Erst in der Gottesfurcht tritt Adam aus dem Versteck „unter den Bäumen im Garten“ heraus, aus dem Bann der Versuchung durch die Schlange, aus dem selbstentfremdenden Wissen („da gingen ihnen die Augen auf“) und seinem Schatten: der Scham oder dem Bewußtsein, nackt zu sein (Gen. 38ff). Angesichts der Unerträglichkeit der Gottesfurcht produziert die erste Regung des Bewußtseins von Schuld die erste Rechtfertigung. (Gefahr der Theologie, insbesondere ihrer pseudomystischen Varianten: vor der Gottesfurcht in die Hybris der falschen „Einheit mit Gott“ zu flüchten. – Vgl. auch Drewermann)
Gottesfurcht; Bewußtsein, nackt zu sein (Abtrennung und Konstituierung der Privat-, Intimsphäre; Geschwätz und Scham; Bewußtsein, im Intimbereich von außen gesehen zu werden; Begründung und Konstituierung dieses Außen durch das Wissen, was gut und böse ist: Gott, die Welt und der andere Mensch; Zusammenhang von Selbst-Objektivation, Schuld und Scham), Stellenwert der christlichen Sexualmoral (Verhältnis zum „zeugenden“ Vatergott).
Zu Schmied-Kowarzik: Das dialektische Verhältnis des Menschen zur Natur, Freiburg (Brsg.)/München 1984: Ist nicht die „produktive Tätigkeit der Menschen, ihre gesellschaftliche Praxis …“ (S. 69) die „Arbeit des Kapitals“, des Demiurgen und Weltschöpfers, der sich bewußtlos hinter dem Rücken der Menschen, die, indem sie nur ihre Selbsterhaltung betreiben, diesen Demiurgen erzeugen und nähren, bildet und so (als blindes „Gattungswesen“) die Menschen und ihre Geschichte beherrscht? Wird die Argumentation nicht durch eine kleine kosmetische Änderung (Ersetzung des Begriffs „gegenständlich“ durch „wirklich“ und „wirksam“ – S. 66) fehlgeleitet, wird hier nicht der Knoten durch ein kleines Versehen so festgezurrt, daß er dann nicht mehr zu lösen ist?
Ich habe Adornos Philosophie (mit sanfter Korrektur seines Selbstverständnisses, er möge es mir nachsehen) in der Sache immer als reinsten Ausdruck von Gottesfurcht begriffen, die dann so konsequent war, sowohl die Nennung des Namens als auch die Existenzbehauptung (jegliches verdinglichende „Bekenntnis“, den Konfessionalismus insgesamt) zu vermeiden: sie unterliegen dem Verdikt der Hybris. Verstößt aber dagegen nicht auch die eben erwähnte begriffliche Korrektur? Und reicht das zugrundeliegende Zitat (E I, 577) nicht von sich aus weiter: nämlich an den Punkt, an dem es notwendig wird, Totalitätsbegriffe wie Welt und Natur selber als Projektionen (des Staates und der vom Tauschprinzip beherrschten Gesellschaft), als Subjektstützen zu begreifen, die helfen sollen, die Gottesfurcht zu umgehen („Das Ganze ist das Unwahre“). Adornos Sensibilität und sein striktes Votum gegen den Bann der Identität haben hier ihren gleichsam systematischen Grund. – Dieses Verständnis der negativen Dialektik impliziert eine Kritik der Naturwissenschaften, an der ich mir lange den Kopf eingerannt habe, zu der ich aber heute glaube einige weiterreichende Hinweise geben zu können. Der Ursprung und die Entwicklung dieser „Hinweise“ erinnert vielleicht ein wenig an die Geschichte Kafkas vom Schauspieldirektor, der eine neue Inszenierung vorbereitet: er wechselt die Windeln des künftigen Hauptdarstellers (Vorbereitung der wissenschaftlichen Instrumentalisierung der Welt durch die theologische Instrumentalisierung des Glaubens im christlichen Dogma, genetischer und systematischer Zusammenhang der Ausbildung des „Bekenntnisses“ mit der Entwicklung der Grundlagen und der Instrumentarien zum historischen Objektivationsprozeß: Konstituierung des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs im Zentrum des Christentums selber: Begründung und Konsolidierung des Trägheits- und Tauschprinzips durch Vergegenständlichung der Schwerkraft und des Hungers).
Sexualmoral
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28.01.91
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27.01.91
Das transzendentale Subjekt ist das Subjekt der Selbsterhaltung und der wissenschaftlichen Naturerkenntnis: die Sozialisierung der Hybris, die durch die Erfolge der naturwissenschaftlichen Aufklärung stabilisiert wird (weil es keine Alternative dazu zu geben scheint), ist ohne gleichzeitige Vergesellschaftung der Paranoia (des Verfolgungswahns, des Systemzwangs) nicht zu haben. Die verdrängte Güte kehrt draußen als Feind wieder (in den Armen und den Fremden: zusammengefaßt als aufsässiges Objekt, dessen aufdringliche Fremdheit verfolgt und verdrängt, d.h. als Materie neutralisiert wird): aus diesem Konstrukt läßt sich das antisemitische Vorurteil als Nebenprodukt und zusätzlicher nützlicher Stabilisierungsfaktor zwanglos herleiten (die spezielle Relativitätstheorie Einsteins ist eine durchschlagende Widerlegung dieses Konstrukts, sie bleibt nur solange ohnmächtig und hilflos, wie ihre erkenntniskritische Bedeutung nicht begriffen ist).
Gegen Lukacs‘ Vorstellung vom kontemplativen Charakter der wissenschaftlichen Naturerkenntnis ist kritisch auf das Moment der Praxis, das im Experiment sich zeige, hingewiesen worden. Übersehen wird hierbei, daß beides zusammengehört; daß – nach der Dialektik der Aufklärung – die (theoriebegründende) Distanz zum Objekt durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt, vermittelt ist: D.h. das praktische Moment im naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozeß, das Experiment, ist der Repräsentant, der Stellvertreter des unkenntlich gemachten, verdrängten Knechts, des Lohnarbeiters, nach Marx: der unterdrückten und ausgebeuteten Klasse. Hier kehrt im Zentrum der modernen Aufklärung der Kern des historischen Dogmatisierungsprozesses, die instrumentalisierte Opfertheologie, als Keim- und Quellpunkt des historisch-gesellschaftlichen Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs wieder. Der Vorhang, hinter dem sich dieser Prozeß (theologisch: die zwanghafte und ohnmächtig-hilflose Wiederholung des Kreuzesopfers) verbirgt, ist das Bekenntnis; heute – nach Auschwitz – ist dieser Vorhang zerrissen (Mt. 2751ff).
Augenlust: Denken, das sich am Sehen, an der Anschauung orientiert, anstatt am Hören (mit den Ohren denken); Fleischeslust: das Fleisch ist das Subjekt der Bedürfnisse, Fleischeslust die Fixierung aufs Prinzip der Selbsterhaltung; Hoffart des Lebens: die vergesellschaftete Hybris (Zusammenhang mit den drei evangelischen Räten: Armut, Keuschheit und Gehorsam).
Ist es eigentlich bloßer Zufall, und wenn nicht, welche Bedeutung hat es, wenn die Ausformung der heute noch gelehrten Gnadenlehre in die gleiche Zeit fällt, in der in den Moralkompendien jene kasuistischen Erörterungen der kirchlichen Sexualmoral sich ausbreiten, die nur noch obszön, voyeuristisch und von der Motivation her als pathologisch anzusehen sind.
Ideologie ist Rechtfertigung: zunächst die individuelle Rechtfertigung von Handlungen (vor sich selbst und vor anderen), dann aber die kollektive Absicherung der Rechtfertigung von Anschauungen, Meinungen durch die Forderung der Zustimmung der anderen: durchs Bekenntnis, und die Verfolgung derer, die sich dieser kollektiven Absicherung entziehen: der Ketzer. Die zweite Form der Rechtfertigung gehorcht den Gesetzen der Paranoia und ist systemerzeugend. Oder Umgekehrt: Der Übergang von der ersten zur zweiten Form der Rechtfertigung ist durch Paranoia vermittelt; diese Paranoia hat einen Realgrund, ist in der Struktur der Welt und des die Welt objektivierenden Subjekts begründet. Die historische Genese des „westlichen“, „abendländischen“ Subjekts ist hierin begründet: im Übergang zur „Theologie hinter dem Rücken Gottes“, in der christlichen Gestalt der instrumentalisierten Religion. -
26.12.90
Der nominalistische „flatus vocis“ hat in der Tat zwei Konnotationen: den Hauch der Stimme, der auch den lebenschöpfenden Gottesatem und den Geist repräsentiert, wie den anderen Flatus, den Drewermann der Genesis-Stelle unterlegt: den Furz. Gegen die Drewermannsche Konsequenz (die das Verdienst hat, den blasphemischen Charakter der Begriffs-Theologie endlich auszusprechen) ist aber auch daran festzuhalten, daß die nominalistische Realismus-Kritik den Weg freigemacht hat zu einer neuen, dem theologischen Erkenntnisbegriff endlich angemessenen Namenslehre: zum parakletischen Denken. Erst jetzt ist begreiflich zu machen, was mit der Sünde wider den Heiligen Geist gemeint ist.
Durch die Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip wird das Geld zu geldheckendem Geld (Kapital), gewinnt es die Potenz der Fortpflanzung, der Selbstvermehrung (Zeugungskraft?). Das Geld pflanzt sich im Warenkosmos ähnlich ins Unendliche fort wie -seit der kopernikanischen Wende – der Raum in der Natur: die unendliche Ausdehnung des Raumes ist identisch mit der unendlichen Ausdehnung des Trägheitsprinzips, sie repräsentiert (und ist der Vorgriff auf) die Unterwerfung der Welt unter die Herrschaft des Tauschprinzips. Das Jesus-Wort: Ihr könnt nicht zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon, anwenden auf die Trinitätslehre. (Preisfrage: Was hat die Physik mit der Sexualität zu tun?) -
24.12.90
Information als Unterhaltung: Fernsehnachrichten und BILD-Zeitung kommen darin überein, daß sie Informationen nicht nach ihrem objektiven Stellenwert, sondern nach ihrem Unterhaltungs- oder Sensationswert (Empörungsreiz) beurteilen. Der Begriff der Sensation erinnert nicht zufällig an den erkenntnistheoretischen Begriff der Empfindung (des sinnlich Gegebenen: nach Kant des chaotischen Materials, aus dem die transzendentale Logik die Urteile fertigt, durch die es Teil der Erfahrung wird). Diese Sensationen (die im Unterhaltungsbereich „Erlebnisse“ heißen) konstituieren sich erst im Kontrast zur transzendentalen Logik, nach Abzug ihres Erfahrungsgehalts, der nur als Kommentar, als Meinung zugelassen ist. Der Begriff der Sensation setzt die Unterscheidung von Tatsache und Meinung voraus und widerlegt sie zugleich. Die Ideologie, die geheimen Zusatzinformationen, die mit transportiert werden, resultieren aus dem ersten Gebot der Unterhaltungsindustrie: der Zuschauer/Leser darf aus der passiven Rolle nicht herausgerissen werden, er darf nicht (jedenfalls nicht politisch) zum Handeln verführt werden: die Fakten müssen so zubereitet werden, daß sie zur Entlastung des Zuschauers/ Lesers von dem moralischen Druck, den jede ungefilterte Information heute erzeugt, beiträgt: d.h. sie muß den Mechanismen der Schuldverschiebung, den Sündenbockmechanismen, mit einem Wort: dem Vorurteil das Feld überlassen. Bezeichnend das Interview mit einem Tagesthemen-Moderator der ARD in einer Unterhaltungssendung zum Jahresende 1990 (in der kritischen Phase der Golfkrise, über die der Interviewte täglich berichtete). Auf die Frage nach seinem zentralen Wunsch für das Neue Jahr: Er hoffe, daß es ihm endlich gelinge, das Rauchen aufzugeben.
Zusammenhang zwischen zweiter Schuld und dem Verschwinden der Schamgrenze, die das Private, den Intimbereich von der Öffentlichkeit trennt (BILD, Werbung, Fernsehen, Bedeutung der Familienserien, Gestaltung der Wohnungen: die Privatisierung der Politik und die Politisierung des Privaten; das unaufhaltsame Vordringen der Gemeinheit).
Der deutsche Begriff für Sexualität: das Geschlecht, das Geschlechtliche (auch die Geschlechter, z.B. die Genealogien? Zusammenhang mit der Trinitätslehre, der Zeugung des Sohnes?) scheint vom Ursprung her mit dem der Scham zusammenzuhängen. Das Geschlecht wäre demnach die Hypostase des Schlechten, des Verurteilten, das apriorische Objekt der Scham. Verletzt die Trinitätslehre die Schamgrenze Gottes?
Zur Trinitätslehre: Umkehrung der Vater-Mutter-Sohn-Beziehung? Der Beistand (das Mütterliche) geht aus dem Vater und dem Sohne hervor und wendet sich nach außen, während im traditionellen Familienkonzept die Mutter dem Mann und den Kindern „Beistand“ ist, der empathische Anwalt, der alles versteht (auch den richtenden Vater). -
20.12.90
Verführung durch den positiven Naturbegriff (das „Zurück zur Natur“ ist die Regression in die Barbarei): Vorstellung eines Grundes, auf dem alles aufruht, unzutreffend; das Widerständige, Böse ist nicht von außen in eine an sich heile Natur hereingekommen und kann deshalb durch menschliche Praxis, durch wissende Veränderung auch nicht eliminiert werden; die Vorstellung, daß die Welt danach wieder in Ordnung wäre, ist Ideologie. Völlige Veränderung der Perspektive, wenn begriffen wird, daß die Hypostasierung der Natur Produkt einer (paranoiden) Projektion ist (Humes Kritik der Kausalität und des Dingbegriffs sowie in seiner Nachfolge die positivistische Kritik der Äther- und Molekulartheorien wurden deshalb so wütend abgewehrt, weil sie an das dogmatische Selbstverständnis und das pathologisch gute Gewissen des wissenschaftlichen Erkenntnisbegriffs, an die Grundlagen des autoritären Charakters, nicht zuletzt des Antisemitismus, rührten). Heute hätte die Verdinglichungskritik ihr zentrales Objekt an der gesamten Mikrophysik, an der Abwehr aller Versuche, die mikrophysikalischen Strukturen aus dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit abzuleiten: Voraussetzung wäre die präzise Diskussion des mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit verbundenen Bewegungsbegriffs; das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit destruiert die Vorstellung eines mit Lichtgeschwindigkeit sich bewegenden Objekts; den mathematischen Strukturen angemessener wäre die mit einer Umkehrung des Richtungssinns verbundene Vorstellung einer Bewegung des Raumes, nicht des Objekts: Korrelat des Falls, der Vergängnis: diese Vorstellung löst auch die Rätsel des Quantenproblems.
Die Instrumentalisierung ist eins mit der Verdinglichung, der Austreibung der Sinnlichkeit; das gilt für die Dogmengeschichte wie für die Geschichte der Naturwissenschaften. Die christliche Sexualmoral ist die Grundlage für die Entrealisierung und Verdrängung der primären Sinnesqualitäten: Nicht zufällig erinnert der Empfindungsbegriff an den der sinnlichen Lust. -
03.12.90
Ist es gnostisches Erbe, wenn nach dem Ende der Märtyrerzeit das Bekenntnis und die Jungfräulichkeit zu Symbolen der Erlösung (der männlichen und weiblichen Heiligkeit, der Tilgung der Sünde Adams und Evas) werden? – Gehören das Bekenntnis und der Ursprung der christlichen Sexualmoral zusammen? Lassen sie sich (zusammen mit der Dogmenentwicklung) aus der Enttäuschung der Parusieerwartung ableiten? Sind beide notwendige Momente der Vergegenständlichung und Instrumentalisierung der (seitdem, ohne es zu wissen, imperialistisch instrumentierten) Theologie? Ist der Grund der (in Philosophie und Politik) undurchschaute Zusammenhang von Subjektivität und Konstitution der Welt (Ursprung der instrumentellen Vernunft; Bekenntnis und Sexualmoral als Bedingungen der gesellschaftlichen Naturbeherrschung: Zusammenhang mit Magie-Verbot)? Vorstufe der Verflechtung von Mythos und Aufklärung (Beginn der „Neuzeit“) ist die von Magie und Aufklärung („Mittelalter“; Bedeutung der Hexenverfolgung). Das Sakrament (die Geschichte des Sakraments) als Erbe und Rationalisierung der Magie und mimetische Vorstufe der technischen Naturbeherrschung.
Zur Konstruktion der Gemeinheit: Daß die Erlösung auch die Vergangenheit (und die Natur) befreit, kann heute nicht mehr vernünftig unterstellt werden; aber handeln, ohne gemein zu werden, kann man nur, wenn man so handelt, als ob von unserm Handeln auch das Schicksal des Vergangenen und der Natur abhinge. „Auch die Toten haben Anspruch …“ (Walter Benjamin)
Theologie im Angesicht Gottes („Wahrheit als Gebet“ – „Allein den Betern kann es noch gelingen …“): kann Geschichte der Theologie „hinter SEINEM Rücken“ nicht ungeschehen machen, muß sie mit aufarbeiten (eine der Bedingungen einer Theologie nach Auschwitz).
Adornos Satz „Erstes Gebot der Sexualmoral: der Ankläger hat immer Unrecht“ anwenden als Grundsatz einer Erkenntnistheorie; Konsequenz aus Rosenzweigs spekulativem Gebrauch des Begriffs der Umkehr. Besonderer Charakter moralischer Grundsätze: sie sind Grundsätze nur fürs Handeln, nie fürs Urteilen („Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“). Zusammenhang mit den Begriffen Versöhnung und Schuld und deren erkenntniskritischen Konsequenzen. Das rhetorische „Ich würde sagen …“ drückt diesen besonderen Takt aus (die Anerkennung und Berücksichtigung des Zusammenhangs von Urteil, Schuldprojektion und Vergegenständlichung), daß man dem anderen nicht vorschreiben kann, was er sagen (als wahr anerkennen) muß, daß man nur – unter Beachtung des eigenen derzeitigen Erkenntnisstandes – sagen (als wahr anerkennen) würde, wenn man an seiner Stelle wäre.
Wer einem Betroffenen Tratsch zuträgt, löst Streit aus. Anwendung auf eine Theorie des Ursprungs der Gemeinheit (Öffentlichkeit hinter dem Rücken des Betroffenen ist auch Öffentlichkeit für den Betroffenen). Das Hinter-dem-Rücken-Reden ist nie harmlos, wenn es nicht so geschieht, als wäre der Betroffene anwesend.
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26.11.90
Zur Einsteinschen Wende:
Einsteins Relativitätstheorie hat durch die Verknüpfung des Trägheitsgesetzes mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit
. die innere Grenze des Inertialsystems und damit die innere Grenze der naturwissenschaftlichen Erkenntnis (der Instrumentalisierungs-Logik, des Weltbegriffs)
sowie
. durch den selbstreferentiellen Bezug der Lichtgeschwindigkeit aufs Inertialsystem den Quellpunkt der Elektrodynamik, der Mikrophysik und der Chemie und damit deren Stellung und Bedeutung im Kontext der gesellschaftlichen Naturbeherrschung bestimmt. Das verleiht der speziellen Relativitätstheorie eine einzigartige Stellung im System der naturwissenschaftlichen Erkenntnis: im historischen Erkenntnisprozeß überhaupt.
Die Quantenphysik, die die Instrumentalisierung in die Mikrophysik vortreibt (zweite Instrumentalisierung), steht in einer ähnlichen Beziehung zur Mechanik wie die Intim- und Privatsphäre zur Gesellschaft. Der Einbeziehung der Mikrophysik in das System der Instrumentalisierung und Naturbeherrschung entspricht die Vergesellschaftung der Privatsphäre, ihre Einbeziehung in den gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß: die neue Stufe der Ausbeutung als Selbstausbeutung (Staatliche Ehegesetzgebung, Schulpflicht; Privateigentum als Quelle, Reklame als Motor der Selbstausbeutung: Instrumentalisierung der Bedürfnisse; chemisch-therapeutische und institutionalisierte Krankheitsbekämpfung, Entwicklung der klinischen Medizin; Vergesellschaftung der Zeugung, der Geburt und des Todes; Energie- und Wasserversorgung, Elektrizität, Hygiene, Radio, Fernsehen: Vergesellschaftung der Privatsphäre, in der am Ende alle nur noch Gäste sind und niemand mehr zu Hause ist). Die Arbeit dient nicht mehr der Selbsterhaltung, sondern der Erhaltung der fremdbestimmten Privatexistenz, die durch Vergegenständlichung, Selbstentfremdung zur öffentlichen Angelegenheit, zum Objekt von Naturbeherrschung geworden ist: zur Sphäre des Medientratsches und des demonstrativen Konsums (der Preis für Selbstausbeutung durch Herrendenken: Vergegenständlichung der traszendentalen Logik im Inertialsystem). – Die Vergesellschaftung des Intimen als Quelle der Gemeinheit (Ursprung und Geschichte der Scham; Schuld und Intimbereich).
Die Einmaligkeit, Unwiederholbarkeit und Unmitteilbarkeit des Individuellen manifestiert sich u.a. in der Nichtkommunizierbarkeit der Empfindungen, der Sinnesqualitäten, die nicht an sich, sondern – wie die Vergangenheit – nur über ihre Namen (rot, warm, hell u.ä.) sich mitteilen. Zusammenhang mit Sexualität (Lust), Scham und Schuld. -
29.07.90
Zu Heidegger: Das Vorhandene ist das Zuhandene (beides durch Herrschaft, durch die Distanz zum Objekt, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt, vermittelt) und das Eigentliche das Uneigentliche. Im Bann des In-der-Welt-Seins wird alles zum „Zeug“ (unter Einschluß des „Daseins“, des Selbst: dagegen hilft auch nicht die dezisionistische „Eigentlichkeit“, die „Entschlossenheit“); und die volle Verachtung Heideggers, die im Begriff des Zeugs sich ausdrückt, trifft eigentlich ihn selber.
Das gilt auch für die Theologie: Der vorhandene Gott (der Gegenstand des Zwangsbekenntnisses und eines Glaubens, der vom Unglauben nicht mehr zu unterscheiden ist) ist der zuhandene (instrumentalisierte) Gott, das Bekenntnis und das vergegenständlichte Dogma ein Herrschaftsmittel.
Die Heideggersche Selbstverachtung bringt die der Theologie bewußtlos auf den Begriff: sie ist zugleich der Grund des Selbstmitleids (in der Theologie: der mit der Opfertheologie verknüpften Leidensmystik), der heute jedes Bewußtsein verhext. (Dagegen Adorno: Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner mehr zu lieben fähig ist.)
Die neue Sakramentenlehre (Produkt der Enteschatologisierung des Christentums) begründet den magischen Instrumentalismus der Kirche, der dann abgesichert werden muß durchs Dogma (durch Vergegenständlichung der Wahrheit, durch das Objekt des Bekenntnisses; Schlußpunkt ist offensichtlich das konstantinisch-nicänische „homousios“, die endgültige Vergöttlichung Jesu – das christliche Erbe des römischen Kaiserkults?). – Vgl. EdChD, S. 72ff, 78. (Frage hierzu: Wie hängt der dogmengeschichtliche Gnosisbegriff mit dem von Elaine Pagels „Versuchung durch Erkenntnis“ zusammen?)
Gibt es einen Zusammenhang der Vergöttlichung der „Zeugung“ (in der Trinitätslehre und im trinitarischen Vaterbegriff: Vorrang vor dem Schöpfungsbegriff!? – Dazu: Zeugen ist männlich, das Empfangen demnach keine göttliche Tätigkeit; Verzicht auf einen weiblichen Anteil im trinitaritischen Prozeß: Zusammenhang mit dem Inzest-Tabu?) mit der urchristlichen Askeseauffassung und der daraus abgeleiteten Sexualmoral, sowie mit der nachfolgenden Eremiten- und Mönchsbewegung (vgl. auch die Konsequenz des Origenes aus der Aufforderung: Wenn dein Auge Anlaß zum Ärgernis gibt, reiße es aus). Neuorganisation und Neuverständnis von Dogma, Kirche und Moral im Mittelalter (Neubestimmung der Eschatologie, der Kirche, der Sakramente, des gesellschaftlichen Selbstverständnisses).
Worauf bezieht sich eigentlich der Auftrag (in der Genesis) zur Herrschaft „über die Fische des Meeres und die Vögel des Himmels und über alle Lebewesen, die auf der Erde wimmeln“? – Naturbeherrschung hat andere Objekte.
Stammt die Transsubstantiationslehre der Eucharistie aus der Inkarnationslehre (beide gemeinsam begründen den totemistischen Kannibalismus)? – Vgl. EdChD S. 115ff.
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27.06.90
Die Theologie ist der Einspruch gegen die Zwänge, als welche die gesellschaftlichen Strukturen des Realitätsprinzips heute erfahren werden; sie wird blasphemisch, wenn sie mit schwindender Kraft der Reflexion selber diesen Zwängen unterliegt (ihnen einen religiösen Anstrich verleiht: zweite Religiosität; Anbetung der „theologischen Mucken“ der Warenform).
FR: „Vatikan droht kritischen Theologen“ – Hier fordert die Kirche, die selbst kein Mitleid kennt, in paranoider Verkehrung der Verhältnisse Mitleid mit sich selbst, mit den „Hirten der Kirche“, wenn sie von den Theologen fordert, daß sie bei Konflikten mit der Kirche keinen „Druck auf die öffentliche Meinung ausüben“ sollen. Übernahme des „Nestbeschmutzer“-Syndroms? (Ähnlich schon im Hirtenwort der deutschen Bischöfe zum 50. Jahrestag der „Reichskristallnacht“). – „Triebkräfte der Untreue gegen den Heiligen Geist“? Es gibt die Sünde wider den Heiligen Geist, aber keine Untreue gegen den Heiligen Geist (die Nibelungentreue sollte man dem nationalen Wahn überlassen); und bei den „Triebkräften“ kann es sich nur um die allzu bekannten subversiven Kräfte handeln (projektive Nebeneffekte der krichlichen Sexualmoral).
D.’s Interpretation des „Richtet nicht, damit ihr nicht von Gott (E.D.) gerichtet werdet“ entstellt den Sinn des Gebotes.
Mit der Kritik der politischen Theologie und der Rechtfertigung des Bürgers blendet D. das Herrendenken und seine Folgen für den Prozeß der Verweltlichung aus. Wer die Kritik der Welt aus der Theologie eliminiert, kastriert die Theologie. Da trifft sich D. mit Habermas, mit dessen Kritik an der Frankfurter Schule: an den Weltbegriff wird nicht mehr gerührt. D.’s Diffamierung des „Retter-Syndroms“, eigentlich der Erlösung, ist der genaue Ausdruck davon. Hier adaptiert er, was er zugleich kritisiert (und das macht den D. so anstrengend): die Kirche als Gnaden-Verwaltungsanstalt. Zusammenhang mit der von D. sowohl kritisierten als auch dann doch akzeptierten Opfertheologie.
Ist nicht D.’s Verständnis der j Urgeschichte neokolonialistisch (Vergangenheit als Rohstofflieferant). So wird die j Urgeschichte wieder einmal von oben her erledigt, anstatt sich wirklich darauf einzulassen.
Die Schöpfungsgeschichte wörtlich nehmen: das ist auch einer anderen Interpretation fähig als einer fundamentalistischen.
Religion ist heute entweder Blasphemie oder eine offene Wunde, deren Sinnesorgan z.B Adorno, Jean Amery, Primo Levi oder Nelly Sachs heißt. Es ließe sich leicht ein Kanon verbindlicher Schriften zusammenstellen, deren Kenntnis bei einer Neubegründung der Theologie vorauszusetzen wäre: Drewermann scheint keine dieser Schriften zu kennen. Zu beachten ist freilich, daß diese Literatur Literatur von realen oder potentiellen Opfern ist und von den (realen und potentiellen) Tätern nicht unverwandelt rezipiert werden kann. Dazwischen steht die Vernichtungswut, die Opfer und Täter trennt. Unsere Kraft reicht nur soweit, wie wir bereit sind, uns durch diese Literatur aufstören zu lassen.
Das angstfreie Leben, das D. wohl als Utopie, als Bild eines Lebens, das mit sich versöhnt ist, vorschwebt, ist in der D’schen Version nur auf der Grundlage neuer Verdrängungen und Rationalisierungen möglich, das aber heißt: nur als Quellgrund neuer Angstregionen. Angst ist ein Indikator für Unaufgearbeitetes: freilich für ein nicht nur im Subjekt, sondern zugleich draußen, in der Objektivität Unaufgearbeitetes.
Zu Kant: Die Moral ist der Schopf, an dem sich die Philosophie aus dem zuvor selbst produzierten Sumpf ziehen muß.
Das Prophetenwort „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ rückt den Kreuzestod Christi überhaupt erst in die richtige Perspektive. Es ist die schärfste Kritik an seiner Instrumentalisierung zur Opfertheologie. Die Vorstellung, daß die KZ-Schergen nach getaner Arbeit auch 1944 noch zu Hause mit Frau und Kindern unterm Weihnachtsbaum Weihnacht gefeiert haben, sollte eine Schutzimpfung gegen den sentimentalen Sog des Weihnachtsfestes sein, der ohnehin nur dem Weihnachtsgeschäft zugute kommt, in dem sich Auschwitz fortsetzt.
Die Opfertheologie verhält sich zur Befreiungstheologie wie die Familie zur Ehe (oder wie die Eucharistie zum Kannibalismus?). Die Ehe ist ein Sakrament, nicht die Familie; die ist eines der Zentren des bürgerlichen Schuldzusammenhangs, ein Mythos-Generator.
Gibt es für die Idee der seligen Anschauung Gottes eine biblische Grundlage, oder handelt es sich hier um ein philosophisches (aristotelisches) Erbe? Zusammenhang mit dem aristotelischen Theorie-Begriff, abgegolten und erledigt durch die kantische Philosophie (Zusammenhang der Formen der Anschauung mit der transzendentalen Logik).
Der Rosenzweigsche Weltbegriff scheint mir den Punkt zu bezeichnen, von dem aus der „Stern“ aufzuarbeiten wäre. Das „All“, gegen das er seine Philosophie setzt, ist ja der Gegenstand des Weltbegriffs, gegen den seine Philosophie andenkt. Der Weltbegriff ist selber an die Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur gebunden, ein Nebenprodukt des Objektivationsprozesses, der Vergegenständlichung der Natur, hinter deren Rücken gleichsam der Weltbegriff sich konstituiert. Herrschaft verstrickt sich in Welt.
Wenn das Verhältnis des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit zur Planckschen Strahlungsformel begriffen ist (Ursprung und Bedeutung des Korpuskel-Welle-Dualismus), ist der Einstieg in eine neue Naturphilosophie geschafft (Zusammenhang mit dem -vierdimensionalen – Raumzeitkontinuum, mit der Minkowskischen Raumzeit: Stellenwert des die Lichtgeschwindigkeit repräsentierenden imaginären Raumteils: Grund für die Begrenzung auf den mikrophysikalischen Bereich?).
Dem Naturschönen wohnt ein utopisches Element inne, während die weltliche Schönheit nur regressive Züge trägt (Zusammenhang von Natur- und Weltbegriff).
Der eigentliche Gegenstand des Inzest-Verbots ist der Ursprungs-Mythos, in letzter Instanz die Fundamentalontologie. Parvus error in principio magnus est in fine. Aktualität von Kafkas Parabel vom Schauspieldirektor, der zur Vorbereitung einer neuen Inszenierung die Windeln des künftigen Hauptdarsteller wechselt.
Zusammenhang von Öffentlichkeit und Krieg (unter Einbeziehung der Lehre vom Heiligen Geist).
Das Gefühl ist das Gegenteil von Glück; das Glück ist kein Gefühl.
D. überantwortet die Theologie einem Abfall-Vernichter.
„Zeit ist’s zu handeln für den Herrn“.
Gilt das Kreuzeswort Jesu „Vater, vergib ihnen, …“ auch für die Kirche, die sich mit der Opfertheologie auf die Seite der Täter gestellt hat?
F.R. hat nach W.B. die Tradition auf dem eigenen Rücken weiterbefördert statt sie seßhaft zu verwalten, D. wirft die Tradition wie einen Ballast ab, um die Verwaltungspraxis zu erleichtern. Dabei ist er sich nicht zu schade für die denunziatorische Nutzung einer instrumentalisierten Psa. z.B. im Falle des Franz von Assissi.
Wenn Jesus die Schuld der Welt auf sich genommen hat, dann war das kein stellvertretendes Opfer, sondern ein durchaus realer Versuch, verdrängungslos zu leben.
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26.06.90
Der naturwissenschaftliche Erkenntnisprozeß (auf den D.’s Begriff der „Verstandeseinseitigkeit“ primär zu beziehen wäre) ist erkauft mit einer Abstraktionsleistung, die als gesellschaftlicher Prozeß zu dechiffrieren wäre. Die Abstraktion ist ein paralleler Verdrängungsvorgang in Subjekt und Objekt; oder der Abstraktionsleistung am Objekt entspricht eine Verdrängungsleistung im Subjekt. Beide stehen in direkter Abhängigkeit von den Erfordernissen der Selbsterhaltung (des Realitätsprinzips), von der Geschichte der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Natur. Das heißt aber, daß der direkte Rekurs auf die verdrängten Emotionen und Gefühle, auf das Irrationale, nicht weiterhilft, da dieser Bereich selber unter dem Bann des Abstraktionsprozesses steht: er ist entstellt und trägt die Narben seiner Geschichte an sich, der Geschichte der Herrschaft. Benjamins Forderung, die Geschichte aus der Sicht der Unterlegenen (und nicht der Sieger) zu schreiben, gilt auch für die Geschichte und die Resultate der Naturwissenschaften. Auch hier (vielleicht sogar zuletzt und vor allem hier?) bereitet parakletisches, verteidigendes Denken die rettende Erkenntnis vor.
Es kommt heute zunächst einmal darauf an, eine Schneise in das Dickicht zu schlagen; die Kultivierung wäre der nächste Schritt.
„Die Kirche ist nicht demokratisch“ – die römische Kongregation für die Glaubenslehre heute, in einer „Instruktion über die kirchliche Berufung des Theologen“ (wobei die Grenzen hinsichtlich der Sexualmoral offensichtlich wieder einmal die wichtigsten sind). So übt sich die Kirche in selffulfilling prophecie.
Die Institution des Klerikers ist bereits Produkt der Verweltlichung der Kirche. Und ihre Kritik ist nur dann sinnvoll, wenn sie die Kritik der Welt mit einschließt. Alles andere greift zu kurz. Kleriker, Hierarchie, Priestertum sind Kristallisationskerne der Instrumentalisierung der Kirche und insofern ihrer Verweltlichung (der Zusammenhang insbesondere von Hierarchie und Instrumentalisierung läßt sich auch an ihrer Beziehung zur alten Planeten- und Engellehre nachweisen: jede Stufe der Hierarchie ist sozusagen ein eigenes Inertialsystem und somit Kristallisationskern der Instrumentalisierung). Die gleiche Kritik, die D. am Kleriker übt, ließe sich mit gleichem Recht auch an anderen Institutionen üben (Politiker, Professoren, Militärs, die unter vergleichbaren objektiven Zwängen ähnlich sich verhalten).
D. hat insoweit recht: Unter den Bedingungen der Geldwirtschaft ist die (Existenz-)Angst unvermeidlich. Eigentum, das im Ernst die Existenz sichert, gibt es eigentlich nicht mehr; und wenn es das noch gibt, so ist sein Bestand nicht mehr von Naturabläufen (wie eine gute Ernte von der geregelten Folge der Jahreszeiten, von Klima und Witterung) abhängig, sondern von den politisch-ökonomischen Bedingungen (Konjunktur, technische Entwicklung, Verschiebungen im gesamtgesellschaftlichen Produktionsprozeß, den niemand mehr durchschaut). Hier liegt der Realgrund der Angst, der insoweit mit der der j Urgeschichte überhaupt nicht mehr vergleichbar ist. Und es ist die Frage, ob gegen diese Angst die (individuelle) Einheit mit Gott, Geborgenheit in Gott o.ä. noch etwas ausrichtet. Hier werden für falsche Probleme falsche Lösungen angeboten. Wenn es noch eine begründbare Theologie gibt, so wird sie die Gesellschaft und den gesellschaftlichen Vermittlungsprozeß in ihre Reflexionen mit aufnehmen müssen. Es gibt die Unmittelbarkeit zur Natur nicht mehr, die einmal Grundlage der theologischen Erkenntnis war.
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14.06.90
Statt Anklage und Rechtfertigung: Verständnis und Bekenntnis?
Joh. 14,27: der Friede, den die Welt nicht geben kann. – Aber: Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen …(Mt. 28,19)/ Geht hin in alle Welt und predigt die Heilsbotschaft allen Geschöpfen …(Mk. 16,15)
Joh. 8,12ff: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wandelt nicht im Finstern, sondern wird das Licht des Lebens haben. … Ihr urteilt nach dem Äußeren, ich urteile über keinen. … Wenn Ihr mich kenntet, würdet Ihr auch den Vater kennen.
Joh. 14,22: Judas, nicht Iskariot, fragte ihn: Herr, wie kommt es, daß Du Dich nur uns offenbaren willst, nicht auch der Welt?
Konstruktion der Scham (Sexualität; von außen Gesehenwerden, Form der Beziehung zu anderen, Verhältnis zu Anklage und Objekt/Akkusativ; Scham, Anschauungs- und Urteilsformen, Lachen, Geschwätz/Tratsch; Scham der Tiere <Folge des Ausgelachtwordenseins>: Tiere sind nicht nackt, Instinkt und Identifikation mit dem Aggressor; Scham und Organismus, Organisation Problem der Namengebung; Scham, Anklage und Liebe; Scham und Lachen, Scham über das Benanntwerden <Adam benennt die Tiere und – nach dem Sündenfall – Eva>; Benanntwerden und Ansprechbarkeit; Ansprechbarkeit ohne Rechtfertigungszwang; Zeugen und Erkennen: Ursprung des Wissens; Scham als Bewußtsein der Sterblichkeit, des Todes (Überwältigung durch Scham: „Vorlaufen in den Tod“); die Reklame verschweigt den Tod, vollendet die Scham, indem sie sie unsterblich macht: der Reflexion entzieht, in den Rechtfertigungszwang verstrickt; Schamgrenze zwischen Innen und Außen, Ursprung und Geschichte der Intim-/Privatsphäre als Teil der Freiheitsgeschichte; Schamverletzung und totalitäre Systeme, Scham und Geschichte).
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04.06.90
„… Illusionen, deren Trugbild dem ungetrübten Auge eines Kindes verborgen bleiben sollte.“ (S. 476)
„… verzehrte rasch und gewaltsam wie ein Steppenbrand die kleinen Reste an spärlichem Grün in den Niederungen und Tälern des irdischen Lebens.“ (S. 472) – Solche Sprachbilder verraten mehr, als der unmittelbare Wortlaut des Textes wahrhaben will.
So verdienstvoll die Gesamtdarstellung des Klerikers ist, es bleibt ein Verdacht, daß hier eine katholische Assimilation (wie im letzten Jahrhundert die jüdische) auch den Schatten des Selbsthasses (eines verinnerlichten Antiklerikalismus) nach sich zieht. Ausgeblendet wird der Hintergrund (der Symptomenkomplex der zweiten Schuld) in Deutschland; die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wird nur soweit mit vollzogen, wie sie sich in die Kritik an der Kirche mit einbeziehen läßt. Die Psychologie des Klerikers wird sicher überhaupt erst durchsichtig, sobald sie die Reflexion auf den welthistorischen Zustand der Dinge mit einbezieht: das gesamtgesellschaftliche Verhältnis von Es, Ich und Über-Ich, von dem das kirchliche nur ein ohnmächtiger Reflex ist. Der Verdacht bleibt, daß D. die Vorteile der Assimilation und des Schutzes der kirchlichen Institution zugleich haben möchte; den Widerspruch, der daraus notgedrungen folgt, hat er nicht aufgearbeitet (den Widerspruch des antiautoritären Autoritarismus).
D.’s Antisemitismus? (S. 493ff: die „Religion des Alten Testamentes“)
Das Christentum und das Erbe Ägyptens (S. 496): Verrat des Exodus.
Zusammenhang der umfassenden Adaptation mythischer Motive mit der zentralen Verdrängung des politischen Teils der Idee des seligen Lebens. (Bedeutung Ägyptens für D.: Kein Gedanke an die Realität des Pharaonischen Reichs; Entpolitisierung, Psychologisierung der Befreiungstat Moses, des Mordes an dem Sklaven-Aufseher).
2 Fragen:
– Mit dem sozialen Hintergrund blendet D. auch das Faktum aus, daß sein Thema, insbesondere Keuschheit und Sexualität jetzt, infolge einiger genau bestimmbarer gesellschaftlicher Veränderungen, zum „Problem“ wird, an dem auch die Kleriker selbst nicht mehr vorbei kommen (Zusammenhang mit dem Ursprung der Psychoanalyse).
– Ausgeblendet wird bei der Darstellung der Probleme der Keuschheit eigentlich vollständig das Problem, wie es aus dem Blickwinkel der Frau sich darstellt, der sehr wohl Vorbehalte gegen die freie Verfügbarkeit für männliche Begierden mit einschließt.
M.a.W. verkürzt wird das gesamte Problem um den Problemkern, der vielleicht doch (freilich mit ganz anderen Konsequenzen, als aus der Sicht des Sexismus, des klerikalen Herrendenkens) in der kirchlichen Tradition steckt.
„… der Haß auf die eigene Männlichkeit … übersetzt sich jetzt in eine Fülle reiner Gedanken zur Rettung der Welt“ (S. 556): D.h. wer über Auschwitz den Verstand verliert, und ernst macht mit der Maxime, daß das nicht wieder eintreten darf, tut es aus „Haß auf die eigene Männlichkeit“? Umgekehrt: Birgt nicht das Bestreben, den „Haß auf die eigene Männlichkeit“ zu vermeiden, gerade die Gefahr des Sexismus in sich? – Unfreiwilliger Hinweis auf den Zusammenhang von Empathie und parakletischem Denken?
D.s Konzept stimmt nur unter der Voraussetzung, daß wir in einer heilen Welt leben, die nur von der Kirche angeschwärzt wird. Nur so läßt sich der Eindruck vermitteln: Wenn ihr aus den Fängen des Klerikalismus euch befreit, ist alles in Ordnung. Statt dessen käme es darauf an, diesen Zustand des Klerikalismus als selbst vermittelt (objektiv im Zustand der Welt, subjektiv in der Unfähigkeit, den Wahrheitskern der theologischen Tradition zu realisieren) zu begreifen. Und die begriffene Vermittlung könnte sehr wohl ein Moment der Realisierung der Wahrheit der theologischen Tradition sein.
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