Sexualmoral

  • 16.05.90

    Walter Benjamin in einem Brief an Scholem vom 05.08.37: er wolle der Jungschen Archetypenlehre, die er für „echtes und rechtes Teufelswerk“ hielt, „mit weißer Magie zu Leibe rücken“. (Briefwechsel S. 247; vgl. Carlo Ginzburg: Hexensabbat, S. 244 und Anm. Nr. 112 dazu) – Nochmal die Geschichte von der Hexe von En Dor lesen.

    Ist das Sexualtabu ein Teil des Tabus über den Totenkult? (Genesis/Sündenfall, Ursprungsgeschichte der Sexualmoral, Zusammenhang mit politischer Theologie)

    Ginzburgs Hexensabbat: Gibt das Buch nicht auch Hinweise und Kriterien zur Beurteilung des Gesamtkomplexes der Terroristenverfolgung? Gibt es nicht gemeinsame oder auch nur vergleichbare Vorurteile (begründet in der Absicht der Stabilisierung von Herrschaftsstrukturen)? Insbesondere: Ist die Paranoia, die in beide hereinspielt, ein Nebeneffekt der Verdrängung des eigenen Schuldanteils an dem Konflikt, Blockade der Analyse dessen, was sich wirklich abspielt?

    Die merkwürdige Haßbindung der Rechten an die Toten (Grabschändungen, Schmierereien auf Friedhöfen, an Grabsteinen u.ä.): Die Gefahr der Linken ist die Instrumentalisierung des Todes, die der Rechten seine Magisierung. Man wird es sich nach Art einer Mutprobe (als Teil eines Initiationsritus) vorstellen müssen: die, die die Gräber schänden, scheinen auch von der Erwartung motiviert zu sein, daß nicht auszuschließen ist, daß die Gräber sich öffnen und die Toten hervorkommen (um sich an den Überlebenden zu rächen). Nicht zufällig ist der Werwolf (überhaupt der Wolf) eine faschistische Identifikationsfigur. Zum Werwolf wird, wer den „inneren Schweinehund“ in sich besiegt hat; den inneren Schweinehund besiegt man mit Mutproben, die die moralische Identität untergraben sollen (die Toten kommen nicht heraus, der liebe Gott greift nicht ein). Die erwünschte Befreiung ist eine Befreiung von den Tabus der Moral, vom Über-Ich. Ein weiterer Nebeneffekt: diese Mutproben haben eine gewaltige Bindungskraft: die der Komplizenschaft. Elemente davon sind nicht zufällig bei Polizeieinsätzen anläßlich linker Demonstrationen zu erkennen, die dann regelmäßig das Lob der Politiker nach sich ziehen. Der rein technische Aspekt dieses Verfahrens, durch projektive Kriminalisierung den politischen Grund der Sache zu verdrängen, sich die politische Auseinandersetzung zu ersparen, hat die Vorurteilsstrukturen, die er zugleich produziert und ausbeutet, zur Voraussetzung.

    Drewermann: „Es ist der in unserem Zusammenhang vielleicht wichtigste Satz der ganzen Angsttheorie der Psa, wenn Freud sagt: „Leben ist … für das Ich (Hervorhebung H.H.) gleichbedeutend mit Geliebtwerden, vom Über-Ich geliebt werden …“ (Drewermann II, S. 155; vgl Freud: Das Ich und das Es, XIII 288) – Anstatt dieses Zitat kritisch zu begreifen (Struktur und Genese des Idealismus anhand der Struktur des Ich) rezipiert er es affirmativ: als Beweis für den (zutreffenden, aber theologisch irrelevanten) Konnex von Ich und Geliebtwerden. Die Position Drewermanns bezeichnet genau den Punkt, den sie dann auch beschreibt: den Abfall von Gott (er beschreibt, ohne es zu wissen, seine eigene Position). – Drewermanns Begriff des Bösen ist ein infantiler Begriff: So verstehen Kinder sich selbst als böse (das Ich, das sich als Nein konstituiert, als apriori schuldig, das ebendeshalb des Geliebtwerdens bedarf, weil es selbst der Liebe nicht fähig ist), nachdem es die Eltern, aus deren Bannkreis sie nicht herauskommen, ihnen einsuggeriert haben. Das Schlimme ist, daß dieser infantile Begriff des Bösen der in der Gesellschaft immer noch herrschende ist; er ist der Nährboden insbesondere für die neue Welle des Nationalismus, für die Weigerung, den gesellschaftlichen Schuldzusammenhang (und das Ich als Moment darin) zur Kenntnis zu nehmen. Es steckt die Weigerung mit drin, erwachsen zu werden, die Verantwortung für sich und für die Welt, in der man lebt, zu übernehmen (Grund sind die Angst und die Panik, die Kritik an den Eltern immer noch auslöst; Deutschland: das sind die Toten – die toten Helden – der Vergangenheit, von denen man nicht loskommt – vgl. Bitburg und Kohls „Versöhnung über Gräbern“).

    Drewermanns Haltung erinnert an die um Umkreis der Psychoanalyse nicht seltene Geste der Heilung durch Abwehr von Schuldgefühlen, der Unfähigkeit zu realer Schuldbearbeitung (Trauer- und Erinnerungsarbeit), die nach Auschwitz das erste Erfordernis einer theologischen Rezeption der Psychoanalyse sein sollte.

    Verantwortung übernehmen ist etwas anderes, als zur Verantwortung gezogen zu werden, d.h. sich schon im vorhinein gegen eine apriorische Anklage, einen apriorischen Verdacht rechtfertigen zu müssen und dadurch in das Gravitationsfeld der Autorität hereingezogen zu werden (in den Bannkreis der Eltern).

    Gott ist nicht beleidigungsfähig; jede andere Vorstellung ist (subjektiv wie objektiv) pathologisch und blasphemisch.

  • 15.05.90

    Hängen Reliquien-Kult und Hexen-Verfolgung zusammen? Ist die Reliquien-Verehrung nicht Teil eines Totenkults, und markiert die Hexen-Verfolgung etwa auch das Ende des Reliquien-Kults?

    Das Gesicht der Toten bedecken (verhüllen) und der Ursprung der Scham (Wissen um die eigene Sterblichkeit/Beziehung zur Sexualität/Gott gibt Adam und Eva Tierfelle, um die Scham zu bedecken!)

    – Ursprung der Sexualmoral; Wandlungen der Sexualmoral in Abhängigkeit von Änderungen der Beziehung zu den Toten. – Brennpunkt Hexen-Verfolgung (Sexualität und Tod)!

    Ist die persona (Maske) die Totenmaske des Subjekts wie auch (in der Trinitätslehre) Gottes?

  • 14.05.90

    Dogma und Welt: Das Dogma ist ein wesentliches Moment in der Geschichte der Verweltlichung der Religion, der Verweltlichung des Christentums. Der Zusammenhang mit der Herrschaftsgeschichte spielt hier mit herein. Wenn die Umkehr eine erkenntnistheoretische Kategorie ist, dann ist sie auch aufs Dogma anzuwenden; nur so kann man es vermeiden, daß Theologie zur bloßen Ausschmückung des Dogmas wird, anstatt endlich deren Wahrheit zu realisieren, die nur durch die Umkehr zu realisieren ist. Alle Versuche der Modernisierung, der bloßen Anpassung des Dogmas an veränderte Welt- und Erkenntnisbedingungen verfehlen das Ziel theologischer Erkenntnis; verschoben wird die Relation von Maß und Gemessenem. Nicht die moderne Welt ist Maßstab für das, was am Dogma noch wahr ist, sondern das Dogma ist Maß dessen, was an der modernen Welt falsch ist. So sagen es zwar alle kirchlichen Lehrämter auch, und die Gefahr, mißverstanden zu werden, ist sicherlich groß. Aber wer der Gefahr des Mißverständnisses entgehen will, verstellt sich selbst den Zugang zur Wahrheit.

    Zu Drewermann: Seine Adaptation der Psychoanalyse leidet daran, daß es ihm nicht gelingt, den Bann des Psychologismus zu sprengen. Bezeichnend seine Rezeption des Begriffs des Unbewußten, der der Innerlichkeit des Subjekts verhaftet bleibt. Eine objektive Anwendung der Psychoanalyse ist wahrscheinlich erst möglich, wenn es gelingt, den Begriff des Unbewußten statt bloß formal, nämlich gegen das Bewußtsein, in Abgrenzung vom Bewußtsein zu definieren, ins Objektive zu wenden und inhaltlich zu bestimmen, d.h. darauf abzustellen, was in der Objektivität das Bewußtsein nicht mehr erreicht, welche Bereiche der Objektivität vom Bewußtsein ausgeblendet werden, und die besondere Rolle, die der moderne Säkularisationsprozeß darin spielt. Verdrängungsprozesse wären heute nicht mehr in erster Linie in der Privatsphäre, im Bereich der Sexualität, zu studieren, sondern in der Öffentlichkeit, in einem Bereich, der durch Diskriminierung, Ausgrenzung, neue Formen der politischen Gewalt von der Atombombe bis hin zu Polizeigewalt, die qualitativ neue Formen angenommen hat; hier geht es in erster Linie um Verdrängungsprozesse und eines der wesentlichen Instrumente ist hier die Produktion des pathologisch guten Gewissens. Hier haben die Studies in Prejudice, die Untersuchungen über das Vorurteil ganz erhebliche Vorarbeit bereits geleistet.

    Der Hinweis Jesu, daß man das Opfer nicht feiern soll, bevor sich nicht mit seinem Bruder versöhnt hat, ist heute das schlagendste Argument gegen die weitere Teilnahme an der Feier der Opfers. Würden die Christen dieses Wort ernst nehmen, die Kirchen wären leer. Die Sache ist nicht harmlos. Der historische Prozeß, in den auch die Geschichte der Sakramente verflochten ist, hat uns deren Gebrauch entfremdet, er hat uns mehr noch die Sakramente entwendet, und zwar entwendet in einem sehr wörtlichen Sinne: Ihr Inhalt ist so verkehrt worden, daß sie uns gleichsam nur noch die Rückseite zukehren, für uns unkenntlich geworden sind. Übrig geblieben ist eine barbarische Ästhetik.

    Zweifellos krankt Drewermanns Buch über die Kleriker daran, daß auch er hier das Problem von der falschen Seite anfaßt. Es ist keine Frage der Psychologie, die an die Lösung des Rätsels führt, sondern es ist eine Frage des historischen Prozesses. Und berührt wird nicht die Frage des Klerikertums, sondern betroffen ist die Frage des Priestertums im Kern. Und genau das hätte das eigentlich Objekt von Drewermann sein müssen, das er aber nicht wahrgenommen hat. Und genau das ist es, woran die Priester für alle sichtbar so intensiv leiden, nur sie selber merken es nicht mehr.

    Habe ich bei dem Hinweis auf Esther und Judith die Ruth vergessen? Es erscheint mir bemerkenswert, daß diese drei Frauengestalten im „Alten Testament“ die Beziehung der Juden, des jüdischen Volkes zur Außenwelt widerspiegeln, von den Heiden über die Machthaber bis hin zu den Tyrannen. Zu überprüfen wäre, wie sich Hiob, der Leidende, die Propheten zu dieser Außenwelt verhalten, wie verhält sich die Apokalypse hierzu. Propheten und Apokalyptiker scheinen doch zu sehr in die Innerlichkeit des erwählten Volkes versponnen zu sein, bis zum Exzeß versponnen, und die Außenwelt nur noch wahrzunehmen als Gegenstand der Verurteilung, des Banns. Und wohin gehört in diesem Zusammenhang das Hohe Lied der Liebe?

    Fällt in der säkularisierten Welt die Theologie insgesamt unter das Bilderverbot?

    Das Wesentliche an dem „Hexensabbat“ von Carlo Ginzburg scheint mir zu sein, daß es einen Blick auf eines der wichtigsten Motive der Hexenverfolgung wirft, nämlich auf die Verdrängung der Erinnerung an die Toten. Diese zugleich verdrängte Beziehung zu den Totenheeren scheint mir der Schlüssel zu sein. Verdrängt wurde hier mit der bedrängenden und möglicherweise falschen Erinnerung an die Toten der Grund für die Lehre von der Auferstehung.

    Was das Christentum nie geschafft hat, war der gelassene Umgang mit den Häresien. Grund dafür war die Komplizenschaft mit der Herrschaft. Erst das Staatschristentum kennt den Häretiker (wie zuvor der heidnische Staat das Christentum) als den zu eliminierenden Feind. Das Christentum ist in der Geschichte seiner Komplizenschaft mit der Herrschaft bis zur Unkenntlichkeit entstellt worden, aber es ist darin nicht aufgegangen; ein Rest ist geblieben, der möglicherweise heute fähig wäre, seine rettende Kraft zu entfalten. Erst wenn das Bewußtsein seine Härte ablegt, sich selbst als offene Wunde begreift, erst dann ist Theologie wider möglich. Hier ist das Leiden und der Schmerz nichts, worauf einer sich berufen kann, woraus er Ansprüche herleiten könnte; sie bleiben Leiden und Schmerz. Sie finden keinen Trost. Wer aber in diesem Leiden, in diesem Schmerz sich selbst und seinen Gott zu finden und zu bewahren sucht, der … Selbstmitleid, das Verlangen, geliebt zu werden, ist der Tod der Theologie.

    Franz Rosenzweig hat den Streit zwischen Realismus und Nominalismus nicht geschlichtet, sondern auf eine Ebene gehoben, auf der er dann aufgehoben wird. Zentraler Punkt ist seine Lehre vom Namen. Der Name ist nicht Schall und Rauch. Der Name ist das Zentrum seiner Philosophie, deren Intention es ist, die Dinge beim Namen zu nennen oder auch – das ist die andere Seite der Sache – sie zum Sprechen zu bringen. Der kirchliche Zug, den Gershom Scholem an F.R. bemerkt hat, hängt offensichtlich zusammen damit, daß bei ihm keine Apokalypse gibt. Die Apokalypse war zu nah, zu brennend, zu direkt, als daß er sie hätte mit aufnehmen können. Auschwitz kam nach Rosenzweig.

    Wenn die Theologie nur dazu dient, die Vorstellung, durch Handeln ließe sich etwas ändern, zunächst einmal beiseite zu stellen, und die ganze Schwere und die den Umfang der Negativität ins Auge zu fassen, jede Illusion darüber beiseite zu lassen, und damit die Gefahr zu meiden, Räuber- und Gendarm-Spiel mit Revolution zu verwechseln, dann hat sie schon einiges erreicht. Aber der Schock der Radikalität ist nicht zu vermeiden. Vor allem dann nicht, wenn man kein Zyniker werden möchte.

    Die Hexen haben in der Auseinandersetzung mit der Natur auf der falschen Seite gestanden.

    Ein Schmerz, der nicht beleidigt, ein Schmerz, der keine Empörung wachruft, sondern nur Trauer. Es gibt keine Empörung mehr ohne Projektion. Zumindest auf der Seite der Täter. Wir haben kein Recht mehr beleidigt zu sein. Mehr noch, das Beleidigtsein ist Teil des pathologisch guten Gewissens.

  • 01.05.90

    „Indem also die äußere Wirklichkeit im Mythos nach der Art der inneren (psychischen) Wirklichkeit angeschaut wird, bietet die mythische Erzählung nicht nur eine Beschreibung der äußeren Naturvorgänge, sondern figuriert zugleich als Darstellung der psychischen Wirklichkeit.“ (E.D. SdB II, S. 88f) Diese unvermittelte Antithese von „äußerer“ und „psychischer“ Wirklichkeit setzt die Naturwissenschaft unkritisiert voraus und ist der Grund für den Rückfall in den Mythos. – Vgl. auch S. 92: „… der Phallus des Gottes selbst … coitus sempiternus …“ – Hat der Urknall der modernen Physik nicht doch etwas mit dem hieros gamos (oder die subjektiven Anschauungsformen Raum und Zeit im Sinne einer Begründungszusammenhangs mit Fruchtbarkeit, Fortpflanzung, Sexualität) zu tun?

    Der Begriff des Bösen im Titel des Drewermannschen Werkes scheint bewußt unklar, mehrdeutig gehalten zu sein. Eindeutig und bestimmt wäre er nur durch die Vorgabe der zeitgenössischen Manifestation des Bösen geworden.

    Insbesondere bleibt offen, ob das Böse

    – selbst als Person oder

    – als Eigenschaft (oder Wesen) einer Person oder

    – als Charakterisierung von Handlungen oder handlungsdeterminierenden Institutionen

    gemeint ist. Der Begriff des Bösen (wenn man das Problem seiner Personifikation – das Problem des Teufels – einmal offenläßt: aber war nicht gerade die Personifikation des Bösen auch einmal ein Schutz vor der personenbezogenen Anwendung des Begriffs?) scheint theologisch nur in handlungsbezogenem Kontext sinnvoll verwendet werden zu dürfen. Begründen läßt sich dieser Satz im Rahmen einer parakletischen Erkenntnistheorie, durch die Notwendigkeit des Verzichts auf richtendes Denken. Umgekehrt lassen sich alle Fehler des Drewermannschen Konstrukts genau hieraus ableiten (zu fragen wäre, ob die Personifikation des Bösen nicht auch ein Zugeständnis an die gleiche Zwangslogik des Richtens gewesen ist, die dann auch vor der Gottesidee nicht halt gemacht hat).

  • 15.04.90

    „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“: Beginnt hier die Welterkenntnis, ist das erste Gebot „Ihr sollt euch kein Bildnis machen“ nicht ein spätes und genaues Echo darauf; hängt das „Richtet nicht …“ nicht mit dem Bilderverbot zusammen; und ist theologisches (parakletisches) Denken nicht aus eben diesem Grunde Sprachdenken und Kritik der Anschauung (des Bilderdenkens, der transzendentalen Logik und des apodiktischen Urteils)? (Zusammenhang mit Nacktheit, Scham; Ursprung von Schuld und Materialität; Ökonomie, Politik und Sexualität; zum Begriff des Sexismus und des Obszönen vgl. Rosemary Radford Ruether)

    Die Materie hat etwas zu verbergen; sie ist das gegenständliche Pendant der Scham, diese der Grund jeglicher Projektion und der Ursprung der Mathematik (der Verdoppelung). Am meisten zu verbergen hat der Pomp (vom Dogma bis zu den Ritualen und Uniformen/Gewändern aller hierarchischen Organisationen).

    Vgl. auch Walter Benjamins Sprachphilosophie: Erkenntnis des Guten und Bösen als Geschwätz, sowie seine Theologie des Wissens im „Ursprung des deutschen Trauerspiels“.

    Zum Bekenntnis: Jedes wirkliche Bekenntnis ist Schuldbekenntnis; der Erlöste, wäre er es wirklich, bedürfte des Bekenntnisses nicht mehr; jedes falsche Bekenntnis (als Rechtfertigung) ist Ideologie, verstrickt in den Schuldzusammenhang. Und Konfession ist Schuldgemeinschaft. Das Bekenntnis, als Zeichen der Zugehörigkeit zur Schuldgemeinschaft, löst die Schuld nicht auf, sondern macht sie unsichtbar für die Betroffenen und verstärkt sie zugleich durch Komplizenschaft (Aufnahme in die Gemeinschaft: Genesis des pathologisch guten Gewissens – das Confiteor/Confiteri kennt nur die passivische Konstruktion).

    Zur j Urgeschichte (E.D.): Liegt die Schuld, das Böse, denn wirklich nur im Ungehorsam, in der Übertretung des Gebots: Von diesem Baum dürft ihr nicht essen? Gibt es keine inhaltliche Begründung für das Verbot, nur die autoritäre Drohung mit der Todesstrafe? Besteht die Sünde nur in der Trennung von Gott? Müßte Gott diese Trennung nicht eigentlich sogar wollen? Kommt diese Interpretation nicht letztlich doch dem konfessionellen Schuldzusammenhang und der falschen kirchlichen Bindung der Gläubigen zugute?

    Wichtiger als die Entstehung der Strukturen des Bösen in der j Urgeschichte wäre deren Geschichte selbst, die Geschichte des gesellschaftlichen Schuldzusammenhangs, die dann vielleicht am Ende ein völlig neues Licht auf seine Genesis werfen könnte. Denn nur so läßt sich die Distanz ermessen, die uns heute von dieser Urgeschichte trennt, und deren Kenntnis zum Verständnis der j Urgeschichte essentiell dazugehört. So bleibt die Darstellung in einem entsetzlichen Sinne nur erbaulich.

    Kann es sein, daß das „kreisende Feuerschwert“, das das Paradies nach dem Sündenfall gegen die Rückkehr des Menschen schützt, etwas mit dem Planetensystem zu tun hat und die „Flucht gen Osten“ der aus dem Paradies Vertriebenen mit dem Tag-/Nacht-Wechsel und mit der Erddrehung? Die Erklärung der Cherube mit alten Tiergöttern (die die Tradition der Engellehre völlig außer acht läßt) greift mit Sicherheit zu kurz (Abwehr der Naturphilosophie?).

  • 13.04.90

    Am Ende kommt es heraus: Das Christentum war seit Beginn seiner Instrumentalisierung auch eine blasphemische Bild-Religion (der Bildersturm – und in anderer Beziehung auch der Islam – ein ohnmächtiges, weil den Ursprung und den Kontext nicht begreifendes Aufbegehren dagegen). Bild und Dogma sind zwei Seiten der gleichen Sache: ihr Zusammenhang rührt her von der Verdrängung der gleichen Schuld, deren Reflexion die eigentliche Quelle theologischer Inspiration wäre (das Dogma verstößt gegen das Bilderverbot).
    Aus dem gleichen Grunde ist die christliche Sexualmoral erwachsen: Ihr Ursprung ist zu begreifen aus dem Zusammenhang von Entfremdung, Lust und Macht. Die Verteufelung der Sexuallust meint bewußt-unbewußt (mit bewußter Ambivalenz jedenfalls) eigentlich die politische Macht, die Lustverführung der Macht, deren letzter Abkömmling das pathologisch gute Gewissen ehemaliger Nazis ist. Das technologisch (durch die neueren Verhütungstechniken, nicht im Kontext realer Befreiung) begründete Tabu auf der Lustkritik verstärkt den politischen Schuldzusammenhang durch Stabilisierung des Konsumzwangs als Phantasmagorie der Befreiung. Insbesondere: Die Reduzierung der Moral auf ein Anklage- und Urteils-System (unter Verletzung des Gebots: „Richtet nicht …“), verstellt mit dem Verlust der Bereitschaft und der Fähigkeit zur Empathie (dem Grund des parakletischen Denkens) den spekulativen Kern und die theologische Wahrheit der patristischen Sexualtheorie. Die Sexualmoral ist verinnerlichte und deshalb verhexte politische Philosophie.
    Vor diesem Hintergrund wäre das Verhältnis von Psychoanalyse, Religion und Politik zu überprüfen. Die falschen Harmonisierungen von Jung bis Drewermann unterschlagen und neutralisieren, was Freud in „Totem und Tabu“, „Die Zukunft einer Illusion“ und „Der Mann Moses“ hierzu mit großem Ernst erarbeitet hat; sie verfallen der (politisch und moralisch reaktionären) Lust am Urteil (im übrigen nach dem gleichen Schema, dem die Sexualmoral sich verdankt). Der entscheidende Punkt dürfte in der Einsicht liegen, daß Verdrängung nicht allein ein innerlicher, psychologischer Vorgang ist, sondern primär ein objektiver, gesellschaftlicher. Die Objektivität der Verdrängung ist der gesellschaftliche Schuldzusammenhang, im Kern der Sexismus: Hier hängen politische und Sexualmoral zusammen, mehr noch: sind sie eins.
    Hinzu kommt, daß die Verinnerlichung und Psychologisierung selber begründet sind in der Objektivierung der Subjektivität: in der Geschichte der Naturwissenschaft (die die Entstehung des Schuldzusammenhangs in der Gesellschaft ebensosehr voraussetzt und begleitet wie begründet).
    Die Theologie droht heute zu verschwinden, weil die Einsicht in diese Zusammenhänge zu nahe gerückt ist. Kann es sein, daß dieses Verschwinden der Theologie die einzige Möglichkeit ihrer Rettung wäre?

  • 08.04.90

    Ist das Heideggersche „Dasein“, sind die „Eigentlichkeit“, „Entschlossenheit“, das heroische „Vorlaufen in den Tod“ nicht männliche Kategorien; kommen Frauen in Heideggers Philosophie (wie in den Texten zu Theweleits „Männerphantasien“) überhaupt vor (außer als andächtige Hörer)? Ist die Fundamentalontologie ein Prototyp oder gar das genaue Strukturgesetz der Männerphantasien und derart insgesamt sexistisch (und das Selbstmitleid und die genetische Struktur für das „pathologisch gute Gewissen“ ein notwendiges Pendant dazu)?

    Heidegger hat das Modewort der 60er Jahre „Identität“, gegen das auch Adornos Einsichten nicht geholfen haben, im Begriff der „Eigentlichkeit“ vorweggenommen, zugleich aber das Dezisionistische daran (das heute Adorno-Schüler wiederum gegen die Postmoderne glauben verteidigen zu müssen) protokolliert. Dieser Dezisionismus (Reflex des unreflektierten Schuldmoments am Subjekt) ist es, der sich über Projektionen, Vorurteile den Schein der logischen Notwendigkeit geben muß.

    Unter dem Oberbegriff der Identität (dem Rest oder dem Widerschein der Einheit des Dings, des Objekts: der Schuld) ist die Idee der Wahrheit nicht zu retten; daraus zieht der Sexismus (als Grundvorurteil) seine zerstörerische Gewalt (vgl. auch die lange akademische Tradition dieses „Grundvorurteils“; Belege bei Christine de Pizan; Wahrheitsmoment der Sexualmoral).

    Die Idee der Wahrheit ist ohne die (identitäts- und schuldauflösende) Idee des Gottsuchens nicht zu halten. Der materialistische Kern der Wahrheitsidee (ihr brennender Dornbusch) ist die Theologie.

    Transzendentale Logik/ Unerkennbarkeit der Dinge an sich/ Bedeutung der Kantischen Formen der Anschauung/ Inertialsystem und Relativitätsprinzip: Zusammenhang mit dem Ursprung der Reflexionsbegriffe. Der Ursprung des Inertialsystems repräsentiert die falsche (männliche) Einheit von Subjekt und Objekt (Maßstab und Gemessenem), Herrschaft und Beherrschten, die Unwahrheit des richtenden Prinzips, das Formgesetz und den Ursprung des Schuldzusammenhangs.

  • 17.03.90

    Wenn Heidegger den Geburtsfehler der Philosophie (die Ontologie) zu ihrem einzigen Inhalt gemacht hat, dann Luther den Geburtsfehler der Theologie (die „Rechtfertigung“) zur deren einziger Grundlage. – Genesis der Fundamentalontologie und des Fundamentalismus (Fundamentalismus und Antichrist: das Mittelalter, die Heiden und die Juden; Geschichte der Beziehung von Islam und Christentum).

    Rechtfertigung und Bekenntnis.

    Die Frage „was ist Wahrheit“ ist obsolet geworden als Frage des Pilatus, der dann übrigens die Hände in Unschuld gewaschen hat (wie in den katholischen Kirchen die Priester während der Messe: „lavabo inter innocentes“ – Ursprung des pathologisch guten Gewissens und des kirchlichen Antisemitismus: Verschiebung der Schuld von Pilatus auf die Juden; Grundlage des Ursprungs der Orthodoxie, der Vorstellung von einer exkulpierenden Kraft der rechten Lehre; Ursprung des Bekenntnisbegriffs).

    Im Gegensatz zum Begriff der Unschuld (einer Kategorie des Seins oder des Mythos), ist der der Gerechtigkeit (einer Kategorie des Handelns) ein theologischer Begriff. Nicht zufällig erinnert der Begriff der Unschuld an den Bereich der Sexualmoral, während seine Anwendung im Bereich der politischen Moral (im Gegensatz zur Anwendung des Begriffs der Gerechtigkeit) unmöglich ist (es sei denn als Anwendung auf einen marginalen Objektbereich der Politik wie den der Armen, der Außenseiter, derer, die nur noch herausfallen wie z.B. die Asozialen, die Penner). Unschuldig ist nur der, dem das Handeln unmöglich geworden ist, während der Handelnde der Gefahr, schuldig zu werden, nicht entgehen kann, und die Gerechtigkeit nicht auf Unschuld (einen Bereich vor der Schuld), sondern auf Befreiung (einen Bereich jenseits der Schuld: auf die Auflösung des Schuldzusammenhangs) abzielt. Auf diesen Zusammenhang bezieht sich die Lehre von der Sünde wider den Heiligen Geist: parakletisches (verteidigendes) Denken.

  • 13.01.90

    Das dialogische Prinzip (Ich und Du; das Du als das Ich für Andere) und das Problem der Schuld, Rechtfertigung und Ideologie. Widerspruch gegen die Philosophie des Alls, das System des (abschlußhaften) Wissens, der Herrschaft der Reflexionsbegriffe, der Subsumtion unter die Vergangenheit. Die verwirrende Macht der Sexualität rührt her von ihrer Verflochtenheit in diesen Problembereich. Das Du, das ich für andere bin, ist nicht identisch mit dem Ich.

    Die Substanz der griechischen Philosophie, ihre gemeinsame Grundlage, war die Sprache; die der modernen Philosophie ist die Einheit der materiellen, vom Tauschprinzip und vom Trägheitsgesetz beherrschten Welt. Die Kantischen Formen der Anschauung bezeichnen genau die Grenze.

  • 03.09.88

    Zusammenhang von Sexualangst, Frauenfeindschaft und Naherwartung: Könnte es nicht sein, daß der Ursprung darin zu suchen wäre, daß die Erwartung des nahen Gottesreiches, der endgültigen Erfüllung, die alle Seligkeit für Menschheit und Welt in sich schließt, in der (sexuellen) Lust eine Konkurrenz, eine falsche Vorwegnahme und damit die Gefahr einer Verzögerung, wenn nicht Verhinderung der Parusie sah? Sowohl die gnostische Verachtung der Materie als auch die Prävalenz der mönchischen Lebensform scheinen Reaktionen auf die Enttäuschung darüber, daß die Parusie auf sich warten ließ, zu sein (übrigens noch heute: deshalb erscheint es notwendig, diesen Gesichtspunkt mit einzubeziehen, damit die konkretistische Verfälschung der Apokalypse, die die Zeichen der wirklichen verdrängt, nicht alleine übrig bleibt).

    Die Verinnerlichung des Christentums, die Sexualangst und der Verzicht auf Kritik an der Welt (Politik und Gesellschaft) gehören zusammen.

    Luthers Rechtfertigungslehre ist nur verständlich vor dem Hintergrund seiner augustinischen Sexualitäts-/Lust-/Erbsündenlehre. Die concupiscentia und die „sündige Lust“ sind in der Tat nicht aufhebbar und nur durch Nichtansehung zu rechtfertigen.

  • 25.06.89

    Angstbewältigung durch Angstgenuß scheint zum selbstmörderischen Ausweg zu werden. Hier ist ein Mechanismus entstanden, der dem gleicht, durch den die entfremdete Welt sich als zweite Natur etabliert hat. Hat etwa die besondere Beziehung des Christentums zur Sexualität, die in der Sexualangst falsch sich ausdrückt, hier ihr fundamentum in re? „Jeder Genuß stammt aus der Entfremdung“ (DdA): gibt es eine „positive“ Beziehung zur Sexualität nur zusammen mit einer affirmativen Beziehung zur Entfremdung? Und steckt nicht in jedem Genuß damit ein Stück Verzweiflung?

  • 12.05.89

    Über Gott kann man nicht sprechen; der Gottesname „Ich bin“ ist an die erste Person gebunden, er ist nicht in die dritte Person übersetzbar. Damit hängt es zusammen, daß es von ihm (vom Gottesnamen) eine männliche oder weibliche Fassung nicht geben kann. Das Ich ist weder männlich noch weiblich, es ist nur Ich. Gott ist nicht objektivierbar, er ist für uns nur fassbar im Ich des Anderen; genau das ist die Idee des Heiligen Geistes, der Tröster und Verteidiger ist, d.h. der in der Lage ist, das Ich im Anderen zu erwecken, zu stärken, anstatt zu demütigen, zu verwirren, schließlich zu zerstören.

    Die Welt ist alles, was der Fall ist: deshalb darf es eigentlich eine theologische Kasuistik nicht geben. Die Übersetzung der Idee in Fälle ist genau die Form der Säkularisierung der Theologie, die ins Verderben führt, die diese abscheulichen Folgen hat, deren letztes Resultat der Faschismus ist. Der Faschismus ist das letzte Produkt der Objektivation, der falschen Säkularisation der Theologie, ihrer Selbstentfremdung. Er ist insoweit die christliche Häresie. Kasuistik, Sexualangst und Sexualfeindschaft gehören zusammen; nicht zufällig ist die kasuistische Moral in erster Linie Sexualmoral, die Sexualität ihr erster, bevorzugter Anwendungsbereich. Aber nicht als Objekt, sondern als Grund der Kasuistik ist die Sexualität in der Tat ein zentrales theologisches Thema. (Erster Gebrauch des Diktiergeräts)

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