasierung) der Personalpronomina zur Ursprungsgeschichte des Nominalismus. In den klassischen Sprachen haben die Flexionen (Konjugation und Deklination) ihren grammatische Ort in den Suffixen, die die Logik dieser Sprachen bestimmt. In den modernen Sprachen wird die Ablösung der Personalpronomina begleitet von einer Differenzierung und Entfaltung der Präfixe (den Erben der archaischen Determinanten?). Läßt sich der deutsche Idealismus aus der Sonderrolle der Präfixe im Deutschen ableiten? Sind die Präfixe die Determinanten der subjektiven Formen der Anschauung, die – als subjektive Formen der Anschauung – erst durch die Ausbildung und Entfaltung der Präfixe von den Verben endgültig sich ablösen (vgl. die Bedeutung des französischen Rationalismus und des englischen Empirismus für den Ursprung der transzendentalen Logik).
    Die grammatische Unsicherheit bei „trotz“ und „wegen“ (das Verschwinden der Logik der Begründung und der Argumentation) belegt die wachsende Unfähigkeit, rechts und links (Genitiv und Dativ) zu unterscheiden.
    Hängt das deutsche Wort Ort mit dem griechischen orthos zusammen?
    Der deutsche Himmel hängt mit dem Hammer zusammen; woher kommen das englische sky und heaven, der griechische ouranos, der lateinische caelum?
    Meinung und Sein: In beiden steckt das Possessivpronomen. Ist nicht das Eine das generalisierte, von der bestimmten Zuordnung zu Mein, Dein, Sein abgelöste Possessivum (Zusammenhang mit dem aristotelischen tode ti, dem Kernbegriff des historischen Objektivierungsprozesses)? Ist das Eine nicht ein Strukturelement der Warenform (das Eine ist das Andere des Anderen, Hegel)?
    Frauen als Kollektiveigentum, oder Steigerung des Possessivums: Das Possessivpronomen der 3. Person sing. fem. ist das Personalpronomen der 2. Person plural (sie/ihr), dessen eigenes Possessivpronomen (euer) das fatale „eu“ enthält? Beachte auch den Zusammenhang der Possessivpronomina mit der Genitivbildung der Personalpronomina (während der Dativ: mir, dir, ihm, außer im fem. und pl.: ihr, uns, euch, ihnen, unabhängig vom Possessivum gebildet wird?).
    Das Moment der Gemeinheit ist aus dem Allgemeinen nicht herauszulösen; die Niedertracht in der Gemeinheit ist im Allgemeinen nur falsch aufgehoben (Objektbegriff und Neutrumsbildung). Die Welt ist alles, was der Fall ist (Zusammenhang des Ursprungs des Weltbegriffs mit der Naturforschung: dem tode ti).
    Ist das tode ti die Verspottung der Prophetie, Ursprung und Statthalter des Hasses der Welt (die Sünde wider den Heiligen Geist)? Vgl. Hegels Analyse des hier und jetzt: Nachweis, daß das Individuellste das Allgemeinste ist, daß beide austauschbar sind (Grund der List der Vernunft).
    Die transzendentale Logik und ihr Kern, der apriorische Objektbegriff, ist der logische Grund der Trennung von Natur und Welt, aber auch der Kulturindustrie, des Fernsehens, in denen die Trennung von Natur und Welt als Trennung von Information und Unterhaltung (die – wie nach Kant die Begriffe Natur und Welt -ebenfalls heute „ineinander fließen“, aber leider nicht mehr nur gelegentlich) sich widerspiegelt. Der Ausbruch aus der Isolationshaft dieser Logik ist nur über die Umkehr möglich, die bei Franz Rosenzweig erstmals als gnoseologische Kategorie begriffen worden ist.
    Rohstoff und materielle Grundlage der Kulturindustrie ist das durch die Trennung von Natur und Welt präformierte Bewußtsein (Ursprung der Trägheit des Zuschauers).
    Zur Barmherzigkeit gehört die Seite des Zorns, wie sie gelegentlich in Texten von Henryk M. Broder durchblitzt. Aber liegt seine Gefahr nicht darin, daß er dieses Zorns nicht so mächtig ist, daß er gefeit wäre vor der Verführung durch den Weg des geringsten Widerstands? Nur so sind seine Ausfälle gegen Hans Mayer oder Dorothee Sölle verständlich. Ist nicht die Idee einer richtenden Barmherzigkeit (die Idee des Jüngsten Gerichts) nur zu halten im Kontext der Hoffnung auf die Auferstehung der Toten (im Kontext der Naturkritik)?
    Ist der Zorn, die andere Seite der Barmherzigkeit, das Feuer, daß Jesus vom Himmel bringen wollte, und von dem er wünschte, es brenne schon?
    Die Unterscheidung von Zorn und Wut gehört zusammen mit der Idee der Umkehr (die von der Idee der Auferstehung der Toten sich nährt) zu den letzten Einsatzpunkten der Begründung einer erneuerten Theologie. Aber diese Theologie wäre mehr als Theologie: sie wäre eine neue Gestalt der Prophetie. Hier gehören Joel und das Wort von der Sünde wider den Heiligen Geist zusammen.
    Die Logik des Herzens: Das Herz ist links, aber ist es nicht auf der Linken ein Repräsentant der Rechten: Stätte des Gerichts der Barmherzigkeit (des Zorns) über das gnadenlose Weltgericht.
    Der Zorn ist rational und gezielt, während die Wut (wie das Licht der Sonne) ohne Unterschied über Gerechte und Ungerechte sich ergießt.

  • 04.10.93

    Die Anschauung verletzt das Bildergebot, ihr ist das Gesetz der Verdinglichung einbeschrieben.
    Ist nicht das Präsens in jeder Hinsicht eschatologisch: das Ende des Alten und der Beginn des Neuen?
    Muß man den hegelschen Satz, wonach die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug ist, der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern, nicht heute dahin verschärfen: daß der bürgerliche Reichtum jetzt aus seinen eigenen Prämissen und Voraussetzungen die Armut und den Pöbel erzeugt?
    Stämme, Völker, Sprachen und Nationen: Ist das nicht aufzuschlüsseln nach: Genealogien, Königtümern (Tempel und Opfer), Sprachen, Städte (Geldwirtschaft, Handel)?
    Zum Kerub mit dem kreisenden Flammenschwert: Thront nicht Gott auf den Keruben, und ist nicht der Himmel sein Thron (und die Erde der Schemel seiner Füße)? Aber heißt es nicht auch: Was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst (und das kreisende Flammenschwert zurückgenommen) sein?
    Das Bekenntnis ist undialogisch: das gemeinsame Bekenntnis von Einsamen.
    Wenn Kohl vom Urteil der Geschichte spricht, denkt man nicht dann an den zukünftigen Tatenruhm, der den toten Helmut überleben soll? Aber ist der Toten Tatenruhm nicht heute durchsetzt von dem Leichengift und dem Leichengeruch von Auschwitz?
    Ist nicht Brechts „Der Schoß ist fruchtbar noch“ noch zu harmlos, beginnt nicht die Vergangenheit, aus der Auschwitz hervorgegangen ist, heute Auschwitz zu überleben? Und war es nicht genau das, was Heitmann zum Ausdruck gebracht hat?
    Hat Auschwitz nicht in der Tat der Opfertheologie (der theologischen Instrumentalisierung des Kreuzestodes) die Grundlage entzogen, und ist der Hinweis in den Elementen des Antisemitismus (in der Dialektik der Aufklärung) nicht doch endlich ernst zu nehmen?
    – Ein undeutliches Bild aus der Kindheit: Es ist Winter, draußen liegt Schnee, ich stehe in der Küche am Küchenfenster. Draußen ist jemand mit einem Schlitten, der mich auffordert, herauszukommen und auf dem Schlitten mitzufahren. Aus einer Wunde (wessen Wunde es war, weiß ich nicht mehr) tropft Blut in den Schnee, und ich bin nicht mehr dazu zu bewegen, nach draußen in den Schnee zu gehen.
    – Kann es sein, daß es am Rande (neben dem realen Anlaß: den Gesprächen zuhause über Hitler und die wachsende Nazibewegung) eine Beziehung zur Frage des Fünfjährigen gibt, wann die Welt untergehen wird?
    – Das Ganze wächst weiter, als ich in der Vorbereitungszeit vor der Erstkommunion auf Geschichten aus der Märtyrerzeit stoße, die mir klarmachen, daß man nicht Christ sein kann ohne die Bereitschaft, im Ernstfall auch physisches Leiden auf sich zu nehmen.
    – Das nächste ist die Geschichte der Operation, der ich mich als 16-jähriger habe unterziehen müssen, eine Operation an einer für einen Jungen in diesem Alter sicher empfindlichsten Stelle: eine Phimose-Operation. In dem Lazarett (1943, ich war Luftwaffenhelfer), in dem die Operation vorgenommen wurde, lag im gleichen Zimmer ein SS-Unterscharführer, der von seiner Beteiligung an den Judendeportationen aus Holland erzählt. Hat sich vielleicht die Erinnerung an die Operationen mit Vorstellungen über eine Beschneidung vermischt? – Aber die Operation war ebensowenig eine Beschneidung wie Auschwitz ein Holocaust war.
    Hängen meine Ängste bei physischen Eingriffen, von der Blutentnahme beim Arzt bis zur Zahnarzt-Behandlung, mit diesen Erinnerungen zusammen? Und reicht das nicht mit hinein in die (zweifellos aus der christlichen Sexualmoral erwachsene) Vorstellung, daß Sexuelles an den Grund der Welt rührt (in welcher Beziehung steht die Sexualität zu den objektivierenden, verdinglichenden Logiken des Inertialsystems, der Geldwirtschaft und des Bekenntnisses)?
    Das Werk der subjektiven Formen der Anschauung (insbesondere der Form des Raumes) ist die Vernichtung des Angesichts.

  • 03.10.93

    Der Satan ist der Ankläger (der Hassende), der diabolos der Verleumder (der Wütende).
    Bezieht sich das Wort: „Laßt die Toten ihre Toten begraben“ auf das dämonische Zeitalter?
    Fink, S. 146f: Das Wissen gründet im vergangenen Sehen: in der Anschauung (oida = ich weiß, Zusammenhang mit videre, Wissen).
    Der Sündenfall ist der Prozeß und das Produkt des Herausfallens aus der benennenden Kraft der Sprache, ein aufklärungs- und sprachgeschichtlicher Sachverhalt zugleich. Ist nicht der Beginn der Naturerkenntnis ein aktiver, von der Menschheit insgesamt zu verantwortender Prozeß der Neutralisierung, dessen Produkt dann Natur heißt.
    Zur Genesis der subjektiven Formen der Anschauung: Verändert nicht das grammatische Präsens die Beziehung der Sprache zur Zeit, ändert er nicht die Funktion und Bedeutung von Imperfekt und Perfekt, und zieht er nicht zwangsläufig die Konstituierung der anderen Tempora (Futur, Plusquamperfekt etc.) nach sich (Trennung und Konstituierung von Vergangenheit und Zukunft durch Bildung des Präsens, das dann als Form der Gleichzeitigkeit gegen die Zeit sich verselbständigt: als Raum). Imperfekt und Perfekt waren einmal Attribute des Handelns, nicht eines „objektiven“ Geschehens. Erst durch die Einführung des Präsens wurden die Tempora insgesamt zu Attributen eines subjektlosen Geschehens: sprachlicher Grund des Schicksalsbegriffs (Ursprung des Weltbegriffs). Das Imperfekt, das zuvor eine nicht abgeschlossene Handlung (d.h. Gegenwart und Zukunft) bezeichnete, ist im indogermanischen Sprachraum zum Ausdruck der Vergangenheit geworden: Subsumtion unter die Vergangenheit. Hier wird das Subjekt des Handelns enteignet, wird es zum Objekt und Zuschauer des Weltgeschehens.

  • 01.10.93

    stoicheia bezichnet sowohl die Buchstaben als auch die Elemente. Kann es sein, daß die Natur zu sprechen beginnt, wenn der Bann der Natur gelöst ist? (Haben das Opfer, der Moloch und die Bindung Isaaks etwas mit dem Ursprung der Schrift zu tun? Weshalb nimmt Gott das Opfer Abels an, während er das Opfer Kains verwirft? – Was heißt Abel?)
    In der Geschichte des Tempels verbinden sich
    – der Ursprung der Religion (des Opfers) mit dem des Staates,
    – der Ursprung der Schrift mit dem des Geldes (Tempelwirtschaft) und
    – der der Astronomie mit der der Architektur.
    Unser gesamter Erkenntnisapparat bleibt solange von paranoiden Strukturen durchsetzt, wie es nicht gelingt, das Rätsel der subjektiven Formen der Anschauung zu lösen.
    Enthält nicht Joh 129 auch den Aktualitätsbezug der Prophetie (die Gegenwart als Grund der benennenden Kraft der Sprache); stellt dieser Aktualitätsbezug sich nicht überhaupt erst durch die Schuldreflexion her?
    Zu dem Satz in der Dialektik der Aufklärung, daß die Distanz zum Objekt vermittelt sei durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt: Das aber heißt, daß in der Distanz zum Objekt die Herrschaftsgeschichte: die Geschichte der Schuldknechtschaft, der Sklaverei und der Lohnarbeit enthalten ist. Wird diese Geschichte nicht durchs Anschauen verwischt? Wer ist das Subjekt der Aufklärung?
    Der Bann der Natur hängt zusammen mit dem Bann des Privaten: Wenn dieser Bann gelöst ist, werden die Geschichte von den drei Leugnungen und der Ursprung und Stellenwert der Sexualmoral in den drei „Weltreligionen“ durchsichtig und verständlich.
    Wie hängen die Sexualmoral, der Begriff der Anschauung und der des Bekenntnisses zusammen?
    Bezeichnet nicht das homologein etwas anderes als das, was wir heute Bekenntnis nennen, ein Begriff, der die Geschichte der Privatisierung der Religion (die Geschichte ihrer Entpolitisierung) begleitet und gegen ihre Erkenntnis abschirmt? Bezeichnet er nicht aufs genaueste die Umkehr? Das Bekenntnis des Namens ist die Nachfolge.
    Der logos konstituiert sich durch die Übernahme der Sünde der Welt (hier gewinnt die Sprache ihre benennende Kraft zurück). Das aber ist im homologein mit eingeschlossen.
    Die Naturwissenschaften sind undialogisch; ihr Existenzgrund sind die Köpfe der Einsamen. Sie hängen zusammen mit dem, was Levinas die Asymmetrie der dialogischen Verhältnisses genannt hat.
    Wer die transzendentallogische Isolationshaft, in der wir alle gefangen sind, sprengen will, muß den Ursprung des Naturbegriffs in die kritische Reflexion mit aufnehmen.
    Was haben die Engel mit der Schrift zu tun, und wie sind sie in die Astronomie hineingekommen?
    Zu Crüsemann: Hat er Angst vor der kritischen Reflexion der politischen Institutionen: Es gibt in der Bibel schließlich ein Buch der Richter, dessen zentrales Thema der Ursprung des Richtens in der Geschichte der Gewalt ist? Wenn er vom Begriff des geschriebenen Rechts ausgeht, setzt er als Prämisse, was vom Ursprung her erst zu bestimmen wäre: den Zusammenhang von Recht, Gewalt und Schrift (in dem der Gesetzesbegriff sich erst bildet).

  • 30.09.93

    Der Bereich des Ästhetischen, der mit dem der kantischen Erscheinungen identisch ist, entspringt in der Idealisierung: in der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit; darin gründet seine Beziehung zum Mythos. Inbegriff des Ästhetischen ist der Naturbegriff. Es ist sinnlos, für ästhetische Personen die Hoffnung auf Auferstehung und auf einen Anteil am seligen Leben zu hegen. Diese Hoffnung konstituiert sich im Kontext einer Erkenntnis, die in der Moral gründet. Romane begründen reine Kopf-Welten.
    Die Umkehr erfüllt sich in der Auflösung des Banns der Natur und in der Auferstehung der Toten.
    Das mystische nunc stans, und mit ihm die Idee der Ewigkeit, hat einen Aktualitätskern, einen Zeitkern; es erfüllt sich in der real und konkret begriffenen Gegenwart (der Kritik des Präsens).
    Wir hören aus den apokalyptischen Texten der Schrift nur noch die Drohungen heraus, um sie dann gleich zu verdrängen. Es käme aber darauf an, das darin enthaltene Erkenntnismoment endlich zu realisieren. Daß z.B. die Sünde wider den Heiligen Geist weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben wird, drückt, wenn man den Satz wirklich begreift, nicht ein Verhältnis von Sünde und Strafe, sondern einen schlichten logischen Sachverhalt aus.
    In den Armen ist Gott, in den Fremden sind die Spuren seiner Schöpfung präsent.
    Merkwürdiges Wortfeld zu hören: gehört (Perfektpartizip) und gehören (Possessivverhältnis), horchen, gehorcht (Perfektpartizip) und gehorchen, Gehorsam: Das 2. Partizip von hören und horchen wird zum Infinitiv eines neuen Verbs (vgl. auch gewesen und wesen, verwesen). Ist aus der Änderung der Bedeutung nicht die Wirkung der Subsumtion unter die Vergangenheit zu erkennen?
    Die deutsche Sprache hat (u.a.) den Gebrauch und die Deklination des bestimmten Artikels mit dem Griechischen und den Gebrauch der Hilfsverben sowie das Pluquamperfekt und das Futur II mit dem Lateinischen gemeinsam.
    Steckt in Goethes Farbenlehre auch ein Hinweis auf die Beziehung der Farben zu den Himmelsrichtungen?

  • 29.09.93

    Zu Johann Baptist Metz: Was hat die Welt davon, wenn wir „Ja und Amen zur Welt“ (anstatt zu den göttlichen Verheißungen, wie es bei Paulus korrekt heißt) sagen? Merkwürdig, daß Metz der Welt ein Anerkennungsbedürfnis unterstellt: Ändert das die Welt oder nicht doch nur den Anerkennenden (den Konformisten)? Und wer ist das Subjekt dieses Bedürfnisses: Ist es nicht der der Welt sich Anpassende, der aus guten Gründen die Anpassung ohne die Komplizenschaft der Anderen (ohne ihre bekenntnishafte Zustimmung) nicht zu leisten bereit ist? Ist nicht das „Ja und Amen zur Welt“ der eigentliche Inhalt jedes Glaubensbekenntnisses (und seiner logischen Durchbildung in Trinitätslehre und Opfertheologie)?
    Es gibt keinen Weltbegriff ohne Bekenntnislogik. Die Idolatrie gehört zur Geschichte der Ausbildung und Entfaltung dieser Bekenntnislogik (und des Weltbegriffs), sie hat sich vollendet im Dogma. Das Dogma (das erst durch Umkehr wahr wird) ist das versteinerte Herz der Kirche, und die Kirche das versteinerte Herz der Welt.
    Weist nicht das „Weiche von mir, Satan“ darauf hin, daß die Petrus- und die Dämonen-Geschichten zusammengehören (ähnlich wie die drei Leugnungen mit den sieben unreinen Geistern)?
    Die Wahrheit ist nicht Gegenstand des Urteils; deshalb hat Jonas Unrecht.
    Hat das Binden und Lösen etwas mit dem Millenium zu tun, und ist die Kirchengeschichte dieses Millenium (die Zeit der Bindung)?
    Die Welt ist die Welt der anderen, zu denen ich selbst als anderer für andere auch gehöre. Das ist der logische Kern des Weltbegriffs und der Entfremdung.
    Sind die Banker nicht die Priester der Geldreligion?
    Wenn die Konservativen den Linken vorwerfen, sie könnten nicht mit Geld umgehen, so wäre gegenzufragen: Welcher Politiker kann schon mit Geld umgehen?
    Der Begriff der Weltanschauung bezeichnet den (logisch unmöglichen) Sieg und das Attribut des Siegers in der zum Weltgericht sich aufspreizenden Weltgeschichte. Deshalb war der Weltanschauungskrieg ein Vernichtungskrieg. Zur Vorgeschichte der Weltanschauung gehört die Geschichte der Juden-, Ketzer- und Hexenverfolgung. Im Begriff der Weltanschauung erweist sich die Anschauung als Medium der richtenden Gewalt. Zum Anschauen gehören auch das Schaufenster (der Erwecker der concupiscentia) und die Reklame (die nach Adorno den Tod verschweigt).
    Die Unfähigkeit, die Formen Anschauung selber in die Reflexion mit einzubeziehen, ist eine Folge davon, daß Reflexion nur im Medium der Anschauung möglich ist; sie ist der Grund der Hybris.
    Wenn die Theologie die Lehre von der Anschauung Gottes auf das Objekt der Trinitätslehre bezieht, verdrängt sie dann nicht das Angesicht Gottes, eliminiert sie dann nicht das Gesehenwerden, das „von Angesicht zu Angesicht“: die Gottesfurcht?
    Als aus der Anschauung Gottes das Angesicht gestrichen wurde, wurde die Gottesfurcht gestrichen. Das ist in der Philosophie umgeschlagen in die Angst vor dem Angesicht (Ursprung des Portraits?), die dann in der Entfaltung der Mathematik und in der Bildung des Neutrums sich ausdrückte.
    Das Schwert, mit dem Alexander den gordischen Knoten durchschlagen hat, hat etwas mit dem kreisenden Flammenschwert des Kerubs vorm Eingang des Paradieses zu tun: Es zerschneidet das Licht und entfernt aus ihm die Quelle des Angesichts, verwandelt es in eine Form der Anschauung.
    Wie verhält sich das Sehen zum Schauen? Ist nicht im Sehen das reflexive Moment mit enthalten, von dem das Schauen dann abstrahiert (vgl. den Zuschauer und die Anschauung Gottes)? Die Welt heute verhält sich zum Faschismus wie das Fernsehen zum Radio. Deshalb ist die Reflexion der kantischen Philosophie und der Bedeutung der subjektiven Formen der Anschauung in ihr an der Zeit.
    Müssen die Psalmen, wenn sie als Lieder Davids verstanden werden, nicht als Versuch der Durchdringung der Königsidee mit prophetischem Geist verstanden werden: als messianisch? Die Apokalypse hingegen ist das auf die Kaiseridee und die Weltreiche bezogene Gegenstück zur Prophetie: Als Instrument der projektiven Verarbeitung der Angst instrumentalisiert sie die Angst, ist sie angsterzeugend; wahr ist sie nur als Medium der reflexiven Verarbeitung der Angst: als Erkenntnis. Die projektive Verarbeitung der Angst ist fundamentalontologisch und faschistisch. Bangemachen gilt nicht, aber die Apokalypse ist endlich zu begreifen.
    Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Jesus-Wort an Johannes und den drei Gestalten des Bösen?
    – Gegen den Satan, den Ankläger, steht der Paraklet,
    – gegen den Teufel, den Verleumder und die Verkörperung der Wut, steht der göttliche Zorn,
    – dämonisch ist die Instrumentalisierung, Verinnerlichung und Neutralisierung beider: ihre Subjektivierung; hiergegen steht die Austreibung der Dämonen, die der frohen Botschaft den Weg zu den Armen freimacht.
    Heidegger hatte recht: Die deutsche Sprache ist die Sprache der Philosophie, aber sie ist es als Grenze zur Theologie und wird theologisch, wenn sie die Reflexion auf diese Grenze in sich mit aufnimmt.
    Woher kommen und was bedeuten die Begriffe des Anderen und des Fremden? Gründen nicht beide in Präpositionen, und zwar das „an“ bzw. das „vor“ oder „für“ (im Englischen „for“; weshalb heißt der Fremde im Englischen the stranger)?
    Das Präfix be- im Englischen: Vgl. die Beziehung von for und before (auch between, become, behalf, belief, belong, beloved, below, beneath, beside, betray, beware, beyond).
    -schen: Suffix zur Bildung von Verben aus Nomina (feilschen, herrschen). Gilt diese Definition eigentlich generell, oder sind es nicht bestimmte Verben (z.B. grapschen), die so aus Nomina sich bilden lassen? Bezeichnen nicht alle diese Verben Tätigkeiten, die sich direkt auf andere als Objekte beziehen; steckt nicht in allen etwas von einer objektivierenden, erniedrigenden Tätigkeit, etwas Verächtlich-Machendes?
    Das Verb „zernichten“ taucht an zwei Stellen auf,
    – bei Georg Büchner: „Ich fühle mich wie zernichtet im Anblick des gräßlichen Fatalismus der Geschichte“ (aus einem Brief an die Eltern, nach Hinweis auf das Studium der französischen Revolution), und
    – bei Franz Rosenzweig: „Zeit ist’s zu handeln für den Herrn, sie zernichten seine Lehre“ (Überschrift über einen Aufruf zur Gründung einer Hochschule für die Wissenschaft des Judentums).
    Beide Stellen bezeichnen welthistorische Wendepunkte.

  • 27.09.93

    Die Schrift wird zu einem durchsichtigen Körper im Angesicht Gottes, wenn in ihr die Gegenwart sich selbst begreift.
    Im Begriff des Monarchen in der Hegelschen Rechtsphilosophie begreift Hegel die Welt als Erbe, zu dem es ein Testament, einen Erblasser und einen Erben geben muß. Das Testament ist die Logik.
    Wollte man die Kritik der reinen Vernunft heute noch einmal schreiben, so müßte man anstatt mit den subjektiven Formen der Anschauung mit den Begriffen Welt und Natur (den Reflexionsbegriffen der subjektiven Formen der Anschauung) beginnen.
    Beerscheba: Wie hängt der Name Siebenbrunnen mit dem Namen Schwurbrunnen zusammen? Drückt sich darin auch ein Inhaltliches aus: ein Zusammenhang der Zahl Sieben mit dem Schwur (dem Siegel)?
    Schwur, Eid und schwören, Zeuge und Zeugenschaft (vgl. auch Quell und Brunnen): Hängen die Verwerfung des Schwurs und die Austreibung der Dämonen (und die Stellen mit den sieben unreinen Geistern) zusammen? Der Schwur ist eine Bekräftigung der Zeugenschaft (Unterschied zwischen der männlichen und weiblichen Zeugenschaft: Beziehung zum Bekenntnisbegriff).
    Meineid hängt mit gemein, dem Allgemeinen, zusammen, ähnlich das Tauschen mit dem täuschen.
    Wie verhalten sich die sieben Völker Kanaans zu den Philistern?
    Ist das Antlitz Gottes das Antlitz JHWHs oder das Antlitz Elohims?
    Nur die Gotteserkenntnis befreit von der Trägheit des bloß Urteilenden. Aber die Idee Gottes ist nur zu halten zusammen mit der Idee, daß
    – das Vergangene nicht nur vergangen ist und
    – die Natur nicht siegen wird.
    Und die Vorstellung, daß Auschwitz endlich in die Geschichte einzuordnen sei, ist schlicht blasphemisch (warum erhebt kein Theologe Einspruch gegen die Sprüche des Theologen Heitmann?).
    Heute hat der Faschismus Kreide gefressen und sich ein Schafsfell umgehängt.
    Ist nicht die Subjektivität das Feuer, in dem der Himmel und die Elemente verbrennen, während die Welt als Asche zurückbleibt?
    Bindung Isaaks: Sind wir nicht heute dabei, unsere Kinder zu opfern, und wo bleibt der Engel JHWHs, der uns davon abhält? (Ist das vergleichbar?)
    Ein Beitrag zur Geschichte der Verinnerlichung des Opfers: Der eucharistische Ursprung des kantischen Objektbegriffs. Das Objekt ist das gekreuzigte Ding (es liegt im Zentrum der Todesgrenze, des Inertialsystems: so ist es auf die subjektiven Formen der Anschauung bezogen und an sie gebunden).

  • 26.09.93

    Sünde und Schuld, Schuld und Aussatz (Pest?): Sünde und Schuld sind zu unterscheiden wie Natur und Welt, wie Herrschafts- und Schuldzusammenhang. Der Verblendungszusammenhang gründet in der Nichtunterscheidung. Als Getrennte wird die Schuld manifest in dem, was die Schrift Aussatz (ein Abkömmling der Scham) nennt.
    Zur Quellentheorie:
    – Ist sie nicht insgesamt apriori: Wird nicht das herausgelesen, was man zuvor hineingelesen hat (das zugrunde gelegte Identitätsprinzip)? Dieses Apriori ist zugleich ein nationalistisches und ein christliches (der „historisch interessierte Christ“).
    – Kann es sein, daß die historische Bibelkritik als eine christliche, theologische Angelegenheit, auf ein im deutschen Protestantismus gewachsenes Selbstverständnis (auf einen sehr protestantischen Begriff der Erlösung: Rechtfertigung durch Entsühnung der Welt als theologische Freigabe eines säkularisierten Weltverständnisses) zurückgeht (Leidensgeschichte als eines „zwar geschichtlichen, aber doch schon als übergeschichtlich gewerteten Geschehens“)?
    – Gibt es nicht eine merkwürdige Beziehung (vielleicht gar Parallele) der vier Quellen zum Charakter der vier Evangelien (möglicherweise sogar eine konkrete Zuordnung beider?
    – Ist nicht die Vorstellung, daß die vier (oder auch nur die drei ersten) Quellen aus einer gemeinsamen Quelle herrühren und die jüngeren „aus dem noch nicht versiegten Quell der Sagenbildung geschöpft“ hätten, in sich widersprüchlich (gar, wenn die Redaktoren nur „Kompilatoren“ sein sollen, in den Text nicht eingreifen)?
    Die Quellentheorie vermag weder die „weitgehende Parallelität“ des Erzählgutes zu erklären, noch die Notwendigkeit, dieses differierende Traditionsgut dann so zu kompilieren, daß gleichsam willkürlich und ohne innere Logik bloß eine Kollage hergestellt wird. Erinnert an die Zwangslogik der physikalischen Atomtheorien heute.
    Im Angesicht Gottes wird die Schrift zu einem nach allen Seiten durchsichtigen Körper, während jeder Blick von außen die Schrift verdunkelt.
    Ist nicht die historische Bibelkritik schon im Ansatz, und nicht erst bei ihren radikalen Exponenten, antisemitisch? „Den Griechen eine Torheit, den Juden ein Ärgernis“: Nachdem die Theologie selber der griechischen Torheit verfallen ist, blieb nur die projektive Verarbeitung des jüdischen „Ärgernisses“, das so nur als Verstocktheit und als Angriff auf die glasklare Wahrheit des Christentums (die dann freilich teuer erkauft worden ist) verstanden werden konnte. Wäre nicht endlich die produktive (das Evangelien-Problem mit einbegreifenden) Anwendung der Rosenzweigschen Bemerkung zur Bedeutung des Redaktors an der Zeit?
    Projektive Schuldverarbeitung: „den Spieß umkehren“.
    Das Verhältnis der vorweltlichen Stammes- (in L) zu den innerweltlichen Familiengeschichten (in J und E) wäre genauer zu bestimmen. Sind die „Quellen“ nicht schlicht und einfach verschiedene Gestalten der Vergegenständlichung, die, indem sie aufeinander sich beziehen, sich gegenseitig überhaupt erst erhellen? Voraussetzung des Schriftverständnisses ist die Kritik des Prinzips der Vergegenständlichung (die Lösung des Banns der Frage, was sich der Autor wohl dabei gedacht haben mag).
    Haben die „vier Quellen“ etwas mit der Standwendung „Stämme, Völker, Nationen und Sprachen“ zu tun?
    Sind nicht die alten Sprachen Kunstprodukte, erzeugt aus der Logik der Schrift (die die innere Form der Sprache verändert hat)? Und ist es nicht allein die Bibel, in der diese Logik der Schrift, ihr logisch-ästhetischer Zusammenhang, selber reflektiert wird? Zu erinnern ist daran, daß diese „Logik der Schrift“ auch historisch-gesellschaftliche Implikationen in sich enthält, daß sie wie die Geschichte des Ursprungs der Schrift, verbunden ist mit
    – der Entwicklung der Stadt und des Staates (Privateigentum und Recht),
    – den Anfängen der Naturerkenntnis (zentral die Astronomie),
    – dem Ursprung und der Geschichte des Tempels (Priestertum und Opferreligion, auch Ursprung und Geschichte der Architektur und der Kunst),
    – dem Ursprung des Geldes und der Geldwirtschaft (im Kontext der Tempelwirtschaft),
    die insgesamt ein großes logisches Kontinuum bilden, zu dessen Grundlagen die Schrift gehört.
    Ist nicht das Ökologie-Problem, das in dieser Zuspitzung ein sehr deutsches Problem ist, ebenso sehr real wie Teil eines riesigen Projektions-, Schuldverschub- und Entlastungssystems, Produkt der Anwendung des Schuldverschubsystems auf die technische Zivilisation? Verschärft wird das Problem durch das systembegründende selbstreferentielle Moment im Ökologie-Konstrukt. Modell ist die Hegelsche Logik, nach der die Idee, wenn sie sich selbst begreift, die Natur frei aus sich entläßt. In dieser Selbstentäußerung macht sich die Idee selbst unkenntlich.
    „Die Aussätzigen werden rein, und den Armen wird die frohe Botschaft verkündet“: Ist nicht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt auf sich nimmt, zugleich das apokalyptische Lamm, das berufen ist, die sieben Siegel zu lösen, und wird das nicht in dem Jesus-Wort an Johannes konkret? Und stellt sich nicht hier auch die Beziehung zu der Geschichte von den sieben unreinen Geistern her?
    Der Aussatz ist der Aussatz des Fleisches, der Kleidung und des Hauses.
    „Ich bin der Herr, euer Gott. Ihr sollt keine fremden Götter neben mir haben“: Ist nicht das „Keine fremden Götter neben mir“ der Kern der Kritik des Weltbegriffs? Gehören nicht die „anderen Götter neben ihm“ zur Ursprungsgeschichte des Weltbegriffs, zur Begründung und Entfaltung der Logik des Satzes „Das Eine ist das Andere des Anderen“, dessen Kraft einzig an Gott zerbricht?
    Ist die Hegelsche Ableitung des Monarchen aus der Logik der Rechtsphilosophie nicht schon vorgebildet im kantischen „Ich denke“ (und eine logische Konsequenz aus dem idealistischen Ich = Ich)?
    Hatten die Erwachsenen, die uns, als wir noch jung waren, entgegenhielten: Auch du wirst es noch erfahren, nicht recht (die Welt ist tatsächlich so)? Aber hatte nicht auch wir recht, wenn wir uns durch diesen Satz (und durch den Zustand der Welt) nicht dumm machen lassen wollten?
    „Grauen ringsum“ (zu Ps 3114 vgl. Jer 203.10)
    Sind nicht in der Geschichte vom Sündenfall die Elemente der Erkenntiskritik beieinander:
    – der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen,
    – das „Ihr werdet sein wie Gott“ und
    – die Instrumentalisierung der Sprache durch die Schlange und die Rechtfertigungslogik in den Antworten Adams, Evas und der Schlange an Gott.
    Kephas und Petrus ist aramäisch und griechisch.
    Hat nicht die Benjaminsche Kritik der Vorstellung des Zeitkontinuums auch einen innerphysikalischen Aspekt: In der speziellen Relativitätstheorie wird das Zeitkontinuum, das Inertialsystem, dessen Voraussetzung die Vorstellung des Zeitkontinuums ist, nur durch seine Auflösung und Sprengung hindurch gerettet und stabilisiert.

  • 19.09.93

    Sind die drei Gegenstände, in die bei Rosenzweig das All zerspringt (Mensch Gott Welt), nicht in den drei Totalitätsbegriffen Kants (Wissen Natur Welt) vorgebildet, die die Grundlage für die drei Gestalten des deutschen Idealismus (Fichte Schelling Hegel) bildeten, über deren innere Beziehungen aber seit Kant niemand mehr nachgedacht hat?
    Macht nicht die Rosenzweigsche Sprachreflexion Halt vor dem Genus-Problem (Ursprung des Neutrum) und vor der grammatischen Logik der Konjugation und des Gebrauchs der Hilfsverben (Futur, Änderung der Bedeutung und Funktion des Perfekt, Futur II und Plusquamperfekt)?
    Im Lateinischen endet der Akk. sing. mit -m, im Griechischen (und im Deutschen) mit -n (im Deutschen rutscht das -m in den Dativ). Hängt das mit der Geschichte des Eigentumsbegriffs und seiner Stellung zum Staat zusammen?
    Der Weltbegriff entspringt aus der Neutralisierung des Vater-Sohn-Konflikts; deshalb steht der Kreuzestod für den Zustand, nicht für die Entsühnung der Welt. Der Kreuzestod ist die offene Wunde der Welt. Wie hängen die subjektiven Formen der Anschauung damit zusammen?
    Naturphilosophischer Aspekt der vaterlosen Gesellschaft: Mit den Himmeln wurde der Vater abgeschafft (pater noster, qui es in coelis).
    Die Welt ist der zur absoluten Konfrontation stillgestellte Geschlechter-, Generationen- und Geschwister-Konflikt.
    Grundlage der Bildung des Weltbegriffs ist die Bildung des Neutrum (eine indogermanische Bildung, die wahrscheinlich aus dem Akkusativ entsprungen ist: vgl. die Beziehung von Satan und Schlange).
    Zur Theorie des Lachens: Muß man nicht auch hier zwischen einem satanischen, teuflischen, und dämonischen Lachen unterscheiden (zu welchem gehört das zynische Lachen)?
    Durch die theologische Rezeption des Weltbegriffs wurde Herrschaftskritik zur Sexualmoral und die Umkehr zur Gesinnung, zum Bekenntnis instrumentalisiert (und zugleich spiritualisiert und depotenziert).
    Die Welt und die Zerstörung des Angesichts (Geschichte der Scham und der Privatsphäre, der Skulptur und des Portraits): Nach dem Sündenfall verbargen sich Adam und Eva vor dem Angesicht Gottes unter den Bäumen des Gartens.

  • 12.09.93

    Ursprung der Nerven: Im Kontext der Verinnerlichung des Opfers? Nerven bezeichnen die Stellen, an denen es schmerzt, Koinzidenzpunkte von Wahrnehmung und Schmerz (Lokalisierung der Empfindungen). Sind die Nerven nicht erst mit der Entdeckung der Elektrizität (der elektrischen Leitungen) endgültig materialisiert und objektiviert worden? Die Nerven sind ein Reflex und ein Produkt des historischen Objektivationsprozesses.
    Hat nicht das Inertialsystem die Welt in ein System von Logik und Empfindungen verwandelt, liegt hier nicht der Ursprung der Nerven? Sind die Nerven nicht der Inbegriff der Natur (des subjektlosen Subjekts) im Subjekt: Inbegriff des Verdrängten? Die Identifikation mit dem Aggressor, mit der Welt, generiert die Natur im Subjekt: ein Produkt der Geschichte der Veranderung.
    Ist nicht die Sünde der Welt die Sünde der (projektiven) Veranderung, die in der Philosophie an den Begriffen der Barbaren, der Natur und der Materie sich festmachen läßt.
    Projektion und Erkenntnis: Das Modell ihres Zusammenhangs ist der Film (der einen Projektor braucht und eine Projektionsfläche), das ihrer gesellschaftlichen Organisation und Beherrschung das Fernsehen (Kulturindustrie). Ist es eigentlich ein zufälliger Zusammenhang, daß, wenn die Eltern sich das Sehen durchs Fernsehen abnehmen lassen, die Kinder das Hören durchs Dröhnen dessen, was sie für Musik halten, verlernen?
    Liegt Schopenhauers Konzept der „Welt als Wille und Vorstellung“ nicht in der Nähe der christologischen „Sünde der Welt“?
    Ist die Simson-Geschichte nicht eine Kosmogonie mit abschließender Apokalypse?
    Merkwürdig die Astralmythen, zu denen neben der Simson-Geschichte u.a. auch die Gestalt des Henoch (der nach 365 Jahren zu Gott entrückt wurde) und die Esther-Geschichte gehört. Gehört auch die Debora (die „Biene“: die Richterin, die unter Mithilfe der Sterne den Sisera besiegt, auch die Amme Rebekkas und die Ahnfrau des Tobit und des Tobias) dazu?
    Tierkreis und Planetensystem: 12 = 3 * 4, 7 = 3 + 4. Wo taucht die Kombination 12/7 (Jahr/Woche) sonst noch auf? Bei der Brotvermehrung, beim Verhältnis der Apostel zu den Diakonen (der „Hebräer“ zu den „Hellenen“). Wie steht es mit den sieben unreinen Geistern, den sieben Siegeln der Apokalypse u.ä.?
    Den Tierkreis noch einmal genauer ansehen: Welche Zeichen (Waage, Widder, Löwe, Zwillinge, Fische, Jungfrau etc.) und in welcher Reihenfolge, welche Beziehung zu den „Sternbildern“ (z.B. Orion und Plejaden).
    Stehen die Sterne am Himmel und der Sand am Meer nur als Bilder einer nicht mehr zählbaren Menge in Wechselbeziehung? (Und gibt es eine Beziehung dieser Unzählbarkeit zum griechisch-deutschen „eu“?)
    Haben nicht die räumlichen Umkehrmetaphern (wie die Richtungsbeziehungen im Raum generell) etwas mit der Beziehung von Vergangenheit und Zukunft zu tun: im Angesicht und hinter dem Rücken, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, Herrschaft und Knechtschaft (der Himmel und die Unterwelt)?
    Zur „erhöhten Schlange“: Im Fluch über die Schlange heißt es, sie solle „auf dem Bauche kriechen“ und „Staub fressen“. Die Schlange ist das Gegenteil zum aufrechten Gang. Und wird man nicht durch Staubfressen zur Schlange?
    Im Anfang erschuf Gott den Himmel und die Erde. Dann wird die Erde näher bestimmt (tohu wa bohu), während anschließend zwei Objekte genannt werden (der Abgrund, über ihm die Finsternis, und das Wasser, darüber der Geist), deren Ursprung offen bleibt.
    – Ist der Abgrund die unbestimmte, das Wasser die bestimmbare Vergangenheit?
    – Der Himmel, den Gott im Anfang erschuf, wird dann als Name (der Feste, die die oberen von den unteren Wassern trennt) genutzt, während
    – die Erde die Pflanzen und dann die Tiere (außer den Fischen und den Vögeln des Himmels, die von Gott geschaffen werden) hervorbringt.
    – Unmittelbar sprachlichen Wesens ist nur das Licht (Er sprach und es ward), während jeweils im Kontext einer Trennung Licht und Finsternis (als Tag und Nacht), die Feste (als Himmel) und dann das Trockene und die sich sammelnden Wasser (als Land und Meer) benannt werden.
    – Die Finsternis, die nach ihrer Scheidung vom Licht Nacht genannt wird, war vorher die Finsternis über dem Abgrund (und wird nicht dieser Abgrund in der vom Mond und den Sternen erhellten Nacht sichtbar?).
    Ist nicht der Abgrund das Grundlose, das in die Vorstellung der homogenen Zeit (und des Inertialsystems) hineinreicht, der Ausschluß der begründenden Kraft der Sprache und der Grund jeglicher Form von Gewalt? Sind nicht Zeit und Raum, die kantischen subjektiven Formen der Anschauung (und ihr orthogonales Beziehungssystem: der Turm und der Phallus), Grund und Generator der Subjektivität insgesamt, Quellpunkte der Begriffe Natur und Welt? Sind nicht beide, Natur und Welt, Emanationen des Abgrunds (die apokalyptischen Tiere aus dem Abgrund: das Tier aus dem Meer und das vom Land)?
    Der Turm (die Verwirrung der Sprache), die Hure (die Unzucht) und der Drache (die Trunkenheit der Herrschaft) sind die Symbole Babels.
    Müßten nicht die Theologen wieder zu Himmelsforschern werden? Wie verhalten sich das Himmelreich und das Gottesreich, die basileia tou ouranou und die basileia tou theou zueinander (vgl. hierzu den divergierenden Sprachgebrauch der Evangelien)? Ist das Himmelreich nicht Besonderheit des Matthäus und das Gottesreich ein Teil der Täufertheologie beim Johannes? Gibt es zum Himmelreich oder zum Gottesreich (abgesehen vom messianischen Reich, von der zukünftigen Welt, vom Tag JHWHs) Belege im AT? Es gibt wohl die Bilder
    – von der Gotteserkenntnis, die die Erde bedecken wird wie die Wasser den Meeresboden,
    – vom Frieden, der die Umwandlung der Waffen (der Schwerter) und den Tierfrieden mit einschließt,
    und vor allem die Negativbilder
    – von Nimrod und der großen Stadt,
    – vom Turm von Babel,
    – vom Sklavenhaus Ägypten,
    – von Amalek (dem ewigen Widersacher JHWHs, zu dem auch der Agagiter Haman gehört).
    Der Turm, das Herabsteigen Gottes und die Verwirrung der Sprache: Hat das etwas mit der Jakobsleiter, mit Jakobs Kampf mit dem Engel und mit dem Namen Israel zu tun?

  • 08.09.93

    Dialektik der Aufklärung: Die Aufklärung (die die Dinge in den blendenden Schein des Lichts der Subjektivität gerückt, nicht die Welt hell gemacht hat) hat unterm Zwang der subjektiven Formen der Anschauung in der Tat einen neuen Mythos produziert.
    Kritik des Schuldverschubsystems (oder Erinnerung an die Idee der Gottesfurcht): Die Unerträglichkeit von Schuldgefühlen kann nicht das Maß für den Gebrauch und die Anwendung des Schuldbegriffs sein.
    Dämonenaustreibung und Sündenvergebung gehören zusammen (Sün-denvergebung ohne Austreibung der Dämonen ist selber dämonisch).
    Physik, Reklame, die Banken und der Tod:
    – Die Reklame verschweigt den Tod. (Adorno/Sonnemann?)
    – Die tote Materie der Physik ist kein empirischer, sondern ein apriorischer Tatbestand.
    – Die Banken reduzieren das Leben auf das des Kapitals (und seine Zeugungskraft). Wer daran nicht teil hat, fällt aus der Welt heraus.
    War der babylonische Turm nicht eine Tempelbank (und sind die Bankentürme heute nicht babylonische Tempel)?
    Hat der moderne Begriff des Lebens (im Leben des Kapitals, seiner organischen Zusammensetzung) etwas mit dem apokalyptischen Tier zu tun? Und ist das nicht aufs genaueste beschrieben in der Staub-Metapher nach dem Sündenfall (wo die Schlange von dem Staub sich nährt, den Adam produziert)?
    Ist nicht der Lebensprozeß der Gesellschaft, dessen Blut durch die Adern der Banken fließt (und der durch die Geld-Souveränität des Staates apriori nationalistisch sich definiert), das Substrat des Marxschen Naturbegriffs, der „Naturgeschichte“ im Gegensatz zur Hegelschen „Weltgeschichte“ (und das Geld das Blut-Korrelat des Hegelschen Weltgeistes)? Der Marxsche Versuch, die Hegelsche Philosophie vom Kopf auf die Füße zu stellen, mußte mißlingen, nachdem Oben und Unten (wie Rechts und Links) sich nicht mehr unterscheiden ließen. War die Marxsche Theorie nicht ebenso, wie sie als Kapitalismus-Kritik sich verstand, objektiv ein Moment im Modernisierungsprozeß (Instrumentalisierung der Umkehr)?
    Analyse der drei Schuldverschubsysteme: der Theologie, der Physik und der Ökonomie.
    Niemand kann über seinen eigenen Schatten springen (die Wahrheit der speziellen Relativitätstheorie): Aber der Schatten kann begriffen werden.

  • 06.09.93

    Was wird es dem Menschen nützen, wenn er die ganze Welt gewinnt, sein Leben aber einbüßt. (Mt 1626) Ist das nicht ein zentraler Einwand gegen die Theologie? – Man versuche einmal, den Begriff Theologie ins Hebräische zu übersetzen.
    Bei dem Versuch einer Übersetzung ins Deutsche kommt etwas so Entsetzliches heraus wie „Rede von Gott“. Wer genauer in den Begriff der Rede hineinhört, dem müßte das Wort im Halse stecken bleiben: Wissen wir von Gott nur noch vom Hörensagen, war nicht irgendwann einmal die Rede von Gott?
    Atheismus heute: Ist nicht Gott zu einem apriorischen Begriff geworden, zu dem es keinen Gegenstand mehr gibt?
    Zur Geschichte vom Sündenfall: War das Feigenblatt der Mythos, und ist der Rock aus Fellen die Schrift?
    Ist nicht der Baum der Erkenntnis heute endgültig zum fruchtlosen Feigenbaum geworden?
    Die Philosophie hat das Schuldverschubsystem zu einem Instrument der Erkenntnis gemacht. Seine Verankerungspunkte in der Objektivität sind die Begriffe Natur, Materie und Barbaren. Über die Theologie, die Trinitätslehre, die Christologie und die Opfertheologie, wurde das Schuldverschubsystem zugespitzt zum Objektbegriff (dem Korrelat der kantischen subjektiven Formen der Anschauung).
    Der mathematische Raum (die Neutralisierung der Richtungsunterschiede) ist das Instrument der Desorientierung im wörtlichsten Sinne: Unter der Herrschaft des Kausalitätsprinzips (unter den Bedingungen der Instrumentalisierung) ist jegliche teleologische Sicht der Dinge obsolet geworden: Die Welt ist endgültig freigesetzt für subjektive Zwecke, fürs Privateigentum. Außer in der Gestalt der Erinnerung gibt es keine objektiven Ziele mehr: Es gibt keine Hoffnung, außer für die Toten. Objektive Vernunft gibt es nur noch im Kontext der Lehre von der Auferstehung. Ist nicht das Wort von den Pforten der Hölle darauf zu beziehen, daß die Natur nicht siegen wird?
    Die Welt ist der Inbegriff dessen, was seit je gesiegt hat: der Vergangenheit. Grund zur Hoffnung liegt allein noch in der Differenz von Welt und Natur, darin, daß der Bruch im System sich immanent nicht schließen läßt. An diese Hoffnung erinnert das Wort von dem über den Wassern brütenden Geist.
    Das Wasser ist Gegenstand der Festkörperphysik, im Gegensatz zum Gas (zur Luft) ist es nicht durch Komprimierung, sondern nur von außen zu erwärmen. Welcher Druck bringt ein Gas zum Glühen, und welcher Druck entsteht, wenn Wasser verdampft? Wie hängen Erde, Wasser, Luft und Feuer (die sogenannten Aggregatzustände) mit der Struktur des Inertialsystems, mit dem Verhältnis der drei Dimensionen im Raum und ihrer Beziehung zur Zeit, zusammen?
    Glücklich ist, wer seiner selbst ohne Schrecken inne wird. (Walter Benjamin: Einbahnstraße) Ist dieser Schrecken nicht das objektive Korrelat des Weltbegriffs?
    Im zweiten Makkabäerbuch kommt (mit dem Begriff Barbaren, 219) auch der Name der Hebräer vor (731, 1113, 1537), in welchem Kontext und mit welcher Bedeutung (vgl. auch den Begriff einer creatio ex nihilo, 728, und die Lehre von der Auferstehung, 1243f)? Handelt es sich hier um eine Zwischenstufe zum Hebräerbrief?
    Ist nicht die Beziehung der Erinnerungsarbeit zur Vergangenheit auch eine des Lichts: Wenn die Objektdecke der Vergangenheit (die mit dem Fortschritt wachsende Herrschaft der Vergangenheit Über die Zukunft: die Logik des Weltbegriffs) durchstoßen wird, antwortet die Vergangenheit, gewinnt sie eine die Gegenwart erleuchtende Aktualität. Liegt hier nicht der Ansatz für eine (prophetische) Neubestimmung des Sechstagewerks, mit den Ausgangspunkten
    – der Finsternis über dem Abgrund und
    – des über den Wassern der Vergangenheit brütenden Geistes?
    Spruch zu einem Graffiti in Walldorf: One day a master race, called graffity artists, made crime to art. – Was ist mit der „master race“ gemeint? (Hoffentlich nicht die alte „Herrenrasse“? Aber würde nicht das „making crime to art“ dazu passen?) An der Stelle des neuen Graffiti stand übrigens vor kurzem noch der xenophobe Spruch: „Völkerfreundschaft ja, Vielvölkerstaat nein“.

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