Kant

  • 08.10.92

    Wenn Israel der Augapfel Gottes ist, dann zielte das Konzept „Endlösung“ auf die Beseitigung, Vernichtung des Antlitzes Gottes.
    Off. Kap 5: Wer kann das Buch und die sieben Siegel öffnen, der „Löwe aus dem Stamme David“ oder das „Lamm“? Oder ist der Löwe am Ende das Lamm (das Lamm am Ende der Löwe)?
    Off 411: … Denn du bist es, der die Welt erschaffen hat. Mit Welt wird hier das griechische ta panta übersetzt, das All im Plural: „die Alls“.
    Der Daimon ist der Zuteiler des Schicksals, der, der das Schicksal gleichsam addressiert. Dieser Daimon läßt sich heute dingfest machen, bestimmen: als das unbestimmbare Subjekt der kantischen subjektiven Formen der Anschauung, der subjektiven Voraussetzung des Objektbegriffs, das durch sie in die apriorische Urteilsform hereingenommen wird (das ist vorbezeichnet in dem Fluch über die Schlange: „Auf dem Bauche sollst du kriechen und Staub wirst du fressen“).
    Heute ist die Zeit des unreinen Geistes in der Wüste abgelaufen: Er kehrt mit den sieben anderen unreinen Geistern zurück (und die letzten Dinge dieses Menschen werden ärger sein als die ersten.) War die Vertreibung des einen unreinen Geistes die Überwindung des Mythos, die mit Hilfe der Philosophie erfolgte, die dann jedoch der Theologie selber mythische Qualität verlieh, in deren Folge heute der Mythos siebenfach zurückkehrt?
    Ist die Bibel nicht doch benutzerfreundlich: Sie erklärt sich eigentlich immer selbst.
    Mit dem Bekenntnis, das ohne Feindbild nicht zu haben ist, hat sich die Paranoia in der Theologie eingenistet, zusammen mit dem dazugehörigen Projektionszwang.
    Das Hegelsche Weltgericht ist ein spätes Indiz für den mythischen Ursprung des Begriffs, für seinen Zusammenhang mit der Schicksalsidee, aus dessen Verinnerlichung er hervorgeht, sich konstituiert. Im Bereich des Schicksals und in dem des Begriffs (der identisch ist mit dem des Welt- und Naturbegriffs) gibt es keinen Ausblick auf die Ideen der Schöpfung, der Offenbarung oder der Erlösung.

  • 30.09.92

    Horkheimers Bemerkung über das Christentum, es sei die menschenfreundlichste Religion, aber zugleich die Religion, in deren Namen die abscheulichsten Untaten begangen wurden, benennt zwei Seiten eines Sachverhalts. Das Bild von den zwei Seiten eines Blattes, die nicht von einander zu trennen sind, trifft diesen Sachverhalt genau. Aber könnte es nicht sein, daß die „Rückseite“ des Blattes sich überhaupt erst bildet zusammen mit der Instrumentalisierung der „Vorderseite“ (Zusammenhang von Leugnung des Angesichts und Konstituierung des Hinter dem Rücken). Zum Vergleich: Die Vorstellung des unendlichen Raumes verdankt sich dem unerfüllbaren und deshalb unendlichen Trieb (genauer seiner Unerfüllbarkeit), die ganze Welt von hinten (von außen) zu sehen; ähnlich wie sich die Vorstellung der unendlichen Zeit dem eben so unerfüllbaren Trieb, die Zukunft als vergangen zu sehen, verdankt: dies aber ist der Grund des Weltgerichts (der richtenden Gewalt der urteilenden Erkenntnis), aus dem der Weltbegriff sich herleitet, der seinen instrumentalen Gebrauch im Erkenntnisprozeß begründet.
    Die kantischen subjektiven Formen der Anschauung, sind nicht einfach gegeben, sondern verdanken sich einem Reflexionsprozeß, in dem die ganze Geschichte der Philosophie drinsteckt; insbesondere der Prozeß der Vergegenständlichung der Zeit, die Konstituierung der Vorstellung eines homogenen Zeitkontinuums, war nur möglich durch die Vergegenständlichung der Raumvorstellung hindurch, und sie war nur möglich mit Hilfe von Mitteln, die der Raumvorstellung entnommen wurden, insbesondere mit Hilfe des Elements der Orthogonalität.
    Die Frage, warum der Raum drei Dimensionen hat, ist ebenso unzulässig wie die andere, warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts. Zulässig ist vielmehr nur die Frage, was drückt sich darin aus. Allerdings wird man auch die an sich unzulässige Frage ein wenig weiterverfolgen müssen, weil sie auf den Reflexionszusammenhang führt, in dem sich die Vorstellung der homogenen Zeit bildet; die drei Dimensionen des Raumes spiegeln sich in den drei Momenten des Zeitbegriffs (Kontinuität, Folge und Zugleichsein). Aber hier handelt es sich um ein Reflexionsverhältnis, die Momente konstituieren sich wechselseitig; im Zentrum steht die grammatische Bildung des Futur II, ohne das es den philosophischen und theologischen Weltbegriff nicht geben würde. Dieser Weltbegriff hat sich im allgemeinen Bewußtsein niedergeschlagen (und vergesellschaftet).
    Der Ursprung des philosophischen Naturbegriffs verweist (schon bei Thales) auf den des Wassers.
    Der Schöpfungsbericht enthält die Lösung eines Problems, das wir als Problem überhaupt erst entdecken müssen.
    Steckt in der Geschichte von dem einen unreinen Geist in der Wüste, der dann mit den sieben unreinen Geistern zurückkehrt, ein Hinweis auf das Verhältnis von Petrus und Maria Magdalena?
    Enthält die Geschichte vom Aufdecken der Blöße des trunkenen Noah durch Ham einen Hinweis auf die Geschichte des Ursprungs des Geldes?
    Im Fall wird das Individuelle übergangs- und reflektionslos zu einem Allgemeinen. Hierin konvergieren der erste Satz aus dem logisch-philosophischen Traktat Wittgensteins und die Rosenzweigsche Konstruktion des Weltbegriffs (B = A, zusammen mit der Kritik der idealistischen Umkehrung A = B, die den Weltbegriff der Reflexion entzieht).

  • 27.09.92

    Hängt es mit dem Weltbegriff zusammen, wenn mit der Sünde der Tod in die Welt gekommen ist? (Oder: Stimmt der Satz: Alle Menschen sind sterblich, nur im Kontext des Weltbegriffs? Und würde der andere Satz, daß Gott die Welt erschaffen hat, dann mit einschließen, daß er den Tod erschaffen hat?)
    Ist die Vorstellung der zeugenden Kraft im Naturbegriff ein patriarchalisches Erbteil? Hängt die kantische Unterscheidung des dynamischen vom mathematischen Totalitätsbegriff (die Differenz der Begriffe Natur und Welt) nicht auch damit zusammen, daß in der Physik selber, im Inertialsystem, diese wechselseitige Vermittlung der dynamischen und mathematischen Momente auf die Orthogonalitätsbedingungen zurückweist? Und ist insbesondere das dynamischen Moment Produkt der Umkehrung des Zeitbegriffs (der Eliminierung der Hoffnung)?
    Die Orthogonalität ist sowohl die Bedingung der Reversibilität der Richtungen im Raum als auch der Irreversibilität der Zeit. D.h. die sprachlich-grammatische Bildung des Futurs hängt mit der Entdeckung der Orthogonalität zusammen. Insofern gehören der Satz des Pythagoras und die Entdeckung des Winkels in der Geometrie zur Vorgeschichte des Ursprungs der Philosophie. Und Heideggers Begriff vom Haus des Seins rührt an den Zusammenhang des Seinsbegriffs mit dem der Orthogonalität.
    Ist die Orthogonalität der Inbegriff der Nächte, die die Tage im Schöpfungswerk von einander scheidet?
    Ist das Verhältnis von Tag und Nacht nicht das Modell der Umkehr? Und gehört dazu das biblische Bild vom Morgenstern (und die Parallellgeschichte mit der Astarte, der Ischtar, der Venus)? Ist die Schöpfungsgeschichte (das Sechstagewerk) die Geschichte der Bildung des Antlitzes des Menschen (des Ebenbildes Gottes)?
    Lag das proton pseudos der christlichen Sexualmoral nicht in der Biologisiserung der Lust? Und ist die Sexuallust nicht ein Reflex jener Entfremdungslust, deren Ursprung und Zentrum im Ursprung und Zentrum des Denkens, des Geistes, zu suchen ist? Auch die Urteilslust, die als Projektionsfolie den Begriff der Materie (und den der Schuld) fordert, ist mit der Sexuallust gleichursprünglich. Dann wären insbesondere das kopernikanische System und die transzendentale Logik Kants Abkömmlinge dieser Sexuallust.
    Mit dem Übergang von der Schul- zur Weltphilosophie tilgt Kant die letzten Spuren des scholastischen Realismus (im Sinne des Universalienstreits); er tilgt die letzten Spuren der benennenden Kraft im Begriff.
    Ist heute nicht die Zeit gekommen, in der der eine unreine Geist mit den sieben anderen aus der Wüste zurückkehrt?
    Die Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur ist insoweit ein Vorgang innerhalb der Geschichte der Philosophie (des Begriffs), als die Abtrennung und Konstituierung der Natur Produkt der Philosophie ist.
    Johannes Scottus Eriugena: Bedeutung der Beziehung von Raum und Zeit (S.361) und seine Erläuterung der Scheidung des Wassers vom Trockenen (Zusammenhang der Erde mit den Arten und Gattungen, des Wassers mit den materiellen Individuationsbedingungen – des Selbsterhaltungsprinzips): Zusammenhang von adam und adama: Adams mit der Erde, Bedeutung der „Erschaffung“ der großen Seeungeheuer.
    Wird das Feuer am Ende den Tod: den Verschluß aller Gräber und das Siegel auf der Vergangenheit verzehren?
    Ist nicht auch der Manichäismus (wie jede Häresie) eine Konsequenz aus dem theologischen Welterschaffungskonzept: Er insistiert darauf, daß Jesus die Sünde der Welt zwar auf sich, aber nicht hinweggenommen hat, und zieht daraus den Schluß, daß sie der Welt anerschaffen sein muß; deshalb ist alles Fleischliche böse und Befreiung nur von der Weltenthaltung (auch von der Erhaltung von aller Sexualität) zu erwarten.
    Das Weltschöpfungskonzept entzieht Gott den Thron und den Schemel seiner Füße.
    Soweit die Trinitätslehre sich selbst als Erkenntnis des seligen Lebens Gottes in sich selber begreift, lehrt sie einen autistischen Gott.
    SPD: ein Gemisch aus Filz und Überzeugungstätern, die immer dann zum Zuge gekommen sind, wenn es galt, die Drecksarbeit zu leisten (von Noske bis Brandt, insbesondere inclusive NATO-Doppelbeschluß, Radikalenerlaß, jetzt Grundrechtsänderung zur Änderung des Asylrechts). Wie hängen Überzeugungen mit Verblendungen zusammen, und kann es sein, daß die Politiker der SPD (jetzt Lafontaine und Engholm) besonders anfällig dafür sind?

  • 24.09.92

    Architektur und Ontologie (Haus des Seins): Die Gründung des Hauses (als Schutz gegen die Außenwelt) ist erkauft mit der ersten Raumerfahrung: In jeder Ecke des Hauses wird die orthogonale, dreidimensionale Struktur des Hauses sichtbar und anschaulich. Aus der Erfahrung des Hauses stammt die des Kosmos, der Welt. Das Innen war seit je das Außen des Außen. (Zusammenhang mit dem Turm von Babel, dem Ursprung der Sprachverwirrung, und dem Namen Pharao, des Herrn des Sklavenhauses?)
    Pharao ist das große Haus, Josef war seine rechte Hand (Vorgeschichte mit Potiphar und seiner Frau, die Gefängniszeit, der Mundschenk und der Hofbäcker, der Traum und dann der Ursprung, die Entstehung und die Vollendungsgeschichte dieses „großen Hauses“, des Sklavenhauses, die Geschichte der Akkumulation des Eigentums in der Hand des Pharao). – Mizraim (Ägypten) ist ein Dualis.
    Verweist die kantische Bestimmung des Weltbegriffs als Begriff der mathematischen Totalität aller Erscheinungen auf den mathematischen Grund des Weltbegriffs selber?
    An dem Kapitel über die Wunder Jesu in Uta Ranke-Heinemann: „Nein und Amen“ läßt sich genau studieren, wie Empörung dumm macht.
    Zu den Dämonen, die Jesus als Sohn Gottes erkennen und ansprechen, deren Name „Legion“ ist, und die dann auf eigenen Wunsch in die Schweineherde fahren und sich ins Meer stürzen: Ist es so undenkbar, daß hier die Kirche gemeint ist? War es nicht Petrus, der nach der Apostelgeschichte über einen Traum das Essen von Schweinefleisch eingeführt hat? Und ist es nicht die Kirche, die dem Namen des Gottessohns im Dogma eine dämonische Signatur gegeben hat?
    Zum Islam: Ist die Verbindung von Religion und Politik, in die der Fundamentalismus immer wieder zurückfällt, nicht aufgrund der islamischen Schöpfungsvorstellung, wonach Allah die Welt jeden Augenblick neu erschafft, um sie zu erhalten, unvermeidbar?
    Zum Kollektivschuld-Problem hat man nach dem Krieg nur eine Sprachregelung, keine Lösung gefunden. Es gibt keine Kollektivscham, es sei denn, daß man ein Kollektiv-Subjekt akzeptiert; aber das wäre genau das Subjekt, von dem die Täterqualität nicht abzuwischen ist. Diese Kollektivscham war der Rettungsanker, über den der Nationalismus sich erhalten hat: Seitdem ist Auschwitz (Hoyerswerda, Rostock etc.) eine Schande für den deutschen Namen: der Opfer braucht nicht mehr gedacht zu werden (und man kann es den Juden übelnehmen, daß sie Anlaß waren, daß dieser Schatten auf den deutschen Namen gefallen ist, mit der Folge, daß Rostock keine Diskussion über den erschreckenden Ausbruch der Gemeinheit und der Niedertracht auslöste, sondern nur über das Asylrecht, die wieder die Opfer zu den in Wahrheit Schuldigen machte). Durch die Kollektivscham wurden die Untaten dem Bereich des Gewissens entrückt und zu einer Sache des Urteils der Geschichte, der Welt, des Auslands über uns. In der Kollektivscham sieht sich die ganze Nation als von außen angesehen. So wurde die Maxime sanktioniert, wonach es nicht aufs Tun, sondern aufs Erwischtwerden ankommt, und die Schleusen der Gemeinheit sind seitdem weit geöffnet. Der einzige Weg, der hätte herausführen können, wurde durch das Stichwort Kollektivscham (in instinktiver Kenntnis der Konsequenzen) versperrt: Das Bewußtsein, daß man auch durch Nichthandeln schuldig werden kann, Grund der Reflexion des Weltbegriffs (Bedeutung des Wortes von der Übernahme der Sünde der Welt und seiner theologischen, dogmenkritischen Konsequenzen: die Opfertheologie wäre nicht mehr zu halten gewesen).
    Aber scheitert die sühnelogische Interpretation der Opfertheologie nicht an schon an der Zwei-Naturen-Lehre in der Christologie? Diese Zwei-Naturen-Lehre widerspricht nämlich der Instrumentalisierung des Opfers, ohne die es die Sühnelogik nicht gibt. Erst die Anpassung der Theologie an die Welt, die übernahme der Logik des Weltbegriffs in den theologischen Erkenntnisbegriff oder die innere Säkularisierung der theologischen Gehalte, die selber abhängig ist von der sühnelogischen Interpretation der Opfertheologie, die insbesondere dann im Begriff einer Erschaffung der Welt aus dem Nichts sich manifestiert, zieht als ihren Schatten einen Naturbegriff nach sich, der die theologischen Inhalte gleichsam aufsaugt und dann gegen die Theologie sich verselbständigt. Dieser Naturbegriff neutralisiert den Widerspruch, von dem er lebt: er läßt nicht mehr sich auflösen (und zerstört, durch Gewöhnung an den Widerspruch, jede Kraft der Argumentation: er zerstört die Sprache).
    Die Rezeption des Weltbegriffs in der Theologie (die Idee der Erschaffung der Welt aus dem Nichts) schirmt die Politik gegen theologische Kritik ab (neutralisiert die Prophetie) und begründet die seitdem (nicht nur im Christentum) herrschende zentrale Stellung der Sexualmoral (und das in der Geschichte mit der Ehebrecherin bezeugte Verhältnis Jesu zur Sexualmoral ist in seiner Weltkritik begründet). Oder anders formuliert: die christliche Sexualmoral ist ein Produkt der inneren Säkularisation der theologischen Tradition.
    Gründet nicht der kantische Begriff der Erscheinung (als eine Totalität des Scheins) und dessen Hegelsche Zuspitzung zum Begriff des Scheins (aus dem das Wesen hervorgeht) in der Beziehung zur Schuld, indem er vom Schuldzusammenhang, aus dem er stammt, abstrahiert, selber (durch das Schuldverschubsystem und die verandernde Kraft des Seins) zu einer Kraft der Exkulpation wird. Dieser Widerspruch wird im Naturbegriff gegenständlich, er ist ein Säkularisat der Theologie. Grund ist die (aus der Innenerfahrung des Hauses stammende) Vorstellung des Raumes, der Reversibilität der Richtungen im Raum, durch die die Differenz zwischen den Richtungen im Raum (Im Angesicht und Hinter dem Rücken, Rechts und Links, Oben und Unten) neutralisiert und zur Unkenntlichkeit entstellt wird. Hier entspringt der logische Zusammenhang, der in der transzendentalen Ästhetik und Logik Kants und im System der Hegelschen Philosophie sich entfaltet, der zugleich in der Grundstruktur des Kapitalismus, in der Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip, sich manifestiert und seine systembegründende Qualität gewinnt. Hier wurde der Pakt Fausts mit dem Teufel geschlossen, in dessen Bann wir seitdem sind.
    Das Christentum ist die jüdische Antwort auf eine veränderte geschichtliche Situation; und diese Veränderung drückt sich zentral in der Funktion und Bedeutung, im logischen und historischen Stellenwert des Weltbegriffs aus. Aber diese neue Antwort war in sich selber ambivalent, und ihre Ambivalenz war unvermeidbar. Diese Ambivalenz abzuarbeiten wäre die heutige Aufgabe der Theologie.

  • 23.09.92

    „Sitzet zur Rechten des Vaters“:
    – Wo, außer in der Rede des Stephanus, kommt das im NT vor (Bezugsstelle in Ps 1101, vgl. auch das Folgende im Psalm)?
    – Wie hängt das mit der Übernahme der Sünde der Welt (Rechts und Links) zusammen?
    – Gibt es einen Zusammenhang mit dem Binden und Lösen (und mit dem Millenarium, der Bindung des Satans in der Apokalypse: Ist die mittelalterliche Fälschungsgeschichte eine Veranstaltung zur Vermeidung des Lösens, ein Teil der Leugnungsgeschichte)?
    – Zusammenhang mit dem Ende des Buches Jona?
    – Gibt es einen Zusammenhang zwischen Vater, Sohn und Geist und den Umkehrungen Oben/Unten, Rechts/Links und Vorn/Hinten?
    Der Himmel ist sein Thron, die Erde der Schemel seiner Füße; aber der Sohn sitzt zur Rechten Gottes, der ihm seine Feinde als Schemel unter seine Füße legen wird.
    Hat die Orthodoxie (und die Orthogonalität) etwas mit dem Sitzen zur Rechten des Vaters zu tun?
    Hat die Kirche nicht seit je die Juden als Projektionsfolie für ihr eigenes Versagen, ihre eigenen Unterlassungen, ihre eigene Verblendung genutzt (zumindest: diese Nutzung zugelassen)?
    Heidegger hat den Abgrund der Sinnfrage eröffnet und ist selber hineingefallen. Daran erinnert wohl der Begriff der Geworfenheit. Heidegger hat das Sein, dessen verandernde Kraft Rosenzweig erstmals notiert hat, im Namen der Geworfenheit als das Subjekt des Falls begriffen (als außerhalb des Subjekts existierende, das Subjekt exkulpierende Projektionswand der Schuld: als Geschick).
    Die muslimische Brüderlichkeit ist eine Prominentenfalle. Der Islam glaubt, wie jeder Fundamentalismus seit dem Ursprung des unbekehrten Christentums, politische und ökonomische Probleme durch eine restriktive Sexualmoral lösen zu können.
    Der Weltbegriff legitimiert und sanktioniert die intentio recta, das Auf-dem-Bauche-Kriechen der Schlange; und die kantische Philosophie wäre daraus zu erklären, daß nur unter den Bedingungen des ungeheuren Blindschleichen-Konstrukts der transzendentalen Logik und Ästhetik diese intentio recta noch zu halten war, während sie die Elemente der eigenen Widerlegung bereits enthielt.

  • 21.09.92

    Sind die Reflexionen des Johannes Scottus Eriugena über den Raum, seine Beziehungen zum Begriff und zum Denken (vgl. Über die Einteilung der Natur, S. 60ff, insbes. S. 63) je eingeholt worden?
    Wer sind die Hebräer, wer ist Pharao, wer ist Kephas/Petrus?
    Der Tag ist das am ersten Tag geschaffene Licht, die Nacht die Finsternis über dem Abgrund.
    Der Staat ist der Schöpfer der Welt, aber das einzelne Menschenantlitz rührt (als das Ebenbild ihres Schöpfers) an das Geheimnis der Erschaffung von Himmel und Erde. Nur: dieses Antlitz ist es nur als Antlitz des Anderen.
    Die humanisierende Wirkung der Dichtung (allgemein der Kunst) beruhrt darauf, daß ihr Gott es gab, zu sagen, was sie leidet; aber alle Kunsttheorie verhält sich zu diesem Leiden wie die Opfertheologie zum Kreuz. Sie macht daraus einen Kunstschatz, der uns zum folgenlosen Genuß zur Verfügung steht.
    666 ist die Summe aller Zahlen von eins bis zur Summe aller Zahlen von eins bis acht.
    Verhält sich das Plancksche Strahlungsgesetz zur Minkowskischen Raumzeit (zu dem durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit berichtigten Inertialsystem) wie das Energie-Erhaltungsgesetz zum Inertialsystem? Und ist das Strahlungsgesetz und in ihm das Plancksche Wirkungsquantum gleichsam eine Orthogonalitätsbedingung des durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit berichtigten Inertialsystems? Ist das Tor, das Einstein geöffnet hat, dem Planck aufs Haupt gefallen?
    Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit bezeichnet die Spur jenes Zerstörungsprozesses, als welcher sich das Inertialsystem im Anblick des Werks des ersten Tages (und schließlich des biblischen Schöpfungsberichts überhaupt) erweist. Mit dem Licht (dem Werk des ersten Tages) aber wurde auch die benennende Kraft der Sprache zerstört.
    Statistische Erhebungen im Bereich der Meinungsforschung gehen von der Prämisse aus, daß die Welt sich auf die Köpfe der Menschen wie das Inertialsystem auf die Objekte der thermischen Bewegung auswirkt.
    Die Verwechslung, der der Name des Logos im Begriff des Logozentrismus unterliegt, ist leicht kenntlich zu machen, wenn man den Namen des Logos in Beziehung setzt zum Begriff der Übernahme der Sünde der Welt. Der Logozentrismus konstituiert sich in der Leugnung des Logos, der sich in der Reflexion der Schuld konstituiert und nicht in ihrer Nutzung und Verwertung (wie der Logozentrismus).
    Wenn die Welt der Inbegriff aller Prädikate, Natur der Inbegriff aller Objekte ist, die Beziehung von Prädikat (Begriff) und Objekt die des Schicksals zu seinen Objekten nachbildet (weil sie aus der Verinnerlichung des Schicksals hervorgeht), dann verhalten sich Welt und Natur wie das Schicksal zu seinen Objekten, oder wie der Mythos zur mythischen Welt. Kritik des Weltbegriffs ist ohne Kritik des Schicksalsbegriffs, und beide sind ohne den Begriff der Offenbarung nicht möglich. So hängt die Übernahme der Sünde der Welt mit dem neutestamentlichen Offenbarungsbegriff, der insoweit in der Traditionslinie des jüdischen liegt, zusammen.
    Der Rankesche Satz, jede Epoche sei unmittelbar zu Gott, ist nur zu halten im Kontext der Idee der Auferstehung der Toten; das aber schließt mit ein, daß das Rankesche Erkenntnisprinzip, zu erkennen, wie es denn eigentlich gewesen sei, durch Karl Thiemes Hinweis, nicht auf das Wie, sondern auf das Was komme es an, zu korrigieren ist. Das Wie geht auf die Funktions- und Herrschaftszusammenhänge, das Was (das Wesen) geht auf das Korrelat der benennenden Kraft der Sprache. In der Geschichte der Philosophie wurde dieses Was im Namen der essentia, des Wesens, erinnert; aber dieses Wesen verschwindet spätestens mit Kant, Hegel kann es nur noch unter Zuhilfenahme seiner List der Vernunft über den Begriff des Scheins retten (ein blinder Fleck, den alle Hegelianer, geschluckt haben; nur Adorno hat ihn mit seiner Ästhetik abzuarbeiten versucht). Notwendig wäre eine Kritik des Scheins, die insbesondere seine Beziehung zum Wesen neu bestimmt. Das Wesen aus lauter Schein: in Heideggers Eigentlichkeit, das mit der Uneigentlichkeit bloß noch identisch ist, manifestiert es sich auf deutlichste. In dieser Eigentlichkeit wendet sich die Rücksichtslosigkeit des Scheins (das Vorlaufen in den Tod und die Entschlossenheit) gegen sich selbst, „ereignet“ sich die Selbstdestruktion des Scheins (und seines Leibnizschen Vorläufers, der fensterlosen Monade). Der Schein war Inbegriff jener Unfähigkeit zur Reflexion, deren Grund in der Prophetie mit dem Votum für die Armen und die Fremden einmal gelegt worden ist.

  • 19.09.92

    Im Gottesknecht-Kapitel bei Deuterojesaias heißt es, daß der Gottesknecht unsere Schuld trägt, nicht daß er sie hinwegnimmt (wir damit entschuldigt sind): Die eigene Schuldbefreiung ist nur möglich durch die Übernahme der Schuld aller; das hängt zusammen damit, daß es Hoffnung für uns nur durch die Hoffnung für andere hindurch gibt (Gethsemane und die Idee der Auferstehung der Toten). Aber was bedeuten dann die Sündenvergebungs-Geschichten im Neuen Testament? Ist es ein Vorgriff auf das „Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, oder ist es ein Echo auf die 120 000, die Rechts und Links nicht unterscheiden können?
    Kritik des Scheins: Markiert nicht die transzendentale Ästhetik Kants sowohl das Ende der Naturwissenschaften als auch das Ende der Kunst? Muß man nicht seitdem den Pakt mit dem Teufel schließen, um noch „Kunst machen“ zu können?
    Gegen Lukacs: Das Hotel Abgrund ist kein Hotel, sondern eine Lokomitive; und Adorno hatte sich nicht komfortabel eingerichtet, sondern im Bewußtsein, daß es nichts hilft, nur das Personal auszuwechseln, dazu beigetragen, daß die Scheiben nicht vollständig verklebt und die Schubkraft und die Bewegungsmechanismen zumindest im Ansatz erstmals begriffen wurden.
    – Die Rechten möchten alle erschlagen, die nicht in den Zug hineingehören (die Juden und die Ausländer), wobei sie – wie die Friedhofs- und Grabschändungen beweisen – sehr genau wissen, daß auch die Toten den Mitfahrenden noch gefährlich werden können.
    – Und der Abgrund, in den der Zug rast, ist nicht einfach vorhanden, sondern die Lokomotive produziert ihn selber.
    – Vgl. das Motto zu Adornos Kierkegaard-Arbeit (das Bild vom Maelstrom von Edgar Allen Poe).
    Waren der Holocaust und sind die Grabschändungen der Rechten heute, nicht doch Hinweise auf das Nahen des Reiches, das von Dämonen zuerst wahrgenommen wird?
    Die drei Namen des Bösen: der Ankläger, der Verwirrer und der Vater der Lüge.
    So wie Heidegger, nachdem er den Geburtsfehler der Philosophie zu ihrem einzigen Inhalt gemacht hat, diesen Geburtsfehler kenntlich und analysierbar gemacht hat, so hat die Kirche durch Umkehrung des Nachfolge-Gebots alle Schuld in sich aufgesaugt und damit auf ähnliche Weise kenntlich und analysierbar gemacht. Das „nulla salus extra ecclesiam“: hier ist die Schuld im Begriff präsent, deren Übernahme aus ihrem Bann herausführt. Das wahre Archäologiestudium ist heute das der Kirche.
    Nochmal die drei ersten Schöpfungstage: Gibt es hier einen Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Trägheit, Schwerkraft und Licht? Und gibt es korrespondierend hierzu einen Zusammenhang zwischen dem Planckschen Strahlungsgesetz, dem Urknall und dem Schwarzen Loch?
    Die merkwürdige Erfahrung, daß ein Zentrum, ein Anfang nicht mehr sich bestimmen läßt, hat das Ganze zu einem Labyrinth gemacht. Aber war nicht im Zentrum des Labyrinths der Minotaurus?
    Die Vorstellung des unendlichen Raumes ist wahr unter der Prämisse des Vorrangs der Vergangenheit und, was darin mit einbeschlossen ist, im Kontext der Vorstellung einer homogenen Zeit. Die Vorstellung einer homogenen Zeit schließt den Vorrang der Vergangenheit (the future will be like the past) mit ein, ist davon nicht zu trennen; oder sie schließt die Vorstellung einer wirklichen Zukunft, die anders wäre als die Vergangenheit, von sich aus. Aber dieser Vorrang der Vergangenheit (die Form des Inertialsystems als Todesgrenze, Grundlage des Herrendenkens) wirkt auch in die Vergangenheit zurück, vernichtet die vergangenen Gestalten der bis heute uneingelösten Hoffnung, macht diese Hoffnung zur Lüge. Dieser Vorrang der Vergangenheit verrät die Toten. Und die Vorstellung des unendlichen Raumes ist der Sargdeckel über einer Vergangenheit, die auch die Zukunft unter sich begreift: sie ist der Inbegriff des Weltgerichts und das Korrelat der absoluten Verzweiflung. Denkmal dessen ist der Begriff der Materie.

  • 17.09.92

    Alles war wüst und leer, Finsternis über dem Abgrund, der Geist Gottes über den Wassern: Ist das nicht der Zustand, in den das Inertialsystem das Geschaffene zurücktransformiert? Und war der Anfang eine angesichtslose Katastrophe, in der das Licht des ersten Schöpfungstages den Beginn und die Erweckung des Antlitzes bezeichnet?
    Ist die Übersetzung „Sende aus deinen Geist, und du wirst das Antlitz der Erde erneuern“ korrekt; worauf bezieht sich dann das „Erneuern“?
    Ist nicht der Ausdruck „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ deshalb unverständlich geworden (vgl. Goody, S. 81), weil die Christen nur die andere Seite dieses Satzes interessiert und verstehen: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“
    Der Kulturfortschritt liegt in der Linie des Kain, allerdings mit dem Ergebnis, daß am Ende Lamech nicht mehr siebenfach, sondern siebenundsiebzigfach sich rächt (wogegen Jesus die siebenundsiebzigfache Vergebung setzt). In welcher Beziehung steht dann der Stammbaum Sets zu dem des Kain?
    Kain 1 Set 0912 Jahre
    Henoch 2 Enosch 0815 Jahre
    Irad 3 Kenan 1905 Jahre
    Mehujael 4 Mahalalel 4910 Jahre
    Metuschael 5 Jered 3895 Jahre
    Lamech 6 Henoch 2962 Jahre
    Jubal/Tubal-Kajin 7 Metuschelach 5969 Jahre
    Lamech 6 777 Jahre
    Noach 7
    Welche Verschiebung würde sich beim Vergleich mit dem Sechstagewerk ergeben (ein Tag wie tausend Jahre)?
    Ist nicht Schelers Frage „Was ist der Mensch“ obszön? Vor allem aber: Warum hat das niemand bemerkt?
    Drückt nicht im heute sogenannten Umweltbewußtsein, in den Umweltproblemen, eine konkretistische Variante der Wahrheit sich aus: der unbegriffene Weltbegriff? Ursprung des Weltbegriffs: „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren, und sie schämten sich“. Das der Scham zugrundeliegende Bewußtsein, die Selbsterfahrung im Blick der anderen, ist der Kern des Weltbegriffs.
    Mit der subjektiven Form der äußeren Anschauung ist die Identifikation mit dem Aggressor (mit dem Blick des anderen) mitgesetzt; deshalb ist die kantische Philosophie keine Schulphilosophie mehr, sondern eine Weltphilosophie (wie dann wieder die Hegelsche). Seitdem gibt es keine Alternative mehr zum intenionalen Akt, zum Objektbegriff und zum historischen Objektivationsprozeß, ist der Begriff der Umkehr gegenstandslos geworden. So ist die Welt alternativlos zu allem, was der Fall ist, geworden.
    „Er ging hinaus und weinte bitterlich“: Das ist sehr viel ernster, eingreifender und erschüternder, als es klingt. Der Schutzpanzer, mit dem wir glauben, uns die Erfahrung vom Leibe halten zu können, ist so sehr mit Objektivität insgesamt verwachsen, daß es fast unmöglich geworden ist, ihn abzulegen; er ist zum Nessushemd zu geworden, in dem wir ersticken.
    Ich glaube, soviel Sündenböcke, wie wir bald brauchen werden, gibt’s garnicht.

  • 16.09.92

    Mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit wird dem kantischen Objektbegriff, der an die subjektiven Formen der Anschauung gebunden ist, die Grundlage entzogen.
    Verhalten sich die Sterne zum Licht wie die Schrift zur Sprache? Zwischen den Sternen (des dritten Tags) und dem Licht (des ersten Tags) steht das Firmament des Himmels (das am zweiten Tag die Wasser oberhalb von den Wassern unterhalb scheidet).
    Verweist nicht das Zitat von Oppenheim und die Bemerkung Goodys dazu (vgl. Jack Goody: Die Logik der Schrift und die Organisation von Gesellschaft, Ffm. 1990, S. 82) auf den durchweg literarischen (d.h. künstlichen) Charakter der sumerischen Sprache: den künstlich geschaffenen (oder aus Ökonomie- und Verwaltungsgründen erzeugten) Sprachgrund der Idolatrie, des Sternen-und Opferdienstes? (vgl. auch S. 103)
    Zum Thales: Dem verdrängten Weinen (Männer weinen nicht) erscheint das Wasser als der gegenständliche Urgrund von allem. Trägt nicht die Philosophie seitdem Psychose-ähnliche Züge? Und wenn Adorno darauf hinweist, daß die Welt sich immer mehr der Paranoia angleicht, die sie doch zugleich falsch abbildet, so ist das auch ein Urteil über die Philosophie. Grund ist die Unentrinnbarkeit der mathematischen Raumvorstellung (und der damit verbundenen Bindung des Denkens an die intentio recta). Das verdrängte Weinen ist nur ein anderer Ausdruck für die verdrängte Schuld (den verdrängten Mythos), aus der das philosophische Denken nur mühsam sich erhebt, indem es dessen vergegenständlichende Macht (die Gewalt der Schicksalsidee) sich zu eigen macht. Die Tränen erinnern mimetisch an das Wasser, das tiefste Symbol der Schuld (des Mythos), das in diesem Bedeutungszusammenhang auch im biblischen Schöpfungsbericht seine genaue Stelle gefunden hat.
    Welche Bedeutung haben dann die „großen Seeungeheuer“, die Fische und das „Tier aus dem Wasser“? Und zum Buche Tobit: Haben die sieben in der Brautnacht der Sara gestorbenen Männer etwas mit den sieben Nächten der Schöpfungsgeschichte (und mit den sieben unreinen Geistern der Maria Magdalena) zu tun. Aus dem gleichen Fisch, aus dem das Mittel zur Vertreibung des Dämons Asmodai stammt, wird auch das Mittel zur Heilung des Tobias (der gegen den Willen des Königs die Toten beerdigt) von seiner Blindheit gewonnen.
    Ähnlich wie bei der Erweckung des Lazarus das Gleichnis vom armen Lazarus als Erklärungshilfe hinzugezogen werden muß, muß bei Maria Magdalena und ihrer Befreiung von den sieben unreinen Geistern das andere Gleichnis mit den sieben unreinen Geistern mit hinzugezogen werden. (Ist Maria Magdalena die Magd des Hohepriesters in der Geschichte von den drei Leugnungen – nach Hinzuziehung des Hebräerbriefes?)
    Nichts Vergangenes ist wirklich vergangen: So lebt die Blutrache auch nach Abschaffung der Todesstrafe im Recht noch fort.
    Die Sünde der Welt ist die Sünde des Mords: Das Opfer ist die Natur. So hängen Welt- und Naturbegriff zusammen.
    Paulus war entrückt in den dritten Himmel: Heißt das, daß er (und seine Theologie) seine Inspiration von den „Herrschaften“ und „Mächten“ hat? Paulus war beteiligt an der Tötung des Erzmärtyrers Stephanus („Krone“). Wie lautete das durchs Martyrium besiegelte Bekenntnis des Stephanus: „Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“ (Apg. 756)?

  • 09.09.92

    Ist das Neutrum der Staub, aus dem und zu dem das Maskuline im Prozeß der Herrschaftsgeschichte wird?
    Sind Nominativ und Akkusativ nur im Männlichen unterschieden, im Femininum und im Neutrum hingegen gleich? Im Femininum lassen sich zusätzlich auch Genitiv und Dativ nicht unterscheiden.
    Gilt es eigentlich für alle modernen Sprachen, daß sie von den klassischen sich durch die Einführung des (geschlechtsbezogenen) Artikels (im Deutschen zusätzlich verstärkt durch die Großschreibung der Nomina), durch die stärkere Hervorhebung der Personalpronomina und durch den verstärkten Gebrauch der Hilfszeitverben unterscheiden? Der tiefste Fall wäre dann wohl die Verwandlung aller Verben in Nomina und Gebrauch des Generalhilfsverbs „tun“ (oder doch noch eine Stufe tiefer: „ich bin am arbeiten“ ü.ä.). Ist nicht doch der Adenauersche Satz doch sehr ernst gemeint gewesen: „Je einfacher reden ist eine gute Gabe Gottes.“ In diesen Zusammenhang gehört der fundamentalontologische Gebrauch der Begriffe Ereignis und Geschehen, die die gleiche Subjektlosigkeit, die schicksalhafte Subsumtion des Subjekts unter die Realität, bezeichnen.
    Der Artikel ist Ausdruck des Zerfalls der benennenden Kraft der Sprache, der Hereinnahme des tode ti in die Sprache, daß den Begriff von „diesem“ (deiktisch verstandenen, bei Kant dann durch seine Beziehung zu den subjektiven Formen der Anschauung bestimmten) Objekt trennt, das Objekt gegen den Begriff (gegen seinen Namen) isoliert. Für Aristoteles (wie später für Hegel) ist das tode ti der Einsatzpunkt der Philosophie (das Wasser des Thale).
    Wie hängen die Begriffe Eudaimonia (gutes, günstiges Schicksal), Glück (fortuna), Zufall und der augustinische Gnadenbegriff mit einander zusammen?
    Hat nicht Johann Georg Hamann schon eine Metakritik der reinen Vernunft geschrieben?
    Merkwürdige Doppelbedeutung des Verbums „heißen“: benennen und befehlen. Mit dem tode ti ist die benennende Gewalt als Grund des Gewaltmonopols (das Sokrates mit dem Trinken des Schierlingsbechers ausdrücklich anerkennt) an den Staat übergegangen.
    Wenn Befehlen mit Fehlen zusammenhängt, warum wird es dann stark (das Fehlen hingegen schwach) konjugiert, und worin liegt der Unterschied zwischen starken und schwachen Verben?
    Hängt der Sternendienst mit der Geldwirtschaft zusammen (als Ausdruck der Änderungen des Bewußtseins durch die Geldwirtschaft, seiner veränderten Stellung zur Objektivität)? Und ist die Ischtar/Astarte der Inbegriff der veränderten Konsumerfahrung, des Genusses? Dann würde die „Venuskatastrophe“ auf andere Weise, als Heinsohn et al. annehmen, zur Schuldknechtschafts-Katatrophe passen.
    Ist der Pharao die Personifikation des Sklavenhauses, und der Josefs-Roman seine Ursprungsgeschichte?
    Angesichts der Pogrome in der Bundesrepublik droht das sogenannten Asyslantenproblem den Rang der alten Judenfrage anzunehmen.
    Der ungeheure Exkulpationsbedarf, der seit dem Ende der Nazizeit auf Deutschland lastet, und dessen prädestinierter Repräsentant Kohl zu scheint, ist bis heute weder in seinen Ursachen, noch in seinen Folgen wirklich begriffen. Das Hochgefühl der Unschuld, das Kohl, Seiters und Schäuble beflügelt, wenn sie von „diesem ausländerfreundlichen Land“ sprechen, gehört mit zu den Ursachen der in den derzeitigen Pogromen sich manifestierenden verfolgenden Unschuld. Gleichzeitig halten sie den Topf des sogenannten „Asylantenproblems“ am Kochen, mit falschen Begriffen und Zahlen, mit dem Verwischen und Verschweigen der Ursachen. Die reale Situation und die realen Erfahrungen derer, auf die dieses unverantwortliche Gerede sich bezieht, soll nicht laut werden, wird verdrängt. Der Zerfall der Moral und die demoralisierende Gewalt, die dieser Bundeskanzler repräsentiert, wäre endlich zu benennen.
    Kohl hat immer schon die Technik der denunziatorischen Nutzung des Schuldverschubsystems beherrscht und genutzt. Man konnte darauf gehen, wenn er sich über andere empörte, dann war er selber gerade dabei, eben das zu tun, worüber er sich empörte. Sein politischer Erfolg beruhte nicht zuletzt auf dieser Technik. So hatte er immer das Instrumentarium parat, mit dem er sich abschirmen konnte gegen den Einblick in seine realen Absichten, sein Handeln und seine Vorhaben. Im Falle der deutschen Einheit ist ihm zusätzlich dieses Instrument als Geschenk in den Schoß gefallen: Alle Fehler kann er abwälzen auf den maroden Sozialismus und das, was er uns hinterlassen hat.
    Kann es sein, daß die SPD, daß insbesondere die Ministerpräsidenten, oder überhaupt die Landesregierungen, unter einem erpresserischen Druck stehen, der ihnen keine andere Wahl läßt, als mit den Wölfen zu heulen?
    Die Unwirksamkeit des Kabaretts liegt darin begründet, daß auch das Kabarett seine apriorischen Objekte und die zu diesem Objekt gehörende transzendentale Logik hat. Das, was heute passiert, liegt jenseits der durch diese Logik definierten Sphäre. Das läßt sich demonstrieren an einer Figur wie Kohl, dessen Statur mit den Witzen, die über ihn gemacht werden, nur noch gefestigt wird. Die Kohlwitze waren selbstreferentielle Produkte verzweifelter Ohnmacht, deren Bewußtsein in den Pointen explodierte und damit unschädlich gemacht wurde. Seitdem befördert das Kabarett die demoralisierenden Zustände, indem es sie anprangert.
    Deutlicher kann man die Absenz der eigenen Gewissens, das nur vom Schrecken und vom Schmerz der Opfer bewegt wäre, nicht demonstrieren: Diese Reaktion (der Hinweis auf die Wirkung der Ereignisse in Rostock und anderswo im Ausland) ist nur Ausdruck der Angst vorm Erwischtwerden, nicht die (allein moralische) Angst vor der Tat. Heute sitzen die Mescaleros in der Regierung.
    Die Technik der Nutzung der Gesetze des Schuldverschubsystems setzt ein Denken voraus, das den Gesetzen des Hinter dem Rücken gehorcht. Dafür ist politisches Denken, wie es scheint, besonders anfällig. In der altorientalischen Welt fand dieses Denken seine Abstützung und Absicherung in der Idolatrie, gegen die die jüdische Prophetie sich richtete. Heute funktioniert es aufgrund der Logik des Weltbegriffs.
    Die politische Ausbeutung des Vorurteils – heute des sogenannten Asylantenproblems – gehorcht der gleichen Logik wie die angeblich friedliche Nutzung der Atomenergie. Auch hier weiß man nicht, ob sie nicht eigentlich der Gewinnung spaltbaren Materials, das man für die Bombe benötigt, dient.

  • 16.08.92

    Eugen Drewermann (Publik Forum vom 14.08.92, Dossier: Heute muß die Reformation eine Revolte sein): Nicht nur die Reformation, sondern die Geschichte der Häresien insgesamt (seit dem Urschisma) „als ein Gegenüber zur Selbstkorrektur begreifen“, beim Protestantismus nur das Besondere: das Verschwinden der häresienbildenden Kraft.
    Nicht die „Zerrissenheit“ und die „Zerspaltenheit“ der Christenheit ist der Skandal, sondern die Unfähigkeit zu begreifen, was es mit der Geschichte des Christentums auf sich hat.
    Was meint D., wenn er schreibt: „Er (Jesus) wollte nicht eine Gegenbewegung dem Volk der Erwählung gegenüberstellen“?
    Oder: Jesus „wollte vielmehr das intensivste, gläubigste und frömmste Anliegen der Propheten seines Volkes verdichtet wissen in seiner eigenen Person und endlich lebbar machen für die Menschen seiner Zeit und aller Zeiten“?
    Und was soll der Hinweis auf die kirchlichen „Beamtenstuben“?
    Oder: Die Botschaft Jesu war sehr einfach: Das Reich Gottes ist in euch …“
    Oder „… er veränderte die Botschaft vom Jordan in den Dörfern Galiläas, indem er eine Sammlung an die Stelle der Bildung neuer Eliten setzte“ (gegen Johannes den Täufer?)?
    Was meint D. mit dem „Kampf auf Leben und Tod“?
    Oder, wenn er schreibt, daß Jesus wollte, „daß wir Gott wiederfänden als einen Bezugspunkt von Vertrauen …“?
    Oder: „Ein Gott, der es regnen läßt über alle Menschen, ist kein Bezugspunkt für Ausgrenzungen, sondern für das verdichtete Gefühl von Zusammengehörigkeit“?
    Wird das Wort „Richtet nicht …“ nicht neutralisiert und verharmlost, wenn man es „provokatorisch und agitatorisch“ nennt?
    Das „Er ist und war ein Freund der Zöllner und der Huren“ ist gerade nicht „der eigentliche Schuldvorwurf“, sondern der erwächst aus der Tempelreinigung.
    War es nicht der Fehler Luthers, gegen den die katholische Kirche (auch wenn sie es selbst bis heute nicht begriffen hat) recht hatte, daß er bei der Frage „wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ und bei dem Versuch, sie für sich und die Christen seiner Zeit zu beantworten, mit den Werken auch den Zustand der Welt religiös neutralisierte, ausklammerte und verdrängte (Paradigma der paranoischen Grundstruktur: die Objektbindung des Wahrheitsbegriffs; Bedeutung der „Arglosigkeit“).
    Mit dem Wort von den „zehn Geboten für die Durchschnittsmenschen“ (Gegenstück einer „elitären“ Moral der Bergpredigt?) beweist D., daß er keines der zehn Gebote begriffen hat. Es ist wirklich schlimm.
    „Die vatikanische Zentrale ist die Ausbeutung schlechthin gegen jeden anderen Stand“: Hier liegt der Grund seines Antiklerikalismus. Luthers Kampf gegen den Ablaß fällt in die Zeit des Beginns der Ausplünderung Amerikas. Hier wird das Problem von der ökonomischen Realität auf die Kirche (die als Hehlerin mitschuldig ist) verschoben (Vorbild des antisemitischen Wucher-Vorwurfs).
    Verräterisch der Hinweis auf die „zu wenig wohlverschlossenen Türen unseres Seelenhaushalts“: auf den Verdrängungsblock, den auch D. unangetastet läßt.
    Drewermann begibt sich in einen fürchterlichen Selbstwiderspruch, wenn er in der Kirche die Folgen dessen angreift, was er selbst in ihr sucht.
    Das ist nun wirklich schlimm, daß „wir als Glaubende“ nach D. „mehr wissen, als alle Päpste und Bischöfe der Kirchengeschichte zusammen“. Oder: „Aus dem eigenen Ich sprachen die Propheten …“ – Eben nicht (vgl. dagegen Rosenzweigs Bemerkung zum „Spruch des Herrn“)?
    Hegels Philosophie ergreift am Ende doch die Partei des Andersseins, und erliegt damit der verandernden Kraft des Seins.
    Es wäre eine Untersuchung vonnöten, die den sprachgeschichtlichen Ursprung des Seins im Kontext einer Geschichte der Grammatik ermittelt und benennt.
    Adornos Bemerkung, daß die Welt sich immer mehr der Paranoia angleicht, die sie doch zugleich falsch abbildet, hängt mit dem Gesetz von Objektivation und Instrumentalisierung zusammen, mit der verwirrenden und ambivalenzerzeugenden Kraft des Begriffs. Wer der Eindeutigkeit des Begriffs besteht (um die Instrumentalisierung der Wahrheit dem Blick zu entziehen), wird zum Parteigänger der Herrschaft (nicht der „Macht“) und fühlt sich zwangsläufig von den Fremden und den Armen bedroht und verfolgt (weil er sie selbst bedroht, ihnen ihre Erfahrung raubt, sie zur Stummheit verurteilt).
    Die kantische transzendentale Logik, die Kritik der reinen Vernunft, ist die erste Gestalt der realen Reflexion des Schuldzusammenhangs, in den das Denken selber verflochten ist.
    Die Idee der Übernahme der Sünde der Welt legt der Theologie die Pflicht auf, sich in der Wahrheitssuche am Zustand der Welt zu orientieren, d.h. die geschichtliche Reflexion in sich mit aufzunehmen (die Zeichen der Zeit erkennen und beurteilen).
    Aufgabe, ja Pflicht der Kirche wäre es, den Knoten endlich zu lösen, den Alexander (der erste Aristoteliker) nur duchschlagen hat.
    Die Kirche braucht in der Abtreibungsfrage die rechtliche Absicherung ihres moralischen Urteils aus Exkulpationsgründen: Nur noch der rechtliche (und nicht mehr der theologische) Schuldbegriff spricht die Kirche frei von ihrer Mitschuld an Auschwitz. Aber genau hier wird der Schuldzusammenhang unauflösbar, in den jeder Versuch einer rechtlichen Selbstexkulpation hineinführt, indem er sie mit dem Opfer der Anderen erkauft (Umkehrung des Kreuzesopfers, der Pflicht zur Übernahme der Sünde der Welt). Aber in diesen Zusammenhang führt der Mechanismus jedes moralischen Urteils, das aus dem Sündenfall, der Wirkung des Baumes der Erkenntnis, sich herleitet, zwangsläufig hinein; dagegen steht das Wort „Richtet nicht …“.
    Das Pflichtzölibat verletzt das Keuschheitsgebot (wie die Hierarchie das Gehorsamsgebot und das Dogma das Armutsgebot) an der Wurzel.

  • 12.08.92

    Es gibt keinen euklidischen Raum, es gibt nur euklidische Flächen (im orthogonalen Raum). Und die sogenannten nichteuklidischen Räume sind eigentlich Systeme nichteuklidischer Flächen im orthogonalen Bezugsraum.
    Was passiert eigentlich sprachlich, wenn der Psalmensatz „… heute habe ich dich gezeugt“ mit Hilfe der Beweislogik auf das trinitarische Dogma von der Zeugung des Sohnes durch den Vater bezogen wird?
    Der Rensch’sche Determinismus, sein Begriff der Willensfreiheit und der Freiheit überhaupt, hängt damit zusammen, daß er sein Naturgesetz-Konzept als Exkulpationsmittel mißbraucht. Er ist so unfähig, Freiheit in Beziehung zur Schuld zu begreifen, sondern nur in Beziehung zum Kausalgesetz; und da ist die Freiheit in der Tat das Wunder in der Erscheinungswelt, das er leugnen muß. So wird die Ethik für ihn gegenstandslos. (Vgl. u.a. S. 203)
    Die Begriffe Wissenschaft, Natur und Welt bilden ein System, in dem keiner der Begriffe ohne den anderen besteht. Es ist das Verdienst der transzendentalen Logik Kants, das erstmals ins Bewußtsein gehoben zu haben. So wird nicht zufällig die nachfolgende Geschichte des deutschen Idealismus, die Abfolge der Systeme in ihr, durch das Verhältnis dieser drei Begriffe geprägt: Der Fichteschen Wissenschaftslehre folgt die Schellingsche Naturphilosophie und dann die Hegelsche Weltphilosophie. Der Zusammenhang wird deutlich, wenn man diese drei Begriffe auf die Theologie bezieht:
    – Die Wissenschaftslehre leugnet die Offenbarung,
    – die Naturphilosophie die Auferstehung der Toten und
    – Hegels Welt-Philosophie leugnet die Schöpfung.
    Grund ist das Verfahren der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit, die transzendentale Logik oder das Prinzip des Ursprungs und der Auflösung der Begriffe.
    Objektivation und Instrumentalisierung: das scheint der Kern des Hegelschen Begriffs der List zu sein, aber mit der Instrumentalisierung verdampft die Idee der Wahrheit, verflüchtigt sich die benennende Kraft der Sprache. Die kritische Theorie verdankt sich der Reflektion des Instrumentalisierungsmoments im Hegelschen Begriff der Dialektik. Und genau diese Reflektion hat Habermas in seiner Kommunkationstheorie unterbunden: Konsens ist in der instrumentalisierten Welt nur möglich durch Unterwerfung unter „gemeinsame“, d.h. fürs Subjekt vorgegebene Ziele; diese „Gemeinsamkeit“ aber wird durch den Bruch in der Welt selber verwehrt. Auf diesem Wege ist das Herrendenken in die Habermassche Philosophie wieder eingewandert. Habermas hat begriffen, daß die Idee der Versöhnung, die der kritischen Theorie zugrunde liegt, auch die Änderung der Natur und die Aufhebung der Vergangenheit (die „Auferstehung der Toten“) mit einschließt; er hat nur die falschen Konsequenzen daraus gezogen.
    Zur Bedeutung des Reliquienkults: Die Erinnerung des Martyriums ist der Realgrund des Bekenntnisses. Und das reale Schuld- (und Glaubens-) Bekenntnis ist das Bekenntnis, zu den Tätern und nicht zu den Opfern zu gehören (sich auf die Seite der Welt geschlagen zu haben). Daran erinnerten die Märtyrer. Die Verdinglichung dieser Erinnerung im Reliquienkult war zugleich der Ursprung des überwältigenden Exkulpierungs- und Verdrängungsapparats, zu dem die Kirche dann geworden ist. Der Schlüssel hierzu ist der Naturbegriff.
    Mit der Opfertheologie wurde dem Opfer etwas aufgebürdet, was es nicht leisten konnte: wurde es nochmals verraten.
    Es ist der wissenschaftliche Objektbegriff, der uns alle, ohne daß wir es auch noch wahrnehmen, auf die Seite der Täter transportiert und ans am Ende auf entsetzliche Weise stumm macht.
    Die Marxsche Idee einer resurrectio naturae ist eine ähnliche contradictio in adjecto wie die einer Erschaffung der Welt.
    Hegels Idee, daß die Substanz als Subjekt sich erweist, ist über den Weltbegriff vermittelt und nur um den Preis zu realisieren, daß durch den Begriff die verandernde Kraft des Seins dann auch die Substanz affiziert, ihr (wie allgemein dann der subjektlosen Natur) den Schein des Subjekthaften verleiht. So ist die spätere Welt-Philosophie Hegels schon in der Phänomenologie des Geistes angelegt.
    Was mich am Angehörigen-Info stört, ist diese Larmoyanz, die gezielt genutzte Instrumentalisierung der eigenen Opferrolle. Darüber darf man freilich nicht vergessen, daß die Gefangenen in der Tat heute auch Opfer sind, und von denen, die ihre Strafhaft als Geiselhaft mißbrauchen, bewußt und gezielt dazu gemacht werden. Auch hier gibt es eine Instrumentalisierung des Opfers: eine der terroristischen Abschreckung dienende Instrumentalisierung (in der an die faschistische Vergangenheit erinnernder Wiederholungszwang weiterwirkt).
    Bedeutung des Ursprungs des Futur II in der Sprache, Beziehung zum Inertialsystem (zukünftige Vergangenheit), zum Ursprung des Materiebegriffs (Zusammenhang mit dem Ursprung des Staates). Materie und der biblische Begriff des Staubs (Sündenfall, Name der Hebräer). Futur II: Begriffsbildung, Hypostasierung des Prädikats, Ursprung der Raumvorstellung und des Objektbegriffs (das sich in sich selbst reflektierende Prädikat). Wer ist die Schlange, die auf dem Bauche kriecht und Staub frißt? Und wie hängt Adam, der Staub ist und wieder zu Staub wird, mit der Tertullianischen Systematisierung der lateinischen Theologie zusammen, dem Ursprung des Personbegriffs und der Vorstellung, daß die Frau, wenn sie in den Himmel kommt, zum Manne wird?
    Ist die christliche, an die Person gebundene Unsterblichkeitslehre im Gegensatz zur Lehre von der Auferstehung der Toten nicht doch die ausweglose Hypostasierung des Staubs (des Selbsterhaltungsprinzips, des Objektbegriffs, des Materiebegriffs)?

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